Achtundachtzigster Brief.

Achtundachtzigster Brief.

Paris, den 8. December 1848.

Vor Bonaparte’s Wohnung faullenzen täglich mehre Hundert Bummler, nach den gebratenen Tauben das Maul aufsperrend, die er ihnen versprochen hat. — Viele Engländer verlassen Paris; sie fürchten im Fall der Wahl Bonaparte’s große Unruhen, ja einen allgemeinen Krieg.

Mit einem Cabrioletkutscher hatte ich soeben folgendes Gespräch:Pour qui voterez Vous? — Certainement pour Bo. — Croyez Vous qu’il est capable de gouverner la France? — Point du tout, mais il sera usé plus vite qu’aucun autre!— So denken nicht blos Kutscher, sondern auch die hochweisen Männer verschiedener namhafter Vereine. Später werden Alle sagen: wer hätte das gedacht! Aber:tu l’as voulu George Dandin!

Den 9. December.

Wichtige Begebenheiten drängen sich jetzt auf eine fast beispiellose Weise: der Papst verjagt, ein Kaiser und ein König abdankend, Frankreich morgen für und gegen einen unbekannten Herrscher stimmend, würfelnd, oder losend; in Preußen die Versammlung aufgelöset und eine neue Verfassung gegeben; — so vieler anderen Dinge nicht zu erwähnen, welche in ruhigeren Zeiten die größte Aufmerksamkeit erweckt hätten. — Die Italiener richten sich zu Grunde wie die Polen; Mäßigung und Besonnenheit fehlen fast überall, und Leidenschaft wird über Sittlichkeit und Tugend hinaufgesetzt. — Österreich ersteht aus Todesgefahren, zu einem hoffentlich einigen und großartigen Völkerbunde. — Für Frankreich wird Gott sein: „es werde Licht,“ doch nicht für immer zurückhalten. Gestern Abend war auf dem Vendomeplatze aber noch Tohu, Bohu; sechs Parteien eiferten für sechs Bewerber, und da L. Bonaparte keine gebratenen Tauben umherreichen ließ, kochten sich diecitoyens actifsselbst einige Prügelsuppen.

Den 10. December.

Heute weissagt man den Sieg Bonaparte’s, weil in Paris (alsoauch in ganz Frankreich) gutesWetterist! Denn nunmehr würden sich die Bauern nicht abhalten lassen, nach den entfernten Wahlortenzu gehen und für ihn zu stimmen! — Gestern ließ ich mir die Haare verschneiden. Es dauerte wohl eine Stunde; denn es entspann sich (von mir gefördert) ein Streit zwischen dem Haargesellen und einem eintretenden alten Officier. Jener war (obgleich aus der Vendée) ein Verehrer L. Bonaparte’s; der Officier (obwohl aus Napoleon’s Heeren) ein Bewunderer Cavaignac’s. Der Gesell ließ mich, halb geschoren, sitzen, um seinen politischen Zweikampf auszufechten, und ich hörte geduldig zu, um (als Professor des Staatsrechts) etwas zu lernen. — Ich stimme (sagte heute ein Mann) für Bonaparte, denn er bringt uns Steuererlaß, stete Beschäftigung und Wohlstand. — Gewiß wird Cavaignac (und das ist einstweilen ein Trost) mit seinen Freunden sich jeder Entscheidung der Wähler, oder der Nationalversammlung unterwerfen und keine Verletzung der Ordnung und der Gesetze dulden.

Nachmittags.

Die jetzige französische Regierung betrachtet Rußlands Fortschritte mit der größten Besorgniß, und wünscht in Ansichten, Beschäftigungen und Bestrebungen der Regierungen und der Völker eine solche Wendung und Übereinstimmung, daß man jenem Umsichgreifen mit größerem Nachdrucke könne entgegentreten. Insbesondere fragte Hr. Minister —, was man in dieser Beziehung wohl von Deutschland erwarten dürfe, denn auf Beantwortung dieser Frage komme vor dem Ergreifen bestimmter Beschlüsse sehr viel an. Ich antwortete (als Privatmann): Rußland hat den Deutschen gegen Napoleon’s Übermacht und Tyrannei treulich beigestanden, und ein Recht auf ihre Dankbarkeit erworben. Sollte daher irgend eine französische Regierung in die alten Gelüste der Eroberung und Unterjochung zurückfallen, so ist es höchst natürlich, daß man alsdann ein Bündniß mit Rußland nicht verschmähen wird. Andererseits giebt es zwischen Deutschen und Russen sehr wenige Punkte der Übereinstimmung, während sich jene gern aufrichtig mit Frankreich verbinden werden, sobald die dargebotene Freundschaft in Thaten übergeht und genugsame Bürgschaft gewährt. Österreich wird großentheils durch Frankreich und England gezwungen, sich an Rußland anzuschließen, und zu dessen Umsichgreifen zu schweigen; es ist zum mindesten eine sonderbare Zumuthung: es solle freiwillig seine italienischen Länder abtreten und durch einen großen Krieg mit Rußland, die Moldau und Walachei erobern. Nur wenn Frankreich, England, Deutschland (einschließlich Preußens und Österreichs) wahrhaft einig sind, werden ihre gerechten Vorstellungen bei dem Kaiser von Rußland Berücksichtigung finden; alle vereinzelten Einreden gegen seine anmaßlichen (aber klug berechneten und kräftig ausgeführten)Plane wird er hingegen für ganz unbedeutend halten und zur Seite legen. Während so viele europäische Regierungen und Völker sich unglücklicherweise streiten und schwächen, steigt Rußlands Macht. Denn so viel man auch gegen das russische Wesen mit Recht einwenden mag, so finden sich dort zwei Eigenschaften, die in so vielen westeuropäischen Ländern leider fehlen, nämlich: Vertrauen zur Regierung, und Gehorsam gegen die Regierung.

Den 11. December.

Der gestrige Tag ist ruhig vorübergegangen, obwohl, bei dem schönsten Wetter, Hunderttausende in Bewegung waren. Überhaupt ist für die Wahlzeit, und so lange noch Jeder obzusiegen hofft, nichts zu befürchten. Auch sind die mächtigsten Vorkehrungen für Erhaltung der Ordnung getroffen, und die Erfahrungen der Junitage haben selbst die kühnsten Empörer eingeschüchtert. Indeß zeigen die demokratischen Festmahle noch täglich Frechheit und Aberwitz in zugleich widerwärtiger und furchtbarer Mischung. So wenn Gesundheiten ausgebracht werden:le Christ, und unmittelbar daneben:la méfiance! Robert Blum, Raspail, Louis Blanc, Mazzini, Danton, Robespierre,u. s. w.

Mit Recht sagt heute dasJournal des débats: sonst hätten die Völker ihre wichtigsten Handlungendurch Anrufung Gottes zu heiligen und zu reinigen gesucht; jetzt hingegen habe die französische Republik durch die Stimme ihres Propheten und Rhapsoden zu ihrem Schutzgott erwählt — den Zufall!Jacta est alea! La France joue, elle veut jouer; les yeux bandés, elle tire le gâteau des Rois!— Ich führe die eigenen Worte an, um sie nicht (scheinbar allzuhart) als Fremder auszusprechen.

Den 12. December.

Wenn sich hier der Wind ein Weniges dreht, drehen sich die Wetterfahnen noch weit mehr. Vor acht Tagen solcher Andrang beim General Cavaignac, daß Haus und Hof nicht zureichten und in den Nebenstraßen über 200 Wagen hielten; heute sagt der General aus zureichenden Gründen den Empfang ab, und gestern sah ich wie Haufen Gesindels mit Gebrüll nach seinem Hause eilten und aus vollem Halse schrien:à bas Cavaignac!— Höher Gestellte, die vor kurzer Zeit ihm noch schmeichelten und bettelten, haben plötzlich die Entdeckung gemacht: es sei zweifelhaft, ob er und seine Freunde unfähiger, oder unsittlicher wären!

Unter so vielen, sich drängenden großen Begebenheiten, welche der Geschichte reichen Stoff darbieten, sollte der Geschichtschreiber sich glücklich und wohl befinden! Woher kommt es nun, daß ich so verstimmt,so geistig und leiblich unwohl, so seekrank bin? Es kommt daher daß mir fehlt, was ich verehren und bewundern, woran ich mich erheben und stärken, wodurch ich neue Lebenslust und Lebenskraft gewinnen könnte. Statt ächter Weisheit höchstens Pfiffigkeit, statt edler Festigkeit schlangengewandte Fuchsschwänzerei, statt kühnen Verkündens der Wahrheit nur Heucheln, Schweigen, oder schlecht verdecktes Lügen, Götzendienst getrieben mit unsinniger Leidenschaft, Ehre geopfert dem gemeinsten Eigennutz und die Massen des ungebildeten Volkes als Fußschemel benutzt für Ehrgeizige und für die Brut ihrer gierigen Helfershelfer. — So sieht das aus, was in Frankreich meist zu Tage kommt, und jeden Theilnehmenden doppelt betrübt. Ist es ein Wunder, wenn große Herrscher (wie Kaiser und König Friedrich II) am Ende ihres langen, thätigen Lebens, das bittere Ergebniß aussprachen: die Menschen seien eine schlechte Race! — Man muß sich täglich zurufen: nil desperandum, und vertrauensvoll glauben, wo man mit schwachen Augen die göttliche Führung nicht deutlich erkennt.

Die Berechnung aller Störungen der Planeten- und Kometenbahnen ist leicht und einfach im Vergleiche mit den Vorherbestimmungen politischer Ereignisse, in unserer aufgeregten und verwirrten Zeit. Und doch wird man immer wieder zu diesen erfolglosen Versuchen hingetrieben, sobald sich die Elementeder Bahnen irgend verändern. Also, wenn Cavaignac nicht Präsident wird, was wird er thun? Ich meine er wird sich der Entscheidung unterwerfen und sich niemals (was Einige thöricht, oder böswillig verbreiten) mit den rothen Republikanern verbinden. Ob er aber ruhig dem Versuche zusehen würde, die ganze Republik umzustürzen, das ist eine andere Frage. Gewiß wird er nach einigen Monaten billiger beurtheilt und höher gestellt werden, als in diesen Tagen der Leidenschaft. Daß er und Bastide ehrlich denken, sprechen und handeln, ist Vielen unbegreiflich und unglaublich, oder Beweis der bloßen Unfähigkeit.

Trübe Aussichten nach allen Seiten; obwohl die Grundlage der Hoffnung unzweifelhaft bleibt, daß99⁄100des Volkes Ruhe und Ordnung wollen, obgleich sie über Mittel und Wege zu diesem Ziele meist im Dunkeln, oder im Irrthume sind.

Möchten nur in unserem Vaterlande99⁄100für Ordnung und Gesetz mit Festigkeit auftreten. Freilich klagen die Demokraten laut, daß die Verfassungoktroyirtsei: das heißt zu deutschgegeben. Wenn aber das Gegebene gut ist, so nehme ich es dankbar an; auch ist ja derzweitenVersammlung das Recht des Verbesserns und Bestätigens zugestanden. Unwahr ist es ferner, daß man Gegebenes in jedem Augenblicke nach Willkür zurücknehmenkönne; oder daß Vertragsmäßiges, oder von unten herauf zuStande Gebrachtes, immer sei heilig gehalten worden. Schon die französische Revolutionsgeschichte bietet viele Beweise des Gegentheils.

Über die neue preußische Verfassung läßt sich viel hin und her streiten. Gewiß bedarf Einzelnes näherer Bestimmungen und Berichtigungen. So macht ein ganz unbeschränktes Vereinigungsrecht (einschließlich aller Klubs) jede Regierung unmöglich, oder sprengt sie auseinander. Selbst in Frankreich hat die Regierung das gesetzliche Recht sogleich beschränkend einzugreifen, wenn die öffentliche Sicherheit bedroht erscheint. Schon der Plan, durch ein Netz demokratischer Klubs den ganzen preußischen Staat zu umspinnen und die Wähler zu verführen, zeigt die höchsten Gefahren, sobald nicht die verständigsten und allgemeinsten Gegenmittel, wider dieses Gift, angewandt werden. Denn über das Bewilligte hinaus, noch mehr fordern und durchsetzen, hieße die Monarchie stürzen, und Das herbeiführen, was man hier erlebt. — Politik, und nichts als Politik!! —

Gestern war ich bei der Gräfin Potocka, ihrer Einladung folgend. Sie hat mich verjüngt, indem sie nämlich Mozartsche Sonaten mit einer Geige (diesmal mit einem Violoncell) begleitet, spielte, die ich schon als Gymnasiast mit Hrn. Kaufmann, und nachher unzählige Male in Halle mit Kroker spielte.Tempi passati!— Da sich in den Abendgesellschaften Niemand die Mühe giebt Einen vorzustellen, so bewegt sich Alles durcheinander wie die Atome Epikurs, oder (ohneHarmonia praestabilita) wie Leibnitzens Monaden. Gestern fragte ich einen Herrn: wer ist der Mann? Zur Antwort: Ich sehe ihn seit Jahren in allen Gesellschaften, weiß aber nicht, wie er heißt. Er ist Legitimist, sehr langweilig und lacht immer. — Das heißt nun Geselligkeit im höheren Style!


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