Neunundachtzigster Brief.
Paris, den 13. December 1848.
Die Wahl Bonaparte’s zum Präsidenten Frankreichs ist so gut wie entschieden; nicht sowohl aus Vorliebe für seine Person, als in der Absicht durch ihn Zwecke verschiedener, jaentgegengesetzterArt zu erreichen; vor Allem aber, weil man in Frankreich dieRepublik nicht will. Dies wird auch denhoffnungsvollstenoderverblendetstenDemokraten in Deutschland nicht verborgen bleiben. — Möge für Frankreichvox populiwirklichvox deisein und werden.
Vor der Hand lauten die Äußerungen der künftigen Machthaber ganz friedlich, auch fühlen sie, daßein Krieg dem freundschaftlichen Verhältnisse mit England ein Ende machen und Rußland (das man scheut) herbeiziehen würde. — Die künftige Regierung wird dem deutschen Reichsgesandten einen officiellen Charakter gewißnichtzugestehen, bevor die Reichsverfassung entworfen undallgemein angenommenist. Vor Allem macht hier der unglückliche Streit mit Österreich den unangenehmsten Eindruck. Man spottet über diese neue Methode, eine größere deutsche Einheit herbeizuführen und über die bewundernswerthen Ergebnisse derselben; man nennt den ganzen Hergangune querelle d’Allemand! — Hoffentlich ist Alles in bessere Ordnung gebracht, bevor der neue Minister der auswärtigen Angelegenheiten mir hierüber Vorlesungen hält — oder mich examinirt.
Mittags.
Gestern sahen wir: „die goldene Eier legende Henne.“ Dies Wunderwerk dauerte etwa 5 Stunden; ich war aber um 11 Uhr so augenmüde, daß ich nach Hause ging. A. wird umständlich berichten, von Himmel und Hölle, raschen Verwandlungen, glänzenden Erleuchtungen, prachtvollen Dekorationen, Tanzen aller Art, Mädchen in der Gestalt von Leiern und Guitarren, oder von Eseln, Schafen, Truthühnern und Gänsenu. s. w.,Alles kostspielig, nie gesehen, erstaunenswürdig. — Und doch, — bei ernster Würdigung —, ein trauriger Beweis: daß Gedanken und Gefühle, Schönheit und Wahrheit, Maß, Harmonie und Zusammenhang, daß die ächte höhere Kunst verkannt und geopfert werden, und die oberflächlichste Sinnenlust darüber hinaufgestellt ist. Schon Aristoteles wußte, daß dies den Untergang ächter Tragödie und Komödie herbeiführe; die Römer erfuhren, daß bei dieser geistigen Faullenzerei auch Sittlichkeit und Charakter ausarten, und die Pariser sind, hinsichtlich dieser Dinge, auf dem geraden Wege in byzantinische Zustände zu gerathen.
Ich habe allerdings den Muth gebilligt, den man in Berlin gegen Anarchisten und Pöbel gezeigt hat, und freue mich der bis zum März 1849 eintretenden Ruhe. Aber diese Ruhe ist nur ein Waffenstillstand, und kein Friede. Die Demokraten werden das Bewilligte annehmen, und von diesemneuenAusgangspunkte weiteren Boden zu gewinnen suchen. Die Rechte dagegen wird klagen, daß man sie und ihre (freilich erbärmlich schwach vertheidigten) Grundsätze, an die Linke preisgegeben und geopfert habe. Wollte manso vielgeben, glaubte man mit einer Verfassung, wie die neue, monarchisch fortregieren zu können, so hätte man nichtmuch ado, about nothingerheben sollen. Denn selbst die Linke verlangte (reservationes mentalesabgerechnet) wenigstens biszum Anfange des Herbstes nicht mehr. — Wird die Presse, werden die Klubs (ich wiederhole es) nicht, wenn Selbstbeherrschung fehlt, durch Gesetze in Zucht und Ordnung gehalten, welche zugleich ernst und freisinnig sind, so ist auf dem Festlande Europas keine ruhige, geordnete Regierung möglich. Man wird zwischenémeutesundcoups d’étatimmer hin und her schwanken. Trotz dieser Wolken und Schwarke, hoffe ich doch, das Hauptungewitter ist vorüber, und wir gehen einer besseren Zeit entgegen.
Den 14. December.
Die ungeheure Zahl Derer, welche sich für L. Bonaparte erklärten, übersteigt alle und jede Erwartung, oder Vermuthung;NiemandhatdiesenAusgang vorhergesehen, und insbesondere sind die überklugen, allzupfiffigen, unaufrichtigen Parteiführer erstaunt, ja (wenn das Wort erlaubt ist) verblüfft. Lamartine, den die Eitelkeit noch vor 14 Tagen antrieb, als Bewerber um die Präsidentenwürde aufzutreten, ist trotz seiner prophetisch-asiatischen Phrasendrechselei so durchgefallen, daß er wenigstens Grund hat einzusehen, man halte ihn nicht für einen zum Herrschen gebornen Staatsmann. — Ledru-Rollin und Raspail müssen sich ebenfalls überzeugen, bei welcherkleinen Minderzahlihre wilden, tollen Ansichten Beifall finden. Höher hinauf sehen sich die Legitimisten aller Farben und Abstufungen getäuscht; sie dachten mit L. Bonaparte zu spielen, ihm einenur geringeÜberzahl von Stimmen zu verschaffen und ihn dann zur Seite zu werfen, um irgend einen ihrer vielen Plane durchzusetzen. Nun ist ihnen der Popanz oder Mannequin über den Kopf gewachsen, und steht auf einer beispiellos breiten Grundlage. Schwerlich hat er Lust, den General Monk zu spielen; wahrscheinlich begnügt er sich zunächst mit den großen Rechten, welche ihm die Verfassung giebt. Für diesen Fall ist General Cavaignac mit seinen Freunden fest entschlossen, ihn wider jeden etwanigen Angriff mit aller Kraft zu schützen; und sein jetziger Gegner verwandelt sich vielleicht in seinen tüchtigsten Vertheidiger. Gewiß darf er dem ehrlichen, versöhnten Republikaner mehr vertrauen, als den falschen Freunden, die ihn lediglich als Mittel gebrauchen wollten. Dieseganz entschiedeneWendung ist ohne Zweifel für dienächsteZukunft ein Glück für Frankreich; sie macht gewaltsame Veränderungen unmöglich und erweckt Vertrauen für die Dauer der Zustände. — Das noch Spätere, — wer kennt es? Drouyn de l’Huys, der bisherige Vorsteher des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten, soll dies Ministerium erhalten. Ich habe ihn als einen verständigen, gemäßigten Mann kennen lernen, dessen Ansichten über die europäischen Verhältnisse mit denmeinigen übereinstimmten. Daraus folgt aber freilich nicht, daß man sich hier für das Deutsche und dessen weitere Entwickelung begeistere, so lange Uneinigkeit und Parteisucht in unserem Vaterlande fortdauern.
Eine neue Karikatur zeigt Lamartine, wie er dem Louis Philipp einen Fußtritt giebt. Cavaignac wie er dem Lamartine einen Fußtritt giebt. Bonaparte wie er dem Cavaignac einen Fußtritt giebt. Morgen (heißt es dann) die Fortsetzung.
Ich mache mir Vorwürfe (und Sie werden es noch mehr thun), daß es mir an aller Lust fehlt, auf die Jagd nach berühmten Leuten auszugehen, und daß mir das beneidete Glück sehrrépanduzu sein, als die höchste und leerste Unbequemlichkeit erscheint. Komplimente schneiden und Phrasen drechseln, wovon Kopf und Herz nichts wissen, ist meiner Natur ganz zuwider, und das Wort erstirbt mir im Munde, wenn mir (nur zu oft) einfällt, was ich imPalais de la veritésagen würde! — Deshalb kann ich mich nicht entschließen — nochmals aufzusuchen, weil mir dies wie eine Art von Lüge und muthloser Schmeichelei erscheint; deshalb befinde ich mich nur halb bequem mit Thiers, weil ich (anderer, neuerer Dinge nicht zu gedenken), mich mit ihm über viele Stellen in seiner Geschichte der Revolution (die ich hier wieder lese) streiten möchte. Soz. B.wenn er von denperfidiesPitt’s gegen den Convent spricht, und daß jener:par une logique machiavélique désenchantait les Anglais de la liberté française; wenn er Burke blos alsdéclamateur véhémentbezeichnet und seineviolence absurderügt; wenn er die Erzählung von der Hinrichtung Ludwigs XVI mit der Bemerkung schließt: „die Völker zeigen eine brutale und falsche Freude, bei der Geburt, der Thronbesteigung und dem Fall der Fürsten!“ — Welch eine Zusammenstellung, oder Gleichstellung, andieserStelle!!! —
Den 16. December.
Ich war gestern bei Hrn. C., der auf mein Andringen nochmals über die Mörder Lichnowsky’s an den ungebührlich zögernden Justizminister geschrieben hat; nicht minder aber deshalb, weil am Thorschlusse die jetzige Regierung Das noch thun möchte, was die nächste (schon aus Geist des Widerspruchs) gewiß bewilligen wird. — „Cavaignac (sagte Hr. C.) hat sich durch seine Umgebungen zu Grunde gerichtet.“ — „WerdendieBonaparte’s besser sein.“ — „Keineswegs, dies Übel kehrt immer wieder. Warum wollen Sie nicht hier bleiben? Sie sind gern gesehen und Ihre Stellung ist der des Hrn. Tallenay in Frankfurt gleich.“ — „Ich bin zu alt, verderbe meine Zeit, und finde Niemand, den ich aus vollem Herzen bewundern könnte.“ — „Wo giebt es derlei Männer,etwa den Papst, vielleicht den König von Neapel, weil er sich selbst zu helfen wußte. Nach großen Zeiten folgt immer eine der Erschlaffung und Mittelmäßigkeit.“
— — — Durch alle Reden des Hrn. — leuchtete die Besorgniß hindurch, daß unser Vaterland einig und mächtig werde, sowie die Lehre der alten Diplomatie, Frankreich müsse es schwächen und seine Entwickelung stören! Nebenbei das Echo jedes kleinen deutschen Gesandten, der ohne Archimedes zu sein, doch schreit:noli turbare circulos meos. — Die Hauptaufgabe der Deutschen (sagte ein zum Minister bestimmter Mann) ist die Slawen zu befreien. — Wollen Sie, erwiderte ich, mir sagen, wie dies anzufangen sei? — Jetzt wandte sich das Gespräch auf die Polen, wobeiweitmehr Tadel als Lob zum Vorschein kam.