Achtundsiebzigster Brief.

Achtundsiebzigster Brief.

Paris, den 9. November.

Die Franzosen sitzen vor dem Vorhange der Zukunft; und ob sie gleich die Coulissen, Versenkungen, Flugwerkeu. s. w.selbst eingerichtet und aufgestellt haben, wissen sie doch nicht, welch ein Stück wird aufgeführt werden, und wer die Hauptrolle übernimmt! „Es giebt (sagte gestern Hr. Berryer bei Rothschild) keinen Zufall. Der Ausfall selbst jedes Glücksspiels (Pharao, Roulette) beruht auf gewissen Ursachen und Gesetzen, beruht auf Logik.“ — Das weiß zuletzt Jeder; weiß aber damit doch nur, daß er eben nichts weiß, und diese Unwissenheit wird dann als Zufall oder Schickung bezeichnet. — Daßich Roulette spielend, weder durch wissenschaftliche Berechnung, noch durch Übung der Hand, ein bestimmtes Ergebniß voraussagen oder herbeiführen kann, stellt jenes Glücksspiel eben auf einen anderen Boden, als das Schachspiel, wo ich mit Sicherheit ein Ergebniß bezwecken und herbeiführen kann. Wer nicht über das Würfelspiel hinauskann und hinauskommt (jacta est alea), war und wird kein Staatsmann; auch ist Alles so verfahren, daß die Franzosen genöthigt sind, das dumme Wort nachzuschreien, und abzuwarten: ob ihnen eine gebratene Taube in den Mund oder ein Stein an den Kopf fliegen wird. Die neue Verfassung soll als ein Schild Rinald’s gegen Gefahren schützen, oder als Wünschelruthe unsichtbare Schätze finden lehren; —credat Judaeus Apella!— „Sie ist (sagte mir einer der ersten Staatsbeamten) ein todtgebornes Kind.“ Indessen soll sie nächsten Sonntag, vor unzähligen Zeugen, getauft werden; von denen wenigstens Neunzehntel hoffen und wünschen, daß der erstgeborne Sohn der Verfassung (der Präsident) seine Mutter kurzweg und ohne viele Umstände umbringen möge. — Cavaignac wird gehaßt von den rothen Republikanern, weil er sie mit eiserner Hand zu Boden schlug, und die Erretteten finden, daß viermonatliche Herrschaft, als Dank, schon zu lange dauert. Alle Abstufungen von Monarchisten fürchten ihn, da er aufrichtig und ehrlich die Republik will, welche weit der Mehrzahl (aus sehr verschiedenen Gründen) in Frankreich zuwider ist. Während dieser Verhältnisse erhebt sich (den meisten Führern unerwartet) Ludwig Bonaparte. Die Massen, durch das allgemeine Stimmrecht gleichberechtigt, ziehen vor dem Namen den Hut ab, erwarten durch ihn Sturz der Republik, Erlaß von Steuern, Eroberungskriege, — oder was Jedem sonst behagt. Die überraschtenMeneurssehen, daß sie Dessen, den sie für einen bloßen Popanz hielten, nicht mehr Herr werden können; sie beeilen sich deshalb ihm Komplimente zu machen, ihn zurechtzuschneidern und für ihre Zwecke auf den Trab zu bringen. — Er ist (sagte mir gestern ein solcher legitimer Schneidergeselle)bien élevé, et pas sans intelligence. — Um Frankreich zu regieren? fügte ich in fragendem Tone hinzu. — Er hat, fuhr Jener fort, eine sehr gute Eigenschaft, nämlich sich leiten zu lassen. — Ich habe bisher geglaubt, der Präsident von Frankreich müsse Andere leiten und nicht des Hofmeisters mehr bedürfenu. s. w.u. s. w.In Wahrheit fördert man (besonders auf dem Lande) die Wahl Bonap., damit Cavaignac durchfalle und die Republik ein Ende nehme. Sobald dies geschehen, sei Bon. gar bald als verbraucht zur Seite zu schieben, und ein legitimer König auf den Thron zu setzen. So weit haspeln diese Parteien Alles gar einträchtiglich ab und zweifeln nicht an der Weisheit undNothwendigkeit ihrer verwickelten Plane. Wem aber unter vielen Bewerbern der Thron einzuräumen sei: Louis Philippe, Joinville, Heinrich V, Orleansu. s. w.— das sindcurae posteriores, spätere Sorgen! — Neben all diesen höchst bedenklichen Zuständen wird jedoch in Frankreich das Bedürfniß von Ordnung und Recht täglich allgemeiner gefühlt, und die bitteren Erfahrungen scheinen nicht ungenutzt zu bleiben. In der deutschen Verwirrung ist mehr Unreife und Haltungslosigkeit; während sich Frankreich (wie ein Stehauf) immer wieder rasch auf seine Beine stellt und nach allen Seiten hin Front macht.

Die Berathungen über das Budget gewähren einen sehr traurigen Eindruck. Von 1800 Mill. Ausgaben jüdelt man 5–6 Mill. hinweg, meist auf Kosten der Beamten, welche um so mehr auf ungerechten Erwerb hingewiesen werden. Hingegen bleibt die täglich erhöhteFriedensausgabe für ein Heer von 500,000 Mann einnoli me tangere. — Erweiset man, daß Frankreich von Außen nicht bedroht ist, so wird geantwortet: wir brauchen solch Heer im Innern. — Nach Widerlegung auch dieses Einwandes, gesteht man endlich ein: man müsse so viele Leute füttern, ihnen Brot geben und einige Zucht beibringen, weil sie sonst nicht zu bezähmen seien.

Den 10. November.

Beide Paturots sind von Louis Reybaud, und Malvina ein vortrefflich erfundener und durchgeführter Charakter. — Mehre andere Romane enthielten so ordinaire, liederliche Geschichten, mitassa foetidagewürzt, daß ich mich durch einen Riesensprung in eine ganz andere Welt versetzte, das heißt: auf der Straße den Flavius Josephus kaufte, nach vielen Jahren diesen Schriftsteller nochmals lese, und den alten Glauben, oder das alte Vorurtheil bestätigt finde, daß die auserwählten Juden ungezogene Kinder waren und nicht viel taugten. — Einseitiger Trost für die Mängel der Gegenwart.

Ich habe Gelegenheit gesucht und gefunden, mit Schneidern, Schustern, Kaufleuten, Buchhändlern, Kutschernu. s. w.über die jetzigen Verhältnisse zu sprechen, aber auchnicht einenFreund oder Bewunderer der Republik gefunden. Vielmehr suchen Alle den GrundjedesÜbels jetzt in der Revolution des Februars. Auch die Nationalversammlung, gewählt unter dem stärksten Einflusse der Sieger, hat Beschlüsse gefaßt, welche ihr eigenes Werk untergraben; ja, Viele glauben so wenig an dessen Dauer, als früher die Urheber an die Dauer der Verfassung von 1791. Gewiß hat Paris ungeheuer verloren: der Ausfall an Stadteinnahmen für 1848 wird auf 10 Millionen und für 48 und 49 auf 60 Procentangeschlagen. Schon jetzt (vor Eintritt des harten Winters) erhalten 265,000 Personen, eine für die Stadt sehr drückende und doch für die Empfänger sehr unzureichende Unterstützung. NurArbeitkönnte helfen; aber es fehlt noch mehr an Arbeitgebern, als an Arbeitslustigen. — Die neue Verfassung macht der jetzigen Nationalversammlung ein Ende; wenn diese aber vorher noch die sogenannten organischen Gesetze entwerfen und annehmen will, so muß sie ihre Lebensdauer sehr verlängern; — vorausgesetzt, daß das souveraine Volk, oder der emporwachsende Präsident, damit einverstanden sind. Übrigens beziehen sich jene geforderten, oder versprochenen organischen Gesetze, fast auf alle Theile des geselligen Lebens: Verantwortlichkeit der vollziehenden Gewalt, Staatsrath, Wahlgesetz, Organisation der Landschaften und Ortschaften, Rechtspflege, Unterricht, Heerwesen, Presse, Belagerungsstand. — Bevor das Letzte festgestellt ist, wird der Grundbau des Anfangs vielleicht schon zusammenstürzen. Denn, wie gesagt, der Sturz der Republik ist offener oder geheimer Zweck der Meisten; wo sich dann weiter fragt: ob die Republikaner dies mit Gewalt verhindern werden, und ob man (sofern sie in Paris obsiegen sollten) in den Landschaften gehorchen will. Nimmt die französische Republik ein Ende, mit Spott oder Schrecken, so werden ähnliche thörichte Gelüstein Deutschland schneller absterben; dem Frieden aber sind Cavaignac und Bastide geneigter, als ihre wahrscheinlichen Nachfolger.

Nehmen wir auch an, daß die neue Verfassung von gar keinenäußerenGefahren bedroht wird, werden dochinnereGründe ihre Gesundheit und Wirksamkeit untergraben. So schön und wohlwollend zunächst auch die einleitenden Sätze lauten, weisen sie doch auf ernste Pflichten hin, von denen sich nur zu Viele gern entbinden, und erwecken Hoffnungen, welche man zu erfüllen außer Stande ist. Soz. B.wenn es heißt: die Republik werde das Wohlbefinden (l’aisance) eines Jedenvermehren, durchVerminderungder Steuernu. s. w.Auch der Satz: Jeder solle nach Maßgabe seines Vermögens zu den Abgaben beitragen, würde eine verderbliche Umgestaltung des ganzen Steuerwesens herbeiführen.EineVersammlung von 750 Abgeordneten, erwählt nach allgemeinem Stimmrechte, und ihr gegenübereinin ähnlicher Weise erwählter Präsident, ist gewiß nicht die rechte Form für lebendige, harmonische Bewegung und ewigen Frieden. Was Eide der Abgeordneten, Direktoren, Consuln, Präsidenten zur Erhaltung unbrauchbarer, oder gering geschätzter Formen helfen, hat die Erfahrung der letzten 60 Jahre hinreichend erwiesen; und doch hängt auch diesmal die ganze Verfassung an diesem Strohhalme!

Wenn man gezwungen ist, hundertmal dasselbe zu denken, so ist es natürlich, daß man wenigstens zehnmal dasselbe schreibt. Habt also Nachsicht mit meinen Wiederholungen. Ich erzählte wohl schon, daß der Verein der Straße Poitiers keinen Candidaten für die Präsidentenwürde vorschlagen will. Dieser Beschluß richtet sich unmittelbar wider Cavaignac, und fördert mittelbar L. Bonaparte. Wenn nun Thiers hinzusetzt: er wolle nicht Minister eines Präsidenten sein; — heißt das: Bon. solle sich darüber hinauserheben, oder schon vorherbeseitigtwerden? Das Benehmen dieser Männer mag pfiffig sein, oder aufgezwungen durch Verhältnisse; gewiß ist eine negative Stellung solcher Art untergeordnet, und nicht in kühnem Style patriotischer, des Herrschens fähiger und würdiger Staatsmänner. Ich habe darüber vielerlei Streit, weil künstliche, schlaue Bemühungen, besonders die Diplomaten mehr interessiren und imponiren, als die Einfachheit eines edelen und muthigen Benehmens. — Man verdammt alle Erbfolge der Herrscher aus mancherlei Gründen, und will doch Bon. erheben, weil er der Neffe eines namhaften Mannes ist. Man schämt sich dieser Folgewidrigkeit, und weiß doch nicht, wie man ihr entgehen soll!


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