Neunundsiebzigster Brief.

Neunundsiebzigster Brief.

Paris, den 11. November 1848.

In einem Rundschreiben an alle Behörden, sagt Gen. Cavaignac: „das allgemeine Stimmrecht enthält die ganze Revolution; die des Februar ist eine unverletzliche Revolution durch das ganze Volk.“ — Wie aber, wenn die Stimmenmehrheit, welche allein entscheiden soll, sich gegen die Republik erklärt? — Er sagt ferner: „das politische Grundgesetz (die Verfassungsurkunde) stellt sich jetzt neben dem ewigen Gesetze der Ordnung und Festigkeit (stabilité), welche die nothwendige Bedingung aller menschlichen Gesellschaft ist. Beide sindforthinunzertrennlich. Das Dasein der Republik ist unlösbar verbunden mit guter politischer und sittlicher Ordnung. Die Republik ohne gute Ordnung, gute Ordnung ohne Republik, sind von jetzt an zwei gleich unmögliche Thatsachen: wer sie trennen, oder eine der andern opfern wollte, ist ein gefährlicher Bürger, welchen die Vernunft verdammt und das Land zurückstößt.“ — So das Glaubensbekenntniß eines gläubigen Republikaners am 10. November 1848. Wird es schon am Tage der Präsidentenwahl, den 10. December, oder bald nachher, Abänderungen erleiden??

An dem Budget für das Ministerium des öffentlichen Unterrichts hat man kleinlich geknausert, auf Kosten der Bibliotheken, Museen, Archive, Schulenu. s. w.,und doch verhielt sich die ganze Ausgabe wie 5 Franken zu 1500 Franken der Staatsausgabe. Und in das Lobpreisen zahlloser Fortschritte ruft Victor Hugo hinein:l’ignorance est un plus grand péril que la misère; elle nous déborde, nous assiége, nous investit de toutes partsu. s. w.

Nachmittags.

Es fehlt hier nicht an ergötzlichen, zeitvertreibenden Planen, wie deren zwischen 1795 und 1815 so viele entworfen wurden:z. B.Henri V bekommt keine Kinder, adoptirt den Grafen von Paris, die älteren und jüngeren Bourboniden fallen sich in die Arme, und die letzten erhalten für geduldiges Abwarten, das Verdienst doppelten Edelmuths. So die Hofleute; was die Bürger von Paris oder auch nur die Gamins wollen, wird vor der Hand nicht berücksichtigt. — Daß diese völlige Ungewißheit der Zukunft Frankreichs auch für Deutschland gefährlich und unheilbringend ist, brauche ich nicht umständlich zu beweisen.

Diedeutschen Zuständehaben den wesentlichsten Einfluß auf die Beurtheilungen und Maßregeln des Auslandes. Nach der Fehlgeburt desDahlmann’schen Ministerii stiegen hier Frankfurts Aktien außerordentlich; seitdem hat indeß mancherlei wieder zum Schwanken und Sinken derselben und zu dem, leider richtigen, Glauben beigetragen: es stehe noch schwach mit der deutschen Einheit und deshalb auch mit der Reichsgewalt. Dahin rechnete manz. B.den Aberglauben, daßPolen(welche in wiener Studentenröcke krochen)die deutsche Freiheit gegen Slavenschützen wollten, ferner die Pöbelherrschaft in Berlin, den dortigen übereilten Beschluß, Posen betreffendu. s. w.Vor Allem aber fürchtet (oder hofft) man, daß die frankfurter Entscheidung über Österreich den allernachtheiligsten Einfluß auf die Einheit und Macht Deutschlands haben werde; man vergleicht diesen Beschluß mit dem ersten über den malmöer Waffenstillstand, und sieht darin einen neuen Beweis von Staatsweisheit — oder Thorheit. Wie dem auch sei, ein Reichsgesandter hat eine schwere, ja unmögliche Aufgabe zu lösen, wenn er dies Alles lobpreisen und rechtfertigen soll; besser, er sagt den Franzosen:intra peccatur et extra Iliacos muros.

Nach diesen (nur scheinbaren) Umwegen komme ich auf die italienische Frage. In den letzten sechs, acht Wochen ist hinsichtlich derselben, aus mannigfachenGründen, eigentlich gar nichts geschehen. Zu den wichtigeren gehört ohne Zweifel(obwohl man es nicht laut gestehen will), daß England und Frankreich die ganze Vermittelung herzlich satt haben, und insbesondere das Letztere gern der unbequemen Erbschaft entsagte, welche aus den Lamartine’schen Phrasen für die jetzige Regierung hervorgegangen ist. Weder von den Österreichern noch den Italienern ist der geringste Dank zu erwarten, vielmehr ertönen von allen Seiten der bitterste Tadel, die herbsten Vorwürfe, undso wird es Jedem ergehen, der ohne die dringendste Noth sich in diese Handel mischtund einbildet: er könne mit einigen wohllautenden Hauptworten die erregten Leidenschaften bändigen, politische Mündigkeit einimpfen und Volkscharaktere umgestalten.

Über den Ort, wo Berathungen, Italien betreffend, gehalten werden möchten, steht noch gar nichts fest. Innsbruck, Verona, Padua sind von den Vermittlern verworfen; Rom (seitwärts gelegen und in Zerwürfniß mit Österreich) erschien dieser Macht als unpassend. Nizza und Brüssel wird aus anderen Gründen ebenfalls zurückgewiesen; Baden-Baden (sagt Lord N.) ist im Winter zu kalt; was für alle deutsche Städte gilt und verdeckt nach Italien hinweist. EineGrundlage, auf welche sich die Verhandlungen beziehen, an welche sie sich anschließen könnten, ist noch gar nicht vorgeschlagen, viel weniger angenommen worden. Die Meinung: Österreichwerde sich nach seinen italienischen (und deutschen) Siegen die ihm zur Zeit seiner Ohnmacht gestellten Bedingungen gefallen lassen, ist völlig grundlos und thöricht. Ich kann nicht glauben, daß England (welches seinen alten Bundesgenossen bei Weitem am unfreundlichsten betrachtet und behandelt) vollendete Thatsachen von der höchsten Wichtigkeit, als nicht vorhanden darstellen oder wegsophistisiren will.

Der österreichische Bevollmächtigte hat (schonvorden wiener Siegen) die allerbestimmteste Anweisung erhalten: daß Österreich eher einen Krieg wagen, als in die geringste Landabtretung willigen werde.Nachjenen Siegen wird es mit doppeltem Nachdrucke auf Erhaltung des Besitzstandes von 1815 dringen, und Rußland steht ihm gewiß mit aller Kraft zur Seite. Überdies ist es eine moralische Unmöglichkeit, es ist eine Ehrensache, von dem treuen, siegreichen, österreichischen Heerenichtzu verlangen, daß es eine mit seinem Blute wiedergewonnene Landschaft räume, weil es einigen Diplomaten nach vielem Hin- und Herrechnen (das Keinen befriedigt) also behagt.

Diese und ähnliche Betrachtungen, sowie die Besorgniß vor dem schrecklichen Unglücke eines allgemeinen Krieges, haben Hrn. Minister Bastide wahrscheinlich dahin gebracht, daß er (wenigstens gegen mich)niemalsdie Forderung einer Abänderung der Landesgränzen oder des Herrscherhauses aufgestellt hat. Ja, das ausgefahrene Geleise einer veralteten Diplomatie verlassend, sagte er: wir wünschen, daß Österreich groß, einig und mächtig sei.

Beidiesen Verhältnissenwäre es meines Erachtens unzeitig, unwirksam und irrig, wenn irgend wie und irgend woher ein Vorschlag oder auch nur eine Bereitwilligkeit ausgesprochen würde, für Abänderung italienischer Landesgränzen zu wirken. Hingegen möge Deutschland ernstlich seine Stimme erheben für Nichterneuerung des Krieges und für die Gründung freisinniger Einrichtungen, so weit sie irgend möglich sind, ohne in die Anarchie von Paris, Wien und Berlin zu verfallen.

Die vermittelnden Mächte haben gar keine Neigung, dem deutschen Reiche eine Mitwirkung auf die italienischen Angelegenheiten zuzugestehen; insbesondere hält Lord N. das Wortofficiöswie ein Medusenhaupt entgegen, um die Unmöglichkeit einer ebenbürtigen Theilnahme darzuthun, oder doch den Reichsgesandten eine ganz unwürdige, untergeordnete Stellung anzuweisen.

Möge die Reichsgewalt sich nicht in Wege verlocken lassen, welche Deutschland schwächen, indem sie Österreich davon trennen. Es wäre ein großes, ein unermeßliches Unglück, wenn Österreich, statt in Frankfurt, in Petersburg Hülfe suchen müßte und fände! Dies läßt sich vermeiden, ohne die (politischleider von jeher und noch jetzt uneinigen und unerzogenen) Italiener ihrer Nationalität zu berauben, und ohne ihnen wahrhaft freisinnige und heilsame Einrichtungen vorzuenthalten.

Den 12. November.

In den letzten Tagen hat man auf dem Platze de la Concorde (per antiphrasinso genannt) Stangen oder Mastbäume in großer Zahl eingegraben, dreifarbige Fahnen daran aufgehangen, Dekorationen mancherlei Art von Holz, Leinwand und Papier aufgestellt, Emporbühnen und Altäre errichtetu. s. w.— Alles zum Geburts- oder Tauftage der republikanischen Verfassung. Ich kann nicht finden, daß der außerordentlich schöne Platz, durch dies zum Theil kleinliche Brimborium gewinne; auch ist das Vorlesen der langen Urkunde (wovon man überdies nichts hört), eine ebenso lange Messe und stundenlanges Vorbeimarschiren der Bürgerwache nicht sehr anziehend. Doch hätte ich, als ein zum diplomatischen Körper gehöriger Leib, von einer Einladung vielleicht Gebrauch gemacht, wäre besagter Leib nicht noch in etwas preßhaftem Zustande, und könnte man mit Sicherheit (und ohne besondere Karte) zu den bezeichneten Sitzen vordringen. Hiezu kommt vor Allem: daß eingräulichesWetter mit Regen undSchnee eingetreten ist, und ein stundenlanges Verweilen unter freiem Himmel der Gesundheit wahrhaft gefährlich werden könnte. So begnügen wir uns denn, vieleTausendevon Nationalgarden vor unserem Fenster vorbeiziehen zu sehen; wobei sich leider die Überzeugung aufdrängt, daß sie ohne Vergleich tüchtiger aussehen, und zur Aufrechthaltung der Ordnung weit mehr Muth gezeigt haben, als unsere berliner Bürgerwehr. — Ob ich gegen Abend, bei etwa besserem Wetter, und doch mitPelzund Regenschirm bewaffnet, mich unter das Gewühl wahrer oder erheuchelter Republikaner begeben werde, weiß ich noch nicht. Zu einem Aufstande (den Manche fürchteten) wird es heute schon deshalb nicht kommen, weil das souveraine Volk eingeschneit und eingeregnet einherzieht,poules mouilléesvergleichbar. Obwohl Alles Begeisterung, große Gedanken und Gefühle hervortreiben soll, stehen allzu viel erkältende Blitzableiter daneben, und mich hat überdies ein langer für Frankfurt bestimmter Bericht, besonders über die italienischen Angelegenheiten, in eine keineswegs sehr heitere Stimmung versetzt.

In dies stete Auf und Ab politischer Weisheit und Thorheit ist mir J. Mohl’s Bericht über die Fortschritte asiatischer Studien, wie ein erfreulicher Trost erschienen, daß Liebe und Muth für die Wissenschaft noch nicht ausgestorben ist, sondern in derTiefe fortwirkt und länger dauern wird, als die an der Oberfläche aufsteigenden, platzenden, stinkenden Blasen, oderbubbles.


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