Achtzigster Brief.
Paris, den 14. November 1848.
Abgesehen von politischen Nachwehen hat das beregnete und beschneite Geburtsfest der Republik, viele Menschen (so den Minister Bastide), krank gemacht. Die Verfassung (sagt ein ärztlicher Spötter) ist ein Achtmonatskind, muß also sterben. — Napoleon’s Spruch über die Bourboniden: „sie haben nichts gelernt und nichts vergessen“, — muß man jetzt dahin abändern: die Franzosen haben nichts gelernt undsehr vielvergessen. Sie fangen an (als gebe es keine staatsrechtliche Erfahrung) wie im Jahre 1789,z. B.mit einer Kammeru. s. w.
An dem rothsammtenen Zelte, dem Taufdeckel der Verfassung, stand viermal, nach vier Seiten hin:aimez Vous les uns les autres. Christlich genug, wenn gleich die zweite Hälfte des Spruches fehlt. Auch sind 60,000 Prediger der Liebe zur Hand, welche innerlich raisonniren, oder wie Friedrich Wilhelm I. dreinschlagend sagen: ihr sollt mich nicht lieben, ihr sollt mich fürchten!
Wenn in einer Erbmonarchie ein unfähiger Kronprinz den Thron besteigt, so ist dies nach dem Laufe der Natur nicht zu ändern, und wird durch andere Vortheile (z. B.des ruhigen, unzweifelhaften Übergangs) wenigstens zum Theil ausgeglichen. Aber ein Königshaus verjagen, die Verfassung von Grund aus umgestalten, um den Höchstbegabten an die Spitze zu bringen; und dann — — als einzig möglichen Gewinn selbst von den sogenannten Gemäßigten anempfehlen zu hören; — das übersteigt alles Begreifliche, und zeigt die Schwäche der überklugen Berechnungen und Kunststücke. — Nicht minder, wenn man sieht, daß ungeachtet der schlagendsten theoretischen Beweise und der bittersten praktischen Erfahrungen, der Aberwitz L. Blanc’s und Consorten noch immer Anhänger und Bewunderer findet, und man jene als Erlöser des menschlichen Geschlechts, bei den socialen Abfütterungen hoch leben läßt.
Abends ½10 Uhr Soirée oder Rout bei —. Menschen aller Arten, Farben und Richtungen, viel Gedränge; keine Gespräche, keine Stühle für die Herren. In der Angst ihres Herzens sagte mir eine Dame: „finden Sie die Gesellschaft nicht schrecklich, nicht fürchterlich langweilig?“ Ich weiß nicht, ob noch Andere diesen deutschen Hülferuf, oder dieseWehklagen hörten und verstanden. — Mehre Herren äußerten:avec de la mitraillestelle man überall leicht die Ordnung her. Freilich, wenn ich mir ein Bein abhauen lasse, thut es nicht mehr weh und bringt mir keine weitere Gefahr; besser jedoch auf zwei gesunden Beinen einhergehen.
Den 16. November.
Der wesentliche Inhalt der Äußerungen des Hrn. Thiers war in aller Kürze etwa folgender:
Wenn Preußen, Österreich, Baiern seine Verfassung ändert, so ist dies für fremde Staaten von geringer Wirkung, sobald aber ganz Deutschland eine Vereinigung trifft, wodurch so viele Millionen in ein engeres Verhältniß treten, müssen sich seine Verhältnisse auch zum Auslande ändern, und wenngleich dies nicht feindlich oder abgünstig entgegentritt, ist es doch zu sorgsamer Aufmerksamkeit verpflichtet und zu manchen Bedenken aufgeregt. Daher ist nicht unnatürlich, wenn auch die diplomatischen Verhältnisse langsamer eine bestimmte Form annehmen, doch bleibt dies zum Theil Persönliche und Conventionelle von den wesentlicheren Gegenständen unterschieden. Wenn die französische Regierung sich über die Angelegenheiten nicht bestimmter ausspricht, nichts Näheres mittheilt, so hat dies seinen vollkommen zureichenden Grund, nämlich: daß sie selbst nichts weiß und nichts thut.
Seit mehren Wochen war erst Hr. Vivien, dann Hr. Alexis von Tocqueville zum Beauftragten in den italienischen Angelegenheiten ernannt; es ist aber seitdem nichts geschehen, und kaum weiß man, ob und was noch geschehen wird. Beide Männer haben mich gefragt: ob sie den Auftrag annehmen sollten und ob ich sie unterstützen wolle? Ich antwortete:Ja! sofern sie für den Frieden wirken.Eine Abtretung von Landschaften, eine Veränderung des Herrschergeschlechts ist nicht nothwendig, wohl aber muß man für eine italienische Verwaltung, italienisches Heer und italienische Finanzen wirken, unter einer höchsten österreichischen Leitung,z. B.der Minister und Generale. Doch würde ich sehr gern den Österreichern die Moldau, Walachei, Bulgarien und alles Land bis an den Balken zuweisen, wenn sie Italien (obwohl nicht ganz) abtreten wollten. Es ist im Interesse Frankreichs, daß Österreich (besonders im Osten) mächtig sei und bleibe; es ist unverständig, sich herumzuzanken, während 50,000 Russen (wie ich weiß) in die Moldauu. s. w.eingerückt sind, und 100,000 an der Gränze stehen; ich gebe zu, daß man die Österreicher nicht zwingen muß, allein in den Russen Freunde und Vertheidiger zu sehen und ihnen dafür Alles zu gestatten.
Wir Gemäßigten haben keinen Geschmack (goût) für L. Bonaparte, keinen Gefallen an ihm; aber das Volk hat ihn oder seinen Namen ergriffen, und es fehlt ein Bewerber, der ihn verdrängen könnte. Die Gemäßigten hoffen unter seiner Firma zu herrschen. Ich selbst wollte kein Mitbewerber um die Präsidentur sein und trachte nach keinem Ministerium: in der Kammer aber werde ich (sowie mein ganzes Leben hindurch, so auch fernerhin) nach Kräften gegen die Anarchisten wirken. Ich gebe Ihnenmein Ehrenwort(ma parole d’honneur), daß der höchste Zweck aller meiner Bestrebungen ist und sein wird:den Frieden zu erhalten. Von diesem Frieden, von der Einigkeit zwischen England, Frankreich und Deutschland hängt das Wohl Europa’s ab. Viele Dinge sind ungewiß und hängen von keinem Einzelnen ab; allein ichdarfundkannversprechen: der Friede wird erhalten werden, sobald man uns nichtangreiftund nichtzwingt, gewisse Ehrensachen (z. B.in Hinsicht auf Holland und Schleswig) mit auszufechten. Mäßigung wird am besten zum Ziele führen. — In dieser Beziehung ist es höchst wünschenswerth, daß bittere Klagen über österreichische Härte und Grausamkeit in Italien bald abgestellt werden; denn so viel auch übertrieben sein mag, scheint doch des Unläugbaren zu viel übrig zu bleiben.
Der Name Bonaparte mag in Deutschland unangenehme Erinnerungen an Kriegs- und Eroberungslust hervorrufen; in der That ist aber davon nicht mehr die Rede, und immerdar würde ich, unterstützt von der großen Mehrheit der Franzosen, siegreich dagegen kämpfen.
So der kurze, wesentliche Inhalt der Äußerungen des Hrn. Thiers, welche mitzutheilen mir derselbe verstattete.