Einundachtzigster Brief.

Einundachtzigster Brief.

Paris, den 17. November 1848.

Thiers hat drei seiner wichtigsten Reden berichtigt abdrucken lassen: über das Recht zur Arbeit, Papiergeld und Stellvertretung beim Heere. Da Ihr sie vielleicht gar nicht oder nur in kurzen Auszügen kennt, mögen hier einige Äußerungen Platz finden, die mir als die wichtigsten erschienen. In dererstenRede sagt Hr. Thiers: Wir sollen die Freiheit schützen gegen den doppelten Einfluß der Höfe und der Straßen. Ja, das Volk leidet; aber die angeblichen Ärzte haben noch kein einziges wahrhaftes Heilmittel zu Tage gefördert; die Communisten, Socialistenu. s. w.schmeicheln nur den Leidenschaften und greifen Das an, worauf, seit Anbeginn der Geschichte, die fortschreitende Bildung der Menschheit beruht: Eigenthum nämlich, Freiheit und Mitbewerbung oder Concurrenz. — Im Ganzen hat sich der Zustand der Volksmassen, im Vergleiche mit früheren Zeiten, nicht verschlechtert, sondern verbessert, und viele Arbeiten geringer Art sind den Maschinen zugefallen, während die menschlichen Kräfte für höhere Zwecke verwendet werden. Privateigenthum und Vererbungsrecht treiben zu unendlicher Thätigkeit; jene neumodige Staatsweisheit führt hingegen zu Faulheit und Sklaverei, zur Anarchie in allen Gewerbszweigen, zu Papiergeld, zum Maximum oder willkürlicher Festsetzung der Preise, und zur schädlichen Unterstützung der Müßigen in großen Städten. Der Einzelne hat keinRecht, daß derStaatihn beschäftige und erhalte; alle vorgesetzten Zwecke werden auf diesem Wege verfehlt und eine Verschwendung herbeigeführt, die alles Maaß übersteigt, und nothwendig dem Volke zuletzt zur Last fällt.

Die zweite Rede erklärt sich bestimmt gegen die Anfertigung von Papiergeld, und behauptet, daß dafür jetzt noch weniger Sicherheit, Nothwendigkeit und Nutzen spreche, als zur Zeit der Assignaten. Es ergiebt sich ferner, das Grundvermögen sei in Frankreich weniger verschuldet als bei uns, was fürdengesammtenNationalreichthum gleichgültig ist (denn was der Schuldner nicht besitzt, besitzt der Gläubiger); indeß verführt die Leichtigkeit Grundschulden zu machen, zu Unternehmungen über das Vermögen hinaus, also mittelbar zu Bankerotten. Im Durchschnitt bezieht man in Frankreich nur drei Procent vom Grundvermögen; hiezu kann die hohe Grundsteuer schwerlich viel beitragen, da sie schon so lange besteht und vom Kapitalwerthe abgezogen ist. Die Neigung kleine Grundbesitzungen zu erwerben, ist so groß und allgemein, daß sie oft zu theuer bezahlt werden. Der Gedanke, das Grundvermögen als Geld in Umlauf zu sehen, ist thöricht und Banken und Bankzettel erzeugen keine Kapitale. — Über die dritte Rede, die Stellvertretung im Heere betreffend, habe ich wohl schon Einiges bemerkt; sie kann rathsam für Frankreich, unrathsam für Preußen sein.

Den 18. November.

Ich lese als Ableiter der politischen Schmerzen, Cousin’s Vorlesungen über Philosophie. So löblich und erfolgreich er sich bemüht deutlich zu sein, haben ihn doch schwerlich alle die pariser Piphähne verstanden, welche ihre Schnabel aufsperrten, um philosophische Weisheit bequem aufzuschnappen und zu verspeisen. Der Vorliebe für Dreitheilungen (welche sich vom Sprichworte: aller guten Dinge sind drei,bis zur Lehre von der Dreieinheit geltend macht) hat auch Cousin gehuldigt, und in dieser Weise die Nothwendigkeit drei großer Abtheilungen und Entwickelungsperioden in der Geschichte nachzuweisen versucht. In der ersten herrscht das Unendliche, in der zweiten das Endliche, in der dritten die Entwickelung des Verhältnisses zwischen beiden. Das Ergebniß des damit verbundenen Optimismus, ist dann natürlich, die freudige Zufriedenheit, wie wir es so herrlich weit, und weiter gebracht, als alle früheren Geschlechter. Und doch darf der Optimismus, wenn er sich auf Menschen bezieht, den Gegensatz von gut und böse, von Tugend und Laster, für keinen Zeitraum aufgeben; und umgekehrt, auf Gott bezogen nicht festhalten. Schematismus und Abstraktion dieser Art reicht nirgends aus. Die Geschichte trägt niemals ganz ausschließlicheineUniform: in Griechenland gab es zu gleicher Zeit Atomistiker und Eleaten; im Mittelalter Mystiker und Bewunderer von Mädchen und Blumen; im 18. Jahrhundert, Verehrer von Spinoza, Leibnitz, Hume, Condillac und Kant. Wirkungen und Gegenwirkungen liegen nicht immer um Jahrhunderte auseinander; im lebendigen Einzelnen sind alle physiologischen Abtheilungen und Systeme gleichzeitig in harmonischer Thätigkeit, und ebenso geschieht es beilebendigenVölkern; obgleich dadurch keineswegs ihre Individualität aufgehobenwird. Lappländer und Hottentotten haben weder ihre Periode der Unendlichkeit, noch der vermittelten Endlichkeitu. s. w.Will man ganze geschichtliche Zeiträume miteiner Ideeausfüllen, geht man an allen Persönlichkeiten gleichgültig vorüber, betrachtet man das Einzelne, das Ereigniß, die Thatsachen als kleinlich und unbedeutend; so ist dies ungefähr ebenso, als wenn ich eine Riechflasche miteau de mille fleurshöher achte und mehr bewundere als tausend Blumen. — Den Gedanken: aus den natürlichen Verhältnissen der Länder,a prioridie Geschichte der Völker nachzuweisen, oder vorherzubestimmen, treibt Cousin noch mehr auf die Spitze wie Montesquieu. Jene Verhältnisse beherrschen den Menschen keineswegs unbedingt: woher sonst der Verfall Griechenlands und Kleinasiens, und der preußische Staat einst erwachsend (Gott gebe auch fernerhin) aus Sand und Kienbäumen? Wenn Jemand:par la généralisation la plus laborieuse, me donne uneformuleassez compréhensive pour embrasser à la fois l’industrie, les lois, les arts et la religion(z. B.der Griechen); so ist mir diese lederne Allweisheitsformel nicht so lieb, werth, lehrreich, begeisternd, als ein Gesang der Ilias, ein Chor des Sophokles oder eine Rede des Demosthenes. — Die Metaphysik ist kein langes Stroh, aus dem man die Körner, als klein und unbedeutend, herausgedroschen und verächtlich zur Seite geworfen hat. Das in einer Periode gleichzeitig Hervortretende ist nicht immer ähnlich, harmonisch, analog; sondern oft auch schroff entgegengesetzt, und zwischen weit auseinanderliegenden Völkern,z. B.Griechen und Deutschen, ist mehr Verwandtschaft, als zwischen Griechen und Persern. — Doch, Cousin sagt vielleicht, meine Einwürfe träfen ihn nicht, sobald ich ihn recht verstände und zwischen den Zeilen läse! — Und doch wie trügerisch sind selbst die Hoffnungen und Aussprüche der Philosophen. Schelling hat es mit seinen Weltaltern erfahren, die immer in der Geburt erdrosselt wurden, und Cousin sagt von der (jetzt abgeschafften) französischen Charte:elle fixe tous les regards en Europe, fait battre tous les coeurs, rallie tous les voeux et toutes les espérances. — C’est un fait incontestable que l’avenir de l’Europe lui appartient, et c’est un fait plus incontestable encore que le présent et l’avenir de la France lui appartiennent.— Wenigstens möchte ich dies von der neuesten, republikanischen Verfassung nicht behaupten! — Aber freilich nach dem dummen Optimismus, der die Weltentwickelung wie eine geradlinige Chaussee betrachtet, und wonachheuteunfehlbar weiser und schöner ist alsgestern, undgesternbesser wievorgestern, ist eine sogenannte Geschichte der Philosophie und der Menschheit leicht zusammengedrechselt und zusammengepappt. Rückwärts braucht selbst der Geschichtschreiber nicht zu sehen, und wenn er sich auch seitwärts Schauklappen anbindet, wird sein Überblick berichtigt und erweitert. Madame Birch-Pfeiffer steht so chronologisch höher als Sophokles, Hr. Waldeck höher als Demosthenes, und dieletztefranzösische Verfassung ist, unbesehen, die beste. Diese, mit großem Unrecht als religiös bezeichnete Weltbetrachtung, beruht nicht auf dem frommen Glauben an Gott und seine weise (wenn gleich oft unbegreifliche) Leitung; sondern läßt, bei allem oberflächlichen Hochmuth, den Kopf verdummen und das Herz absterben. Es wird zur Thorheit etwas Anderes als sich und seine Zeit zu ehren und zu bewundern; Sehnsucht, Wehmuth, sittlicher Zorn gelten dann für aberwitzig, und das kindische Feuerwerk, welches man zu eigener Ehre anzündet, soll die Sonne der Weltgeschichte verdunkeln, ja auslöschen. Ehe ich mich in eine solche Fortschrittskurierkutsche setze, will ich lieber mit Dacier und seiner Frau darüber weinen, daß Homer gestorben ist. — Zuletzt ist aber Cousin wohl ganz einig mit mir; wenigstens sagt er:C’est chose admirable au 18. siècle, que l’ignorance et le dédain du passé, même dans les plus grands hommes.

Den 19. November.

Ihr verlangt Nachrichten aus Paris, und ich tische dagegen halbphilosophische Reden auf. Indessen bezogen sie sich doch auch auf eine französische Ansicht und Darstellung der Philosophie, auf welche ich (ihrer Eigenthümlichkeit halber) wohl noch einmal zurückkomme. — Die hiesigen Zustände mag in Kürze das charakterisiren, was mir einer der tüchtigsten Abgeordneten,nichtalsWitzwort, sondern alsWahrheitsagte: „Es giebt keinen Republikaner in Frankreich, der an die Möglichkeit einer Dauer der Republik glaubte, und keinen Royalisten, der an eine Möglichkeit baldiger Herstellung der Monarchie glaubte.“ — Hienach ist (wie schon der Großcophta Lamartine sagte) Alles dem bloßen Zufalle preisgegeben. — Stimmt nach Eurem Gewissen und Eurer Einsicht, sagen Abgeordnete, Erzbischöfe, Bischöfe, Behördenu. s. w.Aber die meisten Wähler sind ohne Einsicht und ohne Gewißheit, also rathlos in dem neuen Glücke und Präsidentenspiele. — — — Man sagt (und sehr oft mit Recht) Zeit gewonnen, Alles gewonnen. So hoffe ich, wird der Ablauf der Zeit in Berlin die Gemüther abkühlen und beruhigen, alle Parteien von den gegenseitig begangenen Fehlern überzeugen und einen vermittelnden Ausweg zu allgemeinem Heile finden lassen.


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