Dreiundsiebzigster Brief.

Dreiundsiebzigster Brief.

Paris, den 16. October 1848.

Réponse de Monsieur Bastide.Monsieur! J’ai eu l’honneur de Vous exposer de vive voix et à plusieurs reprises les raisons, qui pour le moment présent me paraissent s’opposer à ce qu’il soit donné un caractère plus officiel aux relations officieuses, et, j’ose le dire, aux relations de bonne amitié, établis entre nous. Ces raisons subsistent encore et ne me permettent pas de Vous donner une réponse qu’il me serait agréable d’adresser particulièrement à Vous, Monsieur, plus encore qu’à tout autre. Ne croyez donc pas, je Vous prie, qu’il entre dans la réserve dont je me vois obligé d’user, rien qui Vous accuse et encore moins, s’il est possible, rien qui puisse faire douter de nos vives sympathies pour la noble et généreuse nation allemande. La république française sent que, quels que soient les formes de gouvernement qu’il Vous convienne d’adopter, la France et l’Allemagne sont deux soeurs que les mêmes principes de liberté, d’ordre, d’indépendance doivent unir chaque jour davantage pour le bonheur du monde; et si lesqualités personnelles d’un homme pouvaient rendre ce lien plus étroit, soyez sûr que cet homme serait Monsieur de Raumer.Permettez que je me félicite de l’occasion qui m’a été donnée d’entrer en relation avec Vous, et recevez, je Vous prie, la nouvelle assurance de la haute considération avec laquelle j’ai l’honneur d’être, Monsieur, Votre très humble et obéissant serviteur, Jules Bastide.

Réponse de Monsieur Bastide.

Monsieur! J’ai eu l’honneur de Vous exposer de vive voix et à plusieurs reprises les raisons, qui pour le moment présent me paraissent s’opposer à ce qu’il soit donné un caractère plus officiel aux relations officieuses, et, j’ose le dire, aux relations de bonne amitié, établis entre nous. Ces raisons subsistent encore et ne me permettent pas de Vous donner une réponse qu’il me serait agréable d’adresser particulièrement à Vous, Monsieur, plus encore qu’à tout autre. Ne croyez donc pas, je Vous prie, qu’il entre dans la réserve dont je me vois obligé d’user, rien qui Vous accuse et encore moins, s’il est possible, rien qui puisse faire douter de nos vives sympathies pour la noble et généreuse nation allemande. La république française sent que, quels que soient les formes de gouvernement qu’il Vous convienne d’adopter, la France et l’Allemagne sont deux soeurs que les mêmes principes de liberté, d’ordre, d’indépendance doivent unir chaque jour davantage pour le bonheur du monde; et si lesqualités personnelles d’un homme pouvaient rendre ce lien plus étroit, soyez sûr que cet homme serait Monsieur de Raumer.

Permettez que je me félicite de l’occasion qui m’a été donnée d’entrer en relation avec Vous, et recevez, je Vous prie, la nouvelle assurance de la haute considération avec laquelle j’ai l’honneur d’être, Monsieur, Votre très humble et obéissant serviteur, Jules Bastide.

Abends.

Gestern hat Cavaignac, dem lauten Wunsche gemäß, drei Minister entlassen, und drei neue ernannt. Diese Männer, welche man früher lobte, werden heute schon in vielen Blättern heftig angegriffen, und der Sturz der Republik geweissagt, weil sie dem Berge nicht behagen. Selbst unter der Monarchie (rufen Einige) standen tüchtigere Männer an der Spitze? Woher soll man (erwidern Andere) die Tüchtigen nehmen, da ihr sie in Verruf gethan habt, und unter Euch keine Brauchbaren zu finden sind. — Hat Paturot nicht Recht wenn er sagt: „die Wilden ehren wenigstens Das, was sie gemacht haben. Sie wechseln ihre Götzenbilder nicht mit jedem Tage: sie geben sich kein Oberhaupt um sich das Vergnügen zu machen es zu entehren!“

Wie theuer gewaltsame Umwälzungen sind, zeigtder heute veröffentlichte Finanzbericht über die Einnahmen in 9 Monaten 1848, verglichen mit 1846 und 1847. Es stellt sich nämlich ein Ausfall dar von 102 bis 104 Millionen Franken; und das letzte Vierteljahr wird gewiß kein besseres Ergebniß liefern. Es fehlen beim Salze über 3 Mill., bei den Getränken 7½ Mill., beim Tabak 500,000 Fr., beim Zucker 12–16 Mill.; beim Stempel 7¾ Mill.; bei verschiedenen Zöllen an 20 Mill.; beim enregistrement 37,807,000 Fr. Welche Schlüsse lassen sich aus diesen Ziffern ziehen über Zustände, Noth, Mißtrauen, Unzufriedenheitu. s. w.!— Karl Blanc, der Direktordes beaux arts, jammert über den Wegfall von 500,000 Fr., welche sonst jährlich den Künstlern aus der Civilliste zugeflossen, und fügt hinzu: „die Revolution des Februar hat (wie alle Revolutionen) die Künstler schrecklich getroffen, und bedroht selbst ihr Dasein. Die Meisten halten jetzt schöne Künste für überflüssig; nur die Regierung kauft Einiges, oder ein jetztverschuldeter! Mäcenu. s. w.u. s. w.“

Den 17. October.

Madame Sand ist eine so hochgerühmte, vielbesprochene Frau, daß ich pflichtmäßig ihrer wohl einmal gedenken muß. Niemand wird ihr ein ausgezeichnetes Talent absprechen; gewiß hat sie es aberüberschätzt und mißbraucht. Sie wollte erschaffen und begründen, eine neue Familie, neue Religion, neue Philosophie, neuen Staat, und hat Phantastisches und Verkehrtes glänzend aufgestutzt, aber nichts zu Stande gebracht; sondern Besseres schwankend gemacht, Schwache verführt und in Wahrheit sich selbst zu Grunde gerichtet. Daß sie (wie man mir sehr umständlich erzählt) in jedem ihrer vielen Romane eine ihrer unzähligen Liebschaften dargestellt und verhandelt hat, will ich ihr nicht einmal vorwerfen; desto bitterer tadelt man, daß sie durch ihre neueren Schriften den Massen wahnsinnige Dinge vorgespiegelt, unerfüllbare Hoffnungen erregt und den ärgsten Aufruhr befördert habe. Sie verließ endlich Paris, wo sie nicht mehr bleiben konnte und durfte. Reybaud widmet ihr im Paturot ein ganzes Kapitel, und sagt unter Anderem:le monde lui échappait: il ne lui resta plus que les tressaillements de la place publique. Elle s’y réfugia. Sa plume ardente réchauffa dans les âmes ce qu’elles renfermaient de colères sourdes et de ressentimens profonds. Plus d’une fois elle convia le peuple à ne compter que sur lui même, et à faire justice de intermédiaires conjurés à le tromper. Ces appels étaient empreints du fiel âcre que distillent les coeurs déçus. Notre Muse y exhalait tous les mécomptes, toutes les ardeurs de sa vie. C’était couronner dignement cepoëme où elle avait jeté la pudeur au vent et pris la morale au rebours avec une audace sans pareille Triste et dernière chute, après tant de chutes! — Rien ne manquait à cette déchéance, si ce n’est le geôlier et la prison battue par les flots de l’Ocean!!

Den 18. October.

Gestern aß ich beim Baron v. Rothschild. Die ganze Familie ist angenehm, natürlich, verständig, und (wie ich wohl schon schrieb) so entfernt von scheinbarem Hochmuth, als von falscher Demuth. Leider ist Frau v. R., diese sehr liebenswürdige Frau, von einer ernsten Krankheit noch nicht so hergestellt, daß sie an der Gesellschaft Theil nehmen konnte.

Am südlichen Himmel giebt es rabenschwarze Stellen; solcher Stellen kann man viele jetzt am politischen Himmel nachweisen. Desto ängstlicher sucht man umher, wo sich etwa eine Spur neuen, oder erhaltenen Lichtes zeige. Die gestrige Mehrheit von 415 Stimmen für die Regierung Cavaignac’s giebt eine Art gesetzlicher Bürgschaft bis zur Präsidentenwahl; die Erklärung der französischen Regierung gegen Erneuerung der Feindseligkeiten in Italien ermäßigt die ungeordneten Gelüste der Italiener und stützt Österreich, der Gedanke an Krieg ist höchst unbeliebt in England und wird die Behandlung Deutschlands wohl berichtigen. — Ob desBedürfnisses einer festen Verfassung für Deutschland, wird man ungerecht gegen Behandlung und Feststellung der Grundrechte. Denn so unnütz und verkehrt auch dabei gesprochen ward, so gewiß auch einzelne Bestimmungen nichts taugen, oder unausführbar sein dürften, enthalten doch viele Hauptvorschriften außerordentliche Fortschritte, im Vergleiche mit vielen Mißbräuchen und Hemmungen der früheren Zeit. Hoffen wir also, daß der Unsinn und die Wuth sich schnell abnutze und vorübergehe, während das Gute feste Wurzel faßt und Dauer gewinnt.

Den 20. October.

Wenn es ganzen Völkern geht, wie mir, so verengt sich ihr Gesichtskreis immer mehr und sie werden täglich dümmer. Sonst sagte man: alle Wege führen nach Rom, um das Inhaltreichste, Bewundernswertheste zu bezeichnen; jetzt führen alle Wege und Gedanken in die Politik. Aber nicht in die lehrreiche, großartige, welche das ächte Leben und die Entwickelung der Völker nachweiset und regelt, sondern in das willkürliche, sittenlose Treiben der Einzelnen und der Massen, in eine widrige Mischung von Aberglauben und Unglauben, in die Lehre daß zu jedem Zwecke, jedes (selbst das schändlichste) Mittel erlaubt sei, in das nürnberger Tandspiel mitleeren Formen, oder in den rasch wechselnden Götzendienst mit nichtsnutzigen Personen. Welche Beispielsammlung giebt unsere Zeit, wie man esnichtmachen müsse. Leider nur nicht so unschuldig und einfach, wie die in der Schule zusammengestellten irrigen Beispiele um die Fehler zu verbessern! Woher kommt die unsittliche Cholera unserer Tage? An vielen Stellen (aber nicht überall) lassen sich die Ursachen nachweisen, und daß ungeheure Ausbrüche schlecht behandelter Krankheiten selten ausbleiben. Die Übel wachsen dann in geometrischer Progression, und schneiden und brennen ist besser, denn verfaulen.

Man wird hier bald mit Entwerfung der Verfassungsurkunde fertig sein: natürlich wieder für eine neu beginnende Ewigkeit! Louis Bonaparte soll der (nichtsthuende) Brama werden; es will sich aber noch kein erhaltender Vischnu mit ihm einlassen, und da möchte es nicht an zerstörenden Schismas fehlen, die jenen auf den Altentheil setzen. — Eine sehr praktische Frage beschäftigt jetzt die Nationalversammlung: über das Maß des Centralisirens oder nicht Centralisirens. Lob und Tadel wird über beide Richtungen in scharfer Weise ausgesprochen: möchte man die richtige Mitte, oder die lebendige Diagonale der beiden bewegenden Kräfte finden! Gewiß giebt es einZuviel, und einZuwenig, und eine napoleonische Verwaltung, welche den Städten und Landschaften gar keine Freiheit läßt, leidet an dem ersten Mangel. Umgekehrt fürchtet man, beim Nachlassen der strengen Oberleitung, ein völliges Aufhören des Gehorsams und eine anarchische Zerstückelung. Auch hier Scylla und Charybdis.

Um dem Geschrei über den Belagerungszustand von Paris ein Ende zu machen, hat man ihn aufgehoben, ist aber keineswegs gesonnen ungestört die rothe Anarchie oder wiener Gräuel einbrechen zu lassen. Die berliner Zeitungen sind gestern ausgeblieben und daher die Furcht nicht unnatürlich, man werde daselbst in ähnliche Scheußlichkeiten hineingerathen.

Den 22. October.

Gestern hatte ich ein langes Gespräch mit Hrn. C. Nach Beseitigung eigentlicher Geschäfte, sagte er: was halten Sie von der Lage Frankreichs? — Ein Fremder kann darüber schwer urtheilen. — Ihre Meinung zu hören ist mir lieber, als die vieler befangener Franzosen. — Ich kenne die Stimmung der Landschaften zu wenig. — Ich kenne sie auch nicht. Glauben Sie, daß man L. Bonaparte zum Präsidenten erwählen wird? — Es heißt die Landleute und Legitimisten wollen für ihn stimmen. Wer wird aber für ihn regieren? — Das weiß Niemand, wir gehen einer durchaus ungewissen und unbekannten Zukunft entgegen. — Hr. Lamartine sagte:jacta est alea!und Gott wird helfen! — Lamartine ist und war nie ein Staatsmann. In solchen Lagen die Vorsehung anrufen, heißt nichts thun oder Verkehrtes thun. Die Franzosen sind monarchisch durch Herkommen, Sitten, Neigungen; republikanisch nurpar l’espritu. s. w.u. s. w.

Baron R. äußerte letzthin: die Eisenbahnen beförderten Revolutionen. Gewiß; man kann mit ihrer Hülfe aber auch (wenn man thätig ist und es recht anfängt) Revolutionen verhindern. Auch giebt es in Portugal, Spanien, Italien, Ungarn, Polen keine Eisenbahnen, und doch Revolutionen.

Den 23. October.

Besuche abstatten (oder doch abstatten wollen) gehört recht eigentlich zu meinem Geschäfte; — ohne daß man es jedoch dadurch bis zu einem wahrhaften Geschäfte bringt. Man klatscht, man klagt, man vertraut sich Dinge unter dem Siegel der Verschwiegenheit, welche eine halbe Stunde später die ganze Welt weiß; man setzt Kleinigkeiten unter das Vergrößerungsglas, und geht von großen Dingen rückwärts und rückwärts, bis sie klein erscheinen; man spaltet Haare, läßt aber große Steine des Anstoßes als einnoli me tangereunangetastet im Wege liegen. Dies und Ähnliches gehört zur höheren Diplomatie; die verständige geht nicht über den gesunden Menschenverstand hinaus, bezweckt nicht das Unmögliche, und sucht sich mit dem Unabänderlichen zu vertragen und zu verständigen. In den letzten Gränzen hielt sich ein langes Gespräch, welches ich gestern mit Drouyn de l’Huys, dem Vorsteher des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten, hatte. So über die Nothwendigkeit und Heilsamkeit eines aufrichtigen Einverständnisses zwischen Deutschland und Frankreich, die Verkehrtheit der alten Eroberungspolitik, die thörichte Vernachlässigung der Gefahren im Osten Europas, die Unentbehrlichkeit einer Schutzmacht gegen Rußlandu. s. w.

Es ist erfreulich, daß sich, nach langer Thorheit, die Wahrheit wieder Bahn macht, daß Preußen der Hauptbestandtheil Deutschlands sei. Noch einmal zeigt sich, in nicht allzugroßer Ferne, die Gelegenheit, dies geltend zu machen. Wird man endlich sie kühn zu ergreifen willig und fähig sein? Dazu gehört aber freilich mehr, als daß in Berlin, nach blutigem Kampfe und ohne Bestrafung der Schuldigen, die rothen Republikaner und die Bürgerwehrmänner (oder Weiber) sich in die Arme fallen und Brüderschaft trinken. Dies würde zuletzt nur wiener Ereignisse herbeiführen.

Zu meinen kurzen Mittheilungen über die peinliche Rechtspflege in Frankreich füge ich heute Einiges über die bürgerliche Rechtspflege hinzu. Bei 361 höheren Civilgerichten wurden 176,000 Prozesse angebracht (im Jahre 1846) und davon abgeurteilt 131,080. Die Zahl derselben ist für die verschiedenen Theile des Landes sehr verschieden: am höchsten im Departement der Seine: nämlich auf 124 Menschen und 734 Fr. Grundsteuer ein Prozeß. Unter 1128 Scheidungsklagen sind 1048 von den Frauen und nur 80 von den Männern angebracht worden. Man könnte dies allerdings betrachten als einen Beweis der Ungeduld und Unbeständigkeit der Frauen; in Wahrheit aber dürfte sich die Erscheinung zu ihrem Vortheil gestalten, wenn man die Scheidungsgründeins Auge faßt. Nämlich 1015 Scheidungsklagen erfolgten wegen Ausschweifungen, Gewaltthaten und grober Beleidigungen (excès, sévices, ou injures graves), 62 wegen Ehebruch des Mannes, und 21 wegen peinlicher Strafen. Von 86 Gegenklagen der Männer bezogen sich 61 auf Ehebruch der Frauen, 1 auf eine entehrende Strafe, 25 aufexcès, sévices et injures graves. Obgleich also, wie es scheint, auch die Frauen bisweilen grob sind und drein schlagen, gehen doch Scheidungsgründe dieser Art natürlich meist von den Männern aus und sindweit die zahlreichsten. Ehebruch kommt seltener zur Sprache, als man vermuthen sollte, versteckt sich aber wohl auch nicht selten hinter Grobheiten und Schläge. Weitdie meisten Scheidungsklagen fallen auf das Departement der Seine, und viel mehr auf den Norden Frankreichs, als auf den Süden. Noch ist zu bemerken, daß die große Mehrzahl der Geschiedenen Katholiken sind, welche sich nicht wieder verheirathen dürfen, also der Welt keineswegs ein Schauspiel geben wie bisweilen bei uns, wo ein schlechter Tauschhandel und eine Art von Kämmerchenvermiethen stattfindet.


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