Hundertachtundvierzigster Brief.

Hundertachtundvierzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 9. Mai 1849.

Gestern war von 9–10 Uhr Sitzung, 10–12 Weidenbusch, 12–2 Sitzung, 7–9 Casino, 9–11 Weidenbusch; wahrlich keine Sinecure, auch war ich Abends an Leib und Seele so matt wie eine Fliege im Herbste. Gegenstand der Berathungen in allen Versammlungen war vor Allem der anliegende wichtige Antrag Simon’s von Trier: die Aufstände in der Pfalz und in Sachsen zu billigen und zu unterstützen.

Ohne in die Sache selbst weitläufig einzugehen, will ich bei Dem stehen bleiben, was ich that oder sprach. Im Casino erklärte ich mich für die Nothwendigkeit, sich ganzbestimmt widerjeden Versuch auszusprechen, durchGewaltdie Verfassung einzuführen. Alle Zweideutigkeit und Nachgiebigkeit gegen derlei Bestrebungen müsse ein Ende nehmen, und wenn heute ein, diesen Grundsätzen nicht gemäßer, Beschluß gefaßt werde, so legte ich auf der Stelle mein Mandat nieder.

Im Weidenbusche widersprach ich bestimmt dem Antrage: den Einmarsch der Preußen in Sachsen aus blos formellen Gründen zu verdammen, bevoruns über die sachlichen Verhältnisse genügende und glaubhafte Kunde zugekommen sei; — und ebenso der wilden Lehre: durch Aufstellung einer provisorischen Regierung habe die des Königs von Sachsen eigentlich ein Ende genommen.

Den im Casino geäußerten Wunsch: daß ich heute in der Paulskirche für ein Programm des Weidenbusches oder des Ministerii sprechen möge, mußte ich ablehnen, so lange ich dessen Inhalt nicht kenne, und man sich für dessen Unterstützung nicht geeinigt habe.

Hinsichts der obigen, von mir vertheidigten Punkte, stimmte indeß die Mehrheit für den ersten, und verwarf die anfängliche Fassung des zweiten.

Einzelne forderten mich auf, bei meinerpersönlichen Wichtigkeitnoch lauter in den Vordergrund zu treten; da ich aber in Wahrheit persönlichunbedeutendbin, muß ich mich innerhalb der Gränzen meiner Kraft und meines Rechtes halten.

Mit jedem Tage, ja mit jeder Stunde ändern sich die Verhältnisse: Der jammervolle Kampf in Dresden, die Aussicht auf noch furchtbarere Fehden, der völlige Bruch des berliner Ministeriums mit Frankfurt, die Zuweisung aller Schuld aufuns(wie einst auf den Prinzen von Preußen) erschöpfen alle Geduld, alle Hoffnung. — Nicht für immer, aber auf so lange, als die Tyrannei oben und die Empörung unten herrscht.

Wahrscheinlich ist morgen unser letzter Kampf. Dann folgt Überlegung und Beschluß, ob wir in Masse oder einzeln davongehen. Ich habe lebhaft auf Entschließung gedrungen, und erklärt, daß ich mich durch kein abgefordertes Gelübde des Bleibens binden lasse.


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