Hundertneunundvierzigster Brief.

Hundertneunundvierzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 10. Mai 1849.

Schon wieder eine neue Krisis! Es ist ein Wunder, daß wir daran noch nicht gestorben sind. Gewiß wird der beiliegende Antrag gegen Urlaubsgesuche unser Leben nicht sehr verlängern.

Dem Antrage von Simon und Vogt gegenüber hatte das Ministerium ein gemäßigtes Programm entworfen, welches bezweckte, Reactionaire und Anarchistengleichmäßigin Zaum zu halten. Der Erzherzog hat seine Mitwirkung dafür abgelehnt und die Abdankung des Ministeriums Gagern angenommen. Er bezweckt ein neues zu bilden, was jedoch sehr schwer, ja unmöglich sein dürfte. Eine äußerste Rechte ist eigentlich nicht mehr vorhanden, oder doch in der Versammlung ohnmächtig; die Centra stimmen für Gagern, und ein Ministerium aus der Linken müßte dem Reichsverweser noch viel unwillkommener sein, als das soeben entlassene. Sollte er sich den widersprechenden Regierungen anschließen, so verliert er hier allen Boden, und die heftigsten Anträge dürften nicht ausbleiben.

Fallen heute Gagern’s Vorschläge in der Versammlung durch (welche nurgesetzlicheMittel billigen), so müssen, meines Erachtens, die preußischen Abgeordneten binnen 24 Stunden einen entscheidenden Beschluß darüber fassen, was sie thun wollen. Unmöglich aber kann er eine BilligungallerMaßregeln Preußens in sich schließen. Ihm war die Allmacht in Deutschland in die Hand gegeben, alle anarchischen Bestrebungen fielen zu Boden, wenn der König am 2. April kühn die Zügel ergriff. Man hat Schulstreitigkeiten, Zänkereien über buchstäbliches Recht u. dgl. pedantisch an die Spitze gestellt, und wird nun die mangelhafte Verfassung durch Kartätschen und Bürgerkrieg berichtigen müssen!

Es ist unglaublich, wie die Begeisterung für Preußen sich im ganzen übrigen Deutschland binnen 4 Wochen verwandelt hat.In Eurer Belagerungsatmosphäre glaubt Ihr dies nicht; sowie umgekehrt hier die Linke sich einbildet oder weiß machen läßt, ganz Preußen werde sich für ihre Fratzen oder Gewaltzwecke erheben.

Daß die vernünftigen Leute dereinenPartei für Verräther, deranderenfür Feiglinge gelten, — darüber darf man sich nicht wundern. Aber zu glauben, daß, wenn man Leib und Seele in steten Kämpfen für das als recht Erkannte opfert, nur erbärmliche Eitelkeit im Spiele, oder daß man ganz verdummt sei, wenn man sich dem oder jenem Machthaber nicht blind zu Füßen wirft, — das geht freilich über das Maß Dessen hinaus, was man erwarten konnte und mußte!

Immer ertönt das Geschrei: die Frankfurter, die Frankfurter! als wären Lassault, Vogt, Schlöffel, Gagern, Radowitzu. s. w.,alle in einer Form gebacken und über einen Leisten geschlagen!

Am 2. April war die Möglichkeit gegeben, eine großartige Wiedergeburt glorreich zu Stande zu bringen; statt dessen führte das sogenannte Gewissen in staatsrechtliche Irrthümer, gleichwie zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges das ebenfalls gepriesene Gewissen und der Blick nach Oben in die landverderblichen, Völker zerstörenden Fragen über Dreieinigkeit, Brotverwandlung, Gnadenwahlu. s. w.Das war das damalige theologische Narrenhaus, zu dem Freiwillige sich so vergnügt drängten, wie Görge in Tieck’s Reisenden. Jetzt geschieht, auf anderem Boden, ganz dasselbe von den Ultras der beiden Parteien.

Nachmittags.

Ich habe trotz Eurer Sorgen und Eures Andringens mich nicht übereilen, sondern bestimmte Ereignisse mit Recht abwarten wollen. Sie sind eingetreten. Die Nationalversammlung hat heute mit 188 gegen 147 Stimmen den anliegenden unverständigen und heillosen Antrag des Hrn. v. Reden angenommen, und unsere gemäßigten Vorschläge sind nicht einmal zur Abstimmung gekommen. An 100 Personen versammelten sich im Casino, um zu berathen, was nun zu thun sei. — Sich beruhigen, abwarten, mit dem abgegangenen Ministerium berathen, eine für Alle passende Erklärung entwerfenu. s. w.u. s. w.Gründe aller Art für, gegen — zu lang zur Entwickelung. Jeder Aufschub erschien mir unklug, unwürdig, rechtswidrig; deshalb habe ich eine einfache, bereits (vor weiteren thörichten Beschlüssen) an Hrn. Präsidenten Simson übergebene Austrittserklärung auch unterschrieben. So seid Ihr aller Sorge überhoben, und Euer Wille geschieht nunmehr zurrechtenZeit.


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