Hundertachtundzwanzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 17. März 1849.
Ich kann nicht mit Falstaff sagen: Sorgen und Zahnwehswell up a man like a bladder; vielmehr werde ich danach mager und das Gegenstück zum Grafen G., dem man (seines gewaltigen Umfangeshalber) den Titel „des Reichsschwerpunktes“ ertheilt hat.
Ein Staatenbund auf bloße Fürstenmacht gegründet, kann und wird den Deutschen nicht genügen, sie würden (den kräftigeren europäischen Staaten gegenüber) zu Grunde gehen. Das Verwerfen eines, aus dem gesammten Deutschlande hervorgehenden, dasselbe vereinigenden Volkshauses hat die österreichische Regierung hier um allen und jeden Credit gebracht; wogegen die Erklärungen der berliner Kammern den günstigsten Eindruck machen, diese (Gottlob) von kleinlichen Zänkereien ablenken und auf die vorliegenden großen Aufgaben hinweisen.
Gestern Abend ward im Weidenbusche bemerkt, daß wir wieder ein Paar Stimmen gewonnen hätten. Alles dies ist und bleibt jedoch unsicher und unentscheidend, da 1) nicht feststeht, wie viel Abgeordnete bei der Abstimmung gegenwärtig sein werden; 2) wie viel sich des Mitstimmens enthalten; 3) wohin eine bedeutende Anzahl von Schwankenden sich zuletzt wenden wird.
Ferner ward gestern Abend gewarnt und beschlossen: man solle sich durch etwanige Grobheit und Ungebühr nicht zu Zorn und Lärm fortreißen lassen, sondern sich ruhig verhalten und der immer tüchtigen und unparteiischen Leitung des Präsidenten Simson vertrauen.
Die österreichischen Abgeordneten befinden sich in einer sehr unangenehmen Lage. Eine Forderung ihres Austritts ist hier noch nicht ausgesprochen worden; doch wird sie schwerlich ausbleiben, sofern sie sich nicht von der letzten undeutschen Note ihrer Regierung lossagen. Thun sie aber dies, so stehen sie mit ihrem (selbst von Welcker aufgegebenen) Vermittelungsplane, einem Direktoriumu. s. w.in einer unglücklichen, haltungslosen Mitte, welche weder den Parteien, noch den vorliegenden Verhältnissen genügt.
Das Direktorium ist, demScheinenach, sehr zweckmäßig, weil es Österreich und Baiern beruhigt; es verletzt aber alle Ausgeschlossenen, und wird, in sich uneinig, dem Auslande gegenüber, nie die nöthige Einheit und Kraft gewinnen. 23 Millionen, thätig in einer und derselben Richtung, sind mächtiger, als 33, die sich untereinander hemmen, verwirren und lahm legen. Alles Centralisiren hat seine Schattenseiten; aber das Zerfallen ist noch weit gefährlicher für ein Volk, das Nachbarn hat wie Franzosen und Russen.
Am verhängnißvollen 18. März.
Die gestrige Sitzung (die erste, welche der Berathung über die Verfassung gewidmet war) hatte eine solche Überzahl von Männern und Frauen herbeigelockt, daß noch ein Theil der sonst anderweit benutzten Galerien geöffnet wurde. Die Hitze stieg hiedurch bis zum Unerträglichen und die Luft blieb kaum athembar; — doch mußte man aushalten. Ich schweige über die gehaltenen Reden, da die Zeitungen darüber umständlich berichten, und bemerke nur, daß die des aus Wien zurückgekehrten H. (derselbe, der im Sommer ein Ministerium bilden wollte, aber kläglich zurücktreten mußte) so „fortlaufenden“ Beifall fand, daß bei dem benachbarten Herrn Jouy kein Platz übrig war, um zu frühstücken!
Der Gedanke, daß fremde Mächte sich behindernd einmischen möchten, erregt den allgemeinsten, höchsten Zorn, und ebenso Österreichs Widerspruch gegen einen engeren Bund, während es seinerseits ohne alle Rücksicht auf Deutschland vorschreitet. Obgleich die österreichischen Abgeordneten sich kurzsichtig dazu hergegeben haben, das Wahlgesetz nach den demokratischen Ansichten der Linken durchzutreiben, macht Hr. V. nebst Gleichgesinnten den Antrag: Österreich mit Krieg zu überziehen, und mancher Ultramontane möchte dies gegen Preußen versuchen! — Man wird an Schiller’s Wort erinnert: wächst mir ein Kornfeld in der flachen Handu. s. w.
Nach Barrow’s Spanien durchblättere ich mit Vergnügen Kingston’s Portugal, in dessen nördlichem Theile sich zufolge der (fast zu zahlreichen) Naturbeschreibungen schöne Gegenden finden. Im Ganzen ist auch dies romanische Volk hinter den germanischen zurückgeblieben.