Hundertdreiundvierzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 23. April 1849.
Im Weidenbusche ward der Vorschlag gemacht: man solle, gegen die bereits angekündigte Tagesordnung, die Berathungen über den Ausschußbericht noch um einige Tage aussetzen, und hiedurch Zeit gewinnen. So nützlich der letzte Zweck auch erschien, ward der Antrag dennoch abgelehnt:
1) weil er der Geschäftsordnung zuwiderlaufe, und in der Paulskirche gewiß durchfalle;
2) weil wir statt vierzehn Tage bereits drei Wochen gewartet hätten;
3) weil das Volk im Nichtsthun neue Unentschlossenheit und Schwäche sehen würde.
Ein zweiter Vorschlag ging dahin: man solle die Regierungen auffordern, sogleich, behufs der Entscheidung der wichtigen deutschen Angelegenheiten, ihre Kammern zusammenzuberufen; oder man solle doch wenigstens die Mißbilligung ihrer unzeitigen Vertagung aussprechen. Auch dieser Antrag ward (ungeachtet mancher dafür sprechenden Gründe) abgelehnt: denn er könne als ein Übergriff in die Landesrechte betrachtet werden, und es sei außerdem ungewiß, ob sich alle Kammern (z. B.die baiersche) in unserem Sinne erklären dürften. Besser man überlasse es den, ohnehin schon sehr eifrigen Einwohnern der einzelnen Staaten, diese Angelegenheit zu betreiben. Auch müsse man den Schein vermeiden, als bedürften Reichsbeschlüsse einer ständischen Prüfung und Bestätigung.
In unserer Versammlung (welche die Partei derGemäßigtenbildet oder vertreten soll) ward dennoch ausgesprochen: noch seien jene Maßregeln nicht an der Zeit, man werde und müsse aber viel stärkere ergreifen, wenn Unentschlossenheit, Eigennutz undDummheit irgendwo zu dem Versuche bringe, Deutschland noch einmal um seine Einheit, Freiheit und Macht zu betrügen. Eine neue gewaltige Revolution müsse diesem Unwesen ein für allemal ein Ende machen!
Von hier ist der Übergang zu der bittersten Kritik nur zu wahr und zu leicht. Ist es nicht (so sprechen Abgeneigte) ein Spott und Hohn für die Reichsversammlung und ganz Deutschland, daß der König von Würtemberg sagt: er werde sich erklären, sobald Preußen es gethan, und daß die preußische Regierung versichert: sie werde es thun, wenn Andere vorangegangen wären. Wie kann Preußen, statt die Siegesfahne voranzutragen, hinter der Fronte auf einem diplomatischen Packwagen abwarten, ob neidische Fürsten geneigt sind, ihn in einen Triumphwagen zu verwandeln!
So stehen wir am Abgrunde; weil man am Tage der entscheidenden Schlacht juridisch-ethisch-philosophisch-christliche Abhandlungen oder Noten für sentimentale Vereinbarung und für den ewigen Frieden schreibt, Staatsrecht und Privatrecht verwechselt, und (wie Montesquieu sagt) welthistorische Ereignisse, wie den Prozeß um eine Dachtraufe betrachtet und behandelt.