Hundertdreizehnter Brief.
Frankfurt a. M., den 16. Februar 1849.
Wenn man einer Sorge ledig wird, tritt eine andere ein. In den ersten Monaten nach Eröffnung des frankfurter Reichstages war dieser allzukühn und nahm volle Allmacht in Anspruch. Der Bundestag ward zur Seite geworfen, ein Reichsverweser aus eigener Macht ernannt; von Fürsten und Regierungen nahm man keine Kenntniß, und diese schwiegen und verkrochen sich, aus Furcht vor den gewaltsamen,revolutionairen Ausbrüchen. Jetzt hingegen steigen deren Ansprüche mit jedem Tage und es ist offenbar genug, daß sie die frankfurter verfassunggebende Versammlung in eine blos berathende Behörde verwandeln und den alten Staatenbund mit wenigen Abänderungen herstellen möchten. Wenn Österreich sein Gewicht in diese Wagschale legt und Preußen schwankt, so könnte leicht das letzte Ziel erreicht, Frankfurt ohne Ergebniß aufgelöset und (wie es schon in Paris und London geschieht) als thöricht und lächerlich bezeichnet werden.
Ist man aber hiemit wirklich an einem löblichen, genügenden Ziele angelangt? Ich glaube keineswegs! Mag man den alten Bundestag übertrieben getadelt haben, und sein Übelthun, oder Nichtsthun, mehr durch diePersonen, als durch dieFormherbeigeführt sein, gewiß genügt ein solcher vielköpfiger Fürstentag dem inneren Bedürfnisse Deutschlands nicht, und noch weniger seinem gefährlichen Verhältnisse zum Auslande. Die beschlossenen Grundrechte bedürfen einzelner Verbesserungen, aber sie sind viel zu sehr aus wirklichen Bedürfnissen hervorgegangen, als daß man sie, im Widerspruche mit fast allgemeinen Wünschen und Überzeugungen, verwerfen dürfte. Ebensowenig kann jetzt eine deutsche Verfassung ohne Volkshaus und Volksvertretung Boden gewinnen.
Es ist möglich, daß wir an Mattigkeit, Uneinigkeit, oder durch Gewalt sterben; aber aus unseren Gebeinen würden Rächer erstehen, es dürfte sich ein neuer, größerer Sturm erheben, und zuerst die kleineren, dann die größeren Fürsten von der deutschen Erde hinwegfegen. Hierauf vielleicht eine wilde Republik, und dann der Sieg der Despotie, unter obligater, theuer bezahlter Mitwirkung fremder Mächte. Die kleineren Fürsten scheinen am ersten erkannt zu haben, um was es sich handelt und was auf dem Spiele steht; nicht so die neu geschaffenen Könige. Allerdings muß man Vieles begraben, was abgestorben ist, und woran Niemand mit größerer Zärtlichkeit hing, als ich; Wünsche aber beleben nicht, und jede Wiedergeburt erfordert eine andere und neue Gestaltung.
Mit welcher Theilnahme betrachtete ich in meinen Kinderjahren die homannsche Karte des schwäbischen Kreises. Die unerbittliche Hand einer revolutionairen Zeit hat dies Alles weggewischt und miteinerFarbe überstrichen, welche (jeder Mannigfaltigkeit entbehrend) an den Mangel aller Farbe in dunkler Nacht erinnert. Statt all der verschiedenen Eigenschaften, Organisationen, Qualitäten, nur gleichartige Quantitäten, Volksmenge und ein Divisionsexempel, welches man constitutionelle Repräsentation nennt!
So, wenn ich theilnehmend rückwärts blicke; derHistoriker soll aber ein zweiköpfiger Janus sein und auch vorwärts sehen und forschen. Man liebt und ehrt seine Voreltern, aber jedes Geschlecht muß seine eigenen Kinder zeugen.
Alle europäischen Regierungen haben sich concentrirt und innerlich gestärkt; ihnen gegenüber ist ein zerstückeltes, vielköpfiges, vielerlei wollendes Deutschland immer im Nachtheile. Man muß sichunterordnen, um nichtunterzugehen!
Ich habe es mir mit dem Nachlesen vieler stenographischen Berichte pflichtmäßig sauer werden lassen und die hiesigen Berathungen mit den pariser Erfahrungen zusammengestellt. Kommenwirnicht in das gelobte Land, sollen wir doch Weg und Richtung andeuten; aber freilich kommt unendlich viel darauf an,werden Weg betritt: ob 1640 der große Kurfürst, 1740 Friedrich II., 1840 Friedrich Wilhelm IV. Schon mehre Male hat Glück und Gelegenheit diesem ihre Stirn zugewandt; ich ehre seine Zweifel, aber wer nicht wagt, gewinnt nicht.
Gestern Abend wohnte ich im Casino wieder Berathungen über das Wahlgesetz bei. Man kann dafür leicht hundert Vorschläge machen; indem aber Jeder sein Lieblingskind in der Paulskirche zur Taufe präsentiren will, zersplittern sich Ansichten und Kräfte, Glaube und Vertrauen entweicht den Schwankenden, und dieeinstimmigauf ganz allgemeines Wahlrecht dringende Linke wird über die vielen zwiespaltigen Weisen obsiegen. Wären wir Alle einig, so würden wir wohl einen mäßigen Census (an Einnahmen und Steuern) durchsetzen und Diejenigen ausschließen, welche man als Proletarier bezeichnen muß. In ruhigen Zeiten fallen diese in die Gewalt reicher Grundbesitzer und Fabrikherren; in unruhigen Zeiten schlagen sie hingegen diese todt, oder werden doch auf anarchischem Wege ihre Herren.
Tadelt mich nicht, wenn ich gar viel rechts und links schaue: man hat einen steifen Hals noch nie für ein Glück gehalten, und Schauklappen will ich mir weder selbst vorbinden, noch vorbinden lassen. Freilich ist meinEinerseitsundAndererseitssehr dürftig im Vergleiche zu der Mannigfaltigkeit der Ansichten und Wünsche, welche in zahlreichen Eingaben ausgesprochen werden. Zum Beispiele vom demokratischen Klub in Insterburg: die Nationalversammlung habe die Freiheit an die Camarilla geopfert, das Volk werde über sie zu Gericht sitzen und nur 89 Mitglieder der Linken anerkennen. — Aus Lemgo: die Reichsversammlung solle das Vergangene wieder gut machen, oder ihr Mandat niederlegen. — Aus Heinichen: die Rechte der Versammlung besitzt nicht das Vertrauen der Nation. — Aus Weilburg: man solle den Mord des Freiheitshelden Blum rächen. — Aus Künzelsau in Würtemberg:die deutschen Fürsten sollen im Römersaalewürfeln. Wem Gott in seiner Allweisheit den höchsten Wurf verleiht, — der soll in Deutschland regieren. — Von Helmuth Riehn in Estebrüge: Fürst Metternich und seine Anhänger sind unter gewissen Bedingungen zu amnestiren und an die Spitze der Regierung des deutschen Reiches zu stellen, und auch den Jesuiten Theilnahme an allen Freiheiten einzuräumen! —
Den 17. Februar.
Ihr werdet es unfolgerecht von mir finden, daß ich erst auf die Klubs schelte, und jetzt fast jeden Abend auf mehre Stunden ins Casino gehe, oft spreche und selbst auffordere im Kampfe nicht dadurch zu unterliegen, daß Jeder auf seiner Meinung besteht und die Stimmen zersplittert. Wie aber die Dinge liegen, muß man unter zwei Übeln das kleinere wählen, und da ich in der Paulskirche nicht zu Worte kommen kann, will ich wenigstens im kleineren Kreise versuchen meine Pflicht zu thun und nicht als bloße Null zu erscheinen.
Auf die Prüfung des Wahlgesetzes wird hoffentlich die zweite Lesung des Verfassungsentwurfes folgen. Leider zögern aber viele Regierungen noch immer, bestimmte, inhaltsreiche Erklärungen abzugeben, und Partikularismus wie Centralisation wird in denStändeversammlungen und der Paulskirche mit Leidenschaft verfochten. Was soll man anfangen mit Redensarten wie: esschwebeder österreichischen Regierung dieMöglichkeiteiner guten Verfassung vor; eine solche sei kein bloßerTraum, man könne sich ihrallmälignähernu. s. w.Solche diplomatische Blasen (bubbles) täuschen Niemand und helfen zu gar nichts. Deutlich ist nur was Österreichnichtwill; und wenn ich dies auch nicht tadele, so kommen wir doch nicht vorwärts, ehe es sagt,wases will. — Oder wir beschließen hier ohne Fingerzeig und Weisung; das führt dann nur zu Vorwänden das Mißfällige zu verwerfen, und nach Auflösung der hiesigen Versammlung zu dem Wahne: die alte Kabinets- und Bundespolitik könne sich wieder in dem alten Großvater- und Schlafstuhl niederlassen, ohne jemals gestört zu werden.
Wenn die berliner Versammlung verständig und gemäßigt ist, wenn Preußen dadurch erstarkt, wenn es mit Frankfurt einig bleibt, die bereits ergangenen, günstigen Erklärungen der kleineren Regierungen dankbar und freundlich annimmt, die größeren beruhigt, so steht Deutschland (wie auch Österreich sich stelle) eine große und schöne Zukunft bevor; — sonst geht und fällt Alles auseinander, wie die Kirchenversammlung von Basel 1448 vor 400 Jahren!
Nachmittags.
Viele wünschten, daß ich über das Wahlgesetz in der Paulskirche sprechen sollte, und so ist dies, weil mir Jemand seine Stelle abtrat, heute geschehen. Daß der Unparteiliche am wenigsten gefällt, ist natürlich; doch bin ich äußerlich gut davongekommen und Mehre haben mir ihren Beifall bezeigt. In den stenographischen Berichten werdet Ihr die Rede bald lesen. Es ist mir lieb, daß ich doch habe ein Lebenszeichen geben können! —
Raumer’s Rede vom 17. Februar 1849.Meine Herren! Herr Vogt hat vor einiger Zeit gesagt, daß die Reichsgewalt historische Gesandte abgeschickt habe.Ich weiß nicht, ob Herr Vogt bei dieser Gelegenheit auch an mich gedacht hat; im bejahenden Falle nehme ich seine Bezeichnung dankbar an und bitte um die Erlaubniß, auch heute diesen geschichtlichen Charakter nicht verläugnen zu dürfen.Worin besteht der Unterschied zwischen einem Redner und einem Geschichtsforscher? Darin, daß der Redner das Recht und die Pflicht und die Geschicklichkeit hat,eineAnsicht mit aller Kraft des Kopfes und des Herzens zu vertheidigen, wodurch er in der Regel weit größeren Beifalls gewiß ist, als Derjenige,welchem es obliegt, die Ansichten von einer oder von mehren verschiedenen Parteien mit voller, wo möglich gleicher Unparteilichkeit zu entwickeln. Je mehr man aber auf diesem Wege fortschreitet, meine Herren, desto mehr überzeugt man sich, daß die Wahrheit und das Recht höchst selten allein aufeinerSeite — auf der rechten oder der linken — liege, sondern daß in jeder Ansicht ein Element des Rechts und der Wahrheit ist, und daß da, wo vielleicht das Unrecht allein vorzuwalten scheint, man doch den Glauben und die Überzeugung haben kann, daß eine höhere Fügung Alles zum Besten zu lenken wisse. Ich bitte also um die Erlaubniß, hier nicht mit schwächeren Kräften, weit größeren Talenten im Reden nachzustreben, sondern (ich möchte sagen, schon der Abwechslung halber) mir zu erlauben, einige historische Bemerkungen einzuflechten, die sich allerdings denn doch auf die Sache beziehen.Die Aufgabe, in welchem Maße die politischen Rechte ausgeübt werden sollen, ist im Ablaufe der Zeiten sehr verschieden gelöset, oder doch der Versuch gemacht worden, sie zu beantworten. Die erste Form der Lösung ist die: daß eine ausgezeichnete Persönlichkeit (ohne Rücksicht auf alle Anderen) mit Übermacht die Geschicke bestimmt. Diese Methode findet hier ganz mit Recht keinen Beifall; ich muß Sie jedoch darauf aufmerksam machen, daß sie keineswegsimmer so schädlich gewesen ist, wie man bisweilen behauptet. Nicht allein Monarchen haben auf diesem Wege die Weltgeschichte in großem Style gefördert (wie Karl der Große, Peter der Große und Friedrich der Große), sondern vorzüglich in der alten Welt wußte man auch, daß einzelne Männer von hohem Geiste oft geschickter sind Sachen zum Ziele zu führen, als zahlreiche Versammlungen. Deshalb sind Moses, Lykurg, Solon, Numa Pompilius, Servius Tullius denkwürdig für alle Zeiten. Indessen ist hiemit die Aufgabe nicht für alle Zeiten gelöset. — Die nächste Form war nun die, daß man sich verließ auf dieGeburt, und mit ausschließlicher Rücksicht auf sie politische Rechte ertheilte; eine Ansicht, die jetzt ebenfalls höchst mangelhaft und thöricht erscheint. Sie ist aber auch nicht ohne Merkwürdigkeit; denn keine Ansicht hat sich in der Weltgeschichte länger erhalten als diese. Gebildete Völker, wie die Inder und Ägypter, haben sehr schroffe Kasteneintheilungen, welche, je widerstrebender sie für uns sind, um so mehr einer Erklärung bedürfen. Diese Erklärung lief nun wohl darauf hinaus, daß man sagte: wenn gewisse Verhältnisse in der bürgerlichen Gesellschaft betrachtet werden alsgegebene, wenn sie keine Veranlassung darbieten zum Zweifeln, Wählen, Zaudern, so ist allem Streite ein Ende gemacht. Sobald der Eine weiß, er ist geboren als Krieger,sobald der Andere weiß, er ist geboren als Kaufmannu. s. w.,so bleibt die bürgerliche Stellung unwandelbar geordnet und der Staat hat ebensowenig Noth mit Regelung dieser Verhältnisse, als damit, daß Jemand als Mädchen oder als Knabe, in diesem oder jenem Lande u. dgl. geboren ward. —Erst mit den Griechen tritt Wesen und Begriff der Freiheit in die Welt, denn Alles, was vorher in dieser Beziehung versucht ward, blieb unvollkommen. Mit diesem Begriffe der Freiheit kommt aber noch ein anderes neues Element in die Anordnung der politischen Rechte, welches zuerst ausgesprochen ward vonSolon. Zwar hat man ihn vorhin getadelt, ich glaube aber, er würde sich hinreichend vertheidigen können, wenn er gegenwärtig wäre!! Was war der Gedanke Solon’s? Daß allerdings die Person frei werden solle, daß aber zu der Person ein Besitz gehöre. So tritt die Frage nach dem Besitze zum ersten Male bei den Griechen in die politische Welt. Was that Solon? Er theilte seine Athener, mit ihrer Zustimmung, in vier Klassen nach den Einnahmen und gab den höheren Klassen größere Rechte, aber wohl gemerkt, auch größere Pflichten. So entstand eine billige Wechselseitigkeit. Wenn nämlich Jemand in eine höhere Klasse kommen wollte oder konnte, mußte er für das erweiterte Recht eine größere Last, eine größere Pflicht in Bezug auf Steuerund Kriegsdienst übernehmen. Nachdem sich jedochalleAthener in den Perserkriegen groß gezeigt hatten, waren die niederen Klassen nicht mehr geneigt, sich von gewissen Rechten ausschließen zu lassen. Es ward also durch Aristides, um eine größere Revolution zu vermeiden, eine allgemeine gleiche politische Berechtigung eingeführt. Später ging, ich möchte sagen unter dem constitutionellen Monarchen Perikles, die Sache noch gut und im großen Style; nachher aber reihte sich der Verfall Athens zur Zeit des Gerber Kleon und Anderer an dieses allgemeine Stimmrecht und diese unbedingte Gleichstellung.Ich gehe über auf Rom. Servius Tullius ergriff auch den Begriff des Besitzes, aber anders. Er stufte die politischen Rechte ab, nicht nach den Einnahmen, sondern nach dem Eigenthume. Es würde zu weit führen, wenn ich den Unterschied zwischen beiden Methoden umständlich darthun wollte; ich muß Sie aber darauf hinweisen, daß Servius Tullius sich nicht begnügte, wie Solon Klassen zu bilden, sondern daß er mit der Klasseneintheilung die Centurieneintheilung verband, das heißt, er gab den Reicheren außerordentlich viel größere Rechte und gründete dadurch eine lang dauernde Aristokratie, welche die niedrigste Klasse wie von den Rechten, so auch von den Lasten ausschloß. Dies Bevorzugungssystem der Reichen fand allmälig den stärksten Widerspruch undward im Wesentlichen durch eine neue politische Form, durch die Tribus zerbrochen. In den Tribus fragte kein Mensch nach dem Gelde; aber es fand desungeachtet keineswegs ein allgemeines Stimmrecht statt, so wie es in unseren Tagen verstanden wird. Jede Tribus, — durchschnittlich 35 —, bildete nämlich eine Corporation mit einer Stimme. Es waren aber nicht gleich viel Personen in jeder Tribus, sondern der zahlreiche Stadtpöbel Roms ward zusammen genommen in wenige städtische Tribus, und minder viel Personen bildeten eine ländliche Tribus. Später fand man nicht den Übergang, — obgleich er so leicht schien, wie das Ei des Columbus —, aus der Stadtverfassung in eine Staatsverfassung; man kam nicht auf den Begriff der Repräsentation. Dieser findet sich erst im dreizehnten Jahrhunderte durch sehr verschiedene Personen fast gleichzeitig eingeführt, nämlich durch den Kaiser Friedrich II. und durch die Bettelmönche.In neuerer Zeit ist das allgemeine Stimmrecht, — ich will nur von Republiken sprechen —, in Frankreich und Nordamerika versucht worden. In Frankreich ist eine Kammer daraus hervorgegangen, die eine Verfassung entwarf, an welche die Franzosen selbst nicht mehr glauben; sie hat ferner die Wahl eines Präsidenten zu Stande gebracht, von der mir mehre Franzosen gesagt haben: wenn in einer Erbmonarchie ein Kronprinz dieser Art wäre, so würde man das stärkste Argument gegen die Erbmonarchie daraus hernehmen können. (Heiterkeit.) — Ich komme auf Amerika. Man hat gesagt, dort ist kein Census; dies kann ich jedoch nicht als richtig einräumen. Es ist nämlich dort kein Census, insofern man darunter lediglich die Nothwendigkeit versteht, ein größeres oder geringeres Vermögen nachzuweisen; wenigstens besteht ein solcher Census nur in einigen Staaten, oder insofern eigentlich gar nicht, als die Forderungen so gering sind, daß in der That kaum irgend Jemand dadurch ausgeschlossen wird. Hiemit ist aber der vollständige Begriff des amerikanischen Census keineswegs erschöpft; vielmehr ist in Amerika durch die Verfassung fast aller Staaten vorgeschrieben, daß der Wählende Steuern müsse bezahlt haben, und inallenVerfassungen ist gesagt: er müsse ansässig sein, mit welcher Forderung immer die Pflicht des Steuerzahlens verbunden ist; sie ist die Bedingung, ohne welche Niemand zur Wahl kommt. Die Amerikaner meinen überhaupt, Gleichheit wäre nur da, wo gleiche Verhältnisse obwalten; wo aber verschiedene Verhältnisse sind, da liegt eben die höhere Gleichheit in der Verschiedenheit. (Zuruf: Sehr richtig!) Wenn also Geburt, Besitz und Persönlichkeit die Haupteigenschaften sind, nach welchen die politischen Rechte abgestuft wurden, so finden wir doch auch verschiedeneMischungen in den Verfassungen, wo sowohl auf die Personen, als auf den Besitz Rücksicht genommen wird, oder:SeinundHabensind beide gleichmäßig berücksichtigt.Meine Herren, fragen Sie, wie wohl ein Amerikaner, wenn er hier in unserem Kreise säße, seine Abstimmung einrichten würde, so dürfen wir, um hiefür zeugen zu lassen, nicht den ersten besten Amerikaner nehmen. Ich will also Den sprechen lassen mit Ihrer Erlaubniß, der nach meinen genauen Untersuchungen, nach meiner festen Überzeugung, der allergrößte Republikaner und Demokrat ist, der jemals in der Weltgeschichte aufgetreten, an dessen Wirksamkeit sich eine ganze neue Welt anreiht, der den Vereinigten Staaten eine neue Bahn vorzeichnete, die sie am Anfange selbst nicht ahndeten, dessen Grundsätze die bewunderungswürdigsten Folgen gehabt, also ein Mann, vor dem Alle Ehrfurcht haben und haben müssen, — das ist der PräsidentJefferson. Er selbst war im Anfange der Revolution als Gesandter in Paris, stellte sehr genaue Beobachtungen an, und erklärte sich darüber in Briefen und Memoiren. Aus diesen will ich mit Erlaubniß der Versammlung eine Stelle vorlesen.Es kommt darin ein starker Ausdruck vor, welchen ich mir nicht erlauben würde aus Besorgniß zur Ordnung gerufen zu werden, ich habe aber keinRecht, etwas zu ändern, wenn ich citire. Die Stelle ist folgende:„Vor der Gründung der amerikanischen Staaten kannte die Geschichte nur Menschen in der alten Welt, in schmale, übervölkerte Gränzen eingeengt und eingetaucht in die Laster, welche ein solcher Zustand hervorbringt. Für solche Menschen paßt eine, für unsere Staaten ganz verschiedene Regierung. Durch Arbeit, in Ackerbau oder Gewerben, gewinnt hier Jeder seinen Bedarf und Hülfsmittel für die Zeit des Alters. Jeder ist durch sein Eigenthum und seine ihm genügende Stellung, für die Aufrechthaltung von Gesetz und Ordnung wesentlich interessirt. Solcherlei Männer mögen sich mit Sicherheit und Vortheil eine angemessene Controle oder Aufsicht über die öffentlichen Angelegenheiten vorbehalten, welche in den Händen des Gesindels der europäischen Staaten sogleich würde mißbraucht werden, zum Niederreißen und Zerstören aller öffentlichen und bürgerlichen Rechte und Güter. Die französische Geschichte der letzten 25, die amerikanische der letzten 40, ja 200 Jahre, beweiset die Wahrheit beider Seiten dieser Beobachtung.“Zu Dem, was hier Jefferson anführt, darf ich noch eins hinzusetzen: es herrscht in Amerika eine unbegränzte Achtung vor dem Gesetze; es würde kein Amerikaner jemals neben der gesetzlichen Verfassung,neben den gesetzlichen Behörden, wagen, einen noch so wohlwollenden politischen Gedanken durchsetzen zu wollen.Ich habe vorhin gesagt, daß der Historiker dasfürundwiderebenmäßig zu betrachten die Pflicht hat; da es aber hier der Gebrauch ist, sichfüroderwidereinen Antrag einschreiben zu lassen, so habe ich dasfürgewählt, obgleich ich in keiner Weise mit allen gemachten Anträgen einverstanden bin. Zuvörderst bin ich der Meinung, daß der Vorschlag des Ausschusses, ganze Klassen auszuschließen, unbrauchbar ist. Ich erkläre mich gegen den Gedanken, durch Bezeichnung des Berufes Leute wegzuweisen oder einzulassen. Hiebei will ich aber noch etwas bemerken, was hier wenigstens mit weniger Nachdruck hervorgehoben worden ist. Man kann nämlich gegen das Zulassen der Bedienten, Tagelöhner und Fabrikarbeiter den Einwand oder die Besorgniß aussprechen, daß der Vorschlag der Zulassung nicht demokratisch genug sei, weil zwar in Zeiten der Unruhe, in denen wir uns leider noch befinden, diese Massen vielleicht über das rechte Maß hinausgehen und für die gewaltige Bewegung, in der man das Heil sucht, ihre Hand anlegen werden — aber in Zeiten der Ruhe da werden die Bedienten leicht abhängig von ihren Herren, die Tagelöhner leicht abhängig von größeren Grundeigenthümern, der Fabrikarbeiter aber vom Fabrikherrn, und dann bekämen wir eine Aristokratie, die schlechter sein würde, als Das, was wir vermeiden wollen. — Ich darf Sie, meine Herren, an ein Beispiel erinnern. Ich war zu der Zeit, als die Reformbill berathen wurde, in England, und viele ausgezeichnete Staatsmänner hegten die Meinung, man müsse den kleinen Pächtern das Stimmrecht zugestehen und nicht dazu ein Grundeigenthum verlangen, welches in England überhaupt nur in wenigen Händen ist. Es waren jene Staatsmänner der Überzeugung daß jeder kleine Pächter, welcher das Stimmrecht bekäme, unbedingt für die freisinnigen Whigs stimmen würde. Ich widersprach dem damals und behauptete, es sei das Entgegengesetzte zu besorgen. So kam es auch, denn nach der neuen Parlamentswahl hatte sich herausgestellt, daß vielen dieser mit dem Wahlrechte beglückten Personen die Pacht wäre gekündigt worden, wenn sie nicht eingewilligt, mit ihren Verpächtern zu stimmen. (Stimmen auf der Rechten: Hört!)Es läßt sich von den allgemeinen Bemerkungen, welche zu machen Sie mir erlaubt haben, nicht füglich die Frage trennen: ob eine direkte oder indirekte Wahl vorzuziehen sei. Jede zeigt eigenthümliche Vorzüge, doch stimme ich für die erste. Man hat in Frankreich den Versuch gemacht, in Abstufungen wählen zu lassen, indem man dem niedriger Besteuertenein geringeres, dem höher Besteuerten ein größeres Recht einräumte. Dieser Versuch ist vollkommen mißglückt und hat die größte Unzufriedenheit hervorgerufen; denn er beruhte nicht blos auf einer Abstufungsnachweisung der Steuern, welche praktisch schwer durchzuführen ist, sondern er theilt gar leicht auch jede Kammer, ich möchte sagen, in zwei feindliche Lager, sodaß alle Vermittelungsversuche, sie auszusöhnen, vergeblich sein dürften. Wenn in England der Herzog von Southerland, welcher wohl hunderttausend Pfund jährliche Renten bezieht, im Verhältniß, oder doch bedeutend mehr Stimmrecht haben sollte, als ein anderer wahlfähiger Bürger, so würde man sich dagegen gewiß auflehnen. Ich wünsche also keine Stufen, keine Wahlmänner, keine Doppelwahlen.So kommen wir denn endlich auf den Census. Ich will hier der Merkwürdigkeit halber Jemand erwähnen, welcher in neuerer Zeit oft in einer ehrenvollen Weise angeführt worden ist, die er nicht verdient. Man schlug in Frankreich vor, daß die ärmeren Klassen von dem Steuerzahlen befreit werden sollten. Robespierre behauptete dagegen, es sei eine Ehre, Steuer zu zahlen, und wer sich dieser entschlagen wolle, der stehe nicht an der rechten Stelle. So betrachtet man diese Sache auch in Amerika. Dort sagt man: ich würde mich schämen, zu wählen, wenn ich nicht zum allgemeinen Besten meinenSteuerbeitrag entrichtet hätte. (Stimmen auf der Rechten: Sehr gut!) — Meine Herren! Wir stehen auf einer bedenklichen Stelle; ich will nicht weit abschweifen, aber es hängt Alles zusammen, und deshalb gebe ich Ihnen Folgendes zu bedenken: Wenn wir jetzt in der Zeit der Bewegung abstimmen und für die wichtigsten Vorschläge nur eine kleine Majorität zusammenbringen, wenn wir glauben mit zehn Stimmen Mehrheit einen Reichsrath, mit einer Majorität von zwanzig Stimmen ein Wahlgesetz und mit einer Stimmenmehrheit von vielleicht fünfundzwanzig einen Kaiser machen und der Weltgeschichte eine neue große Wendung geben zu können, so irren wir uns; diese Meinung, diese Hoffnung ist auf Sand gebaut. Wenn wir uns nicht vereinigen und mit einer imposanten Mehrheit einen Beschluß zu Stande bringen, so wird dies Zwiespalt erzeugen: Jeder wird glauben, das Vaterland zu retten, aber Keiner wird es retten. (Stimmen auf der Rechten: Sehr gut! sehr wahr!)Ich möchte nochmals auf etwas zurückkommen, denn ich habe darüber Erfahrungen gemacht:experto crede Ruperto! Zurückkommen also möchte ich auf das Wort des Herrn Vogt über die Abschickung historischer Gesandten. Es hat dieses Wort noch eine andere Bedeutung, als die oben erwähnte; es hat eine tiefsinnige, furchtbare Bedeutung. Es weissagt:Ihr werdet nicht blos im Jahre 1848, sondern auch in ZukunfthistorischeGesandte abschicken. Was heißt das? Es heißt: diese Leute werden in zierlichem Style und auf dem feinsten Postpapiere berichten über die Art, wie andere Völker die Blätter der Weltgeschichte mit ihren Thaten erfüllen; von uns, von unseren Einwirkungen, Thaten und Entscheidungen, von unserem eigenen Volke wird aber nicht die Rede sein. Ich habe das bitter erfahren. Man hat mich mit der größten Höflichkeit und Achtung, ja mit ausgezeichnetem Vertrauen empfangen und behandelt, so weit es meine Person betraf. Aber konnte ich mich eitel hiemit trösten, wenn ich täglich sehen und hören mußte, wie man mein Vaterland, wie man die Reichsversammlung, die Centralgewalt betrachtete und gering achtete? (Stimmen: Hört! hört! — Bewegung). — Sie erlauben mir zum Schlusse nochmals einige Worte von Jefferson mitzutheilen. Er sagte zu einer Zeit, welche in gewissem Sinne der unseren ähnlich war: „Mögen Alle den heiligen Grundsatz im Herzen tragen, daß, weil der Wille der Mehrheit in allen Dingen entscheidet, dieser eben deshalb gerecht und vernünftig sein muß, und daß die Minderheit ihre gleichen Rechte besitzt, welche man durch gleiche Gesetze beschützen soll, und welche zu verletzen Unterdrückung sein würde. Laßt uns deshalb, ihr Mitbürger, uns vereinen zu einemHerzen und einem Sinne. Laßt uns im geselligen Umgange die Harmonie und Liebe herstellen, ohne welche die Freiheit, ja das Leben selbst nur traurige Dinge sind. Laßt uns bedenken, daß wir aus unserem Lande die religiöse Unduldsamkeit verbannt haben, durch welche die Menschen so lange litten und bluteten, daß wir aber nur wenig würden gewonnen haben, wenn wir eine politische Unduldsamkeit beförderten, welche ebenso gottlos und zu gleich bitteren und blutigen Verfolgungen fähig ist.“ (Im Centrum und auf der Rechten lebhafter Beifall.)
Raumer’s Rede vom 17. Februar 1849.
Meine Herren! Herr Vogt hat vor einiger Zeit gesagt, daß die Reichsgewalt historische Gesandte abgeschickt habe.
Ich weiß nicht, ob Herr Vogt bei dieser Gelegenheit auch an mich gedacht hat; im bejahenden Falle nehme ich seine Bezeichnung dankbar an und bitte um die Erlaubniß, auch heute diesen geschichtlichen Charakter nicht verläugnen zu dürfen.
Worin besteht der Unterschied zwischen einem Redner und einem Geschichtsforscher? Darin, daß der Redner das Recht und die Pflicht und die Geschicklichkeit hat,eineAnsicht mit aller Kraft des Kopfes und des Herzens zu vertheidigen, wodurch er in der Regel weit größeren Beifalls gewiß ist, als Derjenige,welchem es obliegt, die Ansichten von einer oder von mehren verschiedenen Parteien mit voller, wo möglich gleicher Unparteilichkeit zu entwickeln. Je mehr man aber auf diesem Wege fortschreitet, meine Herren, desto mehr überzeugt man sich, daß die Wahrheit und das Recht höchst selten allein aufeinerSeite — auf der rechten oder der linken — liege, sondern daß in jeder Ansicht ein Element des Rechts und der Wahrheit ist, und daß da, wo vielleicht das Unrecht allein vorzuwalten scheint, man doch den Glauben und die Überzeugung haben kann, daß eine höhere Fügung Alles zum Besten zu lenken wisse. Ich bitte also um die Erlaubniß, hier nicht mit schwächeren Kräften, weit größeren Talenten im Reden nachzustreben, sondern (ich möchte sagen, schon der Abwechslung halber) mir zu erlauben, einige historische Bemerkungen einzuflechten, die sich allerdings denn doch auf die Sache beziehen.
Die Aufgabe, in welchem Maße die politischen Rechte ausgeübt werden sollen, ist im Ablaufe der Zeiten sehr verschieden gelöset, oder doch der Versuch gemacht worden, sie zu beantworten. Die erste Form der Lösung ist die: daß eine ausgezeichnete Persönlichkeit (ohne Rücksicht auf alle Anderen) mit Übermacht die Geschicke bestimmt. Diese Methode findet hier ganz mit Recht keinen Beifall; ich muß Sie jedoch darauf aufmerksam machen, daß sie keineswegsimmer so schädlich gewesen ist, wie man bisweilen behauptet. Nicht allein Monarchen haben auf diesem Wege die Weltgeschichte in großem Style gefördert (wie Karl der Große, Peter der Große und Friedrich der Große), sondern vorzüglich in der alten Welt wußte man auch, daß einzelne Männer von hohem Geiste oft geschickter sind Sachen zum Ziele zu führen, als zahlreiche Versammlungen. Deshalb sind Moses, Lykurg, Solon, Numa Pompilius, Servius Tullius denkwürdig für alle Zeiten. Indessen ist hiemit die Aufgabe nicht für alle Zeiten gelöset. — Die nächste Form war nun die, daß man sich verließ auf dieGeburt, und mit ausschließlicher Rücksicht auf sie politische Rechte ertheilte; eine Ansicht, die jetzt ebenfalls höchst mangelhaft und thöricht erscheint. Sie ist aber auch nicht ohne Merkwürdigkeit; denn keine Ansicht hat sich in der Weltgeschichte länger erhalten als diese. Gebildete Völker, wie die Inder und Ägypter, haben sehr schroffe Kasteneintheilungen, welche, je widerstrebender sie für uns sind, um so mehr einer Erklärung bedürfen. Diese Erklärung lief nun wohl darauf hinaus, daß man sagte: wenn gewisse Verhältnisse in der bürgerlichen Gesellschaft betrachtet werden alsgegebene, wenn sie keine Veranlassung darbieten zum Zweifeln, Wählen, Zaudern, so ist allem Streite ein Ende gemacht. Sobald der Eine weiß, er ist geboren als Krieger,sobald der Andere weiß, er ist geboren als Kaufmannu. s. w.,so bleibt die bürgerliche Stellung unwandelbar geordnet und der Staat hat ebensowenig Noth mit Regelung dieser Verhältnisse, als damit, daß Jemand als Mädchen oder als Knabe, in diesem oder jenem Lande u. dgl. geboren ward. —
Erst mit den Griechen tritt Wesen und Begriff der Freiheit in die Welt, denn Alles, was vorher in dieser Beziehung versucht ward, blieb unvollkommen. Mit diesem Begriffe der Freiheit kommt aber noch ein anderes neues Element in die Anordnung der politischen Rechte, welches zuerst ausgesprochen ward vonSolon. Zwar hat man ihn vorhin getadelt, ich glaube aber, er würde sich hinreichend vertheidigen können, wenn er gegenwärtig wäre!! Was war der Gedanke Solon’s? Daß allerdings die Person frei werden solle, daß aber zu der Person ein Besitz gehöre. So tritt die Frage nach dem Besitze zum ersten Male bei den Griechen in die politische Welt. Was that Solon? Er theilte seine Athener, mit ihrer Zustimmung, in vier Klassen nach den Einnahmen und gab den höheren Klassen größere Rechte, aber wohl gemerkt, auch größere Pflichten. So entstand eine billige Wechselseitigkeit. Wenn nämlich Jemand in eine höhere Klasse kommen wollte oder konnte, mußte er für das erweiterte Recht eine größere Last, eine größere Pflicht in Bezug auf Steuerund Kriegsdienst übernehmen. Nachdem sich jedochalleAthener in den Perserkriegen groß gezeigt hatten, waren die niederen Klassen nicht mehr geneigt, sich von gewissen Rechten ausschließen zu lassen. Es ward also durch Aristides, um eine größere Revolution zu vermeiden, eine allgemeine gleiche politische Berechtigung eingeführt. Später ging, ich möchte sagen unter dem constitutionellen Monarchen Perikles, die Sache noch gut und im großen Style; nachher aber reihte sich der Verfall Athens zur Zeit des Gerber Kleon und Anderer an dieses allgemeine Stimmrecht und diese unbedingte Gleichstellung.
Ich gehe über auf Rom. Servius Tullius ergriff auch den Begriff des Besitzes, aber anders. Er stufte die politischen Rechte ab, nicht nach den Einnahmen, sondern nach dem Eigenthume. Es würde zu weit führen, wenn ich den Unterschied zwischen beiden Methoden umständlich darthun wollte; ich muß Sie aber darauf hinweisen, daß Servius Tullius sich nicht begnügte, wie Solon Klassen zu bilden, sondern daß er mit der Klasseneintheilung die Centurieneintheilung verband, das heißt, er gab den Reicheren außerordentlich viel größere Rechte und gründete dadurch eine lang dauernde Aristokratie, welche die niedrigste Klasse wie von den Rechten, so auch von den Lasten ausschloß. Dies Bevorzugungssystem der Reichen fand allmälig den stärksten Widerspruch undward im Wesentlichen durch eine neue politische Form, durch die Tribus zerbrochen. In den Tribus fragte kein Mensch nach dem Gelde; aber es fand desungeachtet keineswegs ein allgemeines Stimmrecht statt, so wie es in unseren Tagen verstanden wird. Jede Tribus, — durchschnittlich 35 —, bildete nämlich eine Corporation mit einer Stimme. Es waren aber nicht gleich viel Personen in jeder Tribus, sondern der zahlreiche Stadtpöbel Roms ward zusammen genommen in wenige städtische Tribus, und minder viel Personen bildeten eine ländliche Tribus. Später fand man nicht den Übergang, — obgleich er so leicht schien, wie das Ei des Columbus —, aus der Stadtverfassung in eine Staatsverfassung; man kam nicht auf den Begriff der Repräsentation. Dieser findet sich erst im dreizehnten Jahrhunderte durch sehr verschiedene Personen fast gleichzeitig eingeführt, nämlich durch den Kaiser Friedrich II. und durch die Bettelmönche.
In neuerer Zeit ist das allgemeine Stimmrecht, — ich will nur von Republiken sprechen —, in Frankreich und Nordamerika versucht worden. In Frankreich ist eine Kammer daraus hervorgegangen, die eine Verfassung entwarf, an welche die Franzosen selbst nicht mehr glauben; sie hat ferner die Wahl eines Präsidenten zu Stande gebracht, von der mir mehre Franzosen gesagt haben: wenn in einer Erbmonarchie ein Kronprinz dieser Art wäre, so würde man das stärkste Argument gegen die Erbmonarchie daraus hernehmen können. (Heiterkeit.) — Ich komme auf Amerika. Man hat gesagt, dort ist kein Census; dies kann ich jedoch nicht als richtig einräumen. Es ist nämlich dort kein Census, insofern man darunter lediglich die Nothwendigkeit versteht, ein größeres oder geringeres Vermögen nachzuweisen; wenigstens besteht ein solcher Census nur in einigen Staaten, oder insofern eigentlich gar nicht, als die Forderungen so gering sind, daß in der That kaum irgend Jemand dadurch ausgeschlossen wird. Hiemit ist aber der vollständige Begriff des amerikanischen Census keineswegs erschöpft; vielmehr ist in Amerika durch die Verfassung fast aller Staaten vorgeschrieben, daß der Wählende Steuern müsse bezahlt haben, und inallenVerfassungen ist gesagt: er müsse ansässig sein, mit welcher Forderung immer die Pflicht des Steuerzahlens verbunden ist; sie ist die Bedingung, ohne welche Niemand zur Wahl kommt. Die Amerikaner meinen überhaupt, Gleichheit wäre nur da, wo gleiche Verhältnisse obwalten; wo aber verschiedene Verhältnisse sind, da liegt eben die höhere Gleichheit in der Verschiedenheit. (Zuruf: Sehr richtig!) Wenn also Geburt, Besitz und Persönlichkeit die Haupteigenschaften sind, nach welchen die politischen Rechte abgestuft wurden, so finden wir doch auch verschiedeneMischungen in den Verfassungen, wo sowohl auf die Personen, als auf den Besitz Rücksicht genommen wird, oder:SeinundHabensind beide gleichmäßig berücksichtigt.
Meine Herren, fragen Sie, wie wohl ein Amerikaner, wenn er hier in unserem Kreise säße, seine Abstimmung einrichten würde, so dürfen wir, um hiefür zeugen zu lassen, nicht den ersten besten Amerikaner nehmen. Ich will also Den sprechen lassen mit Ihrer Erlaubniß, der nach meinen genauen Untersuchungen, nach meiner festen Überzeugung, der allergrößte Republikaner und Demokrat ist, der jemals in der Weltgeschichte aufgetreten, an dessen Wirksamkeit sich eine ganze neue Welt anreiht, der den Vereinigten Staaten eine neue Bahn vorzeichnete, die sie am Anfange selbst nicht ahndeten, dessen Grundsätze die bewunderungswürdigsten Folgen gehabt, also ein Mann, vor dem Alle Ehrfurcht haben und haben müssen, — das ist der PräsidentJefferson. Er selbst war im Anfange der Revolution als Gesandter in Paris, stellte sehr genaue Beobachtungen an, und erklärte sich darüber in Briefen und Memoiren. Aus diesen will ich mit Erlaubniß der Versammlung eine Stelle vorlesen.
Es kommt darin ein starker Ausdruck vor, welchen ich mir nicht erlauben würde aus Besorgniß zur Ordnung gerufen zu werden, ich habe aber keinRecht, etwas zu ändern, wenn ich citire. Die Stelle ist folgende:
„Vor der Gründung der amerikanischen Staaten kannte die Geschichte nur Menschen in der alten Welt, in schmale, übervölkerte Gränzen eingeengt und eingetaucht in die Laster, welche ein solcher Zustand hervorbringt. Für solche Menschen paßt eine, für unsere Staaten ganz verschiedene Regierung. Durch Arbeit, in Ackerbau oder Gewerben, gewinnt hier Jeder seinen Bedarf und Hülfsmittel für die Zeit des Alters. Jeder ist durch sein Eigenthum und seine ihm genügende Stellung, für die Aufrechthaltung von Gesetz und Ordnung wesentlich interessirt. Solcherlei Männer mögen sich mit Sicherheit und Vortheil eine angemessene Controle oder Aufsicht über die öffentlichen Angelegenheiten vorbehalten, welche in den Händen des Gesindels der europäischen Staaten sogleich würde mißbraucht werden, zum Niederreißen und Zerstören aller öffentlichen und bürgerlichen Rechte und Güter. Die französische Geschichte der letzten 25, die amerikanische der letzten 40, ja 200 Jahre, beweiset die Wahrheit beider Seiten dieser Beobachtung.“
Zu Dem, was hier Jefferson anführt, darf ich noch eins hinzusetzen: es herrscht in Amerika eine unbegränzte Achtung vor dem Gesetze; es würde kein Amerikaner jemals neben der gesetzlichen Verfassung,neben den gesetzlichen Behörden, wagen, einen noch so wohlwollenden politischen Gedanken durchsetzen zu wollen.
Ich habe vorhin gesagt, daß der Historiker dasfürundwiderebenmäßig zu betrachten die Pflicht hat; da es aber hier der Gebrauch ist, sichfüroderwidereinen Antrag einschreiben zu lassen, so habe ich dasfürgewählt, obgleich ich in keiner Weise mit allen gemachten Anträgen einverstanden bin. Zuvörderst bin ich der Meinung, daß der Vorschlag des Ausschusses, ganze Klassen auszuschließen, unbrauchbar ist. Ich erkläre mich gegen den Gedanken, durch Bezeichnung des Berufes Leute wegzuweisen oder einzulassen. Hiebei will ich aber noch etwas bemerken, was hier wenigstens mit weniger Nachdruck hervorgehoben worden ist. Man kann nämlich gegen das Zulassen der Bedienten, Tagelöhner und Fabrikarbeiter den Einwand oder die Besorgniß aussprechen, daß der Vorschlag der Zulassung nicht demokratisch genug sei, weil zwar in Zeiten der Unruhe, in denen wir uns leider noch befinden, diese Massen vielleicht über das rechte Maß hinausgehen und für die gewaltige Bewegung, in der man das Heil sucht, ihre Hand anlegen werden — aber in Zeiten der Ruhe da werden die Bedienten leicht abhängig von ihren Herren, die Tagelöhner leicht abhängig von größeren Grundeigenthümern, der Fabrikarbeiter aber vom Fabrikherrn, und dann bekämen wir eine Aristokratie, die schlechter sein würde, als Das, was wir vermeiden wollen. — Ich darf Sie, meine Herren, an ein Beispiel erinnern. Ich war zu der Zeit, als die Reformbill berathen wurde, in England, und viele ausgezeichnete Staatsmänner hegten die Meinung, man müsse den kleinen Pächtern das Stimmrecht zugestehen und nicht dazu ein Grundeigenthum verlangen, welches in England überhaupt nur in wenigen Händen ist. Es waren jene Staatsmänner der Überzeugung daß jeder kleine Pächter, welcher das Stimmrecht bekäme, unbedingt für die freisinnigen Whigs stimmen würde. Ich widersprach dem damals und behauptete, es sei das Entgegengesetzte zu besorgen. So kam es auch, denn nach der neuen Parlamentswahl hatte sich herausgestellt, daß vielen dieser mit dem Wahlrechte beglückten Personen die Pacht wäre gekündigt worden, wenn sie nicht eingewilligt, mit ihren Verpächtern zu stimmen. (Stimmen auf der Rechten: Hört!)
Es läßt sich von den allgemeinen Bemerkungen, welche zu machen Sie mir erlaubt haben, nicht füglich die Frage trennen: ob eine direkte oder indirekte Wahl vorzuziehen sei. Jede zeigt eigenthümliche Vorzüge, doch stimme ich für die erste. Man hat in Frankreich den Versuch gemacht, in Abstufungen wählen zu lassen, indem man dem niedriger Besteuertenein geringeres, dem höher Besteuerten ein größeres Recht einräumte. Dieser Versuch ist vollkommen mißglückt und hat die größte Unzufriedenheit hervorgerufen; denn er beruhte nicht blos auf einer Abstufungsnachweisung der Steuern, welche praktisch schwer durchzuführen ist, sondern er theilt gar leicht auch jede Kammer, ich möchte sagen, in zwei feindliche Lager, sodaß alle Vermittelungsversuche, sie auszusöhnen, vergeblich sein dürften. Wenn in England der Herzog von Southerland, welcher wohl hunderttausend Pfund jährliche Renten bezieht, im Verhältniß, oder doch bedeutend mehr Stimmrecht haben sollte, als ein anderer wahlfähiger Bürger, so würde man sich dagegen gewiß auflehnen. Ich wünsche also keine Stufen, keine Wahlmänner, keine Doppelwahlen.
So kommen wir denn endlich auf den Census. Ich will hier der Merkwürdigkeit halber Jemand erwähnen, welcher in neuerer Zeit oft in einer ehrenvollen Weise angeführt worden ist, die er nicht verdient. Man schlug in Frankreich vor, daß die ärmeren Klassen von dem Steuerzahlen befreit werden sollten. Robespierre behauptete dagegen, es sei eine Ehre, Steuer zu zahlen, und wer sich dieser entschlagen wolle, der stehe nicht an der rechten Stelle. So betrachtet man diese Sache auch in Amerika. Dort sagt man: ich würde mich schämen, zu wählen, wenn ich nicht zum allgemeinen Besten meinenSteuerbeitrag entrichtet hätte. (Stimmen auf der Rechten: Sehr gut!) — Meine Herren! Wir stehen auf einer bedenklichen Stelle; ich will nicht weit abschweifen, aber es hängt Alles zusammen, und deshalb gebe ich Ihnen Folgendes zu bedenken: Wenn wir jetzt in der Zeit der Bewegung abstimmen und für die wichtigsten Vorschläge nur eine kleine Majorität zusammenbringen, wenn wir glauben mit zehn Stimmen Mehrheit einen Reichsrath, mit einer Majorität von zwanzig Stimmen ein Wahlgesetz und mit einer Stimmenmehrheit von vielleicht fünfundzwanzig einen Kaiser machen und der Weltgeschichte eine neue große Wendung geben zu können, so irren wir uns; diese Meinung, diese Hoffnung ist auf Sand gebaut. Wenn wir uns nicht vereinigen und mit einer imposanten Mehrheit einen Beschluß zu Stande bringen, so wird dies Zwiespalt erzeugen: Jeder wird glauben, das Vaterland zu retten, aber Keiner wird es retten. (Stimmen auf der Rechten: Sehr gut! sehr wahr!)
Ich möchte nochmals auf etwas zurückkommen, denn ich habe darüber Erfahrungen gemacht:experto crede Ruperto! Zurückkommen also möchte ich auf das Wort des Herrn Vogt über die Abschickung historischer Gesandten. Es hat dieses Wort noch eine andere Bedeutung, als die oben erwähnte; es hat eine tiefsinnige, furchtbare Bedeutung. Es weissagt:Ihr werdet nicht blos im Jahre 1848, sondern auch in ZukunfthistorischeGesandte abschicken. Was heißt das? Es heißt: diese Leute werden in zierlichem Style und auf dem feinsten Postpapiere berichten über die Art, wie andere Völker die Blätter der Weltgeschichte mit ihren Thaten erfüllen; von uns, von unseren Einwirkungen, Thaten und Entscheidungen, von unserem eigenen Volke wird aber nicht die Rede sein. Ich habe das bitter erfahren. Man hat mich mit der größten Höflichkeit und Achtung, ja mit ausgezeichnetem Vertrauen empfangen und behandelt, so weit es meine Person betraf. Aber konnte ich mich eitel hiemit trösten, wenn ich täglich sehen und hören mußte, wie man mein Vaterland, wie man die Reichsversammlung, die Centralgewalt betrachtete und gering achtete? (Stimmen: Hört! hört! — Bewegung). — Sie erlauben mir zum Schlusse nochmals einige Worte von Jefferson mitzutheilen. Er sagte zu einer Zeit, welche in gewissem Sinne der unseren ähnlich war: „Mögen Alle den heiligen Grundsatz im Herzen tragen, daß, weil der Wille der Mehrheit in allen Dingen entscheidet, dieser eben deshalb gerecht und vernünftig sein muß, und daß die Minderheit ihre gleichen Rechte besitzt, welche man durch gleiche Gesetze beschützen soll, und welche zu verletzen Unterdrückung sein würde. Laßt uns deshalb, ihr Mitbürger, uns vereinen zu einemHerzen und einem Sinne. Laßt uns im geselligen Umgange die Harmonie und Liebe herstellen, ohne welche die Freiheit, ja das Leben selbst nur traurige Dinge sind. Laßt uns bedenken, daß wir aus unserem Lande die religiöse Unduldsamkeit verbannt haben, durch welche die Menschen so lange litten und bluteten, daß wir aber nur wenig würden gewonnen haben, wenn wir eine politische Unduldsamkeit beförderten, welche ebenso gottlos und zu gleich bitteren und blutigen Verfolgungen fähig ist.“ (Im Centrum und auf der Rechten lebhafter Beifall.)