Hundertvierzehnter Brief.
Frankfurt a. M., den 18. Februar 1849.
Hiebei erhaltet Ihr einige Exemplare meiner Rede über das Wahlgesetz zu beliebiger Vertheilung. Bei Beurtheilung dieser, mangelhaft und lückenhaft erscheinenden Rede, bitte ich zu beherzigen:
1) Daß mir erst eine halbe Stunde vor dem wirklichen Halten, unerwartet eine Redestelle abgetreten wurde.
2) Daß andere Redner bereits die Hauptpunkte umständlich und genügend beleuchtet hatten. Ichkonnte also nicht dasselbe noch einmal sagen, sondern nur (von meinem Standpunkte aus) einige geschichtliche Bemerkungen beibringen.
Ihr tadeltet mich wohl, ich sei „stumm wie ein Fisch“; jetzt werdet Ihr mir bald zurufen: „sprich nicht zu viel, sondern höre mehr.“ — Ich habe nämlich nicht blos gestern Vormittag in der Paulskirche, sondern auch gestern Abend im Weidenbusche vor einer sehr zahlreichen Versammlung gesprochen, welche rathschlagte: wie man sich bei der neuen Stellung der Parteien und der zweiten Lesung des Verfassungsentwurfes benehmen, woran man festhalten müsse, und worin man nachgeben könne.
In meiner Rede erinnerte ich an die frühere, übertrieben getadelte Mannigfaltigkeit Deutschlands, an die noch nicht ausgestorbene Vorliebe für dieselbe und wie schwer es mir geworden, immer mehr die nothwendige größereEinheitanzuerkennen. Diese Einheit müsse, insbesondere demAuslandegegenüber gestärkt werden, wofür ich viele pariser Erfahrungen als Beweise anführte. In Paris hätten sich die Feinde Deutschlands über die §. 2 und 3 aus den und den Gründen sehr gefreut; wenn aber Österreich jetzt blos einige Änderungen des alten Bundestages bezwecke, so reiche dies nicht aus, und noch weniger sei Baiern zu seinen Widersprüchen hinreichend berechtigtu. s. w.u. s. w.
Den 19. Februar.
Gestern war ich auf einem großen Mittagsmahle beim Präsidenten Simson, zu welchem (sehr vernünftig) Abgeordnete aller Farben und Parteien eingeladen waren. Dies ist weit besser als das schroffe Absondern: man lernt sich kennen und verständigt sich besser im Gespräch, als durch lange Parteireden in der Paulskirche.
Welch dürftiges Ende uns auch bevorstehe, die Gedanken von Grundrechten, einem Volkshause und der Einheit Deutschlands werden nicht wieder verschwinden, sondern durch Zank und Uneinigkeit hindurch immer wieder hervorbrechen. Ich mache Euch aufmerksam auf die vortreffliche Rede Bassermann’s (in No. 172 der Berichte) über das Wahlgesetz. Nach solchen Vorgängern hätte ich (selbst bei größerem Talent, als ich besitze) nur Ähren lesen können.