Hundertdritter Brief.
Frankfurt a. M., den 28. Januar 1849.
Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Ich las soeben eine Reise des Engländers Cochrane, welcher zu Fuße durch Sibirien nach Kamtschatka und zurück gewandert ist. Die Hauptgenüsse sind: rohe Fische, 43 Grad Kälte, ein wundes Gesicht, grobe Kosaken, stinkende Jakuten, nasse Kleider, Eiszapfen an den Haaren, und dergl. mehr!!
Den 29. Januar.
Solltet Ihr finden, daß ich (und Andere noch mehr) zu unzufrieden mit den sie umgebenden Verhältnissen sind und sich hinauswünschen, so hat esdoch wohl noch Keiner so weit gebracht wie der oben erwähnte Cochrane, welcher, als er aus Sibirien zurückkehrend, Europa betritt, ausruft: „Ich wähnte (in Sibirien) den Sitz des Elends, Lasters und der Grausamkeit zu finden, und nun wußte ich daß ich den Sitz der Menschlichkeit, Gastfreiheit und Güte im Rücken gelassen habe. Ich fühlte den Wunsch umzukehren und meine Tage drüben zu beschließen. Ja, dies Verlangen ist noch jetzt so stark, daß es mir kein Opfer kosten würde, der Politik, dem Kriege und anderen Dingen, die das civilisirte Leben mit sich bringt, den Rücken zu wenden, um in Mittelsibirien, sicher vor Störungen von innen und außen, behaglich zu leben.“ — Die eigenen Erzählungen Cochrane’s dürften aber schwerlich Jemand verführen, seine Bewunderung Sibiriens zu theilen und sich dahin zu wünschen.
Ich habe den Lukan zur Hand genommen, den ich seit meiner Universitätszeit nicht angesehen. Ich bin zu alt Epopeen zu lesen (Homer und die Nibelungen ausgenommen) und so überspringe ich gar Vieles. Es läßt sich allerdings nachweisen, daß und wo der jugendliche Dichter sich Übertreibung und Schwulst zu Schulden kommen läßt; allein die immer dasselbe wiederholenden Kritiker scheinen mir ihn unbillig zu behandeln, und seine Persönlichkeit zu gering anzuschlagen. Dem maßhaltenden Virgil waren derpius Aeneasund die römischen Anfänge ein Gegenstand mäßiger Begeisterung, die sich mit Schmeicheleien gegen Augustus sehr wohl vertrug; Lukan’s Seele war ergriffen von dem furchtbaren Schicksale seines Vaterlandes, und Pompejus, Cäsar, Cato drängen ihn zu muthiger, großartiger Rede, und endlich zu einer Verschwörung gegen Nero und zum Tode für sein Dichten und Handeln. Die Aeneis ist ein gemachtes, erkünsteltes Werk; ihm fehlt die Natur Homer’s und der Zorn Lukan’s. Dasarma virumque canoläßt mich ruhig abwarten, was der etwas mattherzige Held vielleicht vollbringen wird; Lukan’s erste Verse zwingen durch ihre Kraft und Wahrheit zu tieferer Theilnahme:
Bella — plus quam civilia,Jusque datum sceleri canimus, populumque potentemIn sua victrici conversum viscera dextraCognatasque acies, et rupto foedere regniCertatum totis concussi viribus orbisIn commune nefas.
Bella — plus quam civilia,Jusque datum sceleri canimus, populumque potentemIn sua victrici conversum viscera dextraCognatasque acies, et rupto foedere regniCertatum totis concussi viribus orbisIn commune nefas.
Bella — plus quam civilia,Jusque datum sceleri canimus, populumque potentemIn sua victrici conversum viscera dextraCognatasque acies, et rupto foedere regniCertatum totis concussi viribus orbisIn commune nefas.
Bella — plus quam civilia,
Jusque datum sceleri canimus, populumque potentem
In sua victrici conversum viscera dextra
Cognatasque acies, et rupto foedere regni
Certatum totis concussi viribus orbis
In commune nefas.
Cäsar und Pompejus mit scharfen, treffenden Zügen meisterhaft geschildert: dieser gewordenmagni nominis umbra; — jenernescia virtus stare loco, —solusque pudor non vincere bello, —gaudensque viam fecisse ruina.
Über das Recht der Beiden die berühmten Verse:
Quis justius induit arma,Scire nefas: magno se judice quisque tuetur:Victrix causa diis placuit, sed victa Catoni!
Quis justius induit arma,Scire nefas: magno se judice quisque tuetur:Victrix causa diis placuit, sed victa Catoni!
Quis justius induit arma,Scire nefas: magno se judice quisque tuetur:Victrix causa diis placuit, sed victa Catoni!
Quis justius induit arma,
Scire nefas: magno se judice quisque tuetur:
Victrix causa diis placuit, sed victa Catoni!
Wie geschickt und ernst sind die entgegengesetzten Lehren von Vorherbestimmung und Zufall in höchster Kürze dargestellt, mit dem bedeutenden Schlußworte:liceat sperare timenti!— Wie furchtbar die Beschreibung der Leiden und Folgen des Bürgerkrieges:
Omnibus hostesNos reddite populis; civile avertite bellum!!
Omnibus hostesNos reddite populis; civile avertite bellum!!
Omnibus hostesNos reddite populis; civile avertite bellum!!
Omnibus hostes
Nos reddite populis; civile avertite bellum!!
Wie überraschend und wahr das Wort:
Nunc flere potestasDum pendet fortuna ducum; quum vicerit alter,Gaudendum est!
Nunc flere potestasDum pendet fortuna ducum; quum vicerit alter,Gaudendum est!
Nunc flere potestasDum pendet fortuna ducum; quum vicerit alter,Gaudendum est!
Nunc flere potestas
Dum pendet fortuna ducum; quum vicerit alter,
Gaudendum est!
Wie schmerzlich die Worte:
Non ante revellar,Exanimem quam te complectar Roma, tuumqueNomen libertas, et inanem prosequar umbram!
Non ante revellar,Exanimem quam te complectar Roma, tuumqueNomen libertas, et inanem prosequar umbram!
Non ante revellar,Exanimem quam te complectar Roma, tuumqueNomen libertas, et inanem prosequar umbram!
Non ante revellar,
Exanimem quam te complectar Roma, tuumque
Nomen libertas, et inanem prosequar umbram!
Cato’s Grundsätze:
Servare modum, finemque tenere,Naturamque sequi, patriaeque impendere vitam,Nec sibi, sed toto se genitum credere mundo.
Servare modum, finemque tenere,Naturamque sequi, patriaeque impendere vitam,Nec sibi, sed toto se genitum credere mundo.
Servare modum, finemque tenere,Naturamque sequi, patriaeque impendere vitam,Nec sibi, sed toto se genitum credere mundo.
Servare modum, finemque tenere,
Naturamque sequi, patriaeque impendere vitam,
Nec sibi, sed toto se genitum credere mundo.
Eine Wahrheit und Weissagung zugleich:
Libertas, inquit, populi, quem regna coercent,Libertate perit, cujus servaveris umbram,Si, quidquid jubeare, velis.— Venia est haec sola pudoris,Degenerisque metus, — nil jam potuisse negari!
Libertas, inquit, populi, quem regna coercent,Libertate perit, cujus servaveris umbram,Si, quidquid jubeare, velis.— Venia est haec sola pudoris,Degenerisque metus, — nil jam potuisse negari!
Libertas, inquit, populi, quem regna coercent,Libertate perit, cujus servaveris umbram,Si, quidquid jubeare, velis.— Venia est haec sola pudoris,Degenerisque metus, — nil jam potuisse negari!
Libertas, inquit, populi, quem regna coercent,
Libertate perit, cujus servaveris umbram,
Si, quidquid jubeare, velis.
— Venia est haec sola pudoris,
Degenerisque metus, — nil jam potuisse negari!
Ich breche ab aus Besorgniß, Ihr werdet über meine lateinischen Anführungen zu sehr schelten. Laßt sie Euch von einem der vielen schulgelehrten Freunde übersetzen, und Ihr werdet für ihren Werth stimmen.
Den 30. Januar.
Gestern hatte ich die redliche Absicht, im Casino den Vorberathungen über einen neuen Theil der Verfassung (die Gewähr) beizuwohnen; aber eine Unzahl dampfender Cigarren verdarben die Luft dergestalt, daß ich Kopfschmerzen und Augenschmerzen bekam, und meinem einfachen Abendbrote im Schwan nachging.
Daheim las ich Jackson’s Landreise von Bassora bis Hermannstadt, und Degrandpré’s Reise nach Congo und Loango. Beide bestätigten mir (gleichwie Cochrane), daß es trotz aller Mängel bei uns (und überhaupt unter gebildeten Völkern) besser leben ist, als unter rohen, oder ausgearteten. Degrandpré erzählt, daß die Prinzessinnen in Loango einen Gemahl wählen nach Laune und Geiz, und daß sie ihn (sobald sie sein Vermögen durchgebracht) verstoßen und einen Anderen aussuchen. Ein solcher Mann (fährt Degrandpré fort) darf bei Lebensstrafekeine andere Frau haben; er darf sogar keine andere sehen, oder von ihr gesehen werden, und wenn er ausgeht, geht ein Neger mit einem Glöckchen vor ihm her und verkündigt, daß er erscheinen wird. Und auf dieses Zeichen kehren sich die Weiber um und halten die Hände vor die Augen, wenn sie nicht anders ausweichen können. Die Lage des Gemahls einer Negerprinzessin ist sehr traurig, zumal wenn sie alt und häßlich ist, und viel fordert.
Heute wurden einige sehr quere Reden über die Gewähr der Reichsverfassung, aber auch einige gute, und eine vortreffliche von Bassermann gehalten.