Hunderteinundvierzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 18. April 1849.
Gestern war eine große Versammlung der preußischen Abgeordneten, um über mehre Anträge zu berathen und zu beschließen.
Der erste ging dahin: „wir sollten, um unsere Handlungsweise zu rechtfertigen und grobe Irrthümer und Mißdeutungen zu widerlegen, — eine öffentliche Ansprache an das preußische Volk erlassen.“
Das Dasein solcher Anklagen und Irrthümer läßt sich nicht läugnen, und selbst in den berliner Zeitungen finden sich Aufsätze, welche man böswillig und einfältig nennen darf. Soz. B.wenn man behauptet: wir gingen darauf aus, Preußen um seine Geschichte und Macht, um seine Gegenwart und Zukunft zu betrügen, und es von Lippe oder Reuß, Schleiz u. dgl. ganz abhängig zu machen!! Trotz dieser und anderer Thatsachen schienen die Gründegegen eine solche Erklärung an das preußische Volk so überwiegend, daß der Antrag mit großer Stimmenmehrheit abgelehnt wurde.
Der zweite Vorschlag ging dahin: da Hr. C. — nach wie vor eine stumme Rolle spiele, mit den preußischen Abgeordneten in gar keinen leitenden oder doch erläuternden Zusammenhang trete, den Eifer und die Begeisterung eher abkühle als befördere, und unsere wohlüberlegten Pläne gewiß nicht mit gehörigem Nachdrucke unterstütze, so solle eine Deputation an ihn abgeschickt werden, um —u. s. w.u. s. w.
Auch hier richteten sich die Zweifel nicht sowohl gegen die Wahrheit dieser Behauptungen und Ansichten, als dagegen: daß eine solche Deputation dem Hrn. C. irgend etwas sagen könne, was er nicht schon wisse, wenn er es wissen wolle; daß ein solches „auf die Stube und auf den Leib rücken“ leicht zu sehr unangenehmen Erörterungen führen und doch wirkungslos bleiben dürfteu. s. w.— Genug, auch dieser Antrag ward zurückgewiesen.
Die Ansichten in dem Dreißigerausschusse stimmen bis jetzt nicht überein, und werden sich schwerlich in einer ganz zufriedenstellenden Weise einigen, wenn die preußische Regierung nichtvorder Berichterstattung mit einer entschlossenen Willenserklärung ans Licht tritt.
Eine Partei (hoffentlich die stärkste im Ausschusse und in der Versammlung) will, im Vertrauen aufbaldigepreußische Entscheidungen, nicht über den Beschluß vom 11. April, das Festhalten an der Verfassung betreffend, hinausgehen.
Die zweite Partei will die Frage über das Oberhaupt bei Seite setzen, oder doch offen erhalten; — d. h. allen Planen der Österreicher und Demokraten die Thür öffnen.
Die dritte sucht die Nothwendigkeit zu erweisen,sogleicheinen Wohlfahrtsausschuß zu ernennenu. s. w.
Nachdem alle kleineren deutschen Staaten sich unbedingt für die Annahme der Verfassung erklärt haben, Würtemberg, Hannover und Sachsen nicht ausbleiben können, Baiern sich bereits spaltet, und Österreich auf seinem alten Widerspruch beharrt, ist längere Halbheit und Unentschlossenheit nicht zu rechtfertigen.
Wenn verstockte Seelen die neue Zeit und ihre großen Aufgaben nicht begreifen, wenn Unwissende sich in falsche Wege verlocken lassen, wenn man das Privatmannsgewissen über den staatsmännischen Beruf hinaufsetzt, und dieletzteStunde, welche in diesen Tagen schlagen wird, versäumt: so wird in Deutschland Maß, Ordnung und Gehorsam noch weit schwächer werden, als es bereits ist.
Warum will der König mit denbeidenKammern und derzweitenReichsversammlung nichtversuchen, was er (daneben stehend) mit derjetzigen niezu Stande bringen wird? Warum die Wahlen nicht ausschreiben, statt sie von Anderen ausschreiben zu lassen; warum hier Gegner erzeugen und ihnen die Waffen in die Hände geben?