Hundertzweiundvierzigster Brief.

Hundertzweiundvierzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 20. April 1849.

Gestern ward in der Reichsversammlung das Ihnen bereits bekannte Schreiben des Hrn. Camphausen an Hrn. v. Gagern verlesen. Obgleich Einzelne noch immer verzweifeln wollen, daß man nicht miteinemSprunge zum Ziele kommt, machte es doch im Ganzen einen guten Eindruck, und Unbefangene konnten nicht verkennen, daß Preußen bereits auf ganz anderer Stelle steht, als am 3. April. Es hat sich in der uns erwünschten Richtung fortbewegt, undmuß binnen kurzer Frist zu noch viel entscheidenderen Beschlüssen kommen.

Nach der preußischen ward gestern die unhöfliche österreichische Note vorgelesen; man konnte für jene keine bessere Beleuchtung, keine günstigere Folie bestellen und auffinden.

Die meisten österreichischen Deputirten sind abgereiset; die übrigen erklären: ihre Regierung habe kein Recht, sie (die vom Volke gewählt worden) willkürlich abzurufen. Wir halten es vor der Hand für unpassend, zu untersuchen: ob ihr ferneres Mitstimmen rechtlich und nützlich sei. Auch einige Baiern reden vom Fortgehen, während die Mehrzahl sehr über die Vertagung der Kammern in München zürnt. Nach ihrer unvermeidlichen Rückkehr werden sie hoffentlich deutscher gesinnt sein, als wenn man sie gar nicht nach Hause geschickt hätte. Das Gleiche gilt für Hannover.

Montag (den 23.), spätestens Dienstag, kommt der, bis jetzt noch nicht vorgelegte Bericht des Ausschusses zur Berathung. Er wird durch Berücksichtigung der, oben erwähnten, preußischen und österreichischen Noten, eigenthümlich modificirt werden.

Es wäre (um unnütze Anträge zu beseitigen und zu besiegen) sehr wünschenswerth, wenn bis zum 23. telegraphisch noch ein beruhigendes Wort aus Berlin ertönte. Nimmt Preußen vorläufig die Verfassung an, weiset es deren Verbesserung (gleich wie 28 Staaten) einer zweiten Reichsversammlung zu, so hat alle Fehde und Parteiung hier ein Ende. Die gemäßigte Linke hat sich von der geringeren Zahl wilder Revolutionaire getrennt, und steht mit und für uns auf dem Boden der Verfassung; sie wird uns verlassen,sobald man sich länger weigert, diesen Boden (unter Vorbehalt künftiger Verbesserungen) zu betreten.

Ich habe zufällig erfahren, daß die Führer aller deutschen demokratischen Vereine berufen werden, sich (nach Ablauf einer gewissen Frist) in Frankfurt oder der Umgegend zu versammeln. Völlig harmlos, wenn Preußen rasch und mächtig die Leitung übernimmt; gefährlich für Preußen und noch mehr für Süddeutschland, wenn man den entscheidenden Augenblick versäumt.

Dem gewöhnlichen Maßstabe sind die welthistorischen Bewegungen entwachsen; Gründe, welche für gewöhnliche Zustände unwiderleglich sind, verlieren alles Gewicht unter ganz außerordentlichen Verhältnissen; es fehlt ihnen der feste Punkt, von wo aus Archimedes die Welt bewegen wollte und konnte.


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