Hunderteinundzwanzigster Brief.

Hunderteinundzwanzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 7. März 1849.

Seit zwei Tagen sind hier die Gemüther in so lebhafter Aufregung, und es bereitet sich eine solche Umstellung der Parteien vor, daß ich es für Pflicht halte, Sie darauf aufmerksam zu machen.

Die Kündigung des malmöer Waffenstillstandes und der Einmarsch der Russen in Siebenbürgen weiset sehr viele Abgeordnete nicht blos auf das Ausland hin, sondern man fragt sich ängstlich: ob ausder Verbindung Österreichs mit Rußland nicht Gefahren für die innere Entwickelung Deutschlands hervorgehen dürften. Insbesondere, wenn Preußen sich (wie wohl sonst) von jenen Mächten ins Schlepptau nehmen lasse, und einem der Freiheit gehässigen Bunde beiträte.

Der zweite Gegenstand lebhaftester Aufregung ist der bekannt gewordene Plan Österreichs für eine Verfassung Deutschlands; ein Plan so curios, daß er einer politischen 1001 Nacht entnommen zu sein scheint.

38 Staaten erwählen 7 nicht regierende Prinzen, mit 9 Stimmen, die ohne Instruktion (aber doch in Übereinstimmung mit ihren Wählern)einenKaiser vorstellen,u. s. w.u. s. w.

Sieben Prinzen Hadschi Babas, sieben Leuchter aus der Offenbarung Johannis, sieben Hungerjahre Ägyptens, eine böse Sieben; — so ruft Crethi und Plethi durcheinander.

Gewiß haben alle diese Dinge die österreichische Partei wesentlich geschwächt. Ein geschickter Anführer der Linken sagte gestern in Gegenwart mehrer Zeugen: wenn der König von Preußen diese russisch-österreichische Richtung zurückweiset, so treten wir auf seine Seite, Deutschland fällt ihm zu.

Man kann solch Bündniß mit einigen Leuten in der Paulskirche lächerlich und thöricht finden; inWahrheit ist aber nicht von ihnen, sondern von gleichgesinnten Millionen außerhalb Frankfurt die Rede.

Wechselt der König (so sprechen selbst Preußen) Richtung, Farbe und Ausdruck, so verliert er Glauben und Vertrauen; die, vielleicht letzte Gelegenheit kühnen Fortschrittes und deutsch-preußischer Einigung geht für ihn, für das königliche Haus, für unser ganzes großes, preußisches, deutsches Vaterland verloren, und wir fallen zurück in dasSiebenschläfersystem des unselig dahin geschiedenen Bundestages.

Nachmittags.

Die Recension der Briefe Goethe’s an Frau v. Stein habe ich jetzt gelesen. Sie hat mich aber zu dem, mir sonst noch unbekannten Buche in eine Stimmung versetzt, die ich mindestens eine unbequeme nennen muß. — Goethe und Frau v. Stein; — und Frau v. Stein und Goethe! — Wo bleibt, was ist, was glaubt, fühlt, denkt dennHerrv. Stein? Von ihm ist, wie von einem völligenhors d’oeuvre, von einer bloßen Null, gar nicht die Rede!

Wenn eine Frau, die ihren Mann nicht liebt, während er ihr von ganzem Herzen zugethan ist, sich von einem sophistischen, oberflächlichen Menschen beschwatzen läßt, ihn zu ihrem Vertrauten macht, und es vom bloßen Zufall abhängt, daß es nichtzum Ärgsten kommt; so ist es für den Mann die allerbitterste Aufgabe zu überlegen und zu beschließen: ob er die Frau durch Milde erretten, ihren Ruf erhalten, den Kindern ihre Mutter bewahren kann. Reicht er die Hand der Versöhnung, so müßte die Frau ganz nichtswürdig sein, wenn sie ihrer Thorheit nicht Herr werden, und den großen Unterschied zwischen dem vernachlässigten, edeln Manne und dem frivolen Courmacher einsehen sollte. Ich habe aber keinen Begriff davon, wie eine Frau es Jahre lang aushalten kann, ihren Mann dem Liebhaber gegenüber als nichtig zu betrachten und zu behandeln; wie nicht jede offene Erklärung, jede Trennung ihr lieber sein müßte, als ein so erstorbenes, nichtiges Verhältniß, welches dem Rechte und der Sitte gleich sehr widerspricht. Derlei moderne Liebeskränkeleien gelten aber freilich oft für die höchste, parfümirte Gesundheit, und erhalten vornehme Titel,z. B.Wahlverwandtschaften! In der alten, für roh und unwürdig verschrieenen Heidenwelt, führte Penelope keinen Liebesbriefwechsel mit einem Freier, weil ihr Odysseus über Gebühr lange ausblieb; und dieser war ihr in den Armen der Circe noch im höchsten Sinne treu, weil er sich nach der edelsten der Frauen zurücksehnte, sie über alle anderen hinaufstellte; weil es ihm gar nicht einfiel, sie jemals in eine Reihe zu stellen. — Selbst Phädra weiß, trotz ihrer gottverhängten, wilden Leidenschaft zu Hippolyt, daß Theseus, ihr Gemahl, ein großer würdiger Mann, ein Held ist, dessen sie nicht mehr würdig ist.

Daß Frau v. Stein, im gewöhnlichen Sinne tugendhaft geblieben, will ich gern glauben; möchte aber wissen: ob Herr v. Stein unterdessen eine Schlafmütze oder eine Dornenkrone trug?

So viel als ein zweiter (ketzerischer) Beitrag, zu Eueren Gesprächen mit Tieck.

Ich sehe soeben nochmals in Euerem letzten Briefe, daß man in Berlin über das hier entworfene Wahlgesetz schilt. Ich erklärte schon die Art seiner Entstehung, füge aber noch hinzu: wie darf man verlangen oder erwarten, die Reichsversammlung könne weniger bewilligen und sich minder liberal zeigen als erst Camphausen und dann Brandenburg-Manteufel? Von Berlin aus ist dem allgemeinen Stimmrechte Thor und Thür geöffnet; es ist für jetzt in Deutschland unabwendbar, und erst Erfahrungen, böser oder guter Art, werden die Abänderung oder Beibehaltung herbeiführen.

Den 8. März.

Der Blinde soll nicht von der Farbe reden; — deshalb habe ich mir Goethe’s Briefe an Frau v. Stein aus der Lesebibliothek geholt und das dicke Buch durchgelesen oder vielmehr durchgeblättert. Chronologisch ergab sich zuerst, daß Frau v. Stein bereits 33 Jahr alt war und sieben Kinder geboren hatte, als der jüngere Goethe sie kennen lernte. Schon hienach möchte Manches, was ich früher schrieb, näher zu bestimmen und zu berichtigen sein: — es mag aber stehen bleiben; paßt es nicht ganz auf diesen Fall, so paßt es auf andere Fälle. Ohne Zweifel ist es dem sieggewohnten Goethe sehr heilsam gewesen, von Fr. v. St. bei seinem etwas plumpen Andringen zurückgewiesen oder doch gezähmt zu werden. Sie trieb (wie er selbst sagt, II, 35) „das Gesindel aus seinem Herzen,“ ward ihm zur keuschen Muse, und hätte ihn von Dem überzeugen können, was ich in meiner Spreu sage: „die sinnlichste Liebe hat immer die kürzeste Dauer.“ — Ob in irgend einem späteren Augenblicke das Sinnliche (störend oder fördernd) hinzugetreten, mag ich nicht (allzuneugierig) untersuchen; will aber gestehen, daß mir das Bildniß der guten Frau, welches vor dem ersten Theile steht, gar nicht sehr reizend erscheint.

Ich trete also sehr gern dem Allen bei, was Du (liebe —) gegen Tieck behauptet hast; kann aber diesem auch hinsichtlich seiner Einwendungen keineswegs überall Unrecht geben. Mag jedes Wort, jedes Zeichen, jeder Beweis des Andenkens (sei es auch noch so gering) liebenden Menschen von unschätzbarem Werthe sein, mag man den Unverliebten mitRecht vorwerfen, sie hätten für derlei Erscheinungen weder Sinn, noch das rechte Maß; — hundertfache Wiederholungen von: guten Morgen und gute Nacht, Spargel und Rehbratenu. s. w.u. s. w.,aber dem Publikum zum Durchlesen in die Hand geben, ist eine allzu starke Zumuthung des Herausgebers. Wären Neunzehntel ungedruckt geblieben, der Briefwechsel hätte, wie die sybillinischen Bücher, an Inhalt und Werth gewonnen; ja, sein Werth und der Werth wie die Bedeutung des ganzen Verhältnisses hätte sich eindringlicher herausgestellt. Ich kenne keinen gleich starken Briefwechsel eines ausgezeichneten Mannes, von so wenig bedeutendem Inhalte. Das ist kein Tadel für Goethe, da es ihm gar nicht auf Inhalt und Bedeutung ankam, oder diese für ihn an ganz anderer Stelle und in ganz anderer Richtung lagen. Was aber ihm und Fr. v. St. frische, duftende Blumen waren, trocknet für den fern stehenden Leser zu Heu zusammen. In Goethe’s Briefen an Jacobi, Lavater u. A. findet jener weit mehr, was er sich aneignen kann, und wodurch er zu Gedanken und Gefühlen angeregt wird. Einzelnes kann man freilich aus den Massen des Unbedeutenden heraussuchen (z. B.über Persönlichkeiten, Hofverhältnisse, klägliche Mißverhältnisse); wahrhaft wichtige Briefe (wie der über Lavater) sind aber kaum ein halbes Dutzend in den beiden dicken Bänden — Doch genug des Betrachtens und Urtheilens, womit ihr beide (A. und T.) nicht zufrieden sein werdet. Indessen ließe sich aus dem Verschiedenen, auch wohl Gemeinsames und Übereinstimmendes zusammenstellen, und jenes gesondert Bleibende als einSuum cuiquebetrachten.

In meinen Briefen kommt nochöfterdasselbe vor, als in denen Goethe’s an Fr. v. St. und Ihr leset sie dennoch geduldig! Also Politik, zu Anfang und zu Ende. Vom Standpunkte des alten Bundestages der 34 Fürsten, war ein Volkshaus etwas Ungedachtes, Unerhörtes, Unsinniges. Jetzt hat Keiner gewagt Einwendungen dagegenlautauszusprechen. Der Gedanke eines Erbkaisers stand ebenfalls in höchster Entfernung, und kaum Einzelne deuteten darauf hin. Selbst die neue Gesellschaft im Weidenbusch sprach sich nur für dieEinheitaus, und schwieg vor der Hand über dieErblichkeit. Gestern hat sich, sehr unerwartet, die Mehrheit im Verfassungsausschussedafürerklärt. In Thesi ein wichtiger, merkwürdiger Schritt; ob er aber in die Praxis übergehen kann und wird, ist eine große, schwere Frage?

Ein österreichisches Erbkaiserthum, mit dem Übergewichtenichtdeutscher Volksstämme, ist sehr Vielen ein Gräuel, und Preußen kann sich ihm in keiner Weise unterwerfen. Ein preußisches Erbkaiserthumwollen die kleineren Staaten (an sechs Millionen); nicht aber Österreich und die Könige. Ereignisse und Persönlichkeiten werden von Tag zu Tag weiter führen, und zuletzt entscheiden.


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