Hunderterster Brief.
Frankfurt a. M., den 25. Januar 1849.
— — In alle diese Nichtigkeiten, oder Kleinlichkeiten, tönten indeß Nachrichten sehr ernsthaft hinein, über die vielen Verfolgungen angeblich politisch-schuldiger Personen in Preußen. Dies buchstäblich scheinbar gerechte, in Wahrheit leidenschaftliche Verfahren reizt zum Widerspruche, führt zu Lossprechungen und erhebt nicht blos in den Stand angeblicher Märtyrer, sondern auch in den Stand wirklicher Reichstagsabgeordneten.
Den 26. Januar.
Leider lauten die Nachrichten über die berliner Versammlungen und Wahlen so traurig, wie ich vorher gesehen und gesagt. Welch ein Unterschied, wenn ich die vorjährigen Versammlungen damit vergleiche. Alle Leidenschaften gesteigert, Klugheit und Mäßigung hingegen vermindert! Aber nicht ohneSchuld der Regierung, welche den Sieg in eine Niederlage verwandelt. — — — Wie lange die hiesige Versammlung noch beisammen bleibt und ich ihr beiwohnen werde, weiß ich noch nicht; gewiß wünschen weit die Meisten den Schluß, und sehnen sich nach der Heimat. So haben wir gestern 14 Sätze über das Reichsoberhaupt angenommen, und nur einer über den Titel:Kaiser, führte zu Berathungen und zu namentlicher Abstimmung. Die Österreicher und die Baiern sind gegen eine so vornehme Benennung und noch mehr die Republikaner; deshalb ward der Titel mit nur 214, gegen 205 Stimmen angenommen. Das Recht der Kriegserklärung wiesen ihm dagegen 282, wider 136 Stimmen zu. Wäre nicht anzunehmen, daß bei der zweiten Lesung der Verfassung erhebliche Berichtigungen eintreten und die stummen Regierungen endlich reden werden, so ginge ich schon jetzt davon. Überdies wird die Einheit Deutschlands immer schwächer vertreten, und fällt ganz dahin, wenn Preußen nicht mächtig bleibt und sich muthig dafür ausspricht. Ist doch die sächsische Kammer ganz den Radikalen preisgegeben.
— Äußerung: es seibesser, wenn die Wahlen überallschlechtausfielen, beruht auf dem unheilbringenden und unsittlichen Grundsatze: es muß erstrecht schlechtwerden, ehe esbesserwird. Allerdings zeigt der Welt Lauf nur zu häufig, daß dies der Fall ist, und keine Macht hinreicht die unglückliche Richtung zu überwältigen. Dies rechtfertigt aber Diejenigen nicht, welche die Hände in den Schoß legen, oder sich nur hinter den Ohren kratzen, und gleich Unglücksvögeln sich und Anderen den Muth austreiben und Wehe schreien. Welch voller Gegensatz zu dem trunkenen Wahnsinn der —; und doch führen beide Richtungen gleichmäßig ins Verderben.
Du hast sehr Recht, daß kein Mensch, der noch seine fünf Sinne hat, sich einbilden kann, er bewege die Welt; aber das Evangelium lehrt schon, daß man auch das allerkleinste anvertraute Pfund nicht soll unbenutzt lassen. Und wenn sich Leiden hinzugesellen, so darf man nicht blos jammern und bämmeln, sondern soll muthig ertragen lernen. Es ist eine bloßeEscapadedes Nichtwollens und Nichtthuns, zu sagen: die Franzosen und ihre Literatur sollen und werden uns erretten.
Ich bin sehr begierig auf Goethe’s Briefe an Frau von Stein und danke für Deine lebendige und geistreiche Kritik. Mit Stilling’s Richtung und Wesen stimme ich in keiner Weise zusammen. Diese hochmüthige Demuth, diese aufgeputzte Keuschheit, dies Liebäugeln mit unserem Herr Gott (wofür er sich bedanken soll), dieses Heucheln vor sich selbst,oder diese Großthuerei mit einem Pfennig von Wahrheit, neben geistig verbuhltem Kartenlegen und Volteschlagen; — ist mir durchaus zuwider. — „Doch, richtet nicht;“ so breche ich ab, bis mir ein Vertheidiger Stilling’s gegenüber steht und meine voreiligen Urtheile berichtigt.