Hundertzweiter Brief.

Hundertzweiter Brief.

Frankfurt a. M., den 27. Januar 1849.

Ich sage mir täglich und schreibe es Anderen ins Stammbuch: „Nicht verzweifeln;“ zum Theil, weil ich Muth habe, zum Theil aber auch, weil ich dessen selbst bedarf. Denn, wahrlich, der Himmel ist keineswegs heiter, und der Sturm, welcher seit mehreren Tagen von der Mainbrücke her gegen meine Fenster tobt, tönt mir wie eine herbe Warnung, oder Weissagung für Deutschland.

Ich will nicht zurückkommen auf den Mißbrauch, den das preußische Ministerium von seinem Siege gemacht und wie viel Boden es dadurch verloren. Ich will der Ungebühr der Demokraten diesmal nicht erwähnen: sind denn aber die Rückläufigen klüger, welche — — und ähnlich Gesinnte als Bewerber aufstellen, dadurch Gemäßigte zurückschreckenund ihren ungemäßigten Gegnern in die Hände arbeiten? Ist denn das wahre Heilmittel, die alten Thorheiten nochmals auszuspielen, und kann man Leuten vertrauen, die den Fuchspelz der Freisinnigkeit und Duldung nur übergeworfen haben?

Die hiesigen Abgeordneten (von denen sehr viele nicht über die Spaziergänge Frankfurts hinausblicken) glauben noch immer an ihre Allmacht und freuen sich darüber. Auf jede Weise lehnten sie eine Vereinbarung mit den einzelnen Fürsten und Regierungen ab, und beschlossen Dinge, welche nothwendig zum Streite mit Österreich führen mußten. Weil (heißt es) unsere Paragraphen unveränderlich sind, muß Österreich sich unterwerfen, oder draußen bleiben. Umgekehrt will man aber auch Preußen nicht, weil es eine Großmacht ist, während Baiern sich aufbläset, um eine zu werden.

Unterdeß suchen die Österreicher Alles in die Länge zu ziehen, aus natürlichen Gründen und unbekümmert um die übelen Folgen, welche daraus für das übrige Deutschland hervorgehen. Daß die beiden Hauptstaaten, Österreich und Preußen, so erkrankt sind, ist der Hauptgrund aller Verwirrung, und dem guten Willen einiger kleinen Staaten steht offene Fehde gegenüber, wie sie die sächsische radikale Kammer ankündigt.

Es ist eine große Täuschung zu glauben: mankönne mit Majoritäten von 10–20 Stimmen ganz Deutschland umgestalten und zu willigem Gehorsam vermögen.

Es ist ferner ein großes Unglück, daß man die Vorzüge der Monarchie immer nur theoretisch und geschichtlich darthun kann, während die Massen allein durch Persönlichkeiten in Bewegung gesetzt und begeistert werden. In der Republik hält sich Jeder für die rechte und größte Person; und so gewinnt sie täglich mehr Boden, bis (wie in Frankreich) die Noth und die Gewalt zur Demuth zwingt.

Mir sagte Jemand: ich habe durch mein Buch über Amerika wesentlich, und mehr als irgend Jemand, die demokratische Richtung gefördert. Soll ich die Wahrheit verhehlen, und habe ich nicht auf jeder Seite gewarnt: man solle, bei ganz anderen Verhältnissen, nicht in dumme Nachäfferei verfallen?

Die Republik kann bei uns versucht werden, aber nicht Dauer gewinnen. Auch ist zwischen Voigt und Washington, Schlöffel und Jefferson einiger Unterschied.

Die Besorgniß: es möchten die Fürsten und Regierungen gegen den frankfurter Verfassungsentwurf erhebliche Schwierigkeiten erheben, hat (wie gesagt) nicht zu einer offenen Mitberathung geführt; wohl aber hat man (meist um sie zu beschwichtigen) in den Verfassungsentwurf ein Kapitel aufgenommen,betitelt: derReichsrath. Als ich gestern dagegen stimmte, haben Die, welche mich zu ihrer Partei zählen, theils mit Achselzucken ihren Unwillen zu erkennen gegeben, theils mit lauten Vorwürfen. Der Eine sagte: sie haben den Kaiser zu Grunde gerichtet; der Andere, es fehlt an aller Disciplin; der Dritte: was die Linke befürwortet, muß man jedesmal verwerfenu. s. w.— Ich ließ mich nicht verblüffen und blieb die Antworten nicht schuldig.

Jene machen Partei, welch unerlaubtes Beginnen!Aber unsre Partei, freilich versteht sich von selbst.

Jene machen Partei, welch unerlaubtes Beginnen!Aber unsre Partei, freilich versteht sich von selbst.

Jene machen Partei, welch unerlaubtes Beginnen!Aber unsre Partei, freilich versteht sich von selbst.

Jene machen Partei, welch unerlaubtes Beginnen!

Aber unsre Partei, freilich versteht sich von selbst.

Ähnlich sprachen vor 200 Jahren die Katholiken und Protestanten zu ihrem und des Vaterlandes Verderben; auch ihnen standen die Parteiansichten höher, die Wahrheit, Liebe und Versöhnung. Niemals werde ich mich einer solchen Knechtschaft unterwerfen. Und sollte ich (das ginge noch an) wenigstensjurare in verba magistri; — nein,discipulorum in Klubbo! — Gern lasse ich Anderen ihre Freiheit, behaupte aber auch die meine.

Neben dem Kaiser, dem Volkshause und dem Staatenhause, soll der Reichsrath stehen, zusammengesetzt aus Männern, welche die einzelnen Staaten schicken, um von der Reichsregierung eingebrachte Gesetzentwürfe zu begutachten. Der Reichsrath ist also kein Staatsrath, keine Behörde von Beamten,keine Gesellschaft von Sachverständigen. Man will (sagt man mir) hiedurch die Fürsten gewinnen für den Verfassungsentwurf. Besser durch offene Mitberathung, als durch eine Einrichtung, welche in dieser Weise noch nie in der Welt da gewesen ist. Die beiden Kammern, die verantwortlichen Minister, die befragten Sachverständigen, sowiereportsnach englischer Weise, reichen vollkommen hin alle Zwecke zu erreichen. Was würden die Nordamerikaner sagen, wenn man ihrer Verfassung solchhors d’oeuvre, solchen Hemmschuh anlegen wollte? Einige hoffen in dieser Weise den alten Bundestag einzuschmuggeln; Andere stimmen dafür, weil es gar keine Bedeutung habe. — Und in der That, wenn die Reichsregierung (was ihr jedesmal frei steht) den Gesetzesvorschlag von einemEinzelneneinbringen läßt, findet gar keine Begutachtung statt. — Diese Begutachter werden mit den im Hintergrunde stehenden Regierungen (und es ist ja der Zweck ihr Gewicht zu erhöhen) briefwechseln, Zeit verderben, widersprechende Ansichten entwickeln, und Kaiser und Reich das Leben sauer machen, bis die Kammern (nothwendig entscheidend) dazwischentreten, und die Gutachten nach Belieben berücksichtigen, oder — zur Seite werfen.

Mögen diese, nur angedeuteten, leicht zu mehrenden Gründe auch unzureichend sein, jedenfalls stehtdie Sache so, daß Jedem frei bleiben muß, seine Überzeugung auszusprechen.

Ob wir etwas zu Stande bringen? Wer weiß es? — Ich habe zwei meiner wenigen Lebensjahre (seit der Stadtverordnetenwürde) ganz den öffentlichen Angelegenheiten geweiht, und es wächst die Sehnsucht mich in mein Schneckenhaus zurückzuziehen.


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