Hundertfunfzehnter Brief.

Hundertfunfzehnter Brief.

Frankfurt a. M., den 20. Februar 1849.

Meine Weissagung ist eingetroffen: alle Vorschläge, das allgemeine Wahl- und Stimmrecht mehr oder weniger zu beschränken, sind durchgefallen; ja, man war nahe daran, es auch Bankerottirern und Bettelleuten zu verleihen!

Den 21. Februar.

In der Stunde, wo man gestern jede Beschränkung des Wahlrechts (selbst die Ansässigkeit und das Steuerzahlen) verwarf, erhob sich ein so furchtbarer Sturm mit solchen Regengüssen, wie ich es fast nie erlebt habe: — möge dies kein Omen sein!

Politische Sorgen hat jetzt fast jeder Mensch; gestern aber steigerten sich die meinigen darüber, was Pflicht und Gewissen gebiete? Man muß darüber ins Klare kommen, was man (bei täglich steigenden Gefahren, und so vielen wichtigen, neu eintretenden Thatsachen) thun, was man vertheidigen, aufgeben, wie man stimmen wolle.

Die neue Gesellschaft des Weidenbusches (von der ich schon schrieb) will sich zu folgendem Programm bekennen:

1) Bildung eines Staaten- und Volkshauses;

2) Einheit der Reichsgewalt;

3) Annahme der Absätze 2 und 3 vom Reiche.

Das Staatenhaus ist nothwendig um der Fürsten und Stämme willen; ohne ein Volkshaus bleiben die Deutschen wesentlich hinter der politischen Entwickelung anderer Völker zurück, und seit 1000 Jahren hatten sieeinenKaiser; obgleich viele Leute jetzt schreien, als wäre dies eine funkelhagelneue Erfindung. Alles auf diese Punkte bezüglicheEinzelnebleibt (um nicht abzuschrecken, vor der Hand zurSeite gestellt. Kommt Zeit, kommt Rath. — So weit konnte ich ohne Bedenken mitgehen; ernstere Zweifel hegte ich über die Absätze 2 und 3. Sie lauten: §. 2. „Kein Theil des deutschen Reiches darf mit nichtdeutschen Reichen zu einem Staate vereinigt sein — §. 3. Hat ein deutsches Land mit einem nichtdeutschen Lande dasselbe Oberhaupt, so ist das Verhältniß zwischen beiden Ländern nach den Grundsätzen der reinen Personalunion zu ordnen.“ Ihr erinnert Euch, daß ich mich in Paris lebhaft wider diese Sätze erklärte, und darin einen Quell des Unglücks und der Zerwürfniß sah. Mir schien es zum mindesten unverständig, eine solche Herausforderung Österreichs an die Spitze zu stellen, und eine Hinausweisung anzudeuten. Seitdem habe ich hier im dritten Bande der stenographischen Berichte, alle Reden und Verhandlungen nachgelesen. Die für jene Sätze ausgesprochenen Gründe hoben keineswegs alle meine Zweifel, und die sehr große Mehrheit, welche sich dafür aussprach, war für mich auch noch nicht entscheidend. Wohl aber gebenneue Thatsachen den Dingen und den damit in unzertrennlicher Verbindung stehenden Beschlüssen eine andere Gestalt. Zuerst nämlich erklärte Österreich: es wollenichtin denBundesstaateintreten, sondern nur einen engeren Bund schließen; und diesen zu Stande zu bringen erhielt das ReichsministeriumAuftrag von der Reichsversammlung. — Nunmehr änderte aber Österreich seine Ansicht und erklärte: es wollekeinen Bundesstaat,kein Oberhaupt(es sei denn ein Habsburger) und nur eine Art von Herstellung des alten Staatenbundes mit oligarchischem Vorherrschen der vier Könige. So viel in und zwischen den Zeilen. Reichstag und Reichsgewalt ist für Österreich gar nicht da, oder nur eine berathende Behörde, deren sämmtliche Beschlüsse zu verwerfen ihm frei stehe. Diesem Beispiele folgen die kleinen Königreiche gar gern; was uns zurückwirft, bis diesseits alles Anfanges.

Will Österreichstaatsrechtlichausallenseinen LänderneinReich bilden (anders denn zuvor), so bleiben seine Deutschen immer in der Minderzahl und können allerdings in diesem Sinne nichtzweienStaaten angehören. Ist dies nicht der Fall, so hat Österreich schwerlich die Macht, aber gewiß nicht das Recht, von vorn herein eine neue und engere Einigung Deutschlands zu verwerfen, und ein Band vorzuziehen, das nicht bindet, sondern nur nach seinem Belieben gängelt. Waren also die Absätze 2 und 3 anfangs eine Art von Herausforderung, so sind sie jetzt vielmehr eine Art Abwehr, oder ein nothwendig gewordenes Mittel, die Dinge aus dem Schwebeln, Nebeln und Träumen heraus ins Klare zu bringen.

Man kann, wie die Dinge jetzt stehen, die Zukunft Deutschlands nicht aufgeben, um der Zukunft Österreichs willen; das ganz deutsche Preußen nicht um alter Traditionen willen, zurückstellen gegen den bunt gemischten österreichischen Staat. Wenn sich Preußen (zufolge seiner neuesten Noten) nicht nochmals von wiedergebornen Metternichs will in das Schlepptau nehmen lassen, wenn es nicht (blos rückwärts sehend) zur Salzsäule werden will, so hat es ganz Recht. Es muß (wie im Zollvereine) im Wege freien Vereines vorwärts gehen. Schon stehen alle kleineren deutschen Staaten auf seiner Seite; verliert man den Muth nicht, vergißt man der Mäßigung nicht, stellt man die Bedingungen nicht zu hart, die Formen nicht zu verletzend, so dürften die Widersprechenden allmälig nachgiebiger werden. Haben wir nur erst einen Kern, so wird bald mehr daran anschließen. Thut der preußische Landtag in der nächsten Zeit seine Schuldigkeit, geht er mit Frankfurt Hand in Hand, so blühet Hoffnung und nahet Erfüllung. — Wo nicht, so gehen wir verspottet von hier nach Hause, und eine bittere Reue und Strafe wird die Weigernden, Störenden, Zweideutigen treffen!

— — Ich las Allerlei in Johnson’s Leben englischerDichter. Man erwartet ein glänzendes, poetisches, glückseliges Leben! — findet aber meist Unzufriedenheit, Neid, Armuth, Unordnung, Speichelleckerei,Grobheitu. s. w.u. s. w.!!— schlechter, als die gewöhnlichste Prosa des täglichen Lebens. Doch giebt es Ausnahmen; oder man könnte auch sagen: unter allen Poeten zur Zeit der Königin Anna, gebe es keinen einzigen Dichter!

Nachmittags.

Die bekannte preußische Note hat großen Beifall gefunden; jedoch nur als einerstesWort, dem mehre folgen müßten. Indeß hatte sie sogleich die günstige Wirkung, viele kleinere Fürsten zu überzeugen, daß ihr Dasein nur dadurch könne gerettet werden, wenn sie durch eine starke Reichsgewalt gegen das Ausland und die Demokraten geschützt würden.

Minder willig sind die deutschen Könige, welche mit einer Souverainetät Götzendienst treiben, die sie zu Knechten machte, und welche das deutsche Reich niemals kannte oder anerkannte. Österreich kann und will sich nicht einer Reichsgewalt unterwerfen, wie man sie hier festsetzte, und Preußen muß dasselbe thun, im Fall man sie an Österreich überträgt. Mithin fragt sich: will man die Verfassung so herstellen, wie es Österreich verlangt; oder will man mit Österreich besondere Verträge abschließen? Diese gutentheils neuen Fragen und Zweifel führen zu einer Umstellung, Trennungoder Vereinigung der hiesigen Parteien. Vor ein Paar Tagen traten in der sogenannten Mainlust dieGegnerdes bezweckten Bundesstaates zusammen, meist Österreicher und Baiern. Sie waren so ziemlich darüber einig, was sienichtwollten, konnten sich aber über keine positiven Gegenvorschläge einigen. Dies veranlaßte eine zweite Versammlung, welche im Weidenbusch zusammentrat und größtentheils aus Preußen bestand. Ich habe mich, da eine unbestimmte Neutralität jetzt nicht ausreicht, ihr angeschlossen und Gelegenheit genommen, meine Überzeugung auszusprechen. Man kam zu folgenden vorläufigen Beschlüssen:

1) An der Bildung eines Volkshauses und Staatenhauses festzuhalten. Beide werden die Mehrzahl der Stimmen für sich vereinigen.

2) Auf den Reichsrath kein Gewicht zu legen. Ich halte ihn nicht blos für unbrauchbar, sondern auch für schädlich.

3) Auf keine Trias, kein Direktorium u. dergl. einzugehen, sondern an derEinheitder Reichsgewalt festzuhalten.

4) Wider jeden Plan zu stimmen, der blos auf eine Modifikation des alten Bundes- und Fürstentages hinausläuft.

5) Um desTitelsdes Reichsoberhauptes willen das Gelingen derSachekeiner Gefahr bloßzustellen.

6) Die Erblichkeit des Reichsoberhauptes als die beste Form, so lange als möglich, zu vertheidigen.

7) Das Kriegs-, Zoll- und Gesandtschaftswesen vorzugsweise in die Hände der Reichsgewalt niederzulegen.

Bei der ungefähr gleichen Stärke der Parteien, liegt die Entscheidung in der Macht der Linken; auch sagt diese sehr offenherzig: sie werde diese Verhältnisse für sich ausbeuten und sich derjenigen Partei anschließen, welche ihr die meisten Concessionen mache.

Das größte Gewicht hat jedoch Preußen, sobald der neue Reichstag seine heiligen Pflichten erfüllt. Tollkühnheit ist eben immer toll; wer aber nicht wagt, gewinnt nicht, und günstige Gelegenheiten kehren selten wieder, wenn sie versäumt werden.

Viele wünschen und weissagen: der frankfurter Reichstag werde mitnichtsabschließen, und hierin liege die erfreuliche Rückkehr zum Alten und Bewährten. Ich halte diese Ansicht für grundfalsch. Nach kurzer, täuschender Ruhe und Freude würde bald eine Revolution hervorbrechen, schrecklicher noch als die des Jahres 1848.


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