Hundertneunzehnter Brief.

Hundertneunzehnter Brief.

Frankfurt a. M., den 4. März 1849.

Die österreichischen Abgeordneten wünschen, hoffen, versprechen, daß ihre Regierung binnen kurzer Frist inhaltreiche, genügende Erklärungen abgeben werde. Um deswillen hat man die zweite Lesung des Verfassungsentwurfes auf 8–14 Tage hinausgeschoben.

Fällt die Erklärung hinsichtlich der Grundrechte, des Staaten- und Volkshauses befriedigend aus, so wird man sich über die viel besprochenen Paragraphen2 und 3 wohl einigen. Bleiben, dem gemäß, die österreichischen Abgeordneten in der Paulskirche, so ist an ein erbliches Kaiserthum nicht mehr zu denken. Entsagt Österreich demengerenBunde, oder findet man hier dessen Anerbietungen ungenügend; so würde der Gedanke an einen Kaiser wieder in den Vordergrund, der irgend eines Direktoriums in den Hintergrund treten.

Weil aber Baiern und viele Ultramontanen auch keinen (preußischen) Erbkaiser wollen, so muß man vielleicht dieErblichkeitaufgeben, um dieEinheitdurchzusetzen. Vielleicht erhält man die Mehrheit für eine vorläufige Ernennung auf sechs Jahr — in unseren Zeiten eine halbe Ewigkeit!

Die meisten der preußischen Abgeordneten und viele Beförderer des engeren Bundes fürchten: daß sich Preußen zu sehr werde von Österreich einschüchtern lassen. Es solle muthig mit Willigen in engere Verhältnisse treten; die Übrigen würden (wie beim Zollvereine) nachfolgen. — Vor Allem sei zu verhüten, daß nicht die hiesige und die berliner Versammlung in Streit geriethen. Dadurch würde Preußen alle Sympathien in Deutschland einbüßen.

Es ist sehr natürlich und verständig, daß sich die preußische Regierung über alle diese Dinge nicht vorlaut und übereilt aussprechen will: es ist aber ein Unglück, daß wohlgesinnte Abgeordnete keinen Fingerzeig, keine Andeutung darüber haben, was dem Könige lieb, erwünscht, zuwider ist. So sagtz. B.der Eine: nie würde er eine sechsjährige Oberleitung annehmen; während der Andere behauptet, sie würde ihm willkommen sein.

Die Stellung der Parteien ist jetzt hier oft so, daß Wenige eine Entscheidung herbeiführen können; deshalb halte ich aus und bin (fast wider meine Neigung) thätig in Klubs und Vorversammlungen. Aber mir fehlt der Faden einer Ariadne!

Nachmittags.

Ich halte mir täglich Reden und Ermahnungen, daß ich hier geduldig und pflichtmäßig aushalten müsse; im Augenblicke aber, wo ich mich in meinen Beschlüssen befestigt habe, werden sie mir fast verleidet. Als ich gestern Abend im Weidenbusch ankam, fand ich die Mitglieder des neuen Vereines, statt in dem großen und hohen Saale, in einem kleinen und niedrigen versammelt. Da die Sitzplätze nicht ausreichten, standen sie Kopf an Kopf, die Luft war so verdorben, daß man kaum athmen, und vor Tabacksdampf kaum sehen konnte. Ich glaubte nicht unter deutschen, sondern unter indianischen Abgeordneten zu sein, welche ihre Friedenspfeifen miteinander rauchten.

Die Herren Heckscher, Hermann und Somaruga sind nach Olmütz gereiset, um der österreichischen Regierung den Verfassungsentwurf ihres neuen Klubs vorzulegen und sie zu bestimmten Erklärungen zu vermögen. Es wäre gegen alle Formen, wenn die österreichischen Minister sich mit einzelnen Klubisten in Unterhandlung einließen und ihnen bestimmte Antworten ertheilten, während sie Schreiben des Reichsministerii noch nicht berücksichtigt, sich nicht über den Verfassungsentwurf der Reichsversammlung ausgesprochen haben. Doch will ich die Absicht jener Männer nicht tadeln, auf eine Beschleunigung und Verständigung hinzuwirken. Eine neue baierische Note (die ich noch nicht las) erregt hier viel Unzufriedenheit: sie soll wesentlich auf Form und Inhalt des alten Bundestages zurücksteuern.

Nach allen Seiten befinden wir uns in der Klemme: das Ausscheiden Österreichs ist ein Unglück und sein hemmender Eintritt nicht minder. Österreich widerspricht einem preußischen Kaiserthume, und Preußen (dem große Nebenländer fehlen) kann sich noch weniger einem österreichischen unterwerfen. Eine schwache Reichsgewalt hilft nirgends ausreichend, eine starke ist den neugebackenen Souverainen unwillkommen. Die Duodezkönige möchten eine Oligarchie, Baiern eine Trias bilden; während alle übrigen Fürsten sich lieber an das mächtige Preußen anschließen,als den wenig hervorragenden unterordnen wollen. Aus sehr entgegengesetzten Gründen vereinigen sich Österreicher, Baiern und die Linke für — Nichtsthun! Die ersten wollen Zeit gewinnen, und die letzte aus Anklagen der Unfähigkeit, neue Umwälzungen herbeiführen. Steigern die Königlein ihre Ansprüche weit über die der anderen Fürsten hinaus, so ist es mindestens zweifelhaft, ob sie in Volk und Kammern immer Unterstützung finden werden (wie sichz. B.schon die Neubaiern von den Altbaiern trennen); ergiebt sich, daß die hiesige Reichsversammlung durch oligarchische Einreden allzu sehr beschränkt wird, so werden selbst gemäßigte Männer die Geduld verlieren und sich immer mehr links wenden.

Jetzt ist man noch entschlossen, alle (zum Theil sehr vernünftige) Bemerkungen der einzelnen Regierungen gewissenhaft zu prüfen, und alles Annehmbare anzunehmen. Was und wieviel dies sei, und wieviel Zeit dazu gehört, läßt sich aber noch nicht übersehen. Jeden Falles wird es nicht so schnell gehen, als man anfangs wünschte und hoffte.

Diejenigen, welche sich einbilden: das deutsche Volk werde nach dem, wenig veränderten Singsang der Kinderwartefrauen (welche sich Bundestagsgesandten nennen), noch einmal 30 Jahre ruhig und geduldig verschlafen, irren sich sehr. Die Trompeten, welche zur Auferstehung aufrufen, werdenkeine Kindertrompeten, sondern die eines furchtbaren, entsetzlichen Gerichtes sein!


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