Hundertzwanzigster Brief.

Hundertzwanzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 5. März 1849.

Es ist eine Ironie des Schicksals, daß ich mir gar oft die Worte des Händelschen Duetts in den Bart brumme: „che vai pensando folle pensier?“ — und die beruhigende Antwort im Gedächtnisse nicht finden kann. — Gestern ging ich bei schönem Wetter spazieren. Schon blüht der Crocus, grüne Blattspitzen wagen sich hervor, und von meiner Wohnung aus habe ich meine Freude am Strom und den Wolken, an Licht, Sonnenschein und Abendroth; dann weiter schreitend an Feld und Gebirge. Alles mannigfaltiger, näher und bequemer wie in Berlin. Auf ein Paar Monate würdet auch Ihr Freude am Frühlinge haben. So in sicherer Wiederkehr, geregelt, in ewiger Jugend, — die Natur: — und dagegen die, ihrer Weisheit sich erhebenden, und zugleich sie aufs Bitterste parodirenden Menschen! — Gestern, am politischen Ruhetage, doch keine Ruhe; denn auf dem Spaziergange hörte ich von neu ausgebrochenen Unruhen und eingelaufenen anonymenBriefen: daß man alle Abgeordneten der Rechten todtschlagen wolle, und die Linke dann die Republik erklären werde!

Bei der Heimkehr fand ich (gegen die Regel) meine jungen Freundinnen nicht ganzà leur aise, weil sie Abends eine langweilige Gesellschaft besuchen sollten; — was mir Veranlassung gab ihnen eine Vorlesung zu halten, über Hardenberg’s an mich gerichtetes Wort: „mein lieber Raumer, Sie müssen lernen sich mit Anstand ennuyiren!“

Abends ging ich in die Preziosa, welche die Hausmann sehr anmuthig darstellte. Mit der Preziosa des Cervantes würde es ihr indeß noch besser gelungen sein; denn ich komme immer wieder auf meine frühere Kritik zurück, daß Wolf sie zu sehr versentimentalisirt und zu eilig in eine gewöhnliche Liebschaft verwickelt hat. Etwas mehr Sprödigkeit und Keckheit hätte einen originelleren Charakter gegeben und mehr Licht und Schatten hineingebracht. AmPuckkann eine Schauspielerin größere Anlagen entwickeln als an der Preziosa, obgleich ihr zugemuthet wird auch zu singen und zu tanzen.

Die Preziosa ist Weber’s Frühling, sowie Belmonte und Constanze der Mozart’s. Doch geht dieser auf einer breiteren Grundlage, der Sonnenhöhe des Sommers und den Genüssen des Herbstes entgegen. Das „Vivat Bacchus, Bacchus lebe,“ fehlt derweicheren Natur Weber’s, und „Nero, der Kettenhund“ ist nur ein geringes, künstliches Surrogat. Ich saß gestern zwischen der ernsten und heiteren Seite des Lebens. Zur Rechten ein Vater, mit drei kleinen Töchtern, welche nie im Theater waren, die jüngste wohl erst fünf Jahr alt, alle voll der gespanntesten Erwartung. Als ich die kleinste anredete, machte sie (wahrscheinlich aus Furcht vor meinem häßlichen, bebrillten Angesichte) eine sehr klägliche Miene: — ein Bonbon erwarb mir aber schnell ihr Zutrauen. Endlich ging der Vorhang in die Höhe, und ich habe nie glückseligere Gesichter gesehen als die dieser Kinder.

Zu meiner Linken saß die Frau eines Fabrikanten aus —, für welchen der März nichts errungen hatte, als den Verlust seines Absatzes. Sie erzählte: man habe in diesen Tagen neue Volksversammlungen, und dabei Reden gehalten, des Inhaltes: es sei jetzt schlimmer als sonst; weshalb man den Ermahnungen zurOrdnungnicht mehr Folge leisten dürfe, sondern durch verdoppelteUnordnungzum Ziele kommen müsse. Das nächste Hauptziel und Besserungsmittel sei, — alle Fürsten fortzujagen!

O des gemäßigten, besonnenen, deutschen Volkes, unter dem es weder Thoren noch Pöbel giebt!! — Dennoch bleibe ich dabei: die Massen sind besser als die Halbgebildeten; die Verführten minder schuldigals die Verführer, und ein reinigendes Fegefeuer eher möglich für jene als für diese.

So von verschiedenen Seiten verschieden angeregt, hielt ich zuletzt fest an Weber’s Musik, die mich aber (verbunden mit dem Andenken an seine Person) in eine sehr sentimentale Stimmung versetzte. Mehre Male habe ich seine Preziosa wider ihn selbst in Schutz genommen und sie höher gestellt, als er wollte. Er nannte sie, halb mitleidig, einen Jugendversuch: — warum muß die Jugend alt werden!?

Den 6. März.

Gestern ward der tüchtige Simson wieder zum Präsidenten erwählt. Er sprach mit Bestimmtheit davon, daß wir unser großes Werk (trotz aller Hindernisse) gewiß würden zu Stande bringen; und wie gern lasse ich mich überzeugen. Denn, obgleich ich gerade nicht veranlaßt bin auszurufen: Herr, hilf meinemUnglauben! so kann ich doch der Zweifel nichtganzHerr werden und fühle (wie man sagt) eine Art historischen Kalenders in meinen Gliedern. Sollten wir aber nach den Überschwemmungen von 1848, in diesem Jahre auf großer Dürre stehen bleiben und keine Ernte, keinen Herbst haben; so ist deshalb noch nicht aller Tage Abend und man muß Thätigkeit und Hoffnung auf 1850 übertragen.

Gestern ging ich, bei schönstem Wetter, mit den Fräulein Jung, nach einer Anhöhe seitwärts von Sachsenhausen, wo man eine reiche Aussicht hat; heute hingegen deutet Alles wieder auf Regen!

Ebenso geht das politische Barometer und Thermometer auf und ab: daher Erkältungen und Erhitzungen des Leibes und des Geistes. Der Umfang und die Frechheit der Wühlereien und aufrührischen Reden steigt mit der Jahreszeit, welche den Äquinoktialstürmen naht. Selbst Mitglieder der Reichsversammlung wirken in dieser Richtung. Mindern nun die Regierungen die Kraft der Gemäßigten, durch übertriebene Rücksicht auf örtliche Interessen und hülflose Souverainetätsgelüste; hoffen sie hiedurch den (wie sie glauben thörichten) Gedanken von einem einigeren Deutschlande, von einemBundesstaate zu vereiteln und auszurotten; so werden sie durch blutige, republikanische Versuche hindurch, einen despotischenEinheitsstaat herbeiführen. Für jetzt richten sich die Haupteinwendungen der königlichen Regierungen wider die Vorschläge vom Reichsoberhaupte; es fällt aber gar nicht schwer ebenso gewichtige Einreden gegen den Vorschlag zu erheben, eine apokalyptische (böse)Siebenan die Spitze zu stellen.

Es ist sehr natürlich, daß die Reichsversammlung (bei dieser Unentschiedenheit) mit den mannigfachstenBittschriften und Verfassungsplanen überschüttet wird, welche einem Ausschusse zur Prüfung übergeben werden, in der Regel aber zu den Akten gehen. Nur einzelne werden gedruckt, oder sogleich gedruckt eingeschickt. Zur Probe lege ich eine bessere des Bürgervereins von Nürnberg bei.

Täglich treten Mitglieder unserer Versammlung aus, oder nehmen Urlaub. So sehr dies einerseits die Neigung erhöht Ähnliches zu thun; so wächst andererseits die Nothwendigkeit zusammenzuhalten und die von allen Seiten angegriffene Feste nicht durch Zerstreuung der Besatzung preiszugeben.


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