Hundertsechster Brief.

Hundertsechster Brief.

Frankfurt a. M., den 2. Februar 1849.

Ich mache den Brief wieder auf, weil ich den Eurigen vom 29. v. M. soeben erhalte. Es thut mir leid, daß Ihr theilnehmend Euch über meine Abstimmung, den Reichsrath betreffend, ganz unnütze Sorge macht. Ob sie vielen Leuten mißfällt, ist mir ganz gleichgültig; ich stimme lediglich nach meiner wohlbegründeten Überzeugung, verstehe die Sachen so gut wie die meisten Anderen, oder (da es mein Fach ist) noch besser; lasse mich weder von — noch von — verblüffen oder ins Schlepptau nehmen, erkenne das Gute und Wahre an woher es auch komme, und stehe auf eigenen Beinen so ehrenwerth da, als Andere auf fremden Krücken. Für eine Schaar Halbwissender ist — der Großkophta: soll ich auch niederfallen und anbeten; für Andere ist es Hr. —; soll ich ihm den Staub von den Füßen küssen? Ich bin willig, nachgiebig, ja (wie Ihr meint) bisweilen zu nachgiebig und schwach; aber der bloßen Gewaltforderung einer Partei, oder voreiligen Zwangsbeschlüssen, — weiche ich keinen Finger breit.

Sonderbar wenn die Linke dem Guten widerspricht, blos weil es von der Rechten kommt, erhebtman (mit Recht) ein großes Klaggeschrei: und doch muthet man mir zu, ich soll die Partei über Wahrheit und Einsicht stellen.

Überdies ist esganz falsch, daß blos die Linke dem Gesetzentwurfe widersprochen habe, und ichallein, aus Dummheit oder Eigensinn, unter ihre Reihen gerathen sei. Die Linke zählt höchstens ein Viertel der ganzen Versammlung (bei gewöhnlichen Abstimmungen bloßer Parteiung); diesmal stimmte fast die Hälfte der Versammlung wider den Entwurf. Also gehörte die Hälfte der Verneinendennichtzur Linken, und ich stehe gar nicht so verlassen, wie Ihr zu glauben scheint.

In die Sache selbst mag ich heute nicht umständlich eingehen. Ich hoffe, auf dem von Preußen bezeichneten Wege soll etwas weit Besseres zu Stande kommen, als der begutachtende Reichsrath, zusammengesetzt aus Leuten, die unfähig sind zu begutachten. Den Hunden schmiert man Butter auf die Nase; dann (so sagt man) fressen sie geduldig trocken Brot. — Daß die Fürsten ebenso dumm sein würden, darauf läuft das ganze Scheingeschäft mit dem Reichsrathe hinaus.

Genug davon; laßt ab von Eueren Sorgen, wehrt Euch, wie ich mich wehre; und wo mein Name steht, soll er stehen bleiben und nicht gestrichen werden. Ich weiß weshalb und wozu.

Soeben sagt mir Hr. Simson: er würde (wenn es ihm als Präsident erlaubt gewesen wäre) auchdagegengestimmt haben, und Andere entschuldigen sich mitKlubbeschlüssen, die michnichtverpflichten. Die Sache kommtnichtzu Stande, trotz der Mehrheit von 11 Stimmen, oder sie wird sich als zweckwidrig erzeigen.

Morgen werde ich wahrscheinlich wider die Rechte und wider die Linke stimmen; denn wennalleAnträge höchst mangelhaft sind, muß manallezurückweisen, damitbesseregemacht werden; nicht aber hin und her kapituliren und dummen Gesetzen beistimmen.

Nicht aus der Selbstständigkeit entsteht das Schwanken, sondern aus dem Mangel an Selbstständigkeit; und ist es denn eine als weise anzunehmende Regel, daß 19 stimmenmüssen, wie es 20beliebt. — Gar nicht stimmen, das heißt davongehen — dazu bin ich nur zu geneigt; aber unterbuttern lasse ich mich nicht, und gewissenhafte Pflichterfüllung stempelt nicht (nach Belieben Leidenschaftlicher) zum Rebellen oder Apostaten.


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