Hundertsiebenter Brief.
Frankfurt a. M., den 2. Februar 1849.
Nachdem ich heute meinen letzten Brief an Euch auf die Post gebracht, ging ich zum Hrn. Präsidenten Simson, fand daselbst den würtembergischen Minister Römer und andere zur Rechten gehörige Abgeordnete. Sie waren in Beziehung auf den Reichsrathsämmtlichmeiner Meinung, und hofften, er werde bei der zweiten Lesung in dieMinderzahlgerathen. Ja, Simson erzählte, daß ein Mann, der an dem Entwurfe mit arbeitete unddafürstimmte, sich bei ihm nach dem Ausfalle der Abstimmung erkundigte, und dann sagte: so ist dasBeestdennoch durchgekommen!! — Soll ich etwa diesem Beispiele folgen? — Eßt, trinkt und schlaftgut, möget Ihr michrechtsoderlinksfinden. Beschreibe ich auch nicht,à la Cesar, wie ein Koloß die Paulskirche, so werde ich doch, trotz alles Blasens und Stoßens in Fr. und B., wie ein Stehauf, immer wieder auf die Beine kommen. Genug davon.
— hat Unrecht, einen Tadel gegenRegierungsmaßregeln noch jetzt als einen Tadel gegen diePersondes Königs zu betrachten, oder gar bei mir eine dumme oder gehässige Rancune vorauszusetzen.Ich bin ein besserer Königsfreund, als Viele, die sich in Potsdam damit breit machen: und nie würden meine Rathschläge (obwohl ich die Weisheit nicht gepachtet habe) ihn in alle die über ihn hereingebrochenen Leiden geführt haben.
Den 3. Februar.
Ich habe wieder ein Stück in den Reisebriefen der Gräfin Hahn gelesen, und finde, daß sie in vielen (mir vorgeworfenen) Ketzereien mit mir übereinstimmt:z. B.in ihren Urtheilen über Rossini und Donizetti, über Petrarka’s weichliche und wabliche Sonette, über dieCampagna di Roma(„hat man bei der melancholischen Campagna den Muth, von einer anderen Pracht zu sprechen, als der der Vergangenheit“): über Südfrankreich und insbesondere die Provence (z. B.„die suche ich in meinem Leben nicht wieder auf. Wer in aller Welt hat diesem unschönen, dürren, von der Sonne versengten, von dem Mistral vertrockneten Lande, mit ruinirten Städten, mit wüsten Bourgaden, den Ruf der Schönheit beigelegt?u. s. w.“). — Zwei sehr gute und seltene Eigenschaften hat die Hahn als Reisebeschreiberin: sie lügt nicht, und spornt sich nicht zur Bewunderung des Mittelmäßigen.
Liebe —! Ich wollte Dir auf Deinen anziehenden, ernsten und scherzhaften Brief recht umständlichantworten; aber es fehlt an ruhiger Zeit, und die Sache hat auch an sich große Schwierigkeiten. Darum heute nur einige Worte: mündlich mehr.
Die Alten (das heißt Griechen und Römer) betrachteten alle Geschlechtsverhältnisse viel einfacher als wir, und quälten sich damit nicht so viel auf und ab, hin und her. Waren sie herber, roher, plumper; so hätschelten sie anderntheils nicht das Mangelhafte und stellten krankhafte Zustände nicht (unter dem Titel von Poesie) über die einfache Gesundheit hinauf.
Die Sittenlehre über die Geschlechtsverhältnisse ist überaus unvollständig und verwirrt; theils weil man von falschen Grundsätzen ausgeht, theils weil man bei der Behandlung dieses wichtigen Kapitels den erkünstelten Anstand über den natürlichen Verstand hinaufsetzt, und um die Sachen herumgeht, wie die Katze um den heißen Brei.
Ich habe eine Abneigung gegen alle Liebesromane, welche ungesunde, widerwärtige Verhältnisse unter das Vergrößerungsglas setzen, anatomiren, chemisiren und das Präparat in ästhetischem Weingeiste aufbewahren. Daher kann ich mich an Rousseau’s Heloise nicht erbauen, für die Wahlverwandtschaften nicht begeistern; daher habe ich keine Freude an den Gegensätzen in Goethe’s Geschwistern. Ja, ich wage es, zu behaupten: daß in Romeo und Julie ein krankerBestandtheil liegt, der zum Untergange führt: — obgleich ich gern zugebe, daß ein seliger Tod besser ist, als ein todtes Leben.
Untersuchungen, ob eine Frau keusch, ein Mädchen verliebt war, was Goethe mit seiner Friederike, oder mit Frau von Stein, oder — und — mit der L. vorgenommen haben, sind unnütz und meist vorwitzige und tadelsüchtige Neugier.
Irrig aber ist es, zu behaupten: nur die Liederlichen setzten voraus, bei den Weibern sei keine Tugend zu finden. Im Gegentheil erfahren sie am häufigsten, daß Tugendhafte sie abweisen; während andere, minder kühne oder minder unverschämte, Männer nicht Gelegenheit haben, darüber Erfahrungen zu machen. Viel schlimmer als jene Bonvivants sind aber die prüden Fischnaturen, die scheinheiligen Frömmler, die verwelkten Sünder und Sünderinnen, welche sich eine Keuschheitstarnkappe überhängen.
Man soll bei Beurtheilungen solcher Dinge nicht die Persönlichkeit und die ganz individuellen Verhältnisse übersehen, welche bald lossprechend, bald erschwerend sind. — Und nun gar bei ganzen, bei polygamischen Völkern! Wäre ich der türkische Sultan, also im Muhamedanismus erzogen, hätte ich gewiß ein vortreffliches Serail; mir erscheint eine solche Sammlung schöner Frauen viel anziehender, als ein Stall voll Pferde und Hunde. Niemand braucht hier vor Schrecken drei Kreuzezu machen; mit drei Thaler Diäten kann man kein Serail anlegen.
Nur Dichter und Künstler werden jetzt von Frauen und Mädchen gehätschelt; andere ehrliche Leute haben von derlei freiwilligen Liebschaften nichts zu fürchten; beim besten Willen kommen sie in keine Gefahr, — kommen also auch natürlich nicht darin um.
Die Legende, daß Goethe der Vater des Hrn. v. Stein sei, hörte ich schon vor vielen Jahren; zugleich aber L. Tieck’s Widerlegung: er sei geboren,eheseine Mutter Goethe gekannt. Zweifler werden freilich fragen: was nachher geschehen sei? Was kümmerts mich!
Den 4. Februar.
Die österreichische, wichtigste Frage ist noch immer nicht gelöset. Der Traum eines Reiches der Mitte von 70 Millionen findet nur wenige begeisterte Anhänger. Und diese vergessen, daß die anderen Staaten eine solche napoleonische Übermacht nicht wollen, und nicht wollen können. Wohl aber sollten die 70 Millionen sich über freundschaftliche Verhältnisse verständigen, und so viel Einheit und Centralisation eintreten, daß Deutschland, dem Auslande gegenüber, nicht eine Null bleibe. Der Feindesgabe unbedingter Souverainetät müssen die deutschen Fürsten entsagen, und sich (wie selbst nach der alten Reichsverfassung)nur als Glieder eines größeren Ganzen betrachten, sonst werden sie binnen wenigen Jahren fortgejagt, und die Republik siegt, wenigstens auf einige Zeit.