Hundertsechsundvierzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 6. Mai 1849.
Da es unmöglich ist, meine Sorgen ganz allein für mich zu tragen, so bin ich für Eure freundliche wohlwollende Theilnahme sehr dankbar; wogegen ich widersprechen muß, wenn Ihr EuchunnöthigeSorgen macht.
Wären Bequemlichkeit, persönliche Wünsche, Befreiung von Vorwürfen, Vermeidung von Undankbarkeit und Gefahren, leibliche und geistige Ermüdungu. s. w.,— wären diese Gründe die höchsten und allein entscheidenden, so würde ich längst in die Heimat zurückgekehrt sein, und in ehemaligen, oder Altenmannsbeschäftigungen, Beruhigung und Genuß gesucht und gefunden haben. Alle jene Gründe treiben aber (von höherem Standpunkte betrachtet) zum Bleiben, Ausharren, Dulden und Handeln! Ich habe meine Stellung hier nicht aus Eitelkeit gesucht oder angenommen, und weder das Angenehme noch Unangenehme klar voraussehen und danach beschließen können. Vielleicht, jawahrscheinlich, kommt sehrbaldeine Zeit, wo ich (nebst Anderen) werde fortgehen wollen oder fortgehen müssen; — aber noch ist sie nicht da, und kein Soldat fordert seinen Abschied an den Tagen der Schlacht. Daher trete ich nicht Eueren ängstlichen Berechnungen und Weissagungen, sondern M— bei, welcher in dem anliegenden Briefe schreibt: „Bleib ja so lange in Frankfurt, als die Versammlung selbst.“
Wäre unsere Aufgabe eine einfache, „Kampf gegen AnarchieoderDespotismus“, so würde unsere Macht verdoppelt und der Sieg gewiß sein: in Wahrheit muß aber dieserdoppelteKampfzugleichgekämpft werden, und die Besiegung nur deseinendieser Feinde ist kein Sieg, sondern führt durch übermäßigen Mißbrauch desselben ins Verderben.
Ihr sagt: wir Gemäßigten seien schon in den Strudel der Linken fortgerissen. — Wer hat diese denn gestärkt, als Diejenigen, welche lauter oder in der Stille die Hülfe, Entwickelung und Ordnung lediglich in unbedingter Herrschaft finden?Wer jetzt die reactionairen Gelüste nicht sieht, ist soblind wie Der, welcher die anarchischen Wünsche und Bestrebungen läugnet.Es ist kinderleicht, über das Eine oder das Andere ein schreckliches Geschrei zu erheben; schwer, sie mit gleicher Unbefangenheit betrachten, würdigen und bekämpfen.
Als Frankfurt (eher als das militairische Preußen) die Anarchisten im vorigen Jahre zu Paaren trieb, um Preußens willen den Waffenstillstand von Malmoe annahm, die Steuerverweigerung verdammte u. dgl., — da waren wir gar liebe, vortreffliche Leute. Weil uns aber jetzt die drei, noch an ihrer französischen Souverainetät festhaltenden Könige nicht wie göttliche Propheten erscheinen, die wir besingen müßten; weil wir die Auflösung und Vertagung aller Kammern in ganz Deutschland nicht für einen glücklichen Zufall oder eine weise Maßregel halten; weil wir die scharfe Arznei des Belagerungszustandes nicht in das tägliche Brot verwandeln wollen; weil wir nicht Denen zustimmen, die noch über die äußerste Rechte hinausgehen: — darum heißen wir jetzt (nachdem das Blatt sich gewendet) — Dummköpfe und Rebellen! Thun wir denn nicht gleichzeitig alles Menschenmögliche gegen die übertriebenen Vorschläge der Linken? Haben wir diese nicht vorgestern (zu ihrem höchsten Verdrusse) ohne alle Ausnahme verworfen? — Aber während wir hier bis zum Tode und biszur Verzweiflung widerstehen und uns opfern, verläugnen uns Die, welche uns trösten und stützen sollten.
Leute, welche die Größe der Aufgabe und des Zieles (die mächtige Einigung eines wiedergebornen Deutschlands) gar nicht begreifen, fallen über den trockenen Knochen einer abgelebten Schulfrage, vom absoluten Veto, her, und halten ihn sich so nahe vor das Auge, daß sie von Allem was um sie vorgeht, gar nichts erblicken.
Dann das Wahlgesetz! War es denn unter den gegebenen Verhältnissen möglich, ein anderes zu machen? Auch hier ist mehr als die Hälfte der Einwendungen unpraktisches Geschwätz. Hätte der König von Preußen nach löblicher Besiegung der berliner Pöbelherrschaftsogleichwählen lassen, er hätte eine vortreffliche Kammer bekommen. Aber der rechte Augenblick ward versäumt, und die günstige Stimmung durch gar viele, ich fürchte verkehrte, Maßregeln umgewandelt. Hätte der König von Preußen sich am 2. Aprilthätigan die Spitze Deutschlands gestellt, die Wahlen wären höchst günstig ausgefallen, und er hatte jede ihm beliebige Änderung ohne Mühe in der zweiten Reichsversammlung durchgesetzt. Aber jetzt!!
Das Benehmen Preußens hat in Deutschland mehr Republikaner erzeugt, als die Wühlereien aller Demagogen zusammengenommen.Wer darf behaupten, daßwirdenBürgerkrieg hervorrufen, während unsere Bevollmächtigten bis jetzt aufs Äußerste in Berlin, München und Dresden für Maßregeln unermüdlich wirken, welche ihn abhalten sollen und können.
Die, für andere Zeiten und Verhältnisse höchst löbliche Gewissenhaftigkeit, hat Unterhandlungen, Vereinbarungen gewollt, in dem letzten Augenblicke, wo Deutschland nur durch ein ganz entschiedenesHandelnPreußens zu retten war. Vergeblich hat man dies aufs Dringendste vorgestellt! Freuen sich doch Viele auf eine neue Belebung Deutschlands durch Pulver und Blei! — damit Das eintrete, was sie Ordnung nennen.
In Rheinbaiern ist die schwache Regierung außer Stande, den Strom der übermäßigen Aufregung zu hemmen. Baden, Würtemberg und Sachsen leiden an derselben Aufregung.
Also, sagen die Ultrastaatsweisen: drein schlagen und drein schießen. Allerdings ein Mittel gegen die Krankheit Derer, die dort erschlagen werden; aber es werden immer noch Lebendige übrig bleiben, die gegen derlei Ärzte einDa capoversuchen.
Merkwürdig, daß selbst Märzvereine und ein Theil der besonnenen Linken sich gegen alle Gewaltmaßregeln erklären. Möchten ihre äußersten Gegner dasselbe thun und so Deutschland vor dem entsetzlichsten Unglück bewahren.
Ich bin nur ein ohnmächtiger Einzelner; daß ich aber hier und in Paris nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt — und geduldet — habe, dies Zeugniß kann ich mir nach ernster Prüfung selbst geben. Daher werden mich Urtheile von Leuten nicht aus der Fassung bringen, welche (ohne genügende Kenntniß) aus der Ferne (oder wie man in Berlin sagt, aus Nummer Sicher) das große Wort führen, und Rechte, Centra und Linke in einen Topf der Verdammniß werfen.
Ich erhalte soeben Eueren zweiten Angstbrief vom 4. Mai. Vor 3–4 Monaten hätte ich fortgehen können: jetztdarfundwillich nicht; so lange Widerstand gegen die Linke noch möglich, und eine irgend zusammenhaltende Centralgewalt noch vorhanden ist. Käme die Linkefortdauerndzur Majorität, so müßten alle Wohlgesinnte ihren Auftrag niederlegen; jetzt dürfen wir nicht verzweifeln, weil wir einige Posten verloren, andere gewonnen haben. Eine neue Berathung über die Verfassung in derjetzigenVersammlung (begreift das doch endlich) würde mehrverderben, alsverbessern; die 34 Fürsten, Könige und Kaiser werden sich (wie wir ja sehen)niemalsvereinbaren; ohne eine neue Reichsversammlung ist der Krieg zwischen Absolutisten und Republikanernunvermeidlich;Preußen giebt, um ein Paar theoretische Schulbegriffe durchzusetzen, seinen weltgeschichtlichen Beruf auf, oder doch den weltgeschichtlich entscheidenden Augenblick preis. Was Frankfurt auch verschuldet und gesündigt haben möge, was kann es Milderes, Bescheideneres thun, als sein Mandat in die Hände seiner Wähler und des Volkes niederlegen; jedoch nicht ohne eine Bürgschaft; daß der Todesschlaf fauler, feiger Ruhe, nicht statt gemäßigter Entwickelung eingeschmuggelt, oder aufgezwungen werde. Gehen wir ohne Bürgschaft, so wirkt die Linke für Republik, aus welcher Anarchie entspringt; und gegenüber wächst der Despotismus Rußlands, Österreichs und vielleicht auch Preußens. Beide Parteien sind maßlos für ihre Zwecke; ich rechne es mir zur Ehre, daß ich beide mißbillige und nach meinen geringen Kräften dawider wirke. Wie man auch über mich urtheile, ich habe gethan, was ich vor Gott und Menschen verantworten kann, und habe weder Lust, mich Hrn. Schlöffel, noch Hrn. v. — unterzuordnen. Noch stehe ich so fest auf meinen Füßen, als jene Verdammenden. — Doch ists möglich, daß ich (nach MaßgabeweitererEreignisse) aus zureichenderen Gründen, freiwillig oder gezwungen, bald nach Berlin komme. Beruhigt Euch also.