Hundertsiebenundvierzigster Brief.

Hundertsiebenundvierzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 8. Mai 1849.

Unser bitteres Märtyrerthum dauert ununterbrochen fort; daher wünschen und hoffen wir auf eine baldige Erlösung. Doch können viele Wohlgesinnte im Davongehen noch nicht die rechte Lösung erblicken, oder es muß dafür einauffallender, thatsächlicher Grundeintreten. Wenn Ihr Euch die Mühe nehmt, so werdet Ihr aus den stenographirten Berichten sehen, welche Menge leidenschaftlicher Anträge wir in jeder Sitzung durch unsere Mehrzahl verwerfen. Aber diese Mehrzahl nimmt täglich (besonders durch Austritte) ab, und ich fürchte: der Augenblick naht, wo wir ganz in der Minderzahl bleiben, und dann nicht einzeln, sondern in Masse davongehen müssen.

Die Wendung, welche die Sachen in Sachsen genommen haben, bringt der guten Sache großen Schaden; denn während die anarchische Partei kurzweg und auch durchungesetzlicheMittel alle Fürsten wegjagen und alle Regierungen auflösen möchte, freuen sich die Absolutisten des Vorwandes, durch Gewalt auch die löbliche Entwickelung zu hemmen und die alte, formlos willkürliche, Regierungsweise herzustellen.

Als Gagern gestern in der Sitzung von den entsetzlichen Gefahren und Leiden eines Bürgerkrieges sprach, lachten ihm Etliche höhnisch ins Gesicht. Da entfuhr ihm das Wort: „nur Buben lachen über solche Dinge.“ Hierauf furchtbarer Lärm, Ordnungsruf durch den Präsidenten, Entschuldigung, steigende Einmischung von den Galerien, Rechtfertigung dieser Einmischung durch einen Abgeordneten von der Linken, Schimpfen von oben herab, beim Weggehen vor der Kirche Verhöhnung Gagern’s und Gleichgesinnter, Lebehochs für die lautesten Schreier von der Linkenu. s. w.

Ihr seht aus dieser Mittheilung im Lapidarstyl, wie nahe wir dem Gesteinigtwerden sind, und daß die tägliche Wiederkehr solcher Leiden nicht Vorwürfe für die ausharrend Kämpfenden herbeiziehen sollte. Aber ungeachtet des Zornes, welcher deshalb wider die revolutionaire Partei hervorbrechen muß, kann der Unbefangene nicht läugnen, daß Könige, Fürsten, Minister ihr in die Hände arbeiten und die Hälfte der Schuld tragen. — Wo ist Einer ganz schuldlos? Leider ist unser vortrefflicher Präsident Simson so krank, daß er nur in kurzen Absätzen die Versammlung leiten kann. Dieser Übelstand hat schlimmere Folgen als man denkt, und mit Anderen habe auch ich gestern Abend im Weidenbusche darauf aufmerksam gemacht. Insbesondere ward beschlossen, die Galeriendurch die gesetzlich bereits feststehenden Mittel in strengerer Ordnung zu halten. Vielleicht entscheidet schon diese Woche über weiteres Handeln, Bleiben, Gehenu. s. w.Ich werde mich nicht übereilt zu dem Einen oder dem Anderen entschließen; sobald aber die kalten Maitage vorüber sind, werde ich (wenn Pflichten nicht bestimmt entgegenstehen) kaum der Neigung und der Gesundheitsforderung widerstehen, einenkurzenUrlaub zu nehmen und wegzureisen, — wohin es auch sei.

In der ersten Hälfte der heutigen Sitzung erhoben einige fanatische Mitglieder der Linken wieder solch einen Lärm, daß die Sitzung auf zwei Stunden geschlossen werden mußte. Wir gingen zum Weidenbusche, wo Mitglieder der gemäßigten Linken erschienen und versprachen, fernerhin alles Mögliche zu thun, um Anstand und Ruhe in der Kirche und auf den Galerien zu erhalten.

Heute Abend Berathung im Casino und Weidenbusche über Anträge der Linken, die Angelegenheiten in der Pfalz und Sachsen betreffend. Die morgende Sitzung wird über unsere nächste Zukunft entscheiden.

Mir fehlt Zeit und Kraft, heute mehr zu berichten. Kämpfe vom Morgen bis in die Nacht, über welche sich von der Ruhe des Belagerungszustandes aus bequem kritisiren läßt.


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