Hundertsechsundzwanzigster Brief.

Hundertsechsundzwanzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 15. März 1849.

Ihr Brief vom 11. d. M. hat mir große Freude gemacht; zunächst weil ich daraus sehe, daß Sie meine zahlreichen Mittheilungen freundlich aufnehmen. Nur einer von Ihnen ausgesprochenen Besorgniß kann ich nicht beitreten: die österreichische Verfassung und die österreichischen Noten haben hierNiemandverblendet; sie haben vielmehr auch den Geblendetsten den richtigen Blick wiedergegeben, und die Sache Preußens wesentlich gefördert und erleichtert. Alle kleineren Staatenwollenfolgen, andere werden müssen; die Neubaiern stimmen bereits mit uns, und selbst die Altbaiern fangen an einzusehen, daß eine Zolllinie, gezogen zwischen Nord- und Süddeutschland, sie ganz zu Grunde richten würde.

Mittags.

Der gestrige Tag verging in angestrengten Vorbereitungen und Berathungen zu den bevorstehenden Kämpfen, und Viele haben wohl (gleich wie ich) Nachts vor tiefer Aufregung nicht schlafen können. Wir hatten Vormittag, Nachmittag und Abend Sitzungen im Weidenbusche. Es ward mit Mäßigung und Verstand über alle in Betracht kommenden Punkte gesprochen, und auch ich habe zwei Mal das Wort genommen; was ich erzähle, um nur zu beweisen, daß ich bestrebt bin, meine Pflicht zu erfüllen. Das erste Mal gegen einen Antrag, heute wiederum Abänderung der Tagesordnung zu verlangen; er ward abgelehnt, um sich keine zweite Niederlage (wie vorgestern) zuzuziehen.

Umständlicher sprach ich, in dem Euch bekannten Sinne, zur Beseitigung von Zweifeln und zur Berichtigung von Ansichten über Veto, Erblichkeit, Wahlberechtigung, unmittelbare und mittelbare Wahlen, Öffentlichkeitu. s. w.Hieran ging ich über zu einer Prüfung aller österreichischen Vorschläge, und suchte mit Schärfe und Bestimmtheit zu beweisen (es ist nicht schwer), daß sie anmaßend, ungerecht, thöricht und schädlich sind; von den sieben schwatzenden oder schlafenden Prinzen, bis zur Verwerfung des Volkshauses und dem Gebote: Deutschland solle in den alten, elenden Verhältnissen beharren, ja sie noch verschlechtern! Ich schloß mit einem Angriff gegen die Politik der Könige — — —

Meine Stimme war nur eine einzelne in einem großen harmonischen Chore! Sehr löblich brachte jeder Einzelne Meinungen zum Opfer, um Einigkeit zu erzeugen und Stärke zu gewinnen. 225 Abgeordnete gelobten einmüthig, für den (uns vorläufig schon bekannten und gestern Abend vorgelegten) Antrag des Ausschusses zu stimmen; wir haben gerechte Hoffnung, daß sich noch Mehre anschließen werden, und wenn wir dennoch (wie Blücher bei Ligny) unterliegen, werden wir bei Waterloo nicht fehlen!

Man kann unzählige Gründe beibringen, warum wir nach zehn Monaten (mit der gerühmten deutschen Gründlichkeit) noch zehn Monate berathen müßten. Im Angesichte der dringenden Gefahren von Außen, der Volksungeduld, der Wühler, der wilden Feinde alles Gelingens, der dummen oder schlangenlistigen Diplomaten, der verblendeten Fürsten, — ward es aber zur heiligen Pflicht, den kühnen Sprung zu wagen, der uns aus scheiterndem Fahrzeuge hoffentlich an ein sicheres oder doch minder gefährliches Ufer bringt. Um wie viel es sich handelt, zeigte Euch schon der Welckersche Antrag; der anliegende Ausschußbericht ist noch viel bestimmter, umfassender, entscheidender, muthiger. Zu diesem Muthe gesellt sich (wie selten ist dies) aber auch die Demuth: wir wollen unsere Machtnicht verlängern, wie das lange Parlament in England; das Volknicht zwingen, uns in die zweite Reichsversammlung aufzunehmen, wie der Convent in Frankreich: — sondern mit dem Bewußtsein vor Gott und Menschen recht bald in unsere Heimat zurückkehren, daß wir nach Pflicht und Gewissen bestrebt waren, unser Vaterland aus den Gefahren der Gegenwart zu erretten, und es einer größeren Zukunft entgegenzuführen. Gott gebe (in diesen gefährlichen Märztagen) seinen Segen!!

Nachmittags.

Ich komme soeben aus der Sitzung in der Paulskirche. Ein Gesetz über die Auswanderungen (welches selbst unsere Partei in leidenschaftlicher Hast zurücklegen wollte) ist friedlich angenommen, und wird allmälig beitragen, die Auswanderer gegen Betrügereien zu schützen. Morgen (16.) ist keine Sitzung;übermorgen aber beginnt der große Kampf über den beiliegenden Bericht des Ausschusses. Ich glaubenicht, daß er kurzweg in allen Theilen angenommen wird, kann aber darin keineswegs ein so entsetzliches Unglück sehen, wie viele meiner Kollegen. Sie fürchten: man werde uns eine Verfassunggeben, oder uns gar auseinanderjagen. Ich bin (sofern wir es nicht selbst verschulden) davor nicht bange, und wenn wir bei der Abstimmung über die einzelnen Paragraphen der Verfassung (wie die Linke vorschlägt) auch einige Zeit verlieren und in einigen Punkten unterliegen; so werden wir praktisch doch vorwärts kommen, und nicht so viel einbüßen, als Theoretiker und ängstliche Gemüther glauben. Die Beweise ein andermal, sofern sie nöthig werden.


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