Hundertsiebzehnter Brief.
Frankfurt a. M., den 25. Februar 1849.
Morgen (wird angekündigt) sollen uns die gemeinschaftlichen Erklärungen der deutschen Staaten (nur mit Ausnahme von Hannover und Österreich) über den Verfassungsentwurf mitgetheilt werden. Gebe Gott, daß sie genügen, um zum Ziele zu kommen! Gestern Abend war eine neue Versammlung im Weidenbusche; sie bildet, wenn keine Mehrzahl, doch eine sehr starke Minderzahl, und ist in sich einiger, als die Gegner, zu denen leider Absolutisten, Republikaner, Österreicher, Baiern, Ultramontanenu. s. w.mit ganz verschiedenen Ansichten und Absichten gehören.
— wünscht eingutesWahlgesetz; worunter er gewiß ein so viel als möglicharistokratischesversteht. Dadurch aber, daß die preußische Regierung (und einige andere) das allgemeine Stimmrecht bewilligten und im vorigen, wie in diesem Jahre, danach wählen ließen, hat sie es unmöglich gemacht, hier einen entgegengesetzten Grundsatz durchzubringen. Jetzt meinen Viele, das Verlorene wieder zu gewinnen, wenn sie gegen den Gesetzentwurf stimmen, welcherdirekteWahlen beantragt. Viele sindnichtdieser Meinung. Der einfache, ungebildete Menschenverstand der Urwähler ist ihnen lieber, als die falsche Bildung der so oft verschrobenen Wahlmänner; das Verhältniß der Wähler und Erwählten bleibt bei direkten Wahlen (wie es sich gebührt) ein unmittelbares, wo Zurechnung und Abänderung nicht künstlich beseitigt wird. In allen Ländern, wo man es mit derlei Abstufungen versucht hat, ist man davon zurückgekommenu. s. w.
Mag ferner die geheime Abstimmung einzelne Vortheile, die offene einzelne Nachtheile haben, so ist Muth und Freiheit bei offener Abstimmung doch im Ganzen besser gewahrt und für Wahrheit und Charakter besser gesorgt, als wenn man ein Mittel vorschreibt, wobei die Feigen und die Lügner ihren Vortheil finden.
Ein Hr. H. (der sich einen Dichter nennt und auf seine Schönheit viel einbilden soll) hielt letzthin eine Lobrede auf die Weisheit und Begeisterung der Jugend bei politischen Rechten. Später, sagte er, heirathen die Leute, und sind dannabhängigund unglücklich: — dies erregte große Heiterkeit.
In Johnson’s Leben englischer Dichter finde ich folgende Stelle:Akenside certainly retained an unnecessary and outrageous zeal for what he called and thought liberty: a zeal which sometimes disguises from the world, and not rarely from the mind which it possesses, an envious desire of plundering or degrading greatness; and of which the immediate tendency is innovation and anarchy, an impetuous eagerness to subvert and confound, with very little care what shall be established.
Den 27. Februar.
Seit einigen Tagen ist das Wetter abscheulich und der Gang der Berathungen und Beschlüsse gleich melancholisch und niederdrückend. So war ich gestern von ¾9—¼5 in der Paulskirche und von 7–9 im Casino. Es entspann sich über die Mittheilungen der Regierungen an die Reichsgewalt eine Berathung, welche durch ganz unnütze namentliche Abstimmungen ermüdete, und in den Ergebnissen völlig nichtig war. Zudem fielen die Vorschläge, welche die sogenannten Gutgesinnten machten, zu Boden: erstens durch innere Mangelhaftigkeit, zweitens durch falsche Taktik; drittens durch Coalitionen der äußersten Rechten, der Linken, der Österreicher, Ultramontanen und Baiern. Gang und Ausgang versetzteMehre in solche Verzweiflung, daß sie gestern Abend im Casino den Vorschlag machten, uns von unseren Gegnern und der Paulskircheganzzu trennen, einebesondereVersammlunginoderaußerhalbFrankfurt zu bildenu. s. w.u. s. w.Ich erklärte mich aufs Lebhafteste gegen diesen, imjetzigenAugenblicke wahnsinnigen Vorschlag, und ganz in gleichem Sinne sprachen sehr gut die Herren Schubert, Waitz und Beckerath. Wir, angeblich Conservativen (sagte ich unter Anderem), sollen eine Maßregel ergreifen, die höchstens begreiflich wäre, wenn sie von der äußersten Linken ausginge; wir sollen im Widerspruche mit Recht, Gesetz, Mandat, Wählern, Regierungen, Absicht und Zweck, den revolutionairen Boden betreten, unsere Freunde auseinandersprengen, eine unausweichliche Niederlage für die von uns vertretene Partei herbeiziehen, und die Achtung der Mitwelt und Nachwelt verlieren. Und weshalb, wozu? Weil wir in einem sehr übereilt unternommenen Gefechte einmal besiegt wurden? Niemand kennt die Zukunft; aber jetzt ist es unsere Pflicht, auf unserem Posten auszuharren, nicht zu verzweifeln, sondern im Wege der Pflicht, der Ehre, des Rechtes weiter zu kämpfen, bis wir siegen, oder, selbst in der Niederlage, gerechten Ruhm erwerben!u. s. w.u. s. w.
Zur Erläuterung obiger Parteistellung noch Folgendes: die äußerste Rechte will sich mitallenRegierungen verständigen über die deutsche Verfassung, und ihnen so viel Entscheidungsgewalt zugestehen, als der Reichsversammlung. Die Centren halten es für unmöglich,alleRegierungen füreineAnsicht zu vereinigen, und fordern dieletzteEntscheidung für die Reichsversammlung. Die Österreicher hätscheln die Linke, um sie gegen Preußen zu benutzen, und die Baiern, um statt der Einheit eine Triasu. s. w.durchzusetzen. Die Linke bietet hier scheinbar die Hand, um die Mehrheit für ein unbedingt demokratisches Wahlgesetz zu erhalten. So die gegenseitigen Wünsche, Forderungen und Concessionen, und die anbrüchigen Grundlagen einstweiliger Bündnisse. In der anderen Woche kommen wir zur zweiten Lesung des Verfassungsentwurfes, und man erwartet die Erklärung der österreichischen Regierung über einen anderen Entwurf, welchen österreichisch Gesinnte hier entworfen haben und nach Olmütz überbringen. Ich zweifle, daß er die Beistimmung der österreichischen Regierung erhalten, und noch weit mehr, daß er in der Paulskirche durchgehen wird. Später mehr davon, sofern das Kind nicht in der Geburt stirbt.
Den 28. Februar.
Gestern war endlich schönes Wetter, daß man spazieren gehen, des Frühlings gedenken und sicherheitern konnte. Auch in der Paulskirche hörte ich einige treffliche Reden, so von Beseler und Riesser. Eine, welche ich hielt, kann ich nicht so gut bezeichnen; sie hat nur den Vorzug, daß ich des Spruches eingedenk war: „sperrs Maul auf, hör’ bald auf.“ — Man wünschte im Casino, ich möge sprechen, und so habe ich dem freundlichen Wunsche nachgegeben. Man duldet meine Worte, weil ich nicht grob bin; doch nahm ich die Gelegenheit wahr, mich wenigstens gegen einen Vorwurf (des Breittretens bekannter Thatsachen) zu vertheidigen.
Die Furcht, oder Hoffnung, daß sich die Massen vorzugsweise durch allgemeine Grundsätze und theoretische Principien leiten und beherrschen ließen, erscheint mir einseitig und übertrieben. Wenn Demagogen jetzt großen Eindruck machen, so beruht er weit weniger auf ihren Verfassungstheorien, als auf dem Andenken an frühere Mängel, und der Leichtgläubigkeit mit welcher man ihren Versprechungen traut. Gehen diese (es ist unmöglich) nicht in Erfüllung, so wird der übereilte Beifall sich in bittere Vorwürfe umsetzen. In der Regel bewundern und vertrauen die Massen bestimmten Personen. Ein großer Mann (Friedrich II, Napoleon, Blücheru. s. w.)setzt sie mehr in Bewegung, als alle abstrakten Lehrsätze. Ja, sie respektiren mehr die Tyrannei eines kräftigen Einzelnen, als das Gerede vieler kleinenLeute wider dieselbe. In letzter Stelle sind aber allerdings Grundsätze und Personen gleich wichtig und unentbehrlich.
Raumer’s Rede vom 27. Februar 1849.Keine politische Frage ist wohl öfter, umständlicher und erschöpfender behandelt worden, als im englischen Parlamente die Frage über das öffentliche und geheime Abstimmen. Es würde sehr leicht sein, eine kurze Übersicht der Gründe und Gegengründe zu geben, wenn ich nicht an die Erinnerung dächte, daß diese Stelle nicht geeignet sei, Vorlesungen zu halten und Das zu wiederholen, was in allen Compendien stehe. Ich freue mich, meine Herren, wenn Jeder weiß, was in geschichtlichen Compendien steht; allein ich habe von der Rednerbühne herab Thatsachen und Aussprüche berühmter Männer anführen gehört, die ich bis jetzt in keinem Geschichtsbuche gefunden. Ich habe vermuthen müssen, sie wären durch die Kraft der Begeisterung und Phantasie aus den Wolken geholt, um hier eine schöne Wirkung hervorzubringen.Es sind äußerst wohlwollende und treffliche Männer im englischen Parlamente aufgetreten für die geheime Abstimmung; sie haben die Schattenseiten der öffentlichen Abstimmung lebhaft und tüchtig hervorgehoben; allein in einer langen Reihe von Parlamenten hat sich die Mehrheit der Stimmen immerdar für die öffentliche Abstimmung ausgesprochen. (Zuruf von der Linken: Aristokratie!) Keineswegs sind blos unfreisinnige Männer in ihrer Meinung für öffentliche Abstimmung festgeblieben, sondern Männer, welche an der Spitze standen, um die große Parlamentsreform durchzubringen, haben sich beharrlich dafür erklärt. Erlauben Sie, daß ich nun auch ein Beispiel anführe von der Ansicht niedrig gestellter Personen. Als ich mich einst in London aufhielt, und diese Frage an der Tagesordnung war, sagte ich einem Schneider: „Sind Sie nicht für geheime Abstimmung? Denn im Falle Sie nicht stimmen, wie Ihre Kunden verlangen, werden Sie sich der Gefahr aussetzen, diese Kunden zu verlieren, und Ihre Familie ins Elend zu stürzen.“ — „Herr,“ sagte mir der Schneider, „wenn Sie nicht bei mir arbeiten lassen wollen und ich verliere Sie, so bekomme ich, als muthiger, ehrlicher Mann, für Sie zehn andere Kunden.“Der Kern der Frage ist der: daß man dieFreiheitschützen will durch diegeheimeAbstimmung. Ohne Zweifel ist dieses ein wohlgemeinter Zweck; ich kann mich aber nicht überzeugen, daß man diesen Zweck durch jenes Mittel erreicht. Denn sobald wir an die Stelle des „Vorsagens“ das „Schreiben“ setzen, so bleibt die Abhängigkeit dieselbe. Man sagtz. B., der katholische Geistliche wird seinenPfarrkindernsagen, wie sie stimmen sollen. Ich weiß nicht, inwiefern dieses geschieht, und inwiefern es nützlich ist; denn bisweilen mag der Geistliche mehr von der Sache verstehen, als der Fragende. Jedenfalls kann der Geistliche besser schreiben, als viele Gemeindeglieder, und so kommt das Stimmzettelschreiben sehr leicht in seine Hände. Weil überhaupt in einigen Gegenden Deutschlands viele Leute gar nicht schreiben können, haben sie sich von den Wahlen ausgeschlossen, indem sie ihre Unwissenheit nicht gestehen wollten. Meine Herren! Wenn hier unter uns Keiner einen Zweifel hegt, daß bei namentlichen Abstimmungen Jeder sich so ausspricht, wie seine Überzeugung es gebietet, so sollen wir dieses von Anderen ebenso voraussetzen. Überhaupt sind jene Gefahren der Öffentlichkeit keineswegs so übergroß; vielmehr wird die Abhängigkeit gefährlicher, sobald man sich insgeheim bestechen lassen kann, und zu bestechen geneigt ist. Will man jedoch ferner wissen, wie Jemand gestimmt hat, so ist dieses keineswegs sehr schwer herauszubringen; denn daß ganz entgegengesetzte Parteien gleichartig stimmen, ist nicht die Regel, sondern nur die, bisweilen unbegreifliche, Ausnahme.Sie haben gesprochen und Beschlüsse gefaßt für öffentliches Gerichtsverfahren, für Preßfreiheitu. s. w.;Sie sind der Meinung gewesen, erwachsene Männer seien fähig und würdig zu wählen; auch habe ichmich früher selbst von dieser Stelle dagegen ausgesprochen, große Klassen von Menschen auszuschließen vom Wahlrechte. Bleiben wir nun aber auch jetzt auf demselben Boden und in derselben Richtung. Wir haben Zutrauen zum Volke gehabt, und nicht knechtische Abhängigkeit, nicht Schwäche des Geistes und Charakters vorausgesetzt, die man verdecken, der man zu Hülfe kommen müsse. Meine Herren! Wir sind hier, um das Volk zu erheben, und es wird sich erheben, wenn wir seiner Erziehung nicht selbst in den Weg treten. Die Gefahr, welche Herrschaften, Fabrikherrenu. s. w.ausüben wollen, wird sich alsdann brechen an der Kraft der öffentlichen Meinung, oder berichtigen durch dieselbe. — Meine Herren! Wenn eine öffentliche Abstimmung nothwendig ist bei einer direkten Wahl, so ist sie noch nothwendiger bei indirekten Wahlen. Denn der Urwähler, welcher eine Stimme einem Wahlmanne giebt, will erfahren, wie dieser gestimmt hat; der Wahlmann muß öffentlich stimmen, sonst ist aller Zusammenhang zwischen Urwähler und Wahlmann abgeschnitten. (Zuruf aus dem Centrum: Hört! Hört!) Ich halte weder das System der unmittelbaren, noch der mittelbaren Wahlen für vollkommen; aber Besorgnisse daß die, durch das Wahlgesetz gereinigten und organisirten, Massen falsch wählen werden, halte ich für die geringeren. Es geht die Gefahr weit mehr von Denen aus, die nicht blos, wie das Volk, einen gesunden Verstand besitzen, sondern in einer halben, falschen Bildung befangen sind. Ich fürchte mich mehr vor den Irrthümern, Nebenrücksichten und Einseitigkeiten der Wahlmänner, als vor denen der Massen. Meine Herren! Es ist hier von dieser Stelle vor einigen Tagen von einem verehrten Abgeordneten ein Wort angeführt worden, welches man mit Beifall aufnahm. „Geben Sie“, hatte ich gesagt, „kein Gesetz, das Pöbel schafft, und Sie werden keinen Pöbel haben.“ Meine Herren! Ich erlaube mir, mit einer geringen Veränderung dieses meines Wortes zu schließen: „Geben Sie keine Gesetze für die Schwachen, Feigen, Charakterlosen, und Sie werden diese Mängel und Übel ausrotten.“ (Bravo im Centrum.)
Raumer’s Rede vom 27. Februar 1849.
Keine politische Frage ist wohl öfter, umständlicher und erschöpfender behandelt worden, als im englischen Parlamente die Frage über das öffentliche und geheime Abstimmen. Es würde sehr leicht sein, eine kurze Übersicht der Gründe und Gegengründe zu geben, wenn ich nicht an die Erinnerung dächte, daß diese Stelle nicht geeignet sei, Vorlesungen zu halten und Das zu wiederholen, was in allen Compendien stehe. Ich freue mich, meine Herren, wenn Jeder weiß, was in geschichtlichen Compendien steht; allein ich habe von der Rednerbühne herab Thatsachen und Aussprüche berühmter Männer anführen gehört, die ich bis jetzt in keinem Geschichtsbuche gefunden. Ich habe vermuthen müssen, sie wären durch die Kraft der Begeisterung und Phantasie aus den Wolken geholt, um hier eine schöne Wirkung hervorzubringen.
Es sind äußerst wohlwollende und treffliche Männer im englischen Parlamente aufgetreten für die geheime Abstimmung; sie haben die Schattenseiten der öffentlichen Abstimmung lebhaft und tüchtig hervorgehoben; allein in einer langen Reihe von Parlamenten hat sich die Mehrheit der Stimmen immerdar für die öffentliche Abstimmung ausgesprochen. (Zuruf von der Linken: Aristokratie!) Keineswegs sind blos unfreisinnige Männer in ihrer Meinung für öffentliche Abstimmung festgeblieben, sondern Männer, welche an der Spitze standen, um die große Parlamentsreform durchzubringen, haben sich beharrlich dafür erklärt. Erlauben Sie, daß ich nun auch ein Beispiel anführe von der Ansicht niedrig gestellter Personen. Als ich mich einst in London aufhielt, und diese Frage an der Tagesordnung war, sagte ich einem Schneider: „Sind Sie nicht für geheime Abstimmung? Denn im Falle Sie nicht stimmen, wie Ihre Kunden verlangen, werden Sie sich der Gefahr aussetzen, diese Kunden zu verlieren, und Ihre Familie ins Elend zu stürzen.“ — „Herr,“ sagte mir der Schneider, „wenn Sie nicht bei mir arbeiten lassen wollen und ich verliere Sie, so bekomme ich, als muthiger, ehrlicher Mann, für Sie zehn andere Kunden.“
Der Kern der Frage ist der: daß man dieFreiheitschützen will durch diegeheimeAbstimmung. Ohne Zweifel ist dieses ein wohlgemeinter Zweck; ich kann mich aber nicht überzeugen, daß man diesen Zweck durch jenes Mittel erreicht. Denn sobald wir an die Stelle des „Vorsagens“ das „Schreiben“ setzen, so bleibt die Abhängigkeit dieselbe. Man sagtz. B., der katholische Geistliche wird seinenPfarrkindernsagen, wie sie stimmen sollen. Ich weiß nicht, inwiefern dieses geschieht, und inwiefern es nützlich ist; denn bisweilen mag der Geistliche mehr von der Sache verstehen, als der Fragende. Jedenfalls kann der Geistliche besser schreiben, als viele Gemeindeglieder, und so kommt das Stimmzettelschreiben sehr leicht in seine Hände. Weil überhaupt in einigen Gegenden Deutschlands viele Leute gar nicht schreiben können, haben sie sich von den Wahlen ausgeschlossen, indem sie ihre Unwissenheit nicht gestehen wollten. Meine Herren! Wenn hier unter uns Keiner einen Zweifel hegt, daß bei namentlichen Abstimmungen Jeder sich so ausspricht, wie seine Überzeugung es gebietet, so sollen wir dieses von Anderen ebenso voraussetzen. Überhaupt sind jene Gefahren der Öffentlichkeit keineswegs so übergroß; vielmehr wird die Abhängigkeit gefährlicher, sobald man sich insgeheim bestechen lassen kann, und zu bestechen geneigt ist. Will man jedoch ferner wissen, wie Jemand gestimmt hat, so ist dieses keineswegs sehr schwer herauszubringen; denn daß ganz entgegengesetzte Parteien gleichartig stimmen, ist nicht die Regel, sondern nur die, bisweilen unbegreifliche, Ausnahme.
Sie haben gesprochen und Beschlüsse gefaßt für öffentliches Gerichtsverfahren, für Preßfreiheitu. s. w.;Sie sind der Meinung gewesen, erwachsene Männer seien fähig und würdig zu wählen; auch habe ichmich früher selbst von dieser Stelle dagegen ausgesprochen, große Klassen von Menschen auszuschließen vom Wahlrechte. Bleiben wir nun aber auch jetzt auf demselben Boden und in derselben Richtung. Wir haben Zutrauen zum Volke gehabt, und nicht knechtische Abhängigkeit, nicht Schwäche des Geistes und Charakters vorausgesetzt, die man verdecken, der man zu Hülfe kommen müsse. Meine Herren! Wir sind hier, um das Volk zu erheben, und es wird sich erheben, wenn wir seiner Erziehung nicht selbst in den Weg treten. Die Gefahr, welche Herrschaften, Fabrikherrenu. s. w.ausüben wollen, wird sich alsdann brechen an der Kraft der öffentlichen Meinung, oder berichtigen durch dieselbe. — Meine Herren! Wenn eine öffentliche Abstimmung nothwendig ist bei einer direkten Wahl, so ist sie noch nothwendiger bei indirekten Wahlen. Denn der Urwähler, welcher eine Stimme einem Wahlmanne giebt, will erfahren, wie dieser gestimmt hat; der Wahlmann muß öffentlich stimmen, sonst ist aller Zusammenhang zwischen Urwähler und Wahlmann abgeschnitten. (Zuruf aus dem Centrum: Hört! Hört!) Ich halte weder das System der unmittelbaren, noch der mittelbaren Wahlen für vollkommen; aber Besorgnisse daß die, durch das Wahlgesetz gereinigten und organisirten, Massen falsch wählen werden, halte ich für die geringeren. Es geht die Gefahr weit mehr von Denen aus, die nicht blos, wie das Volk, einen gesunden Verstand besitzen, sondern in einer halben, falschen Bildung befangen sind. Ich fürchte mich mehr vor den Irrthümern, Nebenrücksichten und Einseitigkeiten der Wahlmänner, als vor denen der Massen. Meine Herren! Es ist hier von dieser Stelle vor einigen Tagen von einem verehrten Abgeordneten ein Wort angeführt worden, welches man mit Beifall aufnahm. „Geben Sie“, hatte ich gesagt, „kein Gesetz, das Pöbel schafft, und Sie werden keinen Pöbel haben.“ Meine Herren! Ich erlaube mir, mit einer geringen Veränderung dieses meines Wortes zu schließen: „Geben Sie keine Gesetze für die Schwachen, Feigen, Charakterlosen, und Sie werden diese Mängel und Übel ausrotten.“ (Bravo im Centrum.)