Hundertster Brief.

Hundertster Brief.

Frankfurt a. M., den 24. Januar 1849.

Herr Camphausen ist seit einigen Tagen wieder hier, und man munkelt (das Wort ist bezeichnend) von großen Beschlüssen der preußischen Regierung. Noch hat aber keiner von den vielen preußischen Abgeordneten etwas von ihm vernommen, und auch der Erzherzog Johann wußte gestern Abend noch keine Sylbe.

So sind und bleiben wir denn ein Heer ohne Feldherrn, eine Schiffsmannschaft ohne Steuermann, eine Heerde ohne Hirten. Jeder saugt sich seine angebliche Begeisterung und Weisheit aus den Fingerspitzen, oder Nichtsthun und Abwarten sagt allen verneinenden, inhaltslosen Seelen so zu, daß sie sich dabei wohlbefinden, wie die stummen Fische im Wasser.

Wahrlich das Wunder der Leibnitz’schen, vorherbestimmten Harmonie müßte eintreten, wenn wir Alle harmonisch berathen und beschließen sollten! Gestern ist dies Wunder ausgeblieben, wie folgende Abstimmungen über Art und Dauer der Kaisergewalt zeigen. Es erklärten sich in Bezug auf die

Der Vorschlag, den Kaiser auf ein Jahr zu wählen, ward zurückgenommen.

So sind alsoalleVorschläge ohne Ausnahme verworfen worden, woraus man die politische Unfähigkeit der frankfurter Versammlung und Entgegengesetztes begründen wird. Die Republikaner wollen die Versammlung auflösen, um durch neue Wahlen obzusiegen und Revolutionen herbeizuführen; die Absolutisten behaupten, es müsse nunmehr alles Nöthigealleindurch die verschiedenen Regierungen geschehen. Beide Wege führen ins Verderben.

So wunderlich jene Abstimmungen auch erscheinen, ist doch kein Grund deshalb zu verzweifeln. Sie beweisen nur Unklarheit und Unreife, und selbst bis zur zweiten Lesung des Gesetzentwurfs werden Überlegungen und eintretende Thatsachen hoffentlich einem inhaltsreichen Ziele näher führen.

Merkwürdig ist es, daß die größte Minderzahl sich für die Erblichkeit aussprach; — obgleich sich die verschiedenartigsten Gegner Preußens dawider vereinigt hatten. Überhaupt zeigen sich dieSonderinteressenin der Paulskirche und den Klubs ebensosehr wieaußerhalb; und der unzählige Male verurtheilte Bundestag glaubt schon an eine fast unveränderte Auferstehung!

Gott segne die Wahlen für den neuen preußischen Reichstag! Da liegt die größte Gefahr!


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