Hundertvierzigster Brief.

Hundertvierzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 16. April 1849.

Sehr mit Recht bemerken Sie, daß es darauf ankommt, das Werk der Verständigung möglichst zu erleichtern. Weil es aber den Schein hat, als thäten wir hier das Gegentheil, erlaube ich mir auf Ihren Brief vom 13. Einiges vorzutragen.

Die Gründe, weshalb wir uns in Berlin bekannter Maßen erklärten, abreiseten, hier aber eine unbedingte Billigung unserer Erklärung zurückwiesen, habe ich bereits mitgetheilt. Unsere, — immerhin schroffen und unhöflichen —, Worte haben den Ernst und die Eile der Sache augenfällig gezeigt und mehr gewirkt, als wenn wir auch zweideutige Phrasen gedrechselt und uns unentschlossen geäußert hätten.

Vor Allem einigten wir hiedurch die Parteien der Paulskirche für etwas Positives und besiegten Diejenigen, welchegewaltsameVorschläge betrieben. Das möge man bedenken, ehe man uns verdammt.

Allerdings scheint der Beschluß vom 11. d. M.: „daßwirauf keine Abänderung der Verfassung eingehen können“, als ein übereilter, jede Unterhandlung zu Verständigung unmöglich machender. Dennoch ist dies nur ein Schein: er war nothwendig und wird (wie sich schon jetzt zeigt) nützlich wirken.

Hätte man nämlich ein so entschiedenes Wort nicht gesprochen, so würden die jetztunbedingtbeitretenden Regierungen eine Unzahl von Bedenken erhoben haben, und ein Endergebniß wäre ganz ins Unbestimmte hinausgeschoben worden.

Ferner sah man voraus, daß jenes Benehmen in dem größten Theile von Deutschland Beifall finden, und für Preußen, trotz des entgegengesetzten Scheines, zuletzt wahrhaft nützlich sein würde. Endlich istdurchaus nicht zu hoffen, daß neue Berathungen über die Verfassung in der jetzigen Versammlung einen irgend erwünschten Erfolg haben dürften. Man würde ganz gewiß das (übermäßig angefeindete) aufschiebende Veto, sowie die Mängel des Wahlgesetzesnichthinwegschaffen, wohl aber dieEinheitund dasErbkaiserthumder größten Gefahr aussetzen, von den alsdann neu vereinigten Gegnern verworfen zu werden. Die jetzige Versammlung hält ja (wie ich schon sagte) ihr Werkkeineswegsfürvollkommen; sie weiset nur,bescheidenundverständig, dessen Besserung derzweitenReichsversammlung zu. DerenBerufunggiebt schon eine Bürgschaft für Mäßigung, Ordnung und Anerkennung der Volks- und Fürstenrechte. Die erste Kammer, das Staatenhaus, legt ein jetzt fehlendes Gewicht in die erhaltende Schale, und Preußen hat alsdann natürlicherweise eine vorherrschende Bedeutung, welche wir uns erst künstlich durch die öffentliche Meinung verschaffen müssen.

Dringendnothwendigaber ist es, daß sich Preußen (nach beistimmender Erklärung so vieler Regierungen)eiligstfür die Verfassung (vorbehaltlich der nöthigen Revision) ausspreche und muthig das Steuer ergreife, anstatt abzuwarten und nachzutreten.

Wird der rechte Augenblick in Berlin wieder versäumt, verharrt — zugeknöpft auf seinem pythagoreischen Stillschweigen, ohne irgend einen Menschen zu begeistern, oder eine Stimme zu gewinnen; so werden bei der nahe bevorstehenden Berichterstattung des neuen Ausschusses gewaltsame Vorschläge und heftige Anklagen gewiß nicht ausbleiben.

Österreich arbeitet uns (wenn Preußen Muth und Vertrauen zeigt) in die Hände. Die meisten österreichischen Abgeordneten werden wahrscheinlich davongehen; wodurch es überflüssig wird, mit ihrer Regierung Wortstreitigkeiten zu beginnen, da überdies aus allen übrigen deutschen Landschaften (selbst aus Baiern) Schreiben eingehen, welche das Verfahren der Reichsversammlung billigen.

Es wäre sehr übel, wenn die jetzige Versammlung durch Zögerung und Weigerung veranlaßt würde, statt des Königs selbst die neuen Wahlen auszuschreiben, und dadurch ohne Zweifel großen Zwiespalt in Deutschland hervorzurufen.


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