Hundertzehnter Brief.

Hundertzehnter Brief.

Frankfurt a. M., den 8. Februar 1849.

Ist es nicht ein Unglück, daß in der Hauptstadt eines Königreiches lauter Männer gewählt werden, die nach ihrer innersten, ja nicht einmal verhehlten Überzeugung den König wegjagen und eine Republik gründen möchten, welche ohne Bürgerkrieg nicht zu Stande kommen und niemals, in unseren Verhältnissen, Ordnung begründen und Dauer gewinnen kann? Und doch wird dieser furchtbare Versuch (womit auch Süddeutschland sehr bedroht ist) nicht ausbleiben, wenn die Regierungen abwechselnd klägliche Schwäche und übertriebene Härte zeigen.

Freilich ists am leichtesten, scheinbar großartig und folgerecht immer zu loben oder immer zu tadeln,stets zu hoffen oder stets zu verzagen; in Wahrheit aber ist solch einziger Leisten für den Staatsmann unbrauchbar, und auch für den gewöhnlichen Beobachter nur eine oberflächliche Angewöhnung. Dadurch daß der, von Verblendung und Vorurtheilen gereinigte Spiegel des menschlichen Gemüthes das Verschiedene verschieden zurückspiegelt, wird er nicht zum Chamäleon; sondern hinter den Bildern und Eindrücken steht der ordnende Verstand und der handelnde Charakter!

Freilich zeigen revolutionaire Zeiten am meisten, daß Verstand und Charakter nicht ausreichen, geselligen Krankheiten vorzubeugen und sie zu heilen. Das entbindet weder von pflichtmäßiger Thätigkeit, noch darf man denGlaubenan eine höhere Vorsehung aufgeben, weil man die Weisheit ihrer Führung nicht überall (mit beschränkten Gaben) sieht und begreift. Für menschliche Betrachtungsweise bleibt es indessen tragisch zu sehen, wie einzelne Menschen und ganze Völker sich leiblich und geistig zu Grunde richten und dem Tode, der Auflösung, entgegeneilen. So helfen krampfhafte Zuckungen den Polen nicht zu neuem Leben; so scheint die pyrenäische Halbinsel die Mittel einer Wiedergeburt nicht finden zu können. Wird Italien, Frankreich und selbst Deutschland einem ähnlichen Schicksale verfallen?

Den 9. Februar.

Gestern habe ich in der Paulskirche meist entsetzlich lange und langweilige Reden aushalten müssen, über Grundsätze und Plane, welche längst durch Wissenschaft und Erfahrung widerlegt sind. Man verdummt ganz auf diese Weise und kann die Frage nicht unterdrücken: ob dies nicht ein unverantwortliches Vergeuden seiner Zeit sei?

Ich bin im abgelaufenen Jahre Reichstagsabgeordneter und Reichsgesandter gewesen, bin Excellenz gescholten worden, habe mich inroutsundsoiréesumhergetrieben, Europas Wohl und Weh durch meine Hände gleiten lassen, Verfassungen und Grundrechte accouchiren helfenu. s. w.u. s. w.,— und doch in keinem Jahre meines Lebens so wenig gethan und zu Stande gebracht, als in diesem! Es wird auch nicht die geringste, nachweisbare Spur einer nützlichen Thätigkeit zurückbleiben; Alles verschwindet, sehr natürlich, in den großen Wogen der Zeit. — Vor mir liegen meine (schön abgeschriebenen) Berichte aus Paris. Was steht denn drinnen? Eigentlich nichts!

Zu dieser Jeremiade kann ich mir freilich (nur allzu leicht) den zweiten Theil machen. Allerdings habe ich einst auch im historischen Rohre gesessen (Bibliotheken und Archive) und Pfeifen daraus geschnitten; aber die Pfeifen trocknen zusammen, und jedes Jahr bringt neues Rohr und neue Rohrsperlinge, die das große Wort führen. Dann liegen meine geschichtlichen Arbeiten so gut (oder so schlecht)in praesepiound begraben, wie Gesandtschaftsberichte und Abstimmungen. Vielleicht schwimmt nur einige leichteSpreuoben, während der schwere gelehrte Packwagen untergesunken ist.

Zu etwas Anderem! Habt Ihr wohl gesehen, wie ein Teckel um einen großen Jagdhund herumspringt, ihn zwickt und anbellt? Der Große schaut ringsum, läßt sich in seiner Weltbetrachtung nicht stören, und verkündet endlich mit einem mächtigenWau!das Ergebniß derselben. Freudig und schwanzwedelnd denkt und sagt hierauf der kleine Teckel: er habe dem Großen zu Gedanken und Empfindungen geholfen; ein Geburtshelfer wie Sokrates! — So der kleine Eckermann und der große Goethe; — Alles (wie man höflichst hinzusetzt)sans comparaison! — Ich nahm gestern den dritten Theil der E. Gespräche in die Hand: Einzelnes von Goethe vortrefflich; Anderes so unbedeutend, daß es nur da ist Bogen zu füllen und Eckermann’sche weisheitsvolle Betrachtungen anzuhängen.

Den 10. Februar.

Ich tadele mich selbst, daß ich die außerordentlich günstigen Gelegenheiten, mich in einzelnen Tugenden zu üben, nicht sorgfältiger und dankbarer benutze.Sich stundenlang über Dinge belehren zu lassen, deren Erforschung man das ganze Leben gewidmet, und zwar von Leuten, die gar nichts davon verstehen, — ist das nicht die größte und schönste Geduldsprobe, die man sich nur wünschen kann? Dennoch ergreift mich Ungeduld, vor Allem über die Zeitvergeudung. Gestern eilte ich deshalb mit meinem Nachbar hinaus: wir gingen in der Sonne spazieren, nahmen ein Mittagsfrühstück ein und nach der Rückkehr gab derselbe Redner noch immer seine Weisheit zum Besten.

Die Schwierigkeit der Aufgaben steigt hier mit jedem Tage. Die preußische Note fand und findet Beifall als verständiges, gemäßigtes,erstesWort; dem aber nothwendig mehre folgen müssen, um irgend ein Ziel zu erreichen.

Nicht blos die ganze Versammlung und die Regierungen bedürfen des Muthes, der Mäßigung und der Einsicht; sondern jeder Einzelne (der nicht willenlos irgend einer Strömung folgen will) geräth in schwierige, unangenehme Verhältnisse.

Die schwierigste aller Fragen betrifft Österreich. Sehr natürlich wünscht dasselbe die Sachen in die Länge zu ziehen, damit es sich unterdessen ordnen und dann mit verdoppeltem Nachdrucke auftreten könne; aber ebenso natürlich und aus nicht minder wichtigen Gründen wünscht man hierraschzum Schlusse zu kommen. Österreich tadelt die vorgeschlagene Centralisation und die Hinneigung zum Einheitsstaate; Frankfurt tadelt, daß Österreich im Wesentlichen den alten Staatenbund beibehalten, oder dahin zurückkehren wolle. Soll der hier bezweckte Bundesstaat und die hier entworfene Verfassung zur Anwendung kommen, so kann und wird Österreich nicht beitreten; soll es hingegen beitreten, so muß man wesentliche, bereits angenommene Punkte abändern und verwerfen. Binnen kurzer Zeit kommen wir zur zweiten Lesung des Verfassungsentwurfes. Hat sich Österreich nebst den übrigen Staaten bis dahinnichtbestimmt ausgesprochen, so wird man (darum unbekümmert) vorwärts gehen und daszwei MalAngenommene und Bestätigte schwerlich ohne großen Zank und Lärm einer neuen Prüfung und Abänderung unterworfen werden. Und doch sind nicht Wenige der Meinung: man solle hier erst Alles fertig machen lassen, ehe man sich ausspreche, oder Wünsche und Zwecke auch nur andeute. Dies ist ganz richtig, wenn zwei bestehende, geordnete, staatsrechtliche Körperschaftennacheinander unter sich verkehren. Hier lauert im Hintergrunde der Anspruch der Reichsversammlung auf Allmacht, und der Regierungen auf ein unbedingtes Veto. Die kleineren Staaten, welche spüren daß es sich um ihr Sein oder Nichtsein handelt, haben sich meist freundlich und für Preußen ausgesprochen; Baiern benimmt sich am unbequemsten, und möchteam liebsten, mit Österreich und Preußen gleichberechtigt, als der dritte dastehen. Solch Triumvirat hat aber wenig Vertheidiger; die Trias ist fürs Innere zu wenig, fürs Äußere zu viel. Rußland und Frankreich gegenüber muß sich Deutschland so einigen und dadurch so stärken, daß diese Mächte Ehrfurcht davor bekommenmüssen, sonst bleibt unser Vaterland der Spielball für fremde Interessen und Zwecke. — Gut daß das Papier zu Ende ist und meinen politischen Kannegießereien ein Ende macht.


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