Neunundneunzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 22. Januar 1849.
Mir ist zu Muthe, als könnte und würde ich von hier aus keine Briefe mehr schreiben, als wäre das Sondern meiner vielen Papiere und Druckschriften schon eine Vorbereitung zum Einpacken. Mit dieser Woche erreichen wir den Höhepunkt unserer Bestrebungen, mögen wir zuletzt auch zu Stande bringen: viel, wenig — oder nichts. Gewiß sind wir erst beim Anfange, und trotz des etwanigen Kaiserschnittes werden wir dadurch noch keinen lebendigen, regierenden Kaiser bekommen. Kaum ist wohl ein Abgeordneter in der Lage eines deutschen Geschichtschreibers wie ich, der manches früher Geliebte zum Tode verurtheilen soll, damit neues Leben und eine frische Entwickelung möglich werde.
Den 23. Januar.
Ich könnte wiederholen, was alle Zeitungen über die Sitzungen in der Paulskirche berichten; auch wohl einzelne Erläuterungen und Zusätze geben. Mir fehlt aber dazu die frische Lust. Der Parteien sind so viele, die eigensinnig vertheidigten Standpunkte so mannigfaltig, die gescholtenen Sonderinteressen, auf wenig veränderte Weise, in den Klubs so vorherrschend, daß man zu allgemeinen, entscheidenden Schlüssen kaum kommen kann und vergißt, daß kleine Mehrzahlen die Welt nicht begeistern und fortreißen. Die Frage, ob Einer, Drei, Fünfu. s. w.in Deutschland an die Spitze treten sollen, wird mit 40 Stimmen in unseren Tagen schwerlich entschieden.
Die gehaltenen Reden sind zum Theil vortrefflich, zum Theil verkehrt, inhaltsleer und schlecht. Den letzten muß ich eine beizählen, die — in so stotternder, langweiliger, zerrissener Weise vortrug, daß die Geduld des Wohlwollendsten kaum ausreichte. Die Worte kamen so einzeln, daß mir das famose WortZelter’s über die Schaf— einfiel, welches — in zwei gereimte Verse übersetzte, womit ich zarte Leserinnen, welche jenen Dichter verehren, nicht entsetzen will. — Der Mann, sagte mir Jemand, ist zu alt; ein Notabene für mich, der ich mindestens 10 Jahre älter bin. Doch will — auf neuen Bahnen courbettiren; ich trabe dagegen in gewohnten Wegen. Über das Kaiserthum wollte ich erstnichtreden, gab dann geäußerten Wünschen nach und übernahm eine mir abgetretene Stelle. Nachdem ich mir das im Kopfe zurechtgelegt, was ich wohl sagen wollte, wird mir zugemuthet, meine Stelle an Gagern abzutreten, dessen Worte allerdings hundertmal gewichtiger sind, als die meinigen.
Den 24. Januar.
Die Versammlung hat die Berathung abgeschnitten und sich zum Abstimmen gewandt. Während man über unbedeutende Dinge tagelang geschwatzt hat, will man über wichtige sich nicht unterrichten, weil die Meisten aus ihren Klubs (die nach Sonderinteressen gebildet und gespalten sind) schon eine fertige Meinung mitbringen, — was denn freilich alles Reden und Berathen ganz unnütz macht.
Von 9–5 Uhr habe ich gestern in der Paulskirche aushalten und sechs namentlichen Abstimmungen beiwohnen müssen; was die Neigung zu gesetzgebern sehr ermäßigen kann, das Heimweh, oder doch den Wunsch der Heimkehr, aber vermehrt. Abends war ich zu S. und zu B. eingeladen, mußte aber zum Erzherzoge gehen, wo ich allerlei Leute, insbesondere aber ihn selbst sprach. Er erzählte unter Anderem, wie er, von den Berathungen auf der Pfingstweide unterrichtet, einige treue Diener zum Zuhören hinausgesandt und auf deren Berichte (in Übereinstimmung mit Schmerling und Peuker) insgeheim Mannschaft nach Frankfurt berufen habe, ohne welche Alles drunter und drüber gegangen wäre. Blum, Zitz, Schlöffel und ähnliche Leute hätten ihn bestürmt, alle Soldaten zurückzuziehen; dann werde mannachherdie Barrikaden wieder abtragen; er habe aber (Gottlob) widerstanden und verlangt, daßvorherdie völlige Ordnung hergestellt werde. Wäre damals (wie man bezweckte) die frankfurter Versammlung auseinandergejagt worden, wir hätten in ganz Deutschland eine blutige Herrschaft fanatischer Terroristen.