Sechsundachtzigster Brief.
Paris, den 1. December 1848.
Gestern kam mir die Erklärung der berliner Professoren an den König in die Hände. Ich habe es für meine Pflicht gehalten, ihr in einem Schreiben an den Rektor, Hrn. Nitzsch, beizutreten. Denn; obgleich ich meine Zweifel, ob die bloße Verlegung nach Brandenburg zum Ziele führen werde, noch immer nicht überwinden kann; so bleibt für mich doch keineRechtsfrage, sondern nur eineKlugheitsfrage übrig, welche die Versammlung nicht zu entscheiden hatte. Noch weniger durfte sie durch die recht- und formlose Steuerverweigerung, ohne allen genügendenGrund, versuchen überall Anarchie und Bürgerkrieg hervorzurufen. Zu jener Erklärung habe ich mich auch deshalb entschlossen, weil es meiner Natur zuwider ist hinter dem Berge zu halten, und ich nicht den Schein erwecken will, als hege ich der miserabelen akademischen Geschichte halber, einerancune, oder als wolle ich mich deshalb den Anarchisten zugesellen.
Aber, wie gesagt, der Streit über die Verlegung der Nationalversammlung wäre wohl besser vermieden worden. Geht die Mehrheitnichtnach Br., so ist dies eine Niederlage für die Regierung, gehenAllehin, so werden die Steuerverweigerer auch außerhalb Berlins schwer zu lenken sein. Die Auflösung der Nationalversammlung läßt sich (da Viele sich gern das Vergnügen einer neuen Wahl machen wollen) wohl durchsetzen; wer aber kann dafür stehen, daß die bevorstehenden Wahlen in der jetzigen aufgeregten Zeit besser ausfallen werden? Wenigstens zeigt hier die englische und französische Geschichte warnende Beispiele.
In einer langweiligen Abendgesellschaft, zischelte gestern ein Herr dem anderen zu: L. Bo. Manifest ist gemäßigt, beruhigend, gemüthlich, weise; — während ein Dritter seinem Nachbar sagte: es ist die dummste und lächerlichste Posse (niaiserie), die mir je vorgekommen! — In dem ersten Entwurfe hat gestanden: er werde nie interveniren und das Heer um 200,000 Mann vermindern. Dies ist aber ausgestrichen worden, weil man den Eindruck fürchtet, den eine solche Erklärung auf das Heer machen könnte; oder weil man noch Eroberungsgelüste hegt; — oder aus beiden Gründen zusammengenommen.
Den 2. December.
Die Maßregeln, welche Hr. General Cavaignac für den schändlich behandelten Papst ergriffen hat, finden fast allgemeinen Beifall, wogegen die Theilnahme für die Italiener täglich abnimmt und ihre politische Fähigkeit und Mäßigung von allen Seiten geläugnet wird. Gestern sagte mir ein hochstehender Beamter: man wird ihrer bald so überdrüßig sein, als der Polen. — Leider hat die Theilnahme für Deutschland in der letzten Zeit ebenfalls so abgenommen, daß man dessen kein Hehl hat. Und zwar aus folgenden Gründen:
1) weil die berliner Reichsversammlung Schlüsse der frankfurter aufgehoben hat, und umgekehrt;
2) weil die berliner Linie alle Einmischung der Reichsgewalt zurückweiset, sobald diese nicht unbedingt Das thun will, was jene verlangt;
3) weil die berliner Zerwürfnisse noch fortdauern und von Frankfurt aus nicht beseitigt sind;
4) weil die frankfurter Versammlung geduldethat und noch duldet, daß einzelne ihrer Mitglieder willkürlich die Paulskirche verlassen, in verschiedenen Staaten Aufruhr predigen, und an ungebührlichen Kämpfen persönlichen Antheil nehmen. Es sei tadelnswerth, daß man in Frankfurt blos dieFormins Auge fasse, ohne denInhaltzu berücksichtigen. Oder, wenn man diesen ausnahmsweise auch unterordnen wolle, so hätte man doch nicht Männer, mindestens höchst zweideutiger Wirksamkeit, als Märtyrer dichter Freiheit behandeln und ehren sollen;
5) während man verlange, daß Frankreich die Reichsgewalt und einen Reichsgesandten unbedingt anerkenne, sei man mit Österreich in so unnöthigen Streit gerathen, daß sich dasselbe von Frankfurt lossage und die daselbst gefaßten Beschlüsse weder ausführen wolle, noch ausführen könne. Bevor man sich also an fremde Mächte wende, möge man in der Heimat zur Mäßigung zurückkehren und Einigkeit begründen. Selbst Frankreich sehe ein, daß für Europa’s Wohl ein starkes Österreich nöthig sei, während man in Deutschland unbegreiflicher Weise dessen Zerstückelung und Auflösung wünsche oder anbahne. Österreich werde dazu so wenig die Hand bieten, als Frankreich, wenn man etwa für Elsaß, Bretagne oder Navarra derlei Beschlüsse fassen und aufdrängen wolle.
So in aller Kürze die Urtheile, wobei ich michnoch freuen soll, daß sie mir nicht stärker vorgetragen werden! Einzelne Gesandte sind so mitleidig, mich zu meiner Stellung zu condoliren, und wenn ich mich wahre und vertheidige, machen sie (leider!)meiner PersonKomplimente, während sie diesachlichenDarstellungen und Forderungen ablehnen. Einzelne, die in ihren eigensten Interessen verletzt werden, sprechen schon die Hoffnung aus: es werde Alles beim Alten bleiben!
Mittags.
Ich habe gestern, ich weiß nicht zum wievielsten Male, auf Auslieferung der Mörder des Fürsten Lichnowsky gedrungen, und zwar in einer ungeduldigen, fast barschen Weise. Die Schuld der Zögerung liegt aber nicht an dem Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten, sondern am Justizministerium, wie man in Frankfurt durch Hrn. Tallenay bereits wissen wird. Ein vieljähriger Beamter jenes Ministerii sagte mir: „Ihre Forderung ist klar und gerecht, aber man fürchtet sich vor den Journalen.“ Da entfuhr mir das Wort: „c’est misérable.“ — Anstatt mich (wie ich fürchtete) deshalb zurechtzuweisen, erwiderte jener Beamte: „Sie haben vollkommen Recht!“