Siebenundachtzigster Brief.

Siebenundachtzigster Brief.

Paris, den 3. December 1848.

Warum (sagte mir Baron R.) besuchen Sie uns Abends nicht öfter? — Ich bin oft übler Laune, oder vielmehr so niedergeschlagen, daß ich für Gesellschaften dann nicht tauge. — „Mir geht es ebenso; aber es hilft zu nichts. Auch erscheinen mir die Verhältnisse allmälig sehr viel besser zu werden. Welch wilde, ungemäßigte Leidenschaften im Februar und Junius. Jetzt dagegen müssen alle Parteien sich bezähmen und den Gemäßigten anschließen, Cavaignac wie Bonaparte; und Lamartine (der einst mit Ledru-Rollin fraternisirte) erklärt: er will die rothe Republik aufs Äußerste bekämpfen. Die Gemäßigten werden in Frankreich herrschen und (da Deutschland ja alles Französische nachäfft) auch in Deutschland die Oberhand behalten.“ — Ich freute mich dieser heiteren Betrachtungsweise, obgleich mir der Weg zum Besseren noch nicht so gerade aus zu laufen scheint.Per tot ambages, per tot discrimina rerum, tendimus in Latium.In England dauerten die politischen Stürme, während des 17. Jahrhunderts, an 60 Jahre; Frankreich ist nach gleichem Zeitraume noch nicht am Ziele; Deutschland wüthete 30 Jahre wider sich selbst,und kommt (einmal aufgeregt) nicht leicht und schnell zur Ruhe. — Und doch sehnt sich weit die Mehrzahl nach dieser Ruhe. Die Minderzahl, gewiß die thätigere, ist hingegen jetzt fanatisirt für politische Lehrsätze und Bekenntnisse, wie die Vorzeit für theologische Formeln. Von Besonnenheit, Sittlichkeit und liebevollem Christenthume ist dabei nicht mehr die Rede. Frevler, als Märtyrer ächter Freiheit dargestellt und erhoben, Unschuldige ermordet, und der Beförderer alles Guten, der wohlwollende Vater der Christenheit mit der niederträchtigsten Undankbarkeit behandelt und mit Mühe Mörderhänden entflohen. Wenn ein Hund auf der Straße schreit, stehe ich auf und suche den etwa Verfolgten zu schützen; statt dessen lesen sich diese neurömischen Senatoren, während Rossi’s Todesröcheln, ihre langweiligen Sitzungsprotokolle vor, und nennen diese bestiale Stumpfheit, stoische Größe. Kein römischer Bürger ergreift den siegesfrechen Mörder, kein römischer Edler reicht dem in Todesgefahr schwebenden Papste hülfreich die Hand, und durch Feste zu Ehren des Mörders schänden sich Städte und Landschaften. So sind die Zeugnisse für die Fähigkeit Italiens zu einer politischen und sittlichen Wiedergeburt. Schreibt doch selbst die ultraliberale Arkonati: die Demokraten haben Alles zu Grunde gerichtet!

Brechen wir jedoch nicht voreilig und ohne Selbsterkenntniß den Stab über Andere. Oder sind denn die Anzeichen, ja die Thaten in Deutschland besser? Ich ward unterbrochen und so möge denn dies Klagelied unbeendet bleiben.

L. Bonaparte und seine Partei benutzen alle Mittel für ihre Zwecke, werden aber nicht minder benutzt. Jemand der die Herabsetzung, oder Abschaffung der Salzsteuer wünschte, überredete jene Partei, daß Bonaparte viele Stimmen gewinnen werde, sofern er sich dafür erkläre. Ohne Rücksicht darauf, daß leichtsinnige Versprechungen zuletzt bittere Früchte tragen, gehen die Stimmenjäger auf jenen Vorschlag ein, lassen 300,000 Exemplare einer darauf bezüglichen Erklärung auf ihre Kosten drucken; — und der Bittsteller hatseinenZweck erreicht, ohne daß es ihm einen Heller kostet. — Ein angesehener Mann aus Südfrankreich sagte mir: wir lieben die Republik nicht, haben auch keinen besonderen Gefallen an Cavaignac; aber wir stimmen für diesen, weil wir keine neue Revolution wollen. Unsere Bauern dagegen, wenn einSchweinBonaparte hieße, sie würden es zum Präsidenten erwählen. — In einem vertraulichen Gespräch mit — sagte ich ihm: ich bin hier in Paris völlig unnütz, verderbe meine Zeit, und treibe mich auf den Gassen umher, oder in langweiligen Soireen. Wäre nur mehr Trost in Frankfurt oder Berlin, ich ginge sogleich davon. — Vonhier war der Übergang leicht zur Beurtheilung der Gesandten und ihrer Wirksamkeit überhaupt, wobei ich den in meinerSpreuangegebenen Ton wieder anschlug. Sogleich übernahm jener, seit 30 Jahren angestellte Beamte die Oberstimme, machte seinem Herzen Luft und schloß: „Glauben Sie, mein Herr, ich habe viele Gesandten gekannt, die bei ihrer Ankunft handlich verständig waren; allmälig aber wurden sie (anmaßlich mit Kleinigkeiten beschäftigt) —des Sots.“ — Das spüre ich auch schon, fügte ich der Wahrheit gemäß hinzu! — Nun, das Ende ist abzusehen, hoffentlich ehe ich ganz verdumme! Denn nachdem ich mich hier,pro patria, abgemüht, gequält, und (ohne meine Schuld) nichts ausgerichtet habe, wird man (sobalddie Verhältnisse sichgünstigergestalten) einenAnderenherschicken,ihmdie bis dahin endlich gebratene Taube ins Maul stecken, mich aber (als unbrauchbar) zur Seite schieben. Ich bin so auf Alles gefaßt, daß derlei Erfahrungen meine Kreise nicht stören, sondern eher ergänzen werden.

Den 4. December.

Noch immer steigen und sinken die Leute hier mit ihren Hoffnungen; cartesianischen Täucherlein vergleichbar, oder dem Barometer zur Zeit der Äquinoctialstürme. So muß ich heute Bonaparte’s Aktien höhernotiren als gestern, da der Marschall Bugeaud sich für ihn erklärt hat, und zwei aus den Landschaften kommende Männer die allgemeine Stimmung des Landvolkes für ihn bezeugen. Hingegen sind die, Erhaltung der Ruhe bezweckenden, Bürger meist für Cavaignac. Alle nehmen mit äußerlicher Höflichkeit noch immer den Hut ab vor dem allgemeinen Stimmrechte, während es Viele innerlich zum Teufel wünschen. Übrigens macht es einen höchst unangenehmen Eindruck, daß kaum irgend Jemand (und die Hochgestellten noch weniger, als die Geringen) die Wahrheit sagt, sondern daß sie Anderes denken, fühlen und bezwecken, als sie laut aussprechen. Daher der laute Ruf:nous acceptons franchement la république, während man sie zu stürzen sucht; Lobpreisungen auf L. Bonaparte, während man alle Plane auf seine angebliche Nichtigkeit gründet; unermeßliche Versprechungen Bonaparte’s, von denen er selbst und seine Gehülfen ohne Zweifel wissen, daß er sie niemals erfüllen kann; Versagen der Abstimmung für Cavaignac in der Nationalversammlung, keineswegs weil die Sache unklar war (non liquet), sondern unter vielfachen Vorwänden, um ihm zu schaden: Zurückhalten der Äußerungen über die Bewerber zur Präsidentur, keineswegs aus Nichtwissen, oder Nichtwollen; sondern um Andere in die Grube fallen zu lassen, und diese nachher zuzudecken. Der über dieser Grube auferbauteHerrscherthron könnte aber leicht auch zusammenstürzen. Die Legitimisten hoffen, die Bonapartiden zu dupiren und umgekehrt; und jene vertreiben sich die Zeit mit einem Plane, der auf erhabener Grundlage ruht; nämlich daß Henry V kein Kind zeugen, seine Frau keins in die Welt setzen kannu. s. w.

Zwischen all diesen Mummereien und tragikomischen Fastnachtsspielen, erheben allein die Blutrothen unverhohlen und rücksichtslos ihre Brandfackel, um alle jene Schauspielerbanden heimzuleuchten und die Coulissen, hinter denen sie sich verstecken, niederzubrennen. Mit Cavaignac und seinen Freunden (das wissen sie) ist nicht zu spaßen; wenn aber die Katzbalgereien über Bonaparte’s Beherrschung, oder Beseitigung losgehen, hoffen sie der uneinigen Gegner Herr zu werden. So hier die Zustände, die Aussichten; — und doch siegt, durch Gottes mächtige Hülfe (welcher Menschenfreund wünschte es nicht) vielleicht die sehr große Mehrzahl Derer, welche aufrichtig Ruhe und Ordnung erflehen.

Den 6. December.

Die allgemeine augsburger Zeitung thut alles Mögliche, gute Briefschreiber zu werben, und doch sind deren Weissagungen, wenn auch nur auf 24 Stunden hinaus, in der letzten Zeit ganz zu Schanden worden. Obgleich ich mich also keineswegs auf diesen gefährlichen Weg begeben will, kann man es doch nicht unterlassen, an dem Vorabende großer Begebenheiten dieverschiedenen Möglichkeitenins Auge zu fassen: wenn auch eine derselben vielleicht bereits zurWirklichkeitgeworden ist, ehe der Brief ankommt. Also: 1) wennCavaignaczum Präsidenten erwählt wird, so stehen ihm zur Seite, sein Verstand, seine Ehrlichkeit, seine Charakterkraft, die wirklichen Republikaner und alle Die, welche durchaus keine neue Umwälzung wollen, und denen jede vorhandene Einrichtung lieber ist, als alle künftigen. Wider ihn sind alle Legitimisten, alle Kriegslustigen, die Feinde des National, und die ungeheure Zahl Derer, welche wenigstens in demeinenPunkte übereinstimmen, daß sie keine Republik wollen. Endlich hassen und fürchten ihn zugleich alle rothen Republikaner. — 2) Wenn L. Bonaparte gewählt wird, so muß das (ohnehin schon laute) Geheimniß an den Tag kommen, daß sehr wenigen einflußreichen Personen etwas an seiner Person gelegen ist, sondern die Meisten sich seiner nur als Mittel für ihre eigenen Zwecke bedienen wollen. Diese Zwecke sind aber so verschieden, ja entgegengesetzt, daß schon die Bourboniden und Orleaniden sich darüber schwerlich vertragen werden, und Niemand voraussagen kann, wer in dem bevorstehenden Kampfe obsiegen wird. Die rothen Republikaner, welche in Bonaparte’s Erhebungeinen ungeheuern Rückschritt sehen, reden laut davon, Gewalt wider ihn zu gebrauchen. Sie bringen Gesundheiten aus: „nieder mit den Rentiers und den Eigenthümern.“ Es gehört eine Leitung dazu, wie sie Cavaignac im Juni übte, um solcher Wüthigen Herr zu werden; ist Bonaparte mit seinen Freunden dieser drohenden Gefahr nicht gewachsen, so kann das größte Unglück nicht ausbleiben. Jedenfallshoffendie sogenannten Freunde Bonaparte’snachseiner Wahl aufVeränderungeninmonarchischerRichtung; und ebensofürchtenalle Republikaner einen Umsturz ihrer kaum gebornen und getauften Verfassung. Ich stimme gegen Cavaignac (sagte mir ein Bücherantiquar), weil ich die Republiknichtwill; ich stimme für Bonaparte nicht seinetwegen, sondernweilich die Herzogin von Orleans und die Regentschaft will. — Kommt die Entscheidung über die Präsidentenwürde an die Nationalversammlung, so wird sie sich für Cavaignac aussprechen, theils aus persönlicher Achtung, theils weil viele Mitglieder (in jener ersten Aufregung erwählt) wirklich republikanisch denken. Hieraus folgt aber noch nicht, daß das, jetzt anders gesinnte Land sich ruhig dieser Entscheidung unterwirft. Neue Wahlen bringen neue Ansichten, und der letzte Abdruck dieser Volkssouverainetät hat ja nach französischer Theorie und Praxis immer Recht, bis die Presse, oder die Preßbengel einen noch neuern zurWelt bringen. Daß die Präsidentur und die neugebackne Verfassung wirklich den Franzosen auf vier Jahre willkommene und hinreichende Nahrung geben werde, ist, nach allen geschichtlichen Erfahrungen unwahrscheinlich. Die Wahl des nächsten Sonntags ist höchstensle commencement de la fin. — Ich sende Euch lauter VariationendesselbenThemas; kann es denn aber anders sein? Und wenn ganze Völker wie Thiere in der Mühle umhergehen, wie soll da der Einzelne im Stande sein einen geraden Weg, festen Schrittes zu verfolgen! — Ich sprach von Möglichkeiten; deren werden so viele ersonnen und zusammengekünstelt, daß in dem Augenblicke, wo man die eine, aus Gründen, für die wahrscheinlichere erklären möchte, durch politische Taschenspielerei plötzlich das Gegentheil hervorgedreht wird. So scheint es ganz natürlich, daß Freunde der Republik für den Republikaner Cavaignac stimmen, während jetzt Mehre sagen:Nein, dieGegnerder Republik müssen ihn zum Präsidenten ernennen; denn wenn selbst unterseinerLeitung die Republik sich nicht halten wird und nicht halten kann, so ist sie für immer abgethan und man kehrt zum rechten Königthume zurück. Bonaparte dagegen bringt lange untaugliche Mittelzustände, und der Einwand bleibt, daß, unter einemtüchtigerenFührer, die Republik sich hätte halten können und sollen. Cavaignac führt also (besondersnach neuen, unzweifelhaft monarchisch ausfallenden Wahlen) zum völligen, raschen Tode der Republik; durch Bonaparte wird sie zwar erkranken, aber sich leicht wieder erholen zu neu versuchter Lebensverlängerung.


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