Siebenundneunzigster Brief.

Siebenundneunzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 19. Januar 1849.

Die Oberhauptsfrage schwebt noch immer, und die letzte Abstimmung wird gewiß zu keiner so entscheidenden Mehrzahl führen, daß man mit Sicherheit darauf weiter bauen kann. Gegen das preußische Erbkaiserthum stimmen die Österreicher, die Ultramontanen und die meisten Baiern. Deutschland bedarf Preußens noch mehr, als umgekehrt; und wenn nicht die große Sorge wäre, daßwir uns selbst zu Grunde richten, — wäre ich fast sorgenfrei. Der Plan, über welchen sichalleRegierungen einigten, wäre derbeste, welchen Inhalts er auch sein möchte. Aber die Regierungen sind und bleiben stumm, und in der Paulskirche spielt man das Kinderspiel, alles Positive gegenseitig aufzuheben, bis nichts als das kahle bloße Nichts übrigbleibt. Es taugt (so heißt es) kein Präsident, kein Wahlkaiser, kein Wechsel, kein Direktorium, kein Erbrechtu. s. w.

Ich wiederhole: ohnegroße Majoritätenund festen Willen ist alles Beschließen erfolglos, und aufjeneist bei den jetzigen Verhältnissen gar nicht zu rechnen. Dann verdoppelt die Linke ihr Geschrei über die Nichtigkeit der frankfurter Versammlung, und erweiset die Nothwendigkeit einer neuen Revolution. Aber alle diese Gefahren reichen bis jetzt nicht hin, sich bei Zeiten zu versöhnen: man ist fast immer nur conservativ, oder kühn, je nachdem es den Leidenschaften und Vorurtheilen zusagt.

Nachmittags.

Ich komme soeben aus der Paulskirche und melde in höchster Eile, daß mit großer Stimmenmehrheit verworfen wurden Turnus, Trias, Direktorium, Präsidentschaft, Wählbarkeit jedes Deutschenu. s. w.— Hierauf kam der Satz zur Abstimmung: „Die Würde des Reichsoberhauptes wird einem der regierenden deutschen Fürsten übertragen!“ Hiergegen verbanden sich Österreicher, Baiern, Schutzzöllner, Ultramontanenu. s. w.aus den verschiedensten Gründen. Sie wollten lieber, daß gar nichts beschlossen werde, und die Versammlung ihren Bankerott an politischer Einsicht und Charakterkraft offen an den Tag lege, als daß sie um Deutschlands willen ihren Vorurtheilen und Leidenschaften entsagten. Dennoch blieb den Vernünftigeren der Sieg mit 48 Stimmen. — Jetztkommt zur Abstimmung: Dauer auf mehr oder weniger Jahre, Lebenszeit, Erblichkeit. Es ist sehr die Frage, ob das letzte durchgehe; jeden Falls zieht sich der Kreis, über welchen sich die Regierungen rasch erklären könnten und sollten, immer enger.


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