Odde (Hardanger)Odde (Hardanger)
Odde (Hardanger)
Odde (Hardanger)
Nach sechsstündiger Fahrt nordostwärts biegt der Fjord plötzlich steil nach Süden und nach weitern zwei Stunden liegt an seinem Ende Odde vor unsern Augen. Die Aehnlichkeit der Szenerie mit dem Urnersee ist hier eine ganz auffällige; sogar die Axenstraße fehlt nicht; der Hauptunterschied besteht in der enormen Ausdehnung der hiesigen Landschaft und dem Reichtum der prächtigen Wasserfälle, welche aus höchster Höhe der firngekrönten Felswände herniederstürzen, oft sich vielfach teilen, wieder vereinigen, in Staub aufwirbeln und schließlich als klarer grüner Bergstrom im Spiegel des Fjord aufgehen.
Böllerschüsse ertönen, widerhallen mächtig an den Gebirgswänden und kehren nach einer halben Minute noch als kräftiges Echo zurück. Die Flagge wird aufgezogen; die Ankerkette rasselt; alles ist auf Deck, um die schöne Welt zu sehen. — Die Kapelle grüßt das nordische Land mit seiner Nationalhymne.
Drei Stunden später — 10 Uhr abends, aber bei noch hellstem Tageslichte — lief ein mit englischen Touristen gefüllter Dampfer ein, die von Cook gecharterte „Midnightsun“, eine Schnecke im Vergleich zu unserm stolzen Schnellfahrer. Wir hatten sie nachmittags 4 Uhr beim Maurangerfjord — einem der vielen malerischen Nebenarme des Hardangerfjords — überholt und sie dann rasch aus den Augen verloren. Es ist dasselbe mehr als mittelmäßige Schiff, auf welchem Cook im Frühjahr seine Touristen zum Kaiserbesuch in Jerusalem geführt hat und an dessen Bord Buchhändler Kober aus Basel im Hafen von Alexandrien gestorben ist.
Die verschiedenen kleinen Landausflüge, welche in der knapp zubemessenen Zeit möglich waren, hatte die Reisefirma Beyer in Bergen sorgfältig vorbereitet; ein Vertreter befand sich schon von Hamburg her an Bord, und die Mehrzahl der Passagiere — wohl über 300 — hatte sich durch Bezahlung einer Pauschalsumme von 60 Mark das Recht gesichert, ohne eigene Mühe an die sehenswerten Punkte befördert zu werden.Wirzogen vor, auf eigene Faust zu schwärmen, zu laufen oder zu fahren, wie und wann es uns beliebte, und haben es nicht bereut.
So begaben wir uns dann andern Morgens im herrlichsten Sonnenschein ans Land und besahen uns daskleine freundliche Städtchen, dessen Kirche und Häuser wie überall in Norwegen aus Holzriegeln aufgebaut und mit einer Art Krallengetäfer eingekleidet und hübsch bemalt sind. Kaum ein Fenster ohne saubere Vorhänge und freundlichen Blumenschmuck. Deutsch wird nirgends gesprochen, wohl aber englisch, namentlich auch von Kutschern und Blumen offerierenden Kindern, und jeder Fremdling wird von vorneherein als Sohn Albions betrachtet.
Das Ziel unseres Ausfluges bildet Buarbrae, der östliche Abfall eines 36 Kilometer langen und 6-15 Kilometer breiten Firngletschers von seltener Schönheit und Reinheit, weil keine überragenden Gebirge durch Verwitterung seine Oberfläche verunreinigen. Eine gute Straße führt von Odde zirka 25 Minuten weit in sanfter Steigung in die Höhe; nebenan stürzt ein Bergstrom in malerischen Fällen zu Thal; auch wo er kleine Strecken ruhiger läuft, ist sein Wasser ein weißer Gischt, und man begreift sehr gut, daß Lieutenant Hahnke, der Begleiter des deutschen Kaisers auf seiner letzten Nordlandsfahrt, absolut verloren war, als er auf seinem Velo in diesen wilden Strom stürzte.
Der Rückblick auf Odde und den zu Füßen liegenden Fjord ist entzückend. Die Vegetation zeigt lauter alte Bekannte; wo der Boden bebaut ist, trägt er Kartoffeln und Gerste, auch Gemüse mancher Art. Die Straße führt aber großenteils durch Weiden; das Gras wird mit einer sichelartigen, nur mit der rechten Hand geführten Sense geschnitten und dann an zu diesem Zwecke erstellten Holzhecken aufgehängt und gedörrt. Das Heuduftete auffallend aromatisch. Von Blumen erfreuten uns am meisten zahllose wilde Rosen, die in großen Büschen am Wege stunden, sowie besonders farbenschöne und zahlreiche Exemplare von purpurrotem Fingerhut. Auch Stein- und Kernobstbäume sind vorhanden. Birken und Buchen und massenhafte Wachholderbüsche bringen Abwechslung in das Naturgemälde.
BuarbraeBuarbrae.
Buarbrae.
Buarbrae.
Auf der Höhe — offenbar einer großen alten Moräne — öffnet sich plötzlich die Aussicht auf einen prächtigen See; die Straße führt auf einer eisernen Brücke über seinen ausmündenden, zu Thal stürzenden Strom und dann nach wenigen Minuten zur Landungsstelle eines kleinen Dampfers, wo schon eine Anzahl unserer Mitreisenden der Abfahrt harrten. Freundliche blauäugige Landeskinder boten Erdbeeren und Blumen zum Verkauf, höflichund nicht zudringlich; für kleine Geschenke dankten sie mit Händedruck. Bei Kindern wie bei Erwachsenen fiel uns auf, wie viel ungeschickter und schwerfälliger sie im Erraten der durch Zeichensprache ausgedrückten Absicht der Fremdlinge sich erweisen als die südlichen Nationen, z. B. die leichtbeweglichen Italiener.
In kleinem Dampfer dicht zusammengepfercht fuhren wir auf die andere Seite des Sees, wo zwischen mächtigen Bergen ein Thal sich öffnet, das berühmte Jordal. An seinem Ende liegt, schon vom See her sichtbar und vom grünen Vordergrund prachtvoll abgehoben, der östliche Gletscher des Buarbrae. Der Weg dorthin steigt zirka 1½ Stunden lang und ist ziemlich beschwerlich; aber die reiche Vegetation — Birken, Ulmen, Ahorne — neben dem schäumenden Gletscherbach, eingerahmt von schroffen Felswänden und hie und da wie ein Gemälde auf dem blaugrünen Grunde des den Horizont abschließenden Gletschers, bot so viel schöne und überraschende Bilder, daß wir im Schweiße unseres Angesichtes vorwärts pilgerten, über Stock und Stein und Bergwässer; die Sonne brannte wie bei uns im Sommer — ein Hohn auf unsere Winterkleider.
Das kleine, auf felsigem Hügel unmittelbar am Gletscher liegende Restaurant war von Erquickungsbedürftigen bereits angefüllt und umlagert, als wir ankamen. Auf blumigem Rasen ausgestreckt labten auch wir uns und sahen dem ungewohnten Getriebe in diesem stillen Bergthale zu. Die guten Wirtsleute konnten den an sie gestellten Anforderungen kaum gerecht werden und schossen planlos hin und her; nur die Tochter desHauses, in der malerischen Hardangertracht — weißes Hemd, rotes Mieder mit perlengesticktem Bruststück, gefaltete, gesteifte weiße Linnenhaube, weiße Schürze — verlor den Kopf nicht und hielt den ungestüm andrängenden hungrigen und durstigen Fremdenstrom im Zaume.
NorwegerinnenNorwegerinnen.
Norwegerinnen.
Norwegerinnen.
Die Hardangertracht ist außerordentlich kleidsam, es scheint aber, daß die Volkstrachten wie bei uns so auch in Norwegen, wenigstens an den Haupttouristenplätzen, im Rückgang begriffen sind.
Ein liebliches und auch farbenschönes Genrebild, das ich bei der Rückkehr aus dem Jordal sah, bleibt mir unvergeßlich: Eine stolzgewachsene junge Frau, nach der Landessitte gekleidet, hielt von einem kleinen grünen Hügel herab Auslug — wohl nach ihrem Mann — die Augen mit der rechten Hand beschattend, während die linke ein Kind schützte, das zu ihren Füßen mit einem anderen spielte.
Gegen Abend war alles wieder an Bord; punkt 6sollte die Abfahrt erfolgen. Leider ereignete sich dabei ein Unglücksfall, der unsere Stimmung lange trübte. Bei den üblichen Salutschüssen wurde ein 24jähriger Matrose verletzt und ins Meer geschleudert. Er hatte, wie sich herausstellte, versäumt, den Lauf der Kanone nach dem ersten Schusse feucht auszuwischen, und als er die zweite Patrone einführte, entzündete sie sich an den noch vorhandenen Funken und fegte den unvorsichtigen Lader rücklings ins Meer. Hätte nicht ein norwegischer Schifferjunge von seinem kleinen Kahn aus das Unglück beobachtet und sofort Meldung gemacht, so wäre es unbemerkt geblieben. Aber alles Suchen an der blutgeröteten Stelle war erfolglos; der Bursche, der seine erste Fahrt auf der „Auguste Viktoria“ gemacht, kam auf die Verlustliste, und mit einer Stunde Verspätung, deren Grund den meisten Passagieren lange Zeit unbekannt blieb, fuhren wir ab, während die Musikkapelle die Wissenden über die traurige Situation hinwegzutäuschen suchte. Eine Sammlung unter den Schiffspassagieren, angeregt durch die Amerikaner bei der Feier ihres Unabhängigkeitsfestes, zu Gunsten der Eltern des Verunglückten ergab über 2000 Mark.
In der Nacht glitten wir in die offene, etwas unruhige See; die Ahnungslosen in den Kabinen der Steuerbordseite, welche aus Luftbedürfnis die Lucke offen gelassen — so auch meine beiden Gefährtinnen — konnten ihre Tücke erfahren; sie wurden in ihren Betten bald gehörig mit Salzwasser begossen. Trotzdem gab es wenig sichtbare Seekranke und im Verlauf des folgenden Tages, des 5. Juli, lenkten wir bei Aalesund bereits wieder indie ruhige Wasserfläche des Moldefjords ein, an dessen Nordwestufer das nordische Nizza, das Städtchen Molde, reizend im Grünen liegt. Unsere Ankunft daselbst erregte Sensation; vieles Volk strömte zum Landungsplatz und vier im Hafen verankerte englische Kriegsschulschiffe salutierten, während von unserem Deck herab die englische Nationalhymne ertönte.
Straße in MoldeStraße in Molde.
Straße in Molde.
Straße in Molde.
Wir ließen uns sofort auf einer der unterdessen flott gemachten „Dampfsparkassen“, wie die Barkassen in unserem Kreise scherzhaft benannt werden, ausbooten und besahen uns Land und Leute. In Molde herrscht ziemlicher Fremdenverkehr, und verschiedene große Hotels, nebenbei auch ein in prächtigem Park gelagertes Sanatorium für Lungenkranke, geben der kleinen Stadt das Gepräge eines Kurortes. Beherrscher der Situation sind wie überall die Engländer; alles Volk spricht ein bißchen englisch; Plakate und Affichen sind in englischer Sprache abgefaßt, und auf den Straßen begegnet man radelnden Ladies.
Klima und Vegetation sind überraschend südlich; inmitten eines herrlichen Frühlings voll blühenden Flieders mit duftenden Gaisblatt- und Rosenlauben konnte man kaum glauben, sich bereits drei Breitegrade nördlicher als St. Petersburg, d. h. schon auf der Höhe des eisigen Grönland zu befinden. Zwischen freundlichen Holzhäusern mit zum Teil gut gehaltenen und üppigen Gärtchen führte uns der Weg auf die Anhöhe, wo die stattliche, ebenfalls aus Holz erbaute lutherische Kirche steht. Auch ihr Inneres ist sehenswert; der dreischiffige Bau enthält außer einer schönen Orgel als Hauptschmuck ein farbenreiches Altargemälde des norwegischen Künstlers Alex Ender, eine rührende Darstellung der Frauen am Grabe des Auferstandenen.
Eine Ahornallee führte uns westlich zu einem Friedhofe; die Gräber sind alle mit Liebe gepflegt und bilden blumenbesäete Hügel. Auffallend ist die Nüchternheit der Inschriften auf den Grabmonumenten, die außer Namen,Geburts- und Todesdatum gar nichts enthalten. Eine benachbarte Privatbesitzung zeichnet sich durch einen ungewöhnlich üppigen Garten aus; das Gaisblatt rankte üppig bis zum Dache der hölzernen Villa; Rosen, Flieder und Rotdorn blühten in baumstarken Exemplaren und auf grünem Rasenplatze sahen wir sogar eine mindestens 5 Meter hohe Araucaria. Ueberall in Molde finden sich Kastanien, Linden, Rotbuchen, Bergahorn und auch Kirschbäume in großer Menge. Den Hauptreiz der Gegend bildet aber wohl die unvergleichliche Aussicht von einem mit Anlagen versehenen kaum 80 Meter hohen Hügel auf die ins Grün gebettete Stadt hinab, den weiten tiefblauen Fjord mit seiner Inselwelt und den schneebedeckten Gipfeln der den Horizont abschließenden Bergketten.
An Bord zurückgekehrt wanderten wir noch lange deckauf und deckab; die Nacht war taghell; ununterbrochen flogen unsere Barkassen hin und her, brachten und holten — wer Lust hatte, zwischen Land und Deck hin und herzuwandern. Um 10 Uhr fuhr mit klingendem Spiel unsere Kapelle ans Land und konzertierte auf freiem Platze, wo Alt und Jung aus der Stadt zusammenlief. Erst nach Mitternacht schloß das improvisierte Volksfest mit der Nationalhymne, Umzug von Fremden und Einheimischen — Männlein und Weiblein — die Musik an der Spitze, durch die Straßen der Stadt; war auch die Sonne nach halb 11 Uhr noch unter den Horizont gestiegen, so blieb doch bis zum Wiederaufgang morgens halb 3 Uhr eine helle Dämmerung, welche jedes künstliche Licht überflüssig machte.
Donnerstag, 7. Juli, 6 Uhr morgens lichteten wirdie Anker; vom Strande her wehten weiße Tücher zum Abschied; auch die vier englischen Schiffe waren zur Abfahrt bereit und in dem Takelwerk der Dreimaster stand, des Kommandos harrend, die Mannschaft — ein überaus malerischer Anblick.
StolkjaerreStolkjaerre.
Stolkjaerre.
Stolkjaerre.
In mehrstündiger Fahrt, auf welcher das Auge von einem Entzücken ins andere geriet, erreichten wir das südöstlich von Molde in verstecktem Fjord gelegene Naes, den Ausgangspunkt für den Besuch des Romsdals (d. h. Thal der Rauma), eines von hohen Bergen überragten und durch schönen Baumwuchs ausgezeichneten Wiesenthales, das uns außerordentlich an das Engelbergerthal von Stans bis Wolfenschießen erinnerte. Was Naes und weitere Umgebung an Fuhrwerken auftreiben konnten, stund — von Beyer aufgeboten — am Strande bereit, außer einigen Landauern hauptsächlich das charakteristische Vehikel Norwegens, die von den Bauern gestellte Stolkjaerre (Stuhlkarre), welche Platz für zwei Reisende und einen hinterhalb angebrachten Kutschersitz hat, sowie das zweirädrige einplätzige Kariol, auf welchem der Reisende in einer Art Sessel mit ausgestreckten Beinen sitzt, wobei die Füße in festen Steigbügeln ruhen; dabei kutschiert er selbst oder aber ein hinten aufsitzender Kutscher. Auch hier konnte man sich nur in englischer Sprache verständlich machen.
Wir mieteten einen Zweispänner und fort ging’s, bergauf und bergab, leider auf schrecklich staubiger Landstraße durch die malerische Gebirgslandschaft, welche durch die 5000 bis 6000 Fuß über der Thalsohle sich erhebende schneebedeckte Hexenzinne und das Romsdalshorn beherrscht wird. Die wenigen am Wege liegenden und oft in wilden Rosenbüschen verborgenen Bauernhäuser zeigen als Eigentümlichkeit mit Erde bedeckte flache Giebeldächer, auf welchen üppiges Buschwerk und Gras gedeiht — allerdings eine bessere Garantie gegen Feuersgefahr als die sonst hier auch üblichen Strohdächer.
Leider sind die blauäugigen wegelagernden Kinder hier — dank dem englischen Fremdenstrome — schon weiter in der Kultur als anderswo in Norwegen; man glaubt im Berner Oberland zu sein; kleine Sträußchen werden in die Wagen geworfen, sofern man sie nicht freiwillig kauft, und der blumenschleudernde Knirps bleibt mit großer Beharrlichkeit an der Seite des Dahinrollenden, bis sein Geschoß oder ein Geldstück wieder zurückfliegt. Auch strecken die kleinen Hände fremdes Geld her mit dem Imperativ: „Change!“ und kennen ganz genau den entsprechenden Münzwert.
Vierzehn Kilometer von Naes entfernt öffnet sich das Thal plötzlich zu einer weiten grünen Mulde, an deren nördlichem Abhang ein freundliches Wirtshaus liegt — Horgheim. Hier hatte sich bereits ein buntes Leben entfaltet. Dutzende von Amateurphotographen unseres Schiffes stunden mit ihren Apparaten wie Jäger auf dem Anstand und fingen und fixierten, was irgend möglich war, und mancher wird ahnungslos — nicht immer in der geradegewünschten vorteilhaftesten Situation — auf dem lichtempfindlichen Papier eines Mitpassagiers mit diesem nach Hause wandern und dort das Licht der Welt wieder erblicken.
Staubbedeckt kehrten wir Mittags an Bord unseres Schiffes zurück, das uns nun schon als unsere zweite vertraute Heimat erschien, auf deren reinen, seefrischen Gründen wir uns mit Behagen herumtrieben. Nachmittags gab’s allerlei zu sehen, u. a. die Vorbereitungen zu einem Ball, der abends auf Promenadendeck stattfinden sollte. Der Hauptraum des Decks wurde mit Segeln gegen Wind und See abgeschlossen, mit bunten Flaggen und Tüchern recht geschmackvoll und seemäßig dekoriert und durch mächtige transportable elektrische Lichtreflektoren erhellt.
Die Schiffsbemannung wurde zur Ausfüllung der Muße dazu kommandiert, die Rettungsboote ins Wasser zu lassen und unter der Führung je eines Schiffsoffiziers Ruderübungen zu machen. Die fielen bei den Ungewohnten komisch genug aus. Die achtrudrigen Boote bewegten sich wie Maikäfer, die abwechslungsweise mit der Hälfte ihrer Beine an klebriger Unterlage stecken bleiben. Es war nicht gerade sehr ermutigend, daß von zum Teil offenbar ganz ungeübten Händen uns im Ernstfall die Hilfe kommen sollte.
Die Abfahrt von Naes, aus dem herrlichen Bergsee Romsdalfjord, erfolgte abends gegen 9 Uhr mit dem gewohnten, aber immer wieder packenden Abschiedsradau. Die Welt war in einer Farbenpracht, wie ich sie nie zuvor gesehen. Dieses Grün der Wiesen und Wälder,dieses glänzende Grau und Schwarz der mit Schnee bedeckten und teilweise auch noch schwarz gefleckten Felswände und dieses Marmorweiß der zu Thal stürzenden Bäche! Es muß in physikalischen Eigenschaften der hiesigen Luft liegen, daß alle die Farben so überaus viel intensiver ins Auge fallen als bei uns oder im Süden, sogar im Orient; dieselben Eigenschaften bedingen wohl auch die Thatsache, daß alle Distanzschätzungen hier viel zu knapp gemacht werden. Gletscherabbrüche, die 15 Kilometer zurückliegen, scheinen in einer halben Stunde erreichbar.
Bald nach der Abfahrt bewölkte sich der Himmel dicht und ganz bis auf eine lichte Zone über dem westlichen Horizont, an welcher das Wolkengewölbe wie ein steiler Wall abschloß. Die Sonne stund noch hinter dem Gewölk, vergoldete aber deren Saum und warf einen nordlichtartigen, gewaltigen Fächerschein auf die leichtgekräuselte See. Jetzt senkt sie sich als mächtige Scheibe in die lichte Zone des Horizonts; es sieht aus — nicht wie Abendrot, sondern als ob ein glänzender Tag anbrechen wollte.
Wir saßen auf Vorderdeck, in diesen herrlichen Anblick versunken. Was kümmerten uns die im Tanz sich drehenden reichen Toiletten, Frack und Seide, mit welchen, wie wir zu unserm Erstaunen gesehen, ein großer Teil unserer „Polarreisenden“ plötzlich zuvor bei Tisch erschienen war! Was kümmerte uns Tanzmusik und Champagner-Pfropfenknallen!
Die Beleuchtung wurde immer magischer. Auf die nun pechschwarz dräuenden Gebirgspyramiden fiel durchWolkenlücken das Licht in goldenen Streifen, und diese wunderbar mit Schnee gekrönten Bilder spiegelten sich in der dunkeln, tintigglänzenden Flut wie auf poliertem Metalle.
Nochmals sahen wir auf der Rückfahrt durch den Moldefjord das liebliche Molde; dann ging’s zwischen der Insel Otterö und dem Festlande hinaus in die offene See und morgens 7. Juli früh in den Trondhjemfjord, wo wir angesichts der alten norwegischen Königs- und Krönungsstadt uns vor Anker legten. Vom Lande her tönte als freudig applaudierter Gruß der seit Hamburg vermißte Pfiff einer Lokomotive. Ich hätte nie geglaubt, daß dieses so prosaische und unmusikalische Geräusch — natürlich nur bei Landratten — so heimatliche Gefühle wecken könnte. Die in Drontheim (norwegisch: Trondhjem) endende Eisenbahnlinie beginnt bei Kristiania und ist, fast 600 Kilometer lang, die bisher einzig in Betracht kommende Bahnstrecke Norwegens.
Dekor
Drontheim. — Effekt des Polarstromes. — Lerfos. — Verspätete zur Abfahrt. — Erste Wale. — Polarkreis.
Drontheim ist unter 63° 25′ nördlicher Breite weitaus die nördlichste der größern Städte Europas; sie liegt auf einer vom Flusse Nid gebildeten Halbinsel am Fjord gleichen Namens. Bedenkt man, daß die genannte geographische Breite dem eisbegrabenen Grönland entspricht und jenen Inseln des nordamerikanischen Archipels, in welcher seiner Zeit die Franklin-Expedition zu Grunde ging — Gegenden, in welchen im Winter das Quecksilber gefriert —, so ist man erstaunt über die reiche Vegetation dieser nordischen Stadt, wie der norwegischen Westküste überhaupt. Der Sommer Drontheims entspricht dem des südlichen Irland, der Winter dem milden von Dresden; der Fjord bleibt immer eisfrei und auch der einmündende Süßwasserfluß gefriert äußerst selten.
Diese geographische Abnormität verdankt Norwegen einer Warmwasserheizung (System und Qualität Gebrüder Sulzer, Winterthur), deren Heizkessel sich im mexikanischen Meerbusen befindet und deren Hauptröhre eine Breite von 400 Meilen, eine Tiefe von 1000 Fuß undeine Länge von vielen hundert Stunden hat und durch welche sie in der Sekunde 18 Millionen Kubikmeter warmen Wassers nach dem Norden wälzt. Zur Zeit Karls des Großen und bis fast vor 500 Jahren noch wälzte sich dieser tropische Warmwasserstrom auch noch nach Grönland, welches dazumal, wie auch der Name deutet, ein grünes Weidenland war. Noch vor einem halben Jahrtausend wohnte dort in 40 Dörfern eine Bevölkerung, welcher ein eigener Bischof vorstand, und nun ist das gewaltige Land völlig vereist und, wie der kühne Durchquerer Nansen zeigte, bedecken 300 Meter dicke Eisschichten die einst blumigen Triften. Die Ursache dieser unerhörten Veränderung soll darin zu suchen sein, daß die im Laufe der Jahrhunderte ins Meer vorgeschobene Korallenbank von Florida den Golfstrom von seiner ursprünglichen nördlicheren Richtung abgelenkt und Grönland vollständig entzogen hat. Für Norwegen aber bildet er den Träger alles Lebens und Keimens und seine Wirkungen erstrecken sich bis weit hinauf nach Spitzbergen und Nowaja Semlja — wie lange noch, wird man kaum mit Sicherheit sagen, aber doch mit einiger Wahrscheinlichkeit berechnen können. Die hohe Temperatur des Golfstromes in nördlichen Breiten war den Schiffahrern lange vor Entdeckung des Seethermometers aus dem Umstande bekannt, daß die Getränke im Kielraume der Schiffe warm wurden.
Ueber die Richtung des Stromes bekehrten anfänglich zufällige Befunde: Treibholz aus dem tropischen Amerika an der grönländischen Küste, Mahagoni- und Campechebäume in Spitzbergen etc. etc. Daß auch eine Strömungin entgegengesetzter Richtung stattfindet, beweisen die alljährlich zu Tausenden dem sibirischen Stromsystem entstammenden, an der Nord- und Ostküste Spitzbergens und anderer baumlosen Polarländer angeschwemmten Baumstämme.
Drontheim ist die Wiege des norwegischen Reiches. Hier wurden die Könige gewählt und auf den Schild gehoben. Der Kultus des heiligen Olaf, des Königs, dessen Leiche in silbernem Schrein hier bestattet lag, zog jährlich Tausende von Anbetern herbei, und vor der Reformation, welche diesen Pilgerzügen ein Ende machte, war Drontheim die reichste Stadt Norwegens. 15 mal ist sie — fast ganz aus Holz erbaut — im Laufe der letzten Jahrhunderte niedergebrannt. Jetzt zählt sie noch 35,000 Einwohner.
Wir fuhren sofort ans Land, wo wieder die lange Wagenreihe der Beyerschen Mietfuhrwerke bereit stund. Ein strammer Norwege, der auchyesundnosagen konnte, führte uns in seinem Zweispänner zuerst nach der landschaftlichen Hauptsehenswürdigkeit dieser Gegend, den Fällen des Nid, den sogen. Lerfos. Erst ging’s quer durch die Stadt, deren Straßen alle eine auffällige Breite — 30 bis 36 Meter — haben, zur Verminderung der Feuersgefahr; denn außer einigen öffentlichen Hauptgebäuden sind auch wieder alle Häuser aus Holz erstellt. Dann führte der Weg dem klaren Bergstrome nach, der zwischen dichtbewaldeten steilen Böschungen fließt, landeinwärts. Ab und zu nützt eine Mühle einen Bruchteil dieser mächtigen Wasserkraft; an einer Stelle sind drei riesige Steinpfeiler in Keilform im Flußbette aufgemauert,um die Wucht der Stromschnelle zu mildern. Die Ufer sind nicht durch Faschinen geschützt, sondern durch eine Vorrichtung, welche ich sonst nirgends gesehen: mächtige Balken sind durch eiserne Bindeglieder zu einer fortlaufenden, am obern Ende verankerten Kette verbunden, welche nun als beweglicher schwimmender Wall dem Uferrand, wo dies nötig schien, einen Schutz gewährt.
Die norwegischen Pferde, welche uns zogen, sind leistungsfähige, fettarme, aber sehr muskulöse kleine Tiere mit prachtvollem, unverkürztem Schweife und einer ungewöhnlich dichten Mähne. Tierquälerei wie im Süden haben wir nirgends gesehen und die Fürsorge für die Tiere zeigte sich in wohlthuender Weise vor einer stärkern Steigung der Straße, etwa eine Stunde hinter Drontheim — ungefähr unserm „Aumühlestich“ entsprechend — wo die Fahrenden durch eine Tafel am Wege zum Aussteigen aufgefordert werden. Hier war die Inschrift nicht nur norwegisch und englisch, sondern ausnahmsweise auch deutsch und lautete: „Man bittet das reisende Publikum, selbst den Berg zu spazieren, um die Pferde zu schonen.“ Das thaten wir denn auch gerne und freuten uns über die tierfreundliche Maßregel.
Die beiden Fälle des Stromes, bekränzt von schönem lichtem Laub- und Nadelholzwalde, sind wirklich sehenswert, namentlich der obere, wo die gewaltige Wassermasse, ähnlich wie der Rheinfall, durch einen Felsen in zwei Teile geteilt über 100 Fuß herunterstürzt und zum Teil als weißer Gischt wieder in die Höhe steigt. Wo oben die Fluten sich zum Falle anschicken, lassen sie in kristallklarer Tiefe wunderlich geformte und grell gefärbteFelsen in überraschender Schärfe erkennen, ein Bild, wie es Boecklin zu malen versteht.
Oberer LerfosOberer Lerfos.
Oberer Lerfos.
Oberer Lerfos.
Nach Drontheim zurückgekehrt, besuchten wir vor allem den Dom, wohl das herrlichste Bauwerk des Nordens, von König Olaf Kyrre im elften Jahrhundert über dem Grabe Olafs des Heiligen gegründet und später bedeutend erweitert. Brand und Blitzschlag haben das Gotteshaus vielfach geschädigt und die 1869 begonnene und mit einem jährlichen Aufwand von 100,000 Kronen (ca. 140,000 Franken), beschlossene Restauration wird noch Jahrzehnte dauern. Aber was zu sehen ist, ist von überwältigender Schönheit. Durch ein romanisches Kapitelhaus gelangt man in das in reichster Gothik ausgeführte Kuppelachteck, das durchbrochene, schlanke Säulengänge von in diesem gebirgigen nordischen Lande unerwarteter Zierlichkeit zeigt. Daran anschließend ist die in Kreuzformgebaute Hauptkirche. Die Wände sind aus graublauem Saponit, die Säulen — ein sehr wirkungsvoller Kontrast — aus hellem Marmor. Das Hauptschiff ist leider zur Zeit noch abgeschlossen und dient als Werkstätte. Um die Domkirche, die auch von außen einen erhabenen Eindruck macht, liegt ein freundlicher Kirchhof mit blumengeschmückten Gräbern.
Dom in DrontheimDom in Drontheim.
Dom in Drontheim.
Dom in Drontheim.
Bevor wir auf unser Schiff zurückkehrten, kreuzten wir ein bißchen die Straßen der Stadt, freuten uns über eine in flottem Stile aus Stein erbaute höhere technische Schule und über die prächtigen Straßenalleen aus der vollkronigen nordamerikanischen Pappel („Bobbulus balsamiferamid’n harddenB“ erklärte ein liebenswürdiger Botaniker den Mitreisenden, und „Ich bin Se nämlich aus Leibz’g“ fügte er als Entschuldigung für die Orthographie gemütlich bei.)
Punkt 6 Uhr sollten wir abfahren; die Falltreppe war aufgezogen, der Anker los; der Kapitän ließ das Schiff langsam wenden und die Kapelle spielte auf Oberdeck einen Abschiedsmarsch. Da kam aber noch ein verspäteter Nachzügler per Extraboot, dem man warten mußte. „Herr Kapellmeister, lassen Sie doch spielen: ’s kommt a Vogel geflogen!“ rief’s vom Promenadendeck herauf. Endlich war der Spätling geborgen, das Schiff gedreht und die zwei Schrauben arbeiteten vorwärts. Plötzlich wird aber nochmals Halt kommandiert; das Auge des Kapitäns hatte ein weiteres Hindernis erkannt und zehn Minuten später kam es auch uns gewöhnlichen Menschenkindern zu Gesicht: eine mit dem Nastuch winkende Dame, welche von zwei Norwegern mit Aufwand aller Kräfte zum Schiffe gerudert wurde. Von 400 wütenden Augenpaaren fixiert, stieg die Dame an Bord; es war eine wegen ihrer Rücksichtslosigkeit berüchtigte Wienerin, die „Jungfrau mit 16 Koffern und 30 Hüten“, die täglich zweimal in ganz neuer Toilette bei Tisch erschien und alltäglich — zur Qual des Stewards — Tischplatz und Kabine zu wechseln wünschte und gewöhnlich zu nachtschlafender Zeit um Thee und belegte Brötchen klingelte. Was den Passagieren aus Zoologie, Botanik und Meereskunde geläufig war, erhielt die Unglückliche als Titulatur, und man rechnete aus, daß die dreiviertelstündige Verspätung, welche sie dem Schiffe verursachte, genau für 300 Mark Mehrverbrauch an Kohlen bedeute.
Nun aber ging’s vorwärts, unausgesetzt nach Norden. Als ich am andern Morgen um halb 7 das Verdeck betrat, schwammen wir bei herrlichstem Wetter auf offenemMeere, und das Erste, was ich erblickte, waren zwei Wale in unmittelbarer Nähe des Schiffes, deren Rücken und die mächtige Schwanzflosse über Wasser guckten und die nach jeweiligem Tauchen das bekannte Schauspiel des aufspritzenden Wassersprudels in deutlichster Weise gewährten.
Um halb 9 Uhr passierten wir denPolarkreis— mit einem deutlichen Ruck, wie einige Herren den Grünen weißmachen wollten. Einem naiven Schiffsjungen führte man den Polarkreis durch einen dem Objektiv eines Fernrohres vorgespannten Faden in überzeugendster Weise zu Gesichte. Ein Kanonenschuß gab Kunde von dem wichtigen Moment, den einige Amerikaner wieder mit Sekt feiern zu müssen glaubten.
Möven und kräftige schwarzweiße Enten belebten das Meer; die letzteren, sogen. Lummen, tauchen so gewandt, bleiben so lange unter Wasser und bewegen sich nachher durch Schlagen des Wassers mit den Flügeln, wobei sie eine deutliche Bahn zurücklassen, so nach Art der fliegenden Fische vorwärts, daß es einige Zeit dauerte, bis ich sie in ihrer richtigen Eigenschaft erkannte. Sie sind so dick, daß sie nur bei Windströmungen weitere Strecken fliegen können.
Da das Wetter tadellos, ist alles an Bord in bester Laune. Selbstverständlich sieht männiglich nach großen Seetieren aus und der Ruf „Wale, Wale!“ schreckt auch die behaglich Schlummernden aus ihrer Ruhe. Alt und jung rennt zur Brüstung, die meisten, um nachher mit dem erhabenen Bewußtsein sich wieder zu legen, daß irgendwo ein Walfisch in der Tiefe der Salzflut vorbeigerudert sei.
„Sie Unterländer, kommen Sie doch mal ruff; hier oben ist’s viel schöner!“ ruft ein gemütlicher Süddeutscher den ein Stockwerk tiefer Weilenden vom Bootsdeck herab zu. „„Ne, Herr Notarius; kommen Sie sofort ’runter; wir trinken Cognäkker!““ schallt’s aus der Tiefe. „Ne, da finden Sie keine Gegenliebe; ich widme mich der Temperenz!“ Derartige Dialoge sind so die Durchschnittsqualität der Polarkreis-Konversation an Bord der „Auguste Viktoria“.
Dekor
Lofoten. — Mitternachtssonne. — Sonntag zur See. — Walfischdampfer. — Hammerfest. — Vogelriff. — Das Nordkap und seine Besteiger.
Gegen Mittag kam die südlichste derLofotenzu Gesicht — die Insel Vaerö. Der Kapitän lenkte von der Kommandobrücke her unsere Aufmerksamkeit auf die den Fischerbooten oft so gefährliche Meeresströmung — Malström — zwischen Vaerö und der großen Insel Moskenaesö; die Strömung machte sich sogar dem Steuer unseres Kolossaldampfers bemerkbar.
Die malerischen, zum Teil noch schneebedeckten Gebirgsinseln der Lofoten und der Westeraalen ließen wir in mehrstündiger Fahrt rechts liegen. Das Küstengebirgspanorama wurde nachher von Stunde zu Stunde interessanter; bald passierten wir in der Nähe vorgelagerte Inselgruppen mit senkrecht abfallenden Felswänden, bald öffneten sich tief einschneidende Fjorde und mächtige schneebedeckte Gebirgszüge im Innern. Von unbeschreiblichem Reize war das Farbenspiel auf Wasser und Land.
Aber das Beste des Tages kam noch. Heute ging sie zum erstenmal nicht unter, die liebe Sonne; um Mitternacht stund sie als goldene Riesenscheibe noch 2°über dem Horizont und spiegelte ihr Bild im Meere, um sofort wieder den Kreislauf des kommenden Tages anzutreten. Der erhabene Moment wurde mit Musik und allgemeinem Umzug auf Deck und von den Amerikanern mit — Champagner gefeiert.
Mitternachtsonn auf den Bergen lag,Blutrot anzuschauen.Es war nicht Nacht, es war nicht Tag,Es war ein seltsam Grauen.
Mitternachtsonn auf den Bergen lag,Blutrot anzuschauen.Es war nicht Nacht, es war nicht Tag,Es war ein seltsam Grauen.
Mitternachtsonn auf den Bergen lag,
Blutrot anzuschauen.
Es war nicht Nacht, es war nicht Tag,
Es war ein seltsam Grauen.
sagt Esaias Tegner.
Die Beleuchtungseffekte der um Mitternacht über dem Horizonte stehenden Sonne sind allerdings ungewohnte; aber das Entzücken vieler Reisenden über diese Erscheinung beruht, wie mir scheint, doch hauptsächlich auf einem Kontrastbewußtsein; wüßte man nicht an der Hand der Uhr, daß die zwölfte Stunde der Nacht da ist, so wäre das Schauspiel von einem gewöhnlichen Sonnenuntergange in nordischen Landen kaum zu unterscheiden.
MitternachtssonneMitternachtssonne.
Mitternachtssonne.
Mitternachtssonne.
Für uns Reisende brachte die taghelle Nacht den Uebelstand, daß keine gleichmäßige Trennung von Schlafen und Wachen mehr stattfand. Man konnte lange sich rechtzeitigzu Bette legen; dutzend Andere zogen vor, beim Schein der nächtlichen Sonne fröhlich und munter zu bleiben und tagsüber zu schlafen; die armen Stewards mußten großenteils 24 Stunden per Tag auf den Beinen sein und die „nachtschlafenden“ Passagiere fanden auch keine Ruhe.
Am 9. Juli brach ein herrlicher Sonntag an. Um 6 Uhr ertönte vom Deck der Choral: „Wie schön leucht’ uns der Morgenstern!“ — Hinauf in die reine, sonnige Meerluft! Die Kapelle hatte sich unterdessen auf Vorderdeck neben der Kapitänskajüte aufgestellt. „Lobet den Herrn, den mächtigen König der Ehren!“ schallte es vom Meer zum Himmel. Da kein Nebel und keine Wolke den Horizont trübte, ließ der Kapitän unser Schiff seinen Kurs über Hammerfest nehmen, was bei trübem Wetter ein Wagnis gewesen wäre. Auf diese Weise wurde uns der Anblick der nördlichsten Stadt der Erde (70° 40′) zu teil.
Eine Stunde vor erreichtem Ziele holten wir einen Walfischdampfer ein, der vier mächtige tote Wale nachschleppte. Unser Schiff hielt an und ließ das Fahrzeug dicht an uns herankommen. Da konnten wir die interessante Beute nicht nur sehen, sondern auch riechen; denn der eine der Riesen war schon stark in Verwesung übergegangen und durch Fäulnisgase zu einer unförmlichen Masse aufgetrieben. Ein zweiter trug noch die mächtige Harpune im Leib. Auffallend ist die regelmäßige parallele tiefe Längsfaltenbildung am Bauche des Tieres. Der kleine schwarze Dampfer, der wohl seit Wochen mit der Unbill des nördlichen Eismeeresgekämpft hatte, sah sehr mitgenommen aus; die Bemannung — ein halbes Dutzend bärtiger Norweger und zwei Jungens — stak in Ruß und Fett. Aber als unsere Kapelle ihre Nationalhymne spielte, da entblößten alle das Haupt und horchten unbeweglich und ergriffen den geliebten Tönen. Das dreifache Hurrah, das sie mit Schwenken ihrer geschwärzten Mützen zum Dank in die Luft hinaus schmetterten, entstammte — das fühlte man — der Tiefe ihrer Seele. An einem Seile wurden den Leuten, die wohl viele Entbehrungen durchgemacht, Brot, Fleisch und Pomeranzen hinübergeschleudert, und nachdemsämtliche an unserm Bord befindlichen photographischen Apparate sich des seltsamen Bildes bemächtigt, fuhr unser Koloß stolz von dannen und hatte den kleinen tapfern Rivalen bald aus dem Auge verloren.
WalfischdampferWalfischdampfer.
Walfischdampfer.
Walfischdampfer.
Unmittelbar gegenüber Hammerfest wurde dann ein halbstündiger Halt gemacht, so daß man das seltene landschaftliche Bild gehörig in sich aufnehmen konnte. Die Umgebung der Stadt ist trostlos kahl. Kein Baum wächst da. Vom 18. November bis zum 23. Januar herrscht absolute Nacht; die Sonne erscheint während dieser Zeit nie und das Licht wird dann elektrisch produziert. Aber im Sommer ist reges Leben im Hafen, welcher den Hauptplatz für den Handel nach Rußland bildet. Auch die Fischerflotten nach dem Eismeer gehen von hier aus, und seit drei Jahren wird im Juli und August — sofern das Meer offen — alle acht Tage ein Postdampfer nach Nordkap und Spitzbergen geschickt, an welch’ letzterem Platze, in Eisfjord, die betreffende Gesellschaft sogar ein hölzernes Unterkunftshaus für Jäger und Touristen hat aufstellen lassen.
Die Häuser Hammerfests sind alle aus Holz gebaut und heben sich gegen das graue Gestein des Gebirges nicht sehr deutlich ab. Immerhin machen die Kirche und ein auf der Höhe liegendes großes Gasthaus, zu dem ein Zickzackweg führt, einen freundlichen Eindruck. Eine weithin sichtbare Granitsäule im Norden der Stadt trägt eine bronzene Erdkugel und erinnert an die russisch-skandinavische Meridianmessung der Jahre 1818-1852, welche in einer Ausdehnung von 25° 21′ vom Eismeer (Hammerfest) bis zur Donau (Ismail) durch Norwegen,Schweden und Rußland auf Befehl des Königs OskarI.und der Kaiser AlexanderI.und NikolausI.in ununterbrochener Arbeit ausgeführt wurde.
Daß Hammerfest auch den Ruf der kinderreichsten Stadt verdient, konnten wir bald sehen; der ganze Quai stund dicht voll kleiner Norweger und Norwegerinnen, welche das ferne Schiff anstaunten und die Weisen unserer Musikkapelle mit Applaus lohnten. Zuerst stieg die norwegische, dann die russische (Rußlands Grenze ist nicht weit entfernt und ein Vertreter der Nation offiziell in Hammerfest), dann die deutsche und endlich die amerikanische Nationalhymne. Lauter als alles aber tönte das markige Sempacherlied in meinem Herzen.
Unter Hurrah der ganzen Bevölkerung — die vielen hohen Kinderstimmen gaben aber entschieden den Ausschlag — schieden wir von der einsamen Stätte und wendeten unsern Kiel noch größerer Einöde zu. Die Landschaft wurde immer dürftiger. Gebirgsstöcke von auffällig regelmäßiger Pyramidenformation begrenzen den Fjord; eine Felswand zeigt die ganz überraschenden Züge eines menschlichen Gesichtes: einer riesigen, fragend und drohend nach dem ungewissen Norden schauenden Sphinx. Ueber die knapp mit Moos bewachsenen Felsabhänge und über steile Schneefelder eilten Herden von Rentieren mit der Gewandtheit von Gemsen und wurden durch das Nebelhorn unseres Schiffes zu raschester Gangart aufgeschreckt. In der steinigen Einöde sah man zur Seltenheit einmal die Hütte einer Lappenfamilie. Dann brachte etwa der Ruf „Wale! Wale!“ Abwechslung in die Einförmigkeit; alles stürzte nach der entsprechendenSchiffsseite, um mit allgemeinem Gelächter der Enttäuschung ein paar harmlose, in elendem Nachen vorbeirudernde Lappen zu begrüßen.
In dieser Situation gedieh der Kalauer und wuchsen die Vermutungen über Andrees Schicksal im Quadrate der Annäherung an den Punkt seines kühnen Aufstieges. „Glauben Sie nicht, daß wir Andree suchen wollen, Herr Doktor?“ meinte ich zu dem gemütlichen, stets von seiner Gattin begleiteten Botaniker aus Leipzig. „„Nee, meine Frau leidet es nischt, daß ich And’re nachlaufe.““
Eine große und interessante Abwechslung brachte die Vorbeifahrt an dem steilen Vogelriff Svaerholt-Klubben. Dort nisten zu Millionen Eiderenten, Alken und Möwen, und durch hingeschleuderte Raketen aufgescheucht schwebten sie als kreischende, mächtige Wolke in die Luft, wo sie im Glanze der Sonnenstrahlen die Erscheinung eines dichten Schneegestöbers vortäuschten, oder stürzten sich lärmend in die mit weißer Brandung aufspritzenden Fluten, um bald wieder zu ihren häuslichen Pflichten zurückzukehren. Die Felswand ist siebartig mit Nestern bedeckt. Angelehnte Leitern ermöglichen den herfahrenden Fischern, einen Teil der Eier wie auch die kostbaren Flaumfedern zu erbeuten.
Abends gegen halb 9 Uhr stund es vor uns, „der Grenzstein der Schöpfung“, wie Tacitus es nannte, das nördliche Ende Europas, der schwarze, unheimliche, zerrissene Koloß desNordkaps. Wir ankerten in einer Bucht der Ostseite, wo im Sommer ein Fischer in elender Hütte wohnt und ein wackeliger Landungssteg denZutritt zum Lande ermöglicht. Der von dort ausgehende Weg war schon vom Schiff aus zu erkennen, zuerst als unregelmäßige, steil aufsteigende Linie, dann als Zickzacklinie über Felsen und Schneefelder, als ob der Blitz die Spuren gezeichnet hätte.
Das NordkapDas Nordkap.
Das Nordkap.
Das Nordkap.
Nun ging’s ans Ausbooten. Der Erste, der nach oben wanderte, war der vielgeplagte Postmeister, der u. a. 4000 — sage viertausend — Ansichtspostkarten auf die Spitze des Kaps zu schleppen hatte, um sie dort abzustempeln. Der arme Mann zeigte mir nachher seine mit Druckblasen bedeckte rechte Hand. Die Ansichtskartenwut erreicht überhaupt auf der „Auguste Viktoria“ den höchsten Grad. Vor jeder Station werden ihrer zu Tausenden gekauft und beschrieben, und die Gesamtziffer der auf dieser Fahrt versandten Kartengrüße dürfte 20,000wohl übersteigen. Hinter dem Postmeister kletterten die tapfern Musikanten, die sogar die große Pauke mit in die Höhe schleppten. Als wir ans Land fuhren, war der Weg bis oben schon durch wandernde schwarze Punkte gekennzeichnet, die sich namentlich auf dem Schnee mit geradezu komischer Deutlichtkeit abhoben, unten sehr dicht, nach oben zu aber immer dünner gesäet erschienen.
Ich hatte die Fürsorge über fünf Damen übernommen; drei verzichteten nach einer Viertelstunde, zwei brachten es bis zur Schneegrenze! Dort kämpfte in mir die Lust, den Spaziergang nach oben fortzusetzen, mit dem ritterlichen Gefühle der Verantwortlichkeit für meine Schutzbefohlenen. Das letztere siegte und ich zog — als schützender und stützender Bergführer, welche Eigenschaft nicht hinderte, daß ich einigemal sehr unsanft auf den nassen, steilen Weg zu sitzen kam — den Rückzug an. Der Weg war aber auch unter aller Kanone. Ein Seil, das an den schlimmsten Strecken Stütze gewähren sollte, war so miserabel befestigt, daß es an den meisten Stellen als loses Tau am Boden lag, und oben, wo der kritischste Aufstieg begann, hörte es überhaupt auf.
So lagerten wir uns denn, glücklich unten angelangt, auf moosigem Grunde, freuten uns über die bunte darin wurzelnde Flora und sahen nicht ohne Behagen den alpenklubbistischen Versuchen unserer Mitpassagiere zu. Da gab’s zu lachen! Manch’ Einer, der mit welterobernder Miene an uns vorbeizog und im Sturmschritt die ersten 300 Meter durchschritt, kam eine halbe Stunde später als geknickte Rose mit demütigster Miene oder auch polternd und fluchend zurück. Spezielles Vergnügenmachte uns ein Hüne von Gestalt, der im sichern Bewußtsein, den Grenzstein Europas spielend zu ersteigen, wie ein Sieger an uns vorüberschritt. Aber wie kehrte er über ein Kleines zurück! Ich habe schon Menschen auf einem und auf zwei Beinen und in allen möglichen Gangarten marschieren sehen, auch auf allen Vieren; ich sah die Specieshomo sapiensschon hüpfen, tanzen, kriechen etc. — aber diese hier vor Augen geführte Gangart war mir völlig neu. Im Gesichte den Ausdruck von Angst und Entsetzen, den Körper in Rückenlage, als ob er sich gegen einen aus der Luft anstürmenden Drachen kampfbereit stellen wollte, rutschte der Unglückliche auf drei Extremitäten Zoll um Zoll vorwärts, während die vierte krampfhaft das am morastigen Boden liegende, schlaffe Seil hielt, von dem alles eher als irgend ein Halt zu erwarten war. So kroch die Jammergestalt zu Thal, die Rockschöße im Schlamme nachschleppend, und mag wohl Gott gedankt haben, als sie wieder horizontalen Boden unter den Füßen fühlte. — Wenig bessern Erfolg zeigte ein sehr trinkbarer und korpulenter Weinbaron, der sich die Seitentaschen mit Rheinweinflaschen vollgepfropft hatte. Von fünf zu fünf Minuten schuf er eine Labestation und ehe die Mitte des Aufstiegs erreicht war, ging der Vorrat an „Stärkungsmaterial“ und der Thatendrang zu Ende; schweißtriefend und pustend kehrte Sir Falstaff nach dem sichern Ufer zurück. Als einer der letzten kam der Schiffsdoktor und machte meine Prophezeiung, er werde die obern Stufen des Parnassos nicht erreichen, glänzend zu Schanden. — Von den 360 Passagieren gelangten kaum 100 bis zur Spitze des Kaps.Dort wurde in einer Hütte Champagner ausgeschenkt. Der Wirt soll an dem Abend 2000 Kronen eingenommen haben.
Einen ergreifenden Eindruck auf die oben Versammelten machte es, als die Musikanten im Glanze der zum Horizonte sich senkenden Sonne das Kreutzersche: „Das ist der Tag des Herrn“ intonierten. Ein kleines Intermezzo schuf die übermütige Champagnerlaune eines Amerikaners, der auf der zu Ehren seines Besuches von Kaiser Wilhelm errichteten Steinpyramide eine leere Champagnerflasche mit der amerikanischen Flagge aufpflanzte. Kurz besonnen fegte eine kleine deutsche Dame das taktlose Zeug herunter; der Uebelthäter aber machte seine Unbesonnenheit dadurch gut, daß er — von ältern Herren aufgefordert — der Germanin ordentlich Abbitte leistete.
Um 12 Uhr waren wir an Bord und genossen das Schauspiel der Mitternachtssonne nochmals in glänzendster Weise. Drohend stieg vor uns das grausige schwarze Gestein des Nordkaps in die Höhe, am Fuße in glänzend grüne Vegetation gebettet. Das Meer war wie wogende Tinte und der Reflex der Sonne in der bewegten Flut gewährte ein zauberhaftes Bild. Der lichte Horizont grenzte mit eigentümlicher Schärfe gegen das schwarze Meer ab. Bis gegen 2 Uhr sah man sie — die das Kap besiegt — die Zickzackwege herunterkrabbeln; zwei Matrosen begingen sogar die Tollkühnheit, über die steilen Schneeflächen mit Blitzesschnelle herunterzurutschen.
Noch näherte sich ein kleines Fischerboot unsermSchiffe; zwei frisch gefangene Halibutten, von welchen jeder 100 Kilo wog, wurden für 80 Kronen als Nahrungsmittel für uns erstanden. Um 2 Uhr ertönten die letzten Weisen unserer unermüdlichen Schiffsmusik; dann wurde der Anker gelichtet, vorwärts ging’s — im taghellen Lichte der Nachtsonne — dem Eismeere zu.