Dekor
Bäreninsel. — Eisberge. — Fahrt durch das nördliche Eismeer. — Gang durch das Schiff. — Passagiere. — Tageseinteilung.
Offene See zwischen Digermulen und Aalesund, 18. Juli 1899.
Unser Kurs geht wieder nach Süden.Spitzbergenliegt hinter uns. Wir haben allerdings die Tücke des nördlichen Eismeeres erfahren müssen, indem ein plötzlich auftretender dichter Nebel, der die Fahrt in jenen Gewässern zu einer äußerst gefährlichen gestaltet hätte, uns zu früherer Rückkehr zwang, als beabsichtigt war; aber ein hochinteressantes Stück des merkwürdigen Länder- und Meeresstriches haben wir doch gesehen.
Im Sonnenglanze und unter den Klängen unserer Schiffskapelle setzte sich die „Auguste Viktoria“ um 2 Uhr am Morgen des 10. Juli vom Nordkap weg in Bewegung; ihr nächstes Ziel war die Bäreninsel. Erst gegen 4 Uhr gab’s Ruhe an Bord; so lange ließen mich das vom Promenadendeck her schallende frohe Lachen und die auf unsern Köpfen promenierenden Nachtwandler und -Schwärmer nicht einschlafen. Der folgende Tag machteein düsteres Gesicht: bleigrau der Himmel und grau, ohne Glanz, das Meer; dazu eine Temperatur von 5°C. Fröstelnd und in alle verfügbaren Mäntel und Teppiche gehüllt saß man auf Deck oder in geheizten Gesellschaftsräumen. Nachmittags blies ein eisiger Wind; die Luftwärme sank auf 2°; jetzt erst kam uns die Anwesenheit im nördlichen Eismeere zum Bewußtsein. Seevögel und zur Seltenheit der mächtige Rücken eines Wales brachten etwas Leben in die sonst trostlose Meereinsamkeit; einmal glitt auch eine Gruppe von sechs solcher Kolosse an uns vorüber — es waren wohlgezählt ihrer sechs —, aber als ich nach 10 Minuten auf die andere Bordseite kam, hörte ich schon von zwölfen erzählen und bei der Tafel sprach man manchenorts von der Walfischherde von „mindestens zwanzig Stück“, während ein jugendlicher Nimrod im Rauchzimmer nachher „gegen hundert“ beisammen gesehen haben wollte.
Gegen 5 Uhr kam die Bäreninsel in Sicht, ausnahmsweise einmal nebelfrei, aber von dichtem Gewölk überlagert. Dieses unter 74° 30′ n. Br. liegende Eiland wurde 1596 entdeckt und nach einem daselbst erlegten über 12 Fuß langen Eisbären so benannt. Jetzt paßt dieser Name nicht mehr, da kein einziges jener wilden Tiere dort mehr zu finden ist. Das unbewohnbare, 68 Quadratkilometer große Gebirgsland gehört ausschließlich der Vogel- und Fischwelt und den Walrossen, von welchen Ungeheuern einstens von einer englischen Expedition unter Bennet innert sieben Stunden nahezu 1000 Stück erlegt worden sein sollen. Die Insel besteht aus einem 50-100 Meter hohen felsigen Plateau, über welche sich am südlichenEnde der 400 Meter hohe Elendsberg erhebt, so benannt, weil von seinem Gipfel herab ein Schiffer die Zerstörung des ihn abholenden Bootes mitansehen mußte. Daß auch dieses vergletscherte Land einst bessere Zeiten gesehen, beweisen die Steinkohlenlager, welche in mächtigen Schichten zwischen Thonschiefer, Sand- und Kalkstein zu finden sind und die wohl hauptsächlich Deutschland den Besitz der Insel als wünschenswert erscheinen ließen. Bei der Annäherung entdeckten wir starke Treibeismassen, die auffallend — schon auf große Distanz — gegen die Meeresfläche abstachen, und einen prachtvollen Eisberg von Pyramidenform. Sein Ursprung von einem der grandiosen Gletscher Spitzbergens war schon aus seiner durchsichtig blaugrünen Farbe und seiner absoluten Schneefreiheit ersichtlich. Wenn man sich vergegenwärtigte, daß das, was man über dem Wasser schwimmen sah, nur ⅛ der Größe des Kolosses ausmachte, so erhielt man Respekt vor diesem schwimmenden Riesen und vermied es gerne, in seine unmittelbare Nähe zu kommen. Beim Drehen des Schiffes zeigte der Eisberg die ganz unverkennbare Form eines schwimmenden — Kameles, was von uns als zarte Anspielung aufgefaßt wurde auf uns Passagiere, die wir, wie dieser Wüstenbewohner, den warmen Süden verlassen hatten, um im unbehaglichen Norden zu frieren. Walrosse, welche einige Beobachter am Fuße des Eisberges zu sehen versicherten, konnte ich mit unbewaffnetem Auge nicht als solche qualifizieren; wir wollen hoffen, daß es solche gewesen sind, sonst hätten wir auf der ganzen Reise keine andern als bis auf die glotzäugige Fratze im Wasser verborgene zu Gesichte bekommen.Ein zweiter Eisberg war dicht mit Vögeln besetzt, die beim Ertönen unserer Dampfpfeife mit Gekreisch in die Luft flogen.
Als wir uns dem nordwestlichen Ende der Insel näherten, zerriß plötzlich die Wolkendecke und in voller Schönheit erglänzten die sonnbestrahlten vergletscherten Flächen und Abbrüche des Hochplateaus. Auftauchende Masten erwiesen sich als einem deutschen Schiffe angehörig, dessen Flaggengruß von uns erwidert wurde.
Bald hatten wir die phantastischen Formen der felsigen Insel mit den zahllosen durch das Meer benagten Klippen aus dem Auge verloren und uns empfing wieder die trostlose Einöde des bewölkten Eismeeres. Diese Situation, bei der doch weiter nichts zu sehen ist, benütze ich, um dich, lieber Leser, zu einem Gang durch das Schiff einzuladen, bei welcher Gelegenheit du auch einige der Mitreisenden kennen lernen sollst.
Beginnen wir in der Morgenfrühe in meiner Klause, der Kabine oder Schiffskammer, wie das Ding seit der deutschen Sprachreinigung genannt wird. So früh als möglich, meist aber erst nach 6 Uhr, schwinge ich mich, eine kleine akrobatische Leistung, aus der Apfelhurde, hier Bett genannt, und erfülle die Pflichten eines zivilisierten Menschen zur Erzielung einer gewissen Salonfähigkeit. Der Begriff ist Gottlob dehnbar; ich lebe nach dem landläufigen vaterländischen und kümmere mich wenig um Gehrock und Lackschuhe, wie sie unter den mitreisenden „Touristen“ der „Auguste Viktoria“ allerdings überraschend zahlreich vertreten sind; ja sogar Frack und Cylinder und weiße Weste fehlen nicht, für den Aufenthalt aufSpitzbergen besonders nützliche Gegenstände. Nachdem ich mich durch Poltern an der Wand über den Grad der kulturellen Entwicklung meiner lieben Nachbarinnen informiert, lass’ uns auf Deck steigen. Der Weg führt eine Treppe in die Höhe, dann zwischen den wuchtig arbeitenden Maschinen hindurch in das Gebiet der Oberdeckkabinen; dort liegen auch Bäckerei, Konditorei und Küchenlokalitäten; durch die geöffneten Thüren sehen wir Köche und Bäcker in voller Arbeit; in mächtigen Kesseln wird Fleisch gesotten — die Passagiere wollen ja täglich zweimal frische Bouillon haben —; auch Nase und Ohr bekommen ihr Teil; aus der Konditorei strömt Vanilleduft, und in der Hauptküche keift der Oberkoch mit einer durchdringenden, so phänomenalen Tenorstimme, daß ich Lust hätte, ihn für den O.-G.-V.[2]zu werben, wobei allerdings seine kulinarischen Fähigkeiten Einbuße erleiden müßten.
Eine weitere Treppe führt uns auf den Mittelpunkt des an Bord pulsierenden Lebens, auf das Promenadendeck. Die vornehme Welt schläft noch und unbenützt stehen vorläufig die 400 eleganten, mit Plaids und Büchern belegten Liegestühle in langen Reihen neben einander, um im Laufe des Tages nach allen möglichen Plätzen des Schiffes geschleppt zu werden. Wie schön ist doch die Welt vom Stand- oder vielmehr Liegepunkte einer solchen Lagerstätte aus! Sind Beine, Arme, Kopf und Augen in der zweckmäßigsten Position, um ja nichts Interessantes sich entgehen zu lassen, so ist man nach wenig Minuteneingeschlafen und läßt schnarchend die malerischsten Fjords und die größten Walfische an sich vorüberziehen.
Während Schiffsjungen und Deckstewards das Deck durch Wasserströme und Putzlappen unsicher machen, steigen wir noch eine Treppe höher, auf Bootsdeck. Von dort herab beherrscht der Blick die ganze Umgebung des Schiffes; dort steht auch die elegante Kapitänskajüte und vor ihr das Navigationszimmer, mit Karten und wissenschaftlichen Apparaten, über welchem die Kommandobrücke aufgebaut ist. Unablässig promeniert dort oben, mit bewaffnetem Auge den Horizont musternd, einer der beiden Lotsen; im Mastkorb ist außerdem ein ausschauender Matrose und bei schlechter See oder trübem Wetter noch ein zweiter an der vordersten Spitze des Schiffes.
Hier, auf dem Vorderteile des Bootsdeckes, um Kapitänkabine und Kommandobrücke, ist der Lieblingsplatz derjenigen, welche gern viel sehen und, ungestört vom Menschengetriebe, die Naturwunder genießen möchten und welche es nicht fürchten, wenn ihnen ein bißchen Seewind um die Ohren pfeift. Zu diesen gehört das kleine Trüpplein Schweizer an Bord der „Auguste Viktoria“. Nur Küchendunst und die Donnerwetter des Tenoristen am Bratspieße stören gelegentlich den Frieden dieses Hochplateaus. Dafür kann man sich den Spaß machen, durch die offenen Lücken aus der Vogelperspektive das Leben und Treiben der Köche zu beobachten und vor allem ihre fabelhafte Gewandtheit im Tranchieren von Fleisch und Geflügel bewundern.
Unterdessen fängt das Promenadendeck an sich zu beleben. Ein’s nach dem andern erscheint; man erzählt sich die Erlebnisse der vergangenen Nacht; es gibt Leute, dieimmer gerade dann etwas ganz besonders Interessantes und Merkwürdiges gesehen haben wollen, wenn andere zu Bett lagen. Darüber allmorgendlich schmerzliches Lamento: „Sieh’ste Aujust, ich sachte ja doch, wir wollten noch en bischen auf Deck bleiben; da haben wir nun wieder die janze schöne Jeschichte verpaßt!“
Allem Ärger und Geplauder macht das um 8 Uhr ertönende Trompetensignal ein Ende. Es ist die deutsche Infanterie-Tagwacht. Der beauftragte Bläser rennt wie besessen im ganzen Schiff herum, bis die Schläfer wach und die Hungrigen am Frühstückstisch versammelt sind. Gespeist wird in drei großen Sälen, von welchen die zwei übereinanderliegenden auf Vorderdeck mit fürstlichem Luxus ausgerüstet sind, während der Speisesaal auf Hinterdeck — bei den Fahrten über den atlantischen Ozean den Passagieren zweiter Kajüte dienend — etwas weniger prunkvoll, aber sehr behaglich aussieht. Uns führte das Los in den sogenannten weißen Saal auf Vorderdeck; dort ist man zu je zehn Personen auf bequemen Drehfauteuils an einem Tische gruppiert, und selbstverständlich waren wir anläßlich der ersten Mahlzeit begierig zu wissen, mit welchen Menschen uns das Schicksal zusammengewürfelt hätte. Unterdessen aber, im Laufe der seither verflossenen Wochen, haben wir uns gegenseitig kennen gelernt und ich habe die Ehre dir vorzustellen: Herrn und FrauDr.K. aus San Remo, eigentlich aus Leipzig, ein unter seinen Fachgenossen sehr bekannter Botaniker, wohl der meistgereiste Mann an Bord; er hat zweimal die Erde umkreist, war jahrelang in Südamerika, kennt Afrika vom Süden bis zum Norden und ist in Asien unheimlichzu Hause; nur Australien blieb ihm bis heute fremd; aber „das machen wir in zwei Jahren“ versichert der reiselustige Pflanzenkundige, der nebenbei die fabelhafte Kunst versteht, ohne Gepäck zu reisen und doch alles, dessen man etwa bedürftig sein könnte, vom Thermometer bis zur Konvexlinse, aus seinen Rocktaschen hervorzuzaubern. Ein unverwüstlicher Humor und ein köstlicher Appetit machen dieses lebendige botanische Konversationslexikon zu einem sehr angenehmen Tischgesellschafter; wir sind Konkurrenten im Vertilgen von Butterbrötchen und verachten manches Feine, was die Speisekarte bringt, so vor allem die ewigen gebratenen Puter oder Gebrüder Puter, wie wir die Firma nennen, weil sie stets als „Gebr. Puter“ auf dem Menu stehen. Unsere weiteren Tischgenossen sind zwei feine und liebenswürdige Familien aus Tönning (Schleswig-Holstein): ein königlicher Landrat mit seiner Frau, „aus Magdeburg an die Waterkant versetzt“, und ein holstein’scher Gutsbesitzer, Nimrod in allen Fibern, dem es gehörig in den Fingern juckte, als er auf Spitzbergen den Fürsten Metternich und Gefolge zur Jagd ausziehen sah und der, Besucher und Kenner unseres lieben Vaterlandes, mit seiner feingebildeten, vortrefflichen Frau uns Schweizern gleich zu Anfang mit kräftigen Sympathien begegnete. Vergessen darf ich nicht eine ihrer Obhut unterstellte junge Dame, welche, stets Sonnenschein auf dem Gesichte, durch ihr frohes Lachen und ihre natürliche Fröhlichkeit wesentlich zur Erhöhung der richtigen Tafelstimmung beiträgt.
DeckszeneDeckszene.
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Zum Frühstück liefert die Küche — außer Thee, Kaffee und Chokolade mit Zubehör, täglich frischen Brötchenund Hörnchen etc. — noch alles Mögliche an kalten und warmen Fleisch-, Mehl- und Eierspeisen. Der Gewohnheit treu begnügen wir uns mit dem „Ordinäri“: Kaffee und Butterbrot, freuen uns, des Staunens voll, über den riesigen Appetit anderer, speziell der Amerikaner, die des Morgens schon Unglaubliches leisten, und eilen sobald als möglich, vielleicht noch mit einigen Orangen oder andern Früchten der Tafel ausgerüstet, hinaus auf Deck, an die frische Luft. Dort, auf Promenadendeck, ist’s unterdessen lebhafter geworden; viele der Liegestühle sind in Beschlag genommen, und es wäre gute Gelegenheit, physiognomische Charakter- und, wer dazu Lust hat, auch Toilettenstudien zu machen; es ist namentlich die amerikanische Nation, welche die vielgestaltigsten Typen jedes Alters, vom Kinde bis zum Greise, liefert und aus ihren riesigen Koffern das Unglaubliche an Prunkgewändern hervorholt. Der Finanzlöwe an Bord ist der Amerikaner Wanamaker (Wonnemacher heißen wir ihn); er hat für sich und seine Familienangehörigen die besten Luxuskammern gemietet und soll die Kleinigkeit von 175 Millionen besitzen. Jener elegante Herr dort, mit schwarz und graukarierter Reisemütze, das pomadisierte Haar sorgfältig gescheitelt, das tropengebräunte, eigentümlich scharfe Gesicht glatt rasiert wie ein englischer Lord, mit elegant geschnittenem dunkelfarbigem Rock, enganliegender schwarzer Hose und Lackstiefeln, den ich jeden Morgen in aller Frühe bei „Wonnemachers“ heraustreten sah, mußte der unheimliche Millionär sein; ich betrachtete ihn volle acht Tage als solchen und machte ihn im Stillen verantwortlich für einige Prozent des sozialen Mißverhältnisses auf unsermPlaneten, bis ich eines Morgens zu meinem Erstaunen den eleganten Erzmillionär — durch eine halbgeöffnete Kabinenthüre beim Stiefelwichsen beschäftigt sah, was meine Achtung vor ihm keineswegs verminderte, aber immerhin bei weiteren Begegnungen meinen Gedanken eine andere Richtung gab. Ich hatte eben den Diener für den Herrn angesehen; aber — beim Zeus! — Hosen- und Gesichtsschnitt waren auch darnach und rechtfertigten den Irrtum.
Dort in jener Ecke wird schweizerdeutsch gesprochen; da lass’ uns hingehen; es sind drei Herren aus Basel: der alte JunggeselleDr. jur.L., der seit Jahren die Welt nach allen Richtungen der Windrose bereist, kein Schnelläufer zwar, aber ein sehr gewester Mann und gemütlicher Gesellschafter; an seiner Seite der zur Spezies der Rentiere übergetretene ehemalige Kaufmann R. (von uns in naheliegender Verballhornisierung seines Namens Respini genannt), stets tadellos vom Scheitel bis zur Sohle, und endlich — die Gelehrsamkeit zum Schlusse — der wohlbekannte Professor der Theologie, Herr Pfarrer B., ein flotter Läufer, der in nachtschlafender Zeit schon von Bord geht, um Land und Leute zu studieren, nebenbei ein geistreicher und humorvoller Plauderer. Die elegante Römerin, welche sich in unverfälschtem Züridütsch mit ihnen unterhält, ist die Gattin eines bedeutenden italienischen Ingenieurs, eine Frau, welche in der ewigen Stadt als Initiantin und unermüdliche Arbeiterin in allen menschenfreundlichen Bestrebungen eine hervorragende Rolle spielt. Sie, die gleich gewandt in allen modernen Sprachen, doch mit Vorliebe ihre Muttersprache spricht, rechnen wir auchzu den Unsrigen, wie auch ihren liebenswürdigen Mann, den Waldenser und alten Zürcher-Polytechniker, dessen Ohr unsere heimatlichen Laute sehr gut versteht. Es ist eine vornehme Erscheinung, Voll Geist und Gemüt und behaglich prickelndem Witze. „Das Schweizerdeutsch ist doch gewiß eine sehr schwere Sprache,“ wandte sich kürzlich ein Deutscher an ihn. „„Man sollte es kaum glauben; meine Frau spricht es nun seit 1½ Stunden ununterbrochen,““ meinte der mit Ungeduld dem Ende der vaterländischen Konversation seiner Frau mit meiner Schwester entgegensehende Gatte.
Weiter auf Deck! Da liegen sie schon in allen möglichen Positionen auf ihren Rohrstühlen, die Einen lesend, die Andern plaudernd und Ulk treibend, Einige bereits wieder in süßen Schlaf versunken. Du wirst mir zugeben, daß Gott Morpheus nicht immer die Züge verklärt; jedenfalls bin ich überzeugt, daß jener sonst so martialisch aussehende und gewöhnlich wie ein junger Kriegsgott über Deck steuernde Herr mit dem jetzt herabhängenden Unterkiefer und den entsetzlich nichtssagenden Gesichtszügen sich nicht als „schlafender Krieger“ möchte porträtieren lassen.
Von „Hoheiten“ sind an Bord: außer einigen deutschen Baronen ein italienischer Fürst mit seinem Leibarzt; dann der preußische Gesandte und bevollmächtigte Minister in Hamburg, Graf Metternich, dem der Damensalon der zweiten Kajüte als Wohn- und Schlafraum eingerichtet wurde und der immer allein speist, ein vornehm sich abschließender, aber in seiner äußern Erscheinung sehr einfacher Herr! — Von den übrigen Sterblichen stelle ichdir als freundnachbarlich Gesinnte noch vor ein prächtiges junges Ehepaar aus Konstanz, das Bild von Kraft und Gesundheit und frohem Lebensmut, das überall tapfer mitmacht, Nordkap und andere Hindernisse spielend besiegte und photographisch fixiert, was immer zu haben ist.
Der Gewalthaufen der Reisenden gehört Amerika und Deutschland; England ist gar nicht vertreten. Dagegen hört man einigenorts die gemütliche Wiener Sprache; u. a. ist anwesend Baron von Suttner (Onkel der Friedensfürstin) mit einer Tochter, der schon vor 45 Jahren mit seinem Erzieher ganz Norwegen bereist hat und ein damals angefertigtes Skizzenbuch zur Vergleichung mit der Gegenwart bei sich trägt — ein äußerst jovialer alter Herr und köstlicher Erzähler, bei dem allerdings das jetzige Norwegen gegenüber dem der guten alten Zeit bös wegkommt. „Früher verstanden die Leute wenigstens norwegisch; jetzt aber, seit so viel Englisches im Land ist, verstehen sie gar nichts mehr und glotzen Einen nur so an, wenn man in ihrer Muttersprache zu ihnen spricht.“
Vom langen Deckspaziergang ermüdet, und um angesichts des vielen Absurden und Unglaublichen, was die menschliche Kreatur zur Schau trägt, nicht ein loses M—und zu bekommen, lade ich dich zum Besuche der Gesellschaftsräume unseres Schiffes ein. Da thront über den Speisesälen erster Klasse ein Schreibesalon in goldüberladenem Roccocostil, Wände und Plafond künstlerisch bemalt, und in Verbindung damit eine wohlgeordnete Bibliothek, jede Ecke, wie überhaupt das ganze Schiff, vornehm elektrisch beleuchtet. Ein Druck auf den elektrischen Knopf und es kommt angesaust der Library-Steward und präsentiert dir,was du aus dem aufliegenden Bücherkataloge ausgewählt hast. Auch alle Schreibrequisiten, vor allem hochelegantes Briefpapier und Enveloppen, stehen zu freier Verfügung und werden in unglaublicher Quantität, in tausenden von Bogen, beansprucht, großenteils auch verschleudert.
Da die Tische alle von schreibenden und whistspielenden Ladies besetzt sind, wandern wir weiter gegen die Mitte des Schiffes; dort liegt der Konversations- und Musiksalon, in seiner Ausstattung eine Sehenswürdigkeit für sich; in der Mitte ein herrlicher Flügel von Steinweg, extra für die „Auguste Viktoria“ gebaut und dem Stil des Raumes angepaßt. Zehn Schritte weiter betreten wir das Eldorado des Mannes, den Bier- und RauchsalonI.Klasse, ein Wunder der Holzarbeit und Malerei, durch vier elektromotorische Ventilatoren gelüftet. Belegte Brötchen aller Art, vom Caviar bis zum geräucherten Lachs, liegenà discrétionbereit, und frisches Münchner, Pilsener und Lagerbier vom Faß ist jederzeit zu haben und wird sowohl zur Bekämpfung der Hitze wie zur Überwindung der Kälte gehörig genossen. Die Frage nach „frischem Anstich“ wird von dem Biersteward als persönliche Beleidigung aufgefaßt: „Was glob’n Sie denn! Wo’s Tag und Nacht so läuft wie bei uns, da soll’s ein lackes Bier geben?“
Von hier aus, in bequemem Rauchstuhl ausgestreckt, oder aber, wenn du es vorziehst, auf offenem Deck genießen wir das von 10-11 Uhr stattfindende Frühkonzert unserer Schiffskapelle. Ob’s windet und bläst, ob’s schwankt und rollt — die Kapelle thut ihre Pflicht; es soll sogar einmal vorgekommen sein, daß die beiden Clarinettistenabwechslungsweise je einige Takte ihre Stimme spielten und — über Bord seekrank waren, ohne je das Instrument aus der Hand zu legen.Allers, der Humorist, hat die Szene illustriert.
Um 11 Uhr ist große Prozession zu den bouillonspendenden Deckstewards; wer zu bequem ist, sich die Kraftbrühe selbst zu holen, dem wird sie auf einen Wink zum Liegesessel gebracht; der Zustand des Schlaraffenlandes, wo einem die gebratenen Tauben in den Mund fliegen, ist hier also ziemlich erreicht. Mit Erstaunen sehe ich einzelne Menschen von einer Mahlzeit zur andern laufen, immer hungrig und verdauungsfähig; kein Gericht überspringen sie, und wo allenfalls im Tage eine kleine Eßpause eintritt, füllen sie sie beim Bierglase mit Knuspern aus. Ich persönlich spüre gar nichts von diesem appetiterregenden Effekte der Meerluft, und es gibt kaum eine Gelegenheit, wo ich mich nicht von diesen Fleischtöpfen der „Auguste Viktoria“ zu der heimatlichen einfachen Küche zurücksehne.
Kaum ist der Bouillonspaziergang zu Ende, so tutet wieder der Trompeter von Eß-lingen, diesmal das bekannte Motiv aus Fidelio. „Meine Herren, es hat zum erstenmal geblasen“, ruft der Biersteward mit Stentorstimme in die lärmenden Tafelrunden. Ist das zweite Signal ertönt, so tritt Bewegung in die zu festen Gruppen kristallisierten auf und unter Deck. Jedes strebt seinem Speisesalon zu; der Tischsteward dreht deinen Stuhl, so daß Ew. Hoheit nur eine Sitzbewegung auszuführen brauchen, um ohne irgendwelche Mitbethätigung der Hände ernährungsbereit vor dem Teller zu thronen. Ist die Qual dieses zweiten Frühstücks vorüber, so tragen wirunsere durch den Konversationslärm geschädigten Ohren gerne wieder an die frische Luft, wo schwarzer Kaffee serviert wird und woselbst bei einem Deckspaziergang die erste Tagescigarre vortrefflich schmeckt.
Die Nachmittagsstunden werden verschieden ausgefüllt; Amerika treibt gerne allerhand Kurzweil mit Deckspielen, z. B. Ringwerfen und Plattenschieben; Deutschland spielt Skat, liest und schreibt oder politisiert, kalauert auch gruppenweise; denn bald explodiert’s da, bald dort mit unbändigem Gelächter, das auch Unbeteiligte mit fortreißt. Allerorts aber wird wieder fleißig geschnarcht und geschlafen, und manch Einer liegt, dem Irdischen entrückt, auf der Chaise-longue, die Quelle der Bildung aber, aus welcher er schöpfen wollte, das Buch, nebenan am Boden, oder dem zufrieden und gesättigt lächelnden Munde, der eben versicherte, nachmittags nie zu schlafen, entfällt die noch glimmende Cigarre, so daß der Entseelte erschreckt zusammenfährt und zu allererst sich umsieht, ob er wenigstens von niemanden beobachtet werde. „Jetzt hatten Sie aber ein Auge voll geschlafen, Herr X.!“ „„Was fällt Ihnen ein, Sie Jeheimspitzel! Sehen Sie denn nicht, daß ich mir eben was überlegte? Aber natürlich von so ’ne Jeistesarbeit haben Sie keene blasse Ahnung.““
Wem’s um ungestörte Arbeit oder Lektüre zu thun ist, der findet ganz oben, auf Bootsdeck, wohl ein verborgenes Plätzchen im Schutz und Schatten eines der vielen Rettungsboote; dort hat man den weitesten Ausblick aufs Meer und sieht auch im internen Schiffsleben allerlei ergötzliche Szenen. Zum Malen deutlich bleibt mir u. a. ein kleines Genrebild in Erinnerung. Zwischenzwei Booten geschützt sitzt bequem auf ihrem Rohrsessel zurückgelehnt die kleine Gouvernante von zwei amerikanischen Jungen und liest ihren Schutzbefohlenen vor. Der größere der Jungens liegt, das Kinn auf beide Hände gestützt und durch die vorgelesene Erzählung vollständig gefangen, auf der Segeltuchblahe des einen hochgelagerten Bootes und sieht unverwandt hinunter auf die Leserin; der andere aber, ein kleiner Schlingel, der auch die Pflicht hätte, zuzuhorchen, treibt hinter dem Rücken der ahnungslosen kleinen Erzieherin allerlei Unfug und sucht vor allem durch Grimassen und Gesten und Rupfen die Aufmerksamkeit seines Kameraden auf sich abzulenken.
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Wo man steht und geht hat man Gelegenheit, diefreundliche Zuvorkommenheit aller Schiffsangestellten — vom Kapitän bis zum Schiffsjungen — zu erfahren. Nur der Zahlmeister macht gelegentlich eine Ausnahme, je nach dem Goldgehalte der Passagiere; das liegt eben wohl in seinem Berufe.
Um 7 Uhr ist wieder große Fütterung, an welcher wir Eß-kimos (der sächsische Botaniker belohnt diesen Kalauer mit einem Pfennig) unter den Klängen der Tafelmusik nochmals mindestens eine Stunde uns beschäftigen. Die jeden Tag originellen und dem jeweiligen Aufenthaltsorte angepaßten Menus sind künstlerische Leistungen des Farbendrucks, welche in Hamburg extra für diese Fahrt angefertigt wurden. Eine eigene Druckerei an Bord besorgt alltäglich das Weitere, auch die Herstellung der Konzertprogramme etc.
Um halb 9 Uhr ist auch die zweite Tortur des Tages, das Diner, glücklich vorüber, und wir können als freie Bürger uns wieder auf Deck tummeln und die Schönheiten der taghellen nordischen Nacht genießen. 10 bis 12 Uhr ist nochmals Konzert für die Bier- und Musikbedürftigen, 12 Uhr sogenannte Polizeistunde, aber stets ohne Erfolg. Sind wir endlich in unsere Koje gekrochen und haben uns nach Abdrehen der elektrischen Glühflamme schlafgerecht gelagert, so schwinden unter dem einförmigen Pulsschlag der Maschine bald unsere Sinne, und in unlogischer Verwirrung umgaukeln den Träumenden die Bilder des vergangenen Tages — meist auf heimatlichen Boden verpflanzt.
Alles in allem, lieber Leser, ist unser Schiff, wie du siehst, eine kleine abgeschlossene Welt für sich, in welcherdie Menschen (abgesehen von dem Zwange der gemeinschaftlichen „frugalen“ Abfütterungen) nach ihrer Individualität leben, arbeiten und genießen, Bier oder Wasser trinken, nachts schlafen oder schwärmen, als Einsiedler oder als „Gesellschaftstier“ die Tage vollbringen, mit vollen Zügen die Naturwunder in sich aufnehmen oder aber sich langweilen. Daß einige Damen beim Passieren der herrlichsten Szenerien, wo aller Andern Auge mit Entzücken auf Gottes schöner Welt ruht, derselben blasiert den Rücken kehren und ihre Aufmerksamkeit auf den Stickrahmen konzentrieren, habe ich mit heimlichem Ärger hier oft gesehen. Zu Hause hat ihr Stickrahmen wohl gute Ruhe.
Nun aber weiter nach Spitzbergen!
Dekor
Spitzbergen. — Gletscher- und Eiszeit. — Einfahrt in den Eisfjord. — Ankunft in Adventbay. — Erster Besuch der Küste.
Gegen Mittag des 11. Juli kam Land in Sicht, und um 1 Uhr waren wir der Küste so nahe, daß Einzelheiten deutlich unterschieden werden konnten. Zwischen den mächtigen, zum Teil schneebedeckten, oft aber als dunkle Felswände jäh abstürzenden Pyramiden erschienen großartige Gletscher, als nach unten breiter werdende Eisströme ins Meer sich ergießend. Die bläulich schimmernden Abbruchflächen werden direkt von der dunklen Meeresflut bespült. Unter dem fürchterlichen Drucke, welcher die gletscherbelasteten Felsgebirge zu glatten Mulden ausschleift, drängen diese Eiswelten dem Meere zu und brechen ab, sobald die stützende Unterlage fehlt, um als Eisberge dem Polarstrome folgend Amerika zuzusteuern und allmählich unter der auflösenden Kraft der Sonne zu verschwinden. Es ist etwas Erhabenes, diesen Prozeß, der sich ungezählte Jahrtausende zurück u. a. auch von den Alpen gegen die deutschen Ebenen zu abspielte und dessen Spuren und Wegweiser die mächtigen erratischenBlöcke bilden, hier in natura sich vollziehen zu sehen. Gegenüber diesen Pulsschlägen der Ewigkeit zerstiebt die Sekunde Menschenleben in Nichts. — Die Breite des größten Gletschers von Westspitzbergen, mit welcher derselbe gegen die Meeresfläche abstürzt, beträgt 20 Kilometer. Es wurden Eisberge, d. h. isolierte Abbrüche desselben beobachtet, deren Gesamtvolumen auf 4000 Millionen Kubikmeter berechnet werden konnte. Scoresby sah eine Eismasse von der Größe einer Kathedrale aus einer Höhe von 400 Fuß ins Wasser fallen.
Gletscherpartie (Spitzbergen)Gletscherpartie (Spitzbergen).
Gletscherpartie (Spitzbergen).
Gletscherpartie (Spitzbergen).
Um 4 Uhr erreichten wir bei aufgehelltem Himmel die Einfahrt in den Eisfjord (78° 11′ nördl. Breite); die so benannte Meeresbucht ist beidseitig mit Gebirgsstöcken von auffallend gleichmäßiger Form begrenzt. Alle zeigen ein Hochplateau, das enorm steil zum Meere abfällt; dazwischen liegen tief eingeschnittene Thäler. Die steilen Abhänge sind merkwürdig regelmäßig parallel gerifft. In den parallelen Schrunden liegt wie auch oben blendend weißer Schnee, in grellem Kontrast zu dem dunkeln Gestein, so daß die Gebirgszüge wie sorgfältig vom Konditor kandierte Kuchen aussehen.
Einfahrt in AdventbayEinfahrt in Adventbay.
Einfahrt in Adventbay.
Einfahrt in Adventbay.
Wir biegen ab in eine Seitenbucht, die sogenannte Adventbay. Dort hat sich, teils durch Anschwemmung, wesentlich aber wohl durch Abwitterung, welche durch Ebbe und Flut geglättet wurde, auf der südlichen Seite ein ziemlich ausgedehntes, flaches und nachher sanft bis zu den Hauptgebirgsstöcken ansteigendes Gelände gebildet, das größtenteils schneefrei ist und auf welches die Strahlen der Sonne bereits einen Blumenteppich gezaubert haben. Plötzlich entdeckt das Auge, als einziges Symptom menschlichen Daseins, ein Fischerzelt und 200 Meter davon entfernt ein dunkles Holzgebäude, welches 1896 von der Westeraalen Dampfschiffgesellschaft als Unterkunftshaus für Jäger und Touristen erstellt wurde. Aus der Entfernung machte es den trostlosen Eindruck einer im Torfmoor stehenden einsamen Köhlerhütte. Wir fanden es geschlossen und leer, da der acht Tage zuvor nach Spitzbergen fahrende Dampfer, welcher Proviant und den Wirt bringen sollte, wegenungünstiger Eisverhältnisse sich dem Inselreiche gar nicht hatte nähern können.
Nirgends ist ein Baum oder Strauch zu erblicken; aber wo der Schnee weg ist, so auf der Küstenniederung und in den Thälern grünt und blüht es um die Wette. Viele der Thäler sind aber noch mit mächtigen Gletschern ausgefüllt und werden noch Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte lang zu thun haben, bis ihr Eisdepot ins Meer gesunken ist. Im Hintergrunde aber, gegen das Innere der Insel, sieht man über den 2000 Fuß hohen Bergen Eisfelder von unermeßlicher Ausdehnung.
Langsam und vorsichtig drang unser braver Dampfer mit einem Tiefgang von zirka 10 Metern in dem fremden Fjorde vorwärts, während von 5 zu 5 Minuten ein alter Matrose Lothungen vornahm und mit lauter Stimme dem Kapitän das Ergebnis auf die Kommandobrücke zuschleuderte. „20 Faden — kein Grund!“ (1 Faden = 6 Fuß). „33 Faden — kein Grund!“ „39 Faden — Grund!“ Jetzt rasselte die Ankerkette nieder und fest saßen wir. Alles, was Beine hatte, stund auf Deck, um den ungewohnten Anblick dieses vergletscherten Polarlandes in sich aufzunehmen. Hunderte von Vögeln umkreisten schreiend unser Schiff; ab und zu tauchte ein neugieriger Seehund auf, um sofort wieder in dem salzigen Elemente zu verschwinden, einmal auch die grauenhafte Fratze eines Walrosses.
In unglaublich kurzer Zeit waren die drei Benzinbarkassen unseres Schiffes flott gemacht und luden durch ihren puffenden Atem zur Fahrt ans Ufer ein, das immerhin noch einen Kilometer entfernt von uns lag.Das Meer war etwas unruhig, so daß nur die weniger zaghafte meiner Reisegefährtinnen sich zu sofortiger Ausbootung entschloß. Am Land besuchten wir zuerst das Fischerzelt, in welchem eine Frau, zwei Männer und ein Kind überwintert hatten. Das Ergebnis ihres Jagdfleißes war vor ihrer Behausung aufgespeichert: getrocknete und eingesalzene Fische in Menge, einige Fässer voll Thran, in Meersalzlauge gebettet auch Kopf und Fell eines riesigen Eisbären, den sie zwei Monate vorher geschossen, als er die Hütte zu beschnuppern kam; von der Menge erlegter Rentiere und Seehunde, deren Geweihe und Felle herumlagen, gar nicht zu reden.
Als wir den flachen Küstenstreifen durchwanderten, wollte unser Erstaunen und Entzücken über die Fülle und den Farbenglanz reizender Blumen kein Ende nehmen. Arktischer Mohn, zahlreiche Steinbrecharten, Löffelkraut entsprießen zu Millionen dem bemoosten Boden. Von besonderer Lieblichkeit ist eine Erica-Art, deren Blüten die Form unserer Maiglöckchen haben. Als einzigen Strauch, der aber die Moosfläche nicht überragt, fanden wir eine arktische Weidenart. Ueberreste von Walen und Walrossen, ungeheure Knochen aller Art, Fisch- und Vogelleichen zu Dutzenden lagen da, in Gestein und Grün gebettet, merkwürdigerweise ohne allen und jeden Fäulnisgeruch; das Organische fault in dieser nördlichen Breite auch unter dem Einfluß der Sonne nicht, da die sie bedingenden Spaltpilze hier nicht fortkommen.
Mit Blumen seltenster Art und allerlei Trophäen (Mineralien, Knochen) beladen, traten wir den Rückzug an, der nicht ohne ein kleines Abenteuer verlaufen sollte.Bei der Abfahrt wurde nämlich unser Boot auf eine seichte Stelle geworfen, saß dort fest und war nun ein Spielball des unruhigen Meeres. Durchnäßt von den überschäumenden Wellen und elend hin- und hergeschaukelt harrten wir der Erlösung. Aber ein Versuch, uns durch eine andere Barkasse flott zu machen, hätte beinahe unser Schiff zum Kentern gebracht und mußte aufgegeben werden. So blieb nichts übrig, als in den auf- und abtanzenden Kahn überzusteigen — eine der Komik und unfreiwilliger Akrobatensprünge und Körperverdrehungen nicht entbehrende Handlung — welcher uns dann naß zwar, aber in bester Stimmung an Bord brachte.
Ueber Spitzbergen ist noch Vieles zu erzählen; ebenso über die herrliche Rückfahrt an der norwegischen Küste, über die Wunder der Mitternachtssonne bei der Einfahrt in Tromsoe und das dortige Lappenlager, über die Pracht der nordischen Welt bei Gudwangen und Marak, über den Besuch von und bei dem deutschen Kaiser in Aalesund und den Aufenthalt in Bergen, der durch die Freundlichkeit unseres dort domizilierten Landsmanns, Herrn Herzog aus dem Pfarrhause Güttingen, besonders genußreich sich gestaltete, und über vieles Andere mehr. Aber unser Schiff eilt dem Endziele, Hamburg zu, und unser Verlangen geht nach der Heimat und nach dem Berufe.
Dekor
Hapag. — Patriotische Feststimmung. — Gräber an der Adventbay. — Im Eise gefangen. — Jagd auf Spitzbergen. — Walfischfang.
Hapag! Wie anders wirkt dies Zeichen jetzt auf mich ein als noch vor wenig Monaten! — Dazumal glitt mein Auge nichtsachtend an den fünf Buchstaben vorbei; heute zaubert das kleine Wort eine Flut von Erinnerungen hervor; ich sehe die Wunder der nordischen Schärenlandschaften und des Polarmeeres; auf letzterm gleitet die stolze „Auguste Viktoria“, das prunkvolle kleine Universum; auf der Kommandobrücke steht die Hünengestalt des braven Kapitäns Kaempff, dem das Leben von nahezu 700 Menschen anvertraut ist. Keiner zaudert, ihm volles Vertrauen zu schenken, dem schönen Typus eines pflichttreuen, kaltblütig überlegenden Seemannes, der, ein Bär von Postur, mit gleicher Sicherheit sein stolzes Schiff leitet, wie er mit ritterlicher Grazie den Damenhandkuß zu applizieren weiß.
Vom Promenadendeck her tönt fröhliches Leben; dazwischen die flotten Weisen der Schiffskapelle, vor allem die bergfrische Nationalhymne Norwegens. Und an allenEcken und Enden steht das ZauberwortHapag, auf jedem großen und kleinen Schiffsteile — vom Rettungsboote bis zum Zahnstocher, auf dem Schilde der Kapitänsmütze und jedem Kleidungsstücke, das der Steward und der Matrose am Leibe trägt. Den jungen, frischen Schiffsjungen, der auf jedes Signal von der Kommandobrücke her die Treppen hinauffliegt, um die Befehle „des Königs“ entgegenzunehmen, hatten wir deshalb in naheliegender Erweiterung seiner Signatur schon am ersten Tage Harpagon getauft und ihn auf diesen Ruf folgen gelehrt.
Hamburg-Amerika-Packetboot-Aktien-Gesellschaft ist der Sinn des kleinen Wortes, das in der ganzen Welt so bekannt ist, daß ein mitHapagadressierter Brief sicher seinen Weg findet, und ein Zufall, der soeben meinen Blick auf die fünf Buchstaben fallen ließ, macht mir plötzlich Mut und Lust, die in der „Thurgauer Zeitung“ begonnene Schilderung unserer nordischen Reiseerlebnisse zu Ende zu führen.
Also zurück nach Spitzbergen! Auf Flügeln des Gedankens ist der Weg im Nu zurückgelegt, obschon die Distanz ungefähr derjenigen zwischen Rio Janeiro oder Kapstadt oder Tibet und unserer Heimat entspricht.
Am Morgen des zweiten Tages wurde bei Zeiten wieder und als vollzähliges Trio das zauberhafte Land betreten. Dort erfuhr ich eine heimelige Ueberraschung. Als wir an geschützter Stelle, in das blumige Moos gelagert, die großartige Moos-, Gebirgs- und Gletscherlandschaft bewunderten, packten meine Gefährtinnen aus: eine veritable Schweizerfahne samt Stock und eine Flasche —Sonnenberger[3]1895er, von Paul Bartholdi.[4]Nun wurde ein echt vaterländisches Fest gefeiert, wohl das erste Schweizerfest auf Spitzbergen, und unter Schwenken der Fahne, ergötzlichen Reden und lautem Hoch auf die liebe Heimat der Tropfen geleert, den die Sonne unseres Thurgaus gezeitigt hatte und der mir in meinem Leben noch nie so vortrefflich gemundet hat wie dazumal, am 12. Juli, unterm 78° nördl. Breite. Die Flaschen-Etiquette trägt nun die Aufschrift: „Sonnenberger 1895 von P. Bartholdi, am 12. Juli 1899 unter hochgehenden vaterländischen Gefühlen geleert auf das Wohl der lieben Heimat von etc. etc. etc.“ In der linken obern Ecke stehen groß und deutlich die Buchstaben O. G. V.,[5]ein für spätere Polarfahrer, welche die Flasche entdecken, jedenfalls unlösbares Rätsel.
Nach der patriotischen Fahnenweihe durchstreiften wir, soweit nicht Sumpf und Morast uns hinderten, kreuz und quer das Gelände und jeder Schritt führte zu etwas Außergewöhnlichem und Interessantem. Vor allem erregte unsere Aufmerksamkeit ein Abhang aus Geröll, den ein starker Gletscherbach im Laufe der Jahrzehnte angespült haben mochte, und auf welchem verschiedene auffällige Erhebungen zu erblicken waren. Bei der Annäherung fanden wir zwei schmucklose Grabzeichen aus Holz und gemaltem Blech; das eine trug die Inschrift: Andrees Holm,Tromsoe; födt 7. April 1896; das andere: Jakob Hansen af Hammerfest, födt 28. August 1878, letzterer ein während der sommerlichen Jagdzeit hier verunglückter Fischer, der erstere aber Teilnehmer einer nordischen Tragödie, deren weitere Spuren in unmittelbarer Nähe zu finden waren und mit der wir uns gleich beschäftigen werden. Wir schmückten die rührenden Zeugen menschlichen Daseins und Kampfes in dieser nordischen Einöde — die schlichten Gräber — mit den schönsten Blumen, welche der Boden spendete.
Was hätte dieser Andrees Holm alles erzählen können! Im Sommer 1895 hatte er mit drei andern Norwegern, Klaus Thue, Anton Nils und Nils Olsen, an den Küsten von Westspitzbergen dem Fischfang obgelegen, und als sie auf ihrem kleinen, einmastigen Fangschiffe heimkehren wollten, verlegte ihnen das unerwartet früh um die Südspitze herschwimmende Eis den Weg. Ein starker Schneesturm trieb sie wieder nordwärts, und wo immer sie Eingang in einen schützenden Fjord suchten, fanden sie denselben bereits mit Eis gefüllt. Im nördlichen Eisfjord endlich, der unter der Einwirkung des Golfstromes am längsten offen bleibt, und zwar in dem Teil, in dem wir eben vor Anker lagen, der Adventbay, fanden sie Zuflucht, und dort fror ihr Schiffchen, die „Ellida“, rasch ein, so daß die Insassen sehr bald die traurige Gewissheit hatten, sieben bis acht Monate in dieser trostlosen Eiswüste verweilen zu müssen, fern von jeder menschlichen Hülfe.
An Bord zu bleiben war unmöglich. Die vier Männer errichteten daher auf der nächstgelegenen Anhöheeine Notbehausung, deren Konstruktion und Überreste noch deutlich zu sehen sind. Etwa einen Meter tief ist der Grund ausgehoben und die Grube mit Schiffsbrettern verschalt; darüber findet sich aus Treibholz, Mast und Rudern ein Dach erstellt, das noch teilweise mit Zinkblech vernagelt ist und das dazumal von den Insassen mit Rentierhäuten,[6]Rasen- und Moospolstern bedeckt wurde. Zum Eintritt diente die noch vorhandene Kajütenthüre. In der jetztgroßenteils abgedeckten Hütte, in welche ich hineinkroch, waren als weitere Zeugen des dort verlebten Winters noch zu finden: ein Bretterverschlag, der mit Rentierfellen ausgekleidet die Schlafstätte gebildet hatte; dann ein verrosteter, zertrümmerter Herd, der ehemalige Kochherd des Schiffes, ein niedriger Tisch, eine Kiste mit Handwerkzeug; ferner zerrissene Strümpfe, Handschuhe und Kleidungsstücke anderer Art; Knochen von Rentieren, Fischen, Vögeln — die Überreste der winterlichen Mahlzeiten — lagen ringsherum zerstreut.
NothütteNothütte.
Nothütte.
Nothütte.
Den langen Polarwinter brachten die Eingeschneiten und Vereisten mit Jagd und dem Suchen nach Kohlen in möglichst entfernten Lagern zu, um der Hauptgefahr der Unthätigkeit in der permanenten Dunkelheit, dem Scorbut, möglichst zu entgehen. Bis 22 Grad Reaumur Kälte hatten sie zu ertragen, so daß Anton Nils die Nase abfror; trotzdem ging er acht Tage nachher wohlgemut und fröhlich singend auf die Jagd — um nicht mehr zurückzukehren. Wahrscheinlich hat ihn ein Eisbär verzehrt. Das zweite Opfer war Andrees Holm, der am 30. März am Scorbut starb und, da die Erde hart gefroren war, zum Schutz gegen Füchse und Bären einstweilen in zwei Fässer gesteckt wurde. Sobald das Eis des Fjords — im Juni 1896 — in Bewegung kam, wagten sich die zwei Ueberlebenden auf kleinem Boote hinaus, um Fischerschiffe aufzufinden; aber fünf Tage lang wurden sie auf offenem Meere umhergeschlagen und hatten nur rohe Vögel als Nahrung, und als endlich ein Fischer sie rettete, waren sie beide auch am Scorbut erkrankt. Trotzdem fuhren die treuen Gesellen, bevor sie heimwärts strebten, nochmalsnach der Adventbay zurück, um ihren Kameraden zu beerdigen, und das Grab, neben dem wir standen, war das Werk ihrer matten und kranken Hände.
Ähnliche Unglücksfälle ereignen sich von Zeit zu Zeit und auch dem größten Touristenschiffe kann es passieren, sofern es zur Unzeit, später als Ende August, Spitzbergen aufsucht, daß es sich plötzlich und unerwartet in einem Fjord durch Eis festgebannt sieht. — Plötzliche dichte Nebel, entsetzliche Stürme und unerwartete Treibeisblockade sind die Gefahren des Polarmeeres für die Schiffahrt.
Einen Versuch, an den schneefreien Abhängen des nächstliegenden Berges in die Höhe zu steigen oder eines der sich öffnenden Thäler zu begehen, mußten wir bald aufgeben, weil der Boden infolge des herabrieselnden Schneewassers überall morastig durchweicht war, so daß wir bis über die Knöchel einsanken. Wie’s in dieser Beziehung weiter landeinwärts beschaffen sein mochte, ersahen wir an Schuhwerk und Kleidern von Graf Metternich und einigen andern Jagdfreunden, welche morgens 2 Uhr unter der Führung von zwei norwegischen Fischern sich einige Stunden weit ins Innere begeben hatten und nachmittags mit reicher Beute zurückkehrten. Die Menge des angetroffenen Wildes stand zwar hinter ihren Erwartungen zurück; einige Tage zuvor war der Kronprinz von Italien mit seiner jungen Frau, die dem nordpolfahrenden Herzog der Abruzzen das Geleit gaben, hier gewesen, und die jagdlustigen Italiener sollen innert zweimal 24 Stunden gegen 200 Rentiere an der Adventbay erlegt haben; nicht der geringste Teil fiel vor dem treffsicherenRohre der Montenegrinerin. Von der Beute wurden einfach die Geweihe mitgenommen; das Übrige blieb liegen. Daß ein solch grausames Schützenfest die harmlosen Rentierherden für die nächsten paar Wochen verscheuchte und in entferntere Regionen trieb, liegt auf der Hand. Indes waren die Spuren des Tieres überall so reichlich vorhanden, daß man glauben konnte, sich auf einem ihrer Hauptweideplätze zu befinden. Auch brauchte man nicht sehr weit zu gehen, um schön ausgebildete Geweihe zu finden, welche von den Tieren jeweils im Dezember oder Januar abgestoßen werden.