LappenLappen.
Lappen.
Lappen.
Während aber ein paar milchliefernde Kühe und Ziegen getreulich im Lager bleiben, streifen die Rentiere stundenweit über Berge und Schneefelder und müssen im Bedürfnisfalle oder für die Weiterwanderung erst mit Hülfe der zahlreich vorhandenen langhaarigen kleinen Wolfshunde mühsam aufgesucht und zusammengetrieben werden. So auch heute, wo die Touristenfirma Beyer durch eine Extraauslage von 50 Mark auf nachmittags 4 Uhr einige hundert Rentiere durch die lappischen Besitzer ins Lager schaffen ließ, um den auf jenen Zeitpunkt beorderten Passagieren der „Auguste Viktoria“ ein möglichst buntes und lebendiges Bild darbieten zu können.
Wir näherten uns den kegelförmigen Stein- und Lehmhütten (Gammen genannt), aus welchen ein bläuliches Räuchlein zum Himmel stieg. Alsbald kamen ihre Insassen uns entgegengelaufen, die Hände voll Verkaufsgegenstände verschiedenster Art, alle aber vom Rentier stammend: Felle, Geweihe; Löffel, Messer, aus Knochen und Gehörn gearbeitet und mit naiver Kunst verziert; bunte Puppen aus Fellen und Läppchen von so greulichem Geruch, daß man sie gerne und hastig wieder zurückgab, wenn nach dem ersten Ausruf des Entzückens die Nase in Funktion getreten war.
Mit Todesverachtung betraten wir durch Morast und eine nicht zu schildernde Atmosphäre verschiedene der originellen Wohnstätten; sie sind aus Steinen, Lehm und Rasenstücken in flacher Kegelform erbaut und einige rohe Balken geben dem losen Gefüge den nötigen Halt. Auf der holperigen und grünenden Steinbedachung lagern und weiden die Ziegen; ab und zu sonnt sich Körper an Körper mit ihnen auch ein Hund. Im Zeltinnern hängt in der Mitte ein großer Kochtopf an einer Kette über dem am Boden glimmenden Holzfeuer; der Rauch zieht durch eine Oeffnung an der Spitze des Daches hinaus; durch eben dieselbe dringen Licht und Regen hinein und vielleicht auch ein bißchen Luft — wenig genug allerdings; wir hielten es höchstens eine halbe Minute nacheinander aus in der brodelnden Brühe, die dort Atmungsluft heißt, und rannten mehrmals mitten aus der Gestenkonversation durch das als Thüre funktionierende Schlupfloch wie von Furien verfolgt ins Freie, um nach ein paar gesunden Atemzügen wieder rückwärts zu kriechenund den Kampf aufs neue aufzunehmen. Wer uns von draußen her aus der Entfernung beobachtet hätte, wäre jedenfalls über unser Thun und Treiben nicht sofort klug geworden. — Um die Feuerstelle sind im Kreise die Lagerstätten aus Rentierfellen angebracht und darauf kauerten, trotz der entsetzlichen Hitze vom Kopf bis zu den Füßen in Felle und warme Tücher verpackt, Frauen und Kinder, letztere von allen Altersstufen und abgesehen vom Lappenduft ganz nette Geschöpfe, welche Geschenke — Eßwaren vom Schiff — zuerst mißtrauisch und zögernd entgegennahmen, dann aber auf Geheiß der Mutter recht brav dafür dankten und sittsam sie zu verzehren begannen. — Das vornehmste Hausrecht haben die Hunde; sie lagern überall — zu Dutzenden, im und um das Zelt, meist ruhend, aber mit ihren klugen Augen die Fremdlinge verfolgend. Angeknurrt haben sie uns gar nicht; aber als im zuführenden Wege ein Stadthund auftauchte, da ging die ganze Meute mit Gebelfer über den Aristokraten her, so daß er heulend mit eingezogenem Schweife und nur ab und zu ängstlich nach seinen Verfolgern schielend Tromsoe zurannte.
Der Hund ist der älteste Freund der Lappen; er ist das einzige Tier, das mit einem echt lappischen Wort (Baednagg) bezeichnet wird, während die Namen aller andern Haustiere germanischen und finnischen Ursprunges sind. Daraus hat man geschlossen, daß die Lappen erst in historischer Zeit aus ausschließlichen Jägern Nomaden geworden sind und also auch erst dann das Rentier — bis dahin nur Jagdwild — gezähmt haben. Der Gestalt und Größe nach steht der lappische Hund zwischenSpitz- und Wolfshund; es giebt deren rot-, gelb- und schwarzhaarige; sie sehen alle sehr intelligent aus, und ihre Treue ist sprichwörtlich.
Den auffälligsten Gegenstand unter dem Inventar der Lappenhütten bildet die Kinderwiege. Sie ist aus einem Holzstamm ausgehöhlt, und zwar so, daß das Kopfende durch ein kleines Vordach geschützt bleibt, mit Rentierleder ausgeschlagen und mit getrocknetem Moos ausgepolstert. So hängt sie mit ihrem kleinen Einwohner an einem knorrigen Ast im Zeltinnern oder wird von der Mutter durch ein Band am Leibe getragen. — Von andern Dingen erregten unsere Aufmerksamkeit bunt bemalte und originell verschlossene Holzkistchen zur Aufbewahrung von allerlei Gebrauchsgegenständen und, wie diese, ebenfalls von den Lappen selbst verfertigt; auch das Eßgeschirr, besonders metallene runde Löffel nach Art der alten Apostellöffel. Verkauft hätten die Leute alles — sogar die Wiege; um ein Zehntel des verlangten Preises machen sie ja wieder zwei neue.
Ohne Schmerz verließen wir das fremdartige Zelt-, eigentlich richtiger Höhlenlager, nachdem wir uns im unglaublichsten Kauderwelsch von der kulturarmen, aber gewiß ganz zufriedenen Gesellschaft verabschiedet hatten. — Derselbe blumenreiche, lichte Waldweg führte uns in einer halben Stunde wieder zum Fjord zurück, wo unser Kahnführer in derselben Stellung unser harrte, wie wir ihn zwei Stunden zuvor verlassen hatten. Verfolgt von Möven und begleitet von großen über die glänzende Wasserfläche schnellenden Fischen glitten wir nach unserm Schiffe zurück, um uns an dessen Tafel für die Arbeit des Nachmittagszu stärken. An Bord promenierte unterdessen halb Tromsoe; familienweise waren die großen Kaufleute der Stadt hergekommen, um mit Erlaubnis des Kapitäns den stolzen Bau zu sehen.
Da entzückten uns die prächtigen norwegischen Kindergestalten. Speziell bildete ein zehnjähriger Junge mit seinen zwei kleinern Schwesterchen den Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit — alle drei blauäugig und flachshaarig und von seltenem Liebreiz, daneben das Bild naturwüchsiger Kraft und Gesundheit.
In der großen blonden Mutter, welche die Kinder führte, kämpfte der mütterliche Stolz mit dem Unbehagen über die gar zu übertriebene Liebenswürdigkeit, mit der die Fremden sich an ihre Kleinen heranmachten, und als photographierende Amerikanerinnen sie kurzer Hand auf die Seite nahmen, als Gruppe aufstellten und der Reihe nach mit ihren Momentapparaten beschossen, wurde ihr die Sache zu bunt; sie rief ihr unten harrendes vornehmes Privatboot, beförderte ihren lebendigen Schatz hinein und gab sich offenbar auf der Rückfahrt Mühe, das bißchen Eitelkeit, das sich allenfalls auf die kindlichen Herzen hatte lagern wollen, mit sorgsamer und liebevoller Hand abzuwischen.
Nachmittags fuhr das Gros der Schiffsgesellschaft zu den Lappen, während wir die Stadt Tromsoe besuchten. Schön ist ihr Inneres kaum zu nennen. Eine außerordentlich breite, nicht gepflasterte, aber mit Trottoirs versehene Straße durchzieht parallel der Küste den langgestreckten Ort; die Häuser sind niedrige Holzbauten ohne irgend welches künstlerische Charakteristikum; vor jederHausthüre führt eine primitive Holztreppe auf das Niveau des Trottoirs; abereinSchmuck fehlt kaum irgendwo, und das sind herrliche Blumen, namentlich auch Rosen von besonders schönen Farben, hinter den mit saubern Gardinen verhängten Fenstern.
Auch ein musikalischer Genuß wurde uns zu teil; fünf Bettelmusikanten spielten erschütternd das „Ach, wie ist’s möglich dann!“ und als wir zusahen, waren es Rheinpfälzer, die mit ihrem Blech durch ganz Norwegen sich durchbettelten und erst in Vadsoe, nördlich von Hammerfest, ihren Fuß wieder südwärts zu wenden gedachten. Zweck der Reise? „Sich ein bißchen die Welt anzusehen.“ Und wie steht’s mit den Einnahmen? „Schlecht genug; die Norweger haben kein Geld, weil dieses Jahr der Fischfang wenig abgeworfen hat; aber man ißt sich so durch.“ Wo immer wir im Verlaufe des Nachmittags in einer Straße auftauchten, stießen wir auf die unglückliche lufterschütternde Musikbande, deren Leistungen die Qualität ihres vaterländischen Tabakes nur um ein Geringes überragten.
Sehr lebhaft war das Leben und Treiben auf Tromsoes Straßen und Gassen an jenem Nachmittag nicht gerade. Nur Kinder begegneten uns in großer Zahl und darunter viele, die mit ihrem reichen hellblonden Haarschmuck und den klarblauen Augen prächtige Modelle für „Frithjof und Ingeborg in der Jugend“ gewesen wären. An dem bescheidenen Schaufenster einer Buchhandlung fanden wir neben norwegischen Originalwerken von den modernen ausländischen Autoren Sudermann und Dostojewski in die Landessprache übersetzt — kein schlechtes Zeugnis für denlitterarischen Geschmack des nordischen Volkes. Daneben prangte aber auch ein Dreyfus-Bildebog (Bilderbuch); also bis gegen das Nordkap hatte der schändliche Lügenprozeß seine Wellen geworfen.
Die zu vielen Häusern gehörigen kleinen Gärten sind meist sehr unordentlich gehalten und von Unkraut überwuchert. Auffallend ist das überall gepflegte Bärenklauenkraut (Heracleum sibiricum), das, 3 Meter hoch und mit 80 Centimeter messenden Dolden, üppig gedeiht und abgebrüht als Futter Verwendung findet.
Das Interessanteste in den Straßen Tromsoes sind seine Kaufläden; da ist alles, was die arktische Zone erzeugt, in reichen Exemplaren ausgestellt, meist vor den Häusern, um die Aufmerksamkeit der Fremden direkt zu erregen: Felle aller Arten, unter denen einige Eisbären durch ihre ganz außerordentliche Größe und diejenigen der Polarfüchse durch ihre eis- und dunkelblaue weiche Farbe auffallen; dann Walroßzähne und -Schädel, Elch- und Rentiergeweihe, Walfischohren, Kieferfortsätze — bis zwei Meter lange — des Schwertfisches (mit welchen das Tier in der Wut Schiffsplanken wie Walfischleiber anzubohren imstande ist); dann seltene Petrefakten und Edelsteine, Lappenartikel, — Holzschnitzereien, nationale Silber- und Filigranarbeiten und hundert andere Dinge. Zahlreiche kostbare Felle und Geweihe, die in keiner Kabine Platz fanden, wanderten auf unser Schiff; im Zwischendeck sah es nachher aus wie in einem naturhistorischen Museum.
Leider versäumte ich es, in Tromsoe allerlei einzukaufen, weil mir verschiedene Schiffsangestellte versicherten,in Bergen, der norwegischen Schlußstation unserer Reise, sei bei der Reisefirma Beyer alles und jedes in größerer Auswahl und bester Qualität zu haben, und so könne man sich die Mühe des Mitschleppens ersparen. Das war ein Leim (vielleicht ein durch den mitreisenden Agenten Beyers gekochter), vor dem ich spätere Nordlandfahrer warnen möchte. Die lappischen und arktischen Artikel sind nirgends in solcher Auswahl zu finden wie in Tromsoe, auch nirgends billiger (billig ist überhaupt nichts in Norwegen); einiges, das ich gar nicht missen wollte, konnte ich südwärts durchaus nicht mehr auftreiben und mußte es nun mit größeren Unkosten von Tromsoe nachkommen lassen.
Von den drei Kirchen der Stadt sind zwei lutherisch und eine katholisch, alles einfache Holzbauten, die auch im Innern nichts Besonderes bieten; Altäre und Stationen der letztern sind schmuck- und geschmackloser als bei uns in mancher kleinen Dorfkirche.
Gegen Abend wurden Straßen und Hauptplätze etwas belebter; natürlich fehlten auch hier die Radler nicht, so wenig als die Hunde, welche sie mit Gebell verfolgten. — Den Rückweg zur Landungsbrücke suchten wir durch die kleinen und schmutzigen Gassen, welche von Fischer- und Strandlappenwohnungen begrenzt unten am Sunde liegen. Durch eine schreckliche Fisch- und Thranatmosphäre unter sorgfältiger Vermeidung des ärgsten Bodenmorastes turnten wir vorwärts, guckten hinein, wo irgend eine Thür- oder Fensteröffnung dazu einlud, krabbelten heimelige Hauskatzen von ganz ungewöhnlicher Größe in ihrem dicken Balge, was mit schnurrendem Wohlbehagen und mitsofortiger Positur in Rückenlage entgegengenommen wurde, und versuchten auch wohl, uns durch Zeichen und allerlei sprachliche Kühnheiten mit den Eingeborenen zu unterhalten. Die Häuschen dieser Quartiere sind klein und schmutzig, oft ganz baufällig, die Dächer meist mit Erde gedeckt, auf welcher fröhlich allerlei Grün gedeiht. Nirgends fehlt eine angelegte Notleiter für den Fall einer Feuersbrunst. Derartige Katastrophen treten in Tromsoe, wie in all’ den norwegischen Städten, sehr häufig auf und nehmen meist große Ausdehnung an. An allen Straßenecken sind deshalb elektrische Feueralarmapparate angebracht. Seit der Einführung der elektrischen Beleuchtung, welche in Norwegen wie kaum in einem andern Lande verbreitet ist, mag aber die Zahl der Feuersbrünste abgenommen haben.
Am Landungsstege, wo wir eine halbe Stunde auf unser Boot warten mußten, sahen wir unter der bunten versammelten Menge nochmals zahlreiche Vertreter des Lappenstammes, und zwar jener Sorte, die den Namen Fischer- oder Küstenlappen trägt (im Gegensatze zu den nomadisierenden Berg- oder Rentierlappen); sie haben im Laufe der Jahrhunderte, durch die Macht der Notwendigkeit gezwungen, ihr Hirtenwanderleben gegen andere Berufsarten vertauscht und sind ansäßig geworden. Aber trotz der unausgesetzten Berührung mit der Kultur blieb ihre Originalität in Kleidung, Sitten und Gewohnheiten, wie auch im Körperbau vollständig erhalten. Daß sie auffallend dünne, kurze und krumme Beine und sehr starke, muskulöse Arme haben, führte s. Z. Bastian in einer etwas gewagten Hypothese auf Vererbung dieserdurch das beständige Sitzen und Rudern erworbenen anatomischen Eigenschaften zurück. Aber die Rentierlappen, die nie fischten und ruderten, sind ganz gleich gebaut. Wie oben erwähnt, ist der Gegensatz zwischen Norwegern und Lappen, auch denjenigen, die nun seit einem Jahrhundert dort seßhaft sind, ein ganz außerordentlicher, und man sieht auf den ersten Blick, daß man zwei ganz verschiedene Rassen vor sich hat, die sich nicht vermischen. Inmitten der hohen norwegischen Kultur machen diese Naturmenschen den Eindruck eines Überbleibsels aus vorhistorischer Zeit. Gelernt haben sie aber von ihrer Umgebung wenigstens das Handeln und Überfordern. Wir wurden förmlich belagert von Männern, Frauen und Kindern, die uns selbstverfertigte Dinge anboten, und da ihr Seelenduft sehr an die Gammen in Tromsdal erinnerte, setzten wir Wert darauf, sie uns stets auf einige Meter Distanz vom Leibe zu halten. Ihre Kleidung, auch wenn sie zerfetzt und abgetragen ist, hat etwas Malerisches. Aus dem Kopfe tragen die Frauen eine grell gefärbte blaue oder rote, unter dem Kinn gebundene Kappe und um den Oberkörper ein rot karriertes Umschlagstuch. Das Hauptbekleidungsstück für Mann und Frau bildet ein Rock aus Rentierfell, der durch einen mit Silberschnallen gezierten Gürtel befestigt wird; die Beine sind mit bunten Lappen eingewickelt und die Füße tragen mit roter Schleife am Gelenke befestigt, Rentierleder- oder Pelzschuhe.
Mit welchem Behagen kehrten wir in die sauberen und komfortablen Räume unseres Schiffes zurück und atmeten die herrliche reine Seeluft! — Da kamen sieeben auch von der andern Seite angeschwommen, die über 300 Besucher des Lappenlagers, schweißtriefend, pustend, von Mücken zerstochen und mit Raritäten beladen, und bei Tische erzählte man sich unter Lachen und vielleicht ein bißchen Aufschneiden die gegenseitigen Erlebnisse.
Einen schönen Abschluß des Tages bildete der Besuch einer jungen Künstlerin aus Tromsoe an Bord, welche mit ganz wunderbarer Stimme und mit spezifisch nordischer (aber nicht arktischer) Auffassung einige Schumann’sche Lieder sang und eine kleine andächtige Gemeinde durch ihr musikalisches Können entzückte. Die Stimme besaß jene seltene Klangfarbe, die in jedem gesungenen Ton und sogar im gesprochenen Worte so eigentümlich ergreifend zum Herzen spricht, daß man unausgesetzt mit innerer Rührung zu kämpfen hat. Als Gegenmittel stieg dann zumxten (aber noch nicht letzten) Male der „holde Abendstern“ mit sehr viel subjektivem und objektivem Gefühle aus dem Munde eines mitreisenden jungen Barden zum Himmel.
Von Abends 9 Uhr an konzertierte unsere Schiffskapelle, wie zweibeinige, mit Blaustift improvisierte Plakate nachmittags durch die Straßen eilend verkündigt hatten, gegen ein Entree von 1 Krone im „Grand Hotel“ in Tromsoe. Das ließ uns kalt; wohl aber zog es mich nach 11 Uhr nachts nochmals mit Macht nach dem nordischen Städtchen, aus welchem fröhliches Leben über den Sund zu uns herübertönte. Vorbei an dem dicht vollgepfropften Konzerthotel, durch dessen geöffnete Fenster wir die bekannten Gesichter unserer braven Schiffsmusikantenblasend, geigend und schweißtriefend wie ein lebendiges Genrebild erblickten, wanderten Professor B. und ich in die Lichtfülle der polaren Mitternacht. Auf den Straßen tummelten sich kleine Kinder mit Ball und Reif noch scharenweise. Wann schlafen denn diese Tromsöer überhaupt?
Bald hatten wir das Weichbild der Stadt hinter uns und folgten dem Ufer des Fjord, einer Starkstromleitung entlang. In herrlichen Farben lag die Meereslandschaft vor uns; kein Lärm störte mehr den erhabenen Genuß; nur aus dem offenen Fenster einer in der Höhe gelegenen Villa trug uns ein leichter Wind die Klavierklänge des Ständchens aus Don Juan zu. Schwarze Wikingerböte, welche die Phantasie und unser Gespräch um tausend Jahre zurückversetzten, lagen in kleinen malerischen Buchten vor Anker oder wiegten sich träumerisch zwischen dem Pfahlwerk einer Fischerhütte. Gerade vor Mitternacht trat die Sonne, die eine Stunde hinter dem Berge sich verborgen hatte, zum Vorschein und legte flüssiges Gold auf Wasser und Land.
Damit schlossen unsere Tromsöer-Erlebnisse. Vorbei an den originellen Kaufläden, wo Auguste-Viktoria-Leute auch nach Mitternacht noch um Bärenfelle feilschten, stiegen wir — nochmals durch Lappen und norwegische Fischerleute — zur Landungsbrücke und ließen uns, durch die Schönheit der Welt stumm geworden, zu unserm Schiffe zurückfahren. Von 2½ Uhr an erst wurde das Schlummergeschäft besorgt, bis 5 Stunden später die Schiffskapelle uns mit „Ein feste Burg ist unser Gott“ zu herrlichem Sonntagsmorgen weckte.
Dekor
Nach Süden. — Lofoten. — Digermulen. —Pro patria.— Besteigung des Digermulenkollen. — Boot in Gefahr. — Kranker in einsamer Fischerhütte. — Der schwermütige Schimmel. — Abfahrt von Digermulen. — Einladungstelegramm von Kaiser Wilhelm.
Im Tromsoesund herrscht eine starke Strömung, die je nach Ebbe und Flut nord- oder südwärts flutet. Begünstigt durch die letztere eilte unser Kiel nach Süden und erreichte nach einer Stunde den Malangerfjord. Links ragt der gewaltige Bensjordtind mit seinen Schneefeldern zum Himmel, rechter Hand liegt das große Eiland Kralö, auf welchem eine besonders wilde, schneebedeckte Felswand in die Augen fällt, der Lille Bramand. Nach Mittag erreichten wir das offene Meer und genossen nun die herrliche Fahrt längs der Vesteraalen und Lofoten. Letztere sind eine Inselkette, welche sich in weitem Bogen fast parallel dem Festlande 150 Kilometer weit nach Süden erstreckt. Die Inseln werden südwärts immer kleiner und endigen schließlich mit einigen unbewohnbaren Klippen. Die ganze lange Kette ist ein Gewirr von Höhen, Tiefen und Sunden; die Berge haben alpine Formen und steigen meist direkt aus der blauen Meeresflut auf, oder aber sie erheben sich auf freundlichemGelände. So weit die kraterähnlichen Spitzen nicht mit Schnee bedeckt sind, erscheinen sie mit grünem Moos bekleidet, das weithin leuchtet und zu dem blendend weißen Schnee einen herrlichen Kontrast bildet. Aber auch kahle, graue Felspartien liegen dazwischen. Ueberall öffnen sich Häfen; neben den mehreren tausend Fuß hohen, sie begrenzenden Felswänden erscheinen die dort ankernden Dampfer wie Nußschalen.
Die Lofoten sind das Dorado und die Sammelstation der Fischer vom Norden und Westen Norwegens. Mitte Januar bis Mitte April sind ihrer über 30,000 dort beisammen mit zirka 8000 Booten, um den Dorsch zu fangen. Die Ausbeute beträgt bis 40 Millionen Stück, 5-6000 per Boot. Der Dorsch, der für gewöhnlich die Tiefen des atlantischen Ozeans bewohnt, bildet zur Laichzeit ungeheure, bewegungslose Schichten am Ufer, wo er so zu sagen einfach ausgeschöpft werden kann, und auf den großen Bänken, welche in einer Tiefe von 50-200 Meter bei den Lofoten liegen. Dort geschieht der Fang mit Netzen und langen Leinen, an welchen Angelschnüre befestigt sind. Am Lande werden die gefangenen Fische gespalten, auf den Felsen ausgebreitet oder auf Holzgestellen aufgehängt und an der Luft getrocknet, um dann später als Fracht, die genau wie Holzscheiter aussieht, nach Bergen zu wandern. Obschon es schwer hält, die große Menschenmenge, das Heer der Fischer, am Land unterzubringen und oftmals ein unheimliches Gedränge herrscht, soll doch Alles in Ruhe und Frieden vor sich gehen, und zwar deshalb, weil das früher beliebte Branntweintrinken durch strenge Gesetze unmöglich gemacht ist.
Wenn ein plötzlicher Weststurm eintritt und die Rückkehr der Fischerboote nach den Lofoten ein Ding der Unmöglichkeit wird, dann sind die Insaßen gezwungen, über den breiten Vestfjord nach dem Festlande zu fahren und dort sich zu bergen. Dabei ereignen sich alljährlich schwere Unglücksfälle. Viele Boote kentern, und da gilt es dann, die am Kiel angebrachten Griffe (Stropper) zu erwischen und sich daran festzuhalten. Oder aber, wo die Griffe fehlen, klammert sich der Schiffbrüchige an sein großes ins Kielholz geschlagenes Messer. Bei den später ans Land getriebenen gekenterten Booten melden die im Kiel steckenden Messer dann in trauriger Weise die ungefähre Zahl der Verunglückten.
Während der Fahrt längs der malerischen Lofoteninseln saß ich längere Zeit an einsamer aussichtsreicher Stelle des Hauptdeckes mit dem einen unserer norwegischen Lotsen beisammen, der dort behaglich seine Pfeife rauchte und unterhielt mich mit ihm über die Nordpolfahrt Nansens. Mit größter Begeisterung sprach er in erster Linie von Sverdrup, dem Führer der Fram, während Nansen erst in zweiter Linie kam. „Und was glauben Sie über das Schicksal Andrees?“ fragte ich den alten Seemann. „„O, der ist längst alle!““ meinte er mit entsprechender Geste und reduzierte dadurch und durch die einläßliche Begründung seiner Ansicht meine stets noch genährte Hoffnung auf die Wiederkehr des kühnen Ballonhelden um viele Grade. Um Mitternacht nahm unsere liebe Sonne ein Fußbad im Meere, d. h. sie tauchte den tiefsten Teil ihrer goldenen Scheibe unter den Horizont und begann — als ob sie sich plötzlicheines besseren besonnen — wieder zu steigen; der neue Tag war angebrochen, und zum letzten Male hatte uns die Mitternachtsstunde das Sonnengestirn gezeigt.
Unser Schiff begann nach Osten zu drehen und erreichte, einem Ausläufer des Polarstromes, dem die Fischerboote oft gefährdenden berüchtigten Malström folgend, den mächtigen Vestfjord, wo es, nun auf der Ostseite der Lofoten, seinen Kurs nordwärts nahm.
Es war ein wunderschöner Morgen, als wirDigermulen, die kleine, auf der Insel Hindö gelegene Dampferstation, vor uns liegen sahen. Felsige Eilande mit sprießendem Grün scheinen die Einfahrt zu wehren; rechts und links steigen senkrechte Felswände mit schneegefüllten Schluchten in die Höhe. Ein originelles Gepräge erhält aber die Landschaft hauptsächlich durch den Digermulkollen, einen zirka 1300 Fuß hohen breit abgerundeten Kegel, an dessen Fuß die paar Häuser der kleinen Station reizend ins Grüne gelagert sind. Nachdem wir unter den Klängen des Preußenmarsches — ich höre ihn stets mit unbehaglicher Empfindung, weil mir die Melodie des „Heil dir im Siegeskranz“ (also auch unsere Nationalmelodie) in unerlaubter Weise darin verwurstet scheint — unser Schiff verankert, wiederholten sich die längst bekannten Szenen des blitzschnellen Klarmachens unserer Barkassen (sie schwammen, bevor der Anker festsaß) und des Gedränges nach diesen Beförderungsmitteln. Das entwickelte sich aber stets in bester Ordnung; oben auf der Schiffstreppe stund ein Schiffsoffizier, und wenn die erlaubte Zahl eingestiegen war, so hieß es Halt, gleichviel ob der Gatte von der Gattingetrennt blieb oder nicht. In einer Minute fuhr ja wieder eine Barkasse.
Die Erinnerung an Digermulen gehört zu den schönsten unserer Reise. Das ganze freundliche Nest besteht aus einigen Häusern der Familie Normann, welche hier einen Kramladen mit allen für die Nordlandbewohner nötigen Waren hält und Fisch- und Thranhandel treibt, sowie aus fünf oder sechs Fischerhütten. Während der große Passagierstrom sich bergaufwärts wälzte, durchstreiften wir die reizende Küstenlandschaft. Auf einer grünen Erhebung, kaum 200 Schritte von der Landungsstelle entfernt, ist ein kleiner Friedhof, in welchem, von Blumen, aber auch von Unkraut bedeckt, die hier verstorbenen Fischer neben einer Familiengruft der Normanns ruhen.
Unser Weg führte uns durch Wiesen und Gebüsch; bald kletterten wir auf felsige Abstürze, welche im Laufe der Jahrhunderte zu wilden Gärten umgewandelt worden, und wo eine reiche Flora uns entzückte; bald hemmte unsere Schritte eine tief ins Land geschnittene kleine Bucht, am Strande übersäet mit Muscheln und Meertieren, lebendigen und toten.
Lerchen stiegen eine nach der andern und schmetterten ihr Morgenlied in die Luft und uns wurde ganz frühlingsmäßig zu Mute.
Etwas landeinwärts arbeiteten einige Männer an einer neuen Straße — der ersten, die nach Digermulen führen wird — und ihre Sprengschüsse fanden in den Bergen ein gewaltig rollendes vielfaches Echo. Mit einer freundlichen alten Frau, welche, ihren Enkel ander Hand, den Männern das „Z’nüni“ zutrug, hatten wir eine längere Unterhaltung, deren Inhalt aber beiden Parteien größtenteils unklar geblieben ist; aber auch hier konnten wir uns freuen über den wohlerzogenen, folgsamen kleinen Norweger, der zuerst ein bißchen scheu sich zur Hälfte hinter den Rockschößen der Großmutter verbarg und dann folgsam uns ein freundliches Lachen und die Hand gab.
DigermulenDigermulen.
Digermulen.
Digermulen.
Vom Laufen, Klettern, Blumensammeln, Norwegisch Parlieren und entzücktem Ah-rufen ermüdet, suchten wir eine Ruhestätte. Uns winkte eine nahe Bucht, die in wahrhaft Böcklinschen Farben glänzte; hellgraues, vielfachzerklüftetes und ausgewaschenes Felsgestein, ein zu Stein erstarrtes Spiel der Wellen vortäuschend, begrenzte seitlich den kleinen Sund, dessen wenig tiefes Wasser alle Schattierungen von Blau und Grün zeigte. Wo das Meer die Felsen bespülte, haftete an ihnen, teils direkt, teils durch Vermittlung von festgekalkten Muscheltieren, glänzender Meertang, dessen beblätterte, auf dem Wasser schwimmende Teile die ruhelose Wellenbewegung, hin- und herwiegend, mitmachten. Dazwischen lebte und webte allerlei wunderbares Meergetier, viele Kreaturen, die mir in der Zoologie noch nicht vorgestellt waren. Landwärts lag herrlich glatter, trockener weißer Sand, auf dem wir uns ausstreckten. Ueber den tiefblauen Fjord hinaus, in welchen unser kleiner Sund sich öffnete, fiel der Blick auf die gegenüberliegenden grünbewachsenen Felsengebirge herrlichster Formation, in welchen wir alte Bekannte, namentlich den Pilatus und Titlis, erkannten; noch weiter zurück, aber auch sie dem Auge scheinbar ganz nahe, begrenzten mächtige Gletscher und Firnfelder den Horizont. Eben kam ein schwarzes Wikingerboot mit geblähten Segeln in unser Gesichtsfeld und über ihm kreiste eine Schaar schneeweißer Möven in ruhigem Fluge.
Wo uns immer die Fremde am schönsten erschien, da gedachten wir am heißesten der geliebten Heimat, und so geschah denn auch hier eine leisem Heimweh entspringende impulsive That, über welche allerdings einige vom Berge herab uns musternde Feldstecher nicht klug werden konnten. Im Schweiße unseres Angesichtes trampelten wir ein mächtiges eidgenössisches Kreuz in denweichen sandigen Strand und schmückten es mit frischem Grün. Dann galt es in kühnem Satze, ohne die Umrisse des vaterländischen Zeichens zu verletzen, seinen Mittelpunkt zu erreichen; der Akrobatensprung gelang zwar nicht allen Dreien gleich gut, wurde aber ohne Widerrede als selbstverständliche Notwendigkeit ausgeführt und so stunden wir denn nun, wie einst die drei Eidgenossen, auf dem Rütli, aber mit dem Anachronismus unserer Spitzbergenfahne, und brachten ein lautes, ein sehr lautes Hoch aus auf unser liebes Vaterland, den Inbegriff alles dessen, was uns zu Hause lieb und teuer war, und weil nun doch einmal der Sitte gemäß ein Trunk dazu gehört und der Genuß von Meerwasser für ein patriotisches Fest nicht zu empfehlen ist, wurde die kleine Cognacration, welche ich in der Tasche führte, ohne weitere Rücksicht um drei mal zwei bis fünf Gramm gemindert. Was thut man nicht alles dem Vaterlande zu Liebe! Nun folgte aber ein ergötzliches Nachspiel. Kaum war unser Hoch ertönt, das offenbar für nordische Ohren wie ein Wehgeschrei geklungen hatte, so kamen die benachbarten Straßenarbeiter menschenfreundlich herzugerannt, um die Hülferufenden aus drohender Gefahr zu erretten, und sie schauten sehr verdutzt drein, als sie statt Ertrinkenden eine gar nicht oder wenigstens nur durch ein Minimum von Cognac sehr unbedeutend beschädigte, lachende Gesellschaft vorfanden.
Mein Blick fiel immer und immer wieder auf den mächtigen, wie ein Sturmhut dem grünen Berge aufgesetzten Basaltkegel des Digermulkollen, an welchem eine große Zahl der Auguste-Viktoria-Passagiere wie Ameisenherumkrabbelten. Von oben herab winkte eine norwegische und eine deutsche Flagge, und mit dem Feldstecher erkannte man Scharen von Menschen, welche am Rande des Hochplateaus stehend oder lagernd sich die Welt aus der Vogelperspektive ansahen und photographierten. Der Berggeist lockte und ich folgte ihm, während meine Begleiterinnen in der blumigen Ebene zu bleiben vorzogen.
Querfeldein ging’s über eine morastige Wiese, ohne Weg und Steg, wobei ich manchen Schuh voll herauszog, aber auch eine Pflanze in größter Menge antraf, den (norwegischen) Sonnentau (Drosera), der mit seinen drüsig behaarten, reizbaren Blättern Insekten zu fangen und zu verdauen im Stande ist. Wenn ein kleines Tier eines dieser Blätter berührt, so bleibt es an dem klebrigen Safte der Drüsen hängen. Das Blatt faltet sich rasch zusammen und öffnet sich erst wieder, wenn der Gefangene tot und verdaut ist.
In gerader Luftlinie über Stock und Stein, namentlich über felsiges Geröll kletternd, wobei wilde Weichselkirschbäume mir Halt und Stütze boten, erreichte ich keuchend und schweißdurchnäßt den in sanfter Steigung nach oben führenden Fußpfad und hatte schließlich den Weg bis auf die Spitze in wenig mehr als einer Stunde zurückgelegt. Die letzten 20 Minuten steigt man über runde Felsen, in deren Spalten und verwitterten Plätzen herrliche Ericaceen und zahlreiche alpine Pflanzen blühen. Hier fand ich auch massenhaft die reizende Blüte der norwegischen Cornelskirsche und dann vor allem eine Pflanze, welche für ganz Skandinavien, Finnland und Sibirien als Nahrungsmittel von großer Bedeutung ist —die Multebeere (Rubus chamaemorus), eine Himbeersorte, krautartig, mit einzelstehenden weißen Blüten und prachtvollen, großen roten Früchten, die gekocht und eingemacht sehr gerne gegessen werden, namentlich auch als Präservativ gegen Scorbut. Auf den Menus der Nansenschen Fram spielte die Multebeere eine sehr große Rolle und eine Bowle aus dieser Frucht und etwas Brennspiritus gehörten zu den festlichsten Genüssen der Framleute.
DigermulkollenDigermulkollen.
Digermulkollen.
Digermulkollen.
Die Aussicht vom Digermulkollen soll die erhabenste und malerischste des ganzen Nordlandes sein und ist hauptsächlich auch durch den Besuch Kaiser WilhelmsII.anno 1889 weithin bekannt geworden. Zu Füßen liegtder Sund; die „Auguste Viktoria“ — obschon man sie mit der Hand erreichen zu können glaubte — hatte die Größe eines bescheidenen Walfischbootes. Imposant ist der Blick über den ganzen Vestfjord bis ins offene Meer; östlich thronen die Gebirgsstöcke des Festlandes, westlich steigen die schluchtenzerrissenen Massive des herrlichen Rastsundes auf, die reichlich mit Eis und Schnee bedeckten mehrgipfeligen Troldtinder. Das ganze Panorama ist überwältigend schön.
In einer mehrfach im Felsen verankerten Holzhütte, welche schon manchen Sturm ausgehalten hat, aber sicher doch eines Tages weggeblasen sein wird, war Bier, Limonade und Sect zu haben. Als ich ankam, lebten aber nur noch zwei kleine Flaschen Mineralwasser, welche ich gern einer erschöpften Dame überließ.
Um rasch unten und wieder „bei Muttern“ zu sein, wählte ich die Luftlinie am Westabhang des Berges. Das war ein böses Stück Arbeit. Eine halbe Stunde kletterte ich über die aufgetürmten Felsen eines mächtigen Absturzes thalwärts, einige Male an den Händen hängend, ohne mit den Fußspitzen eine tiefere Etage zu erreichen oder auch unter zusammengelehnten Steinblöcken durchkriechend. Mit lottrigen Knien legte ich dann die letzte Etappe bis zur Landungsbrücke zurück, einen wenig steilen, aber holperigen Wiesenweg, und an Bord der „Auguste Viktoria“ war durch ein Bad und neue Gewandung der frühere Mensch bald wieder hergestellt. Immerhin vermied ich während der nächsten drei Tage unnötiges Treppensteigen aufs ängstlichste, und meine Gangart erweckte einiges Mitleid.
Die Hälfte unserer Mitreisenden hatte vormittags auf den Dampfbarkassen und angehängten Schleppbooten eine Fahrt in den prächtigen Raftsund unternommen; die andere Hälfte sollte nachmittags an die Reihe kommen. Eben kehrte die erste Expedition zurück; aber nahe am Ziele ereignete sich eine aufregende Szene. Dicht bei einem bis auf den letzten Platz gefüllten Schleppschiffe tauchte plötzlich ein mächtiger Wal auf, länger als das Boot selbst. Die Insassen hatten keine Zeit, sich über die Situation zu besinnen; aber an Bord der „Auguste Viktoria“ wurde sie von den Schiffsoffizieren mit Herzklopfen beobachtet, und es hieß nachher, daß das gewaltige Tier, einige Meter näher, das Schiff zum Kentern gebracht und ein schreckliches Unglück veranlaßt haben müßte. Noch drei-, viermal sahen wir es auftauchen, spritzen und wieder verschwinden. Unter den von dem Abenteuer Betroffenen herrschte nachher, als ihnen die Augen geöffnet wurden, ungefähr die Stimmung von Gustav Schwabs Reiter über den Bodensee.
Während ich die Meinigen an Bord in allen Winkeln unseres Schiffes suchte, spähten sie immer noch am Lande nach dem Bergbesteiger aus. Schließlich aber einigte uns das, was die ganze Welt zusammenhält — der Hunger. Beim Mittagstische fanden wir uns und erzählten gegenseitig unsere Erlebnisse. Während ich bergkraxelte, waren meine Beiden kreuz und quer umhergestreift und schließlich hatte sie ihr Forschungstrieb in eine am Strand gelegene Fischerhütte geführt, in welcher ein todkranker, ärztlicher Hülfe barer Mann, verpflegt von seiner bekümmerten Frau, zu Bette lag. Der nächste Arzt wohnte zehn Stundenweit entfernt in Svolvaer auf den Lofoten. Ein menschenfreundlicher norwegischer Maler, der in Digermulen sich aufhält, um Studien zu machen, funktionierte als Dolmetscher, und so wurde denn der Fischerfamilie versprochen, den Doktor aus der Schweiz, der jetzt grad oben auf dem Berge sei, herzuschaffen, damit er dem armen Kranken rate. Damit war unser Nachmittagsprogramm festgestellt; wir verzichteten auf den Ausflug nach dem Raftsund und ließen uns nach Tisch wieder an die Küste von Digermulen zurückfahren. Dort stand auch schon der liebenswürdige Maler, Thorolf Holmboe aus Christiania, ein in Norwegen wohlbekannter Künstler, mit seinem flachshaarigen, bildschönen Jungen Erich bereit, uns zu begleiten. Als wir in die Hütte traten, war ich erstaunt über die Reinlichkeit und häusliche Behaglichkeit, mit welcher die bescheidenen Räume ausgestattet erschienen. In einer freundlich mit Epheu, Fuchsien und Rosen geschmückten, ganz einfach, aber sauber möblierten Stube stand das Bett des Kranken. Neben ihm an der Wand hingen zwei Bilder, das Porträt von König Oskar in Galauniform und das Pendant — Wilhelm Tell, wie er das Schiff Geßlers in die wilden Wellen des Vierwaldstättersees zurückstößt.
Am Kopfende des Bettes war ein sorgfältig eingerahmter Bibelspruch in norwegischer Sprache: „Rufe mich an in der Not und ich will dich erretten und du sollst mich preisen!“ Der, dem das Wort galt, lag fahlgelb, abgemagert und hustend auf seinem Schmerzenslager, ein zirka 60 Jahre alter Mann, zeitlebens gesund, aber seit vier Monaten siechend. Leider handelte es sich, wie michnäheres Zusehen lehrte, um eine unheilbare bösartige Lebergeschwulst, welche in dem benachbarten Brustfellraum bereits eine frische Entzündung zu setzen begonnen hatte. Als ich mit der Untersuchung zu Ende war, brachte die schlichte Fischersfrau ohne weiteres ein sauberes Zinngeschirr mit Wasser, Handtuch und Seife und ich dachte im Stillen, daß hie und da sozial viel höher gestellte Leute hier etwas lernen könnten. Dem gepeinigten Kranken, der bei vollständiger Appetitlosigkeit entsetzlichen Durst litt und nichts hatte, um ihn zu stillen, mußte vor allem für saftige Früchte und ein Mittel gegen seinen qualvollen Husten gesorgt werden. Zu kaufen war das alles nirgends, wohl aber zu erbitten. Ich eilte zurück aufs Schiff und fand da Gelegenheit, den gutherzigen Sinn unseres Kapitäns kennen zu lernen. Obschon er, umgeben von einer vornehmen Herren- und Damengesellschaft, in seiner Kajüte behaglich beim schwarzen Kaffee saß, ließ er sich doch, ohne ungehalten zu sein, von mir stören und erfüllte meinen Wunsch nach ein paar Orangen für den armen Lazarus und den nötigen Medikamenten aus der Schiffsapotheke in weitestgehender Weise. Ein Druck auf den elektrischen Knopf und der uns von früher her bekannte „Harpagon“ kam angesaust. Der Kapitän übermittelte ihm ein kleines, hastig geschriebenes Billet, und eine Viertelstunde später flog ich mit einem mächtigen Korbe voll Ananas, Apfelsinen, frischen Kirschen und anderen Herrlichkeiten freudestrahlend der Schiffstreppe zu. Auch die Schiffsapotheke hatte ich unterdessen, da der Arzt nicht zu finden war, auf eigene Rechnung und Gefahr durchstöbert und schließlich glücklich etwas gefunden und ineiner Quantität mitgenommen, daß es dem Kranken wohl für zwei Monate als Hustenlinderungsmittel dienen konnte. Was machte der für ein zufriedenes Gesicht, als ich ihm ein Stück saftige Ananas auf die Zunge legte! Es war ihm, „als sei er schon halb gesund“, ließ er durch den Dolmetscher sagen, und seine Frau mußte durchaus auch ein bißchen probieren. Und erst die Orangen und Kirschen! Die guten Leute wußten des Dankes kein Ende, und schließlich nahm die Frau den Stolz des Hauses, ein eingerahmtes Bild von Digermulen, ab der Wand und bat so dringlich, es als Geschenk anzunehmen, daß ich mich dieser unbequemen Freundlichkeit nicht entziehen konnte. Das Bild ist denn auch, so lästig es zu verpacken war, getreulich mit nach Frauenfeld genommen worden. Als wir die Fischerhütte verließen, war uns zu Mute, als seien wir in einer Kirche gewesen, und nach herzlichem Abschied von dem uns begleitenden Maler und seiner Familie streiften wir seelenvergnügt noch ein Stündchen über Klippen und Strandwiesen.
Ein kleines Plaisir bereitete uns ein Schimmel, der auch jetzt noch, wie heute früh, in derselben unbeweglichen Haltung, den Kopf halb zu Boden gesenkt, in einer sumpfigen Mulde stund und zwei beleibte Herren von der „Auguste Viktoria“, welche sich krümmten vor unbändigem Lachen über das eigentümliche Gebahren des Tieres. „Es hat die Schwermut oder ist gar bloß ausgestopft“, lautete die Diagnose. Das letztere stimmte nicht, sondern der Gaul trug am Hinterfuß eine in den Boden gerammte Fessel und schlief, gesenkten Hauptes und stehenden Fußes. Als ich ihm den Hals klopfte undeinige Schiffszucker offerierte, geruhte er sie, leise schwanzend, zu kauen, versank aber sofort wieder in kopfhängerisches Brüten. Der „schwermütige Schimmel“ gehört für uns zum Landschaftsbilde von Digermulen; deshalb habe ich ihn hier festgenagelt. — Abends 7 Uhr war alles wieder an Bord.
„Ja, vi elsker dette landet“ (ja, wir lieben dieses Land) ertönte es aus dem ehernen Munde unserer Schiffskapelle, und die Klänge dieser norwegischen Nationalhymne waren uns schon so vertraut, daß wir sie laut und sogar bewegten Herzens mitsangen.
Unterdessen drehte unser Koloß und begann südwärts zu fahren. Mit Winken und Rufen verabschiedete man sich von dem heimeligen und schönen Fleck Erde. Da tauchte ein kleiner, über und über mit Menschen besetzter Passagierdampfer auf, der von den Lofoten hergefahren kam, um der „Auguste Viktoria“ zu begegnen. Das war ein Grüßen und Tücherwehen und fast berührte das Steuerbord des nordischen Schiffes den Meeresspiegel, als alles nach jener Seite hinüberdrängte, um uns zu sehen. Sogar eine Musik hatten sie auf Deck, und so wurde denn hinüber und herüber konzertiert. Etwa zehn Minuten lang blieb der tapfere Knirps unter Volldampf auf gleicher Höhe mit unserm dahineilenden stolzen Schiffe; dann aber mußte er, über und über mit Wogen bespritzt, zurückbleiben, und bald hatten wir ihn aus dem Auge verloren.
Nicht geringes Aufsehen erregte an diesem Abend folgender Anschlag des Kapitäns am „schwarzen Brette“:
„Kaisertelegramm: Hohenzollern befindet sich am 19.nachmittags in Aalesund. Seine Majestät würden sich freuen, wenn ausgehend dort kurzer Aufenthalt genommen wird. Passagieren ist Besichtigung des Schiffes gestattet.Kommando Hohenzollern.Demgemäß wird die „Auguste Viktoria“ am 19. Juli zwischen 4 und 7 Uhr abends in Aalesund stehen.Kämpff, Kommandant der A. V.“
„Kaisertelegramm: Hohenzollern befindet sich am 19.nachmittags in Aalesund. Seine Majestät würden sich freuen, wenn ausgehend dort kurzer Aufenthalt genommen wird. Passagieren ist Besichtigung des Schiffes gestattet.
Kommando Hohenzollern.
Demgemäß wird die „Auguste Viktoria“ am 19. Juli zwischen 4 und 7 Uhr abends in Aalesund stehen.
Kämpff, Kommandant der A. V.“
Diese Nachricht gab nun den Gesprächen und Gedanken der Menschheit auf der „Auguste Viktoria“ — vom Schiffsjungen bis zum Fürsten — längere Zeit eine ganz bestimmte Richtung, und wo immer ihrer einige beisammen stunden, wurde der Besuch bei Kaiser Wilhelm verhandelt und die wichtige Toilettenfrage einläßlich besprochen, so daß die Pracht der nördlichen Lofoten, welche wir bei Beginn unserer Rückfahrt passierten, für viele vollständig verloren gegangen sein mag.
Dekor
Maschinen- und Vorratsräume der „Auguste Viktoria“. — Die Welt — ein Dorf. — Maraak. — Vorbereitung für den Kaiserbesuch. — Ankunft in Aalesund bei „S. M. Y. Hohenzollern“. — Der Kaiser an Bord. — Besuch der „Hohenzollern“.
Das ist eine merkwürdige Welt, diese langgestreckte, wildzackige Lofotenkette; bei Abend- und Mitternachtsbeleuchtung bot sie uns die herrlichsten Landschaftsbilder. In Flammen strahlend zeichneten sich die Umrisse der Berge außerordentlich scharf am Horizont ab, und Meer wie Land erschienen in märchenhafter Farbenpracht.
Lange Zeit stritten wir uns und waren im Unklaren, ob eine nach Mitternacht fern im Osten sichtbare ungeheure weiße Fläche, die nur von einzelnen schwarzen Gipfeln überragt auf den Gebirgszügen lagerte, ein Nebelmeer sei oder aber ein Schneefeld. Nach und nach aber konnte kein Zweifel mehr herrschen; wir sahen den grandiosen Firn desSvartisen; er bedeckt gegen 60 Kilometer lang und 16 Kilometer breit eine durchschnittlich 1200 Meter hohe Fläche, aus der vereinzelte Höhen aufragen, während nach allen Seiten mächtige Gletscher zu den Fjorden absteigen. Stundenlang beherrschte die gespensterhaft weiße, erhabene Riesenfläche das Landschaftsbild;sie wird in ihrem südlichen Teil vom Polarkreis geschnitten. (Mein Nachbar auf Deck stellte sich auf die Fußspitzen, um das besser zu sehen.)
Den folgenden Tag, 18. Juli, brachten wir auf offenem Meere zu und hatten Zeit und Gelegenheit, allerlei Interessantes von den Eingeweiden unseres Schiffes zu betrachten. Unter der Führung eines Maschinisten war es gestattet, in die Maschinenräumlichkeiten hinabzusteigen. Wie das alles glänzte und glitzerte und ruhelos arbeitete in diesen taghell elektrisch beleuchteten eisernen Kammern! Und weiter unten, wo der Heizer, halbnackt und schweißtriefend Kohlenberge ins Feuer warf, glaubte man in eine Hölle zu schauen.
In ganz kleiner Gesellschaft, nur fünf Köpfe stark, besuchten wir auch die Vorratsspeicher, welche rückwärts am Schiff, in der Nähe der Schrauben, tief unter dem Hauptdeck unterhalb der Wasserlinie gelegen sind. Eine Tag und Nacht funktionierende Dampfmaschine — wie oft hatte ich sie und ihre Kollegin, die elektrische Lichterzeugerin, zum Kuckuck gewünscht, wenn ich Nachts zu schlafen versuchte! — besorgt die Abkühlung der Provianträume unter den Nullpunkt und alles, was an Fleisch da hing und lag, Dutzende von halben Rindern, Kälbern, Schafen und Schweinen, Tausende von gerupften und ausgeweideten Kapaunen und Truthähnen, zirka 50,000 Pfund, war steinhart gefroren. Das für einen Tag notwendige Quantum wurde je 24 Stunden vor der Verarbeitung in der Küche aus der Gefrierkammer in einen Vorraum gelegt, um dort langsam aufzutauen. Andere Abteilungen dieses unterseeischen Schiffsquartiers enthieltenerstaunliche Mengen von Konserven und Früchten aller Art, worunter namentlich riesige Ananas und Hunderte von aufgehängten, schwer mit Früchten beladenen Bananenstauden auffielen; Vorräte von Butter, Käse, Eier, Milch, letztere teils als kondensierte, hauptsächlich aber als einfach sterilisierte Mecklenburger Milch in Büchsen von 6 Litern zugeschmolzen. Ich erfuhr erst hier, daß unsere schweizerische Milchexportindustrie im Lande Fritz Reuters eine so leistungsfähige Rivalin hat. Von dem Blick in die Bierlager und in die Flaschenkeller, wo die vielen Tausende von Wein- und Champagnerflaschen wohlgeordnet, jede in besonderm kleinem Holzlager, ruhen, will ich lieber gar nicht weiter erzählen.
In jeder Ecke dieses aus Speis und Trank zusammengesetzten Labyrinths zündet bei Bedarf ein elektrisches Glühlicht und über jedes nach oben abgelieferte Gramm wird exakt Buch geführt. Was nun von den für einen Tag bestimmten und an Koch, Bäcker und Konditor übermittelten Konsumartikeln innerhalb dieses Tages nicht verzehrt wurde, wandert ins Meer. Alltäglich, nachdem Passagiere und Schiffsangestellte sich satt gegessen, bleiben große Quantitäten von „Gesottenem und Gebratenem“ übrig, und es besteht strenge Vorschrift, daß nichts davon weitere Verwendung für die Schiffstafel finden darf. Jeden Morgen wurden unglaubliche Quantitäten von Fleisch und Brot, oft Hunderte der appetitlichsten Kleinbrotartikel in die salzige Flut geschmissen, und der Zahlmeister behauptete, daß mit diesem Fischfutter dreißig Familien reichlich ernährt werden könnten. Wo immer wir vor Anker lagen, da kreistenbeständig einige armselige Boote um unser Schiff und suchten „die Brosamen vom Tische der Reichen“ aufzufischen.
Der Zweck der verschwenderischen Vorschrift ist zwar klar: die Gesellschaft will ihren Passagieren die Garantie für ausschließlich frische und prima Nahrung bieten; aber es erscheint uns eben doch als protziges Unrecht, daß man sich nicht die Mühe nimmt, diese wertvollen Ueberbleibsel zu sammeln, zu konservieren und nachher an Unbemittelte zu verschenken.
Mit jedem Tage kam sich die Reisegesellschaft etwas näher; Menschen, die ursprünglich sich als wildfremd angeglotzt, fanden plötzlich gemeinschaftliche Anknüpfungspunkte, und gegen das Ende der Fahrt gab’s überhaupt kaum mehr absolute Fremdlinge. „Die Welt ist ein Dorf“ hörte man zu wiederholten malen ausrufen, wenn zwei bis dahin Unbekannte sich plötzlich als gemeinschaftliche Freunde oder gar Vettern eines Dritten entpuppten. In einer feinen ältern Dame entdeckte ich durch Zufall die Witwe eines mir sehr lieben Herrn, mit dem ich s. Z. in Engelberg köstliche Stunden verlebt habe und der — nun seit langem tot — dort als Papa G. in bester Erinnerung geblieben ist. Was freute sich die, am Polarkreis von ihrem verstorbenen Gatten allerlei Heimeliges erzählen zu hören; es war für sie wie eine kleine Auferstehung, und als ich den freundlichen Graubart in einigen kleinen, ihr vielleicht entschwundenen äußerlichen Zügen schilderte, z. B. wie er seine Havannah nie abzuschneiden, sondern durch einen kräftigen Biß zugfähig zu machen gewohnt war, daübernahm sie die Rührung und wir mußten das Thema abbrechen.
Der weibliche Teil der Passagiere erfreute sich seitens der Hapag bei verschiedenen Anlässen besonderer Aufmerksamkeiten. Schon am ersten Tage auf hoher See hatte jede Dame eine elegante weiße Schiffsmütze, die in Golddruck den Namen „Auguste Viktoria“ trug, als Geschenk erhalten; nachher kamen bei Bevorzugten Hapag-Brochen und andere Schmucksachen an die Reihe. Der blasse Neid der Männerwelt konnte an der Sache nichts ändern. Aber als heute beim Diner neben jedem weiblichen Couvert eine reizende gefüllte Silber-Bonbonniere mit eingravierter Dedikation lag und wir armen Männer wieder leer ausgingen, da drohte — an unserm Tisch wenigstens — heller Aufruhr, und der Brust entrann der Schmerzensschrei: „Ach, wäre ich doch als Jungfrau geboren!“
Das hat vielleicht jener amerikanische Ehe- und Ehrenmann auch geseufzt, der am nämlichen Abend auf Deck undcoram publicosich geduldig von seiner rabiaten Gattin beohrfeigen lassen mußte.
Nächstes Ziel unserer Fahrt war Maraak (auch Marok oder Merok genannt); der Weg dorthin ist reich an landschaftlichen Schönheiten, die sich steigern, je weiter man in den zuführenden Fjorden vordringt. Durch den Slyngs- und Sunelvsfjord erreicht man den weltberühmten Geirangerfjord mit seinen schroffen Felsgebirgen und den zahlreichen und wunderbar geformten Wasserfällen. Namentlich schön und merkwürdig ist der Fall der „sieben Schwestern“; sie stürzen ganz oben als sieben, weiterunten nur noch als vier milchweiße Bäche über eine senkrechte Felswand herab, die sich auch im Wasser noch senkrecht weiter fortsetzt, so daß das Schiff ganz dicht an die Fälle heranfahren kann.
Die Felsen der andern Seite zeigen seltsame Profile; bald glaubt man eine Kanzel zu sehen, bald eine Ritterburg oder auch ein menschliches Antlitz, und ein langgezogenes zerklüftetes Massiv sieht genau so aus wie ein schartiges Rasiermesser unter dem Mikroskop. Immer enger treten die Berge zusammen; immer mächtiger und vielgestaltiger werden die zu Thal stürzenden Wassermassen. Ab und zu belebt ein malerischer Segler den sonst menschenleeren Sund.
Unser Naturgenuß wurde erhöht durch ein ganz besonders ausgezeichnetes Konzertprogramm, das die flotte und unermüdliche Schiffskapelle abwickelte. Die Tannhäuser-Ouvertüre spielte sie mit einer Bravour, die mich zu einem Bon für 50 Glas Münchner begeisterte. Das hatten die braven Musikanten wohl verdient.
Plötzlich wird der Fjord abgeschlossen durch einen Bergkessel von unbeschreiblicher Großartigkeit; aus einer Höhe von fast 2000 Meter glänzt ein schneebedeckter Gletscher; alle Reize der Fjordlandschaft vereinigen sich zu einem prächtigen Bilde; wir liegen vor Maraak.
Der kleine freundliche Ort besteht aus einfachen Häusern, die sich an den Fjord schmiegen; auf der Höhe steht eine weithin grüßende Holzkirche. Hinter Maraak steigt es steil empor zum Geiranger Bergkessel, durch welchen an einer Ueberfülle von Wasserfällen vorbei die großartigste Bergstraße Norwegens landeinwärts führt.Einige Hotels, von welchen das höchstgelegene zirka 300 Meter direkt über der Kirchturmspitze vom Meere aus zu sehen ist, signalisieren die Fremdenstation. Es sind wieder fast ausschließlich Engländer, welche sich diesen Platz zu längerm Aufenthalte wählen.