XIV.

MaraakMaraak.

Maraak.

Maraak.

Wir fuhren in aller Morgenfrühe ans Land, wo zahlreiche Karren für die Alten und Faulen bereitstunden. Da wir aber zu keinen von beiden gehören wollten, fußten wir stolz daran vorbei und rekognoszierten auf heimeligen Wiesenpfaden Land und Leute. Ein herrlicher Heuduft ersetzte in angenehmer Weise das Fisch- und Thranaroma, das uns vom Norden her noch in derNase lag. Unser erster Gang galt der freundlichen, auf einem Hügel gelegenen Holzkirche. Sie ist von einem kleinen Friedhofe umgeben, über dessen Steinmauern wir zuerst klettern mußten, um ins Innere zu gelangen. Von dieser Stätte des Todes fällt der Blick auf eine prächtige, lebenswarme, sonnige Welt. Die Kirche selbst ist ein schlichter, achteckiger Holzbau, lose auf schlecht gemauerte Pfeiler gestellt und mit Holzläden versehen. Der malerische Turm ist der Mitte aufgesetzt, wie bei dem bekannten Kinderspielzeug. Der Straße bergan folgend, die sich bis weit hinauf durch Staubwolken kennzeichnete, erreichten wir nach zirka 15 Minuten das vom Hafen aus unsichtbare Hotel Union; auf einer Seite desselben stürzt der wasserreiche Storfos, als weißer Gischt, brausend über eine Felswand; auf der andern Seite gleiten die Gewässer des Geirangerbergthales in klarem Strome zu Thal, und vereint eilen beide dem Fjorde zu. Eine üppige grüne Vegetation — auch stattlicher Baumwuchs, Birken, Erlen, Eschen — bedeckt den ganzen Bergabhang, und bis weit hinauf sind Hütten sichtbar und weidende Herden, denen auch die Glocken nicht fehlen. Zu den Füßen liegt der enge, scheinbar rings abgeschlossene Bergsee und hoch in die Lüfte ragen gewaltige Gebirgsstöcke und Schneefelder. Das Hotel, aus Holz im Chaletstil erbaut, sah recht einladend aus; an den Veranden blühten Gaisblatt, Kapuziner und wilder Hopfen.

Je nach Wanderlust und verfügbarer Kraft wurde die Straße mehr oder weniger nach oben fortgesetzt; viele ließen sich zum obern Hotel (H. Udsigten = Bellevue)hinaufführen, wo der Blick auf die eisige Gebirgswelt landeinwärts und im Gegensatz zu der wilden Fjordlandschaft zu Füßen ein großartiger gewesen sein muß. Einen weiß ich — ein gelehrtes Haus — der einsam noch weiterstrebte und in adamischem Kostüm sich unter den Wasserschleier des schönsten Staubbaches stellte. Das sei ein nicht zu beschreibendes Vergnügen und eine herrliche Erquickung gewesen, rühmte er, als er halb tot, im Schweiß gebadet und mit Straßenstaub gepudert, als einer der letzten an Bord zurückkehrte.

Um 12 Uhr mittags, als eben ein kleiner, sich vor Neugierde ganz auf unsere Seite neigender Touristendampfer einfuhr, verließen wir Maraak und kehrten auf demselben Wege zurück, die Schönheiten des Fjords nochmals und in ganz anderer Beleuchtung genießend.

Den Jörundfjord, der noch auf unserem Programm gestanden hatte, ließen wir links liegen, um rechtzeitig bei Kaiser Wilhelm anzukommen. Wir nannten ihn übrigens nicht mehr Jörund- sondern Böhringer-Fjord, weil ein Mitpassagier den Namen fälschlich so verstanden hatte; motiviert wurde die Benennung durch uns mit der interessanten historischen Notiz, daß der Großvater von Professor B. ihn vor genau 47 Jahren entdeckt habe. Der Schiffsunsinn gedeiht unter allen Breitegraden.

An Bord herrschte während dieser Fahrt reges Leben. Ueberall wurde gefegt und geputzt; die Böden sahen ganz jungfräulich aus und die Metallbeschläge glänzten wie Spiegel. Inspizierende Schiffsoffiziere durchwanderten alle Räume und der Verkehrston mit den Untergebenen war heute ein auffallend strammer und militärischer. Ichsaß allein in dem Rauchsalon und schrieb an die „Thurgauer Zeitung“, als der erste Offizier eintrat, jeden Winkel musterte und schließlich, als er am Plafond ein bescheidenes Spinnengewebchen entdeckte, den verantwortlichen Steward folgendermaßen apostrophierte: „Sie, Steward! Machen Sie den Dreck ’runter! Glauben Sie, die Decke gehört nicht zum Rauchzimmer? Wenn unser Kaiser kommt und sieht den Mist, so sagt er: No was sind denn das für Schweinekerls, diese Rauchstewards!“

Scheinbar zerknirscht machte sich der gescheitelte Jüngling an die Reinigungsarbeit; aber das Selbstgespräch, dessen Zeuge ich war, nachdem der gestrenge Inspektor das Lokal verlassen, enthielt Worte und Satzwendungen, die ich bisher aus der deutschen Litteratur nicht gekannt hatte.

Alles, vom Kapitän bis zum Schiffsjungen, prangte im glänzenden Sonntagsgewande; die hundert Stewards sahen geradezu imposant aus. Aber auch die Passagiere blieben nicht zurück und hingen ihr Bestes und Schönstes um. Gerne hätte ich mit meinem bohnengrünen Polarmantel geprunkt; da dies aber aus koloristischen und klimatischen Gründen nicht anging, mußte ich mich auf mein gewöhnliches Habit beschränken, ehrte den hohen Gast aber durch den Luxus einer neuen, blendend weißen Kravatte, und doch nahm er nachher nicht einmal Notiz davon.

Es war nachmittags 3¼ Uhr, als man sich Aalesund näherte. Was Beine hatte, stund auf Deck, die Stewards in langen Reihen auf den Blahen der Rettungsboote. Unsere Kapelle hielt sich spielbereit; dieganze Welt zeigte die größte Spannung; nur einige junge Amerikanerinnen beschäftigten sich mit ihren Stickrahmen. Hunderte von bunten Wimpeln flatterten lustig als festliche Dekoration auf unserm Schiff, das sich in langsamem, würdevollem Tempo dem Bestimmungsorte näherte. Jetzt erscheint die weite Bucht von Aalesund, von auf grünem Teppich aufgebauten Gebirgen umschlossen. Im Hintergrunde liegen blaue, mit Schnee gekrönte Berge. Die aufblühende Stadt zählt bereits 9000 Einwohner und ist ein Hauptstapel- und Handelsplatz. Zahlreiche Segler und Dampfer bevölkern den Hafen. Aber aller Augen sind auf seinen Mittelpunkt gerichtet, wo die stolze „Hohenzollern“ vor Anker liegt, in ihrer Nähe das begleitende Kriegsschiff „Hela“ und ein schwarzes Torpedoboot. Eine gewisse nervöse Hast war in diesem Moment auf unserer „Auguste Viktoria“ für einen nüchternen Beobachter nicht zu verkennen, und sie stieg im Quadrat der Annäherung an das Kaiserschiff. Sogar der wackere Kapellmeister zeigte sich davon ergriffen und gab mehrfach Ordre und Contreordre, und die Musikanten hatten Mühe, bei der scharfen Brise, die wehte, die hastig geänderten Programmnummern rechtzeitig aufzulegen. Im Zufahren stieg erst der Präsentiermarsch, dann der Wachparademarsch und endlich nahe am Ziele der Hoch-Kaiser-Wilhelm-Marsch. Jetzt sind deutlich die einzelnen Persönlichkeiten zu erkennen; der Kaiser steht in grauem Civilanzug auf der Kommandobrücke und grüßt anhaltend mit seiner dunkeln Tellermütze, was unsrerseits mit Hurrahrufen und Hüteschwenken erwidert wird. Während die Musik den Preußenmarschspielt, dreht unser Schiff und bewegt sich — eine mächtige, weiße Gischtstraße bildend — in großem Kreise um die „Hohenzollern“. Unter den Klängen des Hohen-Friedberger-Marsches fällt endlich der Anker, und wir harren der Dinge, der kaiserlichen, die da kommen sollen.

Kaum lag unser Schiff ruhig, so kam auch schon eine elegante Barkasse von der „Hohenzollern“ hergedampft, um die Passagiere auf die kaiserliche Yacht hinüberführen zu helfen, und in Gruppen von 30 bis 40 begann nun die Wanderung zwischen den beiden stolzen Dampfern, wobei abwechslungsweise von der 40 Köpfe starken trefflichen Kapelle an Bord der „Hohenzollern“ und von der unsrigen gespielt wurde. Vorsichtigerweise pressierten wir drei nicht mit der Ueberfahrt; der Kaiser sollte ja der „Auguste Viktoria“ einen Besuch abstatten, und die Gelegenheit, ihn aus unmittelbarer Nähe und nachhaltig zu beobachten, wollten wir uns doch nicht entgehen lassen. Und richtig — dort kam er ja; ein schlankes, von zweimal vier Ruderern in blauem Matrosenkostüm pfeilschnell durch die Wogen gejagtes Boot trug vorne die kaiserliche Standarte, und hinten am Steuer saß und lenkte das eilende Fahrzeug Kaiser WilhelmII.

Das war ein Rennen und ein Jagen auf unserm Schiff. Atemlos kamen die Amateurphotographen mit ihren Apparaten hergeeilt und postierten sich, um das gekrönte Oberhaupt des deutschen Reiches im Momente, da es an Bord trat, möglichst günstig zu erwischen. „Haben Sie ihn?“ hieß es kreuz und quer; „undvon welcher Seite?“ Haarscharf schnitt das kaiserliche Boot unsere Schiffstreppe; in derselben Sekunde hielt es an; in der nächsten sprang der hohe Steuermann gewandt und sicher auf den ersten Tritt, wo er vom Kapitän und einem Vertreter der Schiffsgesellschaft bewillkommt wurde. Dann gings unter Hurrah und gegenseitiger Begrüßung die Treppe hinauf auf Deck, wo sich der Kaiser, geführt vom Kapitän, alles, aber auch alles ansah und durch vielerlei Fragen sein Interesse an dem stolzen Schiffe bekundete. Auffälliger Weise schritt der Kapitän stets zu seiner Rechten, und ich wurde nicht klug, ob dies aus Versehen oder aber einem Wunsche des Kaisers zufolge geschah, der ja bekanntlich links durch eine Lähmung und auffällige Verkürzung des Oberarmes verstümmelt ist und auch, wie die Fama weiß, am linken Gehörorgan krank sein soll. Im Rauch- und Konversationssalon war ich ganz allein, als die beiden Herren eintraten; besondere Freude zeigte der Kaiser an den Wandmalereien des ersteren, welches mit künstlerischem Humor die verschiedenen Rauchertypen, vom Lotsen bis zur Studentin, darstellen.

Nachdem uns auf diese Weise die vielgerühmte und vielgehaßte, aber sicher geniale und wohlwollende Verkörperung des deutschen Reiches menschlich näher getreten war und uns ganz sympathisch berührt hatte, machten auch wir uns daran, seinen schwimmenden Palast kennen zu lernen. So was behaglich Schönes, einfach Vornehmes hatten wir noch nie gesehen. Bekanntlich hat die „Hohenzollern“, die ja verschiedene Male kleiner ist als die „Auguste Viktoria“, 27 Millionen Mark gekostet, dieVergoldung des Kieladlers allein 80,000 Mark, und doch ist das Innere nicht so prunkvoll und überladen wie bei den großen Hamburger Personen-Dampfern. Aber jeder Planke und jeder Niete sieht man die hervorragende Qualität an, und es giebt nichts an dieser kaiserlichen Yacht, das nicht das Attribut absoluter Vollkommenheit verdiente. Eine breite, mit Teppichen belegte Treppe führt in bequemen Stufen zu dem Verdeck, das in seiner ganzen Ausdehnung mit Linoleum bedeckt ist und weite Spaziergänge erlaubt. Auf Vorderdeck war in Galauniform die 40 Mann starke vortreffliche Kapelle postiert, welche die Gäste auf Befehl des gastfreundlichen Kaisers zu begrüßen hatte. Jedenfalls nicht in seinem Sinne und seiner nobeln Denkweise handelten ein paar vollgegessene, abgelebte Byzantiner, welche, über die Brüstung gelehnt, mit den fadesten Berliner Witzen und unter knabenhaftem Gelächter sich über die Ankömmlinge „minorum gentium“ lustig machten. Nachdem ich sie mit einem feindeidgenössischen Blicke vernichtet, freilich ohne durchschlagenden Erfolg, durchwanderten wir, in Gruppen von 30 bis 40 geführt, die herrlichen Räume des Schiffes. Besonders schön ist der große Speisesaal, der reich mit Blumen geschmückt war (der Kaiser führt stets einen Gärtner mit an Bord). An der Stirnseite prangt in großer Ausstattung das alte Familienwappen mit der Inschrift: „Hie guet Zollere alleweg!“ Stilvolle künstlerische Wanddekorationen erfreuten das Auge, z. B. geist- und humorvoll ausgestattete eingerahmte Menus zur Erinnerung an besonders ereignisreiche Tage früherer Fahrten.

Im Rauchzimmer möchte man sich am liebsten gleich hinsetzen, die langen Beine ausstrecken und eine Havannah veraschen; auch dort ist wie in sämtlichen Räumen alles Große und Kleine auf die See abgestimmt; sogar die reizenden wandständigen Aschenbecher sind silberne Schiffsteileen miniature, und die Asche wird an kleinen niedlichen Schiffsschrauben abgestreift. Auch in das Arbeitszimmer des Kaisers wurden wir geführt; dort sahen wir eben zu, wie eine Amerikanerin von dem goldgeränderten kaiserlichen Briefpapier einen Bogen in ihre Tasche wandern ließ. In einem danebenliegenden Salon hört der Fürst täglich die Vorträge der mitreisenden Minister. Auch auf Deck hat er einen äußerst behaglich ausgestatteten Privatraum, der mit wissenschaftlicher Schiffslitteratur und allen möglichen Instrumenten vollgepfropft ist. Auf dem Tische lagen ausschließlich französische Zeitungen und Werke.

In die Schlafräume gelangten wir nicht; dagegen konnten wir von der Schiffstreppe aus in einige größere Kabinen einen Blick werfen und uns überzeugen, daß auch dort ganz ungewöhnlich große Dimensionen vorhanden sind mit behaglich schöner, nicht überladener Ausstattung. Licht und Luft tritt nicht wie bei den Kammern der Passagierdampfer durch runde Lucken, sog. Ochsenaugen, ein, sondern durch größere, mit in Messing gefaßtem Glas verschließbare viereckige Fenster.

Wunderbar sind die Apparate für den elektrischen Signaldienst und die Maschinen. Was der menschliche Geist je ersann, um eine Meerfahrt sicher und genußreich zu gestalten, das hat die deutsche Schiffsbaukunst sich für die Yacht ihres Kaisers zu nutze gemacht.

Entzückt von dem Geschauten kehrte nach und nach alles wieder zur „Auguste Viktoria“ zurück, die uns im Vergleich zur „Hohenzollern“, der wahrhaft Vornehmen, zuerst wie eine pompös ausgestattete Straßenriesendame vorkommen wollte. Die letzten, die an Bord stiegen — von den kaiserlichen Ruderern hergebracht — waren Graf v. Metternich, Herr Wanamaker und ein Hapag-Vertreter, Konsul Weber aus Hamburg, welche der Kaiser zu sich zum Thee geladen hatte.

Eben fuhr die glänzende Yacht des amerikanischen Krösus Gould an uns vorüber; die soll im Innern so raffiniert ausgestattet sein, daß der deutsche Kaiser, der sie besuchte, das Wort sprach: „So was habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen.“

Um 7 Uhr abends fuhren wir weg von Aalesund. Nochmals umkreisten wir zum Abschied die „Hohenzollern“; unsere Kapelle spielte das „Heil dir im Siegeskranz“; der Kaiser winkte vom Verdeck her, unser Kapitän salutierte, die Wimpel wurden grüßend aufgezogen; alle Welt rief Hurrah und schwenkte Hüte und Tücher, und wieder ging’s hinaus gegen die hohe See.

Nach einer halben Stunde sahen wir weit zurückliegend den Aalesund, mitten drin in der blauen Fläche einen grauen Punkt — die märchenhafte „Hohenzollern“.

Abends an der Tafel bildete natürlich das zuletzt Erlebte den Mittelpunkt des Gespräches, und als Kommerzienrat Schubart aus Berlin sich erhob und ein Hoch auf den gastfreundlichen deutschen Kaiser ausbrachte, erfüllten auch wir Nichtdeutsche gern und aus innerm Antrieb diese Pflicht der Dankbarkeit und beteiligten uns, wenn auchmit den anderen, unserem Herzen geläufigeren Worten, beim gemeinschaftlichen Gesange der Nationalhymne.

Aber noch ein anderes freundliches Ereignis beschäftigte die Gemüter; der kleine Schalk Amor hatte, wie —dicitur— auf jeder Nordlandsfahrt, einige Herzen verwundet und zusammengeführt. Dort am Ecktische unseres Saales sitzt das glückliche Paar, und eben erhebt sich der Tischpräses, um ganzen familleeine kleine Verlobungsrede zu halten, was in dem Lärm des Speisesaales, wie er dachte, ohne weiteres Aufsehen möglich sein sollte. Aber kaum hatte er sich erhoben, so schwieg der Konversationssturm, als ob ein Engel durch den Raum schritte; erschrocken drehte der werdende Orator sich um und setzte sich sprachlos und verblüfft, die Rede im Halse, wieder auf seinen Stuhl — eine kurze Scene voll unbeschreiblicher Komik, die ein schallendes Chorgelächter hervorrief. Die Verlobung ging aber eineweg ihren Gang.

Dekor

Durch den Sognefjord. — Genrebilder im Naeröfjord. — Gudwangen. — Naerödal und Stahlheim. — Hungersnot. — Oell und Musöst. — Sprachverwirrung.

Erst am Ende des Tages, nachdem die Erlebnisse mit der „Hohenzollern“ längst vorbei waren, erfuhren wir, daß der Kaiser kurze Zeit vor unserer Ankunft das Telegramm erhalten hatte, welches ihm die — wie es darin hieß — nicht unbedeutende Verletzung der in Berchtesgaden weilenden Kaiserin meldete. Er soll sehr konsterniert gewesen sein, und daß er trotzdem das Tagesprogramm nicht änderte, sondern die Passagiere der „Auguste Viktoria“ doch empfing, wurde ihm von denselben doppelt hoch angerechnet.

Ohne ein Opfer unsererseits, d. h. von Seiten der Hapag, ging übrigens diese kaiserliche Einladung nicht ab. Der zweistündige Aufenthalt vor Anker bei Aalesund kostete unser Schiff die Kleinigkeit von 560 Kronen (zirka 800 Franken) Hafengeld.

Es schien in der Nacht stürmisch und regnerisch werden zu wollen und die Vorsichtigen legten sich rechtzeitig zu Bette, um auf alles gefaßt zu sein. Aber die Witterung blieb günstig; kaum spürte man die offene See, und morgensbeim Aufwachen glitt unser Schiff längst wieder über die glatte Fläche eines Fjords. Es war der Sognefjord, durch den wir fuhren; 200 Kilometer weit schneidet er ins Land ein bei einer Wassertiefe von 1200 Meter und einer Breite von durchschnittlich kaum 6 Kilometer. Der Hauptarm teilt sich in verschiedene ganz schmale, von ungeheuern, bis 5000 Fuß hohen Steilwänden begrenzte Spalten, über welche Wasserfall an Wasserfall stürzt, während an den Enden blaugrüne Gletscher nach dem Fjord hereinblicken. Im Norden ist das größte Firnfeld Europas, der fast 1000 Quadratkilometer große Jostedalsbrae. An den Ufern des Sognefjords liegen die ältesten Kulturstätten Norwegens; sie sind auch der Boden der herrlichen Frithjofssage. — Bei nachtschlafender Zeit passierten wir ohne Gewissensbisse Ingeborgs Königspalast und Frithjofs Hof; wir mußten ja im Rückweg nochmals Gelegenheit finden, diese klassischen Orte zu grüßen.

Immer näher rückten die Felsen zusammen; oft war kein Ausweg zu sehen, und es schien unmöglich, mit unserm Schiff vorwärts zu kommen; dann öffnete sich plötzlich um die Ecke eine neue Spalte mit neuen überraschenden Ausblicken. Wir befanden uns in dem südwestlichen Endarme des Sognefjords, im Naeröfjord. Das ist die erhabenste Gebirgs- und Meerlandschaft, die wir in Norwegen gesehen, und an Großartigkeit von keinem der mir bekannten Bergseen erreicht. Und auch das Liebliche fehlt nicht in dieser gigantischen Felsenwelt. Wo sich am Fuße der himmelhohen Wände durch Absturz oder als Delta eines der Schlucht entspringenden Bergbaches ein Stück flacher Küste gebildet hat, da glänzt sie imsaftigsten Wiesengrün und trägt ein paar freundliche Häuser, hie und da auch ein Kirchlein, um das sie sich scharen.

Zuletzt schienen wir aber doch am Ende des schmalen Fjords zu sein; in einem wilden, kahlen Felsenkessel mit steilen und unbewohnbaren Ufern hielten wir an und warfen den Anker aus. Wunderbarerweise belebte sich die Umgebung unseres Schiffes alsbald; kleine Boote — meist mit Frauen und Kindern angefüllt — tauchten plötzlich auf, wie der See entstiegen; denn eine menschliche Wohnstätte oder ein Ausweg aus den geschlossenen Felskoulissen war nirgends zu erblicken. Sie lauschten andächtig unserer Kapelle und staunten das mächtige Schiff an. Da gab’s reizende Genrebilder für unsere Photographen, und die Apparate klappten sehr geschäftig nach allen Seiten. Hier sitzt eine Mutter, die Ruder eingezogen, mit dem jüngsten Kind auf dem Schoß, drei ältere neben sich, und belehrt ihre Kleinen, wie sie mit ihren ärmlichen, schmutzigen Nastüchern unsere winkenden Grüße erwidern sollen. Dort füllt ein ganzes Rudel rotwangiger Buben und Mädchen ein Boot, dessen Ruder ein Backfisch handhabt, während sich die übrigen Insassen sehr seevertraut in dem schwankenden Fahrzeug lustig machen und oft mit halbem Körper nach dem Wasser überragen, um ein schwimmendes Stück Brot oder eine leere Konservenbüchse zu erhaschen. Sprach- und stimmlos vor Erstaunen war ein schwarzer Hund, der als Mittelpunkt einer fröhlich lachenden und winkenden Familie mit offenbar gespanntem Interesse das fremde Schauspiel musterte und unverwandt nach unserm Schiffe sah.

Noch waren wir 10 Kilometer vom Ziele des heutigen Tages, von Gudwangen, entfernt; aber weiter durfte und konnte unser großer Oceandampfer nicht mehr in dem schmalen, vielfach gewundenen Meeresarme. Ein kleineres, aber schmuckes norwegisches Dampfboot, der „Kommandören“, war für den heutigen Tag von der Hapag gechartert; bald lag er an unserer Seite und auf breiter Verbindungsbrücke ergoß sich der Passagierstrom in wenigen Minuten herüber. Wir hatten einen prachtvollen Platz auf dem aussichtsreichen hohen Verdeck erobert und konnten nun die herrliche Fahrt vollauf genießen. Als das Schiff sich in Bewegung setzte, erschien eben die Sonne über den Bergen und spiegelte sich in der leicht gekräuselten Flut. Der Fjord verengte sich gegen Gudwangen zu flußartig; die Entfernung der Ufer beträgt kaum mehr 200 Meter und wenig fehlt, so berührt sich in der Luft der Staub der auf beiden Seiten herabstürzenden Schleierfälle.

Rechts liegt eine reizende kleine Kirche, umgeben von Bauernhöfen, das Örtchen Bakke. Dahinter ein mächtig rauschender Wasserfall. Dort biegen wir nochmals um die Ecke; dann erscheint vor den Augen Gudwangen, ein paar Häuser und einige Hotels, von gewaltig aufragenden Bergen eingeschlossen; man begreift, daß sie im Winter monatelang die Sonne nicht zu sehen bekommen. Im Hafen lag bereits ein englischer Touristendampfer vor Anker, eine schlechte Vorbedeutung für den heutigen Tag; wir mußten erwarten, alles „abgeweidet“ zu finden, wo wir hinkamen, und das stimmte denn auch so ziemlich.

Reiseziel war für alle das herrlich gelegene Stahlheim; von dort sollte ein Teil der Passagiere auf demLandweg über Vossewangen nach Bergen fahren, während ein anderer Teil, abends per „Kommandören“ wieder auf die „Auguste Viktoria“ zurückgebracht, zur See die genannte Stadt erreichen wollte.

Vom Landungsplatze längs der durch die kleine Ortschaft führenden Straße waren wohl an die hundert norwegische Karren und Kutschen aufgestellt, und man fragte sich, wo und wie dieses Heer von Wagen und Pferden eigentlich hergekommen sei. Die Reisefirma Beyer hatte offenbar alle Bauern von nah und fern mit ihrem Fuhrwerk für den heutigen Tag aufgeboten. Im Sturme wurde die Wagenburg genommen; glücklich diejenigen, welche sich einen Sitz zu erobern wußten; manch’ Einer, den das Schicksal zu einem Kariol verurteilte, wird sich nach mehrstündiger Fahrt auf der holprigen Bergstraße schmerzlich daran erinnert haben, daß sogar die Sitzgegend mit Empfindungsnerven bedacht ist. Für uns, die wir nicht unter Beyers Obhut, sondern als Wilde reisten, kam diesmal nur Schusters Rappen in Frage. Wir marschierten tapfer vorwärts, trotz der zu überwindenden 3½ Wegstunden; oft sauste dann die lange Wagenreihe an uns vorbei, gar nicht von uns beneidet, die wir den oft komischen Anstrengungen zur Erhaltung des Gleichgewichts und zur Entlastung des Sitzes auf staubiger Straße von grünen Wiesenpfaden aus zusehen konnten. Wo aber der Weg anstieg, da gewannen wir immer wieder einen Vorsprung, und schließlich waren wir nicht einmal die Letzten am Ziele.

Wenig außerhalb Gudwangen war ein norwegischer Polizeiposten vor einem Schlagbaum aufgestellt, der jedesFuhrwerk mit Bespannung genau musterte und nur passieren ließ, wenn die Beschaffenheit alle Garantie für ungefährdete Beförderung der Reisenden bot. Brüchiges Leder, geflickte Riemen und beschädigte Achsen wurden abgeschätzt. Diese Fürsorge der heiligen Hermandad hat uns sehr wohlthätig berührt.

Unser Weg führte in das malerischeNaerödal, welches als Fortsetzung des Fjords sich landeinwärts zieht und dessen wilden Charakter beibehält. Nach starker halbstündiger Steigung schritten wir durch ein mächtiges „Ur“, ein durch Absturz gebildetes Felsenmeer; dann gings durch eine wunderbare und großartige Thallandschaft meist an der Seite eines schäumenden Bergstromes und diesen mehrfach überbrückend. Die Szenerie beherrscht der aus weißlich-grauem Labradorstein mächtig aufgetürmte stumpfe Felskegel des Jordalsunt (1100 Meter).

Endlich — nach 2½ Stunden — zeigte sich dem entzückten Auge das hochgelegene Stahlheimhotel; die „Klev“, der grüne Bergrücken, auf dessen Höhe es erbaut ist, schließt das Thal wie eine Riesenmauer vollständig ab, und in mächtigen, weithin sichtbaren Serpentinen steigt die Straße daran empor. Zwei Staubfälle stürzen rechts und links — das Hotel zwischen sich lassend — durch den grünen lichten Wald zu Thal und vereinigen sich unten zum ruhigen, aber immer noch ungestüm weiter fließenden Bergstrome.

Einen prachtvollen Anblick gewährten frische Abbruchstellen an den dunkeln, senkrecht aufsteigenden Felsen, welche das Naerödal begrenzen und die wie carrarischer Marmor aussehen, bis auch sie im Laufe der Jahrzehntedurch Nässe und Moosansatz geschwärzt sein werden. — Viele Fuhrwerke ließen unten an der Klev ihre Passagiere aussteigen und erwarteten, während die Pferde frei herumgrasten, deren Rückkehr. Nur diejenigen, welche nach Vossewangen weiter zu fahren gedachten, mußten ihre Wagen mit nach oben nehmen.

Das war nun ein schöner, aber mühseliger Aufstieg zu diesem Stahlheimhotel; unter die entzückten Ausrufe über die jeder Beschreibung spottende herrliche Gegend mischten sich Weh und Ach von allen Seiten; denn die Sonne brannte fürchterlich, und der Durst wurde geradezu phänomenal; wo man sich erschöpft in kleineren und größeren Gruppen ins Gras oder auch glatt an den staubigen Wegrand geworfen, fiel aller Blick hülfesuchend nach oben — zum Hotel; — dort malte man sich kühle Räume und jedes ersehnte Labsal aus. — Endlich waren wir oben. Aber o Schreck! Den großen Speisesaal fanden wir dicht besetzt bis auf den letzten Platz mit den zuerst eingetroffenen Unsrigen und mit den Engländern, deren Schiff wir in Gudwangen gesehen hatten.

StahlheimStahlheim.

Stahlheim.

Stahlheim.

All’ unser Stürmen und Drängen und Schreien nach Brot und Trank nützte nichts; die Hotelleitung und Bedienung war in größter Verlegenheit, und schließlich sah sie sich genötigt, die Thüre zum Speisesaal einfach abzuschließen. Draußen tobte und polterte die „hungrige Bestie“; von drinnen her ertönte Eß- und Trinkgeräusch „der sich Sättigenden“, und so oft ein Pfropfen knallte, ging uns draußen ein Stich durchs Herz. Übrigens war die Verlegenheit eine beidseitige. Manch’ Einer kam im Sturmschritt von der Tafel zur Thüre gerannt, um einedringliche Exkursion zu unternehmen, und wir Ausgeschlossenen amüsierten uns über die hastige Wut, mit welcher er erfolglos das Thor zu öffnen suchte, und bombardierten ihn durchs Schlüsselloch mit kleinen Aufmunterungen. Nach dreiviertelstündigem, mit Galgenhumor ausgefülltem Warten hieß es, daß bis in frühestens einer halben Stunde zum zweitenmal gedeckt würde. Das konnten wir nicht erleben; wir mußten ja rechtzeitig wieder in Gudwangen sein; also frisch hinein ins Unvermeidliche! Mit leerem Magen traten wir den Rückweg an; doch nein, unten im Hotel gelang es uns ja, eine halbe Flasche Sodawasser zu erstehen und in einer Art Verkaufslokal über den Pferdestallungen entdeckten wir neben Thongeschirr, Leder- und Eisenwaren in schmierigemSacke etwas Eßbares, eine Art süßen Kleinbrots, das wir gierig verschlungen, während wir die Serpentine der Stahlheimklev hinuntereilten. Der Ausblick auf das zu Füßen liegende, dunkle Naerödal mit den beidseitig gewaltig aufsteigenden Bergen ist ein so großartiger, daß wir Hunger und Durst darüber vergaßen und meinten, hier sei wohl das Erhabenste, was wir in Norwegen gesehen. Aber die armen Beine! Bis jetzt hatte sie noch die sichere Hoffnung gestärkt, unten am Berg eine Rückfahrtgelegenheit nach Gudwangen zu finden — Täuschungen und Trugbilder! Das letzte Pferd war mit Beschlag belegt. Da gab’s kein Besinnen. Tapfer und unverdrossen — ja sogar in bester Laune — fußten wir die drei Stunden zu Thal; als Lohn der That winkte uns ja im Haupthotel daselbst kühles Oell (Bier) und ein tüchtiges Abendessen. Doch auch das erwies sich alsfata morgana!

Als wir endlich — endlich Gudwangen und den blauen Fjord unmittelbar vor uns liegen sahen, da verdoppelten sich unsere Schritte und im Tempo des Gauls, der sich seiner Stallung und seinem Futtertroge nähert, langten wir beim Vikingwanghotel an. Kaum vermochte die lechzende Zunge das „Oell, Oell“ (Bier, Bier) noch herauszuschleudern; aber es gab kein Oell und auch nichts Vernünftiges zu essen; die bösen Engländer hatten, wie die Heuschrecken, mit allem aufgeräumt. Eine mitleidige Seele verkündete uns, daß eine Strecke weiter zurück im kleinen Gasthof bei Hansen Bier und allerlei zu haben sei. Also ohne Besinnen zurück zu Vater Hansen! Im kleinen, behaglichen Speisesaal, dessen leere Tafel noch die Überbleibsel der vorhergehenden Mahlzeit aufwies, däuchtenwir uns bei Oell, Smoerrebroed (Butterbrot) und Ost (Käse) wie Könige, und die gestärkten Seelen gerieten sehr bald in jene fröhliche Stimmung, wie sie nach überwundenen Schwierigkeiten gerne sich einstellt. Bald kamen auch andere Naerödaler angelaufen, alle, wie wir, hungrig und durstig und nach Speis und Trank rufend; aber es gelang nur mit Mühe und oft auf komischen Umwegen, sich den zwei dienstbaren Geistern, ehrsamen Töchtern des Hauses, doch fürchterlich schwer von Begriffen, verständlich zu machen, und die Sprachverwirrung schuf die unglaublichsten Szenen. Daß die korpulente Frau Baronin X. Käse präsentiert erhielt, als sie zu wiederholten Malen Ansichtspostkarten verlangt hatte, brachte sie zwar ganz aus dem Häuschen, war aber begreiflich, denn ihre norwegischen Worte tönten ganz arabisch und aus den begleitenden Gesten konnte man ebensogut auf Limburgerkäse wie auf ein postalisches Kunstprodukt schließen.

Das Norwegische muß eben in seinen Feinheiten verstanden und gekannt sein, wie ich gleich an einem Beispiel zeigen werde. Als nämlich — durch das offene Fenster hereingewunken — unsere Reisefreunde, Herr und FrauDr.T. aus Rom, sich zu uns gesellten, mit viel Geschick beim Biertrinken mithalfen und über Hunger klagten, da suchte und fand ich unter den Ueberresten der Tafel einen offenbar eßbaren, nach Käse aussehenden gelblichen Kuchen, den ich sofort an unsern kleinen Tisch herüberholte. Mit gespannter Erwartung kosteten wir den Fremdkörper, um ihn sofort wieder unter den Zeichen des größten Abscheues — das gemütliche Gesicht von FrauDr.T. war geradezu in Angst und Entsetzen verzogen — auf dem kürzesten Wege und mit entsprechendenBegleittönen durch das Fenster herauszubefördern — das Gericht schmeckte abscheulich, bittersauersüß und weckte bei Katzenfreundinnen lebhafte Reminiscenzen an ihre Lieblinge. Nun galt es aber, Ursprung und Namen des schrecklichen Nahrungsmittels zu erfahren. Also: Norwegerinnen her! Sie kamen, die zwei Heben; indes war keine Möglichkeit, ihnen unsere Absicht irgendwie begreiflich zu machen; sie leisteten sehr bereitwillig und freundlich die unglaublichsten und verkehrtesten Dinge auf alle gestellten Fragen, ohne unser wahres Begehr zu ahnen, so daß schließlich unsere an die beweglichen und geistig regsamen Italiener gewohnte schweizerische Römerin die Geduld verlor und ihnen eine ganze Stufenleiter von der „Appele“ bis zur „Schneegans“ an den Kopf warf, mit halb wohlwollendem, halb ärgerlichem Lachen. Nun mußte der Vater Hansen her, um aus der Verlegenheit zu helfen; der alte, graue, gemütliche Kerl trat vor, und unter Anspannung der ganzen im Saale vorhandenen Intelligenz wurde ermittelt, daß das Gericht Museost heißt und ein Käse ist. Aber was für Käse? Der ernste Familienvater,Dr.T. aus Rom, setzte seine Arme als Geweih auf seinen Kopf und springt nach Art der Rentiere im Zimmer herum. Hansen winkt ab. Also kein Rentierkäs. Die stolze Römerin, FrauDr.T., versieht sich ebenfalls mit Hörnern und ahmt den Gesang einer Kuh erschütternd ähnlich nach. Das scheint nun eher zu stimmen; doch deutet Vater Hansen mit seiner tief gehaltenen Hand, daß es sich um einkleineresgehörntes Tier handelt. Eine meiner Begleiterinnen fängt an zu meckern wie eine Ziege, worauf ein verklärtes Lächeln über das bärtige Gesicht des alten Hansengleitet; mitmeckernd und kopfnickend bestätigt er die Vermutung.

So hatten wir denn mit allseitiger geistiger und körperlicher Anstrengung und unter Aufwand all’ unserer norwegischen Sprachkenntnisse, vor allem aber unter fröhlichem und anhaltendem Lachen herausgebracht, daß das entsetzenerregende Gebilde „Geißkäs“ sei.

Schließlich wurden wir noch recht familiär mit dem alten Wirte und ließen uns das ganze Haus und seine Angehörigen von ihm zeigen; Mutter Hansen saß — eine gichtbrüchige Matrone — im Sorgenstuhl; aber ihre Augen leuchteten so freundlich und in dem Stübchen war alles so voll Blumen, daß ein Gedanke an Krankheit und Schmerz hier gar nicht aufkommen konnte.

Der Museost hat uns sofort noch ein weiteres kleines Vergnügen bereitet. Wir waren schon am Strande, neben übermütig spielenden Schafen ins Grün gelagert, um den uns abholenden Kommandören zu erwarten, als noch Einer der Unsrigen staubschwer, schweißtriefend und erquickungsbedürftig dort anlangte. Sein Verlangen nach Speis und Trank steigerten wir aufs höchste durch die Schilderung des kühlen Biers bei Vater Hansen und vor allem „des ganz deliciösen norwegischen Nationalgerichts“, des Museost. Es war grausam, den müden Wanderer so hungern zu lassen, und so machtenDr.T’s. und ich uns nochmals auf die Strümpfe als Wegweiser und Zeugen für den zu vollziehenden Eßakt. Das arme hungrige Opfer unserer Grausamkeit führte sich sofort ein tüchtiges Stück des köstlichen „Nationalgerichtes“ zum Munde und war in Erinnerung an das uneingeschränkte Lob, das wir ihm gezollt, zu höflich, umsofort seine wahre Empfindung zu zeigen und das Gegenteil zu behaupten; er kaute also mit Todesverachtung, währendDr.T’s. Gesicht im Kampf mit dem Lachen wetterleuchtende Grimassen schnitt, als ob ihn das Zahnweh plagte, und seine Gattin unsagbar gleichgültig im Zimmer umherschaute. Aber plötzlich ging’s nicht mehr; man platzte los mit Lachen, und in der nämlichen Sekunde war unser Museostkoster, die Situation begreifend, vom Stuhle auf und zum Fenster geflogen, und uns blieb nachher die Pflicht, einige Flaschen kühlen Oells als geschmackverbesserndes Heilmittel und zur Sühne für unsere Bosheit zu stiften.

Um halb 8 Uhr waren wieder alle, welche den Seeweg nach Bergen der Ueberlandtour vorzogen, an Bord des Kommandören, der uns durch die wilde Pracht des Naerofjords nach unserer schwimmenden Heimat, der „Auguste Viktoria“, zurückführte. Ein besonders nettes Bild boten bei der Wegfahrt von Gudwangen einige Pferde, welche ohne Führung sich auf dem malerischen Küstenpfade nach Bakke ihren Heimweg suchten, ab und zu ein Maul voll grasend, hie und da auch einen erstaunten Blick auf den vorbeirauschenden Dampfer werfend.

Erst um halb 10 Uhr waren wir wieder in unsern gewohnten Schiffsräumen; dort wurde uns — als Lohn des mühevollen Tages — trotz der späten Stunde noch ein vorzügliches Essen serviert, und während wir uns sättigten, steuerte unser schwimmendes Hotel sicher zwischen drohenden Felswänden dem Ausgange des Sognefjords zu.

Dekor

An der Stätte der Frithjofssage. — Ankunft in Bergen. — Das norwegische Hamburg. — Im Leprahospital. — Fahrt nach Yttre-Arne. — Heimat in fremdem Lande. — Mange tak.

Es konnte nach Mitternacht werden, bis wir die klassischen Stätten der Frithjofssage berührten; aber diesmal wollten wir sie uns nicht entgehen lassen. In Esaias Tegners herrliche Dichtung versunken saßen wir an einsamer Stelle unseres Schiffes. Die Sonne war nach 10 Uhr untergegangen und eine laue, helle Nacht lagerte über der Fjordlandschaft. Zum erstenmal nach 14 Tagen grüßte uns wieder ein alter lieber Freund, der silberne Mond, dessen bisher aschgrauer Umriß im Glanze der Mitternachtssonne vollständig außer Beobachtung gefallen war. In erwartungsvoller Stille glitt unser Schiff auf der dunkelglänzenden Flut vorwärts, und eine fast andächtige Gemeinde saß auf Deck versammelt, die Augen vorwärts gerichtet. Da taucht am südlichen Ufer eine tiefgrüne, weit in den Fjord vorgeschobene Landzunge auf, die etwas zurückliegend auf der Höhe ein freundliches weißes Kirchlein zeigt. Hier ist Vangnaes, das klassische Framnaes, und hieher verlegt die Sage den Wohnsitz des Wikingssprossen Frithjof.Von gegenüber grüßte vielfacher Lichterschein; einige große Hotels und reizend im Grünen liegende Villen kündeten den herrlichen Balestrand, wo einst Ingeborg in ihres Vaters Königspalast wohnte. Und nun folgte ein Intermezzo, das der sinnige Kapitän für uns ausgedacht und das allen Teilnehmern in freundlicher, ja erhebender Erinnerung bleiben wird. Das Schiff hielt an mitten im Fjord angesichts der beiden klassischen Stätten, deren auch in der Dämmerung auffallend lebendiges Grün ein herrliches Schneegebirgspanorama als Hintergrund hatte. Sechs Böllerschüsse erschütterten die Luft und fanden ein mächtiges Echo, das über die Flut zu rollen schien. Dann stiegen Raketen auf, die Strandbewohner zu grüßen, und während unsere Kapelle die ergreifende norwegische Nationalhymne spielte, zündeten bengalische Feuergarben vom Bootsdeck unseres Schiffes herab weit ins Meer und Land hinein und erzeugten einen wunderbaren Farbeneffekt in dem nachtträumerischen Naturgemälde.

In Balestrand wurde es alsbald lebendig; dutzende von Booten kamen hergefahren und jubelten uns zu, in richtigem Verständnis dessen, was wir hier hatten feiern wollen. Das war eine erhabene und von allem Gewöhnlichen und Alltäglichen unberührte Seelenstimmung, da wir um Mitternacht im Sognefjord die Bautasteine von Bele und Thorsten und die Schatten Frithjofs und Ingeborgs grüßten, und ich erwachte wie aus schönem Traume, als unser Dampfer plötzlich wieder vorwärtszurauschen begann. Lange noch tönten — immer schwächer werdend — die Abschiedsrufe der Balestrander an unser Ohr.

Zwischen 3 und 4 Uhr erreichten wir das offene Meer, wobei wir die vor der Mündung des Fjords liegende gebirgige Inselgruppe Sulenör — die Solundar-Oe der Frithjofssage — rechts liegen ließen.

„Fern hebt aus der FlutSich Solundar-Oe;Sturmgeborgen ruhtIn der Bucht die See.“

„Fern hebt aus der FlutSich Solundar-Oe;Sturmgeborgen ruhtIn der Bucht die See.“

„Fern hebt aus der Flut

Sich Solundar-Oe;

Sturmgeborgen ruht

In der Bucht die See.“

In aller Morgenfrühe des 21. Juli waren wir wieder auf Deck, um die Einfahrt nach Bergen zu sehen. Durch ein wahres Chaos von Inseln, die meisten als kahle, aber unendlich vielgestaltige Felsen sich über die Meeresfläche erhebend, sucht das Schiff seinen Weg gegen das Festland. Die Küste ist anfänglich fast ohne alle Vegetation; auf den niedrigen, durch die Gletscher der Eiszeit abgeschliffenen Vorbergen sieht man nur hie und da ein weithin leuchtendes Fischer- und Schifferzeichen. Bei weiterm Vordringen werden die Berge höher, zum Teil bewaldet, die Küsten zeigen Ansiedlungen; auf der Höhe sind die Festungswerke sichtbar und allerlei ungewohnte Bauten: mächtige, nach Art der Gasometer erstellte Petroleumreservoirs, Fabrikkamine, elektrische Starkstromanlagen lassen die Nähe einer größern Stadt vermuten. Plötzlich, da wir um eine Ecke biegen, liegt sie vor uns, hüllt sich aber, um ihren alten Ruf als Regennest zu wahren, sofort in ein Wasserfäden- und Nebelgewand. Schon glaubten wir, zum erstenmal auf unserer Reise vom Regenschirm Gebrauch machen zu müssen, als das Wetter plötzlich änderte und eine herrliche, lichte Sonne auf die regenglänzende Stadt herabzuscheinenbegann; sie ist uns während des ganzen Aufenthaltes in Bergen treu geblieben, und das sei — so hieß es — das größte Wunder der ganzen Nordlandfahrt; denn „in Bergen regnet’s so beharrlich, daß dort die Kinder mit dem Regenschirm zur Welt kommen“, sagt der nordische Volksmund.

Das „norwegische Hamburg“ grüßte die „Auguste Viktoria“ beim Einfahren mit weithin dröhnenden Kanonenschüssen aus der Bergenhusfestung, die in sechs- bis siebenfachem Echo widerhallten. Unser Schiff kreuzte einige Zeit vor dem Hafeneingang, um den Anblick des wirklich schönen Städtebildes recht ausgiebig zu gewähren, und lenkte dann vorüber an der grünen Halbinsel Nordnaes mit prächtigen, terrassenförmig ansteigenden Gärten in den Buddefjord, wo der Anker ausgeworfen wurde. Sofort begann das Ausbooten; da wir aber bis zum folgenden Abend in Bergen liegen sollten, blieben wir Drei ruhig noch einige Stunden an Bord, wo uns in den menschenleeren Räumen keine plaudernde Gesellschaft am Lesen und Schreiben störte. Von Zeit zu Zeit stürmten wir dann wieder aufs Verdeck, um den interessanten Leben und Treiben im Hafen zuzusehen und unser Auge an dem malerischen Landschaftsbilde zu sättigen.

Bergen ist eine der ältesten, aber auch der schönsten Städte Norwegens. Ihre Einwohnerzahl beträgt 70,000. Trotz der nördlichen Lage — es liegt etwas nördlicher als die Südspitze von Grönland und Petersburg — findet man hier fast alle Laubbäume Deutschlands und einen herrlichen Blumenflor. Dadurch, daß die reiche Kultur des Stadtbezirkes unmittelbar an die Gebirgswüsten grenzt,entsteht eine sofort in die Augen fallende Kontrastwirkung, welche einen das Landschaftsbild nicht so bald vergessen läßt. Die Häuser Bergens liegen um den Haupthafen, die sog. Vaagen, herum, einerseits die langgestreckte Landzunge Nordnaes bedeckend, auf der andern Seite über die Felshöhen unter dem steilen Flöifjeld ansteigend.

Ich wußte, daß der Sprößling eines thurgauischen Pfarrhauses und Bruder eines meiner Studienkameraden seit langen Jahren in der Nähe von Bergen lebte, und hatte ihm deshalb lange zuvor die Ankunft von engeren Landsleuten auf der „Auguste Viktoria“ mitgeteilt und ihn gebeten, uns einige Stunden zu widmen. Persönlich kannte ich den thurgauischen Norweger nicht; ich hatte ihn in meinem Leben nie gesehen; aber als ich so gegen 11 Uhr wieder einmal auf Deck trat, um die Augen voll nordischer Welt zu schöpfen, da sah ich über die Brüstung unseres Schiffes gelehnt das Ebenbild eines gemütvollen Geistlichen, mit welchem ich s. Z. zwei Jahre im Kantonsspital in Münsterlingen zusammen geatmet hatte und der mir in freundlichem und lebhaftem Andenken geblieben ist. Ich klopfte ihm ohne weiteres auf die biedere Thurgauerschulter und wir begrüßten uns wie alte Bekannte, die sofort in gemeinschaftliche Erinnerungen sich zu versenken begannen. Ein Glas Münchner frisch vom Faß — dem norwegisch Gewöhnten ein ganz besonderer und seltener Genuß — wurde auf unser erstes Zusammentreffen genossen; nachher saßen wir vergnügt an der Schiffstafel und plauderten von der Heimat, daß die Stunden nur so dahinflogen und wir später als alle anderen Schiffspassagiere uns endlich aufmachten, umans Land zu fahren und Bergen aus der Nähe kennen zu lernen. Dabei wurde denn nun allerdings unser freundlicher Führer mit Fragen bombardiert und ausgequetscht wie eine Zitrone; er hat uns zahllose interessante Auskünfte über Land und Leute in Norwegen gegeben und meine vorläufig gefaßte Meinung bestätigt, daß die Bewohner dieses nordischen harten Gebirgslandes mit uns Schweizern in vielen Beziehungen die größte Aehnlichkeit haben, u. a. auch hinsichtlich ihres nationalen Unabhängigkeitsgefühls.

Bekanntlich wurde im Jahre 1814 durch Beschluß der in Christiania versammelten Reichsvertretung die bisherige Union Norwegens mit Dänemark gelöst und der schwedische König, nachdem er das norwegische Grundgesetz beschworen, zum König von Norwegen gewählt. Seit Jahrzehnten aber geht eine immer stärker werdende politische Strömung durch das Land, welche die völlige Lösung der Union zum Ziele hat. Als äußerliches Zeichen dieser erstrebten Unabhängigkeit verlangen die Norweger die Entfernung des Unionszeichens aus ihrer Landesflagge, die sogenannte „reine Flagge“. Dreimal hat die Volksvertretung, der Storthing, dieselbe beschlossen; zum drittenmal hat der König, von seinem Rechte Gebrauch machend, sein Veto dagegen eingelegt; nachdem auch nach dem dritten Veto der neugewählte Storthing auf den Beschlüssen des frühern beharrt, hat der König nichts mehr zu verbieten, und vom Herbst 1899 an wird es nicht nur wie bis jetzt geduldet, sondern gesetzlich geboten sein, das in der obern äußeren Ecke sitzende Unionszeichen auszumerzen und die reineFlagge zu führen. Im Norden sahen wir lauter reine Flaggen ausgehängt; in Bergen aber war ab und zu noch die Unionsflagge zu sehen.

Norwegen hat den Ruf, im Kampfe gegen den Alkoholismus gesetzgeberisch am meisten gethan und auch am meisten erreicht zu haben. Das Alkoholmonopol, das im ganzen Lande herrscht, ist nicht staatlich, sondern kommunal. Jede Gemeinde hat sich das Recht des Verkaufs geistiger Getränke gewahrt, und da die Zahl der konzessionierten Verkaufsstellen eine geringe ist, stolpert man nicht wie bei uns jedes zweite Haus über eine Kneipe. Betrunkene haben wir sehr wenige gesehen; doch sagte unser Führer, daß die Trunksucht immer noch als nationales Uebel gelte, wenn auch anderseits die Abstinenzbewegung größere Fortschritte aufweise als in jedem andern Lande. Der beträchtliche Gewinn, welcher den Gemeindekassen aus dem Alkoholverkauf erwächst, darf nur zu wohlthätigen Zwecken verwendet werden.

Unser Streifzug durch die Straßen Bergens führte uns zu manch’ Interessantem. Ein auffälliger, mit Säulen gezierter — im übrigen schlichter — Holzbau ist das Nationaltheater, das der berühmte Geiger Ole Bull (ich hörte ihn 1878 als siebenzigjährigen Greis in Wien noch konzertieren) in den Vierziger Jahren aus eigenen Mitteln erstellen ließ, in der Absicht, seinem geliebten norwegischen Volke den Sinn für dramatische Kunst zu wecken. Schön modelliert ist das auf großem freiem Platze erstellte Standbild Christiés, des Befreiers der Norweger von Dänemark und Präsidenten des ersten Storthings (1814).

Nicht nur als hervorragender Handels- und Hafenplatz läßt sich Bergen mit Hamburg vergleichen, sondern auch im Städtebild liegt — die Dimensionen natürlich außer Betracht gelassen — eine gewisse Aehnlichkeit, indem, gleich wie in Hamburg das große und das kleine Alsterbassin, hier zwei Wasserbecken, von Gärten und Neubauten bekränzt, zum Weichbild der norwegischen Stadt gehören. Dagegen hat Bergen — im Gegensatz zu Hamburg — fast gar keine Juden; denn bis vor kurzer Zeit konnten israelitische Kaufleute in Norwegen nicht niederlassungsberechtigt werden, und erst der geistreiche politische Poet und Satyriker und radikale Umstürzler Wergeland hat dem Volk Israel die nordischen Thore geöffnet.

Das interessanteste Stück von Bergen sind der Fischmarkt und die Tydskebryggen (deutsche Brücke) an der Vorderseite des Vaagen-Hafens, letztere ein Quai mit einer langen Reihe jener altdeutschen Giebelhäuser, wie sie von den Hansastädten her bekannt sind, die einstigen Wohn- und Geschäftsräume der hanseatischen Kaufleute aus Lübeck, Bremen und Hamburg. Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts haben nämlich die Hanseaten den ganzen Bergischen Handel an sich gerissen; dies war gleichbedeutend mit kommerzieller Beschlagnahme vom ganzen Norden Norwegens, denn ein Privileg zwang das gesamte Nordland, den Ertrag der Fischerei nur nach Bergen zu bringen. Der Fischhandel war von jeher und ist auch heute noch die Grundlage des Reichtums von Bergen, und die Gründung des „hanseatischen Kontors“ bedeutete einen mächtigen Aufschwung für den Handelder Stadt, der sich auch nach der Aufhebung dieses Monopols auf gleicher Höhe erhalten hat. In das Leben und Treiben der hanseatischen Zeit gewährt ein Besuch des sogenannten hanseatischen Museums einen höchst interessanten und lebendigen, aber keineswegs wohlthuenden Einblick. Das eine der alten Häuser an der Tydskebryggen ist nämlich noch vollständig im ursprünglichen Zustande erhalten. Im Erdgeschoß befinden sich weite Räume, Magazine, in welchen die Warenvorräte lagerten. Im ersten Stock betritt man durch einen Vorsaal mit alter, origineller Zugglocke die Hauptstube, das Kontor des Vertreters der Firma; dort wurde gehandelt; nachwelchen Grundsätzen, ist ersichtlich aus zwei vorgewiesenen mächtigen Gewichtssteinen, ganz gleich in der Größe, aber durch angeschmolzenes Blei sehr ungleich im Gewichte; der leichtere fand beim Verkaufe, der schwerere beim Einkaufe Verwendung.


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