Chapter 2

Deine Aufgabe ist es, alles ruhig aufzunehmen und zugleich volles Vertrauen in die ewige Gerechtigkeit zu haben.

Halte Dich dabei nicht auf, den Wert der Persönlichkeit derer, die am Leben bleiben, derer diegehen, zu betrachten; das heißt die Dinge auf der menschlichen Wagschale abwägen. Man muß aber in uns die gewaltige Summe dessen unterscheiden, was besser ist als das Menschliche.

Liebe Mutter, unbedingtes Vertrauen! Worin? Wir ahnen es beide.

Den 31. Oktober, 10 Uhr.

. . . Bis jetzt hatte ich die Weisheit des Entsagens, jetzt aber erstrebe ich eine Weisheit, die alles willig hinnimmt und auf das künftige Handeln hingerichtet ist. Was tut’s, wenn die Wolfsgrube sich unter den Füßen des Läufers öffnet? Freilich erreicht er sein Ziel nicht; ist der aber klüger, der am Rande verkommt unter dem Vorwand, daß er hineinfallen könnte?

Den 1. November, Allerheiligen, 8 Uhr.

Gestern erhielt ich Deine Karte vom 24.—25. Während Du den für uns verhüllten Mond betrachtetest, fühltest Du Dich, sehr mit Unrecht, ohnmächtig; wie sehr hattest Du aber Recht, daß Du hofftest!

In demselben Augenblick wurde ich durch die Vorsehung beschützt in einer Weise, die allen Hochmut über den Haufen wirft.

Am nächsten Tage hatten wir das wundervollste Morgenrot über dem Purpur der Herbstwälder in dieser Gegend, wo ich vor drei Jahren meine Skizzen malte. Wir sind aber an der Stelle,wo die Landschaft Charakter annimmt, sich erweitert und von ergreifender Majestät wird. Wie Dir die Schönheit des Horizontes schildern! Wir bleiben in dieser herrlichen Gegend und heute ist Allerheiligen!

Zur Stunde schreibe ich Dir im Silberglanz der Sonne, die über den Nebeln des Tales aufgeht; wir ahnen das schlafende Land vierzig Kilometer weit in der Runde und die Schlacht stört kaum den weihevollen Ernst des Landschaftsbildes.

Liebe innig mein geplantes Gemälde. Es verknüpft mich mit meinem Schicksal. Wenn ich die Gnade habe, heimzukehren, wird die äußere Anlage des Bildes eine andere sein, das Wesen ist aber in der Skizze schon enthalten.

Mittag. — Herrlicher Allerheiligentag, den die Gewalttätigkeit entweiht.

Herrliche Pracht des Tages.

Den 2. November, Allerseelen.

Strahlendes Fest der Sonne und der Freude in der prächtigen Natur einer Maaslandschaft. Im Herzen preßt sich die Hoffnung zusammen, die dem Schmerze derer nicht spotten will, für welche dieser Tag der erste Schritt auf dem Wege der Trauer ist.

Teure inniggeliebte Mutter, vor achtundzwanzig Jahren warst Du in Trauer und Hoffen: heuteauch ist die Angst des Hoffens voll. Diese Prüfungen kommen über Dich nicht in demselben Alter, aber ein ganzes Leben des geduldigen Sichfügens bereitet Dich auf die letzte Weisheit vor.

Welche Lust, dieses stete innige Mitschwingen im Schoße der Natur! Gestern abend sah ich denselben Horizont, den wir erwachen sahen, in rosiges Licht gebadet; dann ist der Vollmond in einem zarten Himmel aufgegangen, auf den die Bäume, wie Korallen und Safran, in zackigen Linien sich abzeichneten.

O Teure, das entsetzliche Martyrologium der besten französischen Jugend kann nicht ins Endlose sich ausdehnen. Es ist undenkbar, daß die Auserlesenen eines ganzen Volkes zu Grunde gehen.

Es gibt als Aufgabe für das Genie eines Volkes etwas besseres als den Krieg: eine tiefe Ahnung zeigt mir in naher Zukunft eine Besserung. Möge unser Mut und unsere Einigkeit uns diesem Bessern zuführen. Hoffnung, immer neue Hoffnung! Ich habe den lieben Brief von Großmutter und die Karte von Herrn R. erhalten, gut und freundlich. O Teure, habt ihr auch heute diese schöne Sonne? Wie schön ist die Landschaft, wie gut die Natur! Sie sagt dem, der ihre Stimme hört, daß nichts wird verloren sein.

Den 4. November, 1 Uhr.

Ich lebe nur durch den Gedanken an Dich und in der Güte der Natur. Diesen Morgen habenunsere Vorgesetzten mit einem Marsche von zwanzig Kilometern gedroht und die Drohung ist zur Tat geworden als ein reizender Spaziergang in der Landschaft, die ich so innig liebe.

Ein entzückend feiner Dunst, den wir von Stunde zu Stunde steigen sehen, der Lockung einer mäßig warmen Sonne folgend; und dort Hügelketten, die ein ausgedehntes Landschaftsbild beherrschen, in welches alles in seinen Linien sich einzeichnet oder im Nebel angedeutet ist.

Man sieht Hügel mit kahlen Bäumen, die liebliche Umrisse zeigen. Ich denke an die alten Maler, an ihre zartempfundenen und gewissenhaften Landschaftsbilder. Welche peinlich durchgeführte Majestät, deren erster Anblick durch die Größe der Auffassung Bewunderung einflößt und deren Einzelheiten tief bewegen!

Du siehst, liebe Mutter, wie Gottes Gnade uns Gaben austeilt, weit über die Beschwerden, die wir auf uns nehmen.

Es ist nicht einmal die Rede mehr von Geduld, da die Zeit für uns kein Maß mehr hat, da von keiner meßbaren Dauer mehr die Rede ist. Welchen Reichtum an Eindrücken birgt aber dafür der Augenblick in sich, der sich uns darbietet!

Das ist unser Leben, von dem ich Dir geschrieben habe, daß kein Ereignis daraus etwas Unfertiges, Abgebrochenes machen darf; diese Weisheit will ich mir bewahren. Zugleich aber will ich sie mit einerandern Weisheit verbinden, die der Zukunft zugewandt ist, selbst wenn die Zukunft für uns eine verschlossene Gegend ist. Ja, nehmen wir von der Gegenwart alles an (und die Gegenwart bringt uns so viele Schätze!); aber laß uns auch die Zukunft vorbereiten.

Den 5. November, 8 Uhr.

Liebe Mutter!

Verhehle mir nichts von Paris, von Deinen Sorgen, von Deinen Beschäftigungen. Alles was Du beschließt, ist recht. Mein Glück ist gerade dieses Gefühl der Sicherheit, wenn ich in alledem an Deine Seele denke.

Das Wetter ist immer entzückend und sehr mild. Ohne die schöne Gegend zu verlassen, in die wir am 20. September gekommen sind, sind wir heute in die Wälder zurückgekehrt. Das liebe ich weniger als die freie weite Aussicht; aber es gibt doch auch hier gar hübsches zu sehen. Dann ist auch der Himmel, jetzt wo die Blätter abgefallen sind, so schön, so zart. Ich habe an C. geschrieben und werde an Frau C. schreiben. Ich erwarte einen Brief von Dir. Wüßtest Du wie viel länger ein Tag ohne Nachrichten ist! Ich habe zwar Deine früheren Briefe, aber der frische Brief hat einen Duft, den ich jetzt nicht mehr entbehren kann.

Den 6. November.

Gestern war ich, ohne zu wissen warum, ein wenig verstimmt: was die Soldaten „cafard“nennen. Das kam daher, daß ich tags vorher mich von einem Tagebuch getrennt hatte, das ich Dir in einem Packet zu schicken mich entschlossen hatte. Die Ereignisse von vorgestern, obgleich friedlich, hatten mich derart umhergestoßen, daß ich mich dieser Unglückssendung nicht so annehmen konnte, wie ich es gewollt hätte. So war ich geteilt zwischen einer doppelten Angst: einmal, daß das Paket Dich nicht erreichen möchte und diese Aufzeichnungen, die mein Leben vom 1. bis zum 20. Oktober darstellen, verloren sein könnten; und dann, daß vielmehr dieses Paket zu Dir gelangen möchte vor dem erklärenden Briefe, was dir sonderbar erscheinen könnte, da die Sendung unter anderm Namen geschehen ist und der Umschlag meines Heftes Anweisungen gibt, damit man Dir gegebenenfalls diese Aufzeichnungen zuschicke.

. . . . Wir leben heute in der stimmungsvollsten und zartesten Landschaft Corots. Von der Scheune aus, in die wir unsern Vorposten untergebracht haben, sehe ich zunächst die Straße mit den Wasserlachen, die der Regen zurückgelassen hat. Dann Baumstumpfe, weiterhin hinter einer Wiese eine Reihe Weidenbäume am Rande eines eilenden und lieblichen Bächleins. Im Hintergrunde hüllen sich einige Häuser in einen leichten Dunst und halten jene zarten schwarzen Töne fest, für die unser teurer Landschaftsmaler ein so edles Empfinden hatte.

So friedlich ist es heute morgen. Wer könnte glauben, daß hinter uns nichts ist als Feuersbrunst und Trümmer! . . . .

Den 7. November, 8 Uhr morgens.

Eben erhalte ich Deine Karte vom 30., die mir die Sendung eines Pakets ankündigt. Wie nett! wie man an uns denkt! Alle Süßigkeiten werden gebührend gewürdigt.

Gestern entzückender Novembertag. Diesen Morgen zuviel Nebel, um die Freude an der Natur zu genießen. Aber gestern nachmittag!

Ein duftiges, ausgesucht zartes Wetter, wo alles sich einzeichnet wie auf eine angehauchte Glasscheibe eingeritzt. Die entlaubten Büsche in der Nähe unseres Wachpostens sind von einer Schar von Vögeln ausgesucht worden, grün, weiß am Rande der Flügel, die Männchen mit schwarzem, weiß getupftem Kopf. Wie Dir ausdrücken, was das bloße Rauschen ihres Fluges in dieser Stille für mich war! — Denn auch das ist ein Segen in diesen Kämpfen: in der Welt kann es nur eine bestimmte Menge Bosheit geben. Da nun der Mensch alles dem Menschen zuwendet, haben die Tiere ihren Vorteil davon, wenigstens die Tiere des Waldes, unsere gewöhnlichen Opfer.

Könntest Du nur die Sorglosigkeit der Tierchen des Waldes sehen, Mäuse, Feldmäuse! Letzthin folgte ich in unserm Laubversteck den Bewegungendieser Tierchen. Sie waren hübsch wie japanische Holzschnitte, das Innere ihrer Ohren rosa wie eine Muschel. Wir haben dann noch dem Ausflug der Kraniche beigewohnt: ihr Schrei in der Dämmerung ist erschütternd.

Wie freue ich mich zu erfahren, daß Du zeichnest. Tu’s für uns beide. Wüßtest Du wie es mich juckt, alles was uns hier in der Seele bewegt zu malen! Wenn Du meine Briefe aus letzter Zeit gelesen hast, wirst Du gemerkt haben, wie vieles ich entbehre, aber auch wie vieles mich beglückt.

Den 9. November, Montag 7 Uhr.

. . . Wir haben wieder die freie, weite Ebene erreicht, die ich so sehr liebe. Leider sehen wir sie nur undeutlich durch Mäuselöcher hindurch. Nun, es ist wenigstens so viel! . . . .

. . . . . Alle diese Tage hindurch habe ich den Reiz einer Landschaft genossen, die im süßen Frieden des Herbstes ruht. Dieser Friede wurde gestern durch den erschütternden Anblick eines brennenden Dorfes gestört. Es war nicht das erste, das wir sehen; aber wahrlich wir waren nicht mehr daran gewöhnt.

Wir haben unsern Beobachtungsposten bezogen; es war noch Nacht. Von den Höhen, die wir besetzten, sahen wir die gewaltige Glut und, als der Tag aufging, war das liebliche im Tal versteckteDorf nur noch eine Rauchwolke. All das in der Silberglorie eines strahlenden Morgens.

Von unserm Mauseloch aus blickten wir in die Talmulde mit den lieblichen Windungen ihrer Straße, ihrem von Weidenbäumen umrahmten Bach, ihrem Kalvarienberg, und all diese Harmonie sollte in dem Grausen der Zerstörung enden.

Die Deutschen haben es in der Nacht mit der Hand in Brand gesteckt; nach zwei Tagen wütender Kämpfe waren sie daraus vertrieben worden: ihre Handlung kann als ein Zeichen eines auf diesem Punkte beabsichtigen Rückzuges aufgefaßt werden. Dieses von unseren Soldaten gehaßte Verfahren ist, glaube ich, durch eine strategische Forderung vorgeschrieben. Wenn ein Dorf zerstört ist, wird seine Benutzung für unseren Dienst hinter der Front sehr erschwert. So haben wir denn den ganzen Tag dieser Verwüstung zugeschaut, während über unseren Köpfen die kleinen Feldmäuse das Stroh ausnutzen, in dem wir schlafen werden. Unser Infanteristendasein gleicht ein wenig dem der Kaninchen während der Jagdzeit. Wir sind dadurch, wenigstens die schlimmsten Angstpeter unter uns, in einen Zustand immerwährender Spannung gekommen, auf der Suche nach einem Schlupfwinkel. Sobald wir darin vergraben sind, schreibt man uns vor, nicht daraus zu weichen. Diese klugen Vorschriften werden leider nicht immer mit der nötigen Einsicht gehandhabt; so waren wir gestern zu Vieren in einem vorgeschobenenSchützengraben, der in einer herrlichen Gegend lag und unter Laubwerk vollständig versteckt war. Wir hätten also nach Herzenslust die Landschaft genießen können, hätte nicht der Gefreite, ein braver Junge, davor gezittert uns ein bischen leben zu lassen. Glücklicherweise sind die Artilleristen und Maschinengewehre dazwischen gekommen, haben an unserem Standort einen entsetzlichen Höllenlärm vollführt und uns gezeigt, wie wenig man auf überflüssige Vorsicht halten muß. Durch dieses Beispiel ermutigt, habe ich also in aller Freiheit die Landschaft genießen können, gestern leider raucherfüllt, ein erschütternder Anblick. Merke Dir wohl, geliebte Mutter, daß ich keine Unvorsichtigkeit begehen will; aber wahrlich, dieser Krieg ist der Triumpf des Verhängnisses, der Vorsehung und des Schicksals.

Mein sehnlichster Wunsch ist, die Gnade der Rückkehr zu verdienen; aber abgesehen von kurzen Augenblicken einer sehr menschlichen Ungeduld, kann ich sagen, daß der größte Teil meines Ichs der ruhigen Annahme des gegenwärtigen Augenblicks geweiht ist.

Den 10. November, 11 Uhr.

Teuerste Mutter!

Was soll ich Dir vom heutigen Tag erzählen! eintönig im Nebel. Beschäftigungen, die nicht stumpfsinnig an sich sind, es aber durch die geistlose Umgebung werden. Ich ziehe mich in mein Innersteszurück. Gestern schrieb ich Dir einen langen Brief, in dem ich Dir unter anderem sagte, wie teuer mir Deine Briefe sind. Du siehst also, daß ich mich etwas langweilte als ich das Papier zur Hand nahm; nun aber, da ich mit Dir bin, bin ich froh und denke sofort an die Freuden, die dieser Tag mir gebracht hat.

Heute morgen hat mich der Leutnant beim Kommandoposten Eisendraht holen lassen, in einem verwüsteten Dorfe, um das herum wir seit Wochen liegen. Ich bin durch die Obstgärten hinabgestiegen, die voll waren von den letzten abgefallenen Pflaumen. Einige Soldaten lasen sie sorglos auf und sammelten sie in Körben. Liebliches Bild, ganz ländlich und idyllisch, trotz der roten Hosen, die übrigens sehr abgeschossen sind nach drei Monaten Felddienst. Ich freue mich der Freundschaft von Ch. R. . . Er ist ein Mensch, der in allen Teilen mit mir übereinstimmt. Ich bin daher überzeugt, daß er es mir nicht übelnehmen wird, wenn ich nicht schreibe, besonders wenn Du seine Frau meiner Freundschaft versicherst.

Der kleine Dienst, der mir anvertraut worden ist, zwingt mich von Anbruch der Nacht bis 9 Uhr zu gehen, dann aber habe ich mitunter Gelegenheit in einer Deckung oder einer Scheune zu schlafen, statt nachts in den Schützengraben zurückzukehren.

Ich habe nicht mehr die angenehmen Leseabende zu Hause; wenn wir aber manchmal im Schützengraben, S. . . . und ich, nebeneinander liegen, kannstDu Dir nicht vorstellen, welche Traumbilder wir wachrufen und welche Freude uns die alten Erinnerungen bringen, die wir aufrühren. O! unter welchen Märchenhimmel reißen uns die Naturwissenschaften und die Neugierde des Intellektes und welches Vergnügen bereiten mir die wunderbaren Geschichten von diesem Metall oder jener Säure! Für mich scheinen Tausend und eine Nacht sich zu wiederholen. Und dann beim Erwachen manchmal die Anmut einer Morgenröte. Das ist das Leben, das ich seit dem 13. oder 14. Oktober führe. Ohne mehr zu verlangen, begnüge ich mich damit zu staunen, daß wir in einem solchen Kriege verhältnismäßig viel ruhige Stunden haben.

Du kannst dir nicht vorstellen, welche Genugtuung es für mich ist, zu wissen, daß Du meinen Sachen Deine Seele zuwendest. Wie freut es mich mir vorzustellen, daß meine Bücher Dich beschäftigen, Du meine Stiche betrachtest! . . . .

Vom 12. November, 15 Uhr.

. . . Heute haben wir einen Übungsmarsch gemacht, so angenehm wie der erste, in einem Wetter von wunderbarer Schönheit. Wir sahen in Blau und Rosa die fernen Ketten der Hügel von Metz, die weite, von Dörfern besäte Ebene, von denen einige einen morgendlichen Sonnenstrahl auffingen, während man die andern mehr ahnte als sah.

Wir führen ein Dasein, das in großen Zügenso aussieht: drei Tage bleiben wir in der Nähe des Feindes und leben in ganz gut gebauten Verdecken, die wir täglich verbessern, dann bleiben wir wieder drei Tage weiter hinten und schließlich drei Tage im Quartier in einem nahen Dorfe, gewöhnlich in demselben. So kommen wir dazu, Gewohnheiten anzunehmen, zwar recht vorübergehende, aber immerhin kommen wir in Berührung mit der übrigens schwer geprüften Zivilbevölkerung. — Die Wollkleider sind unschätzbar und unübertrefflich. . . .

. . . Wir haben es mit guten Seelen zu tun. Besonders die liebe Frau, bei der ich Dir schreibe und zu der ich schon das letzte Mal gekommen bin, plagt und müht sich zu Tod ab, um uns etwas von dem zu geben, was an das Heim erinnert. Aber, liebe Mutter, was mich an das Heim erinnert, das trage ich im Herzen. Aus Tellern essen und auf einem Stuhle sitzen, das ist nichts, was zählt. Deine Liebe ist’s, die ich so nahe fühle. . . .

Den 14. November.

Seit dem 12., um acht und ein halb Uhr abends wurden wir herumgeschleppt mit der Aussicht, an einem gewaltsamen Vorgehen teilzunehmen. Wir sind nachts fort, und in diesem Frieden der Natur klärten sich meine Gedanken ein wenig ab nach zwei Tagen Einquartierung, während welcher dasKörperliche immer etwas überhand nimmt. Wir gingen zur Verstärkung vor, voll in das Unbekannte hinein. Wir haben die Anordnungen, die zu treffen waren, in einer Scheune abgewartet, wo wir von elf bis vier Uhr auf dem Holzboden lagen. Dann gings in die Wälder, die Felder, die der Tag durch graue, rote, violette Wolken hindurch allmählich beleuchtete in der romantischsten und ergreifendsten Stimmung, die man sich denken kann. Im vollen lieblichen Morgen erfuhren wir, daß die Truppen, die uns vorausmarschierten, dem Feinde außerordentliche Verluste zugefügt hatten und sogar einen sehr leichten Vorteil erreicht hatten. Wir haben also unsern gewohnten Standort wieder bezogen und ich bin wieder hier und genieße die Pracht der französischen Landschaft, die so ergreifend schön ist in dem grauen, stürmischen, leidenschaftlichen November, mit Sonnenstrahlen, die in farbigen Flecken über den endlosen Horizont wie hingeworfen sind. Liebe Mutter, wie schön ist das, diese weite, ernste Landschaft, in der alles edel und wohl abgewogen ist und Einzelheiten sich fein abheben! — Eine mit Bäumen eingefaßte Straße, die bis zur Grenze sich schnurgerade hinzieht, Hügel, die vor den duftigen Linien liegen, in denen man die deutschen Vogesen zu erkennen glaubt. Das ist der Rahmen und dazu kommt etwas Besseres als der Rahmen: es gibt eine Melodie von Beethoven und ein Stück von Liszt, die lauten:„Segnung Gottes in der Einsamkeit“.5)Wir haben allerdings keine Einsamkeit, wenn Du aber die Gedichte von Albert Samain6)durchblätterst, wirst Du ein Motto aus Villiers de l’Isle-Adam finden: „Wisse, daß es auf Erden immer eine Einsamkeit gibt für diejenigen, die ihrer würdig sind.“ Jene Einsamkeit der Seele, die alles vergessen kann, was nicht mit ihr mitschwingt. . . .

Ich habe zwei Briefe von Dir erhalten vom 6. und 7. Vielleicht werde ich diesen Abend noch einen haben. Ja, wir wollen unsern Mut nicht darin setzen, daß wir von einander keine Briefe erwarten. Die Briefe sind unser Leben, sie teilen uns unsere Freuden mit, unser Glück, die Fülle des Genusses, den uns in reichem Maße das Schauspiel der Natur und dieser Zeit schenkt.

Wenn Deine Augen nicht wollen, ist das ein zwingender Grund; aber, abgesehen von Deiner Gesundheit, versage mir nicht Dein Herz, dessen Liebe Deine Briefe mir bringen.

Den 14. November, zweiter Brief.

Treue, geliebte Mutter!

Jetzt sind wir wieder in unserm gewohnten Quartier und mein Herz ist ganz erfüllt von Gedanken, die Dir zustreben. Ich kann Dir nicht allessagen, woran ich stündlich denke in dem Wunsche, mit Dir die mannigfaltigen Freuden zu teilen, die inmitten unseres eintönigen Daseins uns durch die Finger gleiten, wie Perlen von einem zerrissenen Faden auf den Sand fallen.

Ich möchte mit Dir aussprechen können, wie schön diese Wolke ist, welchen ernsten Eindruck diese Ebene auf uns macht, der Poesie des Windes lauschen, der über die Berge uns zuweht, wie während unseres Spazierganges in Boulogne. Und wenn wir dann hier sind, erlauben mir so manche prosaische Beschäftigungen nicht, mit Dir zu reden, wie ich fühle.

Deswegen habe ich Dir auch mein Paket geschickt mit meinem Tagebuch vom 18. August bis zum 20. Oktober.7)Diese Aufzeichnungen wurden zu einer Zeit gemacht, wo unsere Tornister weniger beladen waren und leichter sich öffneten, wo ich in der Seelenruhe der Tage im Schützengraben, wenn die Gefahr das Geschwätz aufhob, meine Seele ungehindert schwingen ließ. Seitdem habe ich die viel stärkere, weite, volle Freude entdeckt, Dir zu schreiben. Für mich wurde diese neue Zeit ein Paradies. Aber ich liebe das Leben im Quartier nicht, weil die Bequemlichkeit und die Sicherheit die Seelenkräfte entspannen und einen Wirrwar erzeugen, unter dem ich leide.

Du kennst das Bedürfnis, mich zu sammeln und allein zu sein, das ich immer hatte. Übrigens habe ich sehr gute Freunde und die Offiziere sind sehr freundlich. Und dann braucht es nur etwas Geduld, einige Augenblicke, in denen mein Gedanke Dir zugewandt ist, um mich glücklich zu machen. Wie war diese erste Hälfte November gnädig! Ich habe nicht ein einziges Mal unter der Kälte gelitten. Und wie viel Schönheiten! Der Allerheiligentag war ein langer Lobgesang, von der klaren Mondnacht über dem dunkeln Bernstein der herbstlichen Bäume an bis zur zarten Melodie der Dämmerung. Der endlose, rosige Traum der verschleierten Ebene, die sich an die fernen Hügel anlehnt. . . . Welch feierlicher Lobgesang! Und manche Tage seitdem singen den Ruhm Gottes! Coeli enarrant. . . . Das war das Geschenk dieser Zeiten.

Den 15. November, 7 Uhr.

Gestern gab mir das stürmische und aus der Sicherheit des Quartiers beobachtete prächtige Wetter zu Befürchtungen Anlaß für unsern Abmarsch heute nacht; doch als ich erwachte, war der klarste, funkelndste Himmel, den man sich vorstellen kann! Wie dankbar war ich!

Was wir am meisten fürchten, ist der Regen, der alles durchdringt, ohne daß man Feuer und Obdach findet. — Die Kälte bedeutet nichts — gegen die sind wir gewappnet.

. . . . . Und doch, wie sehr habe ich das Bilddieser weiten Ebene bewundert, in die wir hinabgestiegen sind, von dem mächtigen Winde gepeitscht. Der niedrige Horizont löste den weiten grauen Himmel ab, an dem wenige fahle Ausblicke an das verschwundene Blau gemahnten. — Ein Kalvarienberg, tragisch, schwarz in grau — dann skelettartige Bäume! Welch ein Bild! hier kann ich an Dich denken, an meine liebe Musik! heute habe ich die Umgebung, die ich brauche.

. . . . Ich möchte die Gestalt schärfer bestimmen, die mein fester Glaube an eine bessere durch diesen Krieg geforderte Zukunft annehmen wird. Diese Ereignisse bereiten die Entfaltung eines neuen Lebens vor, der vereinigten Staaten Europas.

Nach diesem Zusammenstoß werden diejenigen, die voll und mit kindlicher Liebe ihre Pflichten dem Vaterland gegenüber erfüllt haben, vor viel ernstere Aufgaben gestellt werden, deren Erfüllung zur Stunde unmöglich wäre. Aber das wird gerade unsere Pflicht sein, daß wir unsere Kräfte der Zukunft zuwenden. — Sie werden mit angespannter Energie dahin streben müssen, die Spuren der verletzenden Berührung zwischen den Völkern zu tilgen. Trotz mancher Fehler, trotz einiger Rückschritte in praktischer Hinsicht, mancher Schwächen im Wiederaufbau, hat die französische Revolution nichts desto weniger in der menschlichen Seele die herrliche Forderung der nationalen Einheit festgelegt. Wohlan, die Greuel des Kriegesvon 1914 führen zur europäischen Einheit, zur Rasseneinheit. Dieser neue Zustand wird nicht ohne Erschütterungen, Vergewaltigungen, Kämpfe auf unabsehbare Zeit sich festsetzen, aber ohne Zweifel hat sich heute die Türe zu diesem neuen Horizont geöffnet.

Den 16. November an Frau C . . .

Sehr verehrte gnädige Frauund beste Freundin!

Welche Freude und welchen Trost bringt mir Ihr Brief und wie stärkt Ihre warme Freundschaft meinen Mut!

Was Sie mir von meiner Mutter erzählen, verknüpft mich innig mit dem Leben. Dank für Ihre treue prächtige Freundschaft.

. . . Was soll ich von meinem Leben erzählen? Durch Mühen und Wechselfälle hindurch hält mich die Betrachtung der herrlichen Gegend aufrecht, die seit zwei Monaten die Schwermut und die Tragik dieser leidenschaftlichen Jahreszeit anhäuft. Einer meiner gewohnten Standorte liegt auf den Höhen, welche die endlose Ebene der Woëvre beherrschen. Wie herrlich! Welcher Segen ist es, stündlich bei Tag und bei Nacht die glühenden Farben des Laubes zu beobachten, an jedem Herbsttage! Die schreckliche Zerfahrenheit der Menschen vermag die erhabene heitere Ruhe der Natur nicht zu stören. Freilich gibt es Augenblicke,wo der Mensch alle vorstellbaren Maße zu übersteigen scheint; aber eine aufmerksame Seele unterscheidet bald die Harmonie, die alle diese Mißklänge beherrscht und ausgleicht. Glauben Sie nicht, daß ich der Trostlosigkeit der Bilder, von denen wir übersättigt sind, gefühllos gegenüberstehe: vernichtete Dörfer, in welche die Artillerie weiter wütet; Rauchwolken am Tag, Feuerschein in der Nacht; Elend der Bevölkerung, die unter den Granaten flüchtet. Jeden Augenblick erhält man einen Stich ins volle Herz. Gerade deswegen aber rette ich mich in diese höhern tröstenden Gedanken; denn in demselben Maße leidend, könnte ich, ohne diese Disziplin des Herzens, unsere Lage nicht ohne innere Zerrissenheit ertragen.

Den 17. November, morgens.

Liebe Mutter!

. . . Ich schreibe Dir im vollen Glück der Morgenröte über meinem lieben Dorfe. Die Nacht, die uns im Regen gelassen hatte, hat uns ein klares, strahlendes Wetter zurückgegeben. Ich finde meinen ungeheuer weiten Horizont wieder, die zarten Umrisse der Hügel, die edelgeschwungenen Linien meiner Täler. Wer glaubte, von der Höhe, wo ich bin, daß dieses ländliche und friedliche Dorf in Wirklichkeit nur noch ein Trümmerhaufen ist, daß kein Haus verschont geblieben ist, daß seit zwei Monaten niemand darin verweilen kann imHöllenlärm der Artillerie? Während ich Dir schreibe, trifft die Sonne den Kirchturm, den ein noch dunkler Baum in meiner Nähe umrahmt, während in der Ferne, über den letzten Hügeln, den letzten Erhöhungen des Bodens, die Ebene im Rosagold ihre köstlichen Einzelheiten zu offenbaren beginnt.

Den 17. November, 11 Uhr.

Das herrliche Wetter ist mein großer Trost. Ich lebe fast wie wenn ich ein Kranker wäre, den man in eine herrliche Gegend schickt, den aber die Kur zu unerfreulichen und ermüdenden Beschäftigungen zwingt. Im Grunde liegt zwischen Leysin und meinem jetzigen Schützengraben nur die Entwicklung des großen Fragezeichens. Immer nichts neues in unserer Kompagnie seit dem 13. Oktober.

Die Art des gegenwärtigen Krieges ist sonderbar. Es ist die Art von Nachbarn, die sich nicht vertragen. Bedenke, daß gewisse Schützengräben vom Feinde kaum durch 100 Meter getrennt sind und daß die Kämpfenden sich Handgranaten zuwerfen können: wie Du siehst, bedienen sich die Nachbarn gewaltsamer Mittel.

Ein eigenes Leben führe ich nur im Augenblick, wo ich bei Dir verweile, und wo ich die Pracht der Natur genieße.

Mitten unter dem Geschwätz gelingt es mir, das Gefühl der Einsamkeit der Seele, die ich brauche, mir zu bewahren.

Den 18. November.

Diesen Morgen zeigte uns der Tag die Ebene mit Reif bedeckt, eine gleichmäßige Weiße über den Hügeln und dem Walde. Mein Dörfchen sieht dadurch ganz eingefroren aus.

Ich hatte den größten Teil der Nacht in einem geheizten Unterstand zugebracht und hätte, dank der Freundlichkeit meiner Vorgesetzten darin bleiben können; ich bin aber dumm und schüchtern und bin von ein Uhr bis vier und ein halb Uhr wieder bei den Kameraden gewesen.

Es ist merkwürdig, wie prachtvoll wir die Kälte ertragen: wir besitzen fast alle ein herrliches Kleidungsstück, einen Mehlsack, den man je nach den Umständen als kurzen Radmantel und als Fußsack gebrauchen kann. In beiden Fällen ein vortrefflicher Wärmeerhälter.

11 Uhr.

Für den Augenblick habe ich eine hübsche, so rührende Melodie von Händel im Sinn und auch ein Allegro aus unsern vierhändigen Orgelsonaten: eine fröhliche, glänzende, von Tatendrang übersprudelnde Musik. Lieber Händel! Oft tröstet er mich.

Beethoven kommt mir selten in die Erinnerung; wenn aber seine Musik in mir erwacht, rührt sie an etwas so Grundlegendes, daß es jedesmal ist, wie wenn eine Hand Schleier vor der Schöpfung wegrückte.

Arme liebe große Meister! Wird man ihnen daraus ein Verbrechen machen, daß sie Deutsche sind? Schumann, wie kann man ihn einem Barbaren zugesellen?

Gestern gemahnte unsere Ebene an die Stelle, die Du mir vor zehn Jahren aus „Rheingold“ vorspieltest: „Freie Gegend aus Bergeshöhen.“8)Worin aber unser französisches Bild die schöne Musik dieses häßlichen Mannes übertraf, das war die feste Grundlage, die Klarheit, die Aufrichtigkeit. Ja, unsere französische Ebene hatte nichts Verschwommenes.

Was Wagner betrifft und, so schön auch seine Musik, so unbestritten und verführerisch sein Genie auch ist, ich glaube doch, daß, wenn man ihn nicht mehr hören sollte, man etwas für das französische Genie weniger Wesentliches entbehren würde, als wenn die großen Klassiker, seine Landsleute, in Frage kämen.

Ich darf es Dir aufrichtig sagen, in den Augenblicken, wo mir der Gedanke an die Möglichkeit der Heimkehr kommt, kümmere ich mich niemals um die Frage der kleinlichen Bequemlichkeit, des kleinlichen Wohlbehagens. EtwasHöheres und Edleres wendet mich dieser Art Hoffnung zu. Darf ich sagen, daß es sogar etwas anderes ist als die unendliche Freude des Wiedersehens? Es ist vielmehr die Hoffnung auf eine Wiederaufnahme unserer gemeinsamen Bestrebungen, unseres Zusammenarbeitens, dessen Ziel die Entwicklung unserer Seele und ihre nützlichere Betätigung auf Erden ist.

Den 19. November, morgens.

Teuerste Mutter!

Heute wurde ich bei der Morgenröte durch ein gewaltiges und zu dieser Tageszeit ungewohntes Geschützfeuer geweckt. In dem Augenblick kamen Kameraden, starr von einer Nacht im Schützengraben zurück. Ich bin aufgestanden, um ihnen Holz zu holen, während auf dem andern Abhang des Tales das Schützenfeuer sehr kräftig ertönte. Ich stieg so hoch hinauf wie ich konnte und sah in dem sehr klaren Himmel die Sonne sich ankündigen.

Plötzlich hörte ich von der Erhöhung gegenüber, einem jener Hügel, die ich so sehr liebe, Geschrei, Geheul kommen: Marsch! Marsch! Es war ein Bajonettansturm. Es ist der erste, dem beizuwohnen mir gegeben ist; nicht daß ich etwas gesehen hätte; die noch andauernde Dunkelheit und vielleicht auch die Beschaffenheit des Bodens verhinderten es. Was ich hörte genügte, um den Eindruck des Sturmangriffs zu geben.

Bis jetzt konnte ich mir nur von dem unpersönlichen Krieg ein Bild machen, der eine von jenem kriegerischen Mut, wie ihn der Zivilist von Alters her sich vorstellt, sehr verschiedene Form der Tapferkeit verlangt. Und plötzlich erinnert mich der furchtbare Lärm von heute morgen, mitten in meiner Ruhe daran, daß junge Männer, ohne persönlichen Grund des Hasses, auf Leute, die sie erwarten, sich stürzen können und müssen, um sie zu morden.

Aber die Sonne ging überdem Boden meines Vaterlandes auf. Sie beschien für mich das Tal, und von meiner Anhöhe aus unterschied ich zwei Dörfer, zwei Trümmerhaufen, von denen ich einen drei Nächte lang hatte brennen sehen. In meiner Nähe zwei Kreuze von weißem Holze . . . . Das französische Blut fließt im Jahre 1914 . . . .

Den 20. November.

Augenblicklich sehe ich vom Fenster aus, in dessen Nähe ich schreibe, die Sonne aufgehen. Sie durchdringt den Reif und ich ahne die schöne Ebene, die soviel Greuel erträgt. Wie ich höre, hat dieser Bajonettangriff, den ich gestern gehört habe, viele Opfer gekostet. Unter andern ist man ohne Nachrichten von zwei Halbzügen des Regimentes, das mit uns die Brigade bildet. Während andere ihr Geschick erfüllten, stand ich auf der Höhe des schönsten, übrigens in andern Augenblicken höchst ausgesetztenHügels. Ich sah dem Sonnenaufgang zu; ich war tief bewegt im Anblick des Friedens der Natur und maß das Verhältnis zwischen der Kleinlichkeit menschlicher Gewalttaten und der umgebenden erhabenen Schönheit.

Diese für Dich schwere Zeit, die sich vom 9. bis zum 13. September erstreckt, entspricht genau dem ersten Abschnitt des Krieges für mich. Den 9. September kam ich an, entstieg dem Zug vor der furchtbaren Schlacht an der Marne, die sich in einer Entfernung von 35 Kilometern entrollte. Den 12. erreichte ich das Regiment 106 und seitdem teile ich das Leben der Kämpfenden. Wie ich es Dir geschrieben, verließen wir also am 13. Oktober herrliche Wälder, in denen die feindliche Artillerie und Infanterie uns große Verluste zugefügt haben, besonders am 3. Unsere engere Gemeinschaft hat an diesem Tage einen prächtigen Menschen verloren, einen herzensguten Jungen, der für’s Leben zu gut geworden war. Am 4. wurde ein trefflicher Kamerad, ein Architekt von der Kunstakademie, ziemlich ernstlich am Arm verwundet, seitdem sind aber die Nachrichten, die er gegeben, gut. So haben wir bis zum 13., einem furchtbaren Tag, sehr schwere Zeiten durchgemacht, um so mehr als die sehr wirkliche Gefahr verschlimmert wurde durch den Eindruck des Erstickens und des Unbekannten, der uns in diesen, in andern Zeiten herrlichen Wäldern, erdrückte.

Die Hauptsache ist, den Ernst des gegenwärtigen Augenblickes nicht aus den Augen zu verlieren. Das Problem stellt sich uns in ganz besonderer Form dar. Auf der einen Seite die himmlische Gnade einer bis auf den heutigen Tag vollständigen Unversehrtheit. Andererseits das vollständige Weiterbestehen der zufälligen Gefahr für die Zukunft. Hier muß unser Wunsch, das Beste zu tun, sich auf den gegenwärtigen Zeitpunkt richten. Keine Erforschung der Zukunft kann uns befriedigen, ich glaube aber, daß jedes kraftvolle Streben, das die Gegenwart trifft, seine Wirkung nicht verfehlt. Es gilt, einen heldenhaften Kampf zu bestehen; aber wir wollen nicht auf uns allein bauen und nicht vergessen, daß es eine andere Macht gibt und wieviel wirksamer als unsere menschlichen Mittel!

Den 21. November.

Heute bürgerliches und fast zu bequemes Dasein. Die Kälte läßt uns bei der außerordentlichen Frau bleiben, die uns bei jedem Aufenthalt in dem Dorfe beherbergt, in dem wir drei Tage von neun einquartiert sind. Ich werde Dir nicht von der hübschen Aussicht erzählen, die ich von dem Fenster aus habe, an dem ich Dir schreibe, kann Dir aber das Heim beschreiben, welches Teile unseres Daseins in sich faßt. Am Tag leben wir in zwei, durch einen Glasverschluß getrennten Zimmern und von einem Zimmer ins andere können wir bald das schöne Feuer undden weiten Kamin bewundern, bald den prächtigen Schrank und die Betten, wie man sie in der Maasgegend hat, mit schönen alten Kupferbeschlägen. Das gemütliche Dasein von zwei alten Frauen (die Mutter, 87 Jahre alt, und ihre Tochter) ist in Unordnung gebracht durch die Rauheit, die Derbheit, die Gutherzigkeit und Freigebigkeit des Soldaten. Sie ertragen alles und opfern sich auf.

Was Spinoza betrifft, dessen Seele Du bereits in Dir besitzest, so glaube ich, daß Du gleich zu den letzten Lehrsätzen übergehen kannst. Du wirst ihn sicherlich unmittelbar begreifen, wenn er von der Ruhe der Seele spricht. Ja es gibt Augenblicke, für uns schwache Menschen leider zu selten, die doch genügen, und in denen wir durch die Erschütterungen und Stöße unserer armen menschlichen Natur hindurch eine gewisse Neigung zum Fortdauernden und Abschließenden unterscheiden, und wir das wunderbare göttliche Erbteil erkennen, das uns anvertraut ist.

Liebe Mutter, einen wie guten Tag habe ich eben mit Dir erlebt. Wir waren zu dreien: wir zwei und die liebliche Landschaft, die ich von meinem Fenster aus sehe. Von hier aus gesehen, gibt der Winter von den Dingen ein abgedämpftes, abgetöntes Bild. Zwei Wolken oder vielmehr dichter Nebel, hüllen die mir benachbarte Anhöhe ein, ohne die Zeichnung der Sträucher auf demKamm zu vergröbern; der Himmel ist leicht grünlich gefärbt. Alles ist gedämpft. Alles schlummert ein. Jetzt ist die Zeit der nächtlichen Angriffe, des Sturmgebrülls, der Wachen in den Schützengräben. Wie verlangen, jeden Augenblick, unsere Wünsche das Ende dieses Zustandes! Wie sehr wünschen wir die Ruhe für Alle, eine ungeheure Entschädigung, einen Ersatz für so viele Schmerzen, Leiden, so viele Trennungen.

Dein Sohn.

Sonntag, den 22. November, 9½ Uhr.

Von meinem Lieblingsplatz schreibe ich Dir diesen Morgen, ohne daß seit gestern irgend ein Ereignis Erwähnung verdiente, außer vielleicht den tausend wechselnden Einzelheiten der Landschaft. Ich bin mit Sonnenaufgang aufgestanden, ihr Silber überflutet den weiten Raum. Die Kälte ist immer heftig, aber das Zusammenwirken verschiedener Wollkleider wird in den Quartiernächten mit ihr fertig. Das Einzige, was ich erzählen kann, ist: morgen ziehen wir in die Schützengräben der zweiten Linie aus, in die jetzt skelettartigen, eintönigen Wälder. Von unseren drei Standorten ist das vielleicht derjenige, den ich am wenigsten liebe, denn der Himmel ist hinter hohe Äste verbannt. Das ist eher eine Landschaft für R. . ., aber reizlos und durch das Leben, das man darin führt, verdorben.

In unserer Gegend scheinen die Kämpfe mit einiger Heftigkeit wieder beginnen zu wollen. Heutemorgen hören wir ein heftiges Gewehrfeuer, was sehr selten in der Kriegführung von heute ist, die vornehmlich in nächtlichen Angriffen besteht, während der Tag fast ausschließlich zur Beschießung durch die Artillerie benutzt wird.

Liebe Mutter, setzen wir unsere Hoffnung in die Seelenstärke, die jede Stunde, jeder Augenblick verlangt. . . .

. . . . Ja, es freut mich Dir von dem Leben, das ich führe, zu erzählen; es ist in mancher Beziehung schön. Oft wenn ich abends auf der Straße bin, wohin mein kleiner Dienst mich führt und die ich allein durchwandere, bin ich vollkommen glücklich in der Gemeinschaft mit dieser edlen Landschaft, mit den harmonischen Zeichnungen der Gestirne an diesem Himmel, den groß und lieblich geschwungenen Linien dieser Hügel; und wenn auch in diesem Augenblick die Gefahr immer gegenwärtig ist, so denke ich doch, daß nicht allein Dein Mut, Dein Ewigkeitsbewußtsein, sondern auch Deine Liebe mir beistimmen werden, wenn ich nicht immer wieder bei der Erforschung des Rätsels stehen bleibe.

Mein gegenwärtiges Leben bietet also einige Höhepunkte der Empfindungen, die jeder Beziehung auf Fortdauer und Verharren sich entziehen, so z. B. schönes Laub, eine Morgenröte, eine liebliche Landschaft, einen ergreifenden Mondschein. Lauter Dinge, deren Vergänglichkeit undzugleich ewige Wiederholung das Menschenherz absondern und all den Sorgen entreißen, die in solchen Zeiten uns einer verzweiflungsvollen Unruhe, einem scheußlichen Materialismus, oder einem Optimismus zuführen würden, den ich durch eine sehr erhabene Hoffnung ersehen will, die uns gemeinsam ist und nicht auf menschlichen Dingen beruht.

Meine zärtliche Liebe und treue Anhänglichkeit für Großmutter, für Euch Mut, inneren Frieden, völlige Hingabe, jedoch ohne irgendwelche Entsagung.

Den 23. November.

Liebe Mutter!

Wir sind wieder in unsern Unterständen der zweiten Linie. Wir wohnen in Erdhütten, in denen das Feuer uns ebenso einräuchert als es uns wärmt. Das Wetter, das während der Nacht sich verfinstert hatte, hat uns einen wunderschönen rosa und blauen Morgen geschenkt. Leider sprechen mich die Wälder weniger an als die wundervollen Ausdehnungen der Feuerlinie. Und doch ist auch hier alles schön.

Mein gestriger Tag hat in der Freude bestanden, Dir zu schreiben; ich bin in die Dorfkirche gegangen, ohne irgend eine Anwandlung von Schwärmerei, auch nicht in dem Verlangen nach äußerlicher Tröstung. Meine Vorstellung von der göttlichen Harmonie brauchte durch keine äußerenFormen, keine volkstümliche Symbolik gestützt zu werden. Später habe ich das große Glück gehabt, einen Wagen in der nächsten Umgebung zu begleiten. Ach! welch’ wundervolle Landschaft von saftiger Farbenpracht stets in rosa und blauen, durch den Nebel abgeschwächten Tönen. Diese leuchtenden, prächtigen und doch duftigen Farben fanden Stützpunkte in den kräftigen Flecken, welche die in den Raum zerstreuten Gestalten bildeten. Meine gewöhnlich durch ihre Bestimmtheit an die alten Meister gemahnende Landschaft nahm eine durchaus moderne Subtilität der Farbengebung und reiche Nuancierung an.

Ich dachte einen Augenblick an unsere durchgeistigte Pariser Umgebung mit ihren unendlich zarten Farben und gedämpften Tönen, hier ist mehr Einfalt und Aufrichtigkeit, hier war alles einfach rosa und blau auf der Grundlage eines schönen grauen Bodens.

Mein Fuhrmann, der mit seinem Pferde nicht fertig wurde, hat mir eine Gerte überreicht, um damit auf das Tier zu schlagen: ich mußte wie eine Gliederpuppe aussehen. Wir fuhren an den Kalvarien vorüber, welche die Dörfer der Maasgegend beschirmen, einige Bäume, die ein Kreuz umgeben.

Den 24. Nov., 15½ Uhr, auf einem Rückmarsche.

Ich habe soeben einen Brief vom 16. und eine Karte erhalten und einen lieben Brief vom 18.Die beiden letzteren melden, daß meine Sendung angekommen ist. Wie froh bin ich darüber! Einen Augenblick fragte ich mich, ob ich Dir diese Eindrücke schicken sollte, aber unser Leben war nie und wird nie etwas anderes sein als ein stetes Forschen in der Gegend der ewigen Wahrheiten, ein inbrünstiges Betrachten von dem, was jeder Anblick auf Erden davon bietet. Daher bereue ich es nicht, Dir diese kurzen Bemerkungen geschickt zu haben.

Die heftigsten Leiden für mich waren die der Regentage im September. Sie haben übrigens für alle eine schmerzliche Erinnerung zurückgelassen. Wir schliefen umklammert, Gesicht an Gesicht, die Hände übereinandergeschlagen, in einer Überschwemmung von Wasser und Schlamm. Nie hätte man sich von unserer trostlosen Lage eine Vorstellung machen können.

Um das Maß unserer Leiden voll zu machen, nach diesen entsetzlichen Stunden, meldet man, daß der Feind seine Maschinengewehre auf uns richtet und daß wir ihn angreifen sollen. Mittlerweile sind wir abgelöst worden und die Entspannung war stark.

Mein unvollendetes Gedicht: „Soleil si pâle“ . . . bezieht sich auf die Tage des 11., 12. und 13. Oktobers, und überhaupt auf die Zeit der Kämpfe in den Wäldern, die für unser Regiment vom 22. September bis zum 13. Oktober dauerten. GewisseSonnenaufgänge über den Opfern des Kampfes haben mich innerlich bewegt. Seitdem habe ich nichts mehr geschrieben, außer einem Gebet, das ich Dir vor fünf oder sechs Tagen geschickt habe. Ich habe es auf jener Straße verfaßt, die ich durchwandern mußte.

Den 25. November, morgens.

. . . . Gestern, während dieses Marsches habe ich in einer Landschaft meiner geliebten alten Meister gelebt. Als wir aus den Wäldern heraustraten, da wir, einer Straße entlang, herabstiegen, hatten wir in unserer Nähe einen weiten, schloßartigen Hof, von einer entlaubten Baumgruppe gekrönt, neben einem zugefrorenen Teich.

Fernerhin, in der verkürzten Perspektive, die meine lieben Maler trotz ihrer scheinbaren Einfalt so geschickt anwandten, stellte eine Straße, die ihre Windungen, ihre Senkungen und Steigungen entrollte, die Verbindung zwischen Büschen, einzelnen Bäumen her: alles scharf, feingegliedert, wie radiert, und doch rührend. Eine kleine Brücke führte über einen Bach, ein Reiter ritt in der Nähe der kleinen Brücke vorbei, bis ins Einzelnste scharf umrissen, dann ein kleiner Wagen: abgetönte und doch bestimmte Farben in seiner Harmonie, — all das vor einem Horizont von majestätischen Wäldern. Ein grauer Himmel, der die ganz moderne Farbensymphonie von vorigem Sonntag aufhobund mich zu jener eindringlichen Peinlichkeit der Wiedergabe zurückführte, die uns bei einem Breughel und andern Meistern, deren Namen mir entfallen, bewegen. Derart ist auch die wohlgeordnete, durchsichtige, reiche Anordnung der Hintergründe von Albrecht Dürer.

Den 26. November.

Geliebte Mutter, ich bin nicht dazu gekommen den gestrigen Brief zu vollenden. Wir waren sehr beschäftigt. Heute ist es noch Nacht. Aus meiner Höhle, die ich in der Feuerlinie erreicht habe, schicke ich Dir meine innige Liebe und den Ausdruck des großen Glückes, das ich habe. Ich fühle, wie mein Werk in mir reift. Was ist daran gelegen, wenn die Vorsehung mir nicht gewährt es zu verwirklichen? Ich habe die feste Hoffnung, vor allem vertraue ich in die ewige Gerechtigkeit, welche Überraschung sie auch der menschlichen Vorstellung, die wir uns von ihr machen, bereiten mag. . . . .

Den 28. November.

Die Stellung, die wireinnehmen, nähert uns dem Feinde auf 45 Meter. Der Anblick der Laufgräben ist seltsam und wirkt sogar malerisch durch eine Herbheit der Linien, die der graue Himmel noch verstärkt.

Wenn unsere Truppen, nachdem sie nächtlicher Weile die Wachsamkeit des Feindes getäuscht haben, von dem Tale herkommend, die halbe Höhe, deren Abhang uns vor dem Gewehrfeuer schützt,erreichen, treffen sie in den Hügel eingegrabene Unterschlüpfe, Höhlen, wo die Abteilungen, die nicht auf Wache sind, Schlaf und die Wärme eines rasch gebauten Heims finden. Weiter draußen, gerade an der Stelle, wo die freiliegende Landschaft herrlich wird durch Weite und Beleuchtung, beginnt der gewundene Einschnitt, den man Verbindungsgraben9)nennt und in den man eindringt. So gelangt man unbemerkt in den Schützengraben, wo sich ein wahrhaft kriegerisches, ernstes Bild, dem es an Größe nicht fehlt, darbietet, ein tiefer schmaler Gang, dessen Decke der graue Himmel ist, und dessen Erdverkleidungen von frischem Schnee bedeckt sind. Hier stehen die letzten Einheiten der Infanterie; Einheiten von gewöhnlich schwachem Bestand. Der Feind ist hier schon weniger als hundert Meter entfernt. Von hier aus geht der Verbindungsgang weiter, immer gewundener und tiefer; in ihm empfinde ich das, was ich stets bei der Berührung mit frischaufgerührter Erde fühle. Der durch Erdarbeiten aufgewühlte Boden erweckt in mir etwas, wie wenn die Kräfte der aufgerissenen Erde in mich drängen und mir die Geschichte des Lebens erzählten.

In diesen Klüften arbeiten zwei oder drei Schanzengräber des Geniekorps, verlängern sie, graben sie tiefer, von den Deutschen beobachtet, diebisweilen ungenügend geschützte Stellen erreichen können. Auf diesem äußersten Punkt steht der letzte Infanterieposten (etwa vierzig Meter vom Feind).

Du kannst Dir den Gegensatz dieser militärischen Einrichtung und des Friedens denken, der an dieser Stelle zu herrschen pflegte. Stelle Dir mein Erstaunen vor, wenn ich mich erinnere, daß in dem Bereich meines Blickes der Landmann seinen Pflug lenkte und diese Sonne, deren Glorie ich erspähe, wie der Gefangene die Freiheit, ihm auf dieser Anhöhe gespendet wurde.

Wenn ich dann in der Dämmerung in die Ebene hinaustrete, welche Wonne! Ich will Dir nicht davon sprechen, denn ich verschweige noch mein Glück. Ich darf es nicht offenbaren: es ist ein Vöglein, das die Stille liebt. . . . Begnügen wir uns damit, was das Wesentlichste ist, von dem Glück zu sprechen, das sich nicht aufscheuchen läßt: uns in gleichem Maße auf alles vorbereitet zu fühlen.

Den 29. Nov., morgens, im Quartier.

Teuerste Mutter!

Gestern habe ich die Feuerlinie bei schlechtem Wetter verlassen, das in der Nacht nach meiner Ankunft in Regen überging. Ich sehe ihn von meinem Lieblingsfenster aus als Nebel fallen. Wenn Du willst, erzähle ich Dir von den gestern flüchtig gesehenen Wundern.

Von der in meinem gestrigen Brief beschriebenen Stellung aus sieht man, wie ich es Dir oft schon geschrieben, den herrlichsten Horizont. Gestern nun zerfetzte ein fürchterlicher Wind einen Schleier von sehr niedrigen Wolken, die an den Höhen hängen blieben. Vielleicht wird Dir der Hintergrund meines Haheyna eine schwache Vorstellung von dem geben, was ich gesehen habe. Doch um wie viel erhabener und stürmischer war mein gestriges Fühlen!

Die Hügel und Täler gingen abwechselnd von Schatten in Licht über, bald scharf umgrenzt, bald verschleiert, je nachdem die Nebel sie enthüllten. Am Himmel große hellblaue lichtumflossene Lücken.

Das war die Pracht des gestrigen Tages. Soll ich Dir von den letzten Abenden erzählen, wo der Mond auf die Landstraße mir die zierliche Verästelung der Bäume abzeichnete, die Tragik der Kalvarien, das rührende Bild der Häuser, von denen man weiß, daß sie Ruinen sind und welche die Nacht wie ein Bild des Friedens erstehen läßt.

Ich freue mich zu sehen, daß Du Verlaine liebst. Lies das schöne Vorwort von Coppée, welches die Sammlung der ausgewählten Werke eröffnet, die Du in meiner Bibliothek finden wirst.

Seine Frömmigkeit ist von einer Unmittelbarkeit, ich möchte beinahe sagen von einer Sinnlichkeit, die mich immer etwas irre macht, gerade weilsie der katholischen Frömmigkeit eigen ist, deren bildliche Erscheinung mir immer fremd bleiben wird. Aber was für ein Dichter!

Er ist meine fast tägliche Wonne in Paris und hier kommen mir oft die Weisen seiner „Paysages Tristes“10)in den Sinn; denn sie geben genau die Stimmung mancher Stunden wieder. Sein Leben ist rührend wie das eines kranken Tieres und man staunt darüber, daß eine solche Verkommenheit die köstlichen Blumen seiner Poesie nicht verwelken ließ. Seine Belehrung, eher die eines Künstlers als die eines Denkers, kam infolge einer Umwälzung in seinem Leben nach schweren Vergehungen. (Er war im Gefängnis.)

In „Le Lys Rouge“ hat Anatole France unter dem Namen Choulette ein lebensvolles Bild von ihm entworfen; vielleicht findet sich dieses Buch bei uns.

Die Poesie in „Sagesse“ wirkt wunderbar und erbaulich durch den Schwung, die Leidenschaft der künstlerischen Absicht, der Neue. Es ist etwa wie wenn der Aufschrei der „Mainacht“ durch sein ganzes Werk hindurch erklänge.

Unsere beiden stärksten poetischen Begabungen im vergangenen Jahrhundert, Müsset und Verlaine, waren zwei Unglückliche, deren doch so herrliche und berauschende Blumenpracht keineinnere Stütze aufrecht hält. Ich langweile Dich vielleicht, indem ich Dir von gleichgültigen Dingen erzähle, aber es versenkt mich wieder ein wenig in mein vergangenes Leben. Seitdem ich das Glück habe Deine Briefe zu empfangen, habe ich nichts mehr aufgezeichnet. Glaube ja nicht, daß die Nebensachen mich das, was wir ersehnen und erhoffen, vergessen lassen; doch ich glaube, daß was den Schmuck des Lebens ausmacht, gerade das ist, was es für uns beide kostbar macht.

Ich erwarte Briefe von Dir seit dem letzten vom 22.; doch ich werde sicher einen hier im Quartier vorfinden. Ich danke Dir für das angekündigte Packet. Arme Mütter, wie sie alle sich quälen!

Den 1. Dezember, morgens, im Quartier.

Ich erinnere mich, wie ich mich freute, wenn ich als dienstfrei mich von meinen militärischen Obliegenheiten entbunden sah. Es schien mir, als wären mein Leben und meine Laufbahn unwiderruflich verloren, wenn ich mit sieben und zwanzig Jahren wieder zum Regiment müßte. Und nun bin ich mit acht und zwanzig Jahren tief im Soldatenleben drin, fern von meinen Arbeiten, meinen Sorgen, meinen ehrgeizigen Plänen, und nie hat mir das Leben eine solche Fülle von erhabenen Eindrücken gebracht: niemals vielleicht fand ich, um sie aufzuzeichnen, eine solche Fülle der Empfänglichkeit,eine solche Ruhe des Bewußtseins. Das sind also die Gnadengaben einer Lage, die meine vernünftigen menschlichen Voraussichten mir als ein Verhängnis erscheinen ließen. Hier wirkt die von der Vorsehung mir beschiedene Lehre weiter, die allen meinen Befürchtungen zum Trotze, Segen in jede Veränderung meiner Lage hineinlegt.

Die beiden letzten Sonnenaufgänge gestern und heute waren wundervoll. . . .

Ich habe Lust für Dich eine kleine Skizze von der Aussicht meines Fensters zu machen. . . .

. . . . Ich mache es aus dem Gedächtnis, aber darüber stelle Dir die ergreifendsten Purpurstreifen vor und rechts und links noch endlose Ausdehnungen. Das zu betrachten war mir in der letzten Zeit mehrmals gegönnt. Augenblicklich bringt ein lieblicher Himmel Harmonie in die Obstgärten, in denen wir arbeiten. Mein kleines Amt befreit mich für einige Zeit von der Hacke. Das sind die Freuden, die von ferne mir als Katastrophen erschienen.

Den 1. Dezember, 2. Brief.

Ich habe soeben Deine Briefe vom 25., 26. und 27. erhalten, sowie einen lieben Brief von Großmutter, die so tapfer, so seelenvoll, so geistig frisch ist. Er machte mir viel Freude und bringt mir eine köstliche Hoffnung, deren glückliches Omen ich mit Freude annehme. Jeder Deiner lieben Briefe gibt mir auch, was das Leben für mich Schönsteshat. Mein heutiger erster Brief antwortet auf das, was Du mir von der Annahme der Prüfungen und Zerstörung der Götzenbilder sagst. Du siehst, daß ich ganz wie Du denke und ich hoffe, daß ich zur Stunde kein allzu hemmendes Götzenbild im Herzen trage. . . .

Ich glaube, daß mein letztes Gebet in der Tat sehr einfach ist. Die Eingebung des Ortes hätte ein Gewand von zu überladener Kunst nicht geduldet. Gott war überall und überall Harmonie: die nächtliche Straße, von der ich Dir oft erzähle, der Himmel voll Sterne, das Tal voll Murmeln der Gewässer, die Bäume, die Kalvarien, die nahen oder fernen Hügel. Für etwas Künstliches wäre kein Platz gewesen. Ich brauche nicht darauf zu verzichten, Künstler zu sein; denn ich hoffe immer aufrichtig zu sein und meiner Kunst mich nur zu bedienen, um damit eine Überzeugung zu schmücken.

Den 5. Dezember, morgens.

. . . . Wir treten aus unsern Höhlen heraus, und auf die drei Tage klösterlicher Einschließung folgt der Morgen auf der weiten Ebene. Man kann sich keine Vorstellung von dem Durcheinander machen. — Dein hübsches Viertelchen aus Aluminium entzückt jedermann.

Ist’s schlimm mit der Wunde von André? Die Mütter stehen furchtbare Angst aus in diesem Krieg; doch immer mutig, nichts wird verlorensein! Ich für mein Teil befinde mich wohl und bin so glücklich als es die Umstände ermöglichen.

Heute furchtbarer Wind, der wundervolle Wolken treibt. Kräftige Luft, mit der die Baumäste sich gut abfinden. Alle vergangenen Abende herrlicher Mondschein, den wir umsomehr zu schätzen wußten, als das Tageslicht uns entzogen war. Teure Mutter, ich schreibe heute schlecht, weil wir durch das Tageslicht wie betäubt sind, nach den Stunden in der Finsternis, aber mein Herz eilt Dir zu und findet in Dir seine Stütze.

. . . Laß uns an alles mit mutigem Sinn herantreten: laß uns immer und in allen Dingen auf Gott vertrauen. Wie fühle ich mit Dir, daß man Ihn nur im Geiste anbeten kann! Und mit Dir denke ich, daß man allen Hochmut meiden muß, der ein Hohn auf die frommen Gebräuche der andern wäre. Unsere Liebe soll ein der allgemeinen Vorsehung zugewandter Bund sein. Übergeben wir ihr unser Los in einem beständigen Gebet. Gestehen wir ihr demütig unser irdisches Hoffen und versuchen wir jeden Augenblick mit der göttlichen Weisheit es zu vereinigen. Das ist eine Aufgabe, deren Schwierigkeit sich jetzt offenbart, die aber auch unter den gewöhnlichen Lebensbedingungen besteht.

Sonntag, den 6. Dezember.

Ich freue mich, Dich so standhaft dem Mute zugerichtet zu sehen. Wir brauchen ihn oder vielmehrwir brauchen etwas, was schwer zu erlangen ist, was weder Geduld noch allzustarke Zuversicht ist, sondern ein gewisses Vertrauen in die Ordnung der Dinge, — ein gewisses Vermögen, von jeder Prüfung zu sagen, daß es so recht, ist.

Unser Lebenstrieb bringt uns dazu, uns von den gegenwärtigen Verpflichtungen frei zu machen, wenn sie zu grausam und häufig sind; aber Du hast sehen können, wie auch ich die große Freude hatte es zu erfahren, was Spinoza unter der menschlichen Freiheit verstand. Ein unerreichbares Ideal, dem man trotzdem zustreben muß. . . .

. . . Liebe Mutter, die Prüfungen, die wir annehmen müssen, sind lang; man kann nicht sagen, daß sie eintönig sind; denn sie verlangen, trotz ihrer gleichmäßigen Gestalt, einen stets erneuten Mut, halten wir zusammen, damit Gott uns die Kraft und die Möglichkeit gibt, alles hinzunehmen! . . .

Du weißt, was ich Religion nenne: was im Menschen alle seine Vorstellungen vom Universellen und Ewigen, diesen beiden Formen des Göttlichen, vereinigt. Die Religion, im gangbaren Sinne des Wortes, ist weiter nichts als die Verbindung gewisser sittlicher und erzieherischer Formeln mit der wunderbaren poetischen Gestaltung der kraftvollen biblischen und christlichen Philosophien. Wir wollen niemanden verletzen. Bei richtiger Betrachtung erscheinen mir die religiösenFormeln, so fremd sie auch den Forderungen meines Intellektes sind, lobenswert und sympathisch, insoweit sie ein Streben nach Schönheit und Form ausdrücken.

Teure geliebte Mutter, hoffen wir immer; die Prüfungen sind mannigfaltig, aber alles Schöne verbleibt. Flehen wir darum, es noch lange betrachten zu dürfen. . . .

Montag, den 7. Dezember.

Vielgeliebte teure Mutter!

Ich schreibe Dir in der Nacht . . ., übrigens ist um 6 Uhr morgens das Soldatenleben in vollem Gang. Meine Kerze ist auf ein Bajonnett aufgepflanzt und von Zeit zu Zeit bekomme ich einen Wassertropfen auf die Nasenspitze. Meine Leidensgefährten versuchen ein trügerisches Feuer anzuzünden. Der Aufenthalt in den Schützengräben verwandelt uns in Haufen von Schlamm.

Die allgemeine gute Laune ist wunderbar. So sehr sich die Kameraden nach Hause zurücksehnen, sie ertragen nicht weniger heldenhaft die Wechselfälle des Waffenhandwerks. Ihr Mut, unendlich weniger durchgeistigt als der meinige, ist umso werktätiger und den Verhältnissen angepaßter; aber jeder Vogel hat seinen Schrei, der meinige hat nichts von dem eines Kriegsvogels. Ich bin froh, daß ich bei allen Stößen von außen innerlich mitgeschwungen habe und setze meine Hoffnung darein, daß sie meine Seele gestählt haben. So legeich auch in Gott mein Vertrauen für alles, was er mir vorbehalten will.

Ichglaube mein künftiges Lebenswerk zu ahnen. Doch ich will aus dieser Vorahnung keinen Schluß ziehen; denn ein jeder Künstler trug ein Werk in sich, das das Tageslicht nicht gesehen hat.

Mozart dachte daran, seinen Aufflug zu nehmen, als er dem Tode nahe war, und Beethoven hat die zehnte Symphonie entworfen, ohne sich um die Kürze der Zeit zu kümmern, die das Schicksal ihm übrig ließ.

Die Pflicht des Künstlers ist, seine Knospen aufblühen zu lassen, ohne den Frost zu fürchten, und vielleicht erlaubt es Gott, daß mein Bemühen in die Zukunft weiterwirkt. Meine Versuche und Proben meiner Arbeit zeigen, obgleich sie sehr einheitlich sind, noch etwas Kindliches, Stammelndes in der Ausführung, das zu der wirklichen Höhe der Auffassung wenig paßt. Wie mir scheint, wird meine Kunst erst in der Reifezeit meines Lebens sich voll entfalten. Beten wir zu Gott, daß er mich dahin gelangen lasse. . . .

Was Dein Herz anbelangt, so habe ich ein solches Vertrauen in Deinen Mut, daß diese Zuversicht in dieser Stunde mein größter Trost ist. Ich weiß, daß meine Mutter zu der Freiheit der Seele gelangt ist, welche das Wirken des Weltalls zu betrachten uns erlaubt. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie diese Weisheit nur Stückwerkist, aber es heißt schon Gott besitzen, wenn man ihn ahnt.11)Die Zuversicht, die mir Deine Seele und Deine Liebe verleihen, erlaubt mir an die Zukunft zu denken, unter welcher Gestalt es auch sein mag.

Den 9. Dezember.

Liebe Mutter, in seinem reizenden Brief sagt mir P. L., daß er gerne seine Philosophen gegen ein Gewehr vertauschen würde. Er hat sehr Unrecht. Einmal ist Spinoza, der ihm zuwider ist, ein wertvoller Helfer in den Schützengräben, und dann müssen diejenigen, die in der Lage sind, jede Kultur und jeden Fortschritt auszunutzen, den Fortbestand des französischen Geisteslebens sichern. Sie haben eine erdrückende Aufgabe, die viel mehr Tatkraft verlangt als die unsrige. Wir sind von allem Zwang befreit. Ich denke mir unser Leben wie das der ersten Mönche: eine harte, gleichmäßige, von jeder äußeren Obliegenheit freie Regel. . . .

Den 10. Dezember,in der wunderschönen Morgenstunde.

Unser dritter Tag im Quartier bringt uns die liebliche Gabe eines versöhnten Wetters. Die entfesselte Sintflut unseres Aufenthaltes in der Feuerlinie beruhigt sich etwas und die Sonne zeigt sich schüchtern.

Unsere seit zwei Monaten angenehme Lage muß sich notwendigerweise ändern.

Da die Festigkeit der Stellungen den Krieg ins Endlose zu verlängern drohen, wird der Angriff des einen der beiden Gegner die Bewegung in Fluß bringen und die Ereignisse beschleunigen müssen. Ich glaube, daß die Kriegsleitung diese Wendung der Dinge ins Auge faßt, und ich für mein Teil wage es kaum, Dir zu sagen, daß ich mich über nichts beklage, was die Gelegenheiten, Erfahrungen zu sammeln, vermehrt.

Unser Leben, das zu einem Drittel plattbürgerlich ist, zu zwei Dritteln die Gefahren einer chemischen Fabrik bietet, würde schließlich jede Empfindung abstumpfen. Sicherlich werden wir nur ungern unsere Gewohnheiten aufgeben, aber vielleicht waren wir eben zu sehr an eine gewisse Bequemlichkeit gewöhnt, die auf die Dauer unmöglich wurde.

Was mich betrifft, wird meine Stellung sich vielleicht verändern. Ich werde wahrscheinlich meinen gewohnten Gang12)aufgeben müssen, da ich als Gefreiter vorgeschlagen bin, was mir einen ständigen Platz im Schützengraben und andere Verwendung in der Feuerlinie anweisen wird. Ich hoffe, daß Gott mich hierbei ebenso segnen wird wie bis jetzt.

. . . . Ich fühle, daß wir um nichts zu bitten brauchen. Wenn in uns etwas Ewiges ist, was wir noch auf Erden betätigen sollen, so dürfen wir sicher sein, daß Gott uns hier lassen wird, um es zu tun.

Den 10. Dezember, 2. Brief.

Glücklicherweise haben wir ein Gebiet, auf dem alles uns vereinigt, ohne daß ein geschriebenes Wort nötig wäre. . . .

Der Himmel wird wieder grau und kündigt einen feuchten Aufenthalt für unsere zweiten und ersten Linien an.

Der Tag geht zur Neige und die große Schwermut senkt sich auf alle Dinge. Es ist die graue Stunde für alle, die in der Ferne sind, für alle Soldatenherzen, die an das Heim zurückdenken und die Nacht über die Erde kommen sehen.

Ich gehe zu Dir und schon erwarmt mein Herz. Ich fühle Deine aufmerksame Zärtlichkeit und die Weisheit, welche Deinen Mut beseelt. Manchmal scheue ich mich, Dir immer dasselbe zu wiederholen; aber wie soll ich neue Worte finden für meine arme, durch immer dieselben Wechselfälle hin und her geworfene Liebe? Da wir bald von hier fortkommen, werden wir vielleicht manche Andenken, die wir aufbewahrten, verlassen müssen; aber die Seele darf sich nicht an Fetische festklammern. Unser Herz mag manchmal gewisse Dinge benutzen, aber unsere Liebe kann ohne Amulett bestehen.

Den 12. Dez., 10 Uhr (Postkarte).

Lieblicher Tag im Regen. Alles steht gut in unsern Wäldern. In der Nähe hat es furchtbaren Kanonendonner auf beiden Seiten gegeben.

Deine Briefe vom 4. und 6. empfangen. Ich freue mich darüber. Es ist das wahre Glück meines Lebens. Ich bin froh, daß Du C. . . . besucht hast. Ich hoffe Dir ausführlicher zu schreiben. Nicht als ob es mir mehr als sonst an der Zeit fehlte, aber ich durchlebe Tage, wo ich für die Schönheit der Dinge weniger empfänglich bin. Ich strebe der wahren Weisheit zu. . . .

Den 12. Dez., 7 Uhr nachmittags.

Trotz der wechselnden Schönheit der Sonne und des Regens war ich heute für das Schauspiel der Natur nicht empfänglich. Und doch war nie soviel Anmut und Güte am Himmel.

Die Landschaft mit dem Brücklein und seinem Reiter, von der ich Dir erzählte, wurde von weicher Anmut unter der Pracht der Wolken durchdrungen. Aber ich empfand nicht wie früher den Segen Gottes, als plötzlich ein schöner, so schöner Baum zu meinem Herzen gesprochen hat. Er hat zu mir von der stets lächelnden Schönheit, der Frische des Epheus, geredet, von der herbstlichen Röte, von der winterlichen Schärfe der Zeichnung in den Baumästen; da habe ich begriffen, daß eine Stunde in solcher Betrachtung das ganze Lebenist, dem Dasein seinen Wert verleiht, neben dem alles menschliche Erwarten nichts ist als ein böser Traum.

Sonntag, den 13. Dezember.

. . . . Ich ging heute nach einer erquickenden Nacht in diesen Wäldern spazieren, wo vor nunmehr drei Monaten die Toten den Boden bedeckten, heute breitete der Spätherbst seine Schätze aus und dieselbe Schönheit der bemoosten Stämme redete zu mir, wie gestern, von ewiger heiterer Anmut.

Es bedarf allerdings einer ungeheuren aber unerläßlichen Selbstüberwindung, um zu begreifen, wie wenig die allgemeine Harmonie gestört wird durch die Ereignisse, deren Anblick unser Empfinden gewaltsam erschüttern.

Man muß durch Erfahrung erkennen, daß ein körperlicher Riß wenig bedeutet und daß unser wahres Ich in dem Aufschwung der Seele liegt.

Den 14. Dezember(bei herrlichem Wetter undwiedergewonnener Seelenruhe).

Wir sind jetzt wieder in unserem Abschnitt der Feuerlinie, aber an einer Stelle, wo man den Kopf heben und die Anmut meiner teuern Maashügel genießen kann, die eine zarte Beleuchtung aufheitert.

Ich sehe über den Dörfern und den Obstgärten die Birken- und Tannenreihen. Die einen färbenihr Baumskelett mit duftigem, weißgeädertem Violett, die andern unterstreichen die Horizontlinie mit ihren satten Farben.

Ich wurde innerlich gestärkt durch die wunderbare Lehre, die mir während eines Marsches ein schöner Baum gegeben. Ach, liebe Mutter, alles an uns kann untergehen, die Natur besteht darum nicht weniger herrlich und, was sie mir in Augenblicken von ihren Gaben geschenkt, genügt, um ein ganzes Leben zu rechtfertigen. Dieser Baum war wie ein Soldat!

Du kannst Dir nicht vorstellen, wie viel die Wälder in dieser Gegend gelitten haben: nicht sowohl durch Beschießung als durch das furchtbare, für den Bau von Unterständen und unsere Heizung notwendige Abholzen. Und doch mitten in dieser Verwüstung erzählte mir dieser Baum, daß für den Baum und den Menschen Schönheit immer bestehen wird.

Auch der Mensch gibt dieselbe Lehre: Sie ist schwerer in ihm zu entziffern, ist aber schön, wenn man die wundervolle Lebenskraft dieser Jugend sieht, deren Tatkraft durch die Ernte des Todes nicht vermindert wird.

Den 15. Dezember, in der Frühe.

Teure geliebte Mutter!

Ich habe Deinen lieben Brief vom 9. erhalten, in dem Du von unserm Heim erzählst. Ichbin glücklich zu fühlen, wie schön die Lebenskraft ist, die rasch nach jeder Trennung, jedem Riß sich wieder einzurichten weiß. Ich bin glücklich zu fühlen, daß meine Briefe in Deinem Herzen einen Wiederhall finden. Oft fürchtete ich Dich zu ermüden; denn unser Leben, das in mancher Hinsicht herrlich ist, ist das denkbar einfachste und bietet wenige hervorstechende Ereignisse.

Wenn ich mein Malerhandwerk ausüben könnte, hätte ich die schönsten Gelegenheiten zum Sehen vor mir und würde über den umfassendsten Vorrat an malerischen Eindrücken, den es geben kann, verfügen. Wenn ich aber versuche Himmel, Bäume, Hügel und Horizont zu erzählen, gebrauche ich die Worte nicht so feinfühlig wie die Farben und die unendliche Mannigfaltigkeit der Bilder beschränkt sich in der Wiedergabe auf einige Grundformen, die, wie ich fürchte, sich wiederholen . . . .

Den 15. Dezember.

. . . Man muß sich diesem eigentümlichen Dasein anpassen, das zugleich arm an geistiger Tätigkeit und wunderbar reich an plötzlichen seelischen Erregungen ist. Ich stelle mir vor, daß in unruhigen Zeiten, vor Jahrhunderten, Männer, des überfeinerten Lebens überdrüssig, im Frieden des Klosters die Betrachtung der ewigen Fragen aufsuchen und, wenn auch durch die Drohung feindlicher Horden belästigt, dort eine Zufluchtsstättefinden mochten. Ich stelle mir vor, daß unser Leben dem Leben dieser alten Mönche gleicht, deren Dasein sehr kriegerisch war, die mehr als ich für den Kampf geeignet waren. Unter ihnen konnten empfängliche Seelen Freuden genießen, die ich heute wiederfinde. — Ich erhalte heute einen rührenden Brief von Frau M. . . ., deren Herzlichkeit ich liebe.

Wechselndes, doch ergreifend schönes Wetter.

Es ist unmöglich, mehr als wir getan, über die Haltung zu sagen, die wir den Ereignissen gegenüber einnehmen müssen. Worauf es ankommt, das ist die Ausführung. Sie ist nicht leicht; ich habe es dieser Tage erfahren, obgleich keine neue Schwierigkeit meinem Bemühen, die Weisheit zu erreichen, in den Weg trat.

. . . Manchmal faßt man eine gewisse innere Unruhe, die an einem nagt, als die Stimme eines wachsamen Gewissens auf.


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