Johannes erzählt, sie seien unter dem Kreuze gestanden, und auch er selbst, der vorher geflohen war, sei bei dem Gekreuzigten gestanden; aber von dem Ausharren der Frauen spricht er zuerst, wie wenn er durch ihr Beispiel ermutigt und zurückgerufen worden wäre. „Es stund aber bei dem Kreuze Jesu seine Mutter, und seiner Mutter Schwester, Maria, Kleophas Weib, und Maria Magdalena. Da nun Jesus seine Mutter sahe und den Jünger dabei stehen“ u. s. w.
Diese Ausdauer der heiligen Frauen und die Schwachheit der Jünger hat lange vor dieser Zeit der fromme Hiob für die Person Christi angedeutet in prophetischen Worten: „All mein Fleisch ist geschwunden und an meiner Haut hängt das Gebein, und nur die Lippen an meinen Zähnen sind übrig geblieben“. Auf den Gebeinen nämlich beruht die Rüstigkeit des Körpers, weil sie dem Fleisch und der Haut zur Stütze dienen. In dem Leib Christi nun, d. h. in der Kirche, ist unter dem Gebein der feste Grund des christlichen Glaubens gemeint oder jene glühende Liebe, von welcher es im Lied der Lieder heißt, daß auch viel Wasserströme die Liebe nicht mögen verlöschen; von welcher auch der Apostel sagt: „Sie träget alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles“. Das Fleisch aber bildet am Körper das Innere, die Haut das Äußere. Die Apostel, die durch ihre Predigt für die Nahrung der Seele sorgen und die Frauen, die sich um die Bedürfnisse des Körpers bemühen, werden mit dem Fleisch und mit der Haut (am Leibe Christi) verglichen. Da nun das Fleisch dahinschwand, hing das Gebein Christi unmittelbar an der Haut; das heißt: als dieJünger am Leiden ihres Herrn Anstoß nahmen und über seinen Tod in Verzweiflung gerieten, blieb die fromme Ergebenheit der Frauen unerschüttert und wich keinen Zoll breit von dem Gebein Christi. Denn die Beharrlichkeit des Glaubens, der Hoffnung, der Liebe hielt sie so fest bei ihm zurück, daß sie selbst von dem Toten sich nicht trennen konnten, weder in Gedanken noch körperlich. Die Männer sind ja von Natur an Geist und Körper den Frauen überlegen. Darum wird mit Recht die männliche Natur unter dem Bilde des Fleisches dargestellt, welches dem Gebein näher ist, die schwache Natur des Weibes dagegen unter dem Bilde der Haut. Ferner: die Aufgabe der Apostel ist es, die sündigen Menschen durch ihre Rüge gleichsam zu beißen, darum stellen sie die Zähne des Herrn dar. Ihnen sind nur noch die Lippen übrig geblieben, das heißt Worte statt Thaten; denn in ihrer Hoffnungslosigkeit redeten sie wohl von Christus, thaten aber nichts für ihn. In dieser Verfassung waren auch die beiden Jünger, die nach Emmaus gingen und miteinander redeten von allem, was in diesen Tagen geschehen war; denen dann der Herr erschien und ihrer Mutlosigkeit aufhalf. Endlich: was hatten Petrus und die übrigen Jünger anderes als Worte, als der Herr seinen Leidensweg betreten mußte und der Herr selbst ihnen vorausgesagt hatte, daß sie sich an seinem Leiden ärgern werden? „Wenn sie auch alle, sprach Petrus, sich an dir ärgerten, so will ich doch mich nimmermehr ärgern.“ Und noch mehr: „Und wenn ich mit dir sterben müßte, so will ich dich nicht verleugnen. Desgleichen sagten auch alle Jünger“. Freilich: sie sagten mehr als sie thaten. Jener erste und größte Apostel, der mit dem Munde so standhaft war, daß er zum Herrn sagte: „Ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen“; dem der Herr seine Kirche im besonderen anvertraut hatte mit den Worten: „Wenn du dich dermaleins bekehrst, so stärke deine Brüder“ — er schämt sich nicht, auf das Wort einer Magd hin seinen Herrn zu verleugnen. Und nicht bloßeinmal thut er das, sondern dreimal hintereinander; während sein Meister noch lebt, verleugnet er ihn, und ebenso fliehen alle übrigen Jünger von ihm in alle Winde; die Frauen dagegen lassen sich von ihm, auch nach seinem Tode, nicht trennen, weder geistig noch körperlich. Eine von ihnen, jene fromme Sünderin, spricht, indem sie den Toten noch sucht und ihn ihren Herrn nennt: „Sie haben meinen Herrn weggenommen“, und weiter: „Hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo hast du ihn hingeleget, so will ich ihn holen“. Die Widder, ja vielmehr die Hirten, der Herde des Herrn, sie fliehen: die Schafe harren mutig aus. Seine Jünger mußte der Herr ihrerfleischlichen Schwäche wegen tadeln, denn sie vermochten selbst in seiner höchsten Leidensnot nicht eine Stunde mit ihm zu wachen. Die Frauen brachten an seinem Grab eine schlaflose Nacht unter Thränen zu und wurden gewürdigt, die Herrlichkeit des Auferstandenen zuerst zu sehen. Dem sie so treu waren bis in den Tod, sie haben ihm ihre Liebe, während er lebte, nicht mit Worten, sondern mit Thaten bewiesen. Und von der Angst, die sie um sein Leiden und Sterben erlitten hatten, wurden sie zuerst befreit durch die frohe Kunde, daß er auferstanden sei und lebe.
Während, nach Johannes, Joseph von Arimathia und Nikodemus den Leichnam des Herrn in Leinwand wickelten und mit Spezereien bestatteten, sahen, nach dem Berichte des Markus, Maria Magdalena und Maria, die Mutter Joses, mit Eifer zu, wohin er gelegt wurde. Auch Lukas erzählt von ihnen; „Es folgten aber die Weiber nach, die mit ihm kommen waren aus Galiläa und beschaueten das Grab und wie sein Leib gelegt ward; sie kehreten aber um und bereiteten Spezereien“. Sie begnügten sich nicht mit den Spezereien des Nikodemus, sie wollten auch die ihrigen noch dazu thun. Und den Sabbath über waren sie stille nach dem Gesetz; nach Markus aber kamen, als der Sabbath um war, in aller Frühe am Tage der Auferstehung selbst Maria Magdalena und Maria Jakobi und Salome zum Grab.
Nachdem wir nun ihren frommen Eifer gezeigt haben, wollen wir weiter sehen, welcher Ehre sie gewürdigt wurden. Fürs erste wurden sie durch die Erscheinung des Engels getröstet mit der Kunde, daß der Herr schon auferstanden sei; sodann durften sie zuerst den Herrn sehen und berühren. Und zwar vor allen andern Maria Magdalena, deren Liebesglut die lebendigste war; dann die andern mit ihr, von welchen es heißt, daß sie nach der Engelserscheinung „zum Grabe hinausgingen und liefen, daß sie es seinen Jüngern verkündigeten, und siehe da begegnet ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßet. Und sie traten zu ihm und griffen an seine Füße und fielen vor ihm nieder. Da sprach Jesus: Gehet hin und verkündiget es meinen Brüdern, daß sie gehen nach Galiläa: daselbst werden sie mich sehen“. Auch Lukas berichtet darüber in ähnlicher Weise: „Es waren aber Maria Magdalena und Johanna und Maria Jakobi, und andere mit ihnen, die solches den Aposteln sagten“. Auch Markus verschweigt es nicht, daß die Frauen zuerst von dem Engel zu den Aposteln geschickt worden seien, um es ihnen zu verkündigen; er läßt den Engel zu den Weibern sagen: „Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Gehet aber hin und saget es seinen Jüngern und Petrus, daß er vor euch hingehen wird in Galiläa“. Auch der Herr selbst, da er zuerst der Maria Magdalena erscheint, sagt zu ihr: „Gehe hin zu meinen Brüdern und sag ihnen, ich fahre auf zu meinem Vater.“
Wir sehen aus diesen Berichten, daß jene frommen Frauen gleichsam als Apostelinnen über die Apostel gesetzt wurden, da sie entweder vom Herrn oder von den Engeln zu ihnen gesandt werden, um ihnen die Freudenbotschaft der Auferstehung zu bringen, auf die alle warteten, so daß die Apostel von den Frauen zuerst erfuhren, was sie nachher aller Welt predigten.
Der Evangelist hat, wie wir oben sahen, erzählt, daß der Herr die Frauen grüßte, als er ihnen nach seiner Auferstehung begegnete: durch seine Begegnung wie durch seinenGruß wollte er ihnen zeigen, wie sehr sie Gegenstand seiner fürsorgenden Liebe seien. Wir erfahren nirgends, daß er anderen gegenüber das ausdrückliche Begrüßungswort: „seid gegrüßet“ gebraucht habe: im Gegenteil hat er ja früher seinen Jüngern das Grüßen untersagt mit den Worten: „Und grüßet niemand auf dem Wege“. Es ist, als hätte er dieses Vorrecht bis jetzt den frommen Frauen aufbehalten und selbst an ihnen ausüben wollen, nachdem er schon die Glorie der Unsterblichkeit erlangt hatte.
Auch in der Apostelgeschichte, welche berichtet, daß die Apostel alsbald nach der Himmelfahrt des Herrn vom Ölberg nach Jerusalem zurückgekehrt seien, und die Frömmigkeit jener heiligen Gemeinschaft ausführlich schildert, wird der fromme Eifer und die Standhaftigkeit der Frauen im Glauben nicht mit Stillschweigen übergangen, sondern es heißt von ihnen: „diese alle waren stets bei einander einmütig mit Bitten und Flehen samt den Weibern und Maria, der Mutter Jesu“.
Aber wir wollen nicht weiter sprechen von den jüdischen Frauen, die gleich im Anfang, während der Herr selbst noch lebte und das Evangelium verkündigte, zum Glauben kamen und den Grund legten zu der Lebensweise, die ihr erwählt habt. Sondern wir wollen auch der griechischen Witwen gedenken, welche später von den Aposteln in die Gemeinde aufgenommen worden sind; wir werden da sehen, mit welcher Liebe und Sorgfalt die Apostel ihnen entgegenkamen und wie jener ruhmreiche Bannerträger des christlichen Häufleins, Stephanus, der erste der Märtyrer, mit einigen anderen geistbegabten Männern von den Aposteln zu ihrem Dienste aufgestellt wurde. Auch hierüber berichtet die Apostelgeschichte: „In den Tagen aber, da der Jünger viel wurden, erhub sich ein Murmeln unter den Griechen wider die Hebräer, darum daß ihre Witwen übersehen wurden in der täglichen Handreichung. Da riefen die Zwölfe die Menge der Jünger zusammen und sprachen: ‚Es taugt nicht, daß wir das WortGottes unterlassen und zu Tische dienen. Darum, ihr lieben Brüder, sehet unter euch nach sieben Männern, die ein gut Gerücht haben und voll heiligen Geists und Weisheit sind, welche wir bestellen mögen zu dieser Notdurft. Wir aber wollen anhalten am Gebet und am Amt des Wortes.‘ Und die Rede gefiel der ganzen Menge wohl und erwähleten Stephanum, einen Mann voll Glauben und heiligen Geistes und Philippum und Prochorum und Nikanor und Timon und Parmenam und Nikolaum, den Judengenossen von Antiochia. Diese stellten sie vor die Apostel und beteten und legten die Hände auf sie“. Es spricht gar sehr für die Enthaltsamkeit des Stephanus, daß er zum Dienst und zur Fürsorge für die frommen Frauen bestellt wurde. Was für ein hohes Ehrenamt die Verwaltung dieses Dienstes war und wie verdienstlich vor Gott und in den Augen der Apostel, das haben sie selber bezeugt durch das Gebet, mit dem sie die Handlung weihten, und durch Auflegung der Hände, als wollten sie diejenigen, die damit betraut wurden, beschwören, Treue zu halten, und durch ihren Segen und ihr Gebet ihnen die Kraft dazu verleihen.
Auch der Apostel Paulus nimmt diesen Dienst als ein Recht seines Apostelamtes in Anspruch: „Haben wir nicht Macht, sagt er, eine Schwester zum Weibe mit umherzuführen, wie die andern Apostel?“ Als wollte er sagen: Ist es uns nicht erlaubt, ein Gefolge von frommen Frauen zu haben und sie auf unsern Missionsreisen mit uns zu führen, wie die andern Apostel, damit sie, während wir das Wort Gottes predigen, von dem Ihrigen unsere äußeren Bedürfnisse befriedigen? Darum sagt auch der heilige Augustin in seinem Buch „Vom Werk der Mönche“: „Darum gingen gläubige Weiber mit ihnen, die mit den Gütern dieser Welt gesegnet waren, und thaten ihnen von dem Ihrigen Handreichung, damit sie an dem, was zum Unterhalt des Lebens dient, nicht Mangel litten“. Ferner: „Wer nicht glauben will, daß die Apostel frommen Frauen gestatteten, sie überallhin zu begleiten, wo sie das Evangelium verkündigten, der möge das Evangelium selbst nachlesen und daraus ersehen, daß sie hierin dem Beispiel des Herrn selber folgten. Denn im Evangelium heißt es: ‚Und es begab sich danach, daß er reisete durch Städte und Märkte und predigte und verkündigte das Evangelium vom Reich Gottes, und die Zwölfe mit ihm; dazu etliche Weiber, die er gesund hatte gemacht von den bösen Geistern und Krankheiten, nämlich Maria, die da Magdalena heißet, und Johanna, das Weib Chusa, des Pflegers Herodis, und Susanna und viel andere, die ihnen Handreichung thaten von ihrer Habe‘. Hieraus geht also deutlich hervor, daß der Herr, während er predigend umherzog, von dienenden Frauen mit den Bedürfnissen des äußerlichen Lebens versorgt wurde und daß diese Frauen gleichwie die Apostel seine unzertrennliche Begleitung bildeten.“
Als dann der Drang zu einem gottgeweihten Leben unter Männern und Frauen sich häufiger einstellte, hatten schon in den Anfangszeiten der Kirche Frauen wie Männer besondere klösterliche Behausungen. So erwähnt die „Kirchengeschichte“ das Lob, welches der beredte Jude Philo über die alexandrinische Kirche unter der Leitung des Markus nicht nur ausgesprochen, sondern auch schriftlich in hohen Ausdrücken niedergelegt hat; es heißt dort Buch II, Kapitel XVI unter anderem: „In vielen Gegenden der Erde leben solche Menschen“. Und bald darauf: „An jedem dieser Orte befindet sich ein der Andacht geweihtes Haus, welches ‚senivor‘ oder ‚Monasterium‘ genannt wird“. Ferner heißt es weiter unten: „Sie kennen nicht bloß die besten frommen Lieder der Alten, sondern dichten auch selbst neue zur Ehre Gottes, welche sie nach verschiedenen Rhythmen und Tonarten gar lieblich singen“. Es wird dann verschiedenes von ihrer Enthaltsamkeit und von der Art ihres Gottesdienstes berichtet, worauf es weiter heißt: „Bei den Männern, von denen wir sprechen, befinden sich auch Frauen, darunter mehrere schonhochbetagte Jungfrauen, welche ihren Leib unberührt und keusch bewahren, nicht aus irgend welchem Zwang, sondern aus Frömmigkeit; die, während sie mit Eifer dem Studium der Weisheit obliegen, nicht allein ihre Seele, sondern auch den Leib heiligen und es für unwürdig halten, daß das zur Aufnahme der Weisheit bestimmte Gefäß der Lust diene, oder daß diejenigen sterbliche Kinder gebären, die nach der geheiligten unsterblichen Frucht des göttlichen Wortes streben und die eine Nachkommenschaft hinterlassen sollen, die nimmermehr dem Tod und der Vernichtung anheimfällt“. Weiter heißt es von Philo: „Er schreibt auch von ihren Gemeinschaften, daß Männer und Weiber getrennt in besonderen Vereinigungen leben, und daß sie Vigilien halten, wie es bei uns jetzt noch Sitte ist“.
Hierher gehört auch, was die „Dreiteilige Geschichte“ zum Lobe der christlichen Philosophie, d. h. des Mönchslebens sagt, dem Frauen wie Männer sich ergeben. Es heißt da Buch I, Kapitel XI: „Die Begründer dieser tiefsinnigen Philosophie waren, wie einige behaupten, der Prophet Elias und Johannes der Täufer.“ Der Pythagoräer Philo aber erzählt, daß zu seiner Zeit fromme Hebräer aus verschiedenen Gegenden sich in einem Landhaus bei einem Sumpf Maria, auf einem Hügel gelegen, vereinigt und dort der Philosophie gelebt haben. Ihre Wohnung aber und die Art, sich zu ernähren und ihre ganze Lebensweise schildert er so, wie wir sie bei den ägyptischen Mönchen jetzt noch beobachten. Er schreibt, daß sie vor Sonnenuntergang keine Speise zu sich nehmen, des Weines und des Fleisches sich gänzlich enthalten, als Speise diene ihnen Brot, Salz und Ysop, als Trank Wasser. Mit ihnen zusammen wohnen hochbetagte Weiber, die aus Liebe zur Philosophie Jungfrauen geblieben waren und freiwillig auf die Ehe verzichtet hatten.
Ähnlich lautet, was Hieronymus im 8. Kapitel seines Buches „Berühmte Männer“ zum Lobe des Markus und seiner Kirche schreibt: „Er zuerst predigte in Alexandria vonChristus und gründete daselbst eine Kirche, durch Lehre und Sittenstrenge so ausgezeichnet, daß sich alle Christen an ihr ein Beispiel nehmen mußten“. Endlich hat Philo, der gewandteste Schriftsteller der Juden, welcher die erste damals noch judenchristliche Kirche zu Alexandria erlebte, zur Verherrlichung seines Volkes ein Buch über dessen Bekehrung geschrieben, und wie Lukas erzählt, daß die Gläubigen in Jerusalem alles gemeinsam besessen haben, so hat auch Philo die Vorgänge in der unter der Leitung des Markus stehenden alexandrinischen Kirche dem Gedächtnis überliefert.
Ebenso sagt Hieronymus des weiteren im 11. Kapitel: „Der Jude Philo, von Geburt ein Alexandriner und einer Priesterfamilie angehörend, wird von uns darum unter die Kirchenschriftsteller gezählt, weil er in seinem Buch über die erste, vom Evangelisten Markus gegründete Kirche von Alexandria sich in Lobsprüchen über die Unsrigen ergeht und erwähnt, daß dieselben nicht bloß hier, sondern auch in vielen anderen Provinzen sich aufhalten, und ihre Wohnungen Klöster nennt“.
Daraus geht doch hervor, daß im Anfang die Gemeinschaft der Christen von der Art gewesen ist, wie sie jetzt die Mönche nachahmen und erstreben: da besaß keiner etwas für sich, da gab es weder arm noch reich; was man hatte, wurde unter die Bedürftigen verteilt, im übrigen füllte man die Zeit aus mit Gebet und Singen, mit Predigt und Übung in der Enthaltsamkeit, wie dies Lukas in ähnlicher Weise von der ersten Christengemeinde in Jerusalem berichtet.
Lesen wir die Geschichten des Alten Testamentes nach, so finden wir da, daß in allen Angelegenheiten, welche Gott oder besondere religiöse Leistungen betreffen, die Frauen nicht hinter den Männern zurückgeblieben sind. Die heiligen Urkunden berichten, daß sie ebenso wie die Männer Lieder zur Ehre Gottes nicht bloß gesungen, sondern auch selbst gedichtet haben. Das erste Lied von der Befreiung Israels haben nicht die Männer allein, sondern mit ihnen die Frauendem Herrn zum Preise gesungen, und sie haben sich dadurch das Recht erworben, beim Gottesdienst im Tempel mitzuwirken. Denn also steht geschrieben: „Und Mirjam, die Prophetin, Aarons Schwester, nahm eine Pauke in ihre Hand, und alle Weiber folgten ihr nach, hinaus mit Pauken am Reigen und sie sang ihnen vor: ‚lasset uns dem Herrn singen, denn er hat eine herrliche That gethan‘“. Dort wird Moses nicht genannt und von ihm wird nicht gesagt, daß er wie Mirjam vorgesungen habe, überhaupt wird von den Männern nicht berichtet, daß sie gleich den Weibern mit Pauken am Reigen gegangen seien. Wenn nun Mirjam die vorsingende Prophetin genannt wird, so scheint sie jenen Gesang nicht bloß vorgetragen und abgesungen, sondern in prophetischer Begeisterung gedichtet zu haben. Wenn es ferner heißt, sie habe den übrigen vorgesungen, so ist das ein Beweis für die strenge Ordnung und Harmonie ihres Spiels. Und daß sie nicht bloß einfach sangen, sondern ihren Gesang mit Pauken begleiteten und besondere Singchöre bildeten, zeugt nicht allein für ihren großen Eifer, sondern deutet auch vorbildlich hin auf den geistlichen Gesang in den klösterlichen Gemeinschaften. Auch der Psalmist ermuntert uns dazu mit den Worten: „Lobet ihn mit Pauken und Reigen“, d. h. so viel als: durch Abtötung des Fleisches und durch jene einträchtige Liebe, von der geschrieben steht: „Die Menge der Gläubigen war Ein Herz und Eine Seele“.
Auch das, womit die Frauen ihren Gesang nach dem Berichte begleitet haben, ist nicht ohne sinnbildliche Bedeutung: es wird dadurch dargestellt der Jubel der in Gott versunkenen Seele, welche, indem sie sich zu den himmlischen Regionen emporschwingt, gleichsam die Hütte ihrer irdischen Behausung verläßt und aus der tiefen Wonne ihrer Gottversunkenheit heraus frohlockend dem Herrn ein Loblied singt.
Wir haben im Alten Testament auch noch Lieder von Debora, Hanna und von der Witwe Judith, sowie im Evangelium eines von der Mutter des Herrn. Indem Hannaihren Knaben Samuel dem Tempel des Herrn geweiht hat, hat sie damit den Klöstern das Recht zur Aufnahme von Kindern gegeben. Daher schreibt Isidorus in seinem Brief an die im Kloster des Honorianus lebenden Brüder, Kapitel V: „Wer von seinen Eltern dem Kloster geweiht worden ist, der soll wissen, daß er daselbst für immer zu bleiben hat. Denn auch Hanna hat ihren Sohn Samuel dem Herrn dargebracht, und er blieb beim Dienste des Tempels, zu welchem er von seiner Mutter bestimmt worden war, und diente an dem Platze, auf den man ihn gestellt hatte“. Es ist auch sicher, daß die Töchter Aarons am Dienste des Heiligtums und am Erbe Levis denselben Anteil hatten wie ihre Brüder; Gott wies ihnen ebenso ihren Unterhalt an, wie im Buche Numeri geschrieben steht, wo der Herr selbst zu Aaron spricht: „Alle Hebopfer, welche die Kinder Israel heiligen dem Herrn, habe ich dir gegeben und deinen Söhnen und Töchtern samt dir zum ewigen Recht“. Es scheint demnach, als habe man auch für den Stand der Kleriker keinen Unterschied gemacht zwischen Mann und Weib. Sicher ist vielmehr, daß die Frauen mit den Männern durch Gleichheit der Benennung verbunden sind, denn man redet ja von Diakonissen so gut wie von Diakonen, als sollten wir in diesen beiden Namen Gegenstücke finden zu den Leviten und Levitinnen.
In demselben Buch finden wir auch, daß jenes strenge Gelübde und die Weihe der Nasiräer ebenso für Frauen wie für Männer seine Geltung hatte, denn der Herr selbst spricht zu Mose: „Sage den Kindern Israel und sprich zu ihnen: Wenn ein Mann oder Weib ein Gelübde thut, dem Herrn sich zu enthalten, der soll sich Weins und starken Getränks enthalten. Weinessig oder starken Getränks Essig soll er auch nicht trinken, auch nichts, das aus Weinbeeren gemacht wird. Er soll weder frische noch dürre Weinbeeren essen, so lange solches sein Gelübde währet; auch soll er nichts essen, das man vom Weinstock machet, weder Weinkern noch Hülsen,so lange die Zeit solches seines Gelübdes währet“. Dieses Gelübde, glaube ich, hatten jene Weiber auf sich genommen, die an der Thüre des Heiligtums Wache hielten, aus deren Spiegeln Moses ein Gefäß verfertigte, in welchem sich Aaron und seine Söhne waschen sollten, wie geschrieben steht: „Moses stellte ein ehernes Becken auf, daß Aaron und seine Söhne sich daraus wüschen; das er verfertigt hatte aus den Spiegeln der Weiber, die an der Thüre des Heiligtums wachten“. Ausdrücklich wird hervorgehoben die Glut ihres frommen Eifers, mit welcher sie selbst bei geschlossenem Heiligtum nicht von dessen Schwelle wichen, sondern wachend die heiligen Vigilien einhielten, auch die Nacht im Gebete verbringend und von dem Dienste Gottes nicht lassend, während die Männer schliefen. Durch die Erwähnung, daß das Heiligtum ihnen verschlossen war, wird treffend hingedeutet auf das Leben der Büßenden, welche sich von den übrigen Menschen absondern, um sich in reuevoller Buße desto härter anzugreifen. Dieses Leben ist ein besonders deutliches Abbild der mönchischen Lebensweise, in welcher man im großen Ganzen eine mildere Form der Buße sehen kann. Das Heiligtum aber, an dessen Thüre die Frauen wachten, ist das mystische Abbild dessen, wovon der Apostel im Brief an die Hebräer spricht: „Wir haben einen Altar, davon nicht Macht haben zu essen, die der Hütte pflegen“, d. h. an welchem teilzunehmen diejenigen nicht würdig sind, die ihrem Körper, in welchem sie hienieden, als gleichsam in einem Lager, dienen, zur Lüsternheit verhelfen. Die Thür des Heiligtums aber bedeutet das Ende dieses Lebens, wann die Seele vom Körper ausgeht und die Schwelle des ewigen Lebens betritt. Die an dieser Thüre wachen, sind die, welche über den Ausgang aus diesem Leben und über den Eintritt ins zukünftige sich Sorge machen und durch Buße diesen Ausgang also gestalten, daß sie dereinst jenes Eingangs gewürdigt werden. Auf diesen täglichen Eingang und Ausgang der heiligen Gemeinde bezieht sich das Gebet des Psalmisten:„Der Herr behüte deinen Eingang und Ausgang“. Denn unsern Eingang und Ausgang behütet er dann, wenn er uns, die wir von hier ausziehen und vorher durch die Buße uns gereinigt haben, alsbald dort einläßt. Mit Recht aber nennt David den Eingang vor dem Ausgang, nicht sowohl mit Rücksicht auf die Reihenfolge, als vielmehr auf das geringere oder höhere Ansehen der beiden Begriffe. Denn dieser Ausgang des sterblichen Lebens vollzieht sich nur unter Schmerzen, während jener Eintritt ins ewige Leben mit der höchsten Wonne verbunden ist. Die Spiegel der Frauen sind die äußeren Werke, nach denen man die Häßlichkeit oder Schönheit der Seele beurteilen kann, wie man in einem wirklichen Spiegel die Beschaffenheit des menschlichen Angesichtes erkennt. Aus diesen ihren Spiegeln wird ein Gefäß verfertigt, in dem sich Aaron und seine Söhne waschen sollen; dies soll heißen: die guten Werke der frommen Frauen und die Treue des schwachen Geschlechts gegen Gott verurteilen aufs schärfste die Lässigkeit der Priester und Ältesten und veranlassen sie zu Thränen der Reue, und so erwirken die Frauen durch ihre Werke jenen die Gnade, durch welche sie von ihren Sünden reingewaschen werden. Aus solchen Spiegeln hat gewiß der heilige Gregorius sich ein Gefäß der Buße bereitet, als er die Mannhaftigkeit frommer Frauen und das siegreiche Martyrium des schwachen Geschlechts bewundernd mit einem Seufzer fragte: „Was werden die rauhen Männer sagen, wenn sie zarte Jungfrauen solche Leiden um Christi willen ertragen und das gebrechliche Geschlecht aus dem schwersten Kampfe siegreich hervorgehen sehen, so daß man ihm oft die doppelte Krone der Jungfräulichkeit und des Martyriums zuerkennen muß?“
Ich zweifle nicht daran, daß zu den oben erwähnten Frauen, die an der Thüre der Stiftshütte wachen und die als eine Art Nasiräerinnen ihre Witwenschaft dem Herrn geweiht haben, auch jene fromme Hanna gehört, die zugleich mit dem heiligen Simeon gewürdigt wurde, den vornehmstenNasiräer, unsern Herrn Jesum Christum, im Tempel zu begrüßen und die, was keinem Propheten vergönnt war, zur selben Stunde wie Simeon den Heiland durch Mitteilung des Geistes erkennen, sein Erscheinen anzeigen und öffentlich verkündigen durfte. Ihr zum Lobe erzählt der Evangelist: „Und es war eine Prophetin Hanna, eine Tochter Phanuel, vom Geschlecht Aser. Die war wohlbetagt und hatte gelebt sieben Jahr mit ihrem Mann nach ihrer Jungfrauschaft. Und war nun eine Witwe bei vierundachtzig Jahren; die kam nimmer vom Tempel, diente Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht. Dieselbige trat auch hinzu zu derselbigen Stunde und preisete den Herrn und redete von ihm zu allen, die da auf die Erlösung zu Jerusalem warteten“.
Merke jedes einzelne Wort und sieh, wie der Evangelist sich Mühe giebt mit dem Lob dieser Witwe, und in welch hohen Ausdrücken er ihre Vortrefflichkeit erhebt. Alles ist hier sorgfältig aufgezählt: die Gabe der Prophetin, die ihr verliehen war, ihr Vater, ihr Geschlecht, die lange Zeit ihres gottgeweihten Witwenstandes, welche auf die sieben Jahre folgte, die sie mit ihrem Manne gelebt hatte, ihre Anhänglichkeit an den Tempel, ihr anhaltendes Fasten und Beten, das Lob, das sie dem Herrn spendete, der Dank, den sie ihm darbrachte und ihr öffentliches Reden von dem verheißenen und nunmehr geborenen Heiland.
Auch den Simeon lobt der Evangelist, aber nicht wegen der Gabe der Prophetin, sondern wegen seiner Gerechtigkeit; auch erwähnt er nicht von ihm, daß er in der Tugend der Enthaltsamkeit so stark und im Dienste des Herrn so eifrig gewesen sei, weiß auch nichts davon, daß er andern gegenüber vom Messias geredet habe.
Diesem Stand und Lebensberuf gehören auch jene rechten Witwen an, über welche der Apostel dem Timotheus folgendes schreibt: „Ehre die Witwen, welche rechte Witwen sind.“ Ferner: „Das ist aber eine rechte Witwe, die einsam ist, die ihre Hoffnung auf Gott stellet und bleibet am Gebet undFlehen Tag und Nacht. Solches gebeut, auf daß sie untadelig seien.“ Und weiter: „So aber ein Gläubiger Witwen hat, der versorge dieselbigen und lasse die Gemeine nicht beschweret werden, auf daß die so rechte Witwen sind, mögen genug haben“. Rechte Witwen nennt der Apostel diejenigen, welche ihren Witwenstand nicht durch eine zweite Heirat entweiht haben, oder solche, die aus Frömmigkeit, nicht aus Zwang, in diesem Stande verharrend, sich dem Herrn geweiht haben. Einsam nennt er sie, weil sie allem entsagen und von irdischem Trost nichts mehr erwarten oder weil sie niemand haben, der für sie Sorge trägt. Solche Witwen sollen, nach der Vorschrift des Apostels, geehrt und aus den Mitteln der Kirche unterhalten werden, als aus dem Eigentum ihres himmlischen Bräutigams.
Er bestimmt auch genau, welche von den Witwen zum Diakonissenamte zu wählen seien: „Laß keine Witwe erwählet werden unter sechzig Jahren, und die da gewesen sei Eines Mannes Weib und die ein Zeugnis habe guter Werke, so sie Kinder aufgezogen hat, so sie gastfrei gewesen ist, so sie der Heiligen Füße gewaschen hat, so sie den Trübseligen Handreichung gethan hat, so sie allem guten Werk nachgekommen ist. Der jungen Witwen aber entschlage dich“.
Diesen letzteren Punkt führt der heilige Hieronymus noch weiterhin also aus: „Vermeide es, sie mit dem Diakonissenamte zu betrauen, damit nicht ein böses statt ein gutes Beispiel gegeben werde, wenn Jüngere zu diesem Amt gewählt werden, die der Versuchung leichter zugänglich und von Natur noch schwächer sind: sie möchten sonst, da sie noch nicht ein langes, an Erfahrungen reiches Leben hinter sich haben, denen ein übles Beispiel geben, welchen sie ein Vorbild im Guten sein sollten“. Von dem üblen Beispiel, das durch junge Witwen gegeben werden könne, redet der Apostel so offen, weil er in dieser Beziehung seine Erfahrungen gemacht hatte, und diesem Übelstand will er durch seinen Rat vorbeugen. Nachdem er gesagt hat: „Der jungen Witwen entschlagedich“, fügt er alsbald den Grund und das Mittel zur Abhilfe hinzu, indem er weiter sagt: „Denn wenn sie geil worden sind wider Christum (d. h. trotz Christus), so wollen sie freien und haben ihr Urteil, daß sie die erste Treue gebrochen haben; daneben sind sie faul und lernen umlaufen durch die Häuser; nicht allein aber sind sie faul, sondern auch schwätzig und vorwitzig und reden, das nicht sein soll. So will ich nun, daß die jungen Witwen freien, Kinder zeugen, Haus halten, dem Widersacher keine Ursache geben zu schelten. Denn es sind schon etliche umgewandt dem Satan nach“.
Diese Vorsicht des Apostels in Beziehung auf die Wahl der Diakonissen teilt der heilige Gregorius in seinem Brief an Maximus, den Bischof von Syrakus, in welchem er sagt: „Junge Äbtissinnen wollen wir durchaus nicht; deine brüderliche Liebe möge daher den Bischöfen gebieten, nur Jungfrauen, die das sechzigste Lebensjahr erreicht haben und deren Leben und Sitten erprobt sind, den Schleier zu geben“. Was wir jetzt Äbtissin nennen, nannte man früher Diakonisse, da man sie mehr als Dienerinnen ansah denn als Mutter. Diakon heißt Diener und man hielt dafür, daß die Diakonissen nach ihrem dienenden Amt, nicht nach ihrer bevorzugten Stellung zu benennen seien, wie uns dies der Herr durch sein Beispiel und Wort gelehrt hat, der da spricht: „Wer unter euch der Größeste ist, der soll aller Diener sein“. Und wiederum: „Welcher ist der Größeste, der zu Tische sitzt oder der da dienet? Ich aber bin unter euch wie ein Diener“. Und an einer andern Stelle: „Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, daß er ihm dienen lasse, sondern daß er diene.“ Darum hat auch Hieronymus sich nicht gescheut, kraft göttlicher Autorität den Titel „Abt“, den damals schon viele mit Stolz führten, zu verwerfen. In seiner Auslegung der Stelle des Galaterbriefs: „Der schreiet: Abba, lieber Vater“, sagt er: „Abba bedeutet im Hebräischen ‚Vater‘. Da nun Abba im Hebräischen und Syrischen ‚Vater‘ heißt undder Herr im Evangelium gebietet, man solle niemand Vater nennen, als Gott, so weiß ich nicht, mit welchem Recht wir in den Klöstern entweder andere bei diesem Namen nennen oder uns selber so nennen lassen. Gewiß ist derjenige, welcher dieses Gebot ausgesprochen hat, doch derselbe, der auch gesagt hat: du sollst nicht schwören. Wenn wir nicht schwören, so dürfen wir auch niemand Vater nennen. Wenn wir aber das Wort ‚Vater‘ anders auslegen, so müssen wir notwendig auch über das Gebot vom Schwören anders denken“.
Eine solche Diakonisse war jene Phöbe, welche der Apostel Paulus der römischen Gemeinde so angelegentlich empfahl und für die er folgendes gute Wort einlegte: „Ich befehle euch aber unsere Schwester Phöbe, welche ist am Dienst der Gemeine zu Kenchreä, daß ihr sie aufnehmet in dem Herrn, wie sich’s ziemet den Heiligen, und thut ihr Beistand in allem Geschäft, darinnen sie eurer bedarf. Denn sie hat auch vielen Beistand gethan, auch mir selbst“. Cassiodorius und Claudius, die diese Stelle erklären, sagen ebenfalls aus, daß sie in jener Gemeinde Diakonisse gewesen sei. Bei Cassiodorius heißt es: „Der Apostel deutet an, daß sie Diakonisse der Muttergemeinde gewesen sei. Dieses Amt wird in der griechischen Kirche noch heutzutage von Frauen gleichsam als ein Kriegsdienst des Herrn ausgeübt; auch das Recht zu taufen wird ihnen in dieser Kirche zuerkannt“. Claudius sagt darüber: „Diese Stelle beweist, daß nach apostolischer Verordnung auch Frauen im Dienste der Kirche verwendet wurden. Ein solches Amt bekleidete in der Gemeinde von Kenchreä Phöbe, welche der Apostel so sehr lobt und warm empfiehlt“.
In seinem Brief an Timotheus rechnet er solche Frauen unter die Diakonen selbst und giebt ihnen ganz ähnliche sittliche Verhaltungsmaßregeln. Er sagt dort an einer Stelle, bei der Besprechung der verschiedenen Abstufungen kirchlicher Ämter, indem er vom Bischof auf die Diakonen zu sprechen kommt: „Desselbigen gleichen die Diener sollen ehrbar sein,nicht zweizüngig, nicht Weinsäufer, nicht unehrliche Handtierung treiben, die das Geheimnis des Glaubens in reinem Gewissen haben“. Ferner: „Und dieselbigen lasse man zuvor versuchen, danach lasse man sie dienen, wenn sie unsträflich sind. Desselbigen gleichen ihre Weiber sollen ehrbar sein, nicht Lästerinnen, nüchtern, treu in allen Dingen. Die Diener laß einen jeglichen sein Eines Weibes Mann, die ihren Kindern wohl vorstehen und ihren eigenen Häusern. Welche aber wohl dienen, die erwerben ihnen selbst eine gute Stufe und eine große Freudigkeit im Glauben in Christo Jesu“.
Also, was er dort von den Diakonen sagt: „Sie seien nicht zweizüngig!“ das gilt hier von den Diakonissen: „nicht Lästerinnen“; wie er dort sagt: „nicht Weinsäufer“, so hier: „nüchtern“, und was dort sonst noch näher ausgeführt wird, das faßt er hier zusammen in den Worten: „Treu in allen Dingen“. Wie er den Bischöfen und Diakonen verbietet, mehr als eine Frau zu haben, so gebietet er den Diakonissen, wie wir gesehen haben, Eines Mannes Weib zu sein. „Laß keine Witwe erwählet werden, sagt er, unter sechzig Jahren, und die da gewesen sei Eines Mannes Weib, und die ein Zeugnis habe guter Werke, so sie Kinder aufgezogen hat, so sie gastfrei gewesen ist, so sie der Heiligen Füße gewaschen hat, so sie den Trübseligen Handreichung gethan hat, so sie allem guten Werk nachgekommen ist. Der jungen Witwen aber entschlage dich.“
Wie sorgfältig der Apostel in der Schilderung und Instruktion der Diakonissen gewesen ist, kann man am besten beurteilen, wenn man die vorangehenden Vorschriften für Bischöfe und Diakonen damit vergleicht. Von dem „ein Zeugnis haben guter Werke“ oder von „gastfrei sein“ wird bei den Diakonen nichts erwähnt. Oder wenn er bei den Diakonissen beifügt: „so sie der Heiligen Füße gewaschen hat, so sie den Trübseligen“ u. s. w., so findet man bei den Bischöfen und Diakonen von diesen Forderungen nichts. Zwarverlangt er von Bischöfen und Diakonen, daß sie „unsträflich“ seien. Von den Diakonissen aber verlangt er nicht bloß, daß sie untadelig seien, sondern auch, daß sie „allem guten Werk nachgekommen seien“. Sehr vorsichtig ist er auch in der Bestimmung ihrer Altersgrenze, damit ihr Ansehen in allen Stücken um so größer sei: „nicht unter sechzig Jahren“; nicht bloß vor ihrer Lebensführung, sondern auch vor ihrem hohen, an Erfahrungen reichen Alter sollte man Respekt haben. So hat auch der Herr wohl den Johannes am meisten geliebt und doch den Petrus, weil er älter war, über ihn und die anderen Jünger gesetzt. Denn jedermann erträgt leichter einen Älteren als Vorgesetzten, denn einen Jüngeren, und lieber gehorchen wir einem älteren Mann, welchen nicht bloß zufällige Lebensumstände, sondern die Natur und die Zeitverhältnisse über uns gestellt haben.
So sagt auch Hieronymus im ersten Buch seiner Schrift „Gegen Jovinianus“, indem er von der Bevorzugung des Petrus spricht: „Einer wird erwählt, damit ein Oberhaupt da sei und so der Anlaß zu einer Spaltung beseitigt werde. Aber warum ist nicht Johannes dazu erwählt worden? Jesus hat dem Alter den Vorzug gegeben. Petrus war der Ältere, und es sollte nicht der Jüngling, der fast noch ein Knabe war, Männern von vorgerückterem Alter vorgezogen werden. Der gute Meister, der seinen Jüngern jeden Anlaß zum Streit benehmen mußte, wäre ja sonst gewissermaßen selbst schuld gewesen, wenn man seinen Lieblingsjünger mit Mißgunst angesehen hätte.“
Von dieser Erwägung ließ sich auch jener Abt leiten, der, wie in dem „Leben der Altväter“ erzählt wird, dem jüngeren von zwei Brüdern, obwohl er früher in den Orden eingetreten war, die höhere Stelle verweigerte und sie dem älteren gab, aus dem einzigen Grunde, weil dieser vorgerückteren Alters war als jener. Er fürchtete, daß selbst der leibliche Bruder durch die Bevorzugung des Jüngeren sich verletzt fühlen möchte. Er erinnerte sich, daß auch die Apostel überdie beiden Brüder aus ihrer Mitte unwillig wurden, die durch die Vermittlung ihrer Mutter von Christus eine Bevorzugung erlangen wollten, wobei obendrein noch der eine von den beiden, nämlich der obengenannte Johannes, jünger war, als die übrigen Apostel.
Aber nicht bloß bei der Einsetzung der Diakonissen verfuhr der Apostel mit der größten Sorgfalt, sondern er war überhaupt bestrebt, den Witwen, die ein gottgeweihtes Leben führen wollten, jeden Anlaß zu einer Versuchung aus dem Weg zu räumen. Denn seinen Worten: „Ehre die Witwen, welche rechte Witwen sind“ — fügt er sogleich bei: „So aber eine Witwe Kinder oder Neffen hat, solche laß zuvor lernen ihre eigenen Häuser göttlich regieren und den Eltern gleiches vergelten“. Und einige Zeilen weiter unten heißt es: „So aber jemand die Seinen, sonderlich seine Hausgenossen, nicht versorget, der hat den Glauben verleugnet und ist ärger denn ein Heide“.
Mit dieser Verordnung trägt der Apostel zugleich den Pflichten der Menschlichkeit und denen der Religion Rechnung. Er will verhüten, daß unter dem Vorwand der Frömmigkeit hilflose Kinder verlassen werden, und daß die Stimme des Blutes in einer Witwe das Mitleid für die Hilfsbedürftigen wecke, sie dadurch in ihrem frommen Vorsatz irre mache und rückwärts zu sehen nötige, ja, daß sie unter Umständen gar zum Verbrechen am Heiligtum verleitet werde und, um den Ihrigen etwas zuzuwenden, die Gemeinde betrüge. Daher erscheint durchaus notwendig sein Rat, daß solche, die noch mit häuslichen Sorgen zu thun haben, ehe sie mit ihrem Witwenstand wirklich Ernst machen und sich ganz in den Dienst Gottes stellen, vorher „ihren Eltern gleiches vergelten sollen“, d. h. daß sie ihren Kindern vorher die gleiche Fürsorge zu teil werden lassen, mit der sie einst selbst von ihren Eltern aufgezogen worden sind.
Um den Stand der Witwen zu vervollkommnen, verlangt er von ihnen, daß sie anhalten mit Gebet und Flehen Tagund Nacht. In der aufrichtigen Sorge um ihre Bedürfnisse sagt der Apostel: „So aber ein Gläubiger Witwen hat, der versorge dieselbigen und lasse die Gemeine nicht beschweret werden, auf daß die, so rechte Witwen sind, mögen genug haben“. Dies soll so viel heißen als: wenn irgendwo eine Witwe ist, welche solche Angehörige hat, die sie von ihrer Habe unterstützen können, so sollen diese für sie sorgen, damit für den Unterhalt der übrigen die Gemeindekasse ausreiche. Daraus geht deutlich hervor, daß diejenigen, welche sich weigern, ihre Witwen zu unterstützen, auf Grund apostolischer Autorität zu ihrer Verpflichtung angehalten werden sollen.
Aber nicht allein auf ihre äußeren Bedürfnisse, sondern auch auf ihre Ehre ist der Apostel bedacht, wenn er sagt: „Ehre die Witwen, welche rechte Witwen sind“. Solche waren gewiß jene Frauen, deren eine der Apostel selbst seine Mutter, deren andere der Evangelist Johannes seine Herrin nennt, aus Ehrfurcht vor ihrem heiligen Berufe. „Grüßet Rufum, schreibt Paulus an die Römer, den Auserwählten in dem Herrn, und seine und meine Mutter“ — und Johannes beginnt seinen zweiten Brief: „Der Älteste der auserwählten Herrin und ihren Kindern“. Er fügt auch weiter unten die Aufforderung bei, sie möge ihn lieben: „Und nun bitte ich dich, Herrin, daß wir uns untereinander lieben“.
Im Vertrauen auf dieses Vorbild hat auch Hieronymus in seinem Brief an die Jungfrau Eustochium, die sich demselben Lebensberuf gewidmet hatte, wie ihr, sich nicht geschämt, sie seine Herrin zu nennen; ja, er fügt noch sogleich hinzu, warum dies sogar seine Pflicht sei: „darum nenne ich Eustochium meine Herrin, weil ich die Verlobte meines Herrn also nennen muß“. Auch sagt er weiter unten in demselben Brief, indem er das Vorrecht dieses heiligen Berufes über alle Herrlichkeit irdischen Glückes stellt: „Ich will nicht haben, daß du viel mit Damen verkehrst und in den Häusern vornehmer Frauen aus und ein gehst; ich will nicht, daß dudasjenige häufig siehst, was du gering geachtet, um im jungfräulichen Stande zu bleiben. Mag die Schar ehrgeiziger Schmeichlerinnen sich um des Kaisers Gemahl drängen — solltest du darum deinem Manne sein Recht verkürzen? Du, Gottes Braut, wolltest dienstfertig zu eines Menschen Gattin eilen? Lerne in diesem Stück heiligen Stolz; wisse, daß du mehr bist denn jene“.
Derselbe Hieronymus schreibt an eine Jungfrau, die sich Gott geweiht hatte, über die himmlische Seligkeit und über das hohe Ansehen, das gottgeweihten Jungfrauen schon auf Erden zu teil werde, unter anderem folgendes: „Welche Seligkeit dem heiligen Stande der Jungfrauen im Himmel zu teil wird, das sehen wir nicht bloß aus den Zeugnissen der Heiligen Schrift, sondern auch aus dem Brauch der Kirche, welcher uns zeigt, daß die Jungfrauen, welche die geistliche Weihe empfangen, ein ganz besonderes Verdienst dadurch erwerben. Denn während von der großen Menge der Gläubigen alle die gleichen Gnadengaben empfangen und alle der gleichen Segnungen der Sakramente sich erfreuen, so haben jene etwas vor den übrigen voraus, denn aus der heiligen und unbefleckten Herde der Kirche werden sie zum Lohn für ihren heiligen Entschluß vom heiligen Geist auserlesen als besonders heilige und reine Opfer und werden als solche durch den höchsten Priester Gott vor seinem Altar dargebracht“. Und weiter heißt es: „Es besitzt also der jungfräuliche Stand etwas, das die andern nicht haben, da eine besondere Gnadengabe mit ihm verbunden ist und er sich auch, sozusagen, bei seiner Weihe eines besonderen Vorrechtes erfreut. Denn die Weihe der Jungfrauen darf ja — es sei denn bei drohender Todesgefahr — zu keiner andern Zeit vollzogen werden als an Epiphanias und an den Weißen Ostern, oder an den Feiertagen der Apostel. Auch dürfen die Jungfrauen selbst wie die Schleier, die ihr gottgeweihtes Haupt bedecken sollen, nur vom obersten Priester, d. h. vom Bischof geweiht werden“. Die Mönche dagegen, obwohl siedemselben Stande und dem bevorzugten Geschlecht angehören können, auch wenn sie rein geblieben sind wie Jungfrauen, an jedem beliebigen Tag vom Abt die Einsegnung für sich selbst und für ihr Gewand, d. h. für ihre Kutte, erhalten. Priester und niedere Kleriker können während der Quatemberfasten, Bischöfe an jedem Sonntag die Weihe erhalten. Die Weihe der Jungfrauen ist je köstlicher, je seltener und ist besonders hohen Fest- und Freudentagen vorbehalten. Ob ihrer wunderbaren Tugend freut sich die ganze Kirche mit, sowie der Psalmist prophetisch davon redet in den Worten: „Jungfrauen führet man zum Könige“, und weiter: „Man führet sie mit Freuden und Wonne und gehen in des Königs Palast“. Man glaubt auch, daß der Apostel und Evangelist Matthäus selber die Liturgie zu dieser Weihe niedergeschrieben oder im mündlichen Gebrauch gehabt habe; wenigstens lesen wir dies in seiner Leidensgeschichte, wo auch erzählt wird, der Apostel sei für die Weihe und die Heiligkeit des jungfräulichen Standes den Märtyrertod gestorben. Für Kleriker und Mönche aber haben uns die Apostel keine Weiheformel hinterlassen.
Der heilige Stand der Frauen wird schon durch den ihnen eigentümlichen Namen angedeutet; heißen sie doch Sanktimonialen, und dieses Wort kommt her vonsanctimoniaodersanctitas, d. h. so viel als Heiligkeit. Denn je schwächer das weibliche Geschlecht, desto angenehmer ist es vor Gott, desto vollkommener ihre Tugend — nach dem Zeugnis des Herrn selbst, der den mutlosen Apostel ermahnt, auszuharren im Kampf bis zum Sieg, indem er spricht: „Laß dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“. Er ist es auch, der durch den Mund des Apostels in demselben zweiten Brief an die Korinther über die Glieder seines Leibes, d. h. der Kirche, so redet, als wollte er den Wert der schwachen Glieder besonders hervorheben; es heißt dort: „Sondern vielmehr die Glieder des Leibes, die uns dünken die schwächsten zu sein, sind die nötigsten,und die uns dünken die unehrlichsten zu sein, denselbigen legen wir am meisten Ehre an, und die uns übel anstehen, die schmücket man am meisten. Denn die uns wohlanstehen, die bedürfens nicht. Aber Gott hat den Leib also vermenget und dem dürftigen Glied am meisten Ehre gegeben, auf daß nicht eine Spaltung im Leibe sei, sondern die Glieder füreinander gleich sorgen“.
Wer möchte behaupten, daß die Fülle der göttlichen Gnade und Nachsicht irgendwo anders so reichlich sich ergossen habe wie über das schwache Geschlecht der Frauen, welches durch seine Schuld wie durch seine Natur sich verächtlich gemacht hatte? Sieh die verschiedenen Stände dieses Geschlechts an und du wirst finden, daß der Reichtum der Gnade Christi sich erweist nicht bloß an Jungfrauen, Witwen oder Ehefrauen, sondern selbst an den verworfensten Dirnen, dem Abschaum ihres Geschlechts. Da geht es nach dem Wort des Herrn und des Apostels: „Die letzten werden die ersten und die ersten werden die letzten sein“ — „wo aber die Sünde mächtig ist, da ist die Gnade noch viel mächtiger“. Wenn wir uns die Gnadengaben und Auszeichnungen vergegenwärtigen, die von Anbeginn der Welt Gott dem weiblichen Geschlecht hat zukommen lassen, so finden wir, daß schon bei der Schöpfung die höhere Würde des Weibes sich zu erkennen giebt, sofern sie im Paradiese selbst, der Mann dagegen außerhalb desselben erschaffen wurde. Daraus sollten die Frauen lernen, daß das Paradies ihre angestammte Heimat sei und daß es ihnen wohl anstehe, die Unschuld paradiesischen Lebens zu pflegen. Ambrosius sagt in seinem Buch „Vom Paradies“: „Und Gott nahm den Menschen, welchen er gemacht hatte, und setzte ihn ins Paradies“. Also der, der schon war, wird ergriffen und ins Paradies gesetzt; demnach ist der Mann außerhalb des Paradieses erschaffen worden, die Frau dagegen im Paradies. Der Mann, der am geringeren Ort entstand, erweist sich als der bessere, und die Frau, die am bevorzugten Ort geschaffen wurde, als die geringere.Auch hat der Herr zuerst das, was Eva, die Urheberin aller Sünde, gesündigt hatte, durch Maria wieder gutgemacht, dann erst die Sünde Adams durch Christus. Und wie die Schuld von einer Frau herkam, so hat auch die Gnade ihren Ursprung aus der Frau genommen, und das Ansehen der Jungfräulichkeit ist aufs neue erblüht. Zuerst ist die Form einer gottgeweihten Lebensweise durch Anna und Maria den Witwen und den Jungfrauen vorgebildet worden, dann erst haben Johannes und die Apostel den Männern das Beispiel mönchischen Lebens gegeben.
Sehen wir, nach Eva, auf die Tugend einer Debora, Judith, Esther, so werden wir finden, daß das starke Geschlecht allen Grund hat, darüber zu erröten. Debora, die Richterin des auserwählten Volkes, hat Schlachten geschlagen, als es an Männern gebrach, und nach dem Sieg über den Feind und der Befreiung ihres Volkes Triumphe gefeiert. Die wehrlose Judith hat mit ihrer Dienerin Abra ein schreckliches Heer angegriffen und den Holofernes mit seinem eigenen Schwert enthauptet; sie allein hat die ganze Feindesschar geschlagen und ihr verzweifelndes Volk errettet. Esther, obwohl im Widerspruch zum Gesetz mit einem heidnischen Fürsten vermählt, hat mittels der geheimnisvollen Einwirkung des heiligen Geistes den Rat des gottlosen Haman und das grausame Gebot des Königs zunichte gemacht und hat in einem Augenblick das Gegenteil von dem bewirkt, was bei dem König beschlossene Sache gewesen war.
Man macht so viel Aufhebens davon, daß David mit Schleuder und Stein den Goliath angegriffen und besiegt hat. Judith, die Witwe, zog gegen das feindliche Heer, ohne Schleuder und ohne Wurfgeschoß, ohne irgend ein Waffenstück. Esther befreite ihr Volk durch ihr bloßes Wort und wandte das Verdammungsurteil auf ihre Feinde zurück, so daß sie selbst in die Grube fielen, welche sie gegraben hatten. Mit Recht ist bei den Juden zum Andenken an diese Heldenthat ein jährlich wiederkehrendes Freudenfest eingesetzt worden,eine Verherrlichung, welche selbst den glänzendsten Mannesthaten nicht zu teil geworden ist. Wer denkt nicht mit Bewunderung an den Mut der Mutter jener sieben Söhne, die nach dem Berichte des Buchs der Makkabäer zusammen mit ihrer Mutter gefangen genommen wurden, und welche der grausame König Antiochus vergeblich zwingen wollte, Schweinefleisch zu essen, was im Gesetz verboten ist. Diese Mutter, ihre eigene Natur verleugnend und alles menschliche Gefühl vergessend, hatte nichts als nur Gott vor Augen; so viel Söhne sie unter frommen Ermahnungen den Todesweg vorangehen ließ, so viel Märtyrerkronen hat sie selber sich errungen, und zuletzt wurde sie vollendet durch ihren eigenen Märtyrertod.
Wenn wir das ganze Alte Testament durchblättern — wo findet sich etwas, das dem beharrlichen Mute dieses Weibes gleichkäme? Jener unerbittliche Versucher, der dem frommen Hiob bis aufs äußerste zusetzte, sagt im Hinblick auf die menschliche Schwachheit dem Tode gegenüber: „Haut für Haut und alles wird der Mensch für sein Leben geben“. Denn uns alle erfüllt der Gedanke an die Schrecken des Todes unwillkürlich mit solcher Angst, daß wir, um das eine Glied zu schützen, oft das andere preisgeben und keine Mühsal scheuen, wenn wir nur unser Leben retten können. Diese Frau aber hat nicht bloß ihre Habe geopfert, sondern ihr und ihrer Kinder Leben mutig drangegeben, nur um sich auch nicht gegen Eine Satzung zu verfehlen. Was war es eigentlich, wozu man sie zwingen wollte? Sollte sie Gott verleugnen oder den Götzen Weihrauch streuen? O nein, nichts anderes verlangte man von ihnen als daß sie das Fleisch essen sollten, das ihnen im Gesetz verboten war. O meine Brüder, durch Ein Gelübde mit mir verbunden, die ihr ohne Scheu tagtäglich nach Fleisch seufzet, im Widerspruch gegen die Regel und gegen unser Ordensgelübde: was saget ihr zur Standhaftigkeit dieses Weibes? Oder hättet ihr euch so ganz jeden Schamgefühls entäußert, daß ihr dies anhörenkönntet ohne zu erröten? Denket daran, meine Brüder, wie der Herr die Ungläubigen drohend auf die Königin von Mittag hinweist: „Die Königin von Mittag wird auftreten am jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und wird es verdammen“. Bedenket, daß ihr euch die Standhaftigkeit dieser Frau um so mehr zur Aufmunterung dienen lassen müsset, als ihre Leistung viel größer war als die eurigen, und ihr durch euer Ordensgelübde viel enger an euren heiligen Beruf gebunden seid.
Die Kirche hat der Tugend dieser Frau, die in so schwerem Kampfe sich bewährt hat, ein besonderes Vorrecht eingeräumt, nämlich daß ihr Martyrium durch feierliche Schriftlektion und eigene Messe gefeiert wird, eine Auszeichnung, die keinem der Frommen des alten Bundes zu teil geworden, welche vor der Ankunft des Herrn gestorben sind: wiewohl eben in der Geschichte der Makkabäer berichtet wird, daß der ehrwürdige Greis Eleazar, einer der vornehmsten Schriftgelehrten, um derselben Ursache willen schon vorher die Krone des Martyriums erlangt habe. Allein weil die Tugend des schwächeren weiblichen Geschlechts, wie ich schon sagte, vor Gott um so angenehmer ist und größerer Auszeichnung würdig erscheint, so wurde dieses Martyrium, bei welchem keine Frau beteiligt war, einer besonderen Feier nicht gewürdigt, da man es für nichts besonderes achtete, wenn das stärkere Geschlecht sich auch im Leiden stärker zeigte. Darum verkündet auch die Schrift das Lob jener Frau mit hohen Worten, indem sie sagt: „Es war aber ein großes Wunder an der Mutter, und ist ein Beispiel, das wohl wert ist, daß man’s von ihr schreibe. Denn sie sah ihre Söhne alle sieben auf Einen Tag nacheinander martern, und litt es mit großer Geduld um der Hoffnung willen, die sie zu Gott hatte. Dadurch ward sie so mutig, daß sie einen Sohn um den andern auf ihre Sprache tröstete und faßte ein männlich Herz“.
Wer könnte, wo es den Preis der Jungfrauen gilt, dieTochter Jephthas vergessen? Um den Vater nicht wortbrüchig werden zu lassen an seinem unüberlegten Gelübde, und damit die Gottheit, die sich so gnädig gezeigt hatte, nicht um das versprochene Opfer käme, redet sie selber dem siegreichen Vater zu, das Messer gegen sie zu zücken. Was glaubet ihr, daß sie als Christin für ihren Glauben gethan hätte, wenn sie von den Ungläubigen zur Gottesverleugnung und zum Abfall genötigt worden wäre? Hätte sie wohl, über Christus befragt, mit dem Haupt der Apostel gesprochen: „Ich kenne den Menschen nicht“? Zwei Monate wurden ihr noch von ihrem Vater freigegeben, und wie die Frist um ist, stellt sie sich bei ihm ein, um zu sterben. Freiwillig geht sie in den Tod; statt ihn zu fürchten, verlangt sie danach. Sie büßt mit ihrem Leben das thörichte Gelübde des Vaters und löst sein Versprechen ein, aus lauterster Liebe zur Wahrheit. Sie, die den Vater nicht wortbrüchig sehen kann, wie ferne muß sie selbst davon gewesen sein! Welch eine Liebesglut in diesem Mädchen für den irdischen wie für den himmlischen Vater! durch ihren Tod will sie jenem die Lüge ersparen und diesem halten, was ihm gelobt war. Wohl hat dieses hochherzige Mädchen die hohe Auszeichnung verdient, daß alljährlich die Töchter Israels sich versammeln und mit feierlichen Liedern das Gedächtnis an den Tod der Jungfrau feiern und in frommen Klagen der Trauer um ihr leidvolles Schicksal Ausdruck geben.
Um aber von allem andern zu schweigen: Was war für unsere Erlösung und für das Heil der ganzen Welt so notwendig als das weibliche Geschlecht, das uns den Erlöser selber gebracht hat? Diesen einzigartigen Ruhmestitel hat jenes Weib, das zuerst mit ihrem Anliegen den heiligen Hilarion zu bestürmen wagte, diesem zu seiner hohen Überraschung entgegengehalten, indem sie ihm zurief: „Was wendest du dich ab? Was weichst du zurück vor meinem Flehen? Sieh in mir nicht das Weib, sieh die Unglückliche in mir. Mein Geschlecht hat den Heiland geboren“.
Was ist dem Ruhme zu vergleichen, den dies Geschlecht in der Mutter des Herrn sich erworben hat? Unser Erlöser hätte ja wohl, wenn er gewollt hätte, von einem Manne seine Körperlichkeit annehmen können, so gut als es ihm beliebt hat, die erste Frau aus dem Körper des Mannes zu bilden. Allein er hat durch die sonderliche Gnade seiner Erniedrigung das schwächere Geschlecht geehrt. Auch hätte er sich durch einen andern edleren Teil des weiblichen Körpers gebären lassen können als derjenige ist, durch welchen die übrigen Menschen zugleich empfangen und zur Welt gebracht werden. Allein um dem schwächeren Körper eine unvergleichliche Ehre zu erweisen, hat er durch seine Geburt dem weiblichen Zeugungsorgan eine weit höhere Weihe gegeben als dies dem männlichen durch die Beschneidung geschehen war.
Aber ich will nicht weiter reden von der einzigartigen Auszeichnung, die in Sonderheit den Jungfrauen zukommt, sondern auch zu den andern Frauen mich wenden, wie ich mir vorgenommen habe. So merke denn darauf, welche große Gnade alsbald mit der Ankunft Christi für Elisabeth, die Ehefrau, und für Hanna, die Witwe, verbunden war. Dem Manne der Elisabeth, Zacharias, dem Hohenpriester des Herrn, war zur Strafe für seine Ungläubigkeit die Zunge noch gelähmt, als Elisabeth, voll heiligen Geistes, bei der Ankunft und Begrüßung der Maria das Kind in ihrem Leibe hüpfen fühlte und, indem sie zuerst die erfolgte Empfängnis der Maria prophetischen Geistes verkündete, mehr als Prophetin war. Ja, die bereits geschehene Empfängnis der Jungfrau zeigte sie an und veranlaßte dadurch die Mutter des Herrn selbst, den Herrn dafür zu lobpreisen. Die Gabe der Prophetin erscheint bei Elisabeth noch vollkommener als bei Johannes, da sie imstande war, alsbald den erst empfangenen Gottessohn zu erkennen, während er nur auf den längst Geborenen hinzuweisen brauchte. Wie wir also die Maria Magdalena gewissermaßen einen weiblichen Apostel nennen können, so tragen wir auch kein Bedenken,die Elisabeth oder jene fromme Witwe Hanna, von der wir oben ausführlich gesprochen haben, als Prophetin den Propheten an die Seite zu stellen.
Wollen wir unsere Beobachtungen über die Gabe der Prophetie bis zu den Heiden ausdehnen, dann mag vor allen die Seherin Sibylle hervortreten und uns vernehmen lassen, was ihr über Christus geoffenbart worden ist. Vergleichen wir mit ihr sämtliche Propheten, selbst den Jesaias, von dem Hieronymus versichert, er sei mehr ein Evangelist als ein Prophet zu nennen, so werden wir finden, daß auch mit dieser Gnadengabe die Frauen weit reichlicher bedacht worden sind als die Männer. Augustinus beruft sich auf sie gegen die Ketzer und sagt von ihr: „Vernehmen wir auch, was die Sibylle, ihre Prophetin, über ihn sagt: Einen andern hat der Herr den gläubigen Menschen gegeben, daß sie ihn anbeten. Ferner: Erkenne du selbst, daß dein Herr Gottes Sohn sei. An einer andern Stelle nennt sie den Sohn Gottes Symbolum, d. h. Berater. Und der Prophet sagt: Sein Name ist: Wunderbar — Rat. Wiederum sagt derselbe Kirchenvater im 18. Kapitel seines Buches vom ‚Gottesstaat‘ folgendes über sie aus: In jener Zeit soll nach verschiedenen Berichten die Erythräische Sibylle — manche behaupten auch, es sei diejenige von Cumä gewesen — geweissagt haben.“ Man hat von ihr siebenundzwanzig Verse, deren Inhalt er in lateinischen Versen angiebt, wie folgt: