„Erde mit Schweiß bedeckt, verkündet die Nähe des RichtersUnd vom Himmel herab naht, ewig zu herrschen, ein König,In leibhaftigem Fleisch erscheint er, zu richten den Erdkreis.“
„Erde mit Schweiß bedeckt, verkündet die Nähe des Richters
Und vom Himmel herab naht, ewig zu herrschen, ein König,
In leibhaftigem Fleisch erscheint er, zu richten den Erdkreis.“
Fügt man die griechischen Anfangsbuchstaben dieser Verse aneinander, so kommt heraus: „Jesus Christus. Sohn Gottes, Heiland“.
Auch Lactantius führt einige messianische Weissagungen der Sibylle an: „Er wird nachmals in die Hände der Ungläubigen fallen. Sie werden mit ihren sündigen Händen dem Gotte Backenstreiche geben und giftigen Speichel werdensie ausspeien aus unreinem Munde. Er aber wird demütig seinen heiligen Rücken darbieten und schweigend wird er sich ins Angesicht schlagen lassen, damit keiner das Wort erkenne und niemand den Geistern der Hölle sage, woher er gekommen, und mit einer Dornenkrone wird er gekrönt werden. Für den Hunger geben sie ihm Galle, und Essig zum trinken; also werden sie ihn bewirten. O du verblendetes Volk, deinen Gott, den aller Sterblichen Geist preisen sollte, hast du nicht erkannt; mit Dornen hast du ihn gekrönt, Galle hast du ihm gemischt. Der Vorhang im Tempel wird zerreißen, mitten am Tag wird es finster sein drei Stunden lang und er wird sterben, drei Tage wird ihn der Schlummer befangen, alsdann wird er aus der Unterwelt ans Licht kommen, als Erstling der Auferstehung“.
Diese sibyllinische Weissagung hat wohl, wenn ich nicht irre, der größte unserer Dichter, Virgilius, gehört und bei sich bewegt; denn in seiner vierten Ekloge verkündigt er für die nächste Zeit der Regierung des Kaisers Augustus und für das Konsulat des Pollio die wunderbare Geburt eines Knaben, der vom Himmel auf die Erde gesandt werden solle, der auch der Welt Sünden tragen und ein neues Zeitalter wunderbar über die Welt heraufführen werde. Der Dichter selbst sagt, die Prophezeiung des Cumäischen Gedichtes, d. h. der Sibylle, welche die Cumäische genannt wird, habe ihn zu dieser Äußerung angeregt. Seine Worte klingen so, als wollte er alle Menschen auffordern, sich mit ihm zu freuen, mit ihm zu singen und zu schreiben von der Geburt dieses Kindes; alle andern Gegenstände scheinen ihm im Vergleich mit diesem unwichtig und gemein, und so sagt er:
„Laßt mich ein höheres Lied anstimmen, Sicilische Musen;Denn nicht jeden erfreut Gestrüpp und niedriges Buschwerk. —Schon bricht an des Cumäischen Liedes äußerstes Alter,Und von neuem beginnt gewaltiger Umschwung der Zeiten.Nun kehrt die Jungfrau zurück, Saturn beginnt wieder zu herrschen,Und ein neues Geschlecht wird aus himmlischen Höhen entsendet.“
„Laßt mich ein höheres Lied anstimmen, Sicilische Musen;
Denn nicht jeden erfreut Gestrüpp und niedriges Buschwerk. —
Schon bricht an des Cumäischen Liedes äußerstes Alter,
Und von neuem beginnt gewaltiger Umschwung der Zeiten.
Nun kehrt die Jungfrau zurück, Saturn beginnt wieder zu herrschen,
Und ein neues Geschlecht wird aus himmlischen Höhen entsendet.“
Betrachte die einzelnen Aussprüche der Sibylle: wie vollständig und wie deutlich umfassen sie die Summe des christlichen Glaubens! Weder seine Gottheit noch seine Menschheit, weder sein zweifaches Kommen noch das zweifache Gericht hat sie in Weissagung und Schrift übergangen, nämlich das erste Gericht, durch das er ungerecht verurteilt wurde in seiner Passion, und das zweite, in dem er gerecht die Welt richten wird in seiner Herrlichkeit. Ja, indem sie weder die Niederfahrt zur Hölle noch die Herrlichkeit der Auferstehung übergeht, scheint sie nicht bloß die Propheten, sondern die Evangelisten selbst zu übertreffen, die von Christi Höllenfahrt nichts berichtet haben.
Müssen wir ferner uns nicht alle höchlich wundern über das vertrauliche, lange Gespräch, in welchem Jesus die Heidin, die Samariterin, mit so viel Liebe unter vier Augen zu belehren geruht hat, also, daß darob selbst die Apostel staunten? Von der Ungläubigen, die noch dazu wegen ihrer vielen Männer anrüchig war, hat er zu trinken verlangt, da uns doch sonst nicht bekannt ist, daß er von irgend jemand Speise erbeten hätte. Die Apostel kommen dazu, bieten ihm die eingekauften Speisen an und sprechen: „Rabbi, iß“ — er aber nimmt das Dargebotene nicht an und gleichsam zu seiner Entschuldigung sagt er: „Ich habe eine Speise zu essen, da wisset ihr nicht von“. Von dem Weibe aber verlangt er selber zu trinken. Und sie will sich dieser Dienstleistung entziehen mit den Worten: „Wie bittest du von mir zu trinken, so du ein Jude bist und ich ein samaritisches Weib? Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern“. Und weiter: „Hast du doch nichts, damit du schöpfest und der Brunnen ist tief“. So verlangt er also von der Heidin, die’s ihm verweigert, zu trinken, der doch die Speisen, welche die Apostel ihm anbieten, nicht berührt. Ist das nicht eine gnädige Bevorzugung des schwachen Geschlechts, wenn der, der allen das Leben gebracht hat, ein Weib um Wasser bittet? Warum, frage ich, that er dies,wenn nicht mit der Absicht, deutlich zu zeigen, daß ihm die Tugend der Frauen um so angenehmer sei, je schwächer sie eingestandenermaßen von Natur sind, und daß er um so mehr nach ihrem Heil verlange und dürste, je bewundernswerter ihre Tugend sei. Daher, indem er von einer Frau zu trinken verlangt, giebt er zu verstehen, daß er diesen seinen Durst vorzüglich durch die Rettung weiblicher Seelen gestillt wissen wolle. Diesen Trank nennt er auch Speise, indem er sagt: „Ich habe eine Speise zu essen, da wisset ihr nicht von“. Und was er unter dieser Speise verstehe, setzt er im folgenden auseinander: „Meine Speise ist, daß ich thue den Willen meines Vaters“ — und deutet damit an, daß der Wille seines Vaters in Sonderheit da geschehe, wo es sich um das Seelenheil der Frauen handelt.
Es ist uns berichtet, daß Jesus auch mit Nikodemus, jenem Obersten der Juden, ein vertrautes Zwiegespräch gehalten habe, in welchem er auch diesen, der im geheimen zu ihm gekommen war, über das Heil seiner Seele belehrte; aber es wird zugleich erzählt, daß dieses Gespräch keinen ebenso guten Erfolg gehabt habe. Die Samariterin, das ist sicher, wurde damals von prophetischem Geist erfüllt, der ihr eingab, daß Christus bereits zu den Juden gekommen sei und daß er auch zu den Heiden kommen werde; und so sprach sie: „Ich weiß, daß Messias kommt, der da Christus heißt. Wenn derselbe kommen wird, so wird er es uns alles verkündigen“. Und viele Leute aus jener Stadt, heißt es, seien auf das Wort des Weibes hin zu Christus hinausgelaufen und haben an ihn geglaubt und ihn zwei Tage bei sich behalten, der doch selbst an einer andern Stelle zu seinen Jüngern sagt: „Gehet nicht auf der Heiden Straße und ziehet nicht in der Samariter Städte“.
Derselbe Johannes erzählt ein andermal, einige Heiden, die nach Jerusalem gekommen seien, um das Fest mitzufeiern, haben durch Philippus und Andreas dem Herrn sagen lassen, sie möchten ihn gerne sehen. Er sagt aber nichts davon,daß sie wirklich zugelassen wurden und daß ihnen, die doch darum baten, so reiche Gelegenheit gegeben wurde, Christus zu sprechen, wie der Samariterin, die gar nicht danach verlangte. Mit ihr scheint er seine Wirksamkeit unter den Heiden angefangen zu haben, und er hat nicht bloß sie allein bekehrt, sondern hat durch sie — so wird berichtet — viele andere gewonnen. Die Magier, durch den Stern erleuchtet und zu Christus geführt, haben, so heißt es, viele andere durch ihre Aufmunterung und Belehrung zu ihm gezogen: aber selbst zu ihm gekommen sind nur sie. Auch daraus geht hervor, in welch hoher Gunst das heidnische Weib bei Christus stand, das nach Hause eilend und in der Stadt seine Ankunft und was er ihr gesagt hatte verkündigend, so schnell eine ganze Menge ihrer Landsleute für ihn gewonnen hat.
Wenn wir die Schriften des Alten Testaments oder die Evangelien nachschlagen, so finden wir, daß die göttliche Gnade, jene höchste Wohlthat der Auferweckung eines Toten, insbesondere Frauen erwiesen wurde, und daß nur ihnen zulieb oder an ihnen solche Wunder verrichtet worden sind. So lesen wir zunächst, daß auf die Bitte der Mütter von Elia und Elisäus ihre Söhne auferweckt und ihnen wiedergegeben wurden. Und der Herr selbst läßt die Wohlthat dieses unerhörten Wunders mit Vorliebe Frauen zu gute kommen, wenn er den Sohn einer Witwe, die Tochter des Synagogenvorstehers, und den Lazarus auf die Bitten seiner Schwestern auferweckt. Darum sagt der Apostel in seinem Brief an die Hebräer: „Die Weiber haben ihre Toten aus der Auferstehung wiedergenommen“. Denn das auferweckte Mädchen hat seinen toten Körper wieder zurückbekommen so gut wie die übrigen Frauen durch die Auferweckung und Rückgabe ihrer Toten, die sie beweinten, getröstet wurden. Es geht daraus hervor, wie sehr der Herr stets die Frauen bevorzugte, indem er sie zunächst durch ihre eigene und durch der Ihrigen Wiederbelebung erfreute und zuletzt sie bei seinereigenen Auferstehung dadurch ganz besonders auszeichnete, daß er ihnen, wie schon erwähnt wurde, zuerst erschien. Diesen Vorzug hat dieses Geschlecht vielleicht verdient durch das natürliche Gefühl des Mitleids, das es dem Herrn inmitten eines feindseligen Volkes zollte. Denn nach dem Berichte des Lukas, während die Männer ihn zur Kreuzigung führten, folgten die Frauen nach und klagten und weinten um den Herrn. Und er wendet sich nach ihnen um und wie zum Dank für ihre Liebe verkündigt er ihnen in der drohenden Leidensgefahr selbst aus Mitleid, damit sie ihm entrinnen möchten, den bevorstehenden Untergang: „Ihr Töchter von Jerusalem, ruft er ihnen zu, weinet nicht über mich, sondern weinet über euch selbst und über eure Kinder. Denn siehe, es wird die Zeit kommen, in welcher man sagen wird: Selig sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben.“
Ferner erzählt Matthäus, daß die Frau des ungerechten Richters treulich an der Befreiung des Herrn gearbeitet habe; er sagt von ihr: „Und da er auf dem Richtstuhl saß, schickte sein Weib zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; ich habe heute viel erlitten im Traum von seinetwegen“. Und wiederum war es von der ganzen Schar, die der Predigt Jesu zuhörte, eine Frau, die ihre Stimme zu dem hohen Lobe erhob, daß sie ausrief: „Selig der Leib, der dich getragen hat und die Brüste, die dich gesäuget haben“. Und alsbald mußte sie sich für ihr Bekenntnis, so richtig es war, eine Zurechtweisung vom Herrn gefallen lassen, der ihre Worte also verbesserte: „Ja, selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren“!
Unter den Aposteln genoß allein Johannes das Vorrecht der besonderen Liebe des Meisters, so daß er der Lieblingsjünger des Herrn genannt wurde. Von Martha aber und Maria schreibt Johannes selber: „Denn Jesus hatte Martha lieb und ihre Schwester Maria und Lazarus“. Derselbe Apostel, der infolge besonderer Bevorzugung, die er genoß,sich als den Lieblingsjünger des Herrn bezeichnet, schreibt den Frauen dasselbe Vorrecht zu, das er doch keinem der andern Apostel zugesteht. Und wenn er auch den Bruder derselben an der gleichen Ehre teilnehmen läßt, so nennt er doch die Frauen vor ihm, als wollte er damit andeuten, daß sie dem Herzen Jesu näher standen.
Endlich will ich auf die Frauen zurückkommen, die der christlichen Kirche bereits angehörten, und die Barmherzigkeit Gottes, die sich bis zur Verworfenheit öffentlicher Dirnen herabläßt, staunend verkünden und sie verkündigend anstaunen. Hatten nicht Maria Magdalena oder MariaÄgyptiaca, die nachmals durch die göttliche Gnade zu Ehren und Würden erhoben wurden, ein Vorleben der verworfensten Art geführt? Jene lebte später, wie schon erwähnt, beständig in der Gemeinschaft der Apostel; von der andern wird berichtet, sie habe als Einsiedlerin einen übermenschlich harten Bußkampf durchgekämpft, so daß der Tugend der heiligen Frauen die erste Stelle gebührt, wenn man die Mönche beiderlei Geschlechts ins Auge faßt, ja daß das Wort, welches der Herr an die Ungläubigen richtete: „Die Huren werden eher ins Reich Gottes kommen als ihr“ — seine Anwendung selbst auf gläubige Männer zu finden scheint, und daß die, welche ihrem Geschlecht und ihrem Leben nach die letzten waren, die ersten werden und die ersten — die letzten. Endlich, wer weiß es nicht, mit welch heiligem Eifer die Frauen die Mahnung Christi und den Rat des Apostels zur Keuschheit befolgt haben, so daß sie, um Leib und Seele unverletzt zu erhalten, sich im Märtyrertod Gott zum Opfer dargebracht haben und im Schmuck der zweifachen Krone dem Lamm, das den Jungfrauen verlobt ist, zu folgen begehrten, wohin es ging. Solche Vollkommenheit finden wir selten bei Männern, häufig dagegen bei Frauen. Ja, einige von ihnen, so wird uns erzählt, hielten mit solchem Eifer an dieser höheren Würde ihres keuschen Leibes fest, daß sie nicht zögerten, selbst Hand an sich zu legen, um nicht ihre Jungfräulichkeit, diesie Gott geweiht hatten, zu verlieren, sondern als Jungfrauen zu ihrem jungfräulichen Bräutigam zu kommen.
Und er hat zu erkennen gegeben, wie angenehm vor ihm die Frömmigkeit heiliger Jungfrauen sei. Als bei einem Ausbruch des Ätna die Menge des heidnischen Volkes hilfesuchend zur heiligen Agathe eilte, wurden sie durch den Schleier der Heiligen, den diese dem furchtbaren Feuer entgegenhielt, vom Verderben des Leibes und der Seele gerettet. Wir wissen nichts davon, daß dem Gewand irgend eines Mönches solche Segenskräfte verliehen worden wären. Zwar lesen wir, daß durch Elias’ Mantel der Jordan geteilt wurde, so daß er und Elisäus trockenen Fußes hindurchgingen: dort aber wird durch den Schleier einer Jungfrau die gewaltige Menge eines bisher ungläubigen Volkes an Leib und Seele gerettet und den dadurch Bekehrten der Weg zum Himmel eröffnet.
Auch das ist bezeichnend für die hohe Würde heiliger Frauen, daß sie bei ihrer Weihe die Worte aussprechen: „Durch seinen Ring hat er mich erworben, seine Braut bin ich“. Es sind dies Worte der heiligen Agnes, durch welche die Jungfrauen, die ihr Gelübde ablegen, sich mit Christus vermählen.
Will man bis auf die heidnischen Zeiten zurückgehen, um zu erfahren, welche Gestalt und welches Ansehen euer Stand damals gehabt habe, und zu eurer Ermunterung einige Beispiele aus jener Zeit anführen, so ist die Beobachtung leicht zu machen, daß es schon damals einige Einrichtungen gab, die diesem Beruf ähnlich waren, abgesehen davon, daß der richtige Glaube noch fehlte, und daß unter Heiden und Juden manches bestand, was die Kirche von ihnen herübergenommen und in verbesserter Form beibehalten hat. So ist allgemein bekannt, daß die Kirche die ganze Stufenleiter des geistlichen Standes vom Thürhüter bis zum Bischof, den Gebrauch der Tonsur, dem sich die Geistlichen unterwerfen müssen, die Quatemberfasten, das Fest der süßen Brote, jasogar die Verzierungen an den priesterlichen Gewändern und manche heiligen Gebräuche bei Weihungen und anderen Gelegenheiten — von der Synagoge übernommen hat. Ebenso bekannt ist, daß die Kirche mit weiser Mäßigung nicht bloß die Stufenleiter der weltlichen Würden, wie die der Könige und Fürsten, ferner manche Gesetzesbestimmungen und moralische Anschauungen und Vorschriften unter den bekehrten Völkern weiter bestehen ließ: sondern sie hat sogar einige kirchliche Würden, die Art und Weise der Ausübung der Enthaltsamkeit und Vorschriften in Beziehung auf körperliche Reinigungen von ihnen angenommen. Es ist sicher, daß jetzt Bischöfe und Erzbischöfe im Amt sind, wo damals die Flamines und Archiflamines waren, und daß die Tempel, welche damals den Dämonen gehörten, später dem Herrn geheiligt und dem Gedächtnis der Heiligen geweiht wurden.
Man weiß auch, daß bei den Heiden der jungfräuliche Stand besonderes Ansehen genoß, während die Juden durch ihr Gesetz zur Ehe angehalten wurden; ja, bei den Heiden wurde diese Tugend fleischlicher Unbeflecktheit so hoch gehalten, daß in ihren Tempeln große Gemeinschaften von Frauen sich aufhielten, die dem ehelosen Leben sich ergeben hatten. Daher Hieronymus im dritten Buch seines Kommentars zum Galaterbrief sagt: „Was werden wir zu thun haben, wenn uns zur Beschämung Juno ihre geweihten Frauen, Vesta ihre Jungfrauen, und andere Götzen ihre Enthaltsamkeit übenden Verehrer haben?“ Wenn er Frauen und Jungfrauen nennt, so versteht er unter den ersteren solche, die einst mit Männern verkehrt hatten, nun aber für sich leben, unter den letzteren solche, die von jeher als Jungfrauen für sich gelebt hatten. Denn die Wortemonosundmonachos,welch letzteres vom ersten abgeleitet ist und soviel wie Einsiedler bedeutet, haben ein und denselben Sinn.
Derselbe Schriftsteller sagt im ersten Buche seiner Schrift „gegen Jovinianus“, nachdem er viele Beispiele von der Keuschheit und Enthaltsamkeit heidnischer Frauen angeführthatte: „Ich bin bei der Aufzählung dieser Frauen absichtlich so ausführlich gewesen, damit diejenigen, welche die christliche Schamhaftigkeit gering achten, wenigstens von den Heiden Keuschheit lernen“. Weiter oben in derselben Schrift erhebt er die Tugend der Enthaltsamkeit so hoch, daß es scheinen könnte, als hätte Gott an der Reinheit des Fleisches bei allen Völkern ein ganz besonderes Wohlgefallen, und als habe er diese Tugend durch besondere Belohnung ihres Verdienstes oder gar durch Wunderthaten in ihrem ganzen Wert anerkannt. „Was soll ich reden, sagt er, von der Erythräischen und Kumäischen Sibylle und von den anderen acht? Denn Varro behauptet, es seien zehn gewesen. Was sie von andern unterscheidet, ist ihre Jungfräulichkeit und die Sehergabe, die ihnen zum Lohn dafür verliehen ist.“ Weiter heißt es da: „Als die Vestalin Claudia des Vergehens der Unzucht verdächtigt wurde, soll sie an ihrem Gürtel ein Floß fortgezogen haben, das Tausende von Menschen nicht hatten von der Stelle bringen können“. Und Sidonius, Bischof von Clermont, sagt im Vorwort zu seinem Buch folgendes:
„So war Tanaquil nicht, noch auch die Jungfrau,Deren Vater du warst, o Tricipitinus;So nicht war die Geweihte der phrygischen Vesta,Die durch der Albula hochaufschwellende FlutenMit jungfräulichem Haar das Floß gezogen.“
„So war Tanaquil nicht, noch auch die Jungfrau,
Deren Vater du warst, o Tricipitinus;
So nicht war die Geweihte der phrygischen Vesta,
Die durch der Albula hochaufschwellende Fluten
Mit jungfräulichem Haar das Floß gezogen.“
Augustinus sagt im 22. Buch seiner Schrift „vom Gottesstaat“: „Kommen wir nunmehr zu ihren Wundern, welche sie als von ihren Göttern verrichtet unsern Märtyrern entgegenstellen — werden wir da nicht finden, daß auch sie nur unsern Zwecken dienen und unserer Sache förderlich sind? Unter den großen Wunderthaten ihrer Götter ist gewiß eine der größten die, welche Varro erzählt: eine vestalische Jungfrau habe, als sie fälschlicherweise der Unkeuschheit verdächtigt wurde, ein Sieb mit Wasser aus dem Tiber angefüllt und vor ihre Richter getragen, ohne daß ein Tropfen verloren gegangen sei. Wer hat das schwere Wasser aufgehalten,trotz der vielen Öffnungen, durch die es hätte abfließen können? Sollte nicht der allmächtige Gott einem irdischen Körper sein Schwergewicht nehmen und dasselbe Element mit Leben erfüllen können, in welchem nach seinem Willen der lebenschaffende Geist seinen Sitz hat?“
Wundern wir uns nicht, daß Gott durch solche und andere Wunder auch unter den Heiden die Tugend der Keuschheit zu Ehren gebracht hat oder vielmehr sie durch die Wirksamkeit der Dämonen zu Ehren hat bringen lassen. Es ist geschehen, um die jetzt Gläubigen destomehr für sie zu begeistern, wenn sie sehen, daß diese Tugend selbst unter den Heiden schon so hochgehalten wurde. Wir wissen ja, daß auch dem Kaiphas die Gabe der Prophetie nicht um seiner Person, sondern um seines Amtes willen verliehen worden, ja, daß selbst Lügenapostel bisweilen mit Wunderthaten prunken durften, und dies wiederum nicht ihrer Person verstattet war, sondern dem Amt, das sie führten. Was ist es also besonderes, wenn der Herr ein solch wunderbares Ereignis verstattet hat nicht etwa der Person der ungläubigen Frauen, sondern ihrer tugendsamen Enthaltsamkeit, um eine unschuldige Jungfrau zu retten und die Schlechtigkeit der falschen Ankläger zunichte zu machen?
Es steht fest, daß die Enthaltsamkeit auch unter den Heiden als ein hohes Gut angesehen wird, wie auch das Verlangen nach strenger Bewahrung des ehelichen Bundes allen Völkern gleichmäßig von Gott als ein Geschenk verliehen worden ist. Darum kann es niemand befremden, wenn Gott seine eigenen wohltätigen Einrichtungen, nicht etwa den Irrtum des Unglaubens, durch Wunderzeichen zu Ehren bringt, die in der Heidenwelt, nicht unter den Gläubigen, geschehen — vollends wenn dadurch, wie gesagt, die Unschuld gerettet und die Bosheit schlechter Menschen vereitelt wird, oder wenn durch die Verherrlichung einer solchen Tugend die Menschen zu ihrer Ausübung angefeuert werden; denn auch unter den Heiden kommen um so weniger Verfehlungen indieser Hinsicht vor, je mehr man bei ihnen die Lüste des Fleisches meidet.
So hat Hieronymus in Übereinstimmung mit den meisten andern Kirchenlehrern die Zügellosigkeit des obengenannten Häretikers (Jovinian) sehr passend bekämpft, indem er ihm zurief, er möge unter die Heiden gehen, um bei ihnen mit Erröten die Tugenden zu finden, welche er an den Christen gering achte. Wer wollte verkennen, daß auch die Majestät ungläubiger Fürsten, selbst wenn sie dieselbe mißbrauchen, ihre Gerechtigkeitsliebe und Milde, die sie, dem natürlichen Gesetze folgend, an den Tag legen und alles andere, was den Fürsten ziert, ein Geschenk Gottes sei? Wer wollte das Gute als solches verkennen, weil es mit Schlechtem vermischt ist? — besonders da doch, wie der heilige Augustin bemerkt und der gesunde Menschenverstand es bezeugt, Übel nur in einer sonst guten Natur sein können? Wer stimmt nicht dem Worte des Dichters bei: „Gute fliehen das Laster aus Liebe zur Tugend?“ Wer wollte nicht, statt es zu leugnen, vielmehr Zeugnis ablegen für das Wunder, welches nach dem Berichte des Suetonius Vespasian vor seiner Thronbesteigung an einem Blinden und an einem Lahmen verrichtet hat oder für das, was der heilige Gregorius an der Seele Trajans gethan haben soll — die andern Fürsten mögen sich dadurch zur Nachahmung solcher Tugenden bewegen lassen!
Die Menschen verstehen es, im Schmutz die Perle zu finden und die Körner aus dem Stroh zu lesen: so kann auch Gott die Gnadengaben, die er dem Unglauben verliehen, nicht vergessen und nichts von dem, was er gemacht hat, hassen. Je mehr die Welt in Wundern strahlt, desto deutlicher giebt er sie dadurch als sein Werk zu erkennen, das durch die Schlechtigkeit der Menschen nicht verderbt werden kann, und die Gläubigen sollen daran erkennen, was das für ein Gott sei, der also selbst den Ungläubigen sich erweist.
Ein Beweis für das hohe Ansehen, in welchem die dem Dienste des Herrn geweihte Keuschheit bei den Heiden stand,ist die strenge Strafe, die auf die Verletzung des Gelübdes gesetzt war. Worin dieselbe bestand, das sagt Juvenalis in seiner vierten Satire, die gegen Crispinus gerichtet ist, mit folgenden Worten: „Mit dem sie noch neulich gebuhlt hat, wird die Priesterin nun lebendigen Leibes begraben“. So auch Augustin im dritten Buche des „Gottesstaates“: „Die alten Römer begruben lebendig die über dem Vergehen der Unzucht betroffenen Vestalinnen. Ehebrecherische Frauen dagegen bestraften sie zwar, aber nicht mit dem Tode“. So sühnten sie strenger als die Befleckung des menschlichen Ehebettes die Verletzung dessen, was in ihren Augen eine geheimnisvolle Verbindung mit der Gottheit war. Bei uns aber lassen sich christliche Fürsten den Schutz der Keuschheit angelegen sein, um so mehr, als sie auf einem noch viel heiligeren Gelübde beruht. Darum hat der Kaiser Justinianus folgende Bestimmung getroffen: „Wenn jemand sich untersteht, eine gottgeweihte Jungfrau, ich sage nicht bloß: zu entführen, sondern nur zur Ehe zu verlocken, so soll er dies mit dem Leben büßen“. Daß auch die kirchliche Zucht, die doch den Sünder zur Buße leiten und nicht seinen Tod will, mit großer Strenge gegen Verfehlungen von eurer Seite einschreitet, ist bekannt. Daher die Verordnung des Papstes Innocenz an den Bischof Victricius von Rouen, Kapitel XIII: „Frauen, die sich geistig mit Christus vermählt und den Schleier genommen haben, dürfen, wenn sie sich später öffentlich verheiratet haben oder im geheimen verführt worden sind, zur Buße nicht zugelassen werden, außer wenn der, mit dem sie die Verbindung eingegangen hatten, nicht mehr am Leben ist“. Diejenigen aber, welche zwar noch nicht eingekleidet waren, aber doch den Vorsatz gefaßt hatten, im jungfräulichen Stande zu verbleiben, sollen, wenn schon sie den Schleier noch nicht genommen haben, dennoch eine bestimmte Zeit lang Buße thun, weil Gott ihr Gelübde angenommen hatte. Denn wenn man schon unter Menschen einen abgeschlossenen Vertrag unter keinem Vorwand brechensoll, wie viel weniger kann man ein Versprechen, das man Gott gegeben hat, straflos brechen? Wenn der Apostel Paulus von den Frauen, die den Witwenstand aufgegeben, sagt, sie seien verwerflich, weil sie die erste Treue nicht gehalten haben: wie viel mehr gilt dies von den Jungfrauen, welche ihr zuerst gegebenes Wort brechen? Daher schreibt auch der berühmte Pelagius an die Tochter des Mauritius: „Die an Christus zur Ehebrecherin wird, ist verwerflicher als die, welche ihrem Mann die Treue bricht. Darum hat die römische Kirche erst vor kurzem mit Recht bestimmt, daß diejenigen Frauen, welche ihren gottgeweihten Leib durch Unkeuschheit beflecken, kaum der Buße mehr würdig zu achten seien“.
Wollen wir untersuchen, welche Sorgfalt, Freundschaft und Liebe die heiligen Lehrer der Kirche nach dem Vorbilde des Herrn selbst und der Apostel stets den gottgeweihten Frauen gewidmet haben, so finden wir, daß sie mit dem liebevollsten Eifer ihre frommen Neigungen gehegt und gepflegt und mit reichlicher Mahnung und Belehrung sie in ihrem göttlichen Berufe unterrichtet und gefördert haben. Um von den übrigen zu schweigen, will ich nur die bedeutendsten Kirchenlehrer anführen: Origenes, Ambrosius und Hieronymus.
Der erste derselben, jener größte christliche Philosoph, hat sich mit solchem Eifer dem Stande der gottgeweihten Frauen gewidmet, daß er sich nach dem Bericht der „Kirchengeschichte“ selbst entmannte, um nicht durch irgendwelche Verdächtigung im Unterricht der Frauen behindert zu werden. Wem wäre es ferner nicht bekannt, welch reichliche Ernte von heiligen Schriften Hieronymus auf die Veranlassung der Frauen Paula und Eustochium der Kirche hinterlassen hat? Er selbst gesteht dies in seiner Abhandlung über die Himmelfahrt der Mutter des Herrn, welche er auf die Bitte der Frauen schrieb, zu in den Worten: „Weil ich aber, durch meine große Liebe zu euch, überwunden, nichts abschlagen kann, was ihr wünscht, so will ich den Versuch machen, euer Verlangen zu stillen“.Dagegen wissen wir, daß manchmal hochbedeutende, durch ihre Stellung und würdige Lebensführung ausgezeichnete Lehrer ausführlich an ihn geschrieben und nicht einmal eine kurze Antwort, um die sie ihn gebeten, von ihm erhalten haben. Daher jene Äußerung des heiligen Augustinus im 2. Buch der Retraktationen: „Ich habe an den Presbyter Hieronymus, während er in Bethlehem sich aufhielt, zwei Schriften geschickt: eine ‚über den Ursprung der Seele‘ und eine zweite über den Satz des Apostels Jakobus: ‚So jemand das Gesetz hält und sündiget an Einem, der ist’s ganz schuldig.‘ Über beide Schriften bat ich ihn um sein Urteil. In der ersten habe ich die Frage, die ich aufgeworfen, selbst ungelöst gelassen; in der zweiten habe ich meine Ansicht nicht verschwiegen, fragte aber bei ihm an, ob er dieselbe billige. Er antwortete, daß er sich über meine Frage gefreut habe, daß er aber keine Zeit habe, sie zu beantworten. Ich aber wollte die Bücher nicht herausgeben so lange er lebte in der Erwartung, daß er mir doch irgend einmal antworten würde und ich sie dann zusammen mit dieser Antwort herausgeben könnte. Allein er starb darüber, und erst dann habe ich sie veröffentlicht“. Man sieht also, daß der große Mann so lange Zeit vergeblich auf eine, wenn auch nur kurze Antwort des Hieronymus gewartet hat. Und doch wissen wir, daß derselbe Mann jenen Frauen zulieb viele umfangreiche Bücher im Schweiß seines Angesichts übersetzt oder geschrieben und ihnen demnach größere Rücksicht erwiesen hat als dem Bischof. Vielleicht hat er ihre Tugend darum so eifrig gepflegt und alles vermieden, was sie betrüben konnte, weil er die Empfindlichkeit der weiblichen Natur kannte. Die Lebendigkeit seiner Liebe gegen solche Frauen erscheint manchmal so groß, daß er bei seinen Lobeserhebungen bisweilen fast die Grenze des Wahren überschreitet, und als sei er sich dessen selber bewußt, sagt er irgendwo; „Die Liebe kennt keine Grenze“. In der Vorrede zum Leben der heiligen Paula sagt er, um die Aufmerksamkeit des Lesers anzuspannen:„Wenn alle meine Glieder sich in Zungen verwandelten und alle meine Gelenke reden könnten, ich könnte doch keine Worte finden, die Tugenden der heiligen, verehrungswürdigen Paula würdig zu preisen“.
Er hat auch einige Lebensbilder von heiligen Vätern geschrieben — der höchsten Verehrung würdig und im Glanz von Wunderthaten strahlend — und was hier berichtet wird, ist noch viel wunderbarer. Dennoch hat er, so viel ich sehe, keinen derselben mit so hohen Ruhmesworten gefeiert, wie diese Witwe. Auch seinen Brief an die Jungfrau Demetrias eröffnet er sofort mit einer so starken Lobeserhebung, daß sie uns fast als eine übertriebene Schmeichelei erscheinen muß. „Von allen Gegenständen, sagt er, über welche ich von meiner frühesten Jugend an bis zu meinem jetzigen Alter geschrieben habe oder habe schreiben lassen, ist keiner schwieriger als das gegenwärtige Werk. Denn ich schicke mich an, an Demetrias zu schreiben, die Jungfrau Christi, die an Edelmut und an Reichtum die erste in Rom ist. Wenn ich ihre Tugenden preise, wie sie’s verdienen, wird man von mir sagen, ich sei ein Schmeichler“. Es war für den heiligen Mann ein süßes Amt, durch die Kunst seiner Worte das schwache Geschlecht zur schweren Übung der Tugend anzuleiten. Weil aber Thaten sprechendere Beweise sind als Worte, hat er sich seiner weiblichen Schutzbefohlenen mit solcher Liebe angenommen, daß sein eigener guter Ruf, trotz seiner ungemessenen Heiligkeit, darunter zu leiden hatte. Er spricht selber davon in seinem Brief an Asella, wo er von falschen Freunden handelt, die ihn verleumden: „Mögen sie mich, heißt es da, immerhin für einen Verbrecher halten, bedeckt mit allen Schandtaten; du aber thust wohl daran, wenn du deinem Herzen folgend auch die Schlechten für gut hältst. Denn es ist gefährlich, über den Knecht eines andern zu richten, und wer Gutes schlecht macht, dem wird nur schwer verziehen. Sie haben mir die Hände geküßt und mich mit ihrer giftigen Zunge verleumdet. Mit den Lippen bedauertensie mich, im Herzen lachten sie. Sie mögen selbst sagen, ob sie jemals etwas anderes an mir gefunden, als was einem Christen sich ziemte. Was man mir zum Vorwurf macht, ist einzig und allein mein Geschlecht, und auch das würde man mir nicht vorwerfen, wenn Paula nicht nach Jerusalem gekommen wäre.“ Weiter heißt es: „Ehe ich in das Haus der frommen Paula kam, war nur Eine Stimme des Lobes über mich in der ganzen Stadt; ja, ich war nach dem Urteil aller würdig, das Amt des höchsten Priesters in der Kirche zu bekleiden. Aber seitdem ich anfing, sie nach dem Verdienst ihrer Frömmigkeit zu verehren und zu lieben, war ich auf einmal aller Tugenden bar.“ Und etwas weiter unten sagt er: „Grüße Paula und Eustochium, die mein sind in Christo, man sage was man wolle“.
Lesen wir doch von dem Herrn selbst, er habe die fromme Sünderin mit solch vertraulicher Güte behandelt, daß der Pharisäer, welcher ihn eingeladen hatte, darob irre an ihm wurde und bei sich sagte: „Wenn dieser ein Prophet wäre, wüßte er, wer und welch ein Weib das ist, die ihn anrühret“. Was Wunder also, wenn, um solche Seelen zu gewinnen, auch die Glieder Christi, durch sein Beispiel angetrieben, die Verunglimpfung ihres guten Namens nicht achten? Origenes, um dem zu entgehen, ist, wie schon erwähnt, nicht davor zurückgeschreckt, an seinem Leib schweren Schaden zu nehmen.
Aber nicht bloß in Belehrung und Unterweisung der Frauen haben die heiligen Väter eine wunderbare Liebe an den Tag gelegt: auch wenn es galt, sie zu trösten, ist dieser Liebeseifer zuweilen so heftig zum Ausbruch gekommen, daß es fast scheint, als hätten sie sich durch ihr unbegrenztes Mitleid, nur um den Schmerz der Frauen zu lindern, zu Versprechungen verleiten lassen, die mit dem christlichen Glauben im Widerspruch standen. Derart ist der Trost, welchen der heilige Ambrosius nach dem Tode des Kaisers Valentinian dessen Schwestern zu schreiben wagte, indem er sie versicherte,daß ihr Bruder, der doch als Katechumen gestorben ist, der Seligkeit teilhaftig geworden sei — eine Behauptung, die mit dem katholischen Glauben und mit der evangelischen Lehre durchaus nicht übereinstimmt. Sie wußten wohl, wie angenehm vor Gott allezeit die Tugend des schwächeren Geschlechtes gewesen sei.
So kommt es, daß wir zwar eine unzählige Schar von Jungfrauen dem Beispiel der Mutter des Herrn folgen und den sittlich vollkommeneren Stand erwählen sehen, daß wir aber nur wenige Männer kennen, welche die Gnadengabe dieser Tugend erlangt haben, vermöge deren sie dem Lamme selbst überall hin folgen konnten. Im Eifer um diese Tugend haben mehrere Frauen sogar Hand an sich selber gelegt, damit sie die Keuschheit auch des Leibes, welche sie Gott gelobt hatten, sich erhielten, und man hat sie darob nicht nur nicht getadelt, sondern bei den meisten wurde ihr freiwilliger Opfertod Anlaß zu ihrer kirchlichen Verehrung. Ja, sogar bereits verlobte Jungfrauen, wenn sie sich vor der fleischlichen Vereinigung mit ihren Männern für die Wahl des Klosterlebens entschließen, ihren Mann aufgeben und sich Gott verloben wollen, haben darin freie Hand, während wir von einer solchen Rechtsbestimmung für die Männer nichts wissen.
Einige Frauen waren von solchem Eifer für ihre Keuschheit erfüllt, daß sie nicht allein unerlaubterweise, um ihre Keuschheit zu wahren, sich für Männer ausgaben, sondern dann auch, unter den Mönchen lebend, sich durch ihre Tugenden also auszeichneten, daß sie des Abtstuhls für würdig befunden wurden, wie wir dies von der heiligen Eugenia lesen, welche mit Wissen, ja, auf Zureden des frommen Bischofs Helenus Männerkleider anlegte, von ihm getauft und in ein Mönchskloster aufgenommen wurde.
Die erste deiner Fragen, geliebte Schwester in Christo, das Ansehen eures Standes und die Hoheit seiner ihm eigenen Würde betreffend, glaube ich hiemit genügend beantwortetzu haben. Je mehr ihr die Herrlichkeit eures Berufes nun erkannt habt, mit desto größerem Eifer werdet ihr ihn erfassen. Möchten eure Verdienste und Gebete bewirken, daß ich weiterhin mit Gottes Zustimmung auch deine zweite Frage beantworten kann. — Lebe wohl!
Zu einem Teil habe ich deine Bitte erfüllt, so gut ich’s vermochte. Es bleibt mir noch übrig, mit Gottes Beistand zu erledigen, was noch im Rückstand ist und so deine und deiner geistigen Töchter Wünsche zu befriedigen. Der weitere Inhalt eurer Forderung geht dahin: ich soll euch eine bestimmte Vorschrift, die euch als Regel für euren Orden dienen könnte, aufsetzen und zusenden, damit ihr an dem geschriebenen Buchstaben einen sicherern Anhaltspunkt für euer Thun und Lassen habet als an dem bloßen Herkommen. So habe ich mir denn vorgenommen, teils altbewährte Gebräuche, teils die Zeugnisse der heiligen Schrift und der Vernunft zu Grunde zu legen und daraus ein Ganzes zu bilden. Den geistigen Tempel Gottes, welcher ihr seid, möchte ich damit ausschmücken wie mit schönen Malereien und aus verschiedenen Bruchstücken ein einheitliches Werk aufbauen. Dabei will ich mir den Maler Zeuxis zum Vorbild nehmen und bei der Ausschmückung meines geistigen Tempels so verfahren, wie er es einst bei einem sichtbaren gemacht hat. Cicero erzählt nämlich in seinem Buch „Rhetorica“ folgendes: „Die Bürger von Kroton beriefen den Zeuxis, um einen Tempel, der ihnen besonders heilig war, von ihm mit prächtigen Gemälden ausschmücken zu lassen. Zu diesem Zweck wählte er sich aus der Bevölkerung die fünf schönsten Mädchen, die bei seiner Arbeit vor ihm standenund deren Schönheit ihm zum Muster diente. Dies ist aus zwei Gründen ganz wohl glaublich: einmal, weil dieser Maler nach der Mitteilung des genannten Schriftstellers eine besondere Geschicklichkeit darin hatte, Frauen zu malen; sodann auch, weil weibliche Formen selbstverständlich einen feineren, lieblicheren Eindruck machen als männliche. Mehrere Mädchen aber, sagt der erwähnte Philosoph, habe er ausgewählt, weil er nicht glaubte, daß er eine finden werde, bei der alle Glieder gleich formvollendet wären, und daß die Natur eine einzige mit so reicher Schönheit ausgestattet habe, daß sie lauter gleich schöne Körperteile aufzuweisen hätte. Die Natur, das war seine Meinung, bilde in der Körperwelt nichts durchaus und gleichmäßig Vollendetes, als fürchtete sie, wenn sie alle Vorzüge auf einen Gegenstand vereinige, für die anderen nichts mehr übrig zu haben.“
So will auch ich verfahren, indem ich mich anschicke, die Schönheit der Seele zu malen und die Vollkommenheit der Braut Christi zu beschreiben. Möget ihr mein Werk als einen Spiegel der rechten gottgeweihten Jungfrau allezeit vor Augen haben und daraus eure Schönheit oder Häßlichkeit erkennen. Ich will zu dem Zweck aus den zahlreichen Schriften der heiligen Väter und aus den bewährtesten Klostergebräuchen eine Regel für euch zusammenstellen. Von allem, was mir ins Gedächtnis kommt, will ich das Beste nehmen und alles gleichsam in Ein Bündel sammeln, was mit eurem heiligen Berufe sich berührt. Und zwar werde ich dabei nicht bloß die Bestimmungen für Nonnen berücksichtigen, sondern auch diejenigen für Mönche; denn wie euch Ein Name und dasselbe Gelübde der Enthaltsamkeit mit uns verbindet, so gelten auch fast alle unsere Bestimmungen ebenso für euch. Aus diesem Vorrat, wie gesagt, will ich dieses und jenes auswählen, gleichsam eine Blumenlese, mit der ich die Lilien eurer Keuschheit schmücken will, und zu dem Zweck werde ich auf die Beschreibung der Braut Christi mehr Fleiß verwenden müssen als Zeuxis auf sein Götzenbild. Er glaubtees sei genug, wenn er fünf Jungfrauen habe, um ihre Schönheit nachzubilden. Uns aber steht der ganze Reichtum von Schriften der Väter zu Gebote und so hoffen wir im Vertrauen auf die göttliche Hilfe, euch ein vollkommeneres Werk zu hinterlassen, das euch tüchtig macht zu dem Los und zu den Tugenden jener fünf klugen Jungfrauen, die uns der Herr im Evangelium zeigt als Vorbilder christlicher Jungfräulichkeit. Mögen eure Gebete mir dazu helfen, daß dem Wollen das Vollbringen nicht mangle. Seid in Christo gegrüßt, ihr Bräute Christi!
Ich habe beschlossen, die Schrift, welche ich zu eurer Belehrung verfassen will und in welcher ich euren frommen Stand beschreiben und fest umgrenzen, sowie über die würdige Begehung des Gottesdienstes reden werde, in drei Abschnitte einzuteilen. Denn drei Stücke sind, so glaube ich, der Hauptsache nach wesentlich für das klösterliche Leben: Keuschheit, Besitzlosigkeit und Schweigen; das heißt nach der Vorschrift, welche der Herr im Evangelium giebt: die Lenden umgürten, allem entsagen, müßige Worte vermeiden. Unter Keuschheit aber ist diejenige Enthaltsamkeit zu verstehen, welche der Apostel empfiehlt mit den Worten: „Welche nicht freiet, die sorget was dem Herrn angehöret, daß sie heilig sei, beide an Leib und auch am Geist“. Am Leib, sagt er, und meint damit den ganzen, nicht bloß ein einzelnes Glied, damit nicht irgend eines in Worten oder Handlungen zur Unreinigkeit abirre. Heilig an der Seele ist sie dann, wenn weder in ihrem Herzen ein unreiner Gedanke aufsteigen darf noch auch der Stolz sie aufbläht, wie die fünf thörichten Jungfrauen, die, während sie zurückliefen, um Öl zu kaufen, hinausgeschlossen wurden. Und als sie nun vergebens an die geschlossene Thür pochten und riefen: „Herr, Herr, thue uns auf!“ — da wird ihnen von diesem selbst die furchtbare Antwort zu teil: „Wahrlich, ich sage euch, ich kenne euch nicht“.
Sodann aber verlassen wir alles und folgen nackt demnackten Christus nach, wie es die heiligen Apostel gemacht haben. Dazu gehört, daß wir um seinetwillen nicht bloß irdischen Besitz oder Bande des Blutes, sondern auch unsern eigenen Willen hintansetzen, so daß wir nicht nach eigenem Gutdünken leben, sondern durch den Willen unseres Vorgesetzten uns lenken lassen und uns dem, der an Christi Statt unser Oberhaupt ist, völlig unterwerfen wie Christo selbst. Er sagt selbst von solchen: „Wer euch höret, der höret mich, und wer euch verachtet, der verachtet mich“. Selbst wenn jener, was Gott verhüte, einen üblen Lebenswandel führen sollte — wenn er nur gute Vorschriften giebt; denn um der schlechten Menschen willen darf man Gottes gute Absicht nicht verachten. In dieser Beziehung sagt der Herr selbst: „Was sie euch sagen, das haltet und thut, aber nach ihren Werken sollt ihr nicht thun“. Worin aber diese Bekehrung von der Welt zu Gott bestehe, darüber äußert er sich deutlich also: „Wer nicht entsagt allem, das er hat, der kann nicht mein Jünger sein“. Ferner: „So jemand zu mir kommt und hasset nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kind, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht mein Jünger sein“. Seinen Vater oder seine Mutter hassen heißt aber so viel als: sich nicht durch die Rücksicht auf Bande des Blutes halten lassen; gleichwie sein Leben hassen so viel ist als: auf seinen eigenen Willen verzichten. Dieses Verlangen stellt der Herr selbst ein anderes Mal an uns mit den Worten: „Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir“. Denn also gehen wir hinter ihm drein auf seiner Spur, wir folgen ihm nach, indem wir mit Eifer sein Beispiel nachahmen, der gesagt hat: „Ich suche nicht meinen Willen, sondern des Vaters Willen, der mich gesandt hat“. Als wollte er sagen: wir sollen alles im Gehorsam thun. Denn was heißt „sich selbst verleugnen“ anderes als: das Behagen des Fleisches und den eigenen Willen hintansetzen und sich von fremdem, nicht vom eigenen Gutdünken leiten lassen? Undso empfängt der Mensch sein Kreuz nicht aus eines anderen Hand, sondern er nimmt es selbst auf sich, und durch dasselbe ist ihm die Welt gekreuzigt und er der Welt, wenn er durch ein freiwilliges Gelübde allen weltlichen und irdischen Wünschen entsagt, d. h. auf seinen eigenen Willen verzichtet. Denn was wollen die, die vom Fleische sind, anderes alsihrenWillen durchsetzen? Und giebt es eine höhere irdische Lust, als die Befriedigung des eigenen Willens, wenn dieselbe gleich mit höchster Mühe und Gefahr erkauft werden muß? Dagegen das Kreuz tragen, d. h. eine Qual aushalten — was ist es anderes, als etwas geschehen lassen, was unserem Willen zuwider ist, wiewohl die Durchsetzung desselben uns leicht und angenehm wäre? Darum spricht ein anderer Jesus, der freilich an den wahren nicht hinanreicht, im Buch Sirach die Warnung aus: „Folge nicht deinen bösen Lüsten, sondern brich deinen Willen, denn wo du deinen bösen Lüsten folgest, so wirst du dich deinen Feinden selbst zum Spott machen“. Wenn wir aber so unsern Wünschen wie uns selber ganz und gar entsagen, dann geben wir in Wirklichkeit jeden Eigenbesitz auf und führen jenes apostolische Leben, dem alles gemeinsam ist, wie geschrieben steht: „Die Menge aber der Gläubigen war Ein Herz und Eine Seele; auch keiner sagete von seinen Gütern, daß sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemein, und es wurde jedem zugeteilt nach dem ihm not war“. Nicht alle hatten ja die gleichen Bedürfnisse, darum teilte man nicht allen das gleiche Maß zu, sondern jedem, nachdem ihm not war. „Ein Herz“ — im Glauben, denn mit dem Herzen glaubt man. „Eine Seele“ — denn aus Liebe kamen sie einander mit ihren Wünschen entgegen; jeder wünschte dem andern das, was er selbst wollte, und niemand war mehr auf den eigenen Vorteil bedacht als auf den des Nächsten, sondern alles wurde dem allgemeinen Wohl dienstbar gemacht. Niemand suchte und erstrebte das Seine, sondern das, was Jesu Christi ist. Denn anders wäre ein Lebenohne persönliches Eigentum nicht denkbar, das mehr im Ehrgeiz als im eigentlichen Besitz seinen Grund hat.
Jedes überflüssige, müßige Wort ist ebensogut wie Schwatzhaftigkeit. Der heilige Augustin sagt im ersten Buch seiner Retraktationen: „Es sei ferne von mir, den Vorwurf der Schwatzhaftigkeit zu erheben, wo Notwendiges geredet wird, sei es auch mit großer Wortfülle und Ausführlichkeit“. Und Salomo seinerseits sagt: „Wer viel redet, der wird leicht in Sünden fallen; wer aber seine Zunge im Zaum hält, der ist klug“. Wir dürfen uns also wohl hüten vor einem Ding, das so leicht zur Sünde führt; je gefährlicher die Krankheit ist und je schwieriger zu vermeiden, desto ängstlicher müssen wir vor ihr auf der Hut sein. Im Hinblick darauf sagt der heilige Benedikt: „Die Mönche sollen sich allezeit des Schweigens befleißigen“. Aus dem Schweigen eine förmliche Übung zu machen, ist sicherlich mehr als einfach Schweigen beobachten. Denn zum Begriff der Übung gehört es, daß man den Willen streng dazu anhält, irgend etwas zu thun. Denn vieles thun wir nachlässig oder unwillkürlich; soll aber etwas herauskommen, so muß unser Wille und unsere Aufmerksamkeit dabei sein.
Wie schwer, aber auch wie nützlich es ist, seine Zunge im Zaume zu halten, das weiß der Apostel Jakobus wohl und sagt deshalb: „Wir fehlen alle manchfältiglich; wer aber auch in keinem Wort fehlet, der ist ein vollkommener Mann“. Und weiter sagt er: „Alle Natur der Tiere und der Vögel und der Schlangen und der Meerwunder werden gezähmet und sind gezähmet von der menschlichen Natur“. Indem er sich aber deutlich macht, wie die Zunge eine Urheberin von so viel Bösem und alles Guten Zerstörerin ist, sagt der Apostel weiter oben und weiter unten in seinem Brief: „Die Zunge ist ein klein Glied, aber welch ein Feuer! Welch einen Wald zündet’s an!… eine Welt voll Ungerechtigkeit, ein unruhiges Übel, voll tödlichen Giftes“. Was aber ist gefährlicher und mehr zu fürchten als Gift? Wie alsodurchs Gift das Leben vernichtet wird, so zerstört die Geschwätzigkeit alle Frömmigkeit. Darum heißt es im gleichen Briefe weiter vorn: „So aber sich jemand unter euch lässet dünken, er diene Gott und hält seine Zunge nicht im Zaum, sondern verführet sein Herz, des Gottesdienst ist eitel“. So heißt es auch in den Sprüchen: „Ein Mann, der seinen Geist nicht halten kann, ist wie eine Stadt ohne Mauern“. So meinte es auch jener Greis, als ihm Antonius in Beziehung auf einige vielredende Brüder, welche sich zu ihm gesellt hatten, sagte: „Du hast rechtschaffene Brüder angetroffen, mein Vater.“ Jener antwortete: „Rechtschaffene wohl, aber ihr Haus hat keine Thüre. Wer nur will, kann in ihren Stall eintreten und den Esel losbinden“. Denn unsere Seele ist gleichsam angebunden an die Krippe des Herrn, und nährt und erquickt sich da mit frommen Betrachtungen. Von dieser Krippe wird sie gelöst und schweift mit ihren Gedanken in der ganzen Welt herum, wenn das Gebot des Schweigens sie nicht zurückhält. Durch Worte wird die vernunftbegabte Seele veranlaßt, auf das, was sie hört, aufzumerken und darüber nachzudenken. Mit Gott aber reden wir in Gedanken, wie mit den Menschen in Worten. Während wir nun hier auf die Worte der Menschen hören, muß unsere Aufmerksamkeit notwendig von dort abgezogen werden, denn wir können nicht Gott und den Menschen zugleich unsere Aufmerksamkeit schenken.
Und nicht bloß müßige Worte sollen wir vermeiden, sondern auch solche, mit denen vielleicht einiger Nutzen verbunden sein könnte; denn allzuleicht kommt man vom Notwendigen aufs Unnütze und vom Unnützen aufs Schädliche. Denn „die Zunge, sagt Jakobus, ist ein unruhiges Übel“. Je kleiner und feiner sie ist als die übrigen Glieder, desto beweglicher, und während die andern durch Bewegung müde werden, ermattet sie, wenn sie nicht in Bewegung gesetzt wird, und gerade die Ruhe ist ihr unerträglich. Je feiner und biegsamer sie aber infolge der Weichheit unseres Körpersist, desto lebhafter ist ihre Neigung, sich zu bewegen und zu sprechen, und so kann sie zur Pflanzstätte alles Bösen werden.
Der Apostel wußte, daß die Zunge hauptsächlich euch viel zu schaffen mache und untersagt deshalb den Frauen das Sprechen in der gottesdienstlichen Versammlung, selbst das Reden über religiöse Fragen; sie sollen zu Hause ihre Männer fragen, und auch wenn sie über solche Dinge belehrt werden, sollen sie, wie überhaupt bei all ihrem Thun, demütiges Schweigen beobachten. Dem Timotheus schreibt er hierüber: „Ein Weib lerne in der Stille mit aller Unterthänigkeit; einem Weib aber gestatte ich nicht, daß sie lehre, auch nicht daß sie des Mannes Herr sei, sondern stille sei“. Wenn nun der Apostel Laien und verheirateten Frauen solche Vorschriften in Betreff des Schweigens giebt — was werdet dann ihr zu thun haben? Indem er dem Timotheus solche Vorschriften giebt, will er damit sagen, daß die Frauen wortreich seien und gern reden, wo es nicht nötig ist.
Um diesem Übel nun einigermaßen zu steuern, soll die Zunge im Zaum gehalten und vollständiges Schweigen beobachtet werden an folgenden Orten und zu folgenden Zeiten: beim Gottesdienst, im Kloster, im Schlafsaal, im Refektorium, beim Essen, in der Küche und ganz besonders nach dem Kompletorium. Wenn es notwendig ist, kann man an den genannten Orten und zu den vorgeschriebenen Zeiten statt der Worte Zeichen anwenden. Man hat dafür Sorge zu tragen, daß jedermann diese Zeichen erlerne. Durch dieselben kann man einander, wenn man notwendig etwas zu sagen hat, auch an einen geeigneten, dazu bestimmten Ort bestellen. Und nachdem man sich mit möglichst wenig Worten verständigt hat, gehe man an seinen vorigen Platz zurück oder thue, was zu thun ist. Auch soll man den Mißbrauch von Worten oder Zeichen schonungslos tadeln, besonders aber das Übermaß von Worten, weil hier die größte Gefahr droht.
In dem lebhaften Wunsche, dieser vielfachen und großenGefahr zu steuern, giebt uns der heilige Gregorius im achten Buch seiner „Moralia“ folgende Vorschrift: „Wenn wir uns nicht vor überflüssigen Worten hüten, so kommen wir bald bei den wirklich schädlichen an. Daraus entstehen dann Reibereien und Streitigkeiten, der Zündstoff des Hasses gerät in Flammen und mit dem Frieden des Herzens ist es vorbei“. Daher sagt Salomo mit Recht: „Wer Wasser verschüttet, der ruft Streit hervor“. Wasser verschütten, das heißt: seiner Zunge den Lauf lassen. Dagegen sagt er in lobendem Sinn: „Tiefes Wasser kommt aus dem Munde des Mannes“. Also wer Wasser verschüttet, der ruft Streit hervor: denn wer seine Zunge nicht im Zaum hat, der sät Zwietracht. Darum heißt es in der Schrift: „Wer einem Narren Schweigen gebietet, der lindert den Zorn“.
Das ist eine deutliche Mahnung für uns, gegen diesen Fehler die größte Strenge walten zu lassen und ja keine Nachsicht ihm gegenüber zu üben, wodurch die Frömmigkeit schwer gefährdet würde. Denn aus dieser Quelle entspringen Verleumdung, Streit, Verunglimpfung, ja manchmal Zusammenrottungen und Verschwörungen, welche das Gebäude der Religion erschüttern, ja über den Haufen werfen. Ist dieses Laster ausgerottet, so werden damit freilich nicht auch zugleich die bösen Gedanken unterdrückt, doch werden wenigstens andere vor Ansteckung bewahrt.
Der Abt Macarius warnte vor diesem Laster so nachdrücklich, als glaubte er, daß die Vermeidung desselben allein schon zur Frömmigkeit genüge. Es wird von ihm erzählt: „Der Abt Macarius in Skythien gab seinen Mönchen die Weisung: ‚Nach der Messe meidet einander, meine Brüder‘. Da sagte einer der Mönche: ‚Vater, wohin sollen wir, um eine größere Einsamkeit zu finden als diese?‘ Da legte er den Finger an die Lippen und sagte: ‚Das ist es, was ihr fliehen sollt‘. Damit trat er in seine Zelle, schloß die Thür hinter sich zu und blieb allein“. Diese Tugend des Schweigens, die nach Jakobus den Menschen vollkommen machtund von der Jesaias sagt: „Schweigen ist Pflege der Gerechtigkeit“ — sie wurde von den heiligen Vätern mit so glühendem Eifer geübt, daß z. B. der Vater Agatho drei Jahre lang einen Stein im Munde trug, bis er schweigen lernte.
Wiewohl die Seligkeit nicht am Ort hängt, so kann er doch unter Umständen zur Bewahrung und Festigung der Frömmigkeit förderlich sein, und je nachdem trägt er zur Förderung oder zur Beeinträchtigung derselben bei. Darum zogen sich auch die Schüler der Propheten, von denen Hieronymus sagt, sie seien die Mönche des alten Bundes, in die Einsamkeit zurück und bauten sich an den Ufern des Jordans ihre Hütten. Auch Johannes und seine Schüler, die Begründer unserer Lebensweise, ferner Paulus, Antonius, Macarius und alle hervorragenden Vertreter unseres Standes haben dem Lärm der an Versuchungen so reichen Welt den Rücken gekehrt und haben sich in der Einsamkeit eine Stätte frommer Betrachtung errichtet, um ganz ungestört des Umgangs mit Gott zu pflegen.
Selbst unser Herr, der doch für keine Versuchung zugänglich war, giebt uns in dieser Hinsicht ein Beispiel, indem er, wenn er etwas Großes vorhatte, mit Vorliebe die Einsamkeit aufsuchte und dem Lärm des Volks aus dem Wege ging. So hat der Herr selbst durch sein vierzigtägiges Fasten die Wüste für uns geheiligt, in der Wüste hat er die Menge gespeist, und um von seinem Gebet jede Störung fernzuhalten, hat er sich nicht bloß von der Menge, sondern auch von seinen Jüngern zurückgezogen. Auch die Jünger hat er abseits auf einem Berg unterrichtet und erwählt, die Einöde war es, die vom Glanze seiner Verklärung wiederstrahlte, auf einem Berge teilte er den versammelten Jüngern die freudige Gewißheit seiner Auferstehung mit, und vom Berge fuhr er gen Himmel, und außerdem verrichtete er noch viele mächtige Thaten in der Wüste oder an einsamen Örtern.
Auch dem Moses und den alten Vätern ist Gott in der Wüste erschienen; durch die Wüste hat er sein Volk ins gelobte Land geführt, in der Wüste hat er es festgehalten, ihm sein Gesetz gegeben, Manna regnen lassen, Wasser aus dem Fels gespendet, durch häufige Erscheinungen sein Volk getröstet und viel Wunder gethan. Durch all das hat das einzigartige Wesen uns deutlich gezeigt, wie sehr es die Einsamkeit für uns liebe, weil wir in derselben reineren Umgangs mit ihm pflegen können.
Ja, unter dem mystischen Bilde des Waldesels, der die Wildnis liebt, die Freiheit beschreibend und preisend, spricht Gott zu dem frommen Hiob: „Wer hat den Waldesel so frei lassen gehen, wer hat die Bande des Wildes aufgelöst? Dem ich das Feld zum Hause gegeben und die Wüste zur Wohnung. Er verlacht das Getümmel der Stadt, das Pochen des Treibers hört er nicht. Er schauet nach den Bergen, da seine Weide ist und suchet, wo es grün ist“.
Es ist als wollte er sagen: Wer hat das gemacht? Bin Ich es nicht? Unter dem, was wir Waldesel nennen, ist der Mönch zu verstehen, der ledig aller weltlichen Bande die ruhevolle Freiheit des einsamen Lebens aufgesucht hat und der Welt entflohen ist. Er wohnt in der Wüste, denn seine Glieder sind ausgetrocknet und abgemagert vom Fasten. Das Pochen des Treibers hört er nicht, wohl aber seine Stimme, weil er seinen Magen nicht überladet, sondern ihm nur das Notwendige zukommen läßt. Denn wer ist tagtäglich ein ungestümerer Treiber als der Magen? Er erhebt ein Geschrei, d. h. er verlangt mit Ungeduld nach überflüssigen und leckeren Speisen, und darauf darf man durchaus nicht hören. Die Berge, da seine Weide ist, das sind die Lebensbilder und Lehren der ehrwürdigen Väter, die wir zu unserer Stärkung lesen und betrachten. Unter dem Grünen sind zu verstehen alle die Schriften, die uns den Weg zum himmlischen, unverwelklichen Leben zeigen.
Eine Mahnung zur Einsamkeit enthält auch das Wort,welches Hieronymus an den Mönch Heliodorus schreibt: „Besinne dich auf die Bedeutung des Wortes ‚Mönch‘, d. h. des Namens, den du trägst. Was thust du unter der Menge, der du der Einsamkeit gehörst?“ Derselbe Schriftsteller unterscheidet unsere Lebensweise von derjenigen der Kleriker in einem Brief an den Presbyter Paulus folgendermaßen: „Wenn du das Amt eines Presbyters verwalten willst, wenn dir die Würde oder vielmehr die Bürde eines Bischofs gefällt, dann wohne in Städten und festen Plätzen und suche dein Glück im Seelenheil anderer. Willst du aber sein, was du heißest, nämlich ein Mönch, d. h. ein Einsamer, was thust du dann in den Städten, die doch nicht Aufenthaltsorte für Einsame sind, sondern für die Menge? Jeder Stand hat seine obersten Vertreter … um nun auf den unsrigen zu kommen: Bischöfe und Presbyter mögen sich die Apostel und apostolischen Männer zum Vorbild nehmen und sich bestreben, ihnen nicht bloß an Rang, sondern auch an Tugend gleichzukommen. Wir aber sollen als unsere Vorbilder betrachten Männer wie Paulus, Antonius, Hilarion, Macarius. Und um wieder auf das zu kommen, was die Schrift uns sagt: unsere Oberhäupter sind Elias, Elisäus, auch die Prophetenschüler sind unsere Führer, welche wohnten im wüsten Gefilde und sich Hütten bauten an den Ufern des Jordans. Zu ihnen gehören auch jene Söhne des Rechab, die keinen Wein und kein gegorenes Getränke tranken, die in Zelten wohnten und welche durch die aus Jeremias ertönende Stimme Gottes gelobt wurden: es solle in ihrem Stamme nie an Männern fehlen, die in Gottes Dienst stehen“.
So sollen also auch wir unsere Wohnung in der Einsamkeit aufschlagen, damit wir fähig sind, vor Gott zu stehen und seinem Dienste uns widmen können. Da wird kein Zudrang von Menschen unsere Ruhestätte erschüttern, unser Stillleben stören, uns mit Versuchungen nahen und die Gedanken von unserem heiligen Beruf abziehen.
Uns allen mag der heilige Arsenius ein deutliches Vorbild sein, den der Herr zur Freiheit eines beschaulichen Lebens geführt hat. Von ihm wird erzählt: „Der Vater Arsenius, als er noch in seinem Palast lebte, betete zu Gott: ‚Herr, führe mich auf den Weg des Heils‘. Da ertönte eine Stimme, die sprach: ‚Arsenius, fliehe die Menschen und du wirst gesund werden‘. Er ergab sich nun dem Mönchsleben und betete wieder einmal mit denselben Worten: ‚Herr, führe mich auf den Weg des Heils‘. Und er vernahm eine Stimme, die sprach: ‚Arsenius, fliehe, schweig, halte Ruh’, das sind die Wurzeln der Sündlosigkeit‘“. Diese göttliche Vorschrift machte er sich zu seiner Regel und floh nicht bloß selber die Menschen, sondern sorgte auch dafür, daß sie vor ihm flohen. Als einmal der Erzbischof in Begleitung einer Magistratsperson ihn besuchen und ein erbauliches Gespräch mit ihm führen wollte, sagte Arsenius: „Und wenn ich euch etwas sagen werde, werdet ihr euch danach richten?“ Als sie dies bejahten, sagte er: „Überall, wo ihr hören werdet: Arsenius ist da — da bleibet ferne“. Als ihn der Erzbischof ein zweites Mal besuchen wollte, schickte er zuvor zu ihm, um zu sehen, ob er ihn empfangen werde. Arsenius ließ ihm sagen: „Wenn du kommst, so werde ich dir zwar meine Thür öffnen; habe ich aber dir geöffnet, so muß ich auch allen andern öffnen, und dann wird meines Bleibens hier nicht länger sein“. Darauf sagte der Bischof: „Wenn ihn mein Besuch nur vertreibt, so will ich nie mehr zu dem heiligen Manne gehen“. Einer römischen Dame, die gekommen war, um seiner Heiligkeit zu huldigen, sagte er: „Was ist dir eingefallen, eine so weite Reise zu machen? Weißt du nicht, daß du ein Weib bist und nicht in der Welt herumfahren sollst? Oder willst du den andern Frauen in Rom erzählen: ich habe den Arsenius gesehen — so daß das Meer bald von Weibern wimmeln wird, die mich besuchen wollen?“ Die Frau antwortete: „Wenn Gott mir die Rückkehr nach Rom verstattet, so will ich dafür sorgen, daß niemand hierherkommt. Aber bitte für mich und gedenke allezeit meiner.“ Darauf Arsenius: „Ja, ich will Gott bitten, daß er die Erinnerung an dich aus meinem Herzen verwische“. Als die Dame dies vernahm, entfernte sie sich ganz betroffen.
Es wird weiter von ihm erzählt: als der Vater Markus ihn fragte, warum er den Menschen so sehr aus dem Wege gehe, habe er geantwortet: „Weiß Gott, ich liebe die Menschen, aber ich kann nicht mit Gott und mit den Menschen zugleich verkehren“.
Die heiligen Väter scheuten den Verkehr und die Bekanntschaft mit den Leuten so sehr, daß einige von ihnen, nur um die Menschen ganz fern von sich zu halten, sich wahnsinnig stellten, ja, was fast unglaublich ist, sich selbst für Ketzer ausgaben. In dem „Leben der Altväter“ kann man es lesen, was der Vater Simeon für Anstalten machte, als der Statthalter der Provinz ihn besuchen wollte: er bedeckte sich mit einem Sack, nahm ein Stück Brot und Käse in die Hand, setzte sich unter die Thür seiner Zelle und fing an zu essen. Man lese auch die Geschichte von jenem Einsiedler, der, als er erfuhr, daß Leute mit Fackeln zu ihm kommen, seine Kleider auszog, sie in den Fluß warf und alsdann ganz nackt sich anschickte, sie zu waschen. Sein Diener errötete bei diesem Anblick und bat die Leute: „Kehret um, der Alte hat den Verstand verloren“. Als er wieder zu ihm kam, fragte er ihn: „Was hast du denn gemacht, Vater? Alle, die dich sahen, sagten: der Alte ist besessen“. Da antwortete der Greis: „Das eben wollte ich hören“.
Von dem Vater Moses ist ferner zu lesen, daß er, um dem Besuch des Statthalters zu entgehen, sich in einen Sumpf flüchtete. Unterwegs begegnete ihm der Statthalter mit seinen Leuten und fragte ihn: „Sag uns, Alter, wo ist die Zelle des Moses?“ Dieser antwortete: „Was wollt ihr von ihm? Er ist ein Narr und ein Ketzer“. Was soll man dazu sagen, daß der Vater Pastor sich nicht von dem Statthalter besuchen ließ, obgleich er dadurch den Sohn seinerSchwester, die ihn flehentlich darum bat, aus dem Gefängnis hätte befreien können? Wie seltsam! Die Mächtigen dieser Welt kommen voll Verehrung und Demut, die Heiligen zu besuchen, und diese sind bestrebt, sie gänzlich von sich fernzuhalten, selbst auf Kosten ihres guten Rufes.
Damit ihr aber auch euer eigenes Geschlecht in der Ausübung dieser Tugend kennen lernet: wer vermöchte jene Jungfrau würdig zu preisen, welche selbst den Besuch des heiligen Martinus zurückwies, um in ihrer Andacht nicht gestört zu werden? Hieronymus schreibt darüber an den Mönch Oceanus: „Im Leben des heiligen Martinus erzählt Sulpitius: der heilige Martinus wollte, da sein Weg ihn vorbeiführte, eine durch ihre Sittenstrenge berühmte Jungfrau besuchen. Allein diese wollte nicht, sondern schickte ihm ein Geschenk und rief dem frommen Mann vom Fenster aus zu: bete dort, mein Vater, denn noch niemals hat mich ein Mann besucht. Martinus, dies vernehmend, dankte Gott, daß sie, von solchem sittlichen Ernst erfüllt, ihrem keuschen Vorsatz treu geblieben war. Er segnete sie und ging fröhlich von dannen“. Diese Jungfrau verschmähte es oder scheute sich, von dem Lager ihrer frommen Betrachtung aufzustehen und war bereit, dem Freunde, der an ihre Thür pochte, zu antworten: „Ich habe meine Füße gewaschen, wie soll ich sie wieder besudeln?“ Wie würden sich Bischöfe und Prälaten in unserer Zeit gekränkt fühlen, wenn sie eine solche Zurückweisung von Arsenius oder von dieser Jungfrau erfahren hätten! Möchten sich durch diese Beispiele die Mönche beschämen lassen, die jetzt in der Einsamkeit leben und sich so sehr über den Besuch von Bischöfen freuen, daß sie zu ihrer Aufnahme eigene Häuser bauen. Statt die Herren dieser Welt, die gewöhnlich großes Gefolge mitbringen, zu meiden, laden sie dieselben ein, und unter dem Vorwand der Gastfreundschaft vergrößern sie ihre Niederlassungen und machen die Einsamkeit, die sie aufgesucht haben, zur belebten Stadt. Gewiß ist es das Werk des alten listigen Versuchers, daß fast alle heutigenKlöster, während sie in alter Zeit, um den Menschen zu entgehen, in der Abgeschiedenheit gegründet worden waren, später, als die Glut der Frömmigkeit erkaltete, Leute herbeigezogen, Knechte und Mägde in Menge angestellt und große Baulichkeiten an den der Einsamkeit geweihten Orten errichtet haben; so sind sie selber in die Welt zurückgekehrt oder haben vielmehr die Welt bei sich eingeschleppt. In die größten Erbärmlichkeiten verwickelt und von weltlicher wie von geistlicher Gewalt geknechtet, haben sie zugleich Namen und Wesen des Mönchs, d. h. des Einsiedlers, verloren, während sie müßig und von der Arbeit anderer leben wollten. Ihre Lage ist oftmals eine so bedrängte, daß sie, mit der Verteidigung ihrer Schutzbefohlenen und ihres Eigentums beschäftigt, oft ihr eigenes Besitztum einbüßen, und daß bei dem häufigen Brande der benachbarten Häuser auch die Klöster selbst vom Feuer ergriffen werden. Und dennoch legen sie ihrem Übermut keine Zügel an.
Solche Menschen halten es innerhalb des Klosterbezirks nicht aus, sondern selbzweit und selbdritt, manchmal auch allein, durchstreifen sie Dörfer, Schlösser und Städte, ohne um eine Ordensregel sich zu kümmern. Sie sind viel schlechter als die Weltmenschen, weil sie an ihrem Gelübde zu Verrätern werden. Die Häuser, in welchen sie wohnen, nennen sie mißbräuchlich „Obedientien“, und doch wird hier keine Regel eingehalten und nur dem Bauch und dem Fleische wird Gehorsam geleistet. Hier hausen sie mit ihren Verwandten und guten Freunden und leben ungestört nach ihres Herzens Gelüste, da sie von ihrem Gewissen nichts zu fürchten haben. Solchen frechen Verrätern werden gewiß auch solche Ausschweifungen zum Verbrechen, die bei anderen Menschen verzeihlich sind.
Mit derartigen Menschen dürfet ihr nicht bloß nicht in Berührung kommen — ihr solltet nicht einmal von ihnen hören. Für eure Schwachheit aber ist die Einsamkeit darum so notwendig, weil wir hier den Angriffen fleischlicher Versuchungenweniger ausgesetzt sind und unsern Sinnen weniger Gelegenheit geboten ist, uns zum Stofflichen hinabzuziehen. Darum sagt auch der heilige Antonius: „Wer in der Einsamkeit wohnt und ein beschauliches Leben führt, dem bleiben dreierlei Kämpfe erspart, der mit dem Gehör, der mit der Zunge und der mit den Augen, und nur Ein Kampf bleibt ihm zu bestehen: der mit dem Herzen“. Diese Vorzüge der Einsamkeit hat auch der große Kirchenlehrer Hieronymus gar wohl erkannt, und dem Mönche Heliodorus sie vorhaltend, ruft er aus: „O Einsamkeit, die du dich des vertrauten Umgangs mit Gott erfreust! Mein Bruder, was machst du dir in der Welt zu schaffen, der du über der Welt stehst!“
Nachdem ich nun im allgemeinen darüber gesprochen habe, wo ein Kloster passend anzulegen sei, will ich noch zeigen, wie die Lage des Ortes selbst des näheren beschaffen sein soll. Bei der Wahl des Ortes für ein Kloster ist, soweit dies irgend geschehen kann, der Rat des heiligen Benediktus zu befolgen: innerhalb des klösterlichen Bezirkes soll womöglich alles das beschlossen sein, was für ein Kloster unumgänglich notwendig ist: nämlich Garten, Brunnen, Mühle, Bäckerei mit Backofen und Räumlichkeiten, wo die Schwestern ihre täglichen Geschäfte verrichten können, so daß kein Anlaß vorhanden ist, draußen herumzuschweifen.
Wie im Kriegslager eines weltlichen Heeres, so muß auch in den Lagern des Herrn, d. h. in den klösterlichen Gemeinschaften, ein Oberhaupt sein, das den andern zu gebieten hat. Dort steht Ein Befehlshaber, dessen Wink in allem befolgt wird, an der Spitze des Ganzen. Wegen der Größe des Heeres und seiner zahlreichen Amtspflichten überträgt er einen Teil seiner Last auf andere und setzt zu diesem Zweck mehrere Unterbefehlshaber ein, welche die einzelnen Abteilungen beaufsichtigen und den Dienst überwachen. So soll es auch in den Klöstern gehalten werden: eine würdige Schwester soll die Oberaufsicht über die andern haben; nach ihrer Meinung und nach ihrem Gutdünken sollen sich die andernrichten, keine soll sich unterstehen, ihr Schwierigkeiten zu machen oder gegen ihren Befehl zu murren. Denn keine menschliche Gemeinschaft, nicht einmal die kleine Genossenschaft auch nur Einer Familie kann bestehen, wenn man nicht streng auf Einigkeit hält und nicht das Regiment in der Hand eines Einzigen liegt. Darum schloß auch die Arche, das Abbild der Kirche, mit Einer Elle ab, obwohl sie deren in die Länge und Breite viele hatte. Und in den Sprüchen steht geschrieben: „Um ihrer Sünden willen hat die Erde viele Herren“. Auch nach dem Tod Alexanders vermehrte sich mit den Königen zugleich das Unheil, und in Rom hatte die Eintracht keinen Bestand, als mehrere sich in die Herrschaft teilten; daher sagt Lukanus im ersten Buch seiner Gedichte: