„Den Grund deiner LeidenSchufst du dir selbst, o Rom, da du drei Herren gehorchtest:Nie noch ward ein Vertrag, der die Herrschaft teilte, zum Segen.“
„Den Grund deiner Leiden
Schufst du dir selbst, o Rom, da du drei Herren gehorchtest:
Nie noch ward ein Vertrag, der die Herrschaft teilte, zum Segen.“
— — — Und einige Verse weiter unten heißt es:
„Ja, so lange die Erde das Meer, der Äther den ErdballTrägt, und die Sonne den Lauf in weiten Bahnen vollendet,Und den Tag ablösend die Nacht mit denselben Zeichen heraufzieht:So langtraut von mehreren Herrn nicht einer dem andern,Und kein Herrscher trägt mit Geduld den Genossen der Herrschaft.“
„Ja, so lange die Erde das Meer, der Äther den Erdball
Trägt, und die Sonne den Lauf in weiten Bahnen vollendet,
Und den Tag ablösend die Nacht mit denselben Zeichen heraufzieht:
So langtraut von mehreren Herrn nicht einer dem andern,
Und kein Herrscher trägt mit Geduld den Genossen der Herrschaft.“
So ging es gewiß auch mit den Jüngern des frommen Abtes Frontonius. Er hatte deren in seinem Geburtsort gegen siebzig um sich versammelt und große Gnade bei Gott und den Menschen erlangt. Auf einmal verließ er das Kloster in der Stadt und alles, was er an Gütern besaß, und nahm seine Jünger, von allem entblößt, mit sich in die Wüste. Nach kurzer Zeit murrten sie, wie einst das Volk Israel gegen Moses, weil er sie von den Fleischtöpfen Ägyptens und dem Überfluß des Landes in die Wüste geführt habe, und sprachen: „Ist die Keuschheit nur in der Wüste zu Hause, nicht auch in den Städten? Warum kehren wir nicht zurück in die Stadt, die wir nur auf kurze Zeit verlassen wollten? Oder erhört Gott nur in der Wüste Gebete? Wer kann von der Speise der Engel leben? Wermacht sich gern zum Genossen der wilden Tiere? Was nötigt uns, hier zu bleiben? Warum kehren wir nicht zurück in die Heimat, um dort Gott zu preisen?“
Daher mahnt auch der Apostel Jakobus: „Liebe Brüder, unterwinde sich nicht jedermann Lehrer zu sein und wisset, daß wir desto mehr Urteil empfahen werden“. Und Hieronymus schreibt in der Lebensregel, die er dem Mönch Rusticus gab: „Keine Kunst lernt sich ohne Lehrer. Selbst die unvernünftigen Geschöpfe und die Rudel wilder Tiere haben ihre Führer, denen sie folgen. Bei den Bienen geht Eine voran und die andern folgen. Die Kraniche folgen ihrem Führer in geschlossener Ordnung. Ein Herrscher, Ein Richter der Provinz. Als Rom gegründet wurde, konnte es die beiden Brüder nicht zugleich als Herrscher ertragen, und es kam darob zum Brudermord. Im Leib der Rebekka haben Esau und Jakob einander bekämpft. Jeder Bischof, jeder Oberpriester, jeder Archidiakon und überhaupt der ganze hierarchische Stand hat seinen Vorgesetzten. Im Schiff Ein Steuermann, im Haus Ein Herr. Im größten Heere sieht alles auf den Wink eines Einzigen. Durch all dies will ich nur soviel klar machen, daß man im Kloster nicht nach seinem eigenen Willen lebt, sondern unter der Zucht eines einzigen Vorgesetzten und in der Gemeinschaft mit vielen“.
Um aber die Einigkeit aufrecht zu erhalten, ist es notwendig, daß Eine Schwester allen andern vorstehe, und daß ihr alle übrigen gehorchen. Unter ihr sollen dann wieder andere gleichsam als Hilfsbeamte stehen, welche sie nach eigenem Ermessen wählen mag. Diese sollen ihres Amtes warten in dem Umfang, wie es ihnen von der Oberin übertragen worden ist, und gleichsam die Anführer und Berater im Heere des Herrn sein. Die Gesamtheit der übrigen aber soll als der Truppenkörper unter ihrer Leitung gegen den Bösen und seine Trabanten tapfer ankämpfen.
Ich bin der Meinung, daß für die gesamte Verwaltung des Klosters nicht mehr und nicht weniger als sieben Schwesternnotwendig sind: nämlich eine Pförtnerin, eine Kellermeisterin, eine Kleiderbewahrerin, eine Krankenpflegerin, eine Vorsängerin, eine Sakristane, endlich eine Diakonisse, oder, wie man sie jetzt nennt, eine Äbtissin. Diese Diakonisse bekleidet gleichsam die Stelle des Feldherrn, dem alles gehorcht, in diesem geistlichen Lager, in diesem Kriegsdienst des Herrn; steht ja doch geschrieben: „Des Menschen Leben auf der Erde ist ein Kriegsdienst“ — und anderswo: „Schrecklich wie Heeresspitzen“. Die sechs andern Schwestern, die wir Offizialen nennen, stehen unter dem Befehl der ersten und nehmen den Platz der Führer und Konsuln ein. Alle übrigen Nonnen aber, die wir Klausnerinnen nennen, verrichten nach Art von Kriegern den göttlichen Dienst, in welchem sie stehen. Solche Schwestern aber, die sich bekehrt und, ebenfalls der Welt entsagend, sich den Nonnen angeschlossen haben und ein frommes, wenngleich nicht klösterliches Leben führen, nehmen eine mehr untergeordnete Stellung ein, wie der Troß bei einem weltlichen Heer.
Nun aber bleibt noch übrig, unter der Leitung des göttlichen Geistes die einzelnen Rangstufen in diesem Heerwesen genau festzusetzen, damit sie den Angriffen der bösen Geister gegenüber wirkliche „Heeresspitzen“ seien.
Bei der Aufstellung unserer Regel wollen wir mit dem Oberhaupte, nämlich mit der Diakonisse, beginnen und unsere Anordnungen über diejenige Person feststellen, die dann wiederum alles andere anzuordnen hat. Ich habe schon in meinem letzten Brief erwähnt, wie der Apostel Paulus dem Timotheus ihre Frömmigkeit als eine solche beschreibt, die ganz besonders hervorragend und erprobt sein müsse; nämlich also: „Laß keine Witwe erwählt werden unter sechzig Jahren, und die da gewesen sei Eines Mannes Weib und die ein Zeugnis habe guter Werke, so sie Kinder aufgezogen hat, so sie gastfrei gewesen ist, so sie der Heiligen Füße gewaschen hat, so sie den Trübseligen Handreichung gethan hat, so sie allem guten Werk nachgekommen ist. Der jungenWitwen aber entschlage dich“. Derselbe Apostel sagt in seiner Unterweisung für Diakonen über die Diakonissen: „Desselbengleichen ihre Weiber sollen ehrbar sein, nicht Lästerinnen, nüchtern, treu in allen Dingen“. Den Zweck und die Absicht, welche der Apostel mit diesen Bestimmungen verfolgt, glaube ich in meinem letzten Brief genügend besprochen zu haben, besonders auch die Frage, warum die Diakonisse nach dem Willen des Apostels Eines Mannes Weib und vorgerückten Alters sein soll. Darum können wir uns auch nicht genug wundern, daß in die Kirche der verderbliche Brauch sich eingeschlichen hat, lieber Jungfrauen als gewesene Ehefrauen mit diesem Amte zu betrauen und öfters Jüngere den Älteren vorzuziehen, da doch der Prediger sagt: „Wehe dir, Land, des König ein Kind ist“ — und da wir doch alle gewiß dem Worte des frommen Hiob recht geben: „Bei den Großvätern ist Weisheit und Verstand bei den Alten“. Darum heißt es auch in den Sprüchen: „Graue Haare sind eine Krone der Ehren, die auf den Wegen der Gerechtigkeit gefunden werden“. Und im Buche Sirach: „O wie fein steht’s, wenn die grauen Häupter weise und die Alten klug und die Herren vernünftig und vorsichtig sind! Das ist der Alten Krone, wenn sie viel erfahren haben; und ihre Ehre ist, wenn sie Gott fürchten.“ Weiter heißt es da: „Der Älteste soll reden, denn es gebühret ihm, als der erfahren ist … Ein Jüngling mag auch wohl reden einmal oder zwei, wenn’s not ist; und wenn man ihn fragt, soll er’s kurz machen, und sich halten als der nicht viel wisse und lieber schweige. Und soll sich nicht den Herrn gleich achten und wenn ein Alter redet, nicht drein waschen“.
Darum nennt man auch die Priester, welche in der Kirche über dem Volk stehen, Älteste; schon ihr Name will ausdrücken, was sie sein sollen. Und in den Lebensbeschreibungen der Heiligen heißen diejenigen, die wir jetzt Väter nennen, Alte.
Mit allem Ernst also hat man darauf zu sehen, daß beider Wahl und Weihe der Diakonisse vor allem der Rat des Apostels befolgt und eine Schwester gewählt werde, welche durch ihre Lebensführung und durch ihr Wissen den andern überlegen ist; ihr reifes Alter soll eine Bürgschaft sein auch für die Zuverlässigkeit ihrer Sitten; durch Gehorsam soll sie sich das Recht zum Befehlen erworben haben; die Regel soll sie nicht bloß vom Hörensagen, sondern vom Ausüben kennen gelernt und sich fest eingeprägt haben. Wenn sie nicht durch Gelehrsamkeit glänzt, so mag sie sich darüber trösten: sie ist ja nicht zu philosophischen Verhandlungen und dialektischen Übungen da, sondern sie soll sich mit der Kunst des regelrechten Lebens und mit der Ausübung guter Werke befassen. So heißt es vom Herrn: er fing an zu thun und zu lehren — also zuerst thun, dann erst lehren. Denn die Kunst des Handelns ist besser und vollkommener als die des Redens, die That ist mehr wert als das Wort. Wir wollen uns das Wort merken, das vom Vater Ipitius überliefert ist: „Der ist der rechte Weise, der nicht durch Worte, sondern durch Thaten andere belehrt“. Diese Äußerung ist dazu angethan, uns in dieser Hinsicht Kraft und Vertrauen mitzuteilen.
Wir wollen uns auch den Ausspruch des heiligen Antonius merken, mit dem er phrasenreiche Philosophen abwies, die über seine Art zu lehren spotteten, als sei er ein einfältiger, ungebildeter Mensch. „Antwortet mir“ — sagte er zu ihnen — „was ist älter: der gesunde Menschenverstand oder die Gelehrsamkeit? Und welches von beiden ist aus dem andern entstanden, der Verstand aus der Gelehrsamkeit oder die Gelehrsamkeit aus dem gesunden Menschenverstand?“ Auf ihre Antwort, daß der Verstand Urheber und Erfinder der Gelehrsamkeit sei, erwiderte Antonius: „Also braucht sich, wer gesunden Menschenverstand besitzt, um Gelehrsamkeit nicht zu kümmern“.
Man vernehme auch das Wort des Apostels, das uns Stärke verleiht im Herrn: „Hat nicht Gott die Weisheitdieser Welt zur Thorheit gemacht?“ Und wiederum; „Was thöricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählet, daß er die Weisen zu schanden mache, und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählet, daß er zu schanden mache, was stark ist, und das Unedle vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählet, und das da nichts ist, daß er zu nichte mache, was etwas ist, auf daß sich vor ihm kein Fleisch rühme“. Denn das Reich Gottes besteht, wie er selbst sagt, nicht in Worten, sondern in Kraft.
Hält es die Äbtissin jedoch für nötig, zu gründlicherer Erkenntnis dieses oder jenes Gegenstandes sich an die Schrift zu wenden, so mag sie, ohne zu erröten, sachverständige, gelehrte Leute darüber befragen, etwas Neues lernen und hierbei die Aufschlüsse, welche die Wissenschaft giebt, nicht gering achten, sondern sich dieselben bescheiden und sorgfältig aneignen; hat doch auch das Haupt der Apostel sogar die Rüge seines Mitapostels Paulus geduldig hingenommen. Auch der heilige Benedikt bestätigt es, daß der Herr oft gerade den Geringsten sich am herrlichsten offenbart.
Um aber dem göttlichen Willen, so wie der Apostel ihn oben gekennzeichnet hat, noch weiter zu willfahren; so soll man bei der Wahl der Äbtissin, wenn nicht die gebieterische Not und triftige Gründe eine andere Maßregel erheischen, von vornehmen, in der Welt einflußreichen Personen absehen. Denn solche könnten im Vertrauen auf ihre Abkunft leicht hochfahrend, anspruchsvoll und stolz werden; die Wahl solcher Frauen würde dem Kloster zum Verderben ausschlagen, besonders dann, wenn dieselben Landeskinder sind. Denn es steht zu befürchten, daß die Nähe ihrer Angehörigen sie in ihrer Anmaßung bestärke, daß das Kloster durch den häufigen Besuch ihrer Verwandten belastet und in seiner Ruhe gestört werde, daß sie selbst durch die Ihrigen die Klosterordnung antasten lasse oder die Mißbilligung anderer sich zuziehe nach dem Worte der Wahrheit; „Der Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterlande“.
Dies hat auch der heilige Hieronymus im Auge, wenn er nach Aufzählung alles dessen, was einem Mönche, der in seiner Heimat bleibe, zum Schaden gereichen könne, in seinem Brief an Heliodorus sagt: „Aus diesen Erwägungen geht hervor, daß ein Mönch in seinem Vaterlande nicht zur Vollkommenheit gelangen kann. Nicht vollkommen werden wollen ist aber so viel wie Sünde begehen“. Wie großen Schaden aber werden die anvertrauten Seelen nehmen, wenn es diejenige mit den Pflichten der Religion nicht genau nimmt, die dazu bestellt ist, über die Erfüllung derselben zu wachen? Für die Menge der untergeordneten Schwestern genügt es, wenn sie die eine oder andere Tugend aufzuweisen haben. DieÄbtissin muß alle Tugenden mustergültig in sich vereinigen, so daß sie in allem, was sie von den andern verlangt, selbst mit gutem Beispiel vorangehen kann, und nicht etwa ihre Sitten mit ihren eigenen Geboten im Widerspruch stehen, oder daß sie nicht mit Worten aufbaut und mit Thaten selbst wieder einreißt und so das Wort der Zurechtweisung aus ihrem Munde verloren gehe, daß sie erröten müßte andere zu tadeln über Fehler, deren sie sich selber schuldig macht.
Diesem Fehler zu entgehen, bittet der Psalmist den Herrn: „Laß die Wahrheit nimmer ferne sein von meinem Munde“; denn er gedenkt der schweren Drohung des Herrn, die er an anderer Stelle erwähnt, wenn er sagt: „Zu dem Sünder aber hat Gott gesprochen: Was verkündigest du meine Rechte und nimmst meinen Bund in deinen Mund, so du doch Zucht hassest und wirfst meine Worte hinter dich?“ Und der Apostel Paulus, diesem Vorwurf zu entgehen, sagt: „Ich betäube meinen Leib und zähme ihn, daß ich nicht den andern predige und selbst verwerflich werde“. Denn wessen Leben verächtlich ist, der darf sich nicht wundern, wenn auch seine Predigt und Lehre mißachtet wird. Und wenn der, der einen andern heilen sollte, an der nämlichen Krankheit selbst leidet, so kann ihm der Kranke mit Recht zurufen: „Arzt, hilf dir selber!“
Möchte sich doch jeder, der in der Kirche eine gebietende Stellung einnimmt, klar machen, welch große Zerstörung sein eigener Fall verursacht, da er seine Untergebenen mit hinunterreißt in den Abgrund des Verderbens. Die Wahrheit spricht: „Wer eines von diesen kleinsten Geboten auflöset und lehret die Leute also, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich“. Es löst aber das Gebot auf, wer das Gegenteil davon thut, und ein solcher Mann, der durch sein schlimmes Beispiel auch andere verdirbt, sitzt auf seinem Stuhl als ein Lehrer der Pestilenz. Wenn nun einer, der sich also verschuldet, der Kleinste heißen soll im Himmelreich: wofür soll dann ein schlechter Vorgesetzter gelten, von dessen Pflichtvergessenheit der Herr nicht bloß das Blut seiner eigenen Seele, sondern auch aller ihm untergebenen Seelen Blut verlangen wird?
Darum spricht die „Weisheit“ folgende Drohung aus: „Denn euch ist die Obrigkeit gegeben vom Herrn und die Gewalt vom Höchsten, welcher wird fragen, wie ihr handelt, und forschen, was ihr ordnet. Denn ihr seid seines Reiches Amtleute; aber ihr führet euer Amt nicht fein, und haltet kein Recht, und thut nicht nach dem, das der Herr geordnet hat. Er wird gar greulich und kurz über euch kommen, und es wird ein gar scharf Gericht gehen über die Oberherrn. Denn den Geringen widerfähret Gnade; aber die Gewaltigen werden gewaltiglich gestraft werden, und über die Mächtigen wird ein stark Gericht gehalten werden“.
Der Untergebene hat genug gethan, wenn er seine eigene Seele vor Sünde bewahrt. Den Vorgesetzten droht der Tod auch für fremde Vergehungen. Denn mit der Größe der anvertrauten Gabe wächst auch die Verantwortung, und wem viel gegeben ist, von dem wird auch viel gefordert werden. Das Buch der „Sprüche“ warnt uns vor dieser großen Gefahr eindringlich mit den Worten: „Mein Kind, wirst du Bürge für deinen Nächsten und hast deine Hand bei einem Fremden verhaftet, so bist du verknüpft mit der Rede deinesMundes und gefangen mit den Reden deines Mundes. So thue doch, mein Kind, also und errette dich, denn du bist deinem Nächsten in die Hände gekommen. Eile, dränge und treibe deinen Nächsten. Laß deine Augen nicht schlafen noch deine Augenlider schlummern“.
Bürge für einen Freund werden wir, indem unsere Liebe irgend jemand in unsere Lebensgemeinschaft aufnimmt. Wir sagen ihm unsere liebevolle Fürsorge zu, wie er seinerseits uns Gehorsam verspricht. Und unsere Hand „verhaften“ wir insofern bei ihm, als wir infolge des Gelübdes ihn zum Gegenstand unserer thätigen Fürsorge machen. Endlich sind wir ihm auch „in die Hände gekommen“, denn, wenn wir uns nicht vor ihm vorsehen, so kann er zum Mörder unserer Seele werden. Um dieser Gefahr zu entgehen, ist der Rat zu befolgen: „Eile, dränge und treibe“ u. s. w.
So soll denn die Äbtissin gleich einem umsichtigen, unermüdlichen Feldherrn bald hier bald dort sein und ihr Lager in Ordnung halten und mustern, damit nicht durch Nachlässigkeit dem ein Zugang sich öffne, der umhergeht wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Alle Schäden des Hauses soll sie zuerst bemerken, damit sie von ihr gutgemacht werden können, ehe sie von andern bemerkt werden und böses Beispiel geben. Möge es ihr nicht so gehen, wie den thörichten oder nachlässigen Leuten, denen der heilige Hieronymus den Vorwurf macht: „Gewöhnlich erfahren wir selbst es zuletzt, wenn in unserem Hause etwas nicht in Ordnung ist und wissen nichts von den Fehlern unserer Kinder und Frauen, wenn die Nachbarn schon laut davon sprechen“.
Die Schwester, die den andern vorsteht, mag allezeit bedenken, daß sie die Verantwortung für Leib und Seele der Ihrigen übernommen hat. Für die Obhut des Leibes findet sich eine Mahnung im Jesus Sirach: „Hast du Töchter, so bewahre ihren Leib und zeige ihnen kein allzu heiteres Angesicht“. Und weiter: „Eine Tochter macht dem Vater viel Wachens, davon niemand weiß, und das Sorgen für sienimmt ihm viel Schlaf, da sie möchte geschändet werden“. Wir schänden aber unsern Körper nicht bloß durch Unzucht, sondern durch jede unreine That, geschehe sie nun mit der Zunge oder mit irgend einem andern Glied, indem wir es zu irgend einem flüchtigen sinnlichen Genuß mißbrauchen. Es steht geschrieben: „Der Tod dringt ein durch unsere Fenster“, d. h. die Sünde gelangt ins Herz auf dem Weg unserer fünf Sinne. Giebt es einen schrecklicheren Tod als den Tod der Seele, und ist irgend etwas schwerer zu behüten als sie? „Die Wahrheit“ spricht: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und die Seele nicht mögen töten“. Von allen, die diesen Rat vernehmen: wer fürchtet nicht mehr den leiblichen Tod als den der Seele? Wer flieht nicht ängstlicher das Schwert als die Lüge? Und doch steht geschrieben: „Der Mund, der da lüget, tötet die Seele“. Was ist so leicht zu töten wie die Seele? Welcher Pfeil ist so schnell fertig wie die Sünde? Wer ist auch nur über seine Gedanken Herr? Wer ist fähig, sich selbst vor Sünde zu bewahren, geschweige denn andere? Welcher menschliche Hirte ist imstande, seine geistlichen Schafe vor den geistlichen Wölfen, eine unsichtbare Schar vor dem unsichtbaren Feinde zu bewahren? Wer hätte nicht Angst vor dem Räuber, der nicht aufhört uns anzugreifen, den kein Wall auszuschließen, kein Schwert zu töten oder zu verwunden vermag? der ohn’ Unterlaß uns nachstellt und besonders die Frommen verfolgt nach dem Wort des Propheten Habakuk: „Seine Lockspeisen sind auserlesen“. Der Apostel Petrus warnt uns vor ihm mit den Worten: „Euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und suchet, welchen er verschlinge“. Und wie sicher er in der Hoffnung ist, uns zu verschlingen, das sagt der Herr in dem Wort an Hiob: „Siehe, er schluckt in sich den Strom und achtet es nicht groß; läßt sich dünken, er wolle den Jordan mit seinem Munde ausschöpfen“. Denn was sollte der nicht anzugreifen wagen, der den Herrn selbst zu versuchen sich nicht gescheut hat? Der schon dieersten Menschen im Paradies überlistet und aus der Schar der Apostel dem Herrn einen Jünger geraubt hat? Welcher Ort wäre sicher vor ihm? Welches Schloß vermöchte er nicht zu sprengen? Wer vermag sich zu schützen gegen seine Nachstellungen, wer seinen Anläufen zu widerstehen?
Er ist es, der durch Einen Stoß die vier Wände des frommen Hiob zu Fall gebracht und seine unschuldigen Söhne und Töchter gewaltsam umgebracht hat. Was wird vollends das schwache Geschlecht gegen ihn vermögen? Wer hat seine Verführungskünste mehr zu fürchten als die Frau? Denn bei ihr hat er mit der Verführung angefangen und hat durch sie den Mann und die ganze Nachkommenschaft überlistet. Die Begierde nach dem Besitz eines noch höheren Gutes hat das Weib auch um den des geringeren gebracht.
Diese Verführungskunst wird er auch jetzt noch beim Weib mit Erfolg anwenden, da sie lieber herrschen als gehorchen will und sich durch das Verlangen nach Besitz und Ehre bestimmen läßt. Das was nachfolgt, wirft ein Licht auf das, was vorangegangen ist. Wenn die Vorgesetzte ein genußreicheres Leben führt als die Untergebene oder wenn sie sich etwas erlaubt, was über das eigentliche Bedürfnis hinausgeht, so ist doch außer Zweifel, daß sie danach Verlangen getragen hat. Wenn sie jetzt nach kostbarerem Schmuck trachtet als sie früher hatte, so muß ihr Herz doch gewiß von eitlem Wahn erfüllt sein. Ihr Vorleben wird durch ihr späteres Verhalten gerichtet. Ob das, was sie früher gethan hat, echte Tugend oder nur Heuchelei war, das kommt nach ihrer Erhöhung an den Tag. Sie soll sich auf ihren hohen Ehrenplatz eher mit Gewalt ziehen lassen als von selber kommen — nach dem Worte des Herrn; „Alle, die kommen, sind Diebe und Räuber“. — „Es sind gekommen,“ sagt Hieronymus, „die nicht gesandt waren.“ Man soll sich eine Ehre lieber aufzwingen lassen als sie erzwingen. „Denn niemand,“ sagt der Apostel, „nimmt sich selbst die Ehre, sondern der auch berufen sei von Gott, gleichwie Aaron.“ Wirst duberufen, so traure wie eine, die zum Tode geführt wird, wirst du verschmäht, so freue dich, als wärest du dem Tode entgangen.
Wir erröten über Worte, durch welche wir uns anderen überlegen zeigen; wenn wir aber zu einem Ehrenamt erwählt werden, und durch die Verhältnisse selbst unsere Tüchtigkeit dargelegt wird, dann sind wir ohne Schüchternheit und Scham. Und doch weiß jedermann, daß es die Besseren sind, die den anderen vorgezogen werden. Darum heißt es in den Moralia, Kapitel XXIV: „Wer die Menschen nicht gut zu vermahnen und zurechtzuweisen versteht, der soll auch nicht die Leitung derselben übernehmen. Wer dazu erwählt wird, daß er die Fehler anderer verbessere, der darf nicht selber begehen, was er ausrotten soll“.
Wenn wir aber bei einer solchen Wahl einen oberflächlichen Widerstand leisten mit angenommener Bescheidenheit und uns der angebotenen Ehre für unwürdig erklären, so klagen wir uns gewiß nur darum an, weil wir dadurch den Schein um so größerer Gerechtigkeit und Würdigkeit erwecken wollen. Wie viele habe ich bei ihrer Wahl mit den Augen weinen und mit dem Herzen lachen sehen! Des Unwertes zeihen sie sich, um dadurch nur noch mehr Beifall und Gunst bei den Menschen zu erjagen. Sie wissen, daß geschrieben steht: „Der Gerechte klagt sich selber zuerst an“. Und wenn sich später einmal wirklich eine Anklage gegen solche Leute erhebt und ihnen Gelegenheit geboten wäre zu weichen, dann halten sie aufs unpassendste und unverschämteste an der Ehrenstelle fest, und doch haben sie einst mit falschen Thränen und wahren Anklagen gegen sich selbst bewiesen, daß sie ihnen aufgenötigt worden sei.
Wie oft habe ich es mit angesehen, daß Kanoniker ihren Bischöfen, die ihnen die heiligen Weihen aufnötigen wollten, widerstrebt und erklärt haben, sie seien eines solchen Amtes unwürdig und könnten es nicht mit gutem Gewissen annehmen. Wenn sie dann der Klerus später zum Bischofsamterwählte, fand er geringen oder gar keinen Widerstand. Und solche, die gestern noch das Diakonat ausschlugen, um, wie sie sagten, nicht für ihre Seele Gefahr zu laufen, fürchteten sich schon am andern Tage nicht mehr vor dem Sturz von viel höherer Stufe, als wären sie über Nacht tüchtig geworden. Von ihnen gilt das Wort, das in den „Sprüchen“ geschrieben steht: „Ein Thor klatscht in die Hände, wenn er für seinen Freund Bürge geworden ist“. Denn der Unglückliche freut sich da, wo er viel eher Ursache zur Trauer hätte: nämlich wenn er den Oberbefehl über andere erhält und sich selbst verpflichtet, für seine Untergebenen zu sorgen, von denen er mehr geliebt als gefürchtet werden soll.
Um solchem Verderben nach Möglichkeit zu steuern, verbieten wir durchaus, daß die Äbtissin ein besseres und gemächlicheres Leben führe als ihre Untergebenen. Weder beim Essen noch beim Schlafen soll sie sich von den übrigen absondern, sondern sie soll alles in Gemeinschaft der ihr anvertrauten Herde thun und dadurch, daß sie immer zugegen ist, Gelegenheit haben, um so besser für sie zu sorgen. Es ist uns zwar wohl bekannt, daß der heilige Benedikt, in seiner Fürsorge für Pilger und Gäste, dem Abt gestattete, mit diesen an einem besonderen Tische zu sitzen. Diese Bestimmung ist damals in gutem Glauben getroffen worden, später aber ist sie zum Besten der Klöster dahin geändert worden, daß der Abt den Konvent nicht verlassen, sondern daß ein zuverlässiger Hausmeister die Sorge für die Pilger übernehmen solle. Denn während der Mahlzeit kann gar leicht ein Verstoß vorkommen, und gerade bei dieser Gelegenheit muß besonders streng auf Ordnung gehalten werden. Es kommt auch vor, daß man unter dem Vorwand der Gastfreundschaft mehr sich selber etwas Gutes gönnt als den Gästen. Dadurch setzt man sich bei denen, die nicht dabei sind, dem schlimmsten Verdacht aus und erregt ihre Unzufriedenheit. Je weniger die Lebensführung des Abtes den Seinigen bekannt ist, desto geringer ist sein Ansehen. Jede Art vonEntbehrung erscheint dagegen allen dann erträglicher, wenn alles gleicherweise daran trägt, und in erster Linie die Vorgesetzten. Dies lehrt uns das Beispiel Catos. Denn von ihm wird berichtet: sein Heer mußte mit ihm Durst leiden; als man ihm nun ein wenig Wasser anbot, verschmähte er die Gabe und goß es zur allgemeinen Befriedigung aus.
Da also den Vorgesetzten vor allen Dingen Nüchternheit not thut, so müssen sie selber um so genügsamer leben, da sie ja auch noch für andere zu sorgen haben. Um die Gabe Gottes, d. h. das ihnen verliehene Ehrenamt, nicht in Übermut zu verkehren und dadurch besonders bei ihren Untergebenen Anstoß zu erregen, mögen sie sich zu Herzen nehmen, was geschrieben steht: „Sei nicht ein Löwe in deinem Hause und nicht ein Wüterich gegen dein Gesinde, denn Hochmut ist bei Gott und Menschen verhaßt. Gott hat die hoffärtigen Fürsten vom Stuhl heruntergeworfen und demütige darauf gesetzt. Man hat dich zum Lenker gemacht: wolle dich darum nicht überheben, sondern sei wie einer von den andern“. Auch der Apostel, indem er dem Timotheus Verhaltungsmaßregeln gegen Untergebene giebt, sagt: „Einen Alten schelte nicht, sondern ermahne ihn als einen Vater, die Jungen als die Brüder, die alten Weiber als die Mütter, die jungen als die Schwestern“. — „Nicht ihr habt mich erwählt“ — spricht der Herr — „sondern ich habe euch erwählt“. Alle andern Vorgesetzten werden von den Untergebenen gewählt und eingesetzt, denn man nimmt sie weniger zum Herrschen als zum Dienen. Gott allein ist der wahre Herr und kann sich seine Unterthanen auswählen zu seinem Dienst. Und doch hat er sich weniger als Herrn denn als Diener gezeigt, und die Seinigen, welche nach der höchsten Ehre trachten, weist er zurecht durch sein eigenes Vorbild und indem er sagt: „Die weltlichen Könige herrschen und die Gewaltigen heißet man gnädige Herrn. Ihr aber nicht also“.
Die weltlichen Könige ahmt also nach, wer über seineUntergebenen nur herrschen will, statt ihnen zu dienen, und wer lieber gefürchtet als geliebt sein will; wer, aufgebläht durch sein hohes Amt, bei Tische gern oben sitzt und in der Synagoge auf dem vordersten Platz; wer sich gern grüßen läßt auf dem Markt und sich gern Rabbi nennen läßt von den Leuten. Diesen Ehrentitel verbietet der Herr anzunehmen, damit wir auch unserer Namen uns nicht rühmen und in allen Stücken auf Demut gehalten werde. Darum sagt er: „Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen und niemand Vater heißen auf Erden“. Und endlich, um allem Rühmen ein Ende zu machen, sagt er: „Wer sich selbst erhöhet, der wird erniedriget werden“.
Auch das muß vermieden werden, daß die Herde durch Abwesenheit der Hirten Gefahr laufe, und daß, während die Vorgesetzten draußen herumschweifen, im Kloster die Regel beiseite gesetzt werde. Wir bestimmen daher, daß die Äbtissin mehr für die geistlichen als für die leiblichen Bedürfnisse ihrer Schwestern sorgen und das Kloster nicht um äußerlicher Angelegenheiten willen verlassen soll. Vielmehr möge sie ihre ganze Sorgfalt mit allem Eifer auf die ihr anvertrauten Seelen wenden; auch wird sie unter den Menschen ein um so größeres Ansehen genießen, je seltener sie sich unter ihnen sehen läßt — wie geschrieben steht: „Wenn du von einem Mächtigen gerufen wirst, so halte dich ferne; denn er wird dich nur um so dringender rufen“. Wenn aber das Kloster eine Sendung zu verrichten hat, so mögen dies Mönche oder deren Laienbrüder besorgen. Denn allezeit sollen die Männer für die Bedürfnisse der Frauen Sorge tragen. Und je frömmer die letzteren sind, desto mehr Zeit verwenden sie auf den Dienst des Herrn, und desto mehr sind sie auf die Hilfe der Männer angewiesen. Darum wird auch dem Joseph die Sorge für die Mutter des Herrn vom Engel übertragen, wiewohl er ihr nicht beiwohnen durfte. Und der Herr selbst hat seiner Mutter sterbend gleichsam einen zweiten Sohn bestellt, der für ihr zeitliches Wohl Sorgetragen sollte. Wie sehr auch die Apostel für die frommen Frauen besorgt waren, ist allgemein bekannt, wir haben davon schon anderswo gesprochen. Zu ihrer Unterstützung haben sie ja auch die sieben Diakonen eingesetzt. Ihrer Autorität folgend, und da die Verhältnisse es gebieterisch verlangen, bestimmen wir, daß Mönche und Laienbrüder nach der Weise der Apostel und Diakonen in den Frauenklöstern diejenigen Besorgungen auf sich nehmen, die zum äußeren Leben notwendig sind. Und zwar braucht man die Mönche hauptsächlich für die Messen, die Laienbrüder für die sonstigen Arbeiten.
Es ist also notwendig, daß den Frauenklöstern Mönchsklöster zur Seite stehen, und daß die äußeren Angelegenheiten der Frauen von Männern besorgt werden, welche durch das gleiche Gelübde gebunden sind. Dieser Brauch bestand schon in den Anfangszeiten der Kirche zu Alexandria unter der Leitung des Evangelisten Markus. Und ich glaube, daß in den Nonnenklöstern die Ordensregel strenger gehalten wird, wenn dieselben der Sorgfalt und Leitung geistlicher Männer unterstellt sind und für Schafe und Widder ein und derselbe Hirte eingesetzt wird, so daß derjenige, der über die Männer gebietet, auch über die Frauen die Aufsicht führe und die apostolische Verordnung bestehen bleibe: „Der Mann ist des Weibes Haupt, wie Christus des Mannes Haupt ist, Gott aber ist Christi Haupt“.
So wurde auch das Kloster der heiligen Scholastica, das auf dem Grund und Boden eines Mönchsklosters lag, durch ihren Bruder geleitet, und seine oder der anderen Brüder häufige Besuche dienten den Frauen zur Belehrung und zum Trost. Die Regel des heiligen Basilius giebt an irgend einer Stelle über eine derartige Oberleitung folgende Verhaltensmaßregeln: „Frage: Darf außer der Äbtissin auch der Abt eines benachbarten Mönchsklosters mit den Nonnen seelsorgerliche Gespräche führen? Antwort: Ja, wenn dabei die Vorschrift des Apostels bewahrt wird: ‚lasset alles ehrlich und ordentlich bei euch zugehen‘“. Ebenso im folgendenKapitel: „Frage: Darf ein Abt mit einer Äbtissin häufig reden, besonders wenn einige von den Brüdern daran Ärgernis nehmen? Antwort: Der Apostel sagt zwar: ‚Warum sollte ich meine Freiheit lassen urteilen von eines andern Gewissen‘ — aber es ist gut, sich nach seinen folgenden Worten zu richten: ‚Wir haben solcher Macht nicht gebraucht, damit wir nicht dem Evangelium Christi eine Hindernis machten‘. Man soll die Frauen so selten wie möglich besuchen und die Unterredung möglichst kurz machen.“
Daher auch der Beschluß des Konzils von Hispalis: „Einstimmig haben wir beschlossen, daß die Frauenklöster in der Provinz Bätica von Mönchen bedient und verwaltet werden sollen. Denn wir glauben für das Wohl der Christo geweihten Jungfrauen zu sorgen, wenn wir geistliche Väter für sie erwählen, nicht bloß um ihnen durch eine solche Oberleitung einen Schutz zu verschaffen, sondern auch damit sie von ihnen belehrt und erbaut werden. Doch soll in Betreff der Mönche die Einschränkung gelten, daß sie in kein näheres Verhältnis zu den Nonnen treten, auch keinen Zutritt in den Vorraum des Kloster haben sollen. Auch soll der Abt, oder wer sonst die Oberaufsicht hat, nicht mit Umgehung der Äbtissin den Nonnen Anweisung über ihr sittliches Verhalten geben. Auch mit der Äbtissin selbst soll er nicht zu oft und nicht unter vier Augen reden, sondern in Gegenwart von zwei oder drei Schwestern; sein Besuch soll selten sein, und die Unterredung kurz“.
Ferne sei es von uns, zu wollen, was auch nur auszusprechen schon eine Sünde wäre, daß die Mönche mit den Jungfrauen Christi in vertrauten Umgang kämen, sondern sie sollen gemäß den Bestimmungen der Regeln und Vorschriften in strenger Geschiedenheit von ihnen leben. Wir stellen die Frauenklöster nur unter die Oberleitung von Mönchen und bestimmen, daß aus den Mönchen ein besonders erprobter Mann erwählt werde, dessen Sorge es sein soll, ihre Güter auf dem Lande oder in der Stadt zu überwachen,die nötigen Bauten auszuführen und für die sonstigen Bedürfnisse des Klosters zu sorgen, damit die Dienerinnen Christi allein mit dem Heil ihrer Seele beschäftigt ausschließlich dem Dienste des Herrn leben und frommen Werken obliegen können. Auch soll, wer von seinem Abte zu solchem Amte vorgeschlagen wird, die Bestätigung des Bischofs einholen.
Die Nonnen aber sollen den Mönchen, deren Schutz sie erwarten, die nötigen Kleider anfertigen, wofür sie dann wiederum die Früchte ihrer Arbeit und die helfende Fürsorge derselben zu genießen haben sollen.
Dieser weisen Einrichtung folgend wollen wir, daß die Frauenklöster allezeit Männerklöstern unterstellt werden, damit die Brüder für die Schwestern sorgen und beide Ein gemeinsames väterliches Oberhaupt haben, auf dessen Fürsorge beide Klöster angewiesen sind: so wird dann Eine Herde und Ein Hirte im Herrn sein. Eine solche brüderliche geistige Genossenschaft ist darum vor Gott und Menschen so angenehm, weil sie den Bedürfnissen beider Geschlechter, soweit sie sich dem Klosterleben weihen, entgegenkommt. Die Mönche sollen Männer, die Nonnen Frauen aufnehmen, und so wird jede Seele, die um ihr Heil bekümmert ist, finden, was ihr not thut. Und wenn einer zugleich mit seiner Mutter oder Schwester oder Tochter oder einer Pflegebefohlenen sich dem Klosterleben weihen will, so wird er hier vollen Trost finden. Solche Mönchs- und Nonnenklöster werden um so liebevoller miteinander verbunden und füreinander besorgt sein, je mehr unter den Insassen derselben Freunde und Verwandte sich befinden, welche nun dieses neue Band noch enger umschlingt.
Wir wollen aber, daß der Vorgesetzte der Mönche, den man Abt nennt, die Aufsicht über die Nonnen in der Weise führe, daß er in ihnen, die Gottes Bräute sind — und er ist Gottes Diener — seine Herrinnen erblicke, über die er nicht gebieten, sondern denen er nur nützen soll. Er sollsein wie der Kämmerer im königlichen Palaste, der auch nicht durch sein Regiment die Fürstin belästigt, sondern nur auf ihr Wohl bedacht ist. Was sie braucht, wird er ihr ohne Widerrede beschaffen; für das, was ihr nachteilig sein könnte, wird er kein Ohr haben; alle äußeren Angelegenheiten wird er so erledigen, daß er niemals das Innere ihrer Gemächer betritt, außer wenn er befohlen wird.
In dieser Weise soll — das ist unser Wille — der Knecht Christi Sorgen tragen für die Bräute Christi und ihnen an des Herrn Statt ein treuer Haushalter sein. Alle ihre Bedürfnisse soll er mit der Diakonisse besprechen und ohne sie zu Rat gezogen zu haben, soll er über die Dienerinnen Christi und ihre Angelegenheiten keine Bestimmung treffen, auch soll er keiner von ihnen etwas vorschreiben und mit keiner reden ohne die Vermittlung der Äbtissin. So oft ihn die letztere ruft, soll er bereitwillig kommen und soll das, was die Äbtissin selbst oder ihre Untergebenen nötig haben, unverzüglich und so gut wie möglich erledigen. Wird er von der Äbtissin gerufen, so soll er stets nur öffentlich und in Gegenwart erprobter Personen mit ihr reden, nicht allzu nahe zu ihr hintreten und sie nicht mit langer Rede hinhalten.
Alles, was an Mundvorräten, Kleidern, auch an Geld vorhanden ist, soll bei den Dienerinnen Christi niedergelegt und aufbewahrt werden, und von dem, was den Schwestern übrig bleibt, soll den Brüdern mitgeteilt werden. Das, was draußen zu holen ist, sollen die Brüder beschaffen, und die Schwestern sollen nur das thun, was im Innern des Klosters passenderweise von Frauen besorgt werden kann: den Brüdern Kleider anfertigen oder reinigen, Brot bereiten, zum Backen einliefern und das Gebackene wieder in Empfang nehmen. Ihnen liegt auch die Milchwirtschaft, sowie die Hühner- oder Gänsezucht ob, überhaupt alle Verrichtungen, die besser für Frauen passen als für Männer.
Der Abt selbst soll nach seiner Einsetzung in Gegenwartdes Bischofs und der Schwestern schwören, daß er ihnen ein treuer Haushalter im Herrn sein und sie vor aller Befleckung des Fleisches sorglich behüten wolle. Und wenn er, was ferne sei, vom Bischof über der Vernachlässigung der übernommenen Pflichten betroffen werden sollte, so soll er alsbald als ein Meineidiger abgesetzt werden. Auch alle Brüder sollen bei Ablegung ihres Gelübdes sich den Schwestern gegenüber eidlich verpflichten, daß sie dieselben in keiner Weise werden belästigen lassen und daß sie zur Erhaltung ihrer Keuschheit ihr möglichstes beitragen werden.
Keinem Mann soll der Zutritt zu den Schwestern verstattet sein ohne die ausdrückliche Erlaubnis des Oberen, und alles, was ihnen von den Schwestern zugeschickt wird, muß durch die Hand des Oberen gehen. Nie soll eine Schwester die Umfriedigung des Klosters überschreiten, sondern alle äußeren Angelegenheiten sollen, wie gesagt, von den Brüdern besorgt werden — die Starken mögen im Schweiß ihres Angesichtes die schwere Arbeit verrichten. Auch soll keiner der Brüder den Bereich des Klosters betreten, er habe denn die ausdrückliche Erlaubnis dazu vom Abt und von der Diakonisse im Fall einer dringlichen, ehrbaren Angelegenheit. Wenn jemand sich untersteht, diesem Gebote zuwiderzuhandeln, soll er ohne Verzug aus dem Kloster ausgewiesen werden.
Damit aber die Männer ihre überlegene Stärke nicht zu irgend welchen Bedrückungen der Frauen mißbrauchen, so bestimmen wir, daß sie nichts gegen den Willen der Äbtissin unternehmen dürfen, sondern auch sie sollen in allem ihres Winkes gewärtig sein. Alle, Männer wie Frauen, sollen vor der Äbtissin das Gelöbnis des Gehorsams ablegen! Friede und Eintracht werden um so fester gewahrt werden, je weniger man dem starken Geschlecht erlaubt. Und die Starken werden um so williger den Schwachen Folge leisten, je weniger sie von den letzteren etwas zu fürchten haben, und je gewisser es ist, daß der erhöht wird, der sich hienieden vorGott erniedrigt. Die Bestimmungen, betreffend die Äbtissin, mögen damit erledigt sein, und ich will mich nunmehr zu den verschiedenen Klosterämtern wenden.
DieMeßnerin, die zugleich auch Schatzmeisterin ist, hat die Aufsicht über das Gotteshaus; sie bewahrt die Schlüssel dazu und alles was zum Gottesdienst notwendig ist. Gaben, welche dem Kloster dargebracht werden, hat sie in Empfang zu nehmen und für alles, was im Gotteshaus zu machen oder wiederherzustellen ist, sowie für die gesamte Ausschmückung desselben Sorge zu tragen. Außerdem fällt ihr die Sorge zu für die Hostien, für die Gefäße und Becher, die auf den Altar gehören und überhaupt für dessen Ausschmückung; ferner für die Reliquien, für den Weihrauch, für die Kerzen, für den Stundenzeiger und für die verschiedenen Glockenzeichen. Die Hostien sollen womöglich die Jungfrauen selbst bereiten und das Mehl dazu reinigen, auch sollen sie die Altargefäße reinhalten. Doch soll weder die Meßnerin noch sonst eine der Nonnen die Reliquien oder die Altargefäße oder Altardecken berühren, wenn sie ihnen nicht zum Zweck der Reinigung übergeben werden. Zu diesem Behuf soll man Mönche oder Laienbrüder herbeirufen und auf ihre Ankunft warten. Wenn nötig, sollen unter Aufsicht der Meßnerin aus ihrer Zahl etliche zu diesem Geschäft bestellt werden, die würdig sind, die Gefäße zu berühren. Die Schwester soll die Schränke öffnen, und die Mönche sollen die Gefäße daraus nehmen und wieder hineinstellen. Diejenige Schwester, welche diese Aufsicht über das Sanktuarium hat, muß sich durch Reinheit ihres Lebenswandels besonders auszeichnen. An Leib und Seele soll sie, soweit möglich, tadellos und von erprobter Enthaltsamkeit und Keuschheit sein. Auch muß sie in der Berechnung der kirchlichen Festtage nach dem Lauf des Mondes bewandert sein, damit die Festzeiten im Gottesdienst genau eingehalten werden.
DieVorsängerinhat die Aufsicht über den ganzen Chor; sie hat für die Musik beim Gottesdienst zu sorgenund lehrt die anderen singen, Noten lesen, schreiben und diktieren. Sie führt auch die Aufsicht über die Bücherschränke, giebt Bücher daraus ab und reiht solche ein und sorgt für das Abschreiben und Ausschmücken der Bücher. Sie ordnet an, wie man im Chor zu sitzen hat, und verteilt die Plätze; sie bestimmt diejenigen, welche vorzulesen oder zu singen haben, und hat ein Verzeichnis der Abschnitte, die wöchentlich im Kapitel gelesen werden sollen, anzulegen. Darum muß sie im Schriftwesen wohl bewandert sein und vor allem Kenntnisse in der Musik haben. Auch soll sie nächst derÄbtissin für die Aufrechterhaltung der Klosterzucht überhaupt sorgen, und wenn diese anderweitig in Anspruch genommen ist, soll sie ihre Stelle vertreten.
DieKrankenwärterinhat den Dienst der Kranken unter sich und soll dieselben vor Sündenschuld wie vor leiblicher Not bewahren. Was Kranke nötig haben an Speise, an Bädern oder sonstigen Dingen, das soll ihr ohne weiteres zur Verfügung gestellt werden. Denn hier gilt das bekannte Sprichwort: „Für Kranke giebt es kein Gesetz“. Fleisch soll ihnen nicht vorenthalten werden, es sei denn am Freitag, an den Hauptfestvigilien, an den Quatember- und an den Osterfasten. Vor Sünde sollen die Kranken um so mehr bewahrt werden, je näher es jedem liegt, an sein Ende zu denken. Vor allem wird hier Schweigen zu beobachten sein, denn in diesem Punkt vergeht man sich gar so leicht, und anhalten soll man am Gebet, wie geschrieben steht: „Mein Sohn, in deiner Krankheit verzweifle nicht an dir selbst, sondern bitte Gott, und er selbst wird dich heilen. Wende dich ab von der Sünde und strecke die Hand nach ihm aus und reinige dein Herz von aller Sünde“. Es ist notwendig, daß eine Krankenwache eingerichtet werde, die jederzeit zur Hilfeleistung für die Kranken bereit ist, und das Haus muß mit allem, was für Kranke notwendig ist, versehen sein. Auch für die Beschaffung von Arzneimitteln soll man Sorge tragen, so gut es die örtlichen Verhältnisse erlauben.Zu dem Zweck wird es sehr gut sein, wenn die Krankenwärterin etwas von der Heilkunde versteht. Auch das Verfahren der Blutentziehung ist ihre Sache. Sie muß zur Ader lassen können, damit man nicht zu einer solchen Verrichtung einem Mann den Eintritt zu den Frauen verstatten muß. Die Krankenwärterin hat auch für die Einhaltung der kanonischen Stunden und für die Kommunion bei den Kranken zu sorgen; am Sonntag wenigstens sollten sie kommunizieren nach jedesmal vorangegangener Beichte und Buße, soweit dies möglich ist.
Die letzte Ölung der Kranken soll genau nach der Vorschrift des heiligen Apostels Jakobus vollzogen werden. Wenn der Zustand einer Kranken hoffnungslos geworden ist, soll man aus dem Mönchskloster zwei Priester von gesetztem Alter und einen Diakonen holen. Die sollen das geweihte Öl mitbringen und in Gegenwart der versammelten Schwestern, aber durch eine besondere Wand von ihnen getrennt, die heilige Handlung vollziehen. Ähnlich soll man es auch mit der Kommunion halten, wenn sie nötig geworden ist.
Das Krankenhaus muß daher so angelegt sein, daß die Mönche zu diesen Verrichtungen bequem ab und zu gehen können, ohne den Konvent der Schwestern zu sehen und von diesem gesehen zu werden.
Zum mindesten einmal jeden Tag soll die Äbtissin mit der Kellermeisterin die Kranken, und in ihnen Christum, besuchen, um für ihre Bedürfnisse zu sorgen, sowohl in geistlicher als in leiblicher Hinsicht, damit das Wort des Herrn von ihnen gelte: „Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht“. Geht es mit einer Kranken zu Ende, und tritt der Todeskampf ein, so soll alsbald die dienende Schwester mit der Klapper in den Konvent eilen, und durch das Geräusch, das sie mit derselben macht, den Tod der Schwester ankündigen, und der ganze Konvent, zu welcher Stunde des Tages oder der Nacht es auch sei, soll zu der Sterbenden eilen, außer wenn kirchliche Pflichten davon abhalten. Ist dasletztere der Fall, so genügt es auch — denn nichts geht über den Dienst des Herrn — daß die Äbtissin mit einigen auserlesenen Schwestern herbeieile, und der übrige Konvent später nachfolge. Alle aber, die auf den Ton der Klapper herbeikommen, sollen alsbald die Litanei anstimmen und bei ihrer Anrufung die ganze Zahl aller männlichen und weiblichen Heiligen durchmachen. Darauf mögen die Psalmen folgen und die übrigen Gesänge, die bei Leichenbegängnissen üblich sind.
Wie segensreich es sei, zu Kranken und Toten zu gehen, das spricht der Prediger deutlich aus: „Es ist besser in das Klagehaus gehen, denn in das Trinkhaus; in jenem ist das Ende aller Menschen, und der Lebendige nimmt’s zu Herzen“. Ferner: „Das Herz der Weisen ist im Klaghause“. Der Leichnam der Verstorbenen soll alsbald von den Schwestern gewaschen, mit einem einfachen aber reinen Hemd bekleidet und mit Schuhen angethan werden. Dann soll man ihn auf eine Bahre legen und das Haupt mit einem Schleier verhüllen. Die Kleider sollen fest zusammengenäht und dem Körper so angefügt sein, daß kein Spielraum übrig bleibt. Der Leichnam soll von den Schwestern in die Kirche getragen und, wenn es Zeit ist, von den Mönchen bestattet werden. Während dessen sollen die Schwestern im Oratorium Psalmen singen und beten. Die Äbtissin soll bei ihrem Begräbnis nur das vor den übrigen voraushaben, daß ihr Körper in ein härenes Hemd gehüllt und sie darin eingenäht werden soll wie in einen Sack.
DieKleiderverwalterinhat die Sorge für die gesamten Kleidungsstücke auf sich zu nehmen, sowohl was das Schuhwerk als was die andern Sachen betrifft. Sie hat die Schafschur zu veranlassen und nimmt das Leder für das Schuhzeug in Empfang. Sie versieht alle Schwestern mit Faden, Nadel und Schere. Sie hat den Schlafsaal zu beaufsichtigen und für die Betten zu sorgen. Ferner liegt ihr ob die Sorge für Tischdecken, Handtücher und für die gesamteübrige Wäsche, sowie für das Zuschneiden, Nähen, Waschen derselben. Auf sie bezieht sich im besonderen das Schriftwort: „Sie gehet mit Wolle und Flachs um und arbeitet gern mit ihren Händen. Sie streckt ihre Hand nach dem Rocken, und ihre Finger fassen die Spindel. Sie fürchtet ihres Hauses nicht vor dem Schnee, denn ihr ganzes Haus hat zwiefache Kleider, und sie lacht am letzten Tage. Sie schauet, wie es in ihrem Haus zugehet, und isset ihr Brot nicht mit Faulheit. Ihre Söhne kommen auf und preisen sie selig“. Die Werkzeuge, die sie zu ihren Arbeiten nötig hat, sollen ihr zur Verfügung stehen, und sie soll jede der Schwestern mit der für sie passenden Arbeit versehen. Denn auch der Novizen soll sie sich annehmen, bis zu ihrer Aufnahme in den Orden.
DieKellermeisterinhat Sorge zu tragen für alles was ins Gebiet des Lebensunterhaltes gehört: sie hat die Aufsicht über den Keller, das Refektorium, die Küche, die Mühle, die Bäckerei mit dem Backofen, über den Baum- und den Gemüsegarten und über den gesamten Feldbau, auch über die Bienenzucht, über das Groß- und Kleinvieh und über das Geflügel. Von ihr wird geholt, was man zum Essen braucht. Sie darf vor allem nicht knauserig sein, sondern freigebig und gern bereit, zu liefern was man braucht. Denn „einen fröhlichen Geber hat Gott lieb“. Überhaupt warnen wir sie davor, daß sie nicht ihr Amt in eigennütziger Weise mißbrauche, daß sie nicht sich selber eine bessere Schüssel gönne oder etwas für sich behalte auf Kosten der anderen. „Der beste Haushalter — sagt Hieronymus — ist der, der nichts für sich zurückbehält“. Judas, der sein Amt dazu mißbrauchte, sich selber zu bereichern, ging aus der Zahl der Jünger verloren. Auch Ananias und Sapphira mußten’s mit dem Tode büßen, als sie unrecht Gut zurückbehielten.
Zum Amt derThürhüterinoderPförtneringehört die Aufnahme der Gäste. Sie muß alle Ankömmlinge anmelden und dahin führen, wohin sie begehren; ihr liegtdie Fürsorge für die Bewirtung ob. Sie muß reif an Alter und Verstand sein, damit sie Red’ und Antwort zu geben vermag und beurteilen kann, wie und wer überhaupt aufzunehmen ist und wer nicht. Sie soll gleichsam der Vorhof des Herrn sein, von dem aus ein lichter Schimmer aufs ganze Kloster fällt, denn bei ihr empfängt der Ankömmling den ersten Eindruck vom Kloster. Demgemäß sei sie freundlich in ihren Worten, mild in der Anrede. Auch diejenigen, die sie abweisen muß, sollen durch die Art, wie sie ihre Gründe darlegt, in der Liebe erbaut werden. Denn es steht geschrieben: „Eine linde Antwort stillet den Zorn, aber ein hart Wort richtet Grimm an“. Und anderswo: „Ein gütiges Wort mehrt die Freunde und besänftigt die Feinde“. Sie soll auch öfters nach den Armen sehen und je nachdem sie ihre Bedürfnisse kennen gelernt hat, sie mit Speise oder Kleidern unterstützen. Bedarf sie oder eine der andern Schwestern in ihrer Amtsführung eine Hilfe oder Erleichterung, so sollen ihnen von der Äbtissin Gehilfinnen zugewiesen werden. Diese soll man womöglich aus den Laienschwestern nehmen, damit keine der Nonnen vom Gottesdienst abgehalten werde oder im Kapitel und Refektorium fehle.
Die Pförtnerin soll ihre Zelle neben der Eingangsthür haben, woselbst sie oder ihre Stellvertreterin allezeit der Ankommenden gewärtig sein soll. Doch sollen sie während dem nicht müßig sein und sich des Schweigens um so mehr befleißigen, je weniger ihre Geschwätzigkeit denen, die draußen sind, verborgen bleibt. Die Aufgabe der Pförtnerin ist es, nicht allein den Männern unbefugten Eintritt zu versagen, sondern überhaupt jeden Lärm fernzuhalten, damit er nicht die Stille des Klosters störe, und sie trägt für alle Ausschreitungen in dieser Hinsicht die Verantwortung. Hört sie etwas, was zu wissen wichtig ist, so hat sie es in aller Stille der Äbtissin zu hinterbringen, und diese mag dann, wenn es ihr der Mühe wert scheint, darüber beraten.
Sobald ans Thor geklopft oder draußen gerufen wird,soll die Schwester, welche an der Pforte ist, die Ankömmlinge nach ihrem Namen und Begehren fragen, und wenn es nötig ist, die Pforte öffnen und die Fremden hereinlassen. Nur Frauen dürfen im Innern des Klosters beherbergt werden; die Männer sind zu den Mönchen zu weisen; keiner darf unter irgend einem Vorwand eingelassen werden, es sei denn, daß dieÄbtissin vorher befragt worden sei und es befohlen habe. Frauen dagegen sollen ohne weiteres Zutritt haben. Die aufgenommenen Frauen und die Männer, die wegen irgend welcher besonderen Sache eingelassen worden sind, soll die Pförtnerin zunächst in ihre Zelle führen, bis sie von der Äbtissin oder von den Schwestern, wenn dies nötig und ratsam ist, empfangen werden. Armen aber, welche der Fußwaschung bedürfen, soll dieser Dienst der Gastfreundschaft von der Äbtissin selbst oder von den Schwestern mit Sorgfalt geleistet werden. Denn auch der Apostel hat sich gerade durch diesen Liebesdienst den Namen des Diakonen verdient. So sagt auch im „Leben der Altväter“ einer von ihnen: „Um deinetwillen ist der Erlöser Knecht geworden. Er hat sich mit einer Schürze umgürtet und seinen Jüngern die Füße gewaschen, und hat ihnen geboten, den Brüdern die Füße zu waschen“. Und der Herr selbst spricht: „Ich bin ein Gast gewesen und ihr habt mich beherberget“. So sagt auch der Apostel von der Diakonisse: „So sie gastfrei gewesen ist, so sie der Heiligen Füße gewaschen hat“. Alle mit Ämtern beauftragten Schwestern, die sich mit den Wissenschaften nicht befassen, sollen mit diesen Pflichten bekannt gemacht werden mit Ausnahme der Vorsängerin und derjenigen Schwestern, die für das Studium sich tauglich erweisen. Diesen soll man freie Zeit für die Wissenschaften lassen.
Der Schmuck des Gotteshauses soll sich auf das Notwendige beschränken; es ist mehr auf Sauberkeit als auf Prunk zu sehen. Nichts in demselben soll aus Gold oder Silber gefertigt sein, außer ein silberner Kelch oder auchmehrere, wenn es nötig ist. Verzierungen aus Seide sollen nur an den Stolen und Armbinden angebracht sein. Keine Bildhauerarbeiten sollen im Gotteshaus sein. Nur ein hölzernes Kreuz soll am Altar errichtet werden, worauf das Bild des Erlösers gemalt werden kann, wenn man will. Aber andere Bildwerke sollen den Altären fremd bleiben. Das Kloster soll sich mit zwei Glocken begnügen. Ein Gefäß mit Weihwasser soll außen am Eingang zum Oratorium angebracht werden, damit sich die in der Frühe Eintretenden, und wer nach dem Gottesdienst hinausgeht, damit weihen. Keine der Nonnen soll bei den Horen fehlen; vielmehr sobald das Zeichen mit der Glocke gegeben wird, sollen sie alles andere beiseite legen und zum Gottesdienst eilen, doch bescheidenen Ganges. Beim Eintritt ins Oratorium sollen die, die es können, für sich sprechen: „Ich gehe ein in dein Haus und bete an in deinem heiligen Tempel“ u. s. w. Im Chor darf kein anderes Buch geduldet werden als das, welches zum jedesmaligen Gottesdienst gerade nötig ist. Die Psalmen sollen laut und deutlich gesprochen werden, die Psalmodie oder der Gesang soll so gemäßigt sein, daß auch die, welche eine schwache Stimme haben, aufkommen können. In der Kirche soll nichts gelesen oder gesungen werden, was nicht der Heiligen Schrift selbst entnommen ist, also dem Neuen oder Alten Testament, welche beide so in Leseabschnitte einzuteilen sind, daß sie jedes Jahr in der Kirche einmal zur Verlesung kommen. Abhandlungen oder Predigten der Kirchenlehrer oder sonst erbauliche Schriften werden bei Tisch oder im Kapitel vorgelesen; doch soll das Lesen auch sonst überall gestattet werden. Doch soll keine Schwester sich etwas vorzulesen oder zu singen erlauben, wovon sie nicht vorher Kenntnis genommen hat. Wenn eine im Oratorium etwas Unpassendes vor die Versammlung bringt, so soll sie in Gegenwart aller Schwestern um Verzeihung bitten, indem sie für sich die Worte spricht: „Verzeihe mir, Herr, auch dieses Mal meine Nachlässigkeit“.
Um Mitternacht erhebt man sich nach der Anweisung des Propheten zu den nächtlichen Vigilien. Es ist darum notwendig so frühe schlafen zu gehen, daß die zarte Natur der Schwestern diese Nachtwachen ertragen und das Tagewerk mit Sonnenaufgang begonnen werden kann, wie dies auch der heilige Benediktus vorschreibt. Nach den Vigilien soll man sich wieder zur Ruhe begeben, bis das Zeichen zur Matutine ertönt. Während des übrigen Teils der Nacht soll die Natur zu ihrem Recht kommen. Denn der Schlaf vor allem erquickt den müden Körper, macht ihn wieder arbeitsfähig und erhält ihn gesund und munter. Wer aber das Bedürfnis hat, über die Psalmen oder irgend welche Lektionen zu meditieren, wie dies auch der heilige Benediktus erwähnt, der soll dies so thun, daß die Ruhenden nicht im Schlafe gestört werden. Benedikt hat für diesen Ort weniger das Lesen als das Meditieren empfohlen, damit nicht durch das Lesen die Ruhe der anderen gestört werde. Übrigens hat er auch zu dieser Meditation die Mönche nicht gezwungen; er sagt nur: „Wer von den Brüdern das Bedürfnis hat“. Auch beim Einüben von Gesängen soll man diese Rücksichten walten lassen. Die Matutine soll beim ersten Tageslicht gefeiert werden, und das Zeichen dazu beim Sonnenaufgang selbst, wenn man ihn sehen kann, ertönen. Im Sommer, wo die Nacht kurz und die Morgenzeit lang ist, verbieten wir den Schwestern nicht, vor der Prima noch etwas zu schlafen, bis das Zeichen dazu ertönt. Von dieser Ruhe nach den Matutinen spricht auch der heilige Gregorius im zweiten Kapitel seiner Dialoge, wo er von dem ehrwürdigen Libertinus folgendes sagt: „Auf den folgenden Tag war eine für das Kloster wichtige Maßnahme beschlossen worden. Nach Vollendung der feierlichen Matutinen ging Libertinus an das Bett des Abtes und erbat sich von ihm demütig den Segen“. Diese Morgenruhe soll also verstattet sein von Ostern bis zur Herbst-Tag- und Nachtgleiche, von wo an die Tage wieder kürzer werden.
Nach dem Verlassen des Schlafsaals sollen sich die Schwestern waschen, ihre Bücher in Empfang nehmen und lesend oder singend im Kreuzgang sitzen, bis es zur Prima läutet. Nach der Prima begiebt man sich in den Kapitelsaal; dort setzt sich alles nieder und nach Verkündigung des Datums wird ein Abschnitt aus der Märtyrergeschichte vorgelesen. Darauf kann eine erbauliche Besprechung folgen oder ein Abschnitt der Regel vorgelesen und erklärt werden. Endlich soll hier erledigt werden, was etwa zu tadeln oder neu anzuordnen ist.
Man darf übrigens nicht vergessen, daß weder ein Kloster noch sonst überhaupt ein Haus ohne weiteres ungeordnet genannt werden darf, wenn irgend etwas Ordnungswidriges darin geschieht, sondern nur dann, wenn derartige Vorkommnisse nicht sorgfältig wieder gut gemacht werden. Denn welcher Ort bleibt völlig rein von Sünde? Dessen war auch der heilige Augustinus wohl bewußt, wenn er in einer Unterweisung an seinen Klerus sagt: „Mag ich die Ordnung in meinem Haus noch so streng aufrecht erhalten: ich bin ein Mensch und muß mit Menschen leben. Ich wage auch nicht mir anzumaßen, daß mein Haus reiner sein soll als die Arche Noah, da doch unter den acht Menschen, die darin waren, sich ein Schlechter fand; oder besser als Abrahams Haus, wo es auch einst hieß: ‚treibe aus die Magd mit ihrem Kinde‘; oder besser als Isaaks Haus, wo der Herr sprach: ‚Den Jakob habe ich geliebt und den Esau habe ich gehaßt‘. Oder besser als das Haus Jakobs, in dem der Sohn des Vaters Ehebett schändete; oder besser als das Haus Davids, dessen einer Sohn sich mit seiner eigenen Schwester vergangen, und der andere sich gegen seinen Vater empört hat; oder besser als die Gesellschaft des Paulus, der, wenn er mit guten Menschen zusammengelebt hätte, wohl kaum gesagt hätte, er habe ‚auswendig Streit, inwendig Furcht‘; oder: ‚niemand ist, der so herzlich für euch sorget; denn sie suchen alle das ihre‘; oder besser als die Gesellschaft Christiselbst, in welcher die elf Guten den Verräter und Dieb Judas ertragen mußten; oder endlich gar besser als der Himmel, von dem die Engel gefallen sind“.
Derselbe Kirchenvater, der uns so eindringlich zur Befolgung der klösterlichen Regel ermahnt, fügt die Worte bei: „Ich bekenne vor Gott, seitdem ich Gott zu dienen angefangen habe, habe ich selten vollkommenere Menschen gesehen als die, welche in Klöstern sich gut gehalten haben; andererseits aber habe ich auch keine schlechteren gesehen, als Mönche, die gefallen waren“. So ist auch das Wort der Offenbarung zu verstehen; „Wer heilig ist, der sei immerhin heilig und wer unrein ist, der sei immerhin unrein“.
In der Bestrafung soll insofern ein Unterschied gemacht werden, als diejenige, welche bei einer andern einen Fehler gesehen hat und ihn verheimlicht, strenger bestraft werden soll als die eigentlich Schuldige. Darum soll niemand säumen, seine eigenen Vergehen wie diejenigen der anderen anzugeben. Diejenige Schwester, die der Anklage durch andere zuvorkommt, indem sie sich selbst angiebt — nach dem Worte der Schrift: „Der Gerechte klagt sich selber zuerst an“ — soll mit einer milderen Strafe wegkommen, wenn sie von ihrem Fehler abläßt. Keine soll die andere zu entschuldigen versuchen, wenn nicht die Äbtissin, falls ihr der wahre Sachverhalt unbekannt ist, danach fragt. Keine soll sich unterstehen, eine Schwester wegen irgend einer Verschuldung zu schlagen, außer wer von der Äbtissin dazu beauftragt wird. Von der Strafe der Züchtigung aber steht geschrieben: „Mein Sohn, achte nicht gering die Züchtigung des Herrn und verzage nicht, wenn du von ihm gestraft wirst. Denn welchen der Herr lieb hat, den züchtiget er und hat Wohlgefallen an ihm wie ein Vater am Sohn“; ferner: „Wer seiner Rute schonet, der hasset seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, der züchtiget ihn bald. Schläget man den Spötter, so wird der Alberne witzig; straft man den Spötter, so wird der Geringe verständig. Dem Roß eine Geißel und dem Esel einenZaum und dem Narren eine Rute auf den Rücken. Wer einen Menschen züchtiget, der findet hernach mehr Dank bei ihm, als der ihn mit Schmeichelworten täuscht. Alle Züchtigung aber, wenn sie da ist, dünkt sie uns nicht Freude, sondern Traurigkeit zu sein; aber danach wird sie geben eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit denen, die dadurch geübet sind. Ein närrischer Sohn ist seines Vaters Betrübnis, und eine thörichte Tochter gereicht ihm zur Schande. Wer sein Kind lieb hat, der hält es stets unter der Rute, daß er hernach Freude an ihm erlebe. Wer sein Kind in der Zucht hält, der wird sich seiner freuen und darf sich seiner bei den Bekannten nicht schämen. Ein verwöhnt Kind wird mutwillig wie ein wild Pferd. Zärtle mit deinem Kinde, so mußt du dich hernach vor ihm fürchten; spiele mit ihm, so wird es dich hernach betrüben“.
Bei gemeinsamer Beratung steht es jeder Schwester frei, ihre Meinung zu äußern, aber der Beschluß der Äbtissin soll unumstößlich sein, sollte sie selbst, was ferne sei, in Irrtum verfallen und das weniger Zweckmäßige beschließen. Daher das Wort des heiligen Augustinus in seinen Konfessionen: „Schwer versündigt sich, wer seinen Vorgesetzten in irgend einem Stück ungehorsam ist, selbst wenn das, was er selber zu thun erwählt, besser sein sollte, als das, was ihm befohlen worden ist“. Es ist uns besser, recht zu thun als das Rechte zu thun, und nicht darauf kommt es an, was geschieht, sondern wie und in welcher Gesinnung etwas gethan wird. Alles was im Gehorsam geschieht, ist gut, wenn es auch keineswegs so aussieht. In allen Stücken muß darum den Vorgesetzten Gehorsam geleistet werden, selbst wenn dies zum größten Schaden ausschlüge, wenn nur die Seele nicht dadurch gefährdet wird.
Der Vorgesetzte soll darauf sehen, seine Befehle vernünftig einzurichten, weil die Untergebenen einfach zu gehorchen haben und ihrem Gelübde gemäß nicht nach ihrem eigenen Willen handeln, sondern nach dem ihrer Vorgesetzten. Wirsind durchaus dagegen, daß jemals die Gewohnheit den Vorzug vor der Vernunft erhalte und daß etwas damit entschuldigt werde, daß es Gewohnheit sei. Nicht weil etwas Herkommen ist, soll es festgehalten werden, sondern weil es gut ist, und je besser eine Anordnung ist, desto bereitwilliger soll sie aufgenommen werden. Sonst müßten wir ja nach jüdischer Art dem alten Gesetzeswesen vor dem Evangelium den Vorzug geben. So sagt auch der heilige Augustinus, indem er sich mehrfach auf das Zeugnis des Cyprianus beruft: „Wer die Wahrheit außer acht läßt und blindlings der Gewohnheit folgt, der handelt neidisch oder boshaft an den Brüdern, denen die Wahrheit geoffenbart ist, oder aber ist er undankbar gegen Gott, durch dessen Eingebung die Kirche erleuchtet wird“. Ferner sagt er: „Im Evangelium sagt der Herr: ‚Ich bin die Wahrheit‘, nicht aber: ‚Ich bin die Gewohnheit‘. Darum soll die Gewohnheit der offenbaren Wahrheit weichen“. Weiter: „Ist die Wahrheit offenbar geworden, so soll der Irrtum der Wahrheit weichen, wie auch Petrus, der zuerst für die Beschneidung war, dem Paulus, der die Wahrheit predigte, gewichen ist“.
Derselbe Kirchenvater sagt in seinem Buch „über die Taufe“ Kapitel IV: „Vergebens halten uns diejenigen, die durch die Vernunft besiegt werden, das Recht der Gewohnheit vor, als wäre die Gewohnheit mehr als die Wahrheit, und als müßte man nicht in geistlichen Dingen dasjenige thun, was uns vom heiligen Geist als das Bessere geoffenbart worden ist“.
Das ist sicher wahr, daß Vernunft und Wahrheit über das Herkommen zu stellen sind. Gregor VII. schreibt an den Bischof Vimund: „Sicherlich, um des heiligen Cyprianus’ Meinung zu folgen, ist jede Gewohnheit, sei sie auch noch so alt und noch so verbreitet, der Wahrheit ohne weiteres zu unterwerfen, und ein Brauch, der mit der Wahrheit im Widerspruch steht, abzuschaffen“. Mit welcher Liebe wir an der Wahrheit auch in Worten festhalten sollen, sagt unsJesus Sirach: „Schäme dich nicht, für deine Seele das Recht zu bekennen“; weiter: „Rede nicht wider die Wahrheit“; und wiederum: „Laß all deinem Werk das Wort der Wahrheit vorausgehen und all deinem Thun einen festen Ratschluß“. Man soll auch nicht darauf sehen, ob viele etwas thun, sondern ob etwas den Beifall der Weisen und Guten hat. „Der Narren Zahl, sagt Salomo, ist unendlich.“ Und die Wahrheit versichert: „Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt“. Alles was kostbar ist, ist selten, und was in Überfluß vorhanden ist, verliert an Wert. Niemand soll in der Ratsversammlung der größeren Partei folgen, sondern der besseren. Nicht auf das Alter eines Menschen soll man sehen, sondern auf seine Weisheit; nicht gutes Einvernehmen, sondern Wahrheit soll man suchen. Daher das Wort des Dichters: „Auch vom Feind sollst du dich lassen belehren“.
So oft eine Beratung nötig ist, soll sie ohne Verzug abgehalten werden. Bei dringenden Angelegenheiten soll der Konvent zusammenberufen werden; bei weniger wichtigen Dingen genügt es, wenn die Äbtissin einige ältere Schwestern zu sich beruft. Vom Rat steht auch geschrieben: „Wo nicht Rat ist, da gehet das Volk unter; wo aber viel Ratgeber sind, da gehet es wohl zu. Der Weg des Narren ist recht in seinen Augen; aber ein vernünftiger Mann verachtet nicht guten Rat. Mein Sohn, thue nichts ohne Rat, so gereut’s dich nicht nach der That“. Wenn auch dann und wann eine Angelegenheit ohne Beratung glücklich erledigt wird, so entbindet die Wohlthat des Geschickes den Menschen doch nicht von seiner Aufgabe. Und wenn umgekehrt auch nach gepflogener Beratung falsche Maßregeln ergriffen werden, so soll man den, der den Rat eingeholt hat, nicht der Fahrlässigkeit beschuldigen. Denn ihn, der in gutem Glauben gehandelt hat, trifft weniger Schuld als diejenigen, auf die er sich irrtümlicherweise verlassen hat.
Haben die Schwestern den Kapitelsaal verlassen, so sollen sie die vorgeschriebenen Arbeiten vornehmen und sich mitLesen oder Singen oder mit Handarbeit beschäftigen bis zur Terz. Nach der Terz soll die Messe gelesen werden, wozu ein Mönchspriester den Wochendienst hat. Dieser soll, wenn Leute genug vorhanden sind, einen Diakon und Subdiakon mitbringen, welche ihm administrieren und ihres Amtes walten. Sie sollen in der Weise kommen und gehen, daß sie mit den Schwestern nicht zusammentreffen. Sind mehrere nötig, so ist auch dafür zu sorgen, und zwar soll man dabei darauf sehen, daß die Mönche niemals wegen der Messen im Nonnenkloster ihrem eigenen Konvent beim Gottesdienst entzogen werden.
Wenn die Schwestern kommunizieren wollen, so soll dazu ein älterer Priester ausgewählt werden, der ihnen nach der Messe das Abendmahl giebt; vorher aber sollen sich der Diakon und Subdiakon entfernen, um jeden Anlaß einer Anfechtung zu entfernen. Mindestens dreimal im Jahr sollen alle Nonnen kommunizieren, an Ostern, an Pfingsten und an Weihnachten, wie dies von den Vätern auch für die Laien angeordnet ist. Zu diesen Kommunionen sollen sie sich so vorbereiten, daß alle sich drei Tage vorher der Beichte und entsprechenden Buße unterziehen, und in aller Demut und Furcht drei Tage mit Fasten bei Wasser und Brot und unter anhaltendem Gebet verbringen, immer wieder den furchtbaren Spruch des Apostels sich ins Gedächtnis zurückrufend: „Welcher nun unwürdig von diesem Brot isset und von dem Kelch des Herrn trinket, der ist schuldig an dem Leib und Blut des Herrn. Der Mensch prüfe aber sich selbst, und also esse er von diesem Brot und trinke von diesem Kelch. Denn welcher unwürdig isset und trinket, der isset und trinket ihm selber das Gericht damit, daß er nicht unterscheidet den Leib des Herrn. Darum sind auch so viele Schwache und Kranke unter euch, und ein gut Teil schlafen. Denn so wir uns selber richteten, so würden wir nicht gerichtet“.
Auch nach der Messe sollen die Schwestern wieder zurArbeit zurückkehren bis zur Sext; überhaupt sollen sie nie müßig sein, sondern jede soll arbeiten, was sie kann und muß. Nach der Sext soll man zum Essen gehen, falls nicht ein Fasttag ist. In diesem Fall soll man mit dem Essen warten bis zur None, in der großen Fastenzeit bis zur Vesper.
Zu keiner Zeit soll im Konvent das Vorlesen unterbleiben. Will die Äbtissin aufhören, so sage sie: es ist genug. Und alsbald sollen sich alle zum Dankgebet erheben. Im Sommer soll man nach dem Essen bis zur None im Dormitorium ruhen, nach der None wieder an die Arbeit gehen bis zur Vesper. Unmittelbar nach der Vesper wird das Abendessen eingenommen oder das Fastenmahl, je nach den Zeitumständen. Samstags findet vor dem Abendimbiß eine Reinigung statt, bestehend im Waschen der Füße und Hände. Bei dieser Verrichtung soll die Äbtissin thätig sein im Verein mit den Schwestern, welche den Wochendienst in der Küche haben. Nach dem Abendessen geht man alsbald zur Komplett; hierauf begiebt man sich zur Ruhe.
In Nahrung und Kleidung halte man sich an das Wort des Apostels: „Wenn wir aber Nahrung und Kleider haben, so lasset uns begnügen“. Man begnüge sich mit dem Notwendigen und suche nicht den Überfluß. Was billig beschafft werden kann und sich leicht trägt, ohne Anstoß zu erregen, das wird sich empfehlen. Nur die Verletzung des eigenen oder eines fremden Gewissens mit den Speisen verbietet der Apostel, da er wohl weiß, daß nicht das Essen an sich Sünde ist, sondern die Begierde. „Welcher isset, sagt er, der verachte den nicht, der da nicht isset; und welcher nicht isset, der richte den nicht, der da isset. Wer bist du, daß du einen fremden Knecht richtest? Welcher isset, der isset dem Herrn, denn er danket Gott; welcher nicht isset, der isset dem Herrn nicht, und danket Gott. Darum lasset uns nicht mehr einer den andern richten, sondern das richtet vielmehr, daß niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis darstelle. Ich weiß und bin’s gewiß in dem Herrn Jesu, daß nichtsgemein ist an ihm selbst; ohne der es rechnet für gemein, demselbigen ist es gemein. Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im heiligen Geiste. Es ist zwar alles rein, aber es ist nicht gut dem, der es isset mit einem Anstoß seines Gewissens. Es ist viel besser, du essest kein Fleisch und trinkest keinen Wein oder das, daran sich dein Bruder stößet oder ärgert oder schwach wird“. Nach demÄrgernis, das der Bruder nimmt, redet der Apostel von dem Anstoß, den sich derjenige selber bereitet, der gegen sein Gewissen ißt: „Selig ist, der ihm selbst kein Gewissen machet in dem, das er annimmt. Wer aber darüber zweifelt und isset doch, der ist verdammt; denn es gehet nicht aus dem Glauben: was aber nicht aus dem Glauben gehet, das ist Sünde“.
Zur Sünde wird uns alles, was wir gegen unser Gewissen und gegen das, was wir glauben, thun. Und durch das, was wir billigen, d. h. durch das Gesetz, welches wir annehmen, richten und verurteilen wir uns selbst: wenn wir z. B. solche Speisen essen, bei denen wir zweifeln, d. h. die wir durch das Gesetz verbieten und als unrein ausschließen. Denn das Zeugnis unseres Gewissens ist so geartet, daß es uns bei Gott anklagt oder entschuldigt. Daher sagt auch Johannes in seinem ersten Brief: „Ihr Lieben, so uns unser Herz nicht verdammt, so haben wir eine Freudigkeit zu Gott. Und was wir bitten, werden wir von ihm nehmen; denn wir halten seine Gebote und thun, was vor ihm gefällig ist“. Darum sagt auch Paulus an der obigen Stelle ganz richtig, nichts sei gemein in Christus, nur für den sei es so, der es rechne für gemein, d. h. der glaube, daß etwas für ihn unrein und verboten sei.
Gemein nennen wir diejenigen Speisen, welche nach dem Gesetz unrein heißen, die das Gesetz seinen Gläubigen verbietet und denen freigiebt, die außer dem Gesetze leben. Daher sind auch die öffentlichen Frauen unrein, und alles Gemeinsame und Öffentliche ist gering und weniger kostbar.Der Apostel versichert mit Berufung auf Christus, keine Speise sei gemein, d. h. unrein, weil das Gesetz Christi keine verbietet, es sei denn, wie gesagt, um den Anstoß des eigenen oder des fremden Gewissens zu vermeiden. In dieser Beziehung sagt er an anderer Stelle: „Darum, so die Speise meinen Bruder ärgert, wollte ich nimmermehr Fleisch essen, auf daß ich meinen Bruder nicht ärgerte. Bin ich nicht frei? Bin ich nicht ein Apostel?“ Das heißt soviel als: habe ich nicht die Freiheit, die der Herr seinen Aposteln verliehen hat, alles Beliebige zu essen oder Unterstützung von anderen anzunehmen? Denn als der Herr seine Jünger aussandte, sagte er: „Esset und trinket, was ihr bei ihnen findet“, und er hat dabei nicht eine Speise von der anderen unterschieden. Nach diesem Vorbild giebt der Apostel den Christen alle Arten von Speisen frei, auch wenn sie von Ungläubigen und vom Götzenopfer herrühren; nur will er, wie oben gesagt, dasÄrgernis vermieden wissen: „Ich habe es zwar alles Macht,“ sagt er, „aber es frommt nicht alles; ich habe es alles Macht, aber es bessert nicht alles. Niemand suche, was sein ist, sondern ein jeglicher, was des andern ist. Alles was feil ist auf dem Fleischmarkt, das esset, und forschet nichts, auf daß ihr des Gewissens verschonet. Denn die Erde ist des Herrn und was darinnen ist. So aber jemand von den Ungläubigen euch ladet, und ihr wollt hingehen, so esset alles, was euch vorgetragen wird, und forschet nicht, auf daß ihr des Gewissens verschonet. Wo aber jemand zu euch würde sagen: das ist Götzenopfer — so esset nicht um deswillen, der es anzeigte, auf daß ihr des Gewissens verschonet. Ich sage aber vom Gewissen nicht deiner selbst, sondern des andern. Seid nicht ärgerlich weder den Juden noch den Griechen noch der Gemeine Gottes“.
Aus diesen Worten des Apostels geht deutlich hervor, daß uns nicht verboten ist, was wir ohne Verletzung des eigenen oder eines fremden Gewissens essen können. Ohne Verletzung des eigenen Gewissens handeln wir dann, wennwir bei unserem Thun unserem Lebensberuf, der uns zum Heil führen soll, treu bleiben können. Ohne Verletzung eines fremden Gewissens dann, wenn wir so leben, daß man von uns glaubt, daß wir selig werden. Und so können wir leben, wenn wir bei aller Nachsicht gegen die unumgänglichen Forderungen der Natur die Sünde meiden, und nicht im Vertrauen auf unsere Tugend unser Leben durch ein Gelübde unter ein Joch beugen, das uns zu schwer ist, und unter dem wir deshalb erliegen, wobei dann der Fall um so tiefer ist, je höher die Stufe war, auf die das Gelübde uns hätte heben sollen.