Diesem Fall und der Ablegung eines unbedachten Gelübdes zuvorzukommen, sagt der Prediger: „Wenn du Gott ein Gelübde thust, so verziehe nicht, es zu halten. Denn er hat keinen Gefallen an den Narren. Was du gelobest, das halte. Es ist besser, du gelobest nichts, denn daß du nicht hältst, was du gelobest“. Dieser Gefahr will auch jener Rat des Apostels begegnen: „So will ich nun, daß die jungen Witwen freien, Kinder zeugen, haushalten, dem Widersacher keine Ursach’ geben, zu schelten. Denn es sind schon etliche umgewandt dem Satan nach“. Die Natur des schwachen Geschlechtes bedenkend, empfiehlt er als Mittel gegen die Gefahr, die ein sittlich höheres Leben mit sich bringt, eine weniger strenge Lebensweise. Er giebt den Rat, unten zu bleiben, damit nicht ein jäher Sturz aus der Höhe erfolge. Dieser Ansicht folgt auch der heilige Hieronymus, wenn er in seiner Unterweisung an die Jungfrau Eustochium sagt: „Wenn aber die, die wirklich Jungfrauen sind, um anderer Sünden willen nicht selig werden, was wird aus denen werden, die die Glieder Christi zur Unzucht preisgegeben und den Tempel des heiligen Geistes in ein Freudenhaus verwandelt haben? Besser wäre es dem Menschen, das Joch der Ehe auf sich zu nehmen und in der Ebene zu wandeln, als in die Höhe zu streben und in den Abgrund der Hölle zu stürzen“.
Wenn wir sämtliche Aussprüche des Apostels nachschlagen,so werden wir finden, daß er eine zweite Ehe immer nur den Frauen gestattet hat. Die Männer dagegen ermahnt er zur Enthaltsamkeit und ruft ihnen zu: „Ist jemand beschnitten berufen, der zeuge keine Vorhaut“, und: „Bist du los vom Weibe, so suche kein Weib“. Moses dagegen räumt den Männern mehr Freiheit ein als den Frauen und gestattet einem Mann mehrere Frauen, nicht aber einer Frau mehrere Männer. Auch bestraft er den Ehebruch bei Frauen strenger als bei Männern. „Ein Weib,“ sagt der Apostel, „ist frei vom Gesetz, so der Mann stirbet, daß sie nicht eine Ehebrecherin ist, wo sie eines andern Mannes wird.“ Und an anderer Stelle: „Ich sage aber den Ledigen und Witwen: es ist ihnen gut, wenn sie auch bleiben wie ich. So sie aber sich nicht enthalten, so laß sie freien; es ist besser freien denn Brunst leiden.“ Und wiederum heißt es: „Ein Weib, so ihr Mann entschläft, ist sie frei, sich zu verheiraten, welchem sie will; allein, daß es in dem Herrn geschehe. Seliger ist sie aber, wo sie also bleibet, nach meiner Meinung“.
Nicht bloß eine zweite Ehe gestattet der Apostel dem schwachen Geschlecht, sondern er beschränkt die Zahl der Eheschließungen nicht einmal auf ein bestimmtes Maß; vielmehr, wenn ihre Männer entschlafen sind, gestattet er ihnen, sich wieder zu verheiraten. Er schreibt für die Eheschließung keine bestimmte Zahl vor, wenn die Frauen nur dadurch der Sünde der Hurerei entgehen. Lieber sollen sie mehrmals heiraten als einmal in Unkeuschheit verfallen. Denn haben sie sich erst Einem preisgegeben, so werden sie bald mit vielen anderen dem Verlangen nach geschlechtlichem Verkehr nachgeben. Zwar ist auch die rechtmäßige Befriedigung dieses Verlangens nicht ganz frei von Sünde, allein man übt Nachsicht mit der kleineren Sünde, um die größere zu vermeiden. Was ist also dabei, wenn man ihnen, um anderweitige Sünde zu verhüten, etwas verstattet, wobei gar keine Sünde ist, nämlich die notwendigen Speisen, nur nicht im Überfluß? Denn nicht die Speise wird uns zur Sünde, sondern die Begierde, die dawill, was nicht erlaubt ist, die begehrt, was verboten ist, die oftmals sich übernimmt und so viel Ärgernis verursacht.
Welches von allen Nahrungsmitteln der Menschen ist aber so gefährlich, so schädlich und unserem Beruf und der frommen Beschaulichkeit so unzuträglich wie der Wein? Der größte der Weisen warnt uns gar eindringlich vor ihm: „Der Wein macht lose Leute, und stark Getränke macht wilde; wer dazu Lust hat, wird nimmer weise. Wo ist Weh, wo ist Leid? Wo ist Zank? Wo ist Klagen? Wo sind Wunden ohne Ursach’? Wo sind rote Augen? Nämlich, wo man beim Wein liegt und kommt auszusaufen, was eingeschenkt ist. Siehe den Wein nicht an, daß er so rot ist und im Glase so schön stehet. Er geht glatt ein, aber danach beißt er wie eine Schlange und sticht wie eine Otter. So werden deine Augen nach andern Weibern sehen und dein Herz wird verkehrte Dinge reden. Und wirst sein wie einer, der mitten im Meer schläft, und wie einer schläft oben auf dem Mastbaum, und wirst sagen: sie schlagen mich, aber es thut mir nicht wehe; sie klopfen mich, aber ich fühle es nicht. Wann will ich aufwachen, daß ich’s mehr treibe?“ Weiter: „O nicht den Königen, Lamuel, gieb den Königen nicht Wein zu trinken, denn wo Trunkenheit herrscht, wird kein Geheimnis bewahrt; sie möchten trinken und der Rechte vergessen und verändern die Sache der elenden Leute“. Und im Buch Sirach heißt es: „Ein Arbeiter, der sich gern vollsäuft, der wird nicht reich, und wer ein Geringes nicht zu Rat hält, der nimmt für und für ab. Wein und Weiber bethören die Weisen“.
Auch der Prophet Jesaias, der sonst von keiner Speise redet, erwähnt doch des Weines als einer Ursache zur Gefangenschaft seines Volkes: „Wehe denen, die des Morgens frühe auf sind, des Saufens sich zu fleißigen, und sitzen bis in die Nacht, daß sie der Wein erhitzt. Und haben Harfen, Psalter, Pauken, Pfeifen und Wein in ihrem Wohlleben, und sehen nicht auf das Werk des Herrn. Darum wirdmein Volk müssen weggeführt werden, weil es nicht Vernunft angenommen hat. Weh denen, so Helden sind Wein zu saufen und Krieger in Völlerei!“ Vom Volk bis zu den Priestern und Propheten dehnt er seine Klage aus: „Dazu sind diese auch vom Wein toll worden und taumeln von starkem Getränk. Denn beide, Priester und Propheten, sind toll von starkem Getränk, sind im Wein ersoffen und taumeln von starkem Getränk; sie sind toll im Weissagen und speien die Urteile heraus. Denn alle Tische sind voll Speiens und Unrats an allen Orten. Wen soll er denn lehren das Erkenntnis? Wem soll er zu verstehen geben die Predigt?“ Der Herr spricht durch den Mund Joëls: „Wachet auf, ihr Trunkenen, und heulet alle Weinsäufer!“
In notwendigen Fällen wird ja der Weingenuß nicht verboten; so rät der Apostel dem Timotheus: „Um deines Magens willen, und weil du oft krank bist“ — nicht bloß ‚krank‘, sondern ‚oft krank‘. Noah hat zuerst den Weinstock gepflanzt, ohne noch das Laster der Trunkenheit zu ahnen, und im Rausch hat er seine Scham entblößt; denn mit dem Wein verbündet sich schändliche Üppigkeit. Vom eigenen Sohn verspottet, hat er ihn verflucht und ihm das Joch der Knechtschaft auferlegt, was vorher niemals, soviel wir wissen, geschehen ist. Die Töchter Lots wußten wohl, daß sie den frommen Mann nur in der Trunkenheit zur Blutschande verleiten konnten. Und Judith, die selige Witwe, hat im Vertrauen auf dieses trügerische Mittel allein den stolzen Holofernes zu Fall gebracht. Von den Engeln, welche den Erzvätern erschienen und von diesen bewirtet wurden, lesen wir, daß sie Fleisch zu sich genommen haben, nicht aber Wein. Und dem Elias, unserem großen Vorbild, haben die Raben, als er in der Wüste sich verbarg, des Morgens und des Abends Brot und Fleisch zur Speise gebracht, nicht Wein. Auch vom Volk Israel lesen wir, daß es in der Wüste mit der köstlichen Speise der Wachteln genährt worden sei, aber keinen Wein gehabt und dessen auch nicht begehrthabe. Und bei jenen Speisungen mit Brot und Fisch, womit in der Wüste das Volk gesättigt wurde, wird auch nichts von Wein berichtet. Nur auf einer Hochzeit, wo man sich des Weines, der die Quelle der Wollust ist, allerdings nicht enthält, ist dem Wein zulieb ein Wunder geschehen. Aber die Wüste, die eigentliche Wohnung der Mönche, kennt mehr die Wohlthat des Fleisches als die des Weins. Eine Hauptbestimmung im Gelübde der Nasiräer, womit sie sich Gott weihten, war die, Wein und geistige Getränke zu meiden.
Denn was bleibt an einem Trunkenen noch tugendhaft und gut? Darum lesen wir, daß in der alten Zeit den Priestern nicht bloß der Wein, sondern alle geistigen Getränke verboten waren. Hieronymus in seinem Buch „vom Leben der Kleriker“, das an Nepotianus gerichtet ist, ereifert sich sehr darüber, daß die Priester des alten Bundes darin, daß sie sich aller geistigen Getränke enthielten, vollkommener waren, als die unsrigen. Er sagt: „Rieche nicht an den Wein, damit du dir nicht das Wort des Philosophen sagen lassen mußt: ‚Das heißt nicht küssen, sondern die Schale zum Munde führen‘“.
Auch der Apostel verurteilt weinselige Priester, und das Gesetz Mosis verbietet den Weingenuß. „Die den Dienst des Altars besorgen, sollen nicht Wein und Gegorenes trinken.“ —„Sicera“heißt im Hebräischen jedes berauschende Getränke, gleichviel, ob es bereitet wird aus dem gegorenen Saft von Früchten oder aus eingekochtem Honig und Kräutern oder aus der gepreßten Frucht der Palme oder aus Früchten, die man zu Sirup zerkocht. „Alles was berauscht und dich um den Verstand bringt, das fliehe wie den Wein.“
Nach der Regel des heiligen Pachomius soll niemand, mit Ausnahme der Kranken, Wein oder sonst geistige Getränke berühren. Und wem von euch sollte unbekannt sein, daß der Wein für Mönche überhaupt nichts sei und daß die Mönche ihn einst so verabscheut haben, daß sie ihn, um von ihm abzuschrecken, den Satan selber nannten? So lesen wirim „Leben der Altväter“: „Es erzählten einige Leute dem Vater Pastor von einem Mönch, der keinen Wein trank, worauf dieser sagte: ‚Der Wein ist überhaupt nichts für Mönche‘. Ferner ist dort zu lesen: ‚Man feierte eines Tags die Messe auf dem Berg des Vaters Antonius, und fand daselbst ein Gefäß mit Wein. Einer der Alten hob es auf und brachte einen Becher voll dem Vater Sisoi. Der trank ihn aus, nahm zum zweitenmal und leerte ihn wieder. Als ihm aber zum drittenmal angeboten wurde, wies er’s zurück und sagte: Laß genug sein, Bruder, vergissest du, daß der Teufel darin steckt?‘“ Und weiter wird von dem Vater Sisoi berichtet: „Abraham sagte zu seinen Schülern: ‚Wenn man an einem Feiertag oder Sonntag zur Kirche geht und drei Kelche Wein trinkt, ist das nicht zu viel?‘ Und es antwortete der Alte: ‚Es wäre nicht zu viel, wenn der Satan nicht wäre.‘“ Daran denkt auch der heilige Benediktus, wenn er für gewisse Fälle seinen Mönchen den Weingenuß gestattet. Er sagt: „Wohl lesen wir, daß der Wein für die Mönche überhaupt nichts sei; allein man wird in unserer Zeit die Mönche nicht völlig davon überzeugen können“.
Es wäre nichts besonderes, wenn den Mönchen durchaus versagt würde, was auch den Frauen, die von Natur schwächer sind, wenn auch widerstandsfähiger gegen den Wein, vom heiligen Hieronymus gänzlich verboten wird. Er schreibt nämlich an die christliche Jungfrau Eustochium, indem er sie über die Bewahrung der Jungfräulichkeit belehrt, folgende dringende Mahnung: „Wenn mein Rat irgend etwas gelten soll und du meiner Erfahrung Glauben schenken willst, so ist meine erste Mahnung und Bitte, daß eine Braut Christi den Wein fliehen möge wie Gift. Denn das ist die schärfste Waffe der Dämonen gegen die Jugend. So sehr knechtet nicht der Geiz, so bläht der Stolz nicht auf, so viel Reize besitzt nicht der Ehrgeiz. Anderen Lastern entfliehen wir leicht; diesen Feind tragen wir im Innern; wohin wir uns wenden, wir tragen ihn bei uns. Wein und Jugend eine zwiefacheNahrung des Feuers der Wollust. Sollen wir noch Öl in die Flamme gießen? Sollen wir dem brennenden Leib noch neuen Zündstoff zuführen?“
Übrigens belehren uns die Schriften der Naturforscher, daß der Wein den Frauen weit weniger anhaben könne als den Männern. Macrobius Theodosius führt dafür im siebenten Buch seiner Saturnalia folgenden Grund an: „Aristoteles sagt, die Weiber werden selten berauscht, Greise oft. Der Körper des Weibes hat einen sehr großen Feuchtigkeitsgehalt. Ein Beweis dafür ist die Glätte und der Glanz ihrer Haut, und besonders sprechen dafür die regelmäßigen Reinigungen, durch welche ihr Körper von überflüssiger Feuchtigkeit entlastet wird. Der Wein verliert seine Stärke, wenn er mit so überreichem flüssigem Stoffe sich mischt, und steigt nicht mehr so leicht zu Kopfe, da seine Wirkung auf diese Weise gelähmt wird“. Ferner heißt es dort: „Der weibliche Körper unterliegt häufigen Reinigungen und hat an seiner Oberfläche zahlreiche Öffnungen und Poren, durch welche die Feuchtigkeit ihren Ausgang sucht und findet. Durch diese Poren entweicht auch der Dunst des Weines gar schnell“.
Warum also sollte man den Mönchen gestatten, was dem schwächeren Geschlecht versagt wird? Wie unvernünftig, es denen zu gestatten, die den größeren Schaden davon haben, und den andern es zu verbieten! Was wäre thörichter als wenn man unterließe, die Mönche von dem abzuschrecken, was ihrem frommen Beruf am meisten zuwider ist und zum Abfall von Gott verführt? Ist es nicht ein Frevel, wenn Christen in dem Stück, in dem die Könige und Priester des alten Bundes Enthaltsamkeit übten, sich nicht nur nicht kasteien, sondern sich sogar bis zur Schwelgerei vergessen? Denn man weiß ja, wie eifrig Kleriker und Mönche in unserer Zeit sich um den Weinkeller bemühen, ihn mit den verschiedenen Sorten anzufüllen; wie sie den Wein mit Kräutern, Honig und Würzwerk zu mischen verstehen, um desto besser sich berauschen zu können, und wie sie je mehr dasFeuer der Sinnlichkeit schüren, je mehr sie beim Wein sich erhitzen. Welche Verirrung, nein, welcher Wahnsinn, daß die, welche durch ihr Gelübde sich zur Enthaltsamkeit verpflichten, nicht nur nichts dazu thun, es zu halten, sondern geflissentlich zum Bruch desselben beitragen! Zwar ihr Leib ist hinter Klostermauern festgebannt, aber ihr Herz ist voll unreiner Lust und brennt vor Verlangen nach Unzucht.
Zwar der Apostel schreibt an Timotheus: „Trinke nicht mehr Wasser, sondern brauche ein wenig Wein um deines Magens willen, und weil du so oft krank bist“. Also wegen seiner Kränklichkeit wird ihm mäßiger Weingenuß verstattet; es versteht sich aber von selbst, daß er keinen getrunken hätte, wäre er gesund gewesen. Wenn wir uns das apostolische Leben zum Vorbild nehmen, wenn wir ein Leben der Buße führen und der Welt entsagen wollen: warum hat gerade das den großen Reiz für uns und erscheint uns köstlicher als alle andern Nahrungsmittel, was doch unserem Beruf offenbar am meisten hinderlich ist?
Der heilige Ambrosius, der das Wesen der Buße so trefflich beschreibt, hat an der Lebensweise der Büßenden nichts auszusetzen als den Weingenuß. „Oder glaubt jemand“, sagt er, „daß da wahre Buße ist, wo der Ehrgeiz herrscht, wo der Wein in Strömen fließt, wo man in ehelicher Gemeinschaft lebt? Man muß der Welt gänzlich absagen. Leichter habe ich solche gefunden, die ihre Unschuld bewahrt, als solche, die recht Buße gethan haben.“ Und in dem Buche „von der Weltflucht“ heißt es: „In Wahrheit fliehst du die Welt, wenn dein Auge Becher und Trinkschalen meidet, daß es nicht lüstern werde, wenn es beim Wein verweilt“. Von allen Nahrungsmitteln erwähnt „die Weltflucht“ nur den Wein, und versichert uns, wenn wir ihn meiden, können wir der Welt entfliehen, als wenn alle Reize der Welt im Wein beschlossen wären. Und er sagt nicht: wenn euer Gaumen sich des Geschmackes enthält, sondern: wenn das Auge nicht danach sieht, damit es nicht von Lust und Verlangen sichfangen lasse, wenn es öfter hinsieht. Daher auch der Spruch Salomos, den wir oben angeführt haben: „Siehe den Wein nicht an, daß er so rot ist und im Glase so schön steht“. Aber was sagen wir dazu, die wir uns am Geschmack wie am Anblick des Weines ergötzen, ihn mit Honig, Kräutern und allen möglichen Würzen mischen und ihn aus großen Schalen trinken wollen?
Genötigt, dem Wein ein Zugeständnis zu machen, sagt der heilige Benediktus: „Wenigstens wollen wir das festhalten, daß man nicht bis zur Sättigung trinken soll, sondern weniger; denn der Wein macht auch die Weisen zu Thoren“. Wenn wir uns nur damit begnügen könnten, bis zur Stillung des Durstes zu trinken und uns nicht so leicht zur Überschreitung des rechten Maßes verleiten ließen. Auch der heilige Augustinus sagt in der Regel für die Mönchsklöster, welche er eingerichtet hatte: „Nur Samstags und Sonntags, wie es der Brauch ist, sollen die, die es wollen, Wein bekommen“; dies geschah zur Feier des Sonntags und der betreffenden Vigilie, welche Samstags gehalten wird, und sodann, weil an diesem Tag die in ihren Klausen zerstreut lebenden Brüder sich versammelten. So sagt auch der heilige Hieronymus, indem er von einem Ort redet, den er Cella nennt: „Jeder lebt für sich in seiner Klause. Doch am Sonnabend und Sonntag kommen sie in der gemeinsamen Kirche zusammen, und sehen hier einander wie im Himmel Vereinigte“. Diese Ausnahme war gewiß berechtigt: die Brüder sollten bei ihrer Zusammenkunft durch eine Erfrischung erfreut werden, und wenn sie es auch nicht aussprachen, doch das Gefühl haben: „Siehe wie fein und lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig bei einander wohnen“.
Wir enthalten uns des Fleisches; aber was haben wir für ein Verdienst dabei, wenn wir uns an andern Speisen bis zum Übermaß sättigen? Wenn wir mit vielen Kosten mancherlei Gerichte von Fischen bereiten, wenn wir Pfeffer und andere starke Gewürze dreinmischen, wenn wir, trunkenvom gewöhnlichen Wein, unsern Bechern und Schalen noch den Reiz besonderer Würzen verleihen, so muß für all dies die Fleischenthaltung uns vor der Welt entschuldigen: als ob es auf die Art und nicht vielmehr auf das Maß der Speisen ankäme, während uns doch der Herr nur Völlerei und Trunkenheit verbietet, d. h. jedes Übermaß in Speise und Trank, nicht aber eine bestimmte Art von beiden.
Von dieser Einsicht geleitet sieht auch der heilige Augustin in keinem andern Nahrungsmittel eine Gefahr, außer im Wein: er macht keinen Unterschied zwischen den verschiedenen Arten von Speisen, und glaubt, daß für die Abstinenz folgende kurze Vorschrift genüge: „Kasteiet euer Fleisch mit Fasten und mit Enthaltsamkeit von Speise und Trank, soweit eure Gesundheit es gestattet“. Er hatte wohl den Satz des heiligen Athanasius in dessen Mahnwort an die Mönche gelesen: „Für das Fasten soll dem freien Willen keine bestimmte Grenze gesetzt werden; jeder mag fasten, soviel es ihm mit Rücksicht auf seine Gesundheit möglich ist; alle Tage, außer am Sonntag, kann man Fasten halten, aber sie sollen nicht Gegenstand eines Gelübdes sein“. Das heißt so viel als: wenn die Fasten infolge eines Gelübdes übernommen werden, können sie jederzeit mit Ausnahme der Festtage gehalten werden. Hier werden also keine bestimmten Fasten vorgeschrieben, man soll sich damit nach dem Stand der Gesundheit richten. Denn es heißt: „Er sieht allein auf die Fähigkeit, die jeder von Natur hat, und es ist jedem freigestellt, sich selbst sein Maß zu bestimmen; denn wo das rechte Maß eingehalten wird, kommen keine Verfehlungen vor“. Wir sollen uns nicht allzusehr durch Genüsse verweichlichen lassen, wie jenes Volk, das mit Weizen und mit gutem Traubenblut genährt war und von dem geschrieben steht: „Es ist fett und dick und stark geworden und hat Gott fahren lassen“. Wir sollen uns auch nicht über das Maß mit Kasteiung quälen, damit wir nicht entweder ganz erliegen oder aber durch Murren unseres Lohns verlustiggehen oder uns unserer Trefflichkeit rühmen. Der „Prediger“ warnt davor mit den Worten: „Ein Gerechter gehet unter in seiner Gerechtigkeit; sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, daß du dich nicht verderbest“, d. h. daß du nicht aus Bewunderung für deine Vortrefflichkeit hochmütig werdest.
Aller Eifer in dieser Hinsicht soll geleitet werden von weiser Erwägung, der Mutter aller Tugenden. Sie soll jedem die Last zuweisen, die er tragen kann, die Natur nicht vergewaltigen, sondern sich nach ihr richten, nicht die Notdurft verbieten, aber Schwelgerei und Überfluß fernhalten. So wird das Laster ausgerottet, und die Natur doch nicht verletzt. Es ist für die Schwachen genug, wenn sie die Sünde meiden, auch wenn sie nicht bis zum Gipfel der Vollkommenheit emporsteigen. Wenn du nicht bei den Märtyrern Platz findest, laß dir an einem Winkel im Paradiese genügen. Es ist sicherer, ein bescheidenes Gelübde abzulegen, damit man aus freien Stücken noch etwas Überverdienstliches hinzuthun kann. Darum steht geschrieben: „Wenn ihr alles gethan habt, was euch befohlen ist, so sprechet: wir sind unnütze Knechte, wir haben gethan, was wir zu thun schuldig waren“. — „Das Gesetz,“ sagt der Apostel, „richtet nur Zorn an; denn wo das Gesetz nicht ist, da ist auch keine Übertretung“. Und weiter: „Denn ohne das Gesetz war die Sünde tot. Ich aber lebte weiland ohne Gesetz. Da aber das Gebot kam, ward die Sünde wieder lebendig. Ich aber starb; und es befand sich, daß das Gebot mir zum Tode gereichte, das mir doch zum Leben gegeben war. Denn die Sünde nahm Ursache am Gebot und betrog mich und tötete mich durch dasselbige Gebot; auf daß die Sünde würde überaus sündig durch das Gebot“. Augustinus an Simplicianus sagt: „Durch das Verbot ist das Verlangen gemehrt worden und verlockender erschienen, und so sind wir verführt worden“. Derselbe Augustinus sagt in seinem Buch „Quästiones“ in der 67. Frage: „Wir lassen uns durch unser Gelüste leichter zur Sünde verführen, wenn ein Verbot da ist“.— „Was versagt ist, begehren wir stets, das Verbotene reizt uns“.
Höre mit Furcht und Zittern jeder diese Worte, der das Joch irgend einer Ordensregel auf sich nehmen und sich durch ein neues Gesetz binden lassen will. Er wähle, was er durchzuführen vermag, und meide, was über seine Kräfte geht. Niemand wird schuldig des Gesetzes, der nicht vorher sich zu ihm bekannt hat. Ehe du dich bindest, besinne dich; hast du’s gethan, dann bleibe fest. Jetzt ist Freiheit, was nachher Zwang ist. „In meines Vaters Hause,“ sagt die Wahrheit, „sind viele Wohnungen.“ Darum giebt es auch vielerlei Wege, die dorthin führen. Nicht werden die Ehegatten verdammt, aber leichter werden selig, die sich enthalten. Nicht damit wir überhaupt erst selig würden, sind uns die Regeln der heiligen Väter gegeben, sondern damit wir leichter den Weg zur Seligkeit finden und reineren Verkehr mit Gott pflegen können. „Und so eine Jungfrau freiet,“ sagt der Apostel, „sündiget sie nicht; doch werden solche leibliche Trübsal haben. Ich verschonete aber euer gerne.“ Ferner: „Welche nicht freiet, die sorget, was dem Herrn angehöret, daß sie heilig sei, beide am Leib und auch am Geist; die aber freiet, die sorget, was der Welt angehört, wie sie dem Manne gefalle. Solches aber sage ich zu eurem Nutzen, nicht daß ich euch einen Strick an den Hals werfe, sondern dazu, daß es fein ist, und ihr stets und unverändert dem Herrn dienen könnet“.
Dies aber erreichen wir dann am leichtesten, wenn wir auch körperlich uns von der Welt zurückziehen und uns hinter Klostermauern bergen, daß nicht der Lärm der Welt unsere Ruhe störe. Aber nicht nur, wer das Gesetz auf sich nimmt, sondern auch der, der es auflegt, sehe sich vor, daß er nicht durch Häufung der Gebote auch die Übertretungen mehre. Das Wort Gottes, das im Fleisch erschienen ist, hat das Wort des Gesetzes abgekürzt. Moses hat vieles geredet und doch, wie der Apostel sagt: „Das Gesetz konnte nichts vollkommenmachen“. Es hatte viele und so schwere Gebote, daß der Apostel Petrus sagte, niemand könne sie halten. „Ihr Männer, liebe Brüder,“ sprach er, „was versuchet ihr Gott mit Auflegen des Jochs auf der Jünger Hälse, welches weder unsere Väter noch wir haben mögen tragen. Sondern wir glauben durch die Gnade des Herrn Jesu Christi selig zu werden, gleicherweise wie auch sie.“ Mit wenig Worten hat Christus seine Jünger über die sittliche Haltung und heilige Lebensführung belehrt und ihnen den Weg zur Vollkommenheit gewiesen. Das Strenge und Ernste beiseite lassend hat er ihnen seine Vorschriften, in denen seine ganze Lehre beschlossen war, lieblich und leicht gemacht: „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig — so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht“.
Denn bei den Werken der Frömmigkeit geht es oft wie bei weltlichen Geschäften. Mancher arbeitet sich müde in seinem Geschäft und hat doch wenig Gewinn davon, und mancher hat viel äußere Anfechtung und doch wenig Verdienst vor Gott, denn er sieht das Herz an, nicht das Werk. Solche Leute, je mehr sie mit Äußerlichem sich beschäftigen, desto weniger haben sie Zeit für innerliche Dinge; je mehr sie bei Leuten, deren Urteil in Außendingen etwas gilt, bekannt werden, desto größer wird ihr Ruhm und desto leichter lassen sie sich zum Hochmut verführen. Diesem Irrtum zu begegnen, setzt der Apostel die äußeren Werke tief herunter und erhebt dagegen die Rechtfertigung durch den Glauben. „Ist Abraham durch die Werke gerecht, so hat er wohl Ruhm, aber nicht vor Gott. Was saget denn die Schrift? Abraham hat Gott geglaubt, und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet.“ Und weiter: „Was wollen wir nun hie sagen? Das wollen wir sagen: die Heiden, die nicht haben nach der Gerechtigkeit gestanden, haben die Gerechtigkeit erlangt; ichsage aber von der Gerechtigkeit, die aus dem Glauben kommt. Israel aber hat dem Gesetz der Gerechtigkeit nachgestanden und hat das Gesetz der Gerechtigkeit nicht überkommen. Warum das? Darum, daß sie es nicht aus dem Glauben, sondern als aus den Werken des Gesetzes suchen“.
Sie gleichen den Leuten, die ihre Gefäße und Geschirre nur von außen reinigen und sie innen schmutzig lassen, und mehr für das Fleisch besorgt als für den Geist, sind sie fleischliche Leute, nicht geistliche. Wir aber, die wir danach trachten, daß Christus durch den Glauben in unserem inneren Menschen Wohnung mache, achten das Äußere gering, an dem der Schlechte wie der Gute teilhaben kann, und denken an das Wort: „In meinem Herzen sind die Gelübde und die Lobpreisungen, die ich dir, mein Gott, darbringen werde“.
Und so ahmen wir auch jene äußerliche gesetzliche Enthaltsamkeit nicht nach, die zur wahren Gerechtigkeit sicherlich nichts beiträgt. Denn auch der Herr giebt uns kein Speiseverbot; nur Völlerei und Trunkenheit, d. h. den Überfluß, verbietet er. Darum sagte er von sich selber: „Johannes ist kommen, aß nicht und trank nicht, so sagen sie: er hat den Teufel. Des Menschen Sohn ist kommen, isset und trinket, so sagen sie: siehe, wie ist der Mensch ein Fresser und ein Weinsäufer“. Er entschuldigt auch seine Jünger, weil sie nicht, wie die Jünger Johannes, fasteten und mit ungewaschenen Händen zu Tische saßen: „Wie können die Hochzeitleute Leid tragen, so lange der Bräutigam bei ihnen ist?“ Und ein andermal: „Was zum Munde eingehet, das verunreiniget den Menschen nicht, sondern was zum Munde ausgehet, das verunreiniget den Menschen. Was aber zum Munde herausgehet, das kommt aus dem Herzen, und das verunreiniget den Menschen. Aber mit ungewaschenen Händen essen verunreiniget den Menschen nicht“.
Keine Speise also verunreinigt die Seele, dies geschieht durch die Begierde nach verbotener Speise. Denn wie der Leib nur durch leiblichen Schmutz verunreinigt werden kann,so die Seele nur durch geistigen. Und nichts ist zu fürchten bei allem was der Leib verrichtet, wenn nur der Geist nicht seine Einwilligung dazu giebt. Auf die Reinheit des Fleisches dürfen wir nicht pochen, wenn die Seele durch bösen Willen verderbt wird. Im Herzen also liegt Tod und Leben der Seele beschlossen. Daher Salomo in den Sprüchen sagt: „Behüte dein Herz mit allem Fleiß, denn daraus gehet das Leben“. Und nach dem Worte der „Wahrheit“, das wir oben gehört, kommt aus dem Herzen, was den Menschen verunreiniget: denn nach ihren guten oder bösen Gelüsten wird die Seele gerettet oder verdammt. Weil aber die Verbindung zwischen Seele und Leib so gar eng ist, müssen wir uns vorsehen, daß nicht die Seele von der Fleischeslust sich mit fortreißen lasse, und daß nicht das Fleisch, wenn man ihm allzusehr nachgiebt, im Übermut dem Geist widerstrebe, und so das, was unterthan sein sollte, Herr werde. Dies werden wir vermeiden, wenn wir alles Notwendige gestatten, allen Überfluß aber, wie schon öfters gesagt, fernhalten, und dem schwachen Geschlecht erlauben, alle Speisen mit Maß, keine aber unmäßig zu gebrauchen.
Mögen sie alles gebrauchen, nichts aber mißbrauchen. „Denn,“ sagt der Apostel, „alle Kreatur Gottes ist gut, und nichts verwerflich, das mit Danksagung empfangen wird. Denn es wird geheiliget durch das Wort Gottes und Gebet. Wenn du den Brüdern solches vorhältst, so wirst du ein guter Diener Jesu Christi sein, auferzogen in den Worten des Glaubens und der guten Lehre, bei welcher du immerdar gewesen bist.“ Auch wir wollen mit Timotheus diese Lehre des Apostels befolgen und nach der Vorschrift des Herrn uns nur hüten vor Völlerei und Trunkenheit; in allem wollen wir so Maß halten, daß der leiblichen Schwäche aufgeholfen, nicht aber das Laster großgezogen werde. Und besonders bei den Dingen, die, im Überfluß genossen, Gefahren mit sich bringen, soll ein strenges Maß angelegt werden. Es ist ein größeres Verdienst und löblicher, mit Maßzu essen, als ganz sich zu enthalten. Daher auch der heilige Augustinus in seinem Buch „Über das Gut der Ehe“, wo es von den Nahrungsmitteln handelt, sagt: „Nur derjenige macht einen richtigen Gebrauch von den Dingen, der sie so braucht, daß er sie auch entbehren kann. Vielen fällt es leichter, sich eines Genusses ganz zu enthalten als denselben durch das richtige Maß zu regeln. Niemand aber macht einen weisen Gebrauch von den Gütern dieser Welt, der nicht auch imstande ist, sich ihrer zu enthalten“. In dieser Gesinnung hat auch Paulus das Wort gesagt: „Ich kann beides: übrig haben und Mangel leiden“. Mangel leiden, das kann jeden treffen, aber den Mangel recht ertragen können, das ist Sache großer Menschen. So kann auch wohl jeder beliebige Mensch „übrig haben“; aber in der rechten Weise übrig haben können nur die, die sich vom Überfluß nicht verderben lassen.
Des Weines also, der, wie gesagt, lose Leute macht, und darum der guten Zucht und der Schweigsamkeit feind ist, sollen sich die Frauen um Gottes willen entweder ganz enthalten, wie sich heidnische Frauen desselben enthalten aus Furcht vor dem Ehebruch; oder aber sollen sie ihn mit Wasser mischen, was für den Durst wie für die Gesundheit zuträglich ist, und wodurch er seine schädliche Wirkung verliert. Dies wird, glaube ich, erreicht, wenn zu drei Teilen Wein ein Teil Wasser gemischt wird. Sehr schwierig aber ist es, sich zu hüten, daß man von dem vorgesetzten Wein nicht bis zur Sättigung trinke, wie dies der heilige Benediktus verlangt. Darum achten wir es für sicherer, wenn wir auch den Genuß bis zur Sättigung nicht verbieten, damit uns aus dem Verbot nicht eine neue Gefahr erwachse. Denn, wie wir schon wiederholt gesagt haben, nicht die Sättigung ist Sünde, sondern die Unmäßigkeit. Auch ist nichts dagegen einzuwenden, daß für Kranke gewürzte Weine bereitet werden, und daß sie ungemischten Wein bekommen. Doch im Konvent soll solcher nie getrunken werden, sondern allein von den Kranken.
Daß Brot aus reinem Weizenmehl gemacht werde, verbieten wir streng, vielmehr soll stets mindestens ein Dritteil gröberen Mehles darunter gemengt werden. Auch soll man das Brot nicht essen, solang es noch warm ist, sondern nur solches, das mindestens einen Tag alt ist. Die Fürsorge für die übrigen Nahrungsmittel soll die Äbtissin in der Weise treffen, daß sie mit dem, was billig und leicht zu haben ist, den Bedürfnissen des schwachen Geschlechts entgegenkommt. Denn wie thöricht wäre es, wenn wir bei andern Leuten kaufen wollten, was wir selber haben, und wenn wir draußen im Überfluß suchen wollten, was wir zu Hause zur Genüge haben! Wenn uns zu Gebote steht, was wir brauchen, warum sollten wir uns dann um das Überflüssige bemühen?
Zu dieser weisen Mäßigung werden wir nicht bloß durch menschliches Vorbild angehalten, sondern sogar durch dasjenige der Engel und des Herrn selbst, und wir sehen daraus, daß wir zur Befriedigung der Notdurft dieses Lebens nicht lange wählerisch sein sollen, was die Speisen anbelangt, sondern zufrieden sein mit dem, das da ist. So hat Abraham Fleisch zubereitet, und die Engel haben es gegessen, und als in der Wüste sich Fische vorfanden, hat Jesus damit das hungernde Volk gespeist. Daraus sehen wir deutlich, daß zwischen Fleisch und Fisch kein Unterschied zu machen und beides nicht zu verachten ist, und daß man das nehmen soll, woran keine Sünde hängt, was sich leicht und ohne große Umstände darbietet und am wenigsten kostet. Daher sagt auch Seneca, dieser große Freund der Armut und Enthaltsamkeit und unter allen Philosophen der größte Sittenlehrer: „Es ist unsere Aufgabe, der Natur gemäß zu leben. Der Natur zuwider ist es, seinen Körper zu quälen, kostenlose Reinlichkeit zu scheuen, den Schmutz aufzusuchen und Speisen zu sich zu nehmen, die nicht bloß einfach, sondern schlecht und ekelhaft sind. Wie es einerseits eine Üppigkeit ist, ausgesucht feine Dinge zu begehren, so ist es auch thöricht, sichbescheidene und leicht zu verschaffende Genüsse zu versagen. Mäßigkeit verlangt die Philosophie, nicht Kasteiung. Man kann auch eine geordnete Mäßigung walten lassen. Das ist die Art, die mir gefällt“. Daher auch Gregorius im 30. Buch seiner „Moralia“ lehrt, daß es für die Sitten der Menschen weniger auf die Beschaffenheit ihrer Nahrung als ihrer Gesinnung ankomme, und wo er die verschiedenen Gelüste des Gaumens unterscheidet, folgendes sagt: „Einmal verlangt man nach den ausgesuchtesten Speisen, ein andermal begehrt man das nächste Beste, aber gut zubereitet. Manchmal aber ist es etwas ganz Gewöhnliches, das man sich wünscht, und doch versündigt man sich dabei durch die unmäßige Gier, womit man danach trachtet“.
Das Volk, das ausÄgypten ausgeführt wurde, ist in der Wüste erlegen, weil es das Manna verschmähte und nach Fleisch verlangte, weil ihm dies schmackhafter erschien. Und Esau hat sein Erstgeburtsrecht verloren, weil er mit heißer Gier eine ganz gewöhnliche Speise, nämlich ein Linsengericht, begehrte; indem er sein Erstgeburtsrecht dafür drangab, hat er deutlich gezeigt, welch heftiges Verlangen er nach jener Speise hatte. Denn nicht an der Speise, sondern am Verlangen hängt die Sünde. Wir können die gewähltesten Speisen zu uns nehmen, ohne uns zu verschulden, und vielleicht die geringsten nicht ohne Gewissensbisse essen. Der eben erwähnte Esau hat durch ein elendes Linsengericht sein Erstgeburtsrecht verloren, Elias in der Wüste hat seine Tugend bewahrt, obwohl er Fleisch aß. Darum hat auch der alte Feind, wohl wissend, daß nicht die Speise selbst, sondern die Begierde danach die Ursache des Verderbens ist, den ersten Menschen nicht durch Fleisch, sondern durch einen Apfel in seine Gewalt gebracht, und den zweiten nicht mit Fleisch, sondern mit Brot versucht. Und so begehen wir oftmals die Sünde Adams, auch wenn wir geringe und gewöhnliche Kost zu uns nehmen.
Wir sollen also das zu unserer Nahrung wählen, wasdem natürlichen Bedürfnis entspricht, nicht das, was unser Gelüste uns eingiebt. Unser Verlangen ist aber nach solchen Dingen weniger stark, von denen wir sehen, daß sie weniger kostbar und im Überfluß vorhanden sind und darum billig gekauft werden: wie dies bei der gewöhnlichen Fleischspeise der Fall ist, welche viel kräftiger ist als das Fleisch von Fischen, weniger kostet und leichter zuzubereiten ist.
Der Genuß von Fleisch und Wein liegt, wie die Ehe, in der Mitte zwischen gut und böse, d. h. diese Dinge werden für indifferent geachtet, wiewohl der eheliche Verkehr nicht ganz der Sünde bar ist, und der Wein mehr Gefahren in sich birgt als alle übrigen Nahrungsmittel. Aber wenn selbst der Wein, im rechten Maße genossen, dem gottgeweihten Stande nicht verboten wird, was brauchen wir dann von den anderen Nahrungsmitteln zu fürchten, wenn nur das richtige Maß auch bei ihrem Genuß nicht überschritten wird? Der heilige Benediktus sieht sich genötigt, bei einem Gegenstand, von dem er selbst sagt, daß er eigentlich für Mönche überhaupt nichts sei, in Rücksicht auf unsere Zeit, da die erste Liebe schon erkaltet ist, Zugeständnisse zu machen. Sollten wir also den Frauen nicht auch Freiheit lassen in Dingen, die ihnen bis jetzt überhaupt in keiner Regel verboten werden? Wenn die Bischöfe und Leiter der heiligen Kirche, wenn die Kleriker in ihren religiösen Gemeinschaften ohne Anstoß Fleisch essen dürfen, weil keine Regel sie bindet: wer wollte uns dann einen Vorwurf daraus machen, daß wir gegen die Frauen die gleiche Nachsicht üben, besonders da sie im übrigen größere Strenge bewahren? Es ist dem Jünger genug, daß er sei wie sein Meister, und es wäre eine große Thorheit, wenn man den Frauenklöstern versagen wollte, was den Mönchsklöstern erlaubt ist. Es ist schon genug, wenn die Frauen bei der sonstigen Strenge ihrer Regel, auch wenn sie in dem Einen Punkte des Fleischessens Freiheit haben, im übrigen nicht hinter der Frömmigkeit gläubiger Laien zurückbleiben, besonders da nach dem Zeugnis des Chrysostomusden Weltleuten nicht mehr erlaubt sein soll als den Mönchen, nur daß jene mit einer Frau leben dürfen. Auch der heilige Hieronymus, der den Stand der Weltgeistlichen nicht geringer achtet als den der Mönche, sagt: „Als ob nicht alles, was für die Mönche gilt, auch für die Weltgeistlichen zuträfe, die die Väter der Mönche sind“.
Wer wüßte auch nicht, daß es aller Vernunft widerstreitet, wenn man dem Schwachen die gleiche Last aufbürdet wie dem Starken, wenn man von Frauen dieselbe Abstinenz verlangt wie von Männern? Verlangt jemand hierüber außer dem Beweis, den die Natur selbst giebt, noch eine besondere Autorität, so möge er den heiligen Gregorius darüber hören. Dieser große Lenker und Lehrer der Kirche hat auch über diesen Gegenstand die übrigen Lehrer der Kirche genau unterwiesen und sagt im 24. Kapitel seines„Liber Pastoralis“folgendes: „Anders sind die Männer zu ermahnen, anders die Frauen; jenen kann man Schweres zumuten, diesen nur Leichtes. Jene sollen sich in harter Übung bewähren, diese werden am besten durch leichte Lasten und durch sanften Zuspruch gewonnen. Denn was dem Starken eine leichte Sache ist, das dünkt dem Schwachen ein groß Ding“.
Freilich hat der Genuß von gewöhnlichem Fleisch weniger Reiz als das Fleisch von Fischen und Vögeln, die doch der heilige Benediktus auch nicht verbietet. Auch der Apostel unterscheidet mehrere Gattungen von Fleisch: „Nicht ist alles Fleisch einerlei Fleisch, sondern ein anderes Fleisch ist der Menschen, ein anderes des Viehes, ein anderes der Fische, ein anderes der Vögel“. Und das Gesetz schreibt für das Opfer zwar das Fleisch vom Vieh und Vogel vor, nicht aber das von Fischen, damit niemand glaube, es sei vor Gott reiner, Fische zu essen als Fleisch. Fische sind auch für die Armen schwieriger zu beschaffen und teurer, denn es giebt weniger, und ihr Fleisch ist nicht so kräftig; also auf der einen Seite ist es teurer, auf der andern erfüllt es seinen Zweck weniger gut.
Indem wir also zugleich die Auslagen und die Natur der Menschen berücksichtigen, verbieten wir von Nahrungsmitteln überhaupt nichts, nur in allem das Übermaß. Wir setzen den Genuß von Fleisch und anderen Nahrungsmitteln aber auf ein solches Maß herab, daß die Enthaltsamkeit der Nonnen, trotzdem ihnen alles erlaubt ist, dennoch sich mehr bewährt als die der Mönche, denen einiges verboten ist. Und so wollen wir den Genuß des Fleisches in der Weise beschränkt wissen, daß im Tag nicht mehr als einmal davon gegessen werden soll; auch darf nicht ein und dieselbe Person mehrere Fleischgerichte erhalten, Gemüse sollen nicht hinzugefügt werden und nicht öfters als dreimal in der Woche soll Fleisch erlaubt sein, nämlich am ersten, dritten und fünften Wochentage, wenn auch hohe Feste auf die andern Tage fallen. Denn je höher ein Fest ist, desto mehr soll es durch fromme Enthaltsamkeit gefeiert werden. Der berühmte Lehrer Gregorius von Nazianz ermahnt eindringlich dazu in seinem Buch: „Von der Lichtmesse oder den zweiten Epiphanien“, Kapitel III: „Den Festtag sollen wir feiern, nicht indem wir dem Bauche dienen, sondern indem wir uns freuen im Geist“. Derselbe sagt im 4. Kapitel des Buches „Über Pfingsten und den heiligen Geist“: „Und das ist unser Festtag: in die Schatzkammer der Seele etwas Dauerndes und Bleibendes sammeln, nicht was vorübergeht und verweht. Der Leib ist schon so sündhaft genug, er braucht keine reichlichere Nahrung; das wilde Tier würde durch üppigere Nahrung nur noch wilder und würde uns härter bedrängen“. Darum soll man ein Fest in geistlicher Weise feiern. Dieser Meinung ist auch der heilige Hieronymus, der Schüler des Gregor; er sagt in seinem Brief „Über die Annahme von Geschenken“: „Darum müssen wir uns sorgfältig davor hüten, daß wir den Festtag nicht durch reichliche Mahlzeit feiern, sondern durch freudige Erhebung des Geistes, denn es wäre gewiß verkehrt, durch Übersättigung einen Märtyrer ehren zu wollen, von dem wir wissen, daß er durch Fasten Gottwohlgefällig war“. Augustinus in seiner Schrift: „Über das Heilmittel der Buße“ sagt: „Siehe die Tausende von Märtyrern an! Warum feiert man ihren Todestag so gern mit schnöden Gelagen, die reinen Sitten ihres Lebens aber will man nicht nachahmen?“
Wenn es kein Fleisch giebt, so gestatten wir zwei Gerichte von irgendwelchem Gemüse, und auch Fische können dazu gegeben werden. Kostbare Gewürze sollen nicht zugesetzt werden, sondern die Schwestern sollen mit den Erzeugnissen des Landes zufrieden sein. Früchte soll es nur abends zu essen geben. Für die, deren Gesundheit es verlangt, können jederzeit Kräuter oder Wurzeln oder Früchte oder sonstige Heilmittel aufgetragen werden.
Ist eine fremde Nonne als Gast zugegen, so soll ihr aus gastfreundlicher Liebe eine Schüssel mehr verabreicht werden. Wenn sie will, kann sie davon auch den andern mitteilen. Die Gäste sollen an dem größeren Tisch Platz nehmen, und die Äbtissin soll sie bedienen und dann nachher mit den Schwestern, die bei Tische bedient haben, essen.
Will eine der Schwestern durch spärlichere Kost ihren Leib kasteien, so soll sie dazu die ausdrückliche Erlaubnis einholen, und diese darf ihr nicht versagt werden, wenn ihr Vorsatz nicht aus Leichtsinn, sondern aus wirklichem Ernst entsprungen zu sein scheint, und ihre Gesundheit voraussichtlich dabei keine Gefahr leidet. Keiner aber soll es gestattet sein, über diesem Zweck die Pflichten gegen den Konvent zu verabsäumen oder einen Tag ganz ohne Speise zu verbringen. Freitags sollen die Schwestern nie Fleischkost genießen, sondern sich mit der Fastenspeise begnügen, und auf diese Weise durch Enthaltsamkeit gewissermaßen an dem Leiden ihres Bräutigams teilnehmen, der an diesem Tag gelitten hat. Eine Unsitte, die in vielen Klöstern herrscht, ist mit aller Strenge zu bekämpfen: daß man nämlich an den übriggebliebenen Stückchen Brot, die den Armen zugehören, Hände und Messer reinigt und abwischt und, um die Tischtücher zuschonen, das Brot der Armen besudelt oder vielmehr das Brot desjenigen, der sich selber zu den Armen rechnend gesagt hat: „Was ihr gethan habt Einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir gethan“.
Was die Fasten betrifft, so mag für die Schwestern die allgemeine kirchliche Ordnung genügen; wir wollen sie in diesem Stück nicht schwerer belasten als die gläubigen Laien auch belastet sind, und wir nehmen es nicht auf uns, von ihrer Schwäche mehr zu verlangen als von dem starken Geschlecht. Doch glauben wir, daß von der Herbst-Tagundnachtgleiche bis Ostern wegen der Kürze der Tage Eine Mahlzeit täglich genügen wird. Wir verordnen dies wegen der kurzen Dauer des Tages, nicht um zum Fasten zu veranlassen, und machen dabei in den verschiedenen Arten der Speisen keinen Unterschied.
Das Prunken mit Kleidern, das die Schrift überall verwirft, soll durchaus vermieden werden. Der Herr warnt uns ausdrücklich davor, indem er den reichen Mann derhalben tadelt und dagegen die Einfachheit des Johannes lobt. Daher der heilige Gregorius in seiner vierten Homilie über die Evangelien sagt: „Was will jenes Wort: ‚Die da reiche Kleider tragen, sind in der Könige Häusern‘, anders, als klar und deutlich zeigen, daß für das irdische, nicht für das himmlische Reich kämpft, wer, statt um Gottes willen zu leiden, allen Härten aus dem Wege geht und nur den Außendingen ergeben die Weichlichkeit und den Genuß dieses Lebens sucht?“ Ebenso in der elften Homilie: „Es giebt Leute, welche das Tragen von feinen kostbaren Kleidern nicht für Sünde halten. Und doch, wenn keine Schuld damit verbunden wäre, so würde der Herr in seinem Gleichnis nicht so ausdrücklich davon reden, daß der Reiche, der zur Hölle verdammt wurde, mit Purpur und Seide angethan war. Denn niemand schafft sich kostbare Gewänder an, wenn er nicht eitlen Prunk entfalten und vornehmer scheinen will als andere Leute. Nur um eitlen Prunkes willen ist man aufkostbare Gewänder aus. Der beste Beweis dafür ist der Umstand, daß niemand sich kostbar kleidet, wenn er sich nicht vor anderen sehen lassen kann“.
Auch Petrus in seinem ersten Brief warnt weltliche verheiratete Frauen vor dieser Untugend: „Desselbigengleichen sollen die Weiber ihren Männern unterthan sein, auf daß auch die, so nicht glauben an das Wort, durch der Weiber Wandel ohne Wort gewonnen werden, wenn sie ansehen euren keuschen Wandel in der Furcht. Welcher Geschmuck soll nicht auswendig sein mit Haarflechten und Goldumhängen oder Kleider anlegen, sondern der verborgene Mensch des Herzens unverrückt mit sanftem und stillem Geiste, das ist köstlich vor Gott“.
Mit Recht glaubte der Apostel, mehr die Frauen als die Männer vor dieser Eitelkeit warnen zu müssen, denn der ersteren unsteter Sinn begehrt lebhafter nach Dingen, die ihrer Üppigkeit Nahrung zuführen. Wenn aber schon weltlichen Frauen in diesem Hang Einhalt gethan wird, was wird dann denen ziemen, die sich Christo geweiht haben, deren Schmuck eben darin besteht, daß sie schmucklos sind? Darum, wer von ihnen nach solchem Schmuck trachtet und ihn nicht zurückweist, wenn er ihr angeboten wird: die verliert den Ehrentitel der Keuschheit. Von einer solchen mag man denken, sie rüste sich nicht zum Gebet, sondern zur Unzucht, sie ist nicht einer Nonne, sondern einer Dirne gleich zu achten, der ihr Schmuck zum Herold für ihre Unkeuschheit dient und ihr buhlerisches Herz verrät, wie geschrieben steht: „Denn seine Kleidung, Lachen und Gang zeigen ihn an“.
Wir lesen, daß der Herr an Johannes, wie schon erwähnt, die Dürftigkeit und Rauheit seiner Kleidung mehr lobte als die seiner Nahrung: „Was seid ihr hinausgegangen zu sehen“, sagt er, „wolltet ihr einen Menschen in reichen Kleidern sehen?“ Denn der Genuß ausgesuchter Speisen hat manchmal einen nützlichen Zweck und ist darum zu entschuldigen, was bei den Kleidern nicht der Fall ist. Je kostbarer siesind, desto mehr muß man acht auf sie geben, desto weniger sind sie etwas nütze, desto teurer kommen sie zu stehen; je feiner der Stoff, desto empfindlicher sind sie und desto weniger Schutz gewähren sie dem Körper.
Für die ernste Tracht der Buße ist kein Stoff geeigneter als der schwarze, und kein Pelzwerk kleidet die Bräute Christi besser als das der Lämmer: so zeigen sie schon durch ihr Gewand, daß sie das Lamm, das den Jungfrauen verlobt ist, angezogen haben oder anziehen sollen.
Die Schleier sollen nicht aus Seide, sondern aus einem gefärbten Linnenstoff sein. Zwei Arten von Schleiern sind zu unterscheiden: die einen für die Jungfrauen, welche ihr Gelübde schon abgelegt, die andern für solche, die dies noch nicht gethan haben. Die Schleier der geweihten Jungfrauen sollen mit dem Kreuz gezeichnet sein. Dies Zeichen soll bedeuten, daß sie mit der Unberührtheit auch ihres Leibes ganz und gar Christo angehören, und wie sie durch ihre Weihe von den übrigen sich unterscheiden, so soll auch ihr Gewand ein besonderes Zeichen tragen, das die Gläubigen abschrecken soll, ein irdisches Verlangen nach ihnen zu tragen. Dieses Zeichen jungfräulicher Reinheit, aus weißem Faden genäht, soll die Jungfrau auf dem Haupte tragen, aber nicht eher als bis sie vom Bischof die Weihe empfangen hat: kein anderer Schleier soll dieses Zeichen tragen.
Auf dem bloßen Leib sollen die Schwestern reine Hemden tragen, und auch in denselben schlafen. Auch wollen wir in Anbetracht ihrer schwachen Natur den Gebrauch von Matratzen und Betttüchern nicht verbieten. Jede aber soll für sich schlafen und essen. Keine soll sich beschweren, wenn Kleider oder sonstige Dinge, die ihr von andern überlassen wurden, einer Schwester zugewiesen werden, die sie mehr nötig hat. Vielmehr soll sie sich darüber freuen, daß ihr die Bedürftigkeit ihrer Schwester eine Gelegenheit zum Almosen gegeben hat, und soll daran denken, daß sie nicht für sich, sondern für andere lebt. Wo nicht, so gehört sie auch nicht zuder heiligen Genossenschaft und ist schuldig des Frevels, eigenen Besitz zu haben.
Zur Bekleidung des Körpers scheint uns zu genügen ein Hemd, ein Pelz, ein Gewand, und wenn es sehr kalt ist, darüber ein Mantel. Diesen können die Schwestern beim Schlafen auch als Decke benutzen. Wegen des Ungeziefers und wegen notwendiger Reinigung sollen alle diese Kleidungsstücke doppelt gehalten werden, so wie Salomo in seinem Lob der wackeren und sorgsamen Hausfrau sagt: „Sie fürchtet ihres Hauses nicht vor dem Schnee, denn ihr ganzes Haus hat zwiefache Kleider“. Die Kleider sollen der Länge nach nicht weiter als bis zum Absatz reichen, damit kein Staub aufgewirbelt wird. DieÄrmel sollen nicht länger sein als Arm und Hand zusammen. Die Beine und Füße sollen mit Schuhen und Strümpfen bekleidet sein, und nie sollen die Schwestern barfuß gehen, auch nicht unter dem Vorwand der Frömmigkeit. Für die Betten genügt eine Matratze, ein Polster, ein Kissen, eine Decke und ein Leintuch. Auf dem Kopf sollen die Schwestern eine weiße Binde tragen, darüber einen schwarzen Schleier, und wo es nötig ist, auf der Tonsur eine Mütze aus Lammfell.
Aber nicht allein bei Nahrung und Kleidung soll alles Überflüssige gemieden werden, sondern auch an den Gebäuden und sonstigen Besitzungen. An den Gebäuden zeigt es sich deutlich, ob sie größer oder schöner angelegt sind als ihr Zweck es erfordert, oder ob wir, mit Werken der Bildhauerkunst und der Malerei sie schmückend, Königspaläste bauen, statt Hütten der Armut. „Des Menschen Sohn,“ sagt Hieronymus, „hat nicht, da er sein Haupt hinlege, und du baust weite Hallen und deckst gewaltige Häuser ein?“ Wenn wir uns teure und schöne Pferde halten, so ist das nicht bloß Überfluß, sondern eitler Übermut. Mit unsern Herden und unserm Landbesitz wächst unser Hunger nach äußerem Gut, und je mehr wir auf dieser Erde besitzen, desto mehr müssen sich unsere Gedanken damit beschäftigen und werden von derBetrachtung der himmlischen Dinge abgezogen. Und ob wir auch den Leib hinter Klostermauern verschließen, die Seele muß doch dem nachgehen, was draußen ist und was sie liebt, und zerstreut sich dahin und dorthin. Je mehr Besitztum wir verlieren können, desto größer die Furcht, die uns quält; je kostbarer der Besitz, desto mehr hängt man an ihm, desto mehr fesselt er das arme Herz an sich.
Darum ist dafür zu sorgen, daß wir unserem Haus und unserem Vermögen eine bestimmte Grenze setzen und nichts, was nicht notwendig ist, begehren, annehmen oder zurückbehalten. Denn alles was über das eigentliche Bedürfnis hinausgeht, besitzen wir nur wie einen Raub und machen uns schuldig am Tode so vieler Armen als wir mit unserem Überfluß hätten erhalten können. Jedes Jahr also, nachdem die Früchte eingeerntet sind, ist der Bedarf des Jahres zu überschlagen; was übrig bleibt, das soll den Armen geschenkt oder vielmehr zurückgegeben werden.
Es giebt Leute, die, der weisen Mäßigung vergessend, sich ihrer zahlreichen Familie freuen, während sie doch nur wenig Einkünfte haben. Fällt ihnen nun die Unterhaltung derselben schwer, so fangen sie an, in unverschämter Weise zu betteln oder andern mit Gewalt zu nehmen, was sie brauchen. Wir haben mit den Vätern mancher Klöster ähnliche Erfahrungen gemacht: sie rühmen sich ihres zahlreichen Konventes, sehen nur darauf, viele, nicht aber gute Söhne zu haben und halten sich für etwas Besonderes, wenn sie unter vielen die größten sind. Sie ziehen die Leute in ihre Behausungen, versprechen ihnen gute Tage, da sie ihnen doch ein hartes Leben ankündigen sollten, und weil sie ungeprüft und ohne Unterschied jeden aufnehmen, so verlieren sie ihre Leute wieder durch Abfall. Gegen solche, wenn ich recht sehe, richtet sich die „Wahrheit“ in dem Wort: „Wehe euch, die ihr Land und Wasser umziehet, daß ihr einen Judengenossen machet; und wenn er’s worden ist, machet ihr aus ihm ein Kind der Hölle, zwiefältig mehr, denn ihr seid“. Gewißwürden sie ihren Ruhm weniger in einer großen Menge suchen, wenn sie statt der Zahl mehr das Heil der Seelen im Auge hätten und wenn sie sich nicht mehr Kraft zur Leitung einer Gemeinschaft zutrauten, als sie haben. Der Herr hat nur wenige Jünger erwählt, und doch ist auch von diesen wenigen einer abgefallen, so daß der Herr selbst sagte: „Habe ich nicht euch Zwölfe erwählt und eurer Einer ist ein Teufel?“ Und wie Judas aus der Zahl der Apostel, so ging von den sieben Diakonen Nikolaus verloren. Und als die Apostel erst wenige um sich gesammelt hatten, haben Ananias und Sapphira sich die Todesstrafe zugezogen. Auch beim Herrn selbst blieb nur eine kleine Schar zurück, während viele seiner Jünger hinter sich gingen. Denn der Weg ist schmal, der zum Leben führt, und wenig ist ihrer, die darauf wandeln. Dagegen ist der breit und geräumig, der zum Tode führt, und viele sind, die sich nach ihm drängen. Darum bezeugt der Herr selbst ein andermal: „Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt“. Und Salomo sagt: „Der Narren Zahl hat kein Ende“.
Darum hüte sich jeder, der sich der Menge der Untergebenen freut, daß nicht unter ihnen nach dem Worte des Herrn wenig Auserwählte seien, und daß ihm nicht, während er seine Herde maßlos vermehrt, die Kräfte zu ihrer Überwachung fehlen; sonst möchten ihm geistlich Gesinnte das Wort des Propheten vorhalten: „Du hast dein Volk gemehrt, aber seine Freude hast du nicht erhöht“. Solche Leute müssen, um ihre und der Ihrigen Angelegenheiten zu besorgen, oftmals auswärts gehen, in die Welt zurückkehren und sie bettelnd durchstreifen. Sie verwickeln sich in zeitliche Sorgen und vergessen das Ewige und holen sich oft mehr Schande als Ruhm. Dies wäre für die Frauen eine um so größere Schande, als es für sie mit Gefahren verbunden ist, wenn sie in der Welt herumziehen.
Darum, wer in Ruhe und Ehrbarkeit leben, für den Dienst des Herrn Zeit behalten und vor Gott und den Menschenwohlgefällig sein will, der scheue sich zu sammeln, was er nicht unterhalten kann und rechne bei seinen Ausgaben nicht auf den Geldbeutel anderer Leute; er trachte danach, Almosen auszuteilen, nicht einzusammeln. Paulus, der gewaltige Prediger des Evangeliums, obwohl er Macht hat, von seiner Predigt zu leben, lebt von seiner Hände Arbeit, um niemand lästig zu fallen und seines Ruhmes nicht verlustig zu gehen. Sollten also wir, die wir nicht predigen, sondern über die Sünde trauern, die Kühnheit oder Schamlosigkeit haben, zu betteln, um die, die wir gedankenlos aufgenommen haben, zu unterhalten? Gehen wir doch schon so weit in wahnsinniger Verblendung, daß wir, weil wir nicht selbst predigen können, andere Prediger für Geld werben, und diese Lügenapostel führen wir mit uns herum und tragen unsere Kreuze und Reliquien bei uns und verkaufen dies samt dem Worte Gottes, ja selbst des Teufels Blendwerk, an die einfältigen bornierten Christenleute und versprechen ihnen um Geld alles, was sie wollen.
Jedermann weiß, wie sehr bereits unser Stand und die Predigt des göttlichen Wortes in Mißachtung gefallen ist um dieser schamlosen Habgier willen, die nur das Ihre sucht, nicht das was Jesu Christi ist. Ja, auch die Äbte und Obersten der Klöster machen sich in aufdringlicher Weise an die weltlichen Fürsten und ihre Höfe und finden sich bereits im fleischlichen Leben besser zurecht als im klösterlichen. Nach Menschengunst mit allen Künsten jagend verstehen sie sich besser darauf, mit den Menschen zu verhandeln, als mit Gott zu reden. Jene Warnung des heiligen Antonius lesen sie — wie oft! — vergebens und schlagen sie in den Wind, oder hören sie zwar, befolgen sie aber nicht. Er sagt: „Wie der Fisch auf trockenem Lande stirbt, so wird der Mönch, der außer seiner Zelle verzieht und mit Weltleuten verkehrt, seinem beschaulichen Lebensberuf entfremdet“. Darum: wie der Fisch zum Meer, so müssen wir zu unserer Zelle zurückeilen, damit wir nicht über dem Draußen vergessen, unser Inneres zu hüten.
Auch der Urheber der Klosterregel selbst, der heilige Benediktus, hat durch Wort und That deutlich gezeigt, wie es sein Wunsch sei, daß die Äbte dauernd in ihrem Kloster anwesend seien und sorglich über ihre Herde wachen. Als er nämlich einmal das Kloster verlassen hatte, um seine fromme Schwester zu besuchen, und diese ihn nur Eine Nacht zu erbaulichem Gespräch zurückhalten wollte, sagte er offen, er dürfe durchaus nicht außerhalb des Klosters bleiben. Er sagt nicht: „wir dürfen nicht“, sondern: „ich darf nicht“; denn die Brüder durften es mit seiner Erlaubnis, er selbst aber nicht, es sei denn, daß ihm hierüber, wie dies später geschah, von Gott eine besondere Offenbarung zu teil wurde. Darum steht auch in seiner Regel nirgends etwas vom Ausgehen des Abtes, sondern nur von dem der Brüder. Für die ständige Anwesenheit des Abtes sorgt er so vorsichtig, daß er eine Vorschrift hat, wonach an den Vigilien der Sonn- und Feiertage die Verlesung des Evangeliums und was damit zusammenhängt, nur vom Abt verrichtet werden darf. Er bestimmt auch, daß der Abt stets mit den Pilgern und Gästen zu Tische sitzen solle, und wenn keine Gäste da sind, soll er von den Brüdern an seine Seite rufen, wen er will, und die andern unter der Aufsicht eines oder zweier Ältesten lassen. Daraus geht deutlich sein Wille hervor, daß der Abt zur Essenszeit stets im Kloster sein soll und nicht, an die leckeren Schüsseln der Großen gewöhnt, die Klosterbrüder beim trockenen Brot zurücklasse. Von solchen Menschen sagt die „Wahrheit“: „Sie binden schwere und unerträgliche Bürden und legen sie den Menschen auf den Hals; aber sie wollen dieselben nicht mit einem Finger regen“. Und ein andermal von den falschen Predigern: „Hütet euch vor den falschen Propheten, die zu euch kommen. Sie kommen von sich aus, nicht von Gott gesandt und haben keinen Auftrag von ihm“.
Johannes der Täufer, unser Oberhaupt, hatte durch seine Geburt ein Recht auf das Hohepriestertum; aber er entwichaus der Stadt in die Wüste und gab das hohepriesterliche Amt für das Mönchsleben, die Stadt für die Wüste dran. Und das Volk ging zu ihm hinaus, nicht er kam zum Volke. Obwohl er so groß war, daß man glaubte, er sei Christus, und er in den Städten viel Gutes hätte wirken können: er lag schon in jenem Bettlein, von dem aus er für den klopfenden Freund die Antwort bereit hatte: „Ich habe meinen Rock ausgezogen, wie soll ich ihn wieder anziehen? Ich habe meine Füße gewaschen, wie soll ich sie wieder besudeln?“
Darum jeder, der sich nach der Abgeschiedenheit klösterlicher Ruhe sehnt, der freue sich seines Bettes, vielmehr seines Bettlein. Denn von Einem Bett, sagt die „Wahrheit“, wird der eine angenommen, der andere wird verlassen werden. Ein Bettlein aber hat die Braut, d. h. die beschauliche Seele, die mit Christus aufs engste verbunden ist und mit höchstem Verlangen an ihm hängt. Von niemand, der da hineinging, lesen wir, daß er verlassen worden sei. Die Braut selber sagt davon: „Ich suchte des Nachts in meinem Bettlein, den meine Seele liebet“. Dieses Bettlein ist es auch, von welchem aufzustehen sie sich weigert oder sich scheut, und von wo aus sie dem klopfenden Freund die oben angeführten Worte zuruft. Denn außer ihrem Bett, glaubt sie, sei der Schmutz, mit dem sie die Füße zu besudeln fürchtet. Dina ist hinausgegangen, um die Fremden zu sehen, und hat ihre Ehre dabei verloren. Und jener gefangene Mönch Malchus hat nachher an sich selbst erfahren, was sein Abt ihm vorausgesagt hatte: ein Schaf, das den Schafstall verläßt, fällt leicht dem Wolf zum Opfer.
Darum wollen wir keine zu große Gemeinschaft sammeln, deren Bedürfnisse uns Gelegenheit geben, ja uns nötigen, auswärts zu gehen: wir würden sonst andere gewinnen und selber dabei Schaden nehmen nach Art des Bleis, das sich verzehren lassen muß, damit das Silber im Tiegel erhalten bleibe. Fürchten wir uns vielmehr davor, daß nicht Blei und Silber zugleich vom heftigen Feuer der Anfechtungenverzehrt werde. Die „Wahrheit“, wird man uns entgegnen, hat gesagt: „Wer zu mir kommt, den will ich nicht hinauswerfen“. Auch wir wollen nicht hinauswerfen, wen wir einmal aufgenommen haben, aber wir wollen bei der Aufnahme vorsichtig sein: nicht daß wir uns selber hinauswerfen, während wir sie hereinnehmen. Denn auch der Herr selbst, so lesen wir, hat nicht einen bereits Aufgenommenen hinausgeworfen, sondern er hat einen, der sich ihm antrug, zurückgewiesen. Als der ihm sagte: „Meister, ich will dir folgen, wohin du gehst,“ hat er ihm geantwortet: „Die Füchse haben Gruben“ u. s. w. Er ermahnt uns auch dringend, wenn wir etwas auszuführen gedenken, vorher die Kosten, die zur Unternehmung notwendig sind, zu überschlagen, indem er sagt: „Wer ist aber unter euch, der einen Turm bauen will, und sitzt nicht zuvor, und überschlägt die Kosten, ob er’s habe hinauszuführen? Auf daß nicht, wo er den Grund gelegt hat und kann’s nicht hinausführen, alle, die es sehen, fahen an, seiner zu spotten. Und sagen: ‚dieser Mensch hub an zu bauen, und kann es nicht hinausführen‘“. Es ist schon viel, wenn einer für sein eigen Heil zu sorgen weiß, und gefährlich ist’s, wenn einer für viele sorgen soll, der kaum sich selber zu behüten fertig wird. Im Bewahren aber ist nur der gewissenhaft, der beim Aufnehmen ängstlich war, und niemand bleibt so fest bei dem, was er einmal angefangen, wie der, der langsam und vorsichtig drangegangen ist. Frauen aber sollten in diesem Stück um so vorsichtiger sein, als sie in ihrer Schwachheit weniger schwere Lasten zu tragen vermögen und ihnen Ruhe ganz besonders notthut.
Die Heilige Schrift ist ein Spiegel der Seele. Ja gewiß: wer in ihr lesend lebt und ihr Verständnis sich zu Nutzen macht, der erkennt aus ihr die Schönheit seiner Sitten oder wird ihrer Häßlichkeit gewahr, so daß er jene mehren, diese beseitigen kann. An diesen Spiegel erinnert uns der heilige Gregorius im zweiten Kapitel seiner „Moralia“: „Die Heilige Schrift wird unserem geistigen Auge vorgehalten wieein Spiegel, daß wir darin unser inneres Gesicht wahrnehmen können. Hier erkennen wir unsere häßlichen wie unsere schönen Züge. Hier merken wir, was für Fortschritte wir gemacht haben und wie weit wir vom Fortschritt entfernt sind“. Wer aber die Heilige Schrift ansieht, ohne sie zu verstehen, dem geht es wie dem Blinden, der sich einen Spiegel vor die Augen hält, ohne daß er sich darin sehen kann; ein solcher sucht nicht Belehrung aus der Schrift, wiewohl sie doch eben dazu da ist. Er sitzt müßig vor der Schrift, wie der Esel vor der Leier. Er gleicht dem Hungernden, der ein Brot vor sich hat und sich doch nicht damit sättigen kann. Ihm ist das Wort Gottes eine unnütze Speise, mit der er nichts anzufangen weiß, weil er weder selbst mit dem Verstand in sie eindringen kann, noch auch ein anderer sie ihm mundgerecht macht, indem er ihn belehrt.
Darum sagt auch der Apostel, indem er uns zum Studium der Schrift im allgemeinen ermahnt: „Was aber geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, auf daß wir durch Geduld und Trost der Schrift Hoffnung haben“. Und an anderer Stelle: „Werdet voll heiligen Geistes und redet untereinander in Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern“. Mit sich selber nämlich redet, wer versteht, was er vorbringt und aus seinen Worten Nutzen zu ziehen weiß. Derselbe Apostel schreibt an Timotheus: „Halt an mit Lesen, mit Ermahnen, mit Lehren, bis ich komme“. Und wiederum: „Du aber bleibe in dem, das du gelernet hast und dir vertrauet ist, sintemal du weißest, von wem du gelernet hast. Und weil du von Kind auf die Heilige Schrift weißest, kann dich dieselbige unterweisen zur Seligkeit durch den Glauben an Christum Jesum. Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Züchtigung in der Gerechtigkeit, daß ein Mensch Gottes sei vollkommen, zu allem guten Werk geschickt“. Auch die Korinther ermahnt der Apostel zum Studium der Schrift, damit sie, was andere über die Schrift sagen, auslegen können:„Strebet nach der Liebe. Fleißiget euch der geistlichen Gaben, am meisten aber, daß ihr weissagen möget. Denn der mit Zungen redet, der redet nicht den Menschen, sondern Gott; wer aber weissaget, der bessert die Gemeinde. Darum, wer mit Zungen redet, der bete also, daß er’s auch auslege. Ich will beten mit dem Geist und will beten auch im Sinn; ich will Psalmen singen im Geist und will auch Psalmen singen mit dem Sinn. Wenn du aber segnest im Geist, wie soll der, so an Statt des Laien stehet, Amen sagen auf deine Danksagung, sintemal er nicht weiß, was du sagest? Du danksagest wohl fein, aber der andere wird nicht davon gebessert. Ich danke meinem Gott, daß ich mehr mit Zungen rede denn ihr alle. Aber ich will in der Gemeine lieber fünf Worte reden mit meinem Sinn, auf daß ich auch andere unterweise, denn sonst zehntausend Worte mit Zungen. Liebe Brüder, werdet nicht Kinder an dem Verständnis, sondern an der Bosheit seid Kinder, an dem Verständnis aber seid vollkommen“.
Zungen reden heißt: bloße Worte ausstoßen, ohne sie durch Auslegung verständlich zu machen. Weissagen oder auslegen heißt: nach Art der Propheten, welche Seher, d. h. Einsehende genannt werden, verstehen was man sagt, so daß man es auch anderen auslegen kann. Im Geiste betet oder singt Psalmen, wer nur hörbare Laute von sich giebt, ohne einen verständigen Sinn damit zu verbinden. Wenn aber unser Geist betet, d. h. wenn wir nur zusammenhangslose Laute hervorbringen, ohne mit dem Herzen zu fassen, was die Lippen sprechen, so bleibt unsere Seele ohne die Frucht, die sie doch vom Gebet haben sollte: nämlich, daß sie durch den Sinn der ausgesprochenen Worte zur Sehnsucht und zum Verlangen nach Gott entflammt würde.
Darum ermahnt uns der Apostel, wir sollen unsere Reden so gestalten, daß wir nicht, wie so viele andere, nur Laute hervorbringen, sondern auch einen Sinn damit verbinden, und er will nicht, daß wir anders beten oder Psalmensingen, weil dies ohne Frucht bleibe. Darin folgt ihm auch der heilige Benedikt, wenn er sagt: „Wir sollen in solcher Verfassung Psalmen singen, daß unser Geist mit dem, was wir singen, übereinstimmt“. Dies verlangt auch der Psalmist mit dem Wort: „Lobsinget mit Verstand“. Den Worten und Lauten soll die Würze des vernünftigen Sinnes nicht fehlen, damit wir in Wahrheit zum Herrn sprechen können: „Wie lieblich sind deine Worte in meinem Munde“. Und an anderer Stelle: „Nicht mit Flöten wird der Mann sich angenehm machen vor Gott“. Nämlich die Flöte ertönt zu Lustbarkeit und Vergnügen, nicht zu ernstem Nachdenken. Daher man von denen, die von ihrer eigenen Musik so entzückt sind, daß sie die Erbauung des Verstandes darüber vergessen, mit Recht sagen kann: sie spielen die Flöte, ohne damit Gott zu gefallen. Wie soll man, sagt der Apostel, zu den Gebeten in der Kirche Amen sagen, wenn man nicht versteht, was gebetet wird, und nicht weiß, ob es etwas Gutes oder etwas Schlimmes ist, um was man betet. So erleben wir’s ja oft, daß Laien, die den Sinn der Worte nicht verstehen, in der Kirche aus Irrtum sich selbst Böses erflehen, statt Gutes: wenn es z. B. heißt: „Laß uns so durch das Zeitliche gehen,utnonamittamus aeterna“[4]— werden manche durch den ähnlich klingenden Laut irregeführt und sagen:„utnosamittamus aeterna“[5]oder:„ut non admittamus aeterna“.[6]Dieser Gefahr will der Apostel vorbeugen mit den Worten: „Wenn du aber segnest im Geist“, d. h. wenn du beim Segnen nur unverständliche Laute von dir giebst, „wie soll der, so an Statt des Laien stehet, Amen sagen?“, d. h. wer von den Assistierenden, deren Aufgabe es ist, an Stelle der Laien zu antworten, wird dann antworten können? „Wie soll er Amen sagen?“, weiß er doch nicht, ob er es zu einem Segen oder zu einem Fluch sagt. Endlich,wer die Schrift nicht versteht, wie kann sich der am Wort erbauen, wie soll er die Regel auslegen und verstehen, oder verbessern, was unrichtig ist?
Darum sind wir auch nicht wenig erstaunt, daß man in den Klöstern, einer Eingebung des Teufels folgend, keine Studien zum Verständnis der Schrift treibt, sondern nur zum Gesang und zum Aussprechen der Wörter, nicht aber zum Verstehen derselben Anleitung giebt: als ob das Blöken der Schafe wichtiger wäre als das Weiden. Denn das Verständnis der Heiligen Schrift ist die Speise und geistliche Erquickung der Seele. Darum läßt der Herr den Ezechiel, ehe er ihn zum Predigen bestimmt, ein Buch verschlingen, das alsbald in seinem Munde ward wie süßer Honig. Von dieser Speise redet auch Jeremia: „Die jungen Kinder heischen Brot und ist niemand, der es ihnen breche“. Den Kindern nämlich bricht Brot, wer den Sinn der Schrift den Einfältigen eröffnet. Und diese Kinder, die verlangen, daß man ihnen das Brot breche, das sind die, die ihr Herz sättigen wollen am Verständnis der Schrift, wie der Herr an einer andern Stelle bezeugt: „Ich werde einen Hunger ins Land schicken, nicht einen Hunger nach Brot oder Durst nach Wasser, sondern nach dem Worte des Herrn, zu hören“. Dagegen aber hat der alte Feind einen Hunger und Durst, zu hören Menschenworte und das Geräusch der Welt, in die Mauern der Klöster geschickt, also daß über eitlem Geschwätz das Wort Gottes uns entleidet, zumal es uns ohne die Süßigkeit und Würze des Verständnisses ungenießbar erscheint. Daher sagt der Psalmist, wie oben erwähnt: „Wie lieblich sind deine Worte in meinem Munde. Dein Wort ist meinem Munde süßer denn Honig“. Worin diese Süßigkeit bestehe, fügt er sogleich hinzu: „Dein Wort macht mich klug“. Das heißt: aus deinem Wort, nicht aus Menschenworten, habe ich Klugheit gelernt, dein Wort hat mich unterrichtet und belehrt. Auch was die Frucht dieses Verständnisses betrifft, fügt er hinzu: „Darum hasse ich alle falschen Wege“. Viele bösenWege sind an sich schon so deutlich als solche zu erkennen, daß alle sie von selbst hassen und verabscheuen; aber alle bösen Wege können wir mit Hilfe des göttlichen Wortes erkennen und meiden. Daher auch das Wort: „Deine Worte sind in meinem Herzen geborgen, daß ich mich nicht an dir versündige“. In unserem Herzen sind sie geborgen und tönen nicht von unsern Lippen, wenn wir durch stilles Nachdenken zu ihrem Verständnis gekommen sind. Je weniger wir nach diesem Verständnis trachten, desto weniger vermögen wir die bösen Wege zu erkennen und zu meiden und uns vor der Sünde zu hüten.
Eine Versäumnis in dieser Hinsicht ist namentlich Mönchen, die nach Vollkommenheit streben sollen, schwer anzurechnen, denn sie können die Belehrung leichter haben, da ihnen eine Menge heiliger Bücher zu Gebote steht und sie Zeit und Ruhe genug dazu haben. Jener Alte in dem Buch „Leben der Altväter“ tadelt mit Recht diejenigen, welche die Menge der Schriftsteller rühmen, aber zum Lesen derselben keine Zeit finden. „Die Propheten,“ sagt er, „haben Bücher geschrieben, und nach ihnen sind unsere Väter gekommen und haben über diesen Büchern gearbeitet. Ihre Nachfolger haben sie dem Gedächtnis der Nachwelt empfohlen. Dann ist das heutige Geschlecht gekommen und hat die Bücher abgeschrieben auf Papier und Pergament und hat sie unbenutzt in den Fächern liegen lassen.“ Auch der Vater Palladius mahnt uns dringend zum Lernen wie zum Lehren: „Eine Seele, die nach dem Willen Christi beschaffen sein will, muß fleißig lernen, was sie nicht weiß und frei lehren, was sie erkannt hat“. Wenn sie aber beides, obwohl sie könnte, nicht will, dann leidet sie an Wahnsinn. Denn der Anfang des Abfalls von Gott ist der Ekel an der Wissenschaft, und wie kann man Gott lieben, wenn man nicht begehrt, wonach die Seele allezeit hungert?
Auch dem heiligen Anastasius ist das Lernen und Studieren so wichtig, daß er in seiner Mahnung an die Möncheden Rat giebt, die religiösen Übungen damit zu unterbrechen. „Ich will den Weg unserer Lebensweise vorzeichnen,“ sagt er; „das erste ist die Sorge für die Abstinenz, Geduld im Fasten, Anhalten am Gebet und Fleiß im Lesen, oder wenn einer der Schrift noch nicht mächtig ist, im Zuhören, gefördert durch das Verlangen, zu lernen. Das ist gleichsam das erste Kinderspielzeug in die Wiege derer, die noch Säuglinge sind in der Gotteserkenntnis.“ Nach einigen weiteren Sätzen sagt er dann zuerst: „am Gebet soll man also anhalten, daß dasselbe fast keine Unterbrechung erleidet“; dann aber fügt er hinzu: „Wenn möglich, sollen die Gebete nur durch Lesen unterbrochen werden“. Auch der Apostel Petrus sagt dasselbe in seiner Mahnung: „Seid allezeit bereit zur Verantwortung jedermann, der Grund fordert der Hoffnung, die in euch ist“. Und der Apostel Paulus sagt: „Wir hören nicht auf zu beten, daß ihr erfüllet werdet mit Erkenntnis seines Willens in allerlei geistlicher Weisheit und Verstand“; und weiter: „Lasset das Wort Christi unter euch reichlich wohnen in aller Weisheit“.
Auch im Alten Testament wird den Menschen in ähnlicher Weise eingeschärft, sich mit den heiligen Geboten vertraut zu machen. Denn so spricht David: „Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen, noch tritt auf den Weg der Sünder, noch sitzet, da die Spötter sitzen; sondern hat Lust zum Gesetz des Herrn“. Und zu Josua, dem Sohne Nuns, sagt der Herr: „Laß das Buch dieses Gesetzes nicht aus deinen Händen kommen, sondern betrachte es Tag und Nacht“.
Freilich drängen sich oft auch in diese fromme Beschäftigung unheilige verführerische Gedanken ein, und ob wir auch unsern Geist mit allem Eifer auf Gott gerichtet haben, so macht uns doch die Sorge dieser Welt zu schaffen. Und wenn derjenige solchen Anfechtungen ausgesetzt ist, der in Erfüllung seines heiligen Berufes begriffen ist, dann wird jedenfalls der Müßige ihnen auch nicht entgehen. Der heiligePapst Gregorius sagt im 19. Kapitel seiner „Moralia“: „Mit Seufzen sehen wir jetzt Zeiten anbrechen, da viele, die einen kirchlichen Beruf haben, entweder ihr Thun nicht nach dem, was sie wissen, einrichten wollen, oder aber überhaupt verschmähen, das Wort Gottes kennen zu lernen und zu verstehen. Sie verschließen ihr Ohr vor der Wahrheit und wenden sich den Fabeleien zu; denn sie suchen alle das Ihre, nicht was Jesu Christi ist. Überall tritt uns das Wort Gottes vor die Augen, aber die Menschen mögen es nicht kennen lernen. Fast keiner begehrt zu wissen, was er glaubt“.