„O herrlicher Gatte,Besseren Ehbetts wert! So wuchtig durfte das SchicksalTreffen ein solches Haupt? Ach mußt ich darum dich freien,Daß dein Unstern ich würd? — Doch nun empfange mein OpferFreudig bring ich es dir —“
„O herrlicher Gatte,
Besseren Ehbetts wert! So wuchtig durfte das Schicksal
Treffen ein solches Haupt? Ach mußt ich darum dich freien,
Daß dein Unstern ich würd? — Doch nun empfange mein Opfer
Freudig bring ich es dir —“
Mit diesen Worten trat sie vor den Altar, empfing aus der Hand des Bischofs den geweihten Schleier und legte vor dem ganzen Konvent das Klostergelübde ab.
Ich hatte mich kaum von meiner Verletzung erholt, als die Kleriker in Menge herbeiströmten und sowohl meinen Abt wie mich selbst mit Bitten bestürmten: ich solle das, was ich bisher aus Verlangen nach Geld oder Ruhm gethan habe, jetzt aus Liebe zu Gott thun. Ich solle bedenken, daß Gott das Pfund, das er mir anvertraut, mit Zinsen von mir zurückverlangen werde! Bisher habe ich mich fast nur mit Reichen abgegeben, jetzt solle ich meine Kräfte in den Dienst der Armen stellen. Ich möchte erkennen, daß die Hand des Herrn mich vor allem deshalb geschlagen habe, damit ich desto unbehinderter, den Lockungen des Fleisches und dem unruhigen Treiben der Welt entrückt, der Wissenschaft leben könne, und nicht mehr die Weisheit dieser Welt, sondern die wahre Gottesweisheit lehren möge.
In dem Kloster, in das ich eingetreten war, herrschte zu jener Zeit ein überaus weltliches, sittenloses Leben. Je höherder Abt selbst seinem Range nach über den andern stand, desto schlimmer und berüchtigter war sein Lebenswandel. Da ich nun ihre empörende Sittenlosigkeit teils im vertrauten Kreis, teils öffentlich mehrmals aufs nachdrücklichste rügte, so wurde ich ihnen überaus unbequem und verhaßt. Mit Vergnügen sahen sie, wie meine Schüler Tag für Tag unermüdlich mit Bitten in mich drangen; denn dieser Umstand gab ihnen Gelegenheit, sich meiner zu entledigen. Da nun jene mir unaufhörlich zusetzten und mir keine Ruhe ließen, auch der Abt und die Brüder sich in den Handel mischten, gab ich endlich nach und zog mich in eine Einsiedelei zurück, um meine gewohnte Lehrthätigkeit wieder aufzunehmen. Hier strömte nun eine solche Menge von Schülern zusammen, daß es ebenso an Raum, sie zu beherbergen, wie an Lebensmitteln zu ihrem Unterhalt fehlte.
Wie es meinem jetzigen Beruf entsprach, hielt ich hauptsächlich theologische Vorlesungen. Doch gab ich die Unterweisung in den weltlichen Wissenschaften deshalb nicht ganz auf; in ihnen war ich einst am besten bewandert gewesen und um ihretwillen suchte man mich hauptsächlich auf. So benutzte ich sie gleichsam als Köder, um durch diese etwas nach Philosophie schmeckende Lockspeise meine Zuhörer für das Studium der wahren Philosophie zu gewinnen, wie denn die „Kirchengeschichte“ dasselbe Verfahren von Origenes berichtet, jenem größten aller geistlichen Philosophen. Da es nun aber ersichtlich wurde, daß Gott mich mit heiliger wie mit weltlicher Wissenschaft in gleicher Weise begabt hatte, so vermehrte sich die Zahl meiner Zuhörer in beiden Fächern, während die andern Schulen sich bedenklich leerten. Dadurch zog ich mir den heftigsten Neid und Haß der Lehrer zu, die nun alles aufboten, um mir Abbruch zu thun. Hauptsächlich zwei Vorwürfe waren es, die sie immer wieder gegen mich erhoben, während ich fern war: daß sich mit dem Beruf eines Mönchs das Studium weltlicher Wissenschaft nimmermehr vertrage und daß ich mir ein Lehramt in der Theologieangemaßt habe, ohne vorher selbst in die Schule gegangen zu sein. Sie hätten es am liebsten gesehen, wenn mir die Ausübung meiner Lehrthätigkeit ganz untersagt worden wäre, und waren unablässig bemüht, Bischöfe, Erzbischöfe, Äbte und sonstige einflußreiche Kirchenmänner für ihre Absicht zu gewinnen. Ich befaßte mich nun zuerst damit, das Fundament unseres Glaubens selbst durch menschliche Vernunftgründe faßlich zu machen. Zu diesem Zweck schrieb ich eine theologische Abhandlung „über die göttliche Einheit und Dreiheit“ für den Gebrauch meiner Schüler, die nach vernünftigen, wissenschaftlichen Gründen verlangten, und nicht bloß Worte hören, sondern sich auch etwas dabei denken wollten. Sie meinten, es sei vergeblich, viele Worte zu machen, bei denen sich nichts denken lasse; man könne doch nichts glauben, was man nicht vorher begriffen habe; es sei lächerlich, wenn einer etwas predigen wolle, was weder er selbst noch seine Zuhörer mit dem Verstand fassen könnten; das seien „die blinden Blindenleiter“, von denen der Herr spreche. Mein Buch gefiel allen meinen Schülern außerordentlich, denn hier — so schien es — fand man auf alle Fragen, die über diesen Gegenstand schwebten, eine befriedigende Antwort. Und gerade diese Fragen galten damals für ganz besonders schwierig; je größeres Gewicht man ihnen aber beilegte, desto mehr wurde die Feinheit der Lösung geschätzt. Meine Neider jedoch gerieten dadurch in gewaltige Aufregung und sie beriefen gegen mich ein Konzil, an ihrer Spitze meine beiden alten Widersacher, Alberich und Lotulf. Diese maßten sich nach dem Tode unserer gemeinsamen Lehrer Wilhelm und Anselm die Alleinherrschaft an und wollten sich gleichsam in das Erbe der beiden berühmten Männer teilen.
Alberich und Lotulf lehrten damals beide zu Rheims und sie brachten es bei ihrem Erzbischof Radulf durch allerhand Einflüsterungen in der That soweit, daß man unter Beiziehung des Bischofs von Präneste, Conanus, der damals päpstlicher Legat in Frankreich war, eine dürftige Versammlungunter dem stolzen Namen eines Konzils in Soissons abhielt und mich einlud, mein vielbesprochenes Buch „Über die Dreieinigkeit“ dorthin mitzubringen. Und so geschah es.
Indessen hatten mich meine beiden Hauptwidersacher bei Klerus und Volk noch vor meiner Ankunft in ein so übles Licht gestellt, daß ich mit meinen paar Begleitern von der Menge beinahe gesteinigt worden wäre; es hieß, ich lehre in Wort und Schrift drei Götter — das hatte man ihnen vorgeredet.
Sogleich nach meiner Ankunft in Soissons ging ich zum Legaten und übergab ihm mein Buch zur Prüfung und Beurteilung; zugleich erklärte ich mich bereit, meine Lehre zu berichtigen oder zu widerrufen, falls sie mit dem katholischen Glauben im Widerspruch stehe. Der Legat jedoch schickte mich mit meinem Buch zum Erzbischof und zu meinen Gegnern; die Männer sollten über mich zu Gericht sitzen, die mich angeklagt hatten, und an mir sollte sich das Wort erfüllen: „Meine Feinde sind meine Richter“.
Sie durchstöberten nun mein Buch mehrmals von vorn bis hinten, fanden aber nichts, das sie in der Versammlung gegen mich hätten vorbringen können und verschoben darum die Verdammung des Buchs, nach der sie lechzten, bis auf den Schluß des Konzils. Ich meinerseits benutzte die Zeit ehe die Sitzungen abgehalten wurden täglich zu öffentlichen Vorträgen über den katholischen Glauben, wie er in meinen Schriften zum Ausdruck kam, und unter meinen Zuhörern war nur eine Stimme des Lobes und der Bewunderung für meine Redegewandtheit wie für meinen Scharfsinn. Das Volk aber und die Geistlichkeit fingen an zu murren: „Sehet, nun redet er frei und offen vor aller Welt und niemand widerspricht ihm! Das Konzil, das doch seinetwegen vor allem berufen wurde, ist nächstens zu Ende. Sind vielleicht die Richter zu der Einsicht gekommen, daß sie selber irren, nicht er?“
Infolgedessen stieg die Wut meiner Gegner von Tag zuTag. Eines Tags nun kam Alberich mit einigen seiner Schüler zu mir, um mir eine Schlinge zu legen. Nach einigen einleitenden höflichen Redensarten sagte er, eine Stelle in meinem Buch habe ihn befremdet: nämlich, obwohl Gott Gott gezeugt habe und nur ein Gott sei, leugne ich doch, daß Gott sich selber gezeugt habe. Unverzüglich antwortete ich ihm: „ich bin bereit, hierüber Rechenschaft abzulegen, wenn es euch genehm ist“. Darauf versetzte er: „In solchen Fragen lassen wir nicht menschliche Vernunftgründe oder unsre eigene Weisheit gelten, sondern einzig und allein die Autorität der Väter.“ — „Schlaget nur in meinem Buche nach,“ erwiderte ich, „und ihr werdet eine solche Autorität finden.“ — Das Buch war zur Hand; er hatte es selbst mitgebracht. Ich schlug die Stelle auf, die ich im Kopfe hatte und die dem Alberich entgangen war, weil er nur nach solchen suchte, die mir schaden konnten. Gott wollte es, daß ich das Gewünschte alsbald fand. Es war ein Citat aus dem ersten Buche von Augustins Werk „Über die Dreieinigkeit“ und lautete: „Wer da glaubt, Gott habe die Macht sich selbst zu erzeugen, ist in einem schweren Irrtum befangen, denn diese Fähigkeit kommt Gott so wenig zu wie irgend einer anderen geistigen oder leiblichen Kreatur; es giebt überhaupt kein Wesen, welches sich selbst erzeugen könnte.“
Diese Worte versetzten die Schüler Alberichs in peinliche Verlegenheit. Er selbst, um nur irgend etwas zu sagen, meinte: „Das ist allerdings deutlich.“ Ich erwiderte ihm, diese Ansicht sei nicht neu, allein für den Augenblick falle sie nicht ins Gewicht, da er ja nur nach Worten suche und nicht den tieferen Sinn, der ihnen zu Grunde liege. Falls er aber eine Darlegung und Begründung ihres eigentlichen Sinnes anhören wolle, so sei ich bereit, ihm aus seinen eigenen Worten nachzuweisen, daß er in die Ketzerei verfallen sei, die annehme, daß Gott-Vater sein eigener Sohn sei. Daraufhin geriet Alberich in große Wut, nahm seine Zuflucht zu Drohungen und versicherte mich, daß weder meine eigeneWeisheit, noch meine Berufung auf andere Autoritäten mir etwas helfen sollten. — Und damit ging er.
Der letzte Tag des Konzils war herangekommen. Vor der Sitzung hatten der Legat und der Erzbischof von Rheims mit meinen Gegnern und einigen andern Personen eine lange Beratung darüber, was in Anbetracht meiner Person und meines Buches zu thun sei; denn um dieser Sache willen war ja das Konzil hauptsächlich berufen worden. In meinen Worten oder in meiner Schrift, die vorlag, fand man nichts, was man gegen mich hätte vorbringen können. Einen Augenblick herrschte allgemeines Schweigen und was sich hören ließ, waren nur schüchterne Einwürfe. Da ergriff Gottfried, Bischof von Chartres, durch den Ruf seiner Frömmigkeit und das Ansehen seines Stuhles den übrigen Bischöfen überlegen, das Wort und sprach also: „Würdige Herren! Euch allen, die ihr hier versammelt seid, ist es wohl bekannt, daß die Lehre dieses Mannes, welcher Art sie auch sein mag, und der Reichtum seines Geistes, welchem Gebiet immer er sich zugewandt hat, viel Beifall gefunden und große Anziehungskraft ausgeübt haben, so daß dadurch selbst der Ruhm seiner und unserer Lehrer verdunkelt worden ist und man fast sagen könnte, die Reben seines Weinbergs seien von Meer zu Meer gerankt.
Wolltet ihr nun, was ich nicht glauben kann, einen solchen Mann ungehört verurteilen, so würdet ihr mit einem solchen Urteil, selbst wenn es seinen guten Grund hätte, sicherlich vielen Leuten vor den Kopf stoßen, und es würde nicht an solchen fehlen, die für ihn Partei ergreifen würden; zumal sich in der Schrift, die er vorgelegt hat, nichts findet, was einer offenen Ketzerei ähnlich wäre. Denken wir an das Wort des Hieronymus: ‚Stets hat die Tüchtigkeit den Neid zum Begleiter‘ und daran, daß ‚der Blitz die höchsten Gipfel trifft‘! Hüten wir uns davor, seinen Namen durch ein gewaltsames Vorgehen noch mehr zum Gegenstand der allgemeinen Teilnahme zu machen. Wir würden uns selbst dadurch,daß wir uns den Vorwurf des Neides zuziehen, mehr schädigen, als wir dem Angeklagten durch unsern Richterspruch schaden können. Denn ‚falscher Ruhm‘ — sagt der ebengenannte Lehrer — ‚erlischt schnell und die Folgezeit richtet das Vorleben.‘“
„Beliebt es euch aber, nach Recht und Brauch mit ihm zu handeln, so möge seine Lehre oder sein Buch hier öffentlich vorgetragen werden und ihm selbst soll gestattet sein auf die Fragen, die man ihm vorlegt, Rede und Antwort zu geben, um dann, wenn er überwiesen und zum Widerruf bewogen werden könnte, für immer zu schweigen. Dies war schon die Meinung des frommen Nikodemus, als er, um dem Herrn selbst die Freiheit zu ermöglichen, sagte: ‚Richtet unser Gesetz auch einen Menschen, ehe man ihn verhöret und erkenne was er thut?‘“
Auf diese Worte hin erhoben meine Gegner einen gewaltigen Lärm: „Schöne Weisheit“, riefen sie, „die uns zumutet, mit diesem Wortkünstler zu streiten, dessen Schlüssen und Finten die ganze Welt nicht standhalten kann!“ — Und doch — es war gewiß noch viel schwerer, mit Christus selbst zu streiten; trotzdem hat Nikodemus ihn vor seinen Richtern zum Wort kommen lassen wollen, wie es das Gesetz gestattet.
Als nun der Bischof Gottfried die Anwesenden nicht für seine Absicht gewinnen konnte, suchte er ihre Mißgunst durch ein anderes Mittel zu zügeln. Er machte geltend, daß die Versammlung nicht vollzählig genug sei, um über eine so wichtige Sache zu entscheiden, und daß diese Angelegenheit einer gründlichen Prüfung bedürfe. Sein Rat gehe deshalb dahin, mein Abt solle mich in das Kloster St. Denis zurückbringen, woselbst dann meine Sache einer größeren Anzahl von gelehrten Männern zu erneuter gründlicherer Untersuchung vorgelegt werden solle. Dieser letzte Vorschlag fand den Beifall des Legaten und aller übrigen Anwesenden. Alsbald erhob sich der Legat, um vor dem Beginn der Sitzung die Messe zu lesen, und ließ mir durch den Bischof Gottfried dieförmliche Erlaubnis zur Rückkehr in mein Kloster übermitteln, wo ich dann das weitere erwarten solle.
Nun aber fiel es meinen Gegnern ein, daß für sie nichts gewonnen wäre, wenn mein Prozeß außerhalb ihres Sprengels geführt würde, wo sie dann auf das Urteil keinen Einfluß ausüben könnten; denn bei dem Gedanken, einfach der Gerechtigkeit den Lauf zu lassen, konnten sie sich freilich nicht beruhigen. Darum stellten sie dem Erzbischof vor, daß es eine große Schande für sie wäre, diese Sache an eine andere Behörde zu verweisen und daß es gefährlich sei, mich so davonkommen zu lassen. Sie liefen auch zum Legaten und wußten ihn, halb gegen seinen Willen, dahin umzustimmen, daß er mein Buch unbesehen verdammte, es vor aller Augen verbrannte und über mich lebenslängliche Haft in einem auswärtigen Kloster verfügte. Sie sagten nämlich, zur Verurteilung meines Buches sei schon der Umstand hinreichend, daß ich mir erlaubt habe, es ohne die Genehmigung des Papstes oder der Kirche öffentlich vorzutragen und daß ich es schon vielen zum abschreiben überlassen habe; es könne nur zur Kräftigung des christlichen Glaubens dienen, wenn einmal, um einer ähnlichen Anmaßung zuvorzukommen, an mir ein Exempel statuiert werde. Der Legat war wissenschaftlich nicht so gebildet, wie er hätte sein sollen, und folgte deshalb in der Hauptsache dem Rate des Erzbischofs; dieser seinerseits ließ sich von meinen Gegnern bestimmen.
Als der Bischof von Chartres hiervon Kunde erhielt, setzte er mich alsbald von diesen Umtrieben in Kenntnis und ermahnte mich eindringlich, ich möchte diese Wendung geduldig tragen, um so mehr, als das Vorgehen meiner Widersacher eine offenbare Vergewaltigung sei. Eine solche, klar am Tag liegende, gewaltthätige Mißgunst könne jenen nur schaden, mir nur Nutzen bringen — davon dürfe ich überzeugt sein; auch solle ich mir wegen der Klosterhaft keine Sorgen machen: er wisse gewiß, daß der Legat, der sich dieses Urteil nur habe abnötigen lassen, mich nach seiner Abreise von hier alsbaldin volle Freiheit setzen werde. So suchte er mich zu trösten so gut es ging, indem er selbst mit dem Weinenden weinte.
Ich wurde vor das Konzil berufen, und ohne Untersuchung, ohne Prüfung zwang man mich, mein Buch mit eigener Hand ins Feuer zu werfen. Und so ging es in Flammen auf. Während dieses Vorgangs schien jedermann absichtlich zu schweigen. Nur einer meiner Gegner machte schüchtern die Bemerkung, er habe in dem Buch den Satz gefunden, Gott-Vater allein sei allmächtig. Auf diese Bemerkung antwortete der Legat höchlich erstaunt: einen solchen Irrtum dürfe man ja nicht einmal einem Kinde zutrauen, da doch der gemeinsame Glaube ausdrücklich dahingehe, das alle drei Personen der Gottheit allmächtig seien. — Daraufhin citierte ein gewisser Terricus, Vorsteher einer Schule, höhnisch den Satz des Athanasius: „und dennoch nicht drei allmächtig, sondern einer allmächtig“. Und als ihn sein Bischof zurechtweisen und zum Schweigen bringen wollte, als hätte er ein Majestätsverbrechen begangen, ließ er sich nicht im mindesten einschüchtern, sondern sprach wie ein zweiter Daniel also: „Seid ihr von Israel solche Narren, daß ihr einen Sohn Israels verdammt, ehe ihr die Sache erforschet und gewiß werdet? Kehret wieder um vors Gericht und richtet den Richter selber. Denn der Richter, den ihr eingesetzt habt zur Unterweisung im Glauben und zur Beseitigung des Irrtums, der hat sich selbst gerichtet durch seinen eigenen Mund, da er andere richten sollte. Den Mann, dessen Unschuld heute Gottes Barmherzigkeit an den Tag gebracht hat — befreiet ihn, wie einst die Susanna, von seinen falschen Klägern.“
Nun erhob sich der Erzbischof, und indem er die Worte den Umständen gemäß leicht abänderte, bestätigte er den Satz des Legaten mit den Worten: „In der That, ehrwürdiger Herr, allmächtig ist der Vater, allmächtig der Sohn, allmächtig der heilige Geist, und wer von dieser Meinung abweicht, ist in offenbarem Irrtum befangen und nicht anzuhören. Doch vielleicht dürfte es sich empfehlen, daß dieserunser Bruder seinen Glauben vor der ganzen Versammlung bekenne, damit er je nach Umständen gebilligt oder beanstandet und verbessert werde.“ Als ich mich daraufhin anschickte, mein Glaubensbekenntnis abzulegen, und meinen Gedanken einen selbständigen Ausdruck geben wollte, da riefen meine Gegner mir zu, ich brauche nur das Athanasianische Glaubensbekenntnis herzusagen, was jedes Kind ebensogut hätte thun können. Und damit ich nicht etwa die Ausrede gebrauchen könnte, ich wisse den Wortlaut nicht auswendig, gab man mir den geschriebenen Text zum Vorlesen. Unter Seufzern und mit thränenerstickter Stimme las ich, so gut es ging. Hierauf wurde ich wie ein seines Vergehens überwiesener Verbrecher dem Abt von St. Medardus, der auf dem Konzil anwesend war, übergeben und in dessen Kloster, als in mein Gefängnis, abgeführt. Das Konzil selbst wurde alsbald aufgelöst.
Der Abt indessen und seine Mönche, die nicht anders glaubten, als daß ich nun für immer bei ihnen bleiben werde, nahmen mich mit Freuden auf und bemühten sich vergeblich, mich durch möglichst liebevolle Behandlung über mein Schicksal zu trösten. O Gott, der du gerecht richtest! So sehr war mein Herz vergiftet und verbittert, daß ich in verblendetem Wahn wider dich selbst murrte und Klage erhob und unablässig jenen Seufzer des heiligen Antonius wiederholte: „Guter Jesus, wo warest du?“ Schmerz, Beschämung, Verzweiflung — damals habe ich all diese Gefühle durchgekostet, aber sie zu beschreiben, ist mir nicht möglich. Was ich jetzt zu leiden hatte, hielt ich zusammen mit dem früheren Unglück, das mir an meinem Körper widerfahren war, und ich achtete mich für das elendste aller Menschenkinder. Im Vergleich mit diesem neuen Unglück erschien mir jene ruchlose That geringfügig, und ich beklagte weniger den Schaden meines Leibes als den Verlust meines Ruhms. Jenen hatte ich gewissermaßen selbst verschuldet. Dieser offenen Gewalt aber war ich zum Opfer gefallen, obwohl mich nichts anderesals die lauterste Absicht und die Liebe zu unserem Glauben zum Schreiben gedrängt hatte.
Wohin auch die Kunde von diesem grausamen und brutalen Verfahren gegen mich gelangte, überall fand es lebhafte Mißbilligung; von denen, die bei der Verhandlung gewesen waren, schob nun jeder die Schuld auf den andern. Sogar meine Feinde leugneten jetzt, daß sie an dem Urteil der Synode schuld seien, und der Legat bedauerte öffentlich die Mißgunst der Franzosen. Während er für den Augenblick ihrer feindseligen Absicht gegen mich unfreiwillig nachgegeben hatte, bereute er gleich darauf seine Maßregel und ließ mich nach einigen Tagen schon aus dem fremden Kloster in mein eigenes nach St. Denis zurückkehren.
Freilich waren dessen Insassen mir fast alle schon von früher her feindlich gesinnt. Bei der Unordentlichkeit ihres Lebenswandels und dem freien Ton, der unter ihnen herrschte, war ich ihnen ein höchst unbequemer Mahner. Es vergingen nur wenige Monate, da bot sich ihnen eine geschickte Gelegenheit, mich zu verderben. Eines Tages fand ich nämlich beim Lesen zufällig eine Stelle in Bedas Auslegung der Apostelgeschichte, worin die Ansicht ausgesprochen war, daß Dionysius Areopagita nicht Bischof von Athen, sondern von Korinth gewesen sei. Dies mußte natürlich die sehr befremden, die in dem Schutzpatron ihres Klosters eben jenen Dionysius Areopagita verehren, in dessen Lebensgeschichte ausdrücklich stand, daß er Bischof von Athen gewesen sei. Ich zeigte einigen der umherstehenden Brüder halb im Scherz jene Stelle des Beda, die gegen uns sprach. Sie aber erklärten in höchster Entrüstung den Beda für einen Erzlügner und beriefen sich auf ihren Abt Hilduin, als auf einen zuverlässigeren Zeugen. Dieser habe lange Zeit in Griechenland selbst Forschungen gemacht und dann den wahren Sachverhalt in einer Lebensbeschreibung des Dionysius ganz unanfechtbar dargestellt. Einer der Umstehenden drang mit der Frage in mich, wem ich in diesem Streite recht gebe, dem Beda oder demHilduin. Ich sagte, das Zeugnis des Beda, dessen Schriften in der ganzen abendländischen Kirche in Ansehen stünden, scheine mir gewichtiger zu sein. Als die Mönche das vernahmen, erhoben sie ein wütendes Geschrei: nun trete die feindselige Gesinnung, die ich von jeher gegen unser Kloster gehegt habe, einmal deutlich hervor; am ganzen Land werde ich zum Verräter, indem ich es seines höchsten Ruhmestitels beraube, da ich leugne, daß Dionysius Areopagita ihr Schutzpatron sei. Ich erwiderte, das leugne ich ja gar nicht, und überdies komme wenig darauf an, ob ihr Schutzpatron wirklich der Areopagite gewesen sei oder ein Mann von anderer Herkunft, da er doch jedenfalls von Gott so großer Ehre würdig befunden worden sei. Sie aber liefen zum Abt und zeigten ihm an, was sie mir zur Last legten. Dieser begrüßte die Gelegenheit, mich einmal demütigen zu können, mit Freuden; denn da er ein sittenloseres Leben führte als alle übrigen, so fürchtete er sich vor mir um so mehr. Vor versammeltem Konvent erteilte er mir einen scharfen Verweis und drohte, er wolle mich unverzüglich vor den König schicken, damit mich die Strafe treffe, die dem gebühre, der den Ruhm und die Ehre des Königreichs antaste. Inzwischen bis zu der Zeit, da er mich dem König vorführen wollte, ließ er mich unter strenge Aufsicht stellen. Vergebens erklärte ich mich bereit, die vorgeschriebene Buße auf mich zu nehmen, falls ich etwas verbrochen hätte. Und nun ergriff mich ein förmlicher Ekel vor der Schlechtigkeit dieser Menschen, und ich, den seit so langer Zeit das Mißgeschick unablässig verfolgte, geriet an den Rand der Verzweiflung: die ganze Welt — so schien es — war gegen mich verschworen. So entwich ich denn mit Wissen einiger Brüder, die Mitleid mit mir hatten, und unter Beihilfe einiger meiner Schüler heimlich bei Nacht aus dem Kloster und flüchtete in das angrenzende Gebiet des Grafen Theobald, wo ich früher in einer Einsiedelei gelebt hatte.
Der Graf selbst war mir nicht ganz unbekannt; auch hatteer mit großer Teilnahme von meinem mannigfachen Unglück gehört. Ich hielt mich zunächst bei dem Schloß Provins auf, in einer Klause der Mönche von Troyes, deren Prior mir vorzeiten befreundet gewesen war und mich ins Herz geschlossen hatte. Dieser nahm den Flüchtling mit Freuden auf und sorgte für mich auf die liebenswürdigste Weise.
Eines Tags nun kam mein Abt in geschäftlichen Angelegenheiten zum Grafen auf das Schloß. Als ich dies erfuhr, ging ich mit dem Prior ebenfalls zum Grafen und bat ihn, er möchte sich bei meinem Abt für mich verwenden, daß er mich absolviere und mir die Erlaubnis gebe, als Mönch zu leben, wo ich einen passenden Ort finde. Der Abt und seine Begleiter zogen die Sache in Erwägung und wollten den Grafen noch am gleichen Tage vor ihrer Heimkehr darüber Bescheid sagen. Als sie nun die Sache näher überlegten, kamen sie auf die Meinung, ich wolle in ein anderes Kloster eintreten, was nach ihrer Ansicht eine große Schande für sie gewesen wäre. Denn sie thaten sich viel darauf zu gut, daß ich mich gerade in ihr Kloster zurückgezogen hatte, sie sahen darin eine Bevorzugung des ihrigen vor allen andern Klöstern, und jetzt, fürchteten sie, würde es ihnen zu großer Unehre gereichen, wenn ich ihr Kloster verließe und mich an ein anderes wendete. Deshalb hörten sie weder mich noch den Grafen in dieser Sache an, sondern begnügten sich damit, mich mit der Exkommunikation zu bedrohen, falls ich nicht unverzüglich ins Kloster zurückkehre. Dem Prior aber, bei dem ich eine Zuflucht gefunden hatte, untersagten sie aufs strengste, mich weiterhin bei sich zu behalten, falls er nicht ebenfalls der Strafe der Exkommunikation verfallen wolle. Dieser Bescheid erfüllte den Prior und mich mit großer Besorgnis. Da starb zum Glück mein Abt wenige Tage, nachdem er mit dieser Drohung in sein Kloster zurückgekehrt war.
Als sein Nachfolger eingesetzt war, ging ich mit dem Bischof von Meaux zu ihm und bat ihn, er möchte mir die Bitte gewähren, die ich schon an seinen Vorgänger gerichtethabe. Als auch er zuerst nicht recht auf die Sache eingehen wollte, gewann ich durch Vermittlung einiger Freunde den König und seinen Rat für mein Anliegen und erreichte so meinen Zweck. Der damalige Seneschall des Königs, Stephanus, nahm den Abt und dessen Vertraute beiseite und stellte ihnen vor, warum sie mich gegen meinen Willen zurückhalten wollten; sie könnten sich dadurch leicht in ärgerliche Händel verwickeln und hätten jedenfalls wenig Nutzen davon, da meine Lebensweise und die ihrige nun einmal nicht zusammenpasse. Ich wußte aber, daß man im königlichen Rat dem Kloster absichtlich manche Unregelmäßigkeit hingehen ließ, um es dafür dem König desto gefügiger zu erhalten und es für weltliche Zwecke ausbeuten zu können. Darum glaubte ich auch, die Zustimmung des Königs und seiner Räte für mein Vorhaben erlangen zu können. Und wirklich, es gelang mir.
Damit aber unser Kloster des Ruhmes, den es an meiner Person hatte, nicht verlustig gehe, sollte ich mich zwar zurückziehen dürfen, wohin ich wollte, aber unter der Bedingung, daß ich nicht in ein anderes Kloster eintrete. Dies wurde in Gegenwart des Königs und seiner Räte von beiden Seiten gutgeheißen und bekräftigt. So begab ich mich in eine einsame Gegend im Gebiet von Troyes, die mir von früher bekannt war. Dort wurde mir von einigen Leuten ein Stück Land zur Verfügung gestellt, und mit Genehmigung des Bischofs erbaute ich daselbst nur aus Binsen und Stroh eine Kapelle zu Ehren der heiligen Dreifaltigkeit. In dieser Einsamkeit, mit einem befreundeten Kleriker lebend, konnte ich allen Ernstes dem Herrn das Lied singen: „Siehe, ich habe mich ferne weggemacht und bin in der Wüste geblieben.“
Bald kam die Kunde von meinem neuen Aufenthalt zu meinen Schülern. Und nun belebte sich meine Einsamkeit. Sie verließen die Städte und festen Plätze und ihre behaglichen Wohnungen, um sich hier elende Hütten zu bauen;ihre ausgesuchten Mahlzeiten vertauschten sie mit der dürftigen Nahrung, die in Kräutern und trockenem Brot bestand; statt weicher Betten gab es hier nur ein Lager aus Binsen oder Stroh und die Tische mußten durch Rasenbänke ersetzt werden. Man hätte wirklich glauben können, sie wollen die alten Philosophen nachahmen, deren Lebensweise dem heiligen Hieronymus im zweiten Buch seiner Schrift „Gegen Jovinianus“ zu folgender Betrachtung Anlaß giebt: „Durch unsere Sinne dringen die Laster wie durch eine Art Fenster ins Herz ein. Die Stadt und Festung der Vernunft kann nicht genommen werden, wenn das feindliche Heer nicht durch die Thore eindringt. Wenn jemand seine Lust hat an Cirkusspielen, an Ringkämpfen, an Gauklerkünsten, an üppigen Frauen, an prächtigem Geschmeide, an Kleiderputz und dergleichen Dingen, dessen Seele hat ihre Freiheit durch die Fenster der Augen verloren und von ihm gilt das Wort des Propheten: ‚Der Tod ist hereingekommen durch unsere Fenster.‘ Wenn nun die Anfechtungen dieser Welt wie ein feindlicher Keil durch solche Thore in die Burg unsres Herzens eingedrungen sind — wo wird dann unsre Freiheit bleiben, wo unsre Tapferkeit, wo der Gedanke an Gott? Zumal das einmal geweckte Herz auch die vergangenen Freuden mit neuen Farben sich ausmalt, mit der Erinnerung an einstige Leidenschaften neue Schmerzen in der Seele weckt und sie gewissermaßen etwas, was in Wirklichkeit nicht mehr besteht, noch einmal durchzumachen nötigt. Aus diesen Gründen haben viele Philosophen die volksbelebten Städte und die städtischen Lustgärten verlassen, wo das bewässerte Land, das Grün der Bäume, das Zwitschern der Vögel, die krystallklare Quelle, der murmelnde Bach und so manches andre Aug’ und Ohr bezauberte; sie wichen der Üppigkeit und der Überfülle, die sich ihnen darbot, aus, damit die Kraft ihrer Seele nicht erschlaffe und ihre Keuschheit nicht befleckt werde. Und in der That: der öftere Anblick dessen, was uns berücken könnte, kann ja nur schädlich wirken, und warum sollte man einenGenuß kennen lernen wollen, auf den man nachher nur mit Schmerzen wieder verzichten kann?“
Auch die Schüler des Pythagoras gingen dem Treiben der Welt aus dem Wege und wohnten in der Einsamkeit und in der Wüste. Selbst Plato, der mit den Gütern dieser Welt gesegnet war und welchem Diogenes einmal sein Ruhebett mit schmutzigen Schuhen bearbeitete, selbst er wählte, um ganz Philosoph sein zu können, einen Ort auf dem Lande, fern von der Stadt, nicht bloß in abgelegener, sondern auch in ungesunder Gegend: durch die beständige Besorgnis vor Krankheiten sollten die Begierden erstickt werden, und seine Schüler sollten keinen anderen Genuß kennen, als den des Studiums. Eine ähnliche Lebensweise sollen auch die Jünger des Propheten Elisa geführt haben. Hieronymus stellt sie als die Mönche jener Zeit dar und schreibt über sie dem Mönche Rusticus unter anderem folgendes: „Die Prophetenschüler, von denen das Alte Testament wie von Mönchen redet, bauten sich an den Ufern des Jordan kleine Hütten, verließen die Gesellschaft und die Stätten der Menschen und lebten von Mais und Kräutern des Feldes.“
In dieser Weise bauten sich auch meine Schüler ihre Hütten am Ufer des Flusses Arduzon, und man meinte eher Einsiedler vor sich zu haben als Jünger der Wissenschaft. Je größer aber der Zulauf von Schülern wurde und je härter die Lebensweise war, die sie meinem Unterricht zuliebe auf sich nahmen, desto ängstlicher sahen meine Nebenbuhler meinen Ruhm wachsen und ihr eigenes Ansehen sinken. Zu ihrem großen Leidwesen mußten sie es erleben, daß alles Böse, das sie mir zugedacht, zu meinem Vorteil ausschlug, und obwohl ich nach dem Wort des Hieronymus fern von dem Treiben der Städte und Märkte, fern von den Händeln der Welt lebte — dennoch fand mich, wie Quintilian sagt, selbst in der Verborgenheit der Neid. Seufzend und klagend sprachen jene zu sich selbst: „Siehe, die ganze Welt läuft ihm nach; nichts haben wir ausgerichtet mit unseren Verfolgungen,ja, wir haben seinen Ruhm nur noch größer gemacht. Wir gedachten, die Leuchte seines Namens zu verlöschen, und wir haben sie nur heller angefacht. In den Städten haben die Schüler alles zur Hand, was sie brauchen, aber auf alle Genüsse menschlicher Kultur verzichtend, strömen sie hinaus in die unwirtliche Einöde und setzen sich freiwillig dem Mangel aus.“
Zu jener Zeit nötigte mich meine drückende Armut, eine regelrechte Schule einzurichten; denn graben mochte ich nicht und schämte mich zu betteln. An Stelle der Handarbeit nahm ich darum, zu meiner eigentlichen Kunst zurückkehrend, die Arbeit des Geistes wieder auf. Gern reichten mir meine Schüler dar, was ich an Nahrung und Kleidung brauchte, sie nahmen mir auch die Bestellung des Feldes und die Errichtung notwendiger Baulichkeiten ab, damit ich durch keine wirtschaftliche Sorge von der Wissenschaft abgezogen würde. Da unsere Kapelle nur den kleinsten Teil der Anwesenden fassen konnte, so vergrößerten sie dieselbe und verwandten zu dem Umbau nunmehr ein besseres Material, nämlich Stein und Holz. Ich hatte die Kapelle einst im Namen der heiligen Dreifaltigkeit gegründet und sie ihr geweiht. Nun aber gab ich ihr den Namen „Paraklet“ (Tröster),[3]in dankbarer Erinnerung an die Wohlthat, die mir einst hier zu teil geworden war: denn an diesem Ort hatte ich, ein schon verzweifelnder Flüchtling, die Gnade des göttlichen Trostes gefunden, hier hatte ich zuerst wieder aufatmen dürfen. Viele Leute erstaunten nicht wenig über diesen Namen; ja einige griffen mich deshalb heftig an und behaupteten, nach altem Herkommen könne man eine Kirche nicht dem heiligen Geist im besonderen weihen, so wenig als Gott dem Vater allein; sondern nur entweder dem Sohn allein oder der ganzen Dreieinigkeit zusammen. Zu diesem Angriff ließen sie sich jedenfalls dadurch verführen, daß sie zwischen den Begriffen „Paraklet“ und „Geist Paraklet“ keinen Unterschied machten. In Wirklichkeit kann ja der Trinität und jeder einzelnenPerson der Trinität mit dem gleichen Recht, wie sie Gott oder Helfer genannt wird, auch der Name Paraklet, d. h. Tröster, beigelegt werden — nach dem Wort des Apostels: „Gelobet sei Gott und der Vater unsres Herrn Jesu Christi, der Vater der Barmherzigkeit und Gott alles Trostes, der uns tröstet in aller unsrer Trübsal“ — und auch nach dem Wort, das die Wahrheit spricht: „Und er soll euch einen andern Tröster geben.“ — Da doch jede Kirche im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes geweiht wird und sie alle drei an dem Besitz gleichen Anteil haben — warum soll man denn nicht auch einmal ein Gotteshaus Gott dem Vater oder dem heiligen Geist im besondern zueignen dürfen, so gut wie dem Sohne? Wer wollte sich erlauben, den Namen dessen, dem das Haus gehört, über dem Eingang zu tilgen? Oder wenn der Sohn sich dem Vater zum Opfer darbringt und demgemäß bei der Messe die Gebete an Gott den Vater besonders gerichtet werden, wie auch er es ist, dem das Opfer gebracht wird: sollte da nicht der Altar ganz im besonderen ihm zu eigen sein, dem doch Gebet wie Opfer gilt? Ist der Altar nicht mit größerem Rechte dem zuzusprechen, welchem geopfert wird als dem, der geopfert wird? Oder wollte jemand behaupten, daß dem Kreuz oder Grab des Erlösers, oder dem heiligen Michael, Johannes, Petrus oder sonst einem Heiligen ein Altar zukomme, da doch weder sie selbst mit einem Opfer irgend etwas zu thun haben, noch auch Gebete an sie gerichtet werden? Auch bei den Heiden wurden nur denjenigen Wesen Altäre oder Tempel zugeeignet, denen man Opfer und göttliche Ehren darbringen wollte. Aber vielleicht möchte jemand glauben, es sei deshalb nicht zulässig, Gott dem Vater Kirchen oder Altäre zu weihen, weil es kein Fest in der Kirche gebe, das zu seiner besonderen Feier eingesetzt wäre. Dieser Grund mag zwar gegen die Trinität angeführt werden, allein in betreff des heiligen Geistes gilt er nicht, denn dieser hat zum Gedächtnis an sein Herabkommen ein eigenes Fest, nämlichPfingsten, so gut wie der Sohn das Fest seiner Geburt hat. Denn wie einstens der Sohn in die Welt gesandt wurde, so kam der heilige Geist auf die Jünger und hat zum Andenken daran mit Recht sein eigenes Fest. Ja, wenn wir die Meinung der Apostel und die Wirksamkeit des heiligen Geistes genauer ins Auge fassen, so muß es uns natürlicher erscheinen, ihm einen Tempel zu weihen als irgend einer der andern göttlichen Personen. Denn keiner der letzteren schreibt der Apostel ausdrücklich einen geistigen Tempel zu, wie dem heiligen Geist. Denn er spricht nicht von einem Tempel des Vaters oder des Sohnes, wohl aber von einem solchen des heiligen Geistes, wenn er im ersten Korintherbrief sagt: „Wer dem Herrn anhängt, der ist ein Geist mit ihm“ und ferner: „Oder wisset ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist, der in euch ist, welchen ihr habt von Gott und seid nicht euer selbst.“ Und wer wollte verkennen, daß die Wohlthat der heiligen Sakramente, welche in der Kirche verwaltet werden, ganz ausdrücklich der Wirkung der göttlichen Gnade d. h. des heiligen Geistes zugeschrieben werden? Aus Wasser und aus Geist werden wir ja in der Taufe wiedergeboren, und erst dadurch wird aus uns ein eigentlicher Tempel Gottes. Und zum vollständigen Ausbau dieses Tempels wird uns in siebenfacher Gnadengabe der heilige Geist zu teil, und so erhält der Tempel Gottes seinen Schmuck und seine Weihe. Was hat es also auf sich, wenn wir dem einen sichtbaren Tempel weihen, welchem der Apostel einen geistigen zuteilt? Oder welcher Person der Dreieinigkeit könnte man mit größerem Recht eine Kirche zueignen, als derjenigen, welcher alle Gnadenwirkungen, die die Kirche vermittelt, vor anderen zugeschrieben werden? — Wenn ich übrigens meiner Kapelle den Namen „Paraklet“ beilegte, so wollte ich sie damit nicht einer der drei göttlichen Personen geweiht haben. Ich habe schon oben gesagt, warum ich sie so genannt habe: nämlich zur Erinnerung an den Trost, den ich hier gefunden. Im übrigen — auch wenn ich das Gotteshausin jenem anderen Sinn so genannt hätte, wäre dies nicht gegen die Vernunft, sondern nur gegen das gewöhnliche Herkommen gewesen.
Dieses Asyl gewährte zwar meiner Person den Schutz der Verborgenheit, aber Gerüchte über mich durchliefen gerade damals die ganze Welt und ließen sich allerorten hören nach Art jenes Fabelwesens, Echo genannt, das viel Lärm macht und doch ein wesenloses Ding ist. Meine alten Feinde, ihren eigenen Anstrengungen keinen Erfolg mehr zutrauend, erweckten nun zwei neue Apostel gegen mich, denen die Welt großen Glauben schenkte. Der eine von ihnen rühmte sich, dem Leben der regulierten Chorherren, der andere, dem der Mönche einen neuen Aufschwung gegeben zu haben. Diese Menschen liefen predigend in der Welt herum, verketzerten mich mit der Unverfrorenheit, die ihnen eigen war, und machten mich, wenigstens für den Augenblick, bei weltlichen und geistlichen Obrigkeiten verächtlich. Ja, sie sprengten über meinen Glauben und über mein Leben so abenteuerliche Gerüchte aus, daß selbst achtungswerte Freunde sich von mir abwandten und auch diejenigen, welche mir ihre Freundschaft bis auf einen gewissen Grad erhielten, doch aus Furcht vor jenen nicht den Mut hatten, dieselbe irgendwie zu bekennen. Gott ist mein Zeuge: so oft ich vernahm, daß eine Versammlung von Männern der Kirche im Werk sei, fürchtete ich schon, es geschehe zum Zweck meiner Verurteilung. Wie einer, der jeden Augenblick fürchten muß, vom Blitz getroffen zu werden, so wartete ich in dumpfer Angst darauf, daß ich als Ketzer und räudiges Schaf vor ihre Versammlungen und Schulen geschleppt würde. Und in der That — wenn man den Floh mit dem Löwen, die Ameise mit dem Elefanten vergleichen darf — ich wurde damals von meinen Gegnern mit derselben unbarmherzigen Wut verfolgt, wie einst der heilige Athanasius von den Ketzern. Ja oftmals — Gott weiß es — kam ich in meiner Verzweiflung auf den Gedanken, das Gebiet der Christenheit überhaupt zu verlassenund mich zu den Heiden zu wenden, um bei den Feinden Christi in Ruhe christlich zu leben, unter welcher Bedingung es auch sei. Ich sagte mir, sie werden um so eher geneigt sein, mich bei sich aufzunehmen, als mein Christentum ihnen wegen der Verfolgungen, die ich von Christen erlitt, verdächtig erscheinen mußte; vielleicht würden sie aus demselben Grund auch meinen, sie könnten mich zu ihrer Religion bekehren.
Während ich nun unausgesetzt von solchen Seelenängsten gequält wurde, so daß ich als letztes Mittel bereits den Gedanken gefaßt hatte, bei den Feinden Christi eine Zuflucht zu Christus zu suchen: schien sich mir ein Ausweg aus diesen Nöten zu eröffnen, der mich jedoch in Wirklichkeit nur in die Hände von Christen und dazu noch Mönchen führte, die unbändiger und schlechter waren als die Heiden.
In der Bretagne, im Bistum Vannes, lag ein Kloster des St. Gildas von Ruys. Dieses war durch den Tod seines Abtes verwaist, und die einstimmige Wahl der Mönche rief mich mit Genehmigung des Landesfürsten an diese Stelle, womit auch mein Abt und sein Konvent zufrieden waren. So trieb mich die Feindschaft der Franken nach dem Westen, wie einst den Hieronymus die der Römer nach dem Osten. Denn niemals wäre ich, bei Gott, auf jenen Vorschlag eingegangen, wenn ich nicht gehofft hätte, so den fortwährenden Anfeindungen, die ich zu leiden hatte, einigermaßen aus dem Wege zu gehen. Das Land war mir fremd, die Landessprache mir unbekannt, die Lebensweise der dortigen Mönche wegen ihrer Unordentlichkeit und Zuchtlosigkeit weithin berüchtigt, die übrige Bevölkerung roh und unkultiviert. Wie einer, um dem drohenden Todesstreich zu entgehen, in seiner Angst sich in den Abgrund stürzt und so eine Todesart mit der andern vertauscht, nur um eine Sekunde Frist zu gewinnen: so habe ich mich aus einer Gefahr wissentlich in eine andere begeben. Dort wo des Oceans donnernde Wogen am Ufer sich brachen, am Ende der Erde, darüber hinauses keine Flucht mehr gab, da hab ich, ach, wie oft jenes Gebet wiederholt: „Von den Enden der Erde habe ich zu dir geschrieen, da meine Seele in Ängsten war.“ Ich glaube, es ist niemand verborgen geblieben, wie mich jene zuchtlose Herde von Mönchen, über die ich gesetzt war, Tag und Nacht quälte und ängstete und mich mit allen Gefahren des Leibes und der Seele vertraut machte. Es stand mir zweifellos fest, daß ich mein Leben verwirkt habe, wenn ich sie zu dem kanonischen Leben, dem sie sich doch geweiht hatten, zu zwingen versuchen würde, andererseits war ich zu verdammen, wenn ich in dieser Hinsicht nicht alles that was in meinen Kräften stand. Die Abtei selber hatte der in seiner Macht unbeschränkte Landesfürst, indem er sich die ungeordneten Verhältnisse des Klosters zu nutze machte, so sehr unter seine Botmäßigkeit gebracht, daß er sich die Nutzniesung des gesamten Klostergebietes angeeignet und den Mönchen schwerere Abgaben auferlegt hatte, als selbst die steuerpflichtigen Juden zu entrichten haben.
Die Mönche lagen mir fortwährend mit ihren täglichen Bedürfnissen in den Ohren. Ein Gemeinschaftsbesitz, aus dem man diese Bedürfnisse hätte befriedigen können, war nicht vorhanden, und so unterhielt jeder von seinem beigebrachten Eigentum sich und seine Konkubine mit Söhnen und Töchtern. Es war ihnen ein Vergnügen, mir Verlegenheiten zu bereiten, ja, sie scheuten sich selbst nicht davor, zu stehlen und an sich zu nehmen was sie konnten, damit ich mit der Verwaltung nicht zurechtkäme und so gezwungen wäre, bei der Ausübung der Disciplin ein Auge zuzudrücken, oder ganz von derselben abzusehen. Da aber das ganze Land in seiner Barbarei in der gleichen Gesetz- und Zuchtlosigkeit steckte, so konnte ich mich an niemand um Hilfe wenden; allen stand ich gleich fremd gegenüber. Draußen waren es der Fürst und seine Gefolgschaft, die mich fortwährend bedrängten, drinnen wurde ich unaufhörlich von den Brüdern angefeindet. Das Wort des Apostels: „Draußen Streit,drinnen Furcht“ schien geradezu für mich geschrieben zu sein. Oft quälte ich mich mit dem Gedanken, wie nutzlos und elend mein Leben dahingehe, wie weder ich noch sonst jemand etwas davon habe. Früher hatte ich doch unter meinen Schülern eine große Wirksamkeit geübt, jetzt, nachdem ich sie verlassen hatte und zu den Mönchen gegangen war, war ich weder für diese noch für jene von irgend welchem Nutzen. Fruchtlos und ohne Wert war alles, was ich jetzt begann und versuchte und man konnte mir mit Recht den Vorwurf machen: „Dieser Mensch hob an zu bauen und kann es nicht hinausführen.“ Der Gedanke an das, was ich verlassen und was ich dafür eingetauscht hatte, brachte mich zur Verzweiflung. Meine früheren Mißgeschicke achtete ich für nichts im Vergleich mit der traurigen Gegenwart, und seufzend mußte ich mir oftmals selber sagen: „Ich leide nur, was ich verdient habe; den Parakleten, das ist den Tröster, habe ich verlassen und habe mich der sicheren Trostlosigkeit ausgeliefert; Drohungen fürchtete ich und in offenbare Gefahren habe ich mich hineingestürzt.“ Das aber war mein größter Schmerz, daß in der verlassenen Kapelle jede gottesdienstliche Feier unterbleiben mußte, da die Dürftigkeit jener Gegend kaum für die Bedürfnisse eines Menschen genügte. Allein der wahre Tröster selbst senkte in mein trostloses Herz den echten Trost und sorgte für sein eigenes Haus, wie es sich ziemte.
Es begab sich nämlich, daß der Abt von St. Denis auf jenes Kloster Argenteuil Ansprüche erhob, in welchem Heloise, jetzt vielmehr meine Schwester in Christo als meine Gattin, einst den Schleier genommen hatte. Nachdem er es unter dem Vorwand, daß es von alters her unter die Gerichtsbarkeit von St. Denis gehört habe, an sich gebracht hatte, vertrieb er mit Gewalt den ganzen Konvent der Nonnen, deren Äbtissin meine Freundin gewesen war. Während diese sich nun heimatlos in alle Winde zerstreuten, kam mir der Gedanke, daß der Herr selbst mir hier eine Gelegenheit biete, für mein Oratorium zu sorgen. Ich kehrte nun dorthin zurückund lud Heloise mit den wenigen Nonnen aus ihrer Kongregation, die bei ihr geblieben waren, ein, nach dem Paraklet zu kommen. Hierauf setzte ich sie in den Besitz des Oratoriums mit allem, was dazu gehörte. Und diese Schenkung wurde, dank der Zustimmung und Verwendung des Landesbischof, von Papst Innocenz II. ihnen und ihren Nachfolgerinnen durch ein Privilegium für alle Zeiten bestätigt.
Anfangs zwar führten die Frauen dort ein dürftiges Leben und manchmal wollten sie den Mut verlieren; allein Gott, dem sie in Frömmigkeit dienten, sah barmherzig ihr Elend an und tröstete sie in kurzem; auch ihnen zeigte er sich als der wahre Paraklet und wandte die Herzen der benachbarten Bevölkerung zur Barmherzigkeit und Mildthätigkeit. Und nach Verfluß eines Jahres — Gott mag es bezeugen — waren sie an irdischem Besitz reicher als ich es geworden wäre, wenn ich hundert Jahre dort gelebt hätte. Denn eben weil das weibliche Geschlecht das schwächere ist, regt seine hilflose Lage das menschliche Mitgefühl an, und die Tugend der Frauen ist vor Gott und Menschen um so angenehmer. Gott aber ließ unsere geliebte Schwester, die den anderen vorstand, in aller Augen so viel Gnade finden, daß sie von den Bischöfen wie eine Tochter, von den Äbten wie eine Schwester, von den Laien wie eine Mutter geliebt wurde, und alles rühmte gleicherweise ihre Frömmigkeit, Klugheit und unvergleichliche Sanftmut und Geduld, die sie bei jeder Gelegenheit bewahrte. Selten ließ sie sich in der Öffentlichkeit sehen, um bei geschlossener Thür ungestört dem Gebet und frommer Betrachtung zu leben. Um so begieriger suchten Leute, die in der Welt lebten, die Gelegenheit auf, sie zu sehen und ihre erbaulichen Reden zu genießen.
Die Nachbarn des Klosters machten mir lebhafte Vorwürfe, daß ich für die Bedürfnisse der Nonnen nicht in dem Grade besorgt sei, wie ich könnte und müßte, da ich doch in meiner Predigt ein leichtes Mittel dazu habe; daher besuchte ich sie öfters, um ihnen so viel wie möglich behilflich zu sein.Allein auch so entging ich nicht mißgünstigem Gerede und dem, was die reinste Liebe mich zu thun drängte, legte die Schlechtigkeit meiner Neider die gemeinsten Beweggründe unter; ich sei eben noch immer im Banne sinnlichen Verlangens und könne den Verlust der einstigen Geliebten schwer oder überhaupt nicht verschmerzen. Oft mußte ich da an die Klage des heiligen Hieronymus denken, die er in dem Brief an Asella über falsche Freunde erhebt: „Nichts macht man mir zum Vorwurf als mein Geschlecht und auch das nur, seitdem Paula mit mir nach Jerusalem gegangen ist.“ Ferner sagte er: „Ehe ich in das Haus der frommen Paula kam, war nur eine Stimme des Lobes über mich in der ganzen Stadt; ja, ich war nach dem Urteil aller würdig, das Amt des höchsten Priesters in der Kirche zu bekleiden. Aber ich gedenke trotz guten und schlechten Geredes durchzudringen zum Himmelreich.“ Indem ich mir die Ungerechtigkeit und Verleumdung vorstellte, unter der selbst ein solcher Mann zu leiden hatte, schöpfte ich daraus einen nicht geringen Trost. Ich sagte mir: Wie würde ich schlecht gemacht werden, wenn meine Feinde einen derartigen Verdachtsgrund bei mir ausfindig machen könnten! Nun aber, da Gottes Barmherzigkeit mich von der Möglichkeit solchen Verdachtes befreit hat und mir die Fähigkeit in dieser Hinsicht mich zu vergehen geradezu benommen ist, wie kommt es, daß die Stimme der Verleumdung trotzdem nicht schweigt? Was sollte diese neueste freche Beschuldigung heißen? Der Zustand, in dem ich mich befinde, beseitigt ja doch sonst insgemein jeglichen Argwohn derartiger Ausschreitungen so gründlich, daß wer Frauen in sicherer Aufsicht wissen will, Eunuchen zu diesem Zweck anstellt: so berichtet die heilige Geschichte von Esther und von den anderen Frauen des Ahasverus. Wir lesen auch von jenem vornehmen Schatzmeister der Königin von Candace, daß er ein Eunuch gewesen, zu dessen Bekehrung und Taufe der Apostel Philippus vom Engel des Herrn angewiesen wurde.
Solche Männer standen bei ehrbaren unbescholtenen Frauen von jeher in hohem Ansehen und genossen ihr besonderes Vertrauen, eben weil der Verkehr mit ihnen jeden Verdacht unmöglich machte. Von Origenes, dem größten aller christlichen Philosophen, erzählt die „Kirchengeschichte“ im sechsten Buch, er habe selbst Hand an sich gelegt, um bei dem Unterricht der Frauen, dem er sich widmete, von jeder Verdächtigung verschont zu bleiben. Dabei mußte ich mir sagen, daß es die göttliche Barmherzigkeit mit mir noch besser gemeint habe als mit jenem. Denn bei Origenes kann man der Ansicht sein, daß er im Übereifer gehandelt und so ein schweres Verbrechen an sich selbst verübt habe. Mich dagegen ließ Gott, um mich in ähnlicher Weise wie jenen freizumachen, durch fremde Schuld dasselbe erleben; auch die Schmerzen waren bei mir geringer, da mein Geschick mich so rasch und plötzlich ereilte; wurde ich doch im Schlaf überfallen, so daß ich fast nichts von Schmerz empfand, als man Hand an mich legte. Aber wenn damals mein körperlicher Schmerz verhältnismäßig gering war, so leide ich jetzt um so mehr unter der Verleumdung und der Verlust meines Ruhmes quält mich mehr als der Schaden an meinem Körper. Denn so steht geschrieben: „Ein guter Name ist besser als große Schätze Goldes“ — und der heilige Augustin sagt in einer Predigt über Leben und Sitten des Geistlichen: „Wer im Vertrauen auf sein gutes Gewissen keine Rücksicht auf seinen Ruf nimmt, der ist grausam gegen sich selbst.“ Und weiter oben: „Wir wollen nicht nur vor Gott, sondern auch vor den Menschen rechtschaffen dastehen. Für uns genügt das Zeugnis unseres Gewissens; aber der andern wegen darf unser guter Name nicht befleckt werden, sondern muß fleckenlos bleiben. Gewissen und Ruf sind zweierlei Dinge: an das eine magst du dich halten, an das andere hält sich dein Nächster.“
Aber würden jene Leute mit ihren bösen Zungen selbst Christum oder seine Glieder, die Propheten und Aposteloder sonst die heiligen Väter, verschont haben, wenn sie in jener Zeit gelebt hätten? besonders wenn sie gesehen hätten, wie diese Männer bei unversehrtem Körper gerade mit Frauen im vertrautesten Umgang standen. Auch der heilige Augustin zeigt in seinem Buch „Vom Werk der Mönche“, wie eben die Frauen die unzertrennlichen Begleiterinnen Christi und der Apostel gewesen, und daß sie ihnen überall folgten, wo sie predigend umherwanderten. „In ihrem Gefolge“ — sagte er — „befanden sich gläubige Frauen, die mit den Gütern dieser Welt gesegnet waren, und ihnen von ihrem Überfluß Handreichung thaten, damit sie an dem, was zum Unterhalt des Lebens nötig ist, keinen Mangel litten.“ Und wer es etwa nicht glauben wollte, daß die Apostel sich die Begleitung von frommen Frauen auf ihren Wanderungen haben gefallen lassen, der mag aus dem Evangelium selbst ersehen, wie sie hierin dem Beispiel des Herrn selber folgten. Es steht nämlich im Evangelium zu lesen: „Und es begab sich danach, daß er reisete durch die Städte und Märkte und predigte und verkündigte das Evangelium vom Reich Gottes und die Zwölfe mit ihm. Dazu etliche Weiber, die er gesund hatte gemacht von den bösen Geistern und Krankheiten, nämlich Maria, die da Magdalena heißet, von welcher waren sieben Teufel ausgefahren, und Johanna, das Weib Chusa, des Pflegers Herodis, und Susanna und viel andere, die ihnen Handreichung thaten von ihrer Habe.“ Auch Leo IX. sagt in seiner Erwiderung auf den Brief des Parmenianus „Über das Klosterleben“: „Wir halten durchaus daran fest, daß kein Bischof, Presbyter, Diakon oder Subdiakon unter dem Vorwande der Religion sich der Fürsorge für seine Ehefrau entschlagen darf; und zwar verstehen wir dies so, daß er sie mit Nahrung und Kleidung versorgen, nicht aber geschlechtlichen Umgang mit ihr haben soll.“ So haben es auch die heiligen Apostel gehalten, wie denn Paulus sagt: „Haben wir nicht auch Macht, eine Schwester als Weib mit umherzuführen, wie die Brüder des Herrn und Kephas?“ Thorheitwäre es zu behaupten, er habe gesagt: „Haben wir nicht auch Macht mit einer Schwester in der Ehe zu leben?“ Vielmehr heißt es ‚sie mit herumzuführen‘. Sie sollten also diese Frauen von dem Ertrag ihrer Predigt unterhalten, ohne doch durch das Band ehelichen Verkehrs vereinigt zu sein.
Jener Pharisäer, welcher von dem Herrn im stillen sagte: „Wenn dieser ein Prophet wäre, so wüßte er, wer und welch ein Weib das ist, die ihn anrühret, denn sie ist eine Sünderin“ — dieser Pharisäer konnte nach menschlichem Urteil viel eher dazu kommen, über Jesus einen schlimmen Verdacht zu fassen, als meine Gegner mir gegenüber Anlaß dazu hatten. Oder wer an die Mutter des Herrn denkt, die dem Jüngling anvertraut wird, und an die Propheten, die so vielfach bei Witwen zu Gaste waren und mit ihnen verkehrten, könnte ja am Ende darin noch viel eher etwas Verdächtiges sehen.
Ja, was hätten meine Neider erst gesagt, wenn sie jenen gefangenen Mönch Malchus, von welchem Hieronymus erzählt, mit seinem Weib unter einem Dach hätten leben sehen. Was hätten sie für ein Geschrei erhoben über eine Sache, von welcher der große Kirchenlehrer mit großer Anerkennung spricht. Nachdem er persönlich sich davon überzeugt hatte, läßt er sich folgendermaßen darüber aus: „Es war da ein hochbetagter Mann, Namens Malchus, in der dortigen Gegend selbst geboren. Eine alte Frau teilte mit ihm seine Wohnung. Beide waren voll religiösen Eifers und wichen nicht von der Schwelle der Kirche; man hätte sie für Zacharias und Elisabeth im Evangelium halten können, nur daß ein Johannes fehlte.“ Warum, frage ich, verleumden jene nicht auch die heiligen Väter, von denen wir so häufig lesen oder auch mit eigenen Augen sehen, daß sie Frauenklöster einrichten und sich in den Dienst derselben stellen — nach dem Beispiel jener sieben ersten Diakonen, welche von den Aposteln an deren eigener Stelle eingesetzt wurden, um für die leiblichen Bedürfnisse der Frauen zu sorgen. Dasschwächere Geschlecht ist auf die Hilfe des stärkeren angewiesen. Darum verordnet auch der Apostel, daß der Mann stets des Weibes Haupt sein solle; und des zum Zeichen sollen die Frauen ihr Haupt verhüllt tragen.
Darum bin ich auch nicht wenig erstaunt, daß in den Klöstern diese alten Bräuche längst vergessen sind, sofern man jetztÄbtissinnen über die Nonnen setzt, wie man für die MöncheÄbte hat und daß beide, Nonnen wie Mönche, auf ein und dieselbe Regel verpflichtet werden, während diese doch manches enthält, was von Frauen niemals eingehalten werden kann, von den Vorgesetzten so wenig wie von den Untergebenen. Vielfach kann man ja sogar die Beobachtung machen, daß das natürliche Verhältnis sich umgekehrt hat und Äbtissinnen und Nonnen über die Kleriker herrschen, von denen das Volk abhängig ist. Je unumschränkter ein solches Weiberregiment ist, desto leichter bietet sich die Gelegenheit, in den Männern unerlaubte Gelüste zu wecken und sie unter einem drückenden Joch zu halten. Darum sagt auch ein satirischer Dichter mit Recht: „Unerträglicher nichts, als Macht in den Händen des Weibes.“
Nachdem ich mich mit solchen Gedanken des öftern beschäftigt hatte, war ich zu dem Entschluß gekommen, für die Schwestern im Paraklet nach Möglichkeit zu sorgen und mich ihrer anzunehmen; auch, da ihre Verehrung für mich groß war, durch persönliche Anwesenheit bei ihnen aufmunternd zu wirken, und auf diese Weise ihren Bedürfnissen mehr Rechnung zu tragen. Gerade damals hatte ich häufiger und heftiger unter der Verfolgung meiner eigenen Söhne zu leiden als in früheren Zeiten unter derjenigen meiner Brüder; und so flüchtete ich mich aus der Drangsal dieses Sturmes zu den Schwestern wie in einen stillen Hafen, um dort ein wenig Atem zu schöpfen. Bei jenen Frauen gedachte ich einigermaßen im Segen zu wirken, der ich an den Mönchen keine Frucht erlebt hatte. Und je notwendiger meine Wirksamkeit ihrer Schwachheit war, desto segensreicher sollte siefür mich selber werden. Aber der Satan hat mir nicht vergönnt, irgendwo zur Ruhe zu kommen und ein menschenwürdiges Dasein zu führen; sondern der Fluch des Kain lastete auf mir: unstet und flüchtig umherzuirren von Ort zu Ort. Ich bin der Mann, den — wie ich schon sagte — „draußen Streit, drinnen Furcht“ unablässig quälen, ja, vielmehr beides zugleich innen und außen Streit und Furcht.
Die Angriffe, die ich von meinen Söhnen zu erleiden habe, sind viel gefährlicher und viel zahlreicher als die meiner Feinde. Denn mit meinen Söhnen muß ich fortwährend leben, und habe mich unausgesetzt ihrer Nachstellungen zu erwehren. Wenn mir mein Feind mit Gewalt nach dem Leben steht, so kann ich die Gefahr bemerken, wenn ich außerhalb des Klosters meines Weges ziehe. Aber im Kloster selber bin ich fortwährend gewaltthätigen wie hinterlistigen Angriffen ausgesetzt, und zwar von seiten meiner eigenen Söhne, d. h. der Mönche, die unter meiner, ihres Abtes, väterlicher Obhut stehen. O wie oft suchten sie mich durch Gift aus dem Weg zu schaffen, wie man es dem heiligen Benedikt bereitet hat. Derselbe Grund, der den heiligen Mann veranlaßt hat, seine Söhne zu verlassen, konnte auch mich dazu treiben, seinem Beispiel zu folgen; denn andernfalls setzte ich mich der sicheren Gefahr aus, und meine Verwegenheit konnte man mir eher als Leichtsinn gegen mich selbst und als ein Gottversuchen auslegen, denn als Liebe zu Gott.
Da ich vor derartigen Nachstellungen, die mir von seiten der Mönche täglich drohten, auf der Hut war so gut ich konnte und namentlich Speise und Trank, die ich zu mir nahm, sorgfältig überwachte, so suchten sie mich sogar während des Hochamts am Altar zu vergiften, indem sie mir Gift in den Kelch mischten. Als ich eines Tages nach Nantes ging, um den Grafen in seiner Krankheit zu besuchen und bei einem meiner leiblichen Brüder zu Gaste war, so versuchten sie, mich durch einen Diener aus meinem eigenenGefolge vergiften zu lassen, in der Meinung, daß ich auf einen Anschlag von dieser Seite nicht gefaßt sein werde. Allein der Himmel fügte es so, daß ich von der Speise, die man mir vorsetzte, nichts anrührte, während ein Klosterbruder, den ich mitgenommen hatte, ahnungslos davon aß und auf der Stelle tot niederfiel, worauf jener Diener, durch sein Gewissen und durch den unleugbaren Sachverhalt erschreckt, die Flucht ergriff. Da sich die Ruchlosigkeit meiner Mönche so schamlos breit machte, so ergriff ich von jetzt an ganz offen meine Vorsichtsmaßregeln so gut ich konnte: ich entfernte mich aus der Abtei und hielt mich mit wenigen Getreuen in kleinen Zellen auf. Hatten jene in Erfahrung gebracht, daß ich irgend wohin gehen müsse, so stellten sie gedungene Mörder auf meinen Weg, um mich auf die Seite zu schaffen.
Während ich in solchen Gefahren schwebte, traf mich auch noch die Hand des Herrn gar schwer: ich stürzte eines Tages vom Pferd und verletzte mich dabei an den Halswirbeln, und dieser unglückliche Sturz machte mir mehr zu schaffen als meine einstige Verletzung.
Von Zeit zu Zeit versuchte ich der unbändigen Zuchtlosigkeit der Mönche durch die Strafe der Exkommunikation entgegenzutreten, und einige von ihnen, die ich am meisten zu fürchten hatte, brachte ich dazu, daß sie mir durch einen feierlichen Eid vor Zeugen versprachen, die Abtei für immer zu räumen und mich in keiner Weise mehr zu beunruhigen. Allein sie brachen ganz offen und in frechster Weise Wort und Eidschwur und erst als Papst Innocenz selber sich der Sache annahm und einen besonderen Legaten deswegen entsandte, brachte man sie dazu, daß sie in Gegenwart des Grafen und der Bischöfe zu dem alten Versprechen und außerdem zu verschiedenen anderen Bedingungen aufs neue sich eidlich verpflichteten. Aber trotz alledem gaben sie noch immer keine Ruhe. Erst vor kurzem noch, als diese Menschen aus dem Kloster vertrieben waren und ich dahin zurückkehrte, um mich den Brüdern anzuvertrauen, die ich weniger fürchten zumüssen glaubte, mußte ich die traurige Erfahrung machen, daß die Zurückgebliebenen noch schlimmer waren als die anderen. Sie griffen allerdings nicht zum Gift, dafür aber bedrohten sie mein Leben mit dem Schwert, so daß ich mich unter dem Schutz eines angesehenen Herrn mit Mühe und Not rettete. Und selbst jetzt noch schwebt diese Gefahr über mir, und Tag für Tag sehe ich das Schwert über meinem Haupt hängen, so daß ich kaum ruhig bei Tische sitzen kann. Es ging mir wie jenem Mann, der die Macht und die Schätze des Tyrannen Dionysius für das höchste Glück der Erde hielt und durch den Anblick eines Schwertes, das an einem Faden über seinem Haupt hing, darüber belehrt wurde, was es mit dem Glück irdischer Macht für eine Bewandtnis habe. Dieselbe Erfahrung muß ich nun tagtäglich machen, der ich vom unscheinbaren Mönch zu der Würde des Abtes emporgestiegen bin und mit der größeren Ehre nur größere Mühsal mir erkoren habe, auf daß ich denen zum warnenden Beispiel dienen möge, die ihr Ehrgeiz nach hohen Dingen zu streben treibt.
Geliebter Bruder in Christo und altbewährter Freund! Was ich dir bis hierher mitgeteilt habe von der Geschichte meiner Leiden, die mich von der Wiege an ohne Aufhören heimgesucht haben, möge genügen, um dich über dein Mißgeschick zu trösten. Wie ich gleich im Anfang sagte, war es meine Absicht, dich zu der Überzeugung zu bringen, daß dein Leiden im Vergleich zu dem meinigen überhaupt nicht nennenswert oder doch erträglich sei. Je mehr es bei näherer Betrachtung an Schwere verliert, desto geduldiger magst du es tragen und dich trösten mit dem Wort, das Christus seinen Gliedern von den Gliedern des Satans vorausgesagt hat: „Haben sie mich verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen. So die Welt euch hasset, so wisset, daß sie mich vor euch gehasset hat. Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb.“ An einer andern Stelle sagt der Apostel: „Alle, die gottselig leben wollen in Christo, müssen Verfolgungleiden.“ Und ferner: „Gedenke ich Menschen zu gefallen? wenn ich den Menschen noch gefällig wäre, so wäre ich Christi Knecht nicht.“ Und der Psalmist sagt: „Die den Menschen gefallen, sind zu Schanden geworden, weil Gott sie verworfen hat.“ In diesem Sinn sagt auch der heilige Hieronymus, der mir die Leiden der Verleumdung als ein besonderes Erbteil hinterlassen zu haben scheint, in seinem Brief an Nepotianus: „Der Apostel schreibt: wenn ich den Menschen noch gefällig wäre, so wäre ich Christi Knecht nicht — er hat aufgehört, den Menschen zu gefallen und ist ein Knecht Christi geworden.“ Derselbe Kirchenlehrer schreibt an Asella in der Schrift über falsche Freunde: „Ich danke meinem Gott, daß ich würdig bin, von der Welt gehaßt zu werden.“ Und an den Mönch Heliodorus: „Du bist sehr im Irrtum, lieber Bruder, wenn du glaubst, daß ein Christ jemals der Verfolgung entgehen werde. Unser Widersacher schleicht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge, und du glaubst an Frieden? Der Feind lauert im Hinterhalt mit den Mächtigen dieser Welt.“
Aus solchen Sprüchen und Beispielen wollen wir Mut schöpfen und das was uns zustößt tragen, je unverdienter es ist, desto mutiger. Wenn unsre Leiden uns nicht zum Verdienst angerechnet werden, so dienen sie doch — so viel ist sicher — zu unserer Läuterung. Und weil doch alles nach Gottes Ratschluß sich vollzieht, so kann sich jeder Gläubige in aller Not wenigstens damit trösten, daß Gottes Güte nichts Unrechtes geschehen läßt und daß er selber alles, was der göttlichen Ordnung widerspricht, zu einem guten Ende führt. Darum ist es gut, in jeder Lebenslage zu sprechen: „Dein Wille geschehe.“
Welch kräftiger Trost für die, so Gott lieben, in dem Wort des Apostels: „Wir wissen, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum besten dienen.“ Dies meinte auch der Weiseste der Weisen, wenn er im Buch der Sprüche sagt: „Es wird dem Gerechten kein Leid geschehen, was ihm auchwiderfahre.“ Damit sagt er deutlich, daß diejenigen vom rechten Pfad abweichen, die sich gegen irgend eine Prüfung auflehnen, von der sie doch wissen, daß Gottes Hand sie ihnen auferlegt. Solche Menschen richten sich nach ihrem eigenen, statt nach Gottes Willen; sie führen wohl das Wort im Munde: „Dein Wille geschehe,“ aber die verborgenen Wünsche ihres Herzens stehen damit im Widerspruch, da sie ihren eigenen Willen über den Willen Gottes setzen. — Lebe wohl!
(Ihrem Herrn, ja vielmehr Vater; ihrem Gatten, vielmehr Bruder — seine Magd, nein, seine Tochter; seine Gattin, nein seine Schwester; ihrem Abaelard — Heloise.)
Der Brief, den Ihr einem Freund zum Trost geschrieben, innig geliebter Mann, ist vor kurzem durch einen Zufall in meine Hände gekommen. Gleich an den ersten Worten erkannte ich Euch und mit wahrer Gier verschlang ich den Brief; steht doch der Schreiber dieser Worte meinem Herzen so nahe! und habe ich ihn selbst gleich für immer verloren, so sollten doch seine Worte, aus denen sein teures Bild mich ansah, mein Herz erquicken.
Freilich, ich weiß, deine Worte waren voll Galle und Wermut, da du, mein Einziger, die traurige Geschichte unserer Bekehrung und deine endlosen Leiden erzähltest. In der That: du hast gehalten, was du dem Freund im Anfang des Briefes versprochen: er konnte wirklich seine eigenen Beschwerden, wenn er sie mit den deinigen verglich, für nichts oder doch für gering ansehen. Du schilderst die Verfolgungen, die du von seiten deiner Lehrer zu erdulden hattest und die ruchlose Schandthat, die man an deinem Leibe verübthat, endlich die verabscheuungswürdige Mißgunst und Gehässigkeit deiner eigenen Mitschüler, des Alberich von Reims und Lotulfs, des Lombarden. Du erzählst das traurige Schicksal, das infolge ihrer Verleumdung dein ruhmvolles theologisches Werk ereilte, und wie du selbst zur Kerkerhaft verurteilt wurdest. Alsdann kommst du an die Erzählung von der Tücke deines Abtes und deiner falschen Brüder und von dem schweren Schaden, den dir jene beiden Lügenapostel zufügten, aufgehetzt von den oben genannten Nebenbuhlern, und gedenkst ferner des Ärgernisses, das viele daran nahmen, daß du dein Oratorium gegen das gewöhnliche Herkommen dem Parakleten weihtest. Und endlich beschließest du die Geschichte deiner Leiden mit der Schilderung jener schrecklichen Verfolgungen, die du durch deinen unversöhnlichen Feind und die ruchlosen Mönche, die du deine Söhne nennst, zu erdulden hattest und vor welchen du selbst jetzt noch nicht sicher bist.
Niemand, glaube ich, kann diese traurige Geschichte trockenen Auges lesen oder anhören. Je lebhafter und eingehender deine Schilderungen sind, desto lebhafter ist das Gefühl des Schmerzes, das sie aufs neue in mir weckten; ja, meine Angst wächst noch im Gedanken daran, daß du selber von immer noch wachsenden Gefahren sprichst. So müssen wir denn alle für dein Leben zittern, und mit klopfendem Herzen und bebender Brust Tag für Tag der Trauerbotschaft von deinem Tode gewärtig sein. Darum im Namen dessen, der dich bisher aus allen Gefahren zu seiner Ehre gerettet hat, im Namen Jesu Christi bitten wir dich, du mögest seinen und deinen Dienerinnen durch öftere Nachricht Gewißheit verschaffen über die Stürme, von denen dein Lebensschiff jetzt noch hin- und hergeworfen wird; so wirst du wenigstens an uns, die wir allein dir treu geblieben, Genossinnen deiner Leiden und deiner Freuden haben. Geteilter Schmerz, sagt man ja, ist halber Schmerz, und jede Last wird leichter oder läßt sich ganz vergessen, wenn andere daran mittragen. Und wenn der gegenwärtige Sturm sich ein wenig gelegt hat,dann laß es uns um so früher wissen und solche Botschaft wird uns um so willkommener sein. Im übrigen: was es auch sei, das du uns schreibst, immer werden deine Briefe eine Wohlthat für uns sein schon darum, weil wir daran sehen, daß du unsrer gedenkst. Welche Freude uns Briefe von Freunden in der Ferne bereiten, das bestätigt Seneca aus eigener Erfahrung; in einem Brief an seinen Freund Lucilius heißt es: „Ich bin dir sehr dankbar, daß du mir so fleißig schreibst. Ist dies doch unter den gegebenen Umständen die einzig mögliche Art, dich bei mir einzustellen. Jeder Brief, den ich von dir erhalte, schlingt das Band der Gemeinschaft um uns. Wir erfreuen uns an den Bildern der fernen Freunde, weil die Erinnerung an sie dadurch aufgefrischt wird und weil uns der Anblick des Bildes für die mangelnde Gegenwart derselben ein Ersatz ist, wenngleich ein trügerischer und dürftiger. Wie viel wertvoller müssen uns erst Briefe sein, die uns wirkliche Lebenszeichen von dem abwesenden Freunde geben!“ Gott sei Dank, daß du wenigstens auf diese Weise unter uns weilen kannst, ohne die Verleumdung fürchten zu müssen und ohne auf Hindernisse zu stoßen: darum beschwöre ich dich, du wollest nicht gleichgültig säumen!
Den Freund hast du in einem ausführlichen Brief getröstet und hast ihm deine eigenen Mühsale erzählt, damit er die seinigen vergesse. Während du aber ihn mit der ausführlichen Schilderung deiner Leiden zu trösten suchtest, hast du uns jeder Hoffnung beraubt; während duseineWunden zu heilen dich bestrebtest, hast du uns neue schmerzliche Wunden geschlagen und die alten noch vertieft. Heile nun, ich bitte dich, wo du selber verletzt hast, der du, was andre verübt haben, gut zu machen bestrebt bist. Deinem Freund und Genossen hast du Genüge gethan und hast ihm den Zoll der Freundschaft und Brüderlichkeit entrichtet: uns gegenüber jedoch bist du noch mehr verpflichtet; denn wir dürfen uns nicht bloß deine Freundinnen, sondern deine Herzensvertrauten,nicht deine Genossinnen, vielmehr deine Töchter nennen, oder wenn es einen anderen Namen giebt, noch süßer, noch heiliger: uns kommt er zu. Wie sehr du aber unser Schuldner bist, dafür braucht es keine Beweise, keine Zeugen; hier ist ein Zweifel nicht möglich, und wenn alle schweigen, die Sache selbst redet laut und deutlich. Du allein bist, nächst Gott, der Gründer dieses Klosters, du allein der Erbauer dieses Oratoriums, du und nur du der Stifter dieser heiligen Gemeinschaft. Nicht auf fremden Grund hast du gebaut. Deine Schöpfung ist alles, was hier ist. Wildnis war ringsumher, nur wilden Tieren oder Räubern eine Zuflucht gewährend; nirgends eine menschliche Wohnung, kein Haus weit und breit. Unter den Lagerstätten des Wildes, bei den Höhlen der Räuber, wo selbst der Name Gottes unbekannt war, hast du das göttliche Tabernakel aufgerichtet und einen Tempel dem heiligen Geist geweiht. Nicht hast du zum Bau desselben Könige und Fürsten um ihre Schätze angegangen, obwohl du sie in reicher Fülle hättest haben können; vielmehr alles was geschah, wolltest du dir allein verdanken. Geistliche und Schüler, die um die Wette hier zusammenströmten, um deinen Unterricht zu genießen, thaten die nötige Handreichung. Leute, die selber auf Kosten der Kirche ihren Unterhalt fristeten, die nicht ans Schenken denken konnten, sondern nur aufs Empfangen angewiesen waren, und welche die Hand nicht zum Geben, sondern nur zum Nehmen offen hatten: die waren jetzt mit Leistungen zur Hand und waren verschwenderisch damit.
Dein also, ja wirklich dein eigen ist diese neue gottgeweihte Pflanzung und das Wachstum ihrer zarten Sprossen erheischt reichliche Bewässerung. Schon infolge der zarten Natur ihres Geschlechts ist es ja eine schwache Pflanzung; sie wäre nicht stark, auch wenn sie nicht so jung wäre. Darum hat sie sorgfältige und vielfache Pflege nötig nach jenem Wort des Apostels: „Ich habe gepflanzt, Apollo hat begossen, aber Gott hat das Gedeihen gegeben.“ Gepflanzthatte der Apostel und im Glauben begründet durch Lehre und Predigt die Korinther, denen er schrieb. Begossen hatte sie später des Apostels Schüler Apollo mit frommen Mahnungen, und also wurde ihnen durch die göttliche Gnade Wachstum in aller Tugend geschenkt. Den fremden Weinstock, den du nicht gepflanzt und dessen Süßigkeit sich dir in Bitternis verwandelt hat, suchst du vergeblich mit Mahnung und frommer Zurede zu erbauen. Denke doch an deine eigene Pflanzung, der du auf die fremde so viel Sorgfalt verwendest. Du lehrst und mahnst die Empörer und richtest nichts aus. Vergeblich wirfst du die Perlen des göttlichen Worts vor die Säue. Der du für Widerspenstige also viel übrig hast, vergiß nicht, was du denen schuldig bist, die dir gerne gehorchen. Deinen Widersachern schenkst du so reichlich, o gedenke auch deiner Töchter! Um von den Schwestern zu schweigen: wäge selbst die Schuld ab, die du mir gegenüber einzulösen hast, und was du den frommen Frauen allen zusammen schuldest, das entrichte um so gewissenhafter der einen, die ganz und gar dein ist. Die zahlreichen, ausführlichen Schriften der heiligen Väter zur Belehrung, Mahnung und Tröstung frommer Frauen, und die Liebe, mit welcher dieselben geschrieben wurden, sind deinem hohen Wissen besser bekannt als meinem geringen Gedächtnis. Darum hat es mich nicht wenig befremdet, daß du das von dir begonnene Werk unsrer gottgeweihten Lebensgestaltung sobald wieder vergessen konntest. Nicht Gottesfurcht, nicht Liebe zu uns, nicht das Beispiel der heiligen Väter konnte dich bewegen, selber zu mir zu kommen, mich zu trösten oder doch durch Briefe mein unruhiges Herz aufzurichten, das sich in seinem alten Gram verzehrt.
Und doch, du weißt es wohl, daß du mir vor andern verpflichtet bist; ist es doch das heilige Band der Ehe, das uns verbunden hält, und mein Schuldner bist du um so mehr, als ich dich allezeit — wer weiß es nicht? — mit grenzenloser Liebe umfaßt habe. Du weißt es, Geliebter,und die Welt weiß es, was ich in dir verloren habe, und wie jene allgemein bekannte verräterische Schandthat mich so vernichtend getroffen hat wie dich, und daß mich die Art und Weise des Verlustes unendlich tiefer schmerzt als das Unglück selbst. Aber wo viel Grund zum Schmerz vorhanden ist, da müssen auch stärkere Trostmittel angewandt werden. Aber nicht fremden Trostes begehr’ ich, sondern du allein, der du meines Leidens Grund bist, du allein magst mich nun auch trösten. Du allein kannst mich elend machen, du nur mein Herz erfreuen und mich trösten. Und du allein hast auch die Pflicht es zu thun; war ich doch allezeit deinem Willen so blind ergeben, daß ich auf ein Wort von dir mich selbst vernichtet hätte, denn dir zuwider zu handeln, war mir unmöglich.
Aber noch mehr widerfuhr mir, noch Seltsameres; meine Liebe selbst wurde zum Wahnsinn, also daß sie selber auf das, was sie einzig begehrte, verzichtete ohne Hoffnung, es je wieder zu erlangen. Dies geschah damals, als ich deinem Willen gehorsam zugleich mit dem Gewand auch mein Herz zu ändern unternahm, um dir zu zeigen, daß du allein Herr meines Leibes und meiner Seele seist. Nichts habe ich je bei dir gesucht — Gott weiß es — als dich selbst; dich nur begehrt’ ich, nicht das, was dein war. Kein Ehebündnis, keine Morgengabe hab ich erwartet; nicht meine Lust und meinen Willen suchte ich zu befriedigen, sondern den deinen, das weißt du wohl. Mag dir der Name „Gattin“ heiliger und ehrbarer scheinen, mir klang es allzeit reizender, deine „Geliebte“ zu heißen; oder gar — verarg es mir nicht — deine „Buhle“, deine „Dirne“. Je tiefer ich mich um deinetwillen erniedrigte, desto mehr wollte ich dadurch Gnade vor deinen Augen finden, und um so weniger dachte ich auf diese Weise deinem glänzenden Rufe zu schaden. Und du selbst sprichst in jenem Trostbrief an deinen Freund von dieser meiner Gesinnung. Du hast es nicht verschmäht, einige der Gründe anzuführen, mit denen ich versuchte, dir den unseligenGedanken an ein Ehebündnis auszureden; allein du hast diejenigen fast alle unerwähnt gelassen, die mich bestimmten, die Liebe der Ehe, die Freiheit dem Zwang vorzuziehen. Gott ist mein Zeuge: wollte mich heute der Kaiser, der Herr der Welt, der Ehre seines Ehebetts würdigen und mich für immer über die ganze Welt gebieten lassen: für süßer und würdiger achtete ich’s, deine Buhle zu heißen als seine Kaiserin. Denn der Wert eines Menschen richtet sich ja nicht nach seinem Reichtum und seiner Macht, diese sind Zufall, jener ist Verdienst. Die muß sich ja selbst für eine feile Person halten, die einen Mann seines Goldes wegen einem Armen vorzieht und weniger den Mann selber begehrt als das, was er hat. Gewiß, die Frau, die ein solches Gelüste zur Ehe treibt, sollte man bezahlen, nicht lieben. Denn es liegt ja auf der Hand, daß sie nach dem Besitz verlangt, nicht nach dem Mann, und daß sie sich, wenn sie nur Gelegenheit hätte, einem reicheren Mann noch lieber preisgeben würde. Diesen Sinn hat auch eine philosophische Ausführung der berühmten Aspasia, die sie in einem Gespräch mit Xenophon und seiner Gattin bei Äschines, einem Schüler des Sokrates, vorbrachte. Die Philosophin wollte die beiden Gatten miteinander aussöhnen und schloß ihre Beweisführung mit folgenden Worten: „Sobald ihr es dahin gebracht habt, daß es in der ganzen Welt keinen Mann und kein Weib giebt, besser und auserlesener als ihr, werdet ihr sicherlich das zu erlangen suchen, was ihr für das beste haltet: du wirst die beste Frau haben wollen und sie wird mit dem besten Mann verheiratet sein wollen.“