Wahrlich ein verehrungswürdiger und mehr als philosophischer Ausspruch, der aus der Weisheit selbst, nicht bloß aus der Liebe zur Weisheit stammt! Heiliger Irrtum, selige Täuschung, wo die eheliche Liebe so groß ist,daß eins das andre für vollkommen hält; da wird das Band der Ehe unverletzt erhalten bleiben nicht durch die Keuschheit des Leibs, sondern durch die Einfalt der Seelen. Aber was bei denandern doch immer nur eine Einbildung ist, das habe ich wirklich und wahrhaftig besessen. Denn was andere Frauen in ihre Männer nur hineinlegen, das habe ich, das hat die ganze Welt von dir nicht bloß geglaubt, sondern sicher gewußt, und so ist denn meine Liebe zu dir um so wahrhaftiger, je mehr der Irrtum von ihr ausgeschlossen ist.
Denn wo ist der König oder der Weise, der dir an Ruhm gleichkäme? In welchem Land, in welcher Stadt, in welchem Dorf war man nicht darauf erpicht, dich zu sehen? Wer, frage ich, beeilte sich nicht, dich zu erblicken, wenn du in der Öffentlichkeit erschienst, und zogst du dich zurück, folgte man dir da nicht nach mit gerecktem Hals und unverwandtem Blick? Sehnte sich nicht jede Frau, jedes Mädchen nach dem Abwesenden? Glühten sie nicht alle für dich, wenn du zugegen warst? Welche Fürstin, welche hohe Dame beneidete mich nicht um meine Freuden, um das Lager meiner Liebe?
Ein Zwiefaches war es vor allem, das dir die Herzen aller Frauen unfehlbar gewann: die Gabe der Dichtung und des Gesanges, die man sonst meines Wissens bei Philosophen nicht findet. Bei ihr erholtest du dich wie bei einem Spiel von den Anstrengungen deiner geistigen Arbeit, und eine ganze Anzahl von Gedichten und Liebesweisen sind von dir noch vorhanden, die um ihres schönen Wortlauts und um ihrer lieblichen Melodie willen oft und viel gesungen deinen Namen in aller Munde lebendig erhielten. Schon die Anmut deiner Weisen machte auch ungebildete Leute mit deinem Namen vertraut. Und das vor allem war der Zauber, mit dem du den Frauen Seufzer der Liebe entlocktest. Die große Mehrzahl dieser Gedichte feierte unsere Liebe und so klang mein Name in kurzem weit hinaus in die Lande und weckte in mancher Frau die Eifersucht. Denn welche Gabe des Körpers und des Geistes zierte nicht deine Jugend? Welche Frau, die mich einst beneidete, würde nicht jetzt, da ich solcher Wonne beraubt bin, durch mein Unglück zum Mitleid gestimmt? Wo ist der Mann, die Frau, und wären sie mireinst noch so feind gewesen, die sich jetzt nicht erweichen ließen durch das natürliche Gefühl des Mitleids mit mir?
Ganz schuldig bin ich, und doch auch, du weißt es, ganz und gar schuldlos. Denn nicht die bloße That für sich, sondern die Gemütsverfassung des Thäters muß man in Betracht ziehen, und ein billiger Richter sieht nicht allein darauf, was geschieht, sondern in welcher Gesinnung etwas geschieht. Welche Gesinnung mich aber dir gegenüber allezeit beseelt, das kannst du allein beurteilen, der du’s erfahren hast. Deinem Urteil überlasse ich ruhig alles, deiner Entscheidung füge ich mich in allen Stücken.
Nur das eine sag mir, wenn du kannst: warum du nach meinem Eintritt ins Kloster, der doch nur auf dein Geheiß geschah, mich so ganz vernachlässigt und vergessen hast, daß mir weder die Erquickung des mündlichen Wortes, noch der Trost eines Briefes von deiner Seite zu teil wurde. Warum das? sag an, wenn du kannst, oder ich spreche aus, was ich denke, ja, was jedermann argwöhnt. Ach! Begierde mehr als Freundschaft gesellte dich zu mir, glühende Sinnenlust mehr als Liebe. Nun dahin ist, was du begehrtest, ist auch das Gefühl erloschen, das du einst an den Tag legtest, um dein Ziel zu erreichen. Das, mein Geliebter, ist nicht etwa meine besondere Meinung, sondern alle Welt denkt so.
Wäre es doch nur ein Wahn von mir! Daß es doch eine Rechtfertigung deiner Liebe gäbe, durch die mein Schmerz einigermaßen besänftigt werden könnte! Könnte ich doch Gründe entdecken, dich zu entschuldigen und zugleich mein Elend zu decken!
Höre meine Bitte, ich beschwöre dich! Ihre Erfüllung ist dir ein Geringes und Leichtes. Da ich nun einmal deiner Gegenwart beraubt bin, so laß doch in Worten der Liebe, die dir so reichlich zu Gebote stehen, dein süßes Bild bei mir einkehren! Wie darf ich auf deine Freigebigkeit hoffen, wenn es sich einmal wirklich darum handelt, da du selbst mit deinen Worten geizest. Ich hatte geglaubt, ich hätte mir ein Rechtauf deinen Dank erworben, da ich um deinetwillen alles that und bis heute unter deinem Willen stehe. Denn nicht Frömmigkeit, sondern dein Wille allein hat mich in blühender Jugend dem düsteren Klosterleben zugeführt; habe ich dadurch nicht deinen Dank verdient, dann — das mußt du selbst sagen — war mein Opfer vergeblich. Denn von Gott versehe ich mich keines Lohns dafür, da nimmermehr aus Liebe zu ihm geschehen ist, was ich gethan.
Da du bei Gott deine Zuflucht suchtest, bin ich dir gefolgt, nein, vorangeeilt bin ich dir. Als dächtest du an Lots Weib, das sich einst rückwärts wandte, hast du erst mich den Schleier nehmen und das Gelübde ablegen lassen, ehe du selbst dich Gott zum Eigentum weihtest. Mit Schmerz und Scham hat es mich erfüllt, ich sage es offen, daß du mir damals weniger zutrautest als dir selbst. Und doch, bei Gott, ich wäre auf dein Wort ohne Zögern dir in die Hölle vorangeeilt oder gefolgt. Mein Herz war ja nicht mehr mein, ich hatte es an dich verloren. Und wenn es jetzt auch bei dir keine Statt mehr findet, dann hat es überhaupt keine Heimat mehr, denn ohne dich mag es nirgendwo sein. Ach, laß es bei dir geborgen sein, ich bitte dich drum. Und wohlgeborgen wird es bei dir sein, wenn es dich gütig findet, wenn du Liebe mit Liebe vergelten willst, Großes mit Kleinem, Opfer mit Worten. Ach, wärst du, Geliebter, meiner Liebe doch nicht so sicher, du würdest dich mehr darum sorgen! Nun, da ich dich so sicher gemacht, muß ich deine Gleichgültigkeit tragen. Ach, denke dran, was ich für dich gethan habe und vergiß nicht, was du mir schuldest. Als ich des Fleisches Lust in deinen Armen genoß, da konnte man zweifeln, ob Liebe oder Lüsternheit mich dazu treibe. Jetzt aber zeigt ja der Ausgang, was für Gefühle mich einstens geleitet haben. Auf alle Freuden habe ich verzichtet, um deinem Willen zu leben. Nichts habe ich mir zurückbehalten, als den Wunsch, ganz und gar nur dir zu gehören.
Darum bedenke, wie ungerecht du an mir handelst, wenndu mir geringeren Dank entrichtest als ich verdiene, oder wenn du überhaupt nichts für mich übrig hast — zumal da es ja ein Geringes und eine Kleinigkeit für dich ist, was ich verlange. Darum, bei dem Gott, dem du dich zu eigen gegeben, beschwöre ich dich: erfreue mich mit deiner Gegenwart, so gut es geht und laß mir zum Trost wenigstens eine schriftliche Kunde von dir zukommen, damit ich, also gestärkt, mit neuer Freudigkeit dem Dienste Gottes mich weihen möge.
Ach, einstens, da du die Freuden der Welt bei mir suchtest, spartest du deine Briefe nicht, und der Name deiner Heloise, in so manchem Liede gefeiert, war in aller Munde; auf allen Gassen, in jedem Hause erklang er. Wie vielmehr solltest du mich jetzt zur Gottesliebe erwecken, da du mich einst zur Wollust verlocktest!
Bedenke, was du mir schuldest und höre auf meine Bitte. Und so laß mich den langen Brief mit dem kurzen Worte beschließen: Lebe wohl, du mein Ein und Alles!
(An Heloise, seine geliebte Schwester in Christo — Abaelard, ihr Bruder im Herrn.)
Daß ich seit unserem Rückzuge aus der Welt zu Gott noch keine Worte des Trostes und der Mahnung an dich geschrieben habe, darfst du nicht meiner Gleichgültigkeit zuschreiben, sondern deiner eigenen Verständigkeit, auf welche ich allezeit große Stücke gehalten habe. Ich dachte nicht, daß du es nötig hättest, da dich die göttliche Gnade mit allem, was not thut, überreichlich ausgestattet hat — also, daß du selber die Irrenden durch Wort und Beispiel belehren, die Kleinmütigen trösten, furchtsame Seelen aufrichten kannst;und dieses zu thun, bist du ja schon seit jener Zeit gewöhnt, da du noch einerÄbtissin untergeben warst und das Amt einer Priorin bekleidetest. Wenn du jetzt mit derselben Liebe für deine Töchter besorgt bist, wie ehemals für die Schwestern, so wirst du gewiß allen Ansprüchen genügen und einer Belehrung und Mahnung von meiner Seite wird es dann sicher nicht bedürfen. Wenn du aber in deiner Bescheidenheit anderer Meinung bist und auch in religiösen Dingen meine schriftliche Belehrung nötig zu haben glaubst, so teile mir mit, über welchen Gegenstand du belehrt sein willst und ich werde dir antworten, soweit der Herr mir die Kraft dazu schenkt.
Gott aber sei gedankt, der eurem Herzen die Sorge um die schweren und beständigen Gefahren, denen ich ausgesetzt bin, eingeflößt und euch zu Genossinnen meiner Anfechtungen gemacht hat. So wird Gottes Barmherzigkeit mich um eurer Gebete willen beschützen und bald den Satan unter meine Füße treten. Darum beeile ich mich, dir den Psalter zu schicken, den du so dringend verlangtest, liebe Schwester, einst in der Welt mir so teuer und noch viel teurer jetzt in Christo. Aus ihm magst du zur Sühnung meiner vielen schweren Sünden und zur Abwehr der Gefahren, die mir täglich drohen, dem Herrn ein beständiges Gebetsopfer entrichten.
Wie viel aber bei Gott und seinen Heiligen das Gebet der Gläubigen vermag, insbesondere das Gebet von Frauen für solche, die ihnen lieb sind und dasjenige der Gattinnen für ihre Männer, dafür haben wir viel Zeugnisse und Beispiele. Dies hat auch der Apostel im Auge, wenn er uns mahnt, ohne Unterlaß zu beten. Wir lesen, daß der Herr zu Moses sagte: „Laß mich, daß mein Zorn über sie ergrimme.“ Und zu Jeremia spricht der Herr: „Du sollst für dies Volk nicht bitten und mir nicht widerstehen.“ In diesen Worten gesteht der Herr selbst deutlich zu, daß durch das Gebet der Gerechten seinem Zorn gewissermaßen ein Zügel angelegt werde, damit er nicht in seiner ganzen Schwere überdie Sünder komme, wie sie es eigentlich verdienen. Seine Gerechtigkeit treibt ihn unwillkürlich zur Rache, aber die Fürbitte der Frommen stimmt ihn um und nötigt ihn gleichsam gegen seinen Willen, einzuhalten. Und so wird dem, der bittet oder bitten will, gesagt: „Laß mich und widerstehe mir nicht!“ Der Herr verbietet also, daß man für den Gottlosen bete. Allein der Fromme legt Fürbitte ein gegen den Willen Gottes, und wirklich erlangt er von ihm, was er bittet, und hebt den Spruch des erzürnten Richters auf. So heißt es denn weiter von Moses: „Und der Herr ließ sich versöhnen und strafte sein Volk nicht, wie er gesagt hatte.“ An einer andern Stelle heißt es von den Werken Gottes überhaupt: „Er spricht, so geschieht’s.“ Hier aber wird erzählt, Gott habe zwar gesagt, daß sein Volk Strafe verdiene, allein durch die Kraft des Gebetes umgestimmt, habe er seine Drohung nicht ausgeführt.
Erkenne daraus, wie groß die Wirkung des Gebets ist, wenn wir so beten, wie wir sollen: hat doch der Prophet selbst durch ein Gebet, das Gott ihm eigentlich verboten hatte, erreicht was er wollte, und hat den Herrn dadurch von seinem Vorhaben abgebracht.
Ein anderer Prophet sagt zu ihm: „Und wenn du erzürnt bist, so gedenke deiner Barmherzigkeit.“ Das mögen die Fürsten dieser Welt zu Herzen nehmen und danach thun, die so oft unter dem Vorwand der unbeugsamen Gerechtigkeit mehr eigensinnig als gerecht erfunden werden; die nicht barmherzig sein wollen, weil sie fürchten für schwach gehalten zu werden oder für wortbrüchig, wenn sie einen Befehl, den sie erlassen, abändern, eine unüberlegt getroffene Bestimmung nicht ausführen, womit sie doch nur ihre Worte durch ihre Handlungen verbessern würden. Solche Menschen sind wie Jephtha, der die Thorheit seines Gelübdes noch dadurch steigerte, daß er es erfüllte und sein einziges Kind opferte. Wer aber ein Kind Gottes sein will, der spricht mit dem Psalmisten: „Deine Barmherzigkeit und dein Gericht will ich preisen, oHerr.“ — „Die Barmherzigkeit“ — heißt es in der Schrift — „rühmet sich wider das Gericht.“ Aber wohlgemerkt: die heilige Schrift enthält auch die Drohung: „Es wird ein unbarmherziges Gericht über den gehen, der nicht Barmherzigkeit gethan hat.“
So hat auch der königliche Psalmsänger selber auf die Bitte der Gattin Nabals, des Karmeliten, seinen Eid, den er nach dem Recht geschworen hatte, ihren Mann und sein Haus zu vernichten, aus Mitleid rückgängig gemacht. Er hat also das Flehen über die Gerechtigkeit gestellt, und was der Mann verbrochen hatte, wurde durch die Fürbitte der Frau wieder gutgemacht.
Dies, liebe Schwester, möge dir ein Vorbild und eine sichere Bürgschaft sein: wenn schon das Gebet dieses Weibes bei einem Menschen so viel vermochte, so kannst du daraus sehen, wie viel erst deine Fürbitte für mich bei Gott auszurichten vermag. Gott, der unser Vater ist, liebt ja seine Kinder mehr als David jenes bittende Weib liebte. David war ja wohl fromm und barmherzig; Gott aber ist die Liebe und Barmherzigkeit selber. Und jene Frau, die damals ihre Bitte vorbrachte, gehörte der Welt an und weltlichem Volk, und war nicht, wie du, Gott geweiht durch ein heiliges Gelübde. Und sollte dein eigenes Gebet nicht zum Ziele führen, so wird die heilige Schar der Jungfrauen und Witwen, die um dich ist, gewiß das erlangen, wozu dein Gebet allein nicht ausreicht. Jesus sagt zu seinen Jüngern: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen“ und weiter: „Wo zwei unter euch eins werden auf Erden, warum es ist, daß sie bitten wollen, das soll ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel.“ Ist hieraus nicht deutlich zu sehen, wie viel das inständige Gebet einer frommen Gemeinschaft bei Gott vermag? Der Apostel sagt: „Das Gebet des Gerechten vermag viel, wenn es ernstlich ist“ — wie viel dürfen wir dann erst von dem Gebet einer frommen Gemeinde erwarten?
Aus der 38. Homilie des heiligen Gregor weißt du, geliebte Schwester, wie einem Bruder ganz gegen seinen Willen das Gebet der Mitbrüder mächtig geholfen hat. Deiner Klugheit ist wohl bekannt, was dort erzählt wird: wie der Mann schon in den letzten Zügen lag, wie seine arme Seele mit der Todesangst rang, und wie er in seiner Verzweiflung im Lebensüberdruß die Brüder vom Gebet abhalten wollte. Möge dies Beispiel dir und dem Konvent der frommen Schwestern Mut machen, für mich zu beten, auf daß der mich euch am Leben erhalte, durch den, nach dem Zeugnis des Paulus, „die Weiber haben selbst ihre Toten von der Auferstehung wiedergenommen.“
Schlage die Schriften des alten und neuen Bundes nach und du wirst finden, daß die großen Wunder der Totenerweckung allein oder vornehmlich Frauen zulieb geschehen sind, für sie oder an ihnen bewirkt wurden. Das Alte Testament weiß von zwei Toten, die auf die Bitte ihrer Mütter durch Elias und durch dessen Schüler Elisäus erweckt wurden. Das Evangelium aber erzählt von drei Totenerweckungen, welche der Herr Frauen zuliebe vollzogen hat, und jenes Wort des Apostels, das ich oben angeführt habe, erhält dadurch seine Bestätigung: „Die Weiber haben ihre Toten von der Auferstehung wiedergenommen.“ Den Sohn der Witwe von Nain hat Jesus vor dem Thore der Stadt erweckt und hat ihn, von Mitleid bewegt, seiner Mutter wiedergegeben. Auch Lazarus, seinen Freund, hat er auf die Bitten seiner Schwestern Maria und Martha ins Leben zurückgerufen. Und wenn er dem Töchterlein des Jairus dieselbe Gnade auch auf die Bitte ihres Vaters erwiesen hat, so haben doch auch hier „die Weiber ihre Toten von der Auferstehung wiedergenommen“; denn wie jene den Leichnam der Ihrigen, so erhielt sie ihren eigenen Leib aus den Banden des Todes zurück. Und diese Erweckungen geschahen alle auf die Bitte einer kleinen Anzahl von Leuten. Wenn aber eure ganze fromme Gemeinschaft sich im Gebet für die Erhaltung meines Lebens vereinigt,so wird eure Bitte gewiß erfüllt werden. Je mehr das Gelübde der Armut und Keuschheit, das ihr Gott abgelegt habt, angenehm vor ihm ist, desto geneigter werdet ihr ihn finden. Und vielleicht waren die meisten von denen, welche vom Tod erweckt wurden, nicht einmal Gläubige; wenigstens lesen wir von jener Witwe, der Jesus ihren Sohn erweckte, ohne daß sie darum bat, nicht, daß sie gläubig gewesen sei. Uns aber verbindet miteinander nicht allein die Gemeinschaft des unverfälschten Glaubens, sondern auch ein und dasselbe heilige Gelübde.
Aber ich will von der heiligen Gemeinschaft eures Kollegiums schweigen, in welchem die Schar frommer Jungfrauen und Witwen Gott beständig dient. Ich will allein von dir reden, deren Frömmigkeit gewiß bei Gott viel vermag, und die mir besonders jetzt ihre Hilfe nicht versagen darf, da ich mit so viel Mißgeschick zu kämpfen habe. Gedenke in deinen Gebeten allezeit dessen, der dein ist in ganz besonderem Sinn und wache mit um so größerem Vertrauen im Gebet, als du ja weißt, daß es nur recht und billig ist, was du thust, und daß du dem, zu welchem du flehst, nur um so angenehmer bist um deines Gebetes willen.
Höre mit dem Ohr des Herzens, was du schon so oft mit dem leiblichen Ohr gehört hast. In den Sprüchen steht geschrieben: „Ein fleißiges Weib ist eine Krone ihres Mannes“ und „Wer eine Ehefrau findet, der findet was Gutes und bekommt Wohlgefallen vom Herrn“. Weiter heißt es; „Haus und Güter vererben die Eltern, aber ein vernünftiges Weib kommt vom Herrn“. Der „Prediger“ aber sagt: „Selig der Mann, dem ein gutes Weib beschieden ist“, und bald darauf: „Ein gutes Weib, ein gutes Teil.“ Und die Meinung des Apostels ist: „Der ungläubige Mann ist geheiligt durch ein gläubiges Weib“. Diese Wahrheiten hat die göttliche Gnade gerade in unserer Heimat, im Frankenreich, durch ein glänzendes Beispiel bestätigt. Wurde ja doch der König Chlodwig nicht durch die Predigt der Priester, sondern durchdas Gebet seiner Gemahlin dem christlichen Glauben zugeführt; das ganze Reich wurde infolgedessen unter das göttliche Gebot gestellt, und durch das Beispiel der Großen wurden die Unterthanen zur Beharrlichkeit im Gebet veranlaßt.
Zu solcher Ausdauer ladet uns gar dringend das Gleichnis des Herrn ein, in welchem er sagt: „Und ob er nicht aufstehet und giebt ihm darum, daß er sein Freund ist, so wird er doch um seines unverschämten Geilens willen aufstehen und ihm geben, wieviel er bedarf.“ Mit dieser — wenn man so sagen darf — Aufdringlichkeit des Gebetes hat Moses, wie ich oben erwähnt, die Strenge der göttlichen Gerechtigkeit erweicht und Gottes Spruch aufgehoben.
Du weißt es, Geliebte, welche Liebesglut einst euer ganzer Konvent in den Gebeten für mich an den Tag legte, da ich noch unter euch weilte. Jeden Tag pflegtet ihr zum Abschluß der Horen ein besonderes Gebet für mich zu verrichten und zwar so, daß, nachdem Versus und Responsum gesungen war, Gebet und Kollekte sich anschloß in folgendem Wortlaut:
Responsum: „Verlaß mich nicht, o Herr, und weiche nicht von mir.“
Versus: „Sei allzeit zu meiner Hilfe bereit, o Herr.“
Gebet: „Errette deinen Knecht, o mein Gott, denn er harret auf dich. Herr, erhöre mein Gebet, und mein Geschrei komme vor dich.“
Kollekte: „O Gott, der du deine Mägde gewürdigt hast, durch deinen Knecht in deinem Namen vereinigt zu werden, wir bitten dich, laß ihn und uns in deinem Willen beharren. Durch unsern Herrn Jesum Christum.“
Jetzt aber bin ich fern von euch und habe den Beistand eures Gebetes um so nötiger, als die Angst und Gefahr, in der ich schwebe, größer geworden ist. Darum bitte ich euch herzlich und dringend, daß ich gerade jetzt in der Ferne die Wahrhaftigkeit eurer Liebe möge erfahren dürfen; wollet alsodem Schluß der Horen noch das folgende besondere Gebet für mich beifügen:
Responsum: „Verlaß mich nicht, o Herr, Vater und Gebieter meines Lebens, auf daß ich nicht falle vor den Augen meiner Feinde, daß sich mein Widersacher nicht freue.“
Versus: „Nimm deine Wehr und Waffen und erhebe dich zu meiner Hilfe, daß mein Feind sich nicht freue.“
Gebet: „Errette deinen Knecht, o mein Gott, denn er harret auf dich. Sende ihm Hilfe, o Herr, von deinem Heiligtum, und gewähre ihm Schutz von Zion. Sei du ihm, o Herr, ein fester Turm, vor dem Antlitz seines Feindes. Herr, erhöre mein Gebet und mein Geschrei komme vor dich.“
Kollekte: „Gott, der du deine Mägde gewürdigt hast, durch deinen Knecht in deinem Namen vereinigt zu werden, wir bitten dich, schütze ihn vor allem Unheil und gieb ihn wohlbehalten deinen Mägden wieder. Durch Jesum Christum unsern Herrn.“
Sollte mich aber der Herr in die Hände meiner Feinde fallen lassen — sei’s daß sie mich überwältigen und töten oder daß ich sonstwie ferne von euch den Weg alles Fleisches gehe — so beschwöre ich euch: lasset meinen Leichnam, wo er auch begraben sei oder liege, in euren Friedhof überführen. Da mögen dann meine Töchter, meine Schwestern in Christo, mein Grab besuchen und dann und wann Gebete für mich zum Himmel schicken. Denn ich wüßte für eine schmerzvolle und ob des Irrtums ihrer Sünden trauernde Seele keinen weihevolleren heilsameren Ort als den, der dem Parakleten, das ist dem Tröster, zum Eigentum geweiht ist und dessen Namen trägt. Auch ruht ein Christ wohl bei keiner gläubigen Gemeinschaft so süß, wie bei gottgeweihten Frauen. Denn Frauen waren einst besorgt um das Begräbnis unseres Herrn und salbten ihn vor und nach seinem Tod mit köstlichen Salben, und sie weinten an seinem Grab, wie geschrieben steht: „Frauen saßen am Grab und weinten und klagten um den Herrn“. Dort wurden sie auch zuerstmit der Kunde von der Auferstehung getröstet, durch die Erscheinung und Ansprache der Engel, und gleich darauf durften sie zu ihrer Freude den Auferstandenen selber sehen und mit Händen berühren, der ihnen zweimal erschien.
Zum Schluß über alles andere die eine Bitte: sorget dereinst mit der gleichen Angst um das Heil meiner Seele, wie ihr jetzt um mein Leben fast allzu ängstlich besorgt seid, und erweiset dem Toten die Liebe, die ihr dem Lebenden nicht versagt habt, indem ihr ihm mit der besondern Hilfe eures Gebets beistehet.
Lebe wohl, du und deine Schwestern, lebet dem Herrn und gedenket mein!
(Ihrem Ein und Alles nach Christus die Seinige ganz in Christus.)
Es befremdet mich, teuerster Freund, daß du gegen den sonstigen Gebrauch, ja gegen die natürliche Ordnung der Dinge selbst in der Anrede deines Briefes meine Person vor die deinige zu setzen beliebtest: die Frau vor den Mann, die Gattin vor den Gatten, die Magd vor den Herrn, die Nonne vor den Mönch und Priester, die Diakonisse vor den Abt. Nach gutem Recht und Brauch setzt man den Namen des Briefempfängers vor den eigenen, wenn man an Vorgesetzte oder Gleichstehende schreibt. Schreibt man dagegen an Untergebene, so richtet sich die Reihenfolge der Namen nach derjenigen des Ranges der einzelnen.
Auch das hat uns nicht wenig befremdet, daß du die Angst derjenigen noch vermehrt hast, denen du den Balsam des Trostes hättest reichen sollen, und daß du, statt Thränen zu stillen, Thränen geweckt hast. Denn wer von uns kannmit trockenen Augen anhören, was am Schluß deines Briefes steht: „Falls mich Gott in die Hände meiner Feinde fallen läßt, daß sie mich überwältigen und töten“ u. s. w. O mein Geliebter, wie konntest du so etwas denken und aussprechen! Möge Gott niemals seine Dienerinnen so weit vergessen, daß er sie deinen Tod erleben lasse. Möge er uns nimmermehr ein Leben fristen lassen, das schwerer ist als alle Qualen des Todes. Dir ziemt es, unsere Exequien zu feiern, du mußt Gott unsere Seelen empfehlen und diejenigen zu ihm vorangehen lassen, die du zu einer Gemeinde Gottes vereinigt hast. Von keiner Sorge um sie wirst du dann mehr beunruhigt werden, und um so freudiger wirst du uns nachfolgen, je gewisser du über unser Seelenheil geworden bist.
Verschone uns, ich beschwöre dich, mein Gebieter, mit solchen Worten, die unser Unglück zur Verzweiflung steigern; nimm uns nicht vor dem Tod, was uns das Leben noch möglich macht. Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe, und jener Tag, ganz in Bitterkeit gehüllt, wird jedem, dem er anbricht, Angst genug bereiten. „Denn wozu soll man,“ sagt Seneca, „Übel heraufbeschwören und das Leben vor dem Tod verlieren?“
Du bittest darum, mein einzig Geliebter, wir sollen deinen Leichnam, falls du dein Leben fern von uns beschließen solltest, nach unserer Begräbnisstätte überführen lassen, auf daß dir die Gebete, in welchen wir deiner beständig gedenken, eine reiche Frucht des Segens schaffen mögen. Aber wie kannst du glauben, daß dein Andenken überhaupt aus unserm Gedächtnis schwinden könne? Oder wird esdannZeit zum Gebet sein, wenn die höchste Seelenangst uns ruhelos umtreibt? wenn der Geist die Fähigkeit zum Denken verliert und die Zunge nicht mehr der Rede mächtig sein wird? Wenn das Herz in seinem Wahn sich gegen Gott empört und ihn mit seinem Murren zum Zorn reizt, statt ihn mit Gebeten zu begütigen? Dann werden wir Armen nur nochThränen haben und kein Wort des Gebetes finden, und wir werden größere Eile haben, dir im Tode nachzufolgen als dich zu bestatten, und wir werden selbst für das Grab reif sein, statt daß wir dich begraben. Da uns mit dir unser Leben verloren geht — wie sollen wir weiter leben, wenn du von uns scheidest? Ach würde es uns erspart, auch nur bis dahin zu leben! Schon der Gedanke an deinen Tod ist so gut wie Tod für uns. Möge Gott nicht zugeben, daß wir am Leben bleiben, um an dir diese Liebespflicht zu erfüllen und diesen letzten Dienst dir zu erweisen, den wir vielmehr von dir erwarten. Darin wollen wir dir vorangehen, nicht folgen!
Darum schone unser, ich beschwöre dich, schone wenigstens derjenigen, die nur in dir lebt; laß uns nicht solche Worte hören, die gleich tödlichen Schwertern durch unsere Seele gehen, also daß was dem Tod vorangeht, schwerer ist als der Tod selbst. Ein kummerschweres Herz findet keine Ruhe und ein geängsteter Geist kann sich nicht wahrhaft mit Gott beschäftigen. Ich bitte dich, mach uns den Dienst des Herrn nicht unmöglich, dem kein anderer als du uns geweiht hat. Wenn uns eine schwere Heimsuchung droht, die unvermeidlich ist, dann möge sie lieber schnell hereinbrechen, damit nicht ein Geschick uns lange vorher mit unnützer Angst quält, das doch durch keine Vorsicht abzuwenden ist. So meint es auch der Dichter, wenn er Gott bittet:
„Plötzlich komme, was du verhängst, und blind für die ZukunftBleibe des Menschen Sinn, und Hoffnung lindre die Furcht ihm.“
„Plötzlich komme, was du verhängst, und blind für die Zukunft
Bleibe des Menschen Sinn, und Hoffnung lindre die Furcht ihm.“
Aber welche Hoffnung bleibt mir, wenn ich dich verloren habe? Oder was könnte mich dann noch bestimmen, meine irdische Pilgerschaft fortzusetzen, in der ich keinen andern Trost habe als dich. Ja selbst von dir bleibt mir ja nur noch das frohe Bewußtsein, daß du lebst, da die Wonne, die ich einst bei dir fand, dahin ist. Ja, nicht einmal deine Gegenwart ist mir vergönnt, in deren Genuß ich doch von Zeit zu Zeit wenigstens mich wiederfinden könnte.
Ja, wenn’s kein Frevel wäre — wollte ich’s hinausrufen in alle Welt: „O du grausamer Gott, grausam in allen Stücken! O unbarmherzige Barmherzigkeit! O unseliges Geschick!“ Alle seine bitteren Geschosse hat es an mich verschwendet, und es bleibt ihm keines mehr übrig, um gegen andere zu wüten. Seinen ganzen vollen Köcher hat es an mir erschöpft, so daß niemand mehr seine Pfeile zu fürchten braucht. Ja, selbst wenn es noch ein Geschoß übrig hätte, es wäre kein gesunder Fleck an mir, der noch verwundet werden könnte. Nur das eine hat es bei so vielen Wunden zu fürchten, daß mein Tod diesen Qualen ein Ende mache! und obwohl es nicht aufhört, mich zu martern, so fürchtet es sich, daß mein Tod, an welchem es arbeitet, zu schnell herbeikommen möchte!
O ich Elendeste der Elenden! Ich aller Unglücklichen Unglücklichste! Stand ich nicht höher als alle Frauen der Welt, da du mich über alle stelltest? Um so tiefer und schwerer war der Fall, den ich an dir und mir zugleich erleben mußte. Denn je höher einer emporgestiegen, desto tiefer ist der Sturz, wenn er fällt. Gab es unter allen edlen und hohen Frauen eine, deren Glück das meinige überstiegen hätte oder ihm auch nur gleichgekommen wäre? Aber giebt es auch eine, die das Geschick so in die Tiefe gestürzt hat und so mit Leid überschütten konnte? Den höchsten Ruhm hat es mir durch dich gebracht und hat mir das tiefste Elend in dir bereitet. Nicht im Guten, nicht im Bösen hat es Maß gehalten, grenzenlos hat es mir beides beschert. Nur um mich zur elendesten aller Frauen zu machen, hat es mich vorher so glücklich gemacht, damit ich im Gedanken an das Verlorene desto lauter klagen sollte, je schwerer ich geschädigt worden war. Der Verlust sollte mich um so mehr schmerzen, je teurer mir der Besitz gewesen war. Und das Ende der höchsten Lust und Wonne sollte die tiefste Trauer sein.
Ja, um uns noch mehr zu reizen, wurden alle Gebote der Gerechtigkeit an uns in Ungerechtigkeit verwandelt. Dennso lange wir sorglos die Freuden der Liebe genossen und, um ein stärkeres aber bezeichnenderes Wort zu gebrauchen, der Buhlerei uns hingaben, so lange hat Gott seine Strenge nicht gegen uns angewandt. Als wir aber an Stelle der verbotenen Liebe die erlaubte setzten und das Anstößige unseres freien Liebesverkehrs durch ein ehrbares Ehebündnis gedeckt hatten, da erst hat uns der Herr in seinem Grimm seine gewaltige Hand fühlen lassen, und das reine Ehebett fand keine Gnade vor dem, der das befleckte vorher so lange geduldet hatte.
Für Männer, die man im Ehebruch betroffen hätte, wäre die Strafe hart genug gewesen, die dich ereilt hat. Was andere durch das Vergehen des Ehebruchs verdienen, das hast du infolge deiner rechtmäßigen Ehe erlitten, durch welche du alle Sünden glaubtest gebüßt zu haben. Was Buhlerinnen ihren Mitschuldigen zuziehen sollten, das hat deine Gattin über dich gebracht. Unser Geschick hat uns auch nicht ereilt, so lange wir in den alten Genüssen schwelgten; vielmehr lebten wir ja gerade damals in keuscher Trennung voneinander: du hieltest in Paris deine Schule, ich lebte auf deinen Wunsch unter den Nonnen zu Argenteuil. So hatten wir unsere Gemeinschaft aufgehoben, damit du desto eifriger dem Unterricht obliegen könntest, ich um so ungestörter dem Gebet und frommer Betrachtung mich widmete, und während wir keuscher und darum unsträflicher lebten als sonst, hast du an deinem Leib die Schuld allein bezahlt, die wir beide gemeinsam begangen hatten. Schuldig waren wir beide, gestraft wurdest nur du; du, der weniger schuldig war, hast die ganze Strafe getragen. Du hattest aller Gerechtigkeit genug gethan, da du dich um meinetwillen erniedrigtest, mich aber und mein ganzes Geschlecht zu dir emporhobst, um so weniger durftest du Strafe fürchten von Gott oder gar von den Verrätern, denen du zum Opfer gefallen bist.
Ich Unselige! mußte ich geboren werden, um die Ursache eines solchen Verbrechens zu werden? Daß doch den größtenMännern allezeit von Frauen das tiefste Verderben droht! Darum steht auch in den Sprüchen die Warnung vor den Weibern: „Mein Sohn, höre mich und merke auf die Worte meines Mundes: laß dein Herz nicht weichen auf ihren Weg und laß dich nicht verführen auf ihrer Bahn. Denn sie hat viele verwundet und gefället und sind allerlei Mächtige von ihr erwürget. Ihr Haus sind Wege zur Hölle, da man hinunterfährt in des Todes Kammer.“ Und im „Prediger“ heißt es: „Ich habe alle Dinge durchforscht in meinem Geist und fand, daß ein solches Weib, welches Herz Netz und Strick ist und ihre Hände Bande sind, bitterer sei, denn der Tod. Wer Gott gefällt, der wird ihr entrinnen; aber der Sünder wird durch sie gefangen.“
Schon das erste Weib im Paradies hat den Mann verführt und während sie ihm von Gott zur Gehilfin geschaffen war, ist sie ihm zum größten Fluch geworden.
Der starke Simson, der durch das Nasiräergelübde dem Herrn geweiht war und dessen Geburt seiner Mutter durch einen Engel verkündigt wurde — Delila allein hat ihn überwunden, sie war es, die ihn seinen Feinden in die Hände lieferte; sie war schuld daran, daß er des Augenlichtes beraubt, endlich in wildem Schmerz sich und seine Feinde unter den Trümmern des Tempels begraben hat.
Salomo, aller Weisen Weisester, wurde allein durch das Weib, mit dem er sich verbunden hatte, zum Thoren. Durch sie verlor er so gänzlich seinen Verstand, daß er, den doch der Herr zum Erbauer seines Tempels auserlesen hatte, während der fromme David, Salomos Vater, nicht dazu gewürdigt worden war, bis an sein Lebensende zum Götzendienst sich verleiten ließ und von dem wahren Gott, den er in Wort und Schrift predigte und lehrte, abfiel.
Der fromme Hiob hatte den letzten und härtesten Kampf mit seinem Weibe zu bestehen, die ihn dazu verleiten wollte, Gott zu fluchen. Der schlaue Versucher wußte wohl — erhatte es zu oft erprobt — daß die Männer am leichtesten durch ihre Frauen zu Fall kommen.
So hat er denn seine gewohnte Teufelei auch auf uns angewandt und hat dich durch die Ehe zu Fall gebracht, da er dich durch die verbotene Liebe nicht verderben konnte. Das Schlechte hatte er nicht zu unserem Schaden ausnützen dürfen, darum wirkte er aus dem Guten Schlechtes.
Gott aber sei Dank wenigstens dafür, daß mich der Versucher nicht wie die genannten Frauen mit meiner Zustimmung schuldig werden lassen durfte, wenn schon er meine Liebe als Werkzeug für seine Bosheit benutzt hat. Und doch, wenn ich auch in diesem Punkt ein reines Gewissen habe und mich keine Schuld an jenem Verbrechen trifft, so habe ich doch vorher so viele Sünden begangen, daß ich mich auch nicht ganz von der Schuld an diesem Vergehen freizusprechen wage.
Denn lange vorher schon hatte ich den Lockungen fleischlicher Lüste nachgegeben; schon damals hätte ich verdient, was ich jetzt leide und das Geschick, das mich später ereilte, ist die gerechte Strafe für meine früheren Sünden. Hat man schlimm angefangen, so muß man sich auch auf einen schlimmen Ausgang gefaßt machen. Ja, könnte ich nur wenigstens recht ernstlich bereuen, was ich gethan! Könnte ich durch anhaltende Reue und Zerknirschung die schreckliche Wunde, die man dir geschlagen hat, nur einigermaßen gut machen. Den Schmerz, den du einen Augenblick lang an deinem Körper aushalten mußtest — wie gerne wollte ich ihn — es wäre ja nur recht und billig — mein ganzes Leben lang in meinem trauernden Herzen tragen und so, wenn nicht Gott, doch wenigstens dir Genugthuung leisten.
Allein, laß mich die ganze Schwachheit meines geängsteten Herzens bekennen: ich finde in mir nicht die Kraft einer wahren Reue, mit der ich Gott versöhnen könnte; ja, ich muß ihn vielmehr ob jener ungerechten Heimsuchung der höchsten Grausamkeit zeihen, ich murre wider seine Fügungund reize ihn durch meine Widerspenstigkeit zum Zorn, statt ihn durch aufrichtige Bußfertigkeit zu begütigen. Denn mag man den Leib noch so sehr kasteien: kann man da von wahrer Reue sprechen, wo das Herz an der Lust zur Sünde noch festhält und nach den alten Genüssen noch immer glühend verlangt? Es ist wohl leicht, seine Sünden zu bekennen und sich selber anzuklagen, oder dem Leib durch äußerliche Bußübung wehe zu thun; aber schwer, unendlich schwer ist es, das Herz loszureißen von der Sehnsucht nach den süßesten Genüssen. Darum, wenn der fromme Hiob sagt: „Ich will meine Klage bei mir gehen lassen!“ d. h. ich will meinen Mund öffnen und mich frei und offen meiner Sünden anklagen — so fügt er mit Recht alsbald hinzu: „Ich will reden von Betrübnis meiner Seele“. Der heilige Gregorius erklärt diese Worte also: „Es giebt Leute, die mit lauter Stimme ihre Sünden bekennen; aber ihr Sündenbekenntnis entlockt ihnen keinen Seufzer, und mit fröhlicher Miene sprechen sie Dinge aus, über die sie weinen sollten.“ So ist es denn nicht damit gethan, daß man seine Sünden verurteilt und bekennt, sondern man muß sie in der Betrübnis seiner Seele bekennen, und diese Betrübnis muß eben die Strafe sein für die Sünden, welche die vom Gewissen geleitete Zunge bekennt.
Aber wie selten dieses bittere Gefühl wahrer Reue sich finde, das spricht der heilige Ambrosius aus in dem Satz: „Ich habe mehr Leute kennen gelernt, die ihre Unschuld unverletzt bewahrt als solche, die Buße gethan haben“. Ich fand in den Freuden der Liebe, die wir miteinander genossen, so viel Wonne, daß sie noch jetzt ihren Reiz für mich haben und mich der Gedanke daran kaum verläßt. Wohin ich mich wende, immer stehen sie mir vor Augen und wecken sehnsüchtiges Verlangen. Bis in meinen Schlummer verfolgen mich die lockenden Phantasien. Mitten im feierlichen Hochamt, wo das Gebet reiner zu Gott sich erheben soll als sonst, wird mein armes Herz so ganz von jenen wohllüstigenGebilden eingenommen, daß ich nur für ihre Lüsternheiten Gedanken habe, nicht für das Gebet. Ich sollte über meine Sünden weinen und ich seufze nach dem, was ich verloren.
Und nicht allein was wir gethan steht lebendig vor meiner Seele; nein, auch die Orte, die Stunden, in denen wir gesündigt, haben sich so fest meinem Herzen eingeprägt, daß ich immer wieder aufs neue alles mit dir durchlebe und auch im Schlaf keine Ruhe finden kann. Dann und wann verrät eine unwillkürliche Bewegung des Körpers meines Herzens Gedanken oder ein Wort, das sich mir wider Willen auf die Lippen drängt. O gewiß, mein Elend ist groß! und ich darf wohl einstimmen in die Klage eines bangen Herzens: „Ich unglückseliger Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?“ O könnte ich auch die darauffolgenden Worte aus vollem Herzen nachsprechen: „Ich danke Gott durch Jesum Christum, unsern Herrn.“
Dir, mein Geliebter, ist die göttliche Gnade entgegengekommen und hat dich auf einmal von all diesen Anfechtungen befreit, durch eine körperliche Wunde hat sie dich aller Seelenleiden enthoben, und wo Gott es böse mit dir zu machen schien, gerade darin hat sich seine Güte gegen dich gezeigt: nach Art eines guten Arztes, der, um zu heilen, den Schmerz nicht erspart. Bei mir dagegen werden die Reizungen des Fleisches, die Begierde nach Genuß noch verschärft durch die Glut meines jungen Blutes und durch die Erinnerung an die wonnigen Genüsse, die ich einst gekostet habe. Und je schwächer die Natur ist, der der Angriff gilt, desto leichter erliege ich dem Ansturm der Leidenschaften. Man nennt mich keusch, weil man nicht weiß, daß alles nur Schein ist. Man rechnet mir die Reinheit des Fleisches als Tugend an, aber nicht Reinheit des Leibes, sondern Keuschheit der Seele ist Tugend! Menschen rühmen mich, vor Gott aber, der Herzen und Nieren prüft und ins Verborgene siehet, habe ich kein Verdienst. Man nennt mich fromm zu einer Zeit, in der nur der geringste Teil der Frömmigkeit nichtHeuchelei ist; wo der am meisten gelobt wird, der niemand vor den Kopf stößt.
Es ist ja wohl lobenswert und vor Gott gewiß angenehm, wenn jemand, was für eine Gesinnung er sonst habe, nicht durch seine Handlungen ein schlechtes Beispiel giebt und der Kirche Ärgernis dadurch bereitet, oder wenn er sich davor hütet, daß nicht um seinetwillen der Name Gottes gelästert werde unter den Heiden oder daß er den Kindern der Welt keinen Anlaß gebe, seinen heiligen Stand zu verunglimpfen. Aber auch das ist eigentlich nur ein Geschenk der göttlichen Gnade; von ihr allein kommt uns die Kraft, das Gute zu thun und das Böse zu lassen. Vergeblich aber ist es, das erstere zu thun, wenn das andere nicht auch geschieht; denn es steht geschrieben: „Wende dich ab vom Bösen und thue das Gute.“ Und beides ist wiederum vergeblich, wenn uns nicht die Liebe Gottes dazu treibt.
Ich aber habe — Gott weiß es — jederzeit mich mehr davor gescheut, dich zu beleidigen als Gott. Du bist es, dem ich gefallen will, nicht Gott. Dein Befehl hat mich zur Nonne gemacht, nicht die Liebe zu Gott. Ach sieh mein Unglück an, führe ich nicht das jammerwürdigste Leben, wenn das alles, was ich leide, umsonst ist und kein Dank in der Zukunft mich erwartet? Auch du hast dich, gleich vielen anderen, durch den Schein betrügen lassen und hast meine Heuchelei für Frömmigkeit gehalten. Darum empfiehlst du dich so dringend für mein Gebet und verlangst von mir, was ich von dir erwarte. Ich beschwöre dich, du wollest keine so hohe Meinung von mir haben und nicht aufhören, deinerseits für mich zu beten. Halte mich nicht für gesund, damit du mir nicht die Wohlthat deiner Arznei entziehest. Glaube nicht, ich brauche nichts und zögere nicht, mir in meiner Not zu helfen. Denke nicht, ich sei stark: ich möchte sonst stürzen, ehe du mich halten könntest. Vielen hat schon falsches Lob Schaden gebracht und ihnen die Stütze genommen, die sie brauchten. Durch den Mund des Jesaias ruft derHerr: „Mein Volk, deine Tröster verführen dich und zerstören den Weg, den du gehen sollst“. Und bei Ezechiel heißt es: „Wehe euch, die ihr Kissen machet den Leuten unter die Arme und Pfühle zu den Häuptern, beides Jungen und Alten, die Seele zu fahen“.
Dagegen finden wir bei Salomo den Spruch: „Die Worte der Weisen sind Spieße und tief eingeschlagene Nägel, die nicht die Haut ritzen, sondern tiefe Wunden reißen.“
Ich bitte dich, höre auf mich zu loben, damit du nicht den Vorwurf niedriger Schmeichelei dir zuziehest oder des Vergehens der Lüge dich schuldig machest. Oder wenn du wirklich glaubst, daß etwas Gutes an mir sei, so gieb acht, daß nicht das, was du an mir lobst durch den giftigen Hauch der Eitelkeit zu nichte werde. Kein erfahrener Arzt beurteilt eine innere Krankheit bloß nach dem Befund des äußerlichen Zustandes eines Kranken. Leistungen, welche Verworfene so gut aufweisen können wie Auserwählte, haben vor Gottes Augen keinen Wert. Derart sind aber die äußerlichen guten Werke und keiner der Heiligen ist so eifrig darauf bedacht, wie die Heuchler. „Es ist das Herz ein trotziges und verzagtes Ding, wer kann es ergründen?“ Ferner: „Es gefällt manchem ein Weg wohl; aber endlich bringt er ihn zum Tode“. — „Der Mensch soll nicht voreilig über Dinge urteilen, die allein dem Urteil Gottes vorbehalten sind.“ Darum steht auch geschrieben: „Man soll keinen Menschen loben, so lange er lebt“. Das ist so viel als: lobe keinen Menschen, weil zu fürchten steht, daß du ihn durch dein Lob weniger lobenswert machest.
Für mich selber ist ein Lob von dir um so gefährlicher, je angenehmer es mir ist; und es klingt mir um so verführerischer und schmeichlerischer ins Ohr, weil ich dir in allem gefallen möchte. Ich bitte dich: laß allezeit deine Furcht um mich größer sein als das Vertrauen, das du auf mich setzest, damit mir stets deine fürsorgende Hilfe zur Seite stehe. Und jetzt hast du ganz besonderen Grund, für michzu fürchten, weil mein sinnliches Verlangen bei dir keine Befriedigung mehr finden kann. Sage mir nicht: „Die Kraft ist in den Schwachen mächtig“ oder: „Niemand wird gekrönt, er kämpfe denn recht“. Ich verlange keine Siegeskrone; es ist mir genug, wenn ich der Gefahr entgehe. Es ist leichter, der Gefahr aus dem Wege zu gehen als den Kampf aufzunehmen. Welchen Winkel seines Himmels Gott mir anweisen will — ich werde zufrieden sein. Dort wird keiner den andern beneiden, jeder wird mit dem was er hat, sich begnügen. Um diese meine Ansicht durch das Gewicht einer Autorität zu stützen, will ich das Wort des heiligen Hieronymus anführen: „Ich gestehe meine Schwachheit ein, ich will nicht kämpfen in der Hoffnung auf Sieg, damit ich des Sieges nicht verlustig gehe.“ Sollten wir sicheres aufgeben und Unsicherem nachjagen?
(An die Braut Christi — der Knecht Christi.)
Dein letzter Brief zerfällt, so viel ich mich erinnere, der Hauptsache nach in vier Abschnitte, in welchen du deinem Schmerz Ausdruck giebst. Fürs erste klagst du darüber, daß in der Anrede meines Briefes dein Name vor den meinigen gesetzt sei, was in Briefen sonst nicht üblich sei und sogar der natürlichen Ordnung der Dinge widerspreche. Zum zweiten beklagst du dich darüber, daß ich eure Seelenangst vermehrt habe, statt euch Trost zu bringen, daß ich, statt Thränen zu stillen, solche geweckt habe durch jenes Wort in meinem Brief: „Falls mich Gott in die Hände meiner Feinde fallen läßt“ u. s. w. Zum dritten wiederholst du jene alte Klage gegen Gott über die Art und Weise unserer Bekehrungund über den ruchlosen Verrat, dem ich zum Opfer gefallen bin. Endlich erhebst du im Gegensatz zu dem Lob, das ich dir gespendet, eine Anklage wider dich selbst und bittest mich dringend, ich solle in Zukunft keine so hohe Meinung mehr von dir haben.
Ich will dir nun auf jeden einzelnen dieser Punkte antworten, nicht um mich zu entschuldigen, sondern um dich zu belehren und aufzurichten, und ich denke du wirst meinen Forderungen um so bereitwilliger Gehör schenken, je mehr du einsehen lernst, wie berechtigt sie sind. Du wirst die Wünsche, die ich in Beziehung auf deine Person ausspreche, um so lieber erfüllen als du finden wirst, daß ich mit denselben nur recht habe, und du wirst um so weniger geneigt sein, meinen Rat gering zu achten, je weniger tadelnswert ich dir erscheine.
Was nun zunächst die, wie du meinst, verkehrte Reihenfolge der Namen in der Anrede meines Briefes betrifft, so stimmt dieselbe, wenn du näher zusiehst, mit deiner eigenen Ansicht überein. Sagst du doch selbst in deinem Brief — und niemand bezweifelt dies — daß, wenn man an Höhergestellte schreibt, die Namen derselben vorangestellt werden. Bedenke, daß du über mir stehst seit der Zeit, da du als die Braut Gottes meine Herrin geworden bist, wie auch der heilige Hieronymus an Eustochium schreibt: „Darum schreibe ich: meine Herrin. Denn Herrin muß ich nennen die Verlobte meines Herrn“.
Glücklicher Tausch des Ehebundes, der dich, einstmals die Gattin eines armen elenden Menschen, nun in das Brautgemach des Königs aller Könige erhebt und dich durch diese hohe Ehre nicht allein über deinen bisherigen Gatten, sondern über alle Knechte dieses Königs setzt. Darum wundere dich nicht, wenn ich mich für Leben und Sterben in den Schutz deines Gebetes befehle; denn nach dem allgemeinen Recht gilt ja bei den Herren des Hauses die Fürsprache der Ehefrau mehr als diejenige des Gesindes, die Herrin mehrals die Knechte. Als das Urbild solcher Frauen wird uns jene Königin und Braut des höchsten Königs beschrieben, wenn es im Psalm heißt: „Die Braut steht zu deiner Rechten“. Weiter ausgeführt will dies besagen: „Sie steht mit ihm in trautem Verein Seite an Seite und schreitet neben ihm einher, während alle anderen in ehrfurchtsvoller Ferne stehen oder nachfolgen.“
Der Freude über dieses hohe Vorrecht giebt die Braut im Hohenlied, jene Äthiopierin, in den Worten Ausdruck: „Ich bin schwarz, aber gar lieblich, ihr Töchter Jerusalems; darum hat mich der König geliebt und in seine Kammer geführt“. Und weiter: „Sehet mich nicht an, daß ich so schwarz bin, denn die Sonne hat mich so verbrannt“. Diese Worte beziehen sich im allgemeinen auf die beschauliche Seele, die im besonderen die Braut Christi genannt wird; aber noch deutlicher bezeugt es das Gewand, das ihr traget, daß die Worte auf euch sich beziehen. Denn die Tracht eurer schwarzen Gewänder aus grobem Stoff, ähnlich dem Trauergewand der frommen Witwen, welche um die Männer, die sie geliebt hatten, trauern, bezeugt, daß ihr nach dem Wort des Apostels rechte, untröstliche Witwen in dieser Welt seid, die von den Almosen der Kirche leben. Von der Trauer solcher Witwen um ihren Bräutigam am Kreuz spricht die Schrift, wenn sie sagt: „Frauen saßen am Grab und klagten und weinten um den Herrn.“
Die Äthiopierin erscheint äußerlich allerdings von schwarzer Farbe und der oberflächlichen Betrachtung mag sie häßlicher scheinen als andere Frauen. Aber an inneren Vorzügen steht sie ihnen nicht nach; ja einiges an ihr ist sogar schöner und weißer als bei den andern, z. B. ihre Knochen und ihre Zähne. Die weiße Farbe der letzteren wird ja auch von ihrem Geliebten gefeiert, welcher sagt: „Und ihre Zähne sind weißer als Milch“. Sie ist also äußerlich angesehen schwarz, im Innern aber lieblich und schön. Denn die vielfachen Widerwärtigkeiten und Anfechtungen dieses Lebenshaben ihren Körper angegriffen und lassen ihn äußerlich schwarz erscheinen; sagt doch auch der Apostel: „Alle, die gottselig leben wollen in Christo Jesu, müssen Verfolgung leiden“. Wie nämlich durch die weiße Farbe das Glück bezeichnet wird, ebenso passend kann man Schwarz als Symbol des Unglücks ansehen. Im Innern aber, gleichsam an den Gebeinen, ist sie weiß, weil ihre Seele an allen Tugenden reich ist, wie geschrieben steht, „des Königs Tochter ist inwendig ganz herrlich“. Denn die Gebeine, welche im Innern sind und nach außen von Fleisch umgeben werden, bilden die Kraft und Stärke eben des Fleisches, welches sie stützen und tragen und stellen so in einem anschaulichen Bildedie menschliche Seeledar, welche den Körper, in dem sie wohnt, belebt, aufrecht erhält, bewegt und lenkt und ihre Kraft ihm mitteilt. Ihre Weiße und Schönheit sind die Tugenden, mit denen sie sich schmückt. Äußerlich angesehen ist freilich auch sie von schwarzer Farbe, denn während ihrer Pilgerfahrt hienieden in der Fremde hält sie sich unscheinbar und gering, bis sie dereinst in jenem andern Leben, das mit Christus in Gott verborgen ist, in ihre Herrlichkeit eingesetzt wird, wenn sie die Heimat erreicht hat. Die Sonne der Wahrheit aber verfärbt sie, wenn die Liebe ihres himmlischen Bräutigams sie demütigt und mit schmerzlichen Anfechtungen heimsucht, damit sie ihres Glückes sich nicht überhebe.
Die Sonne verfärbt sie, d. h. so viel als: sie macht sie den anderen Frauen unähnlich, die nur auf irdisches Gut bedacht sind und nach weltlichem Ansehen geizen, so wird sie durch ihre Demut in Wahrheit die Lilie im Thale, nicht eine Lilie der Berge wie jene thörichten Jungfrauen, welche auf ihre fleischliche Reinheit und äußerliche Keuschheit eitel sind, in ihrem Innern aber von glühenden Begierden verzehrt werden.
Mit gutem Recht aber redet sie die Töchter Jerusalems, d. h. die im Glauben Schwachen — daher sie Töchter heißen, nicht Söhne — mit den Worten an: „Sehet mich nicht an,daß ich so schwarz bin, denn die Sonne hat mich so verbrannt“. Mit diesen Worten will sie sagen: „daß ich mich demütige und alle Widerwärtigkeiten so männlich trage, ist nicht mein Verdienst, sondern das Gnadengeschenk dessen, dem ich diene“. Ganz anders die Häretiker und die Heuchler: vor dem Angesicht der Menschen pflegen sie sich gar demütig zu gebärden und sich viel unnütze Lasten aufzulegen. Eine solche Demut und Selbstpeinigung kann nur unsern Widerwillen erregen; denn diese Menschen sind ja bedauernswerter als alle anderen, da sie weder die Güter dieses Lebens, noch die des zukünftigen genießen. Im Hinblick darauf sagt die Braut: „Wundert euch nicht, daß ich also thue“. Wundern muß man sich vielmehr über diejenigen, welche vergeblich glühend von Begierde nach irdischen Ruhm sich doch alle irdischen Güter vorenthalten, und die darum hienieden so elend sind wie einst im Jenseits. Ihre Enthaltsamkeit ist wie diejenige der thörichten Jungfrauen, vor denen die Thür zugeschlossen wurde.
Mit Recht sagt sie auch, daß sie, weil schwarz und lieblich, vom König geliebt und in seine Kammer geführt worden sei, d. h. in die geheimnisvolle Ruhe der Betrachtung, und in jenes Bett, von welchem sie an einer andern Stelle sagt: „Ich suchte des Nachts in meinem Bette, den meine Seele liebt“. Denn wegen der Schwärze ihrer Farbe hält sie sich lieber im Verborgenen auf als in der Öffentlichkeit und liebt mehr die Einsamkeit als große Gesellschaft. Ein solches Weib wird auch die verschwiegenen Freuden, die sie mit ihrem Mann genießt, allen öffentlichen Vergnügungen vorziehen; sie wird sich lieber im Ehebett fühlbar machen, als bei Tische glänzen.
Vielfach ist auch die Haut dunkelfarbiger Frauen zwar weniger lockend für das Auge, aber um so reizvoller bei der Berührung, und darum ist der geheime Liebesgenuß, welchen sie spenden, größer und süßer als öffentliche Freuden; und um ihn zu genießen, werden solche Frauen von ihren Männernlieber in das Schlafgemach geführt als in die Öffentlichkeit.
Nachdem die Seelenbraut in dieser bildlichen Weise die Worte vorausgeschickt hat: „Ich bin schwarz aber lieblich“ — fügt sie alsbald hinzu: „Darum hat mich der König geliebt und in seine Kammer geführt“, und setzt so die einzelnen Worte in bestimmte Beziehung zu einander: „Weil ich schön, hat er mich geliebt — weil schwarz, hat er mich in die Kammer geführt“. — „Schön“ bezieht sich, wie schon gesagt, auf ihre inneren Vorzüge, welche der Bräutigam liebt; „Schwarz“ — auf die leiblichen Anfechtungen und Widerwärtigkeiten. Diese Schwärze, d. h. diese körperlichen Anfechtungen, lenken das Herz der Gläubigen unwillkürlich hinweg von der Unruhe des Weltlebens zur friedlichen Stille frommer Betrachtung. So ging es nach dem Berichte des Hieronymus auch dem Paulus, dem Begründer des Klosterlebens, das wir erwählt haben.
Auch die Dürftigkeit unserer Ordenstracht ist mehr für die Einsamkeit berechnet als für den Verkehr in der Welt und paßt vortrefflich für die Rauheit und Abgeschiedenheit des Ortes, wie sie unsere Regel verlangt. Denn nichts verlockt so sehr dazu, in der Öffentlichkeit sich zu zeigen, als eine kostbare Gewandung. Und daß man nach einer solchen begehre einzig und allein, um der nichtigen Eitelkeit und Großthuerei willen, dies bestätigt schon der heilige Gregorius mit den Worten: „Niemand schmückt sich für die Einsamkeit, sondern um sich sehen zu lassen“.
Unter dem obengenannten Brautgemach ist die Kammer gemeint, in welche uns der Bräutigam selbst im Evangelium zum Gebet einladet mit den Worten: „Wenn du aber betest, so gehe in dein Kämmerlein und schließ die Thür zu und bete zu deinem Vater“; mit andern Worten: „nicht auf den Gassen und Märkten wie die Heuchler“. Unter der Kammer ist also verstanden ein einsamer, dem Lärm und den Augen der Welt entrückter Ort, da man gesammelter und reinerbeten kann als anderswo. Dies trifft zu bei der Stille klösterlicher Zurückgezogenheit; auch da sollen wir die Thüre schließen, d. h. alle Zugänge sperren, damit die Reinheit unseres Gebetes nicht gestört werde und unser Auge unsere arme Seele nicht verführe. Schmerzlich empfinden wir’s, daß es unter denen, die unser Gewand tragen, so viele Verächter dieses Rates oder vielmehr dieser göttlichen Vorschrift giebt. Wenn sie das heilige Hochamt feiern, sperren sie Thüren und Chöre auf und geben sich ohne Scham den neugierigen Blicken der Frauen wie der Männer preis, und besonders benutzen sie die hohen Feste als Gelegenheit, um vor den Laien im glänzenden Schmuck ihrer Gewänder zu prahlen. Nach ihrer Meinung ist ein Fest um so schöner, je mehr Pomp dabei entfaltet wird und je üppiger das nachfolgende Festmahl ausfällt. Über die unselige Verblendung dieser Leute, die zu der armen Religion Christi ganz und gar im Widerspruch steht, ist es besser kein Wort zu verlieren, um kein Ärgernis zu erregen. Ganz in jüdischer Weise setzen sie an Stelle der Regel ihr eigenes Herkommen und haben Gottes Gebot zu nichte gemacht durch Menschensatzungen; sie fragen nicht danach, was Pflicht, sondern was Gewohnheit ist. Und doch — der heilige Augustin erinnert daran — der Herr hat gesagt: „Ich bin die Wahrheit“, nicht: „Ich bin die Gewohnheit“.
Ihrem Gebet, das bei offener Thür verrichtet wird, mag sich anbefehlen, wer da will. Ihr aber, liebe Schwestern, die ihr, eingeführt in das Gemach des himmlischen Königs und in seinen Armen ruhend, bei allezeit verschlossener Thür ganz euch ihm hingebet: je inniger ihr euch mit ihm vereiniget — nach dem Wort des Apostels: „Wer dem Herrn anhanget, ist ein Geist mit ihm“ — desto reiner und wirksamer, das glaube ich fest, wird euer Gebet sein, und darum bitten wir auch so dringend um seine Beihilfe, und ich meine: ihr müsset es um so andächtiger verrichten, je größer die Liebe ist, die uns verbindet.
Ich habe euch ferner durch die Erwähnung der Gefahr,in welcher ich schwebe und durch meine Todesfurcht in Aufregung versetzt; allein das ist auf deine eigene Aufforderung, ja, auf deine dringende Bitte hin geschehen. In dem ersten Brief, den du an mich geschrieben, heißt es folgendermaßen: „Darum im Namen dessen, der dich bisher aus allen Gefahren zu seiner Ehre errettet hat, im Namen Jesu Christi bitten wir dich, du mögest seinen und deinen Dienerinnen durch öftere Nachricht Gewißheit verschaffen über die Stürme, von denen dein Lebensschiff jetzt noch hin- und hergeworfen wird; so wirst du wenigstens an uns, die wir allein dir getreu geblieben, Genossinnen deiner Leiden und deiner Freuden haben. Geteilter Schmerz, sagt man ja, ist halber Schmerz und jede Last wird leichter oder läßt sich ganz vergessen, wenn andere daran mittragen“. Warum also wirfst du mir vor, daß ich euch in meine Angst eingeweiht habe, da du mich doch selbst so dringend dazu aufgefordert hast? Wolltet ihr euch freuen, während ich unter Ängsten und Nöten mein Leben friste? Wollet ihr nur Genossinnen meiner Freude, nicht auch meines Leides sein, wollet ihr euch nur mit den Freuenden freuen, nicht auch weinen mit den Weinenden? Darin eben unterscheiden sich wahre Freunde von falschen, daß jene im Unglück, diese nur im Glück uns treu sind. Ich bitte dich, höre auf mit solchen Vorwürfen und halte an dich mit derartigen Klagen, die dem Wesen der Liebe so fremd sind. Wenn aber dein Herz noch immer verwundet ist durch die Beschreibung meiner Leiden, so bedenke, daß es bei der drohenden Gefahr, in der ich schwebe und bei der Hoffnungslosigkeit, die mich jeden Tag am Leben verzweifeln läßt, meine Pflicht ist, mich ängstlich um das Heil meiner Seele zu kümmern, und so lange es Zeit ist, für dasselbe zu sorgen. Und du wirst mir diese Besorgnis gewiß nicht übel nehmen, wenn du mich wirklich liebst. Ja, wenn du dir von der göttlichen Barmherzigkeit irgend etwas für mich versprechen könntest, dann solltest du mir die Erlösung von den Mühsalen dieses Lebens um so lebhafterwünschen, als du weißt, wie unerträglich sie für mich geworden sind. Du weißt ja, daß jeder, der mich vom Leben befreit, den größten Qualen mich entreißt. Was mir die Zukunft noch bringen wird, ist ungewiß; aber was ich hinter mir lasse, wenn ich befreit werde, das weiß ich. Dem Unglücklichen ist das Ende des Lebens stets willkommen, und wer wirklich aufrichtiges Mitleid mit dem Gequälten hat, der kann ihm nur das Ende wünschen; selbst in dem Fall, daß jemand den Leidenden wahrhaft liebt und sein Tod ihn schmerzt, soll er doch nicht sein eigenes Bestes wünschen, sondern das des anderen. So wird selbst eine Mutter ihrem langsam hinsiechenden Kind den Tod und damit das Ende des Siechtums wünschen, das sie nicht mehr mit ansehen kann; lieber erträgt sie den Verlust ihres Kindes als daß sie es leidend behalten möchte. Und wenn jemand noch so gern der Gegenwart eines Freundes sich erfreuen möchte, so wird er ihn doch lieber in der Ferne glücklich wissen als ihn zu seinem eigenen Nachteil in der Nähe haben wollen; denn wenn wir die Leiden anderer nicht mildern können, dann mögen wir sie lieber gar nicht leiden sehen. Dir ist der Genuß meiner Gegenwart, selbst einer unbefriedigenden, versagt. Ich sehe deshalb nicht ein, warum du mir nicht lieber ein seliges Ende als ein elendes Leben wünschen solltest, besonders da du ja gar nichts von mir hast. Wünschest du aber nur in Rücksicht auf dein eigenes Wohlbehagen eine Verlängerung meiner Leiden, dann würdest du als Feindin, nicht als Freundin an mir handeln. Willst du diesen schlimmen Schein meiden, dann, ich beschwöre dich noch einmal, höre auf mit diesen Klagen.
Daß du mein Lob ablehnst, billige ich; denn du zeigst dich dadurch desselben nur um so würdiger. Es steht ja geschrieben: „Der Gerechte klagt sich selber zuerst an“ und: „Wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöhet werden“. Nur daß es auch in deinem Herzen wirklich so aussieht, wie du schreibst! Ist dem wirklich so, dann ist deine Demut echtund kann durch meine Worte nicht geschädigt werden. Aber sieh doch ja zu, daß du nicht eben, indem du das Lob vermeiden zu wollen scheinst, vielmehr nach Lob trachtest, und das, was du mit dem Munde zurückweisest, im Herzen begehrst. Der heilige Hieronymus schreibt darüber unter anderem an die Jungfrau Eustochium folgendes: „Wir lassen uns durch unsere böse Naturanlage verleiten. Denen, die uns schmeicheln, schenken wir nur zu gerne Gehör; wir beteuern wohl unsere Unwürdigkeit und eine gemachte Schamröte bedeckt unser Gesicht, aber dennoch freuen wir uns im innersten Herzen des uns gespendeten Lobes“. Ähnlich beschreibt Virgil die Schlauheit der lüsternen Galathea, die das was sie wollte durch die Flucht zu erlangen suchte und den Geliebten durch scheinbare Zurückweisung nur begieriger nach ihrem Besitz machte. „Flüchtet sich ins Gebüsch mit dem Wunsch, er möchte sie sehen.“ Ehe sie sich versteckt, möchte sie noch von ihm gesehen werden; die Flucht selber, durch welche sie der Umarmung des Jünglings scheinbar sich entziehen will, muß ihr zum Zwecke behilflich sein. So fliehen auch wir oftmals scheinbar das Lob der Menschen und lenken es eben dadurch nur noch mehr auf uns, und während wir so thun, als wollten wir unbemerkt bleiben, damit niemand etwas an uns zu loben finde, täuschen wir dadurch thörichte Menschen und veranlassen sie nur noch mehr dazu, uns zu loben, weil wir durch unsere scheinbare Bescheidenheit in ihren Augen des Lobes um so würdiger werden. Dies sage ich nur, weil es gar häufig in der Welt so zugeht, nicht etwa weil ich dir so etwas zutrauen würde, denn an der Echtheit deiner Demut zweifle ich nicht. Ich möchte dich nur davor warnen, Äußerungen zu thun, die dir Leute, welche dich nicht näher kennen, so auslegen könnten, als wolltest du, um mit Hieronymus zu reden, „Ruhm suchen, indem du vor ihm fliehst“. Ein Lob von meiner Seite wird dich gewiß nicht eitel machen, sondern es wird dich nur zum Guten antreiben und du wirst in den Stücken, die ich andir lobenswert finde, immer mehr dich zu vervollkommnen trachten, wenn es anders wirklich dein Wunsch ist, mir zu gefallen. Wenn ich dich lobe, so bist du darum deiner Tugendhaftigkeit noch lange nicht sicher und darfst dir nichts darauf zu gute thun. Die Anerkennung der Freunde darf man nicht allzuhoch anschlagen, so wenig wie Verunglimpfungen der Feinde.
Ich komme nun noch auf deine alte und ewig sich wiederholende Klage über die Art und Weise unserer Bekehrung zu sprechen, durch welche du dir erlaubst, Gott zu beschuldigen, statt wie es sich ziemte, ihn zu preisen. Ich hätte gedacht, deine Verbitterung sei längst gewichen vor dem Gedanken an die sichtlich so barmherzige Fügung Gottes. Dieser Gemütszustand, in welchem du dich an Leib und Seele verzehrst, ist für dich selbst eine große Gefahr und ein Unglück, und für mich eine Pein. Wenn es wirklich wahr ist, daß du in allen Stücken mir zu Gefallen leben willst, so höre wenigstens auf, mich zu quälen, und wenn du mir einen Gefallen thun willst, stehe ab von dieser Gesinnung, mit der du meinen Beifall nicht gewinnen kannst und mit welcher du nicht mit mir die ewige Seligkeit erlangen wirst. Könntest du’s ertragen, wenn ich ohne dich dorthin ginge, du, die mir selbst in die Hölle nachfolgen wollte? Thu was du kannst, um durch deine Frömmigkeit das zu erlangen, daß du nicht von mir getrennt werdest, wenn ich, wie du glaubst, zu Gott eile; und der Gedanke an das selige Ziel, dem wir entgegengehen, wird dich in deinem Eifer bestärken. Dann wird unsere Gemeinschaft erst recht glücklich und selig sein.
Erinnere dich dessen, was du über die Umstände gesagt und geschrieben hast, durch welche unser Leben ein anderes wurde. Gott, den man wegen jener Fügung vielfach der Härte gegen mich beschuldigt, habe sich mir vielmehr, wie es ja offenbar ist, gnädig erwiesen in seinem Thun. Laß dir seinen Ratschluß wenigstens im Gedanken daran gefallen, daß er zu meinem Heil gedient hat; ja, nicht bloß zu meinem,sondern gleicherweise auch zu deinem Heil: das wirst du einsehen, wenn dein Schmerz dir erst wieder den Gebrauch des klaren Verstandes verstattet. Bedauere nicht, die Ursache einer so großen Wohlthat zu sein und glaube, daß du eben damit den Zweck erfüllt hast, zu welchem du von Gott erschaffen bist. Klage nicht über das, was ich zu leiden hatte, weine vielmehr über die Leiden der Märtyrer und über den Tod des Herrn, der zu unserem Heil gestorben ist. Wenn ich mein Unglück verdient hätte, würdest du es dann geduldiger tragen, würde es dich weniger empören? Wahrhaftig, wäre es so, dann müßte dein Schmerz noch viel größer sein; denn dann wäre mein Unglück für mich wirklich eine Schande und meinen Feinden ein Triumph; sie stünden gerechtfertigt da und auf mir läge die ganze Schmach der Schuld: niemand würde fürder mehr bedauern, was mir zugestoßen ist, oder mich bemitleiden.
Um indes deinen bittern Schmerz noch weiter zu besänftigen, will ich zeigen, daß das, was uns zugestoßen ist, ebenso gerecht wie heilsam für uns war, und daß Gott uns mit vollem Recht strafte, als wir in rechtmäßiger Ehe lebten und nicht während wir verbotener Liebe huldigten. Du erinnerst dich: als du nach unserer Verheiratung bei den Nonnen im Kloster Argentueil lebtest, kam ich einmal zu heimlichem Besuche zu dir und du weißt wohl noch, wie weit ich mich in meiner unbändigen Leidenschaft mit dir vergaß, und zwar in einem Winkel des Refektoriums selber, da wir sonst keinen Ort hatten, wohin wir uns hätten zurückziehen können. Du weißt, daß wir damals durch unser Thun den ehrwürdigen, der heiligen Jungfrau geweihten Ort geschändet haben. Dies allein hätte schon eine viel schwerere Strafe verdient, abgesehen von allen unseren früheren Sünden. Soll ich von dem unkeuschen Leben, das wir führten und von dem Schmutz reden, mit welchem wir uns ohne Scham befleckten, ehe wir den Ehebund geschlossen hatten? Soll ich erinnern an den empörenden Verrat, dessen ich mich um deinetwillen deinemOheim gegenüber schuldig machte, mit dem ich so lange unter einem Dache gelebt hatte? Muß nicht jedermann zugeben, daß ich mit vollem Recht von dem Manne betrogen wurde, den ich vorher selbst so schändlich betrogen hatte? Glaubst du, der kurze Schmerz meiner damaligenVerwundung sei eine genügende Strafe für solche Vergehen gewesen? Vielmehr: habe ich mit solchen Schulden so viel Gnade verdient? Welcher Schlag, glaubst du, konnte der göttlichen Gerechtigkeit Genüge thun für die Schändung des der Mutter Gottes geweihten Ortes. Ja, wenn mich nicht alles täuscht, so büße ich diese Sünden nicht durch jenen Schlag, der ja nur heilsam für mich war, sondern durch die Qualen, die ich jetzt noch täglich ohne Ende erdulde.
Du erinnerst dich auch wohl noch daran, wie ich dich damals, als du schwanger warst, in meine Heimat gebracht habe, und zwar, um den Schein zu erwecken, als seist du eine Nonne, angethan mit dem heiligen Gewand; durch diese Vermummung habe ich damals den heiligen Stand verhöhnt, dem du jetzt angehörst. Wie richtig war es, wenn dich die göttliche Gerechtigkeit, ja, vielmehr die göttliche Gnade gegen deinen Willen in den Stand versetzt hat, welchen zu verhöhnen du dich nicht gescheut hast: so mußtest du in eben dem Gewand büßen, gegen welches du dich vergangen hattest, und der wirkliche Verlauf der Dinge mußte die Lüge wieder gut machen und den Betrug verbessern.
Wenn du, abgesehen von der Gerechtigkeit Gottes, noch das in Betracht ziehen willst, was zu unserem Besten geschehen ist, so kann man das, was Gott damals an uns gethan, schon nicht mehr Gerechtigkeit, sondern nur Gnade nennen. Denke doch daran, Geliebte, wie uns der Herr mit Netzen seiner Barmherzigkeit aus dem tiefen Meere des Verderbens gezogen hat; ja, aus dem Strudel der Charybdis, in dem wir Schiffbruch gelitten, hat er uns gegen unsern Willen errettet, und wir beide können ausrufen: „Der Herr hat sich Sorge gemacht um meinetwillen“. Erinnere dichwieder und wieder daran, in welche Gefahren wir uns hineinbegeben hatten und wie der Herr uns ihnen entrissen hat; erzähle es allezeit mit innigem Dank, wie Großes der Herr an uns gethan und tröste mit unserm Beispiel alle Sünder, welche an Gottes Güte verzweifeln wollen, auf daß alle inne werden, was denen zu teil wird, die demütig bitten, da schon an Sündern und Undankbaren so Großes geschieht. Erwäge den hohen Ratschluß der göttlichen Liebe über uns, die Barmherzigkeit, mit welcher der Herr sein Gericht uns zur Besserung werden ließ und die Weisheit, der selbst das Böse zum Guten dienen mußte, die aus gottlos gottselig zu machen verstand, die, indem sie einen Teil meines Leibes verletzte, wie es mir gehörte, zwei Seelen geheilt hat. Vergleiche miteinander die Gefahr und die Art der Befreiung. Vergleiche die Krankheit und das Heilmittel. Sieh an, was wir verdient und bewundere die liebevolle Barmherzigkeit.
Du weißt, mit welchen Schamlosigkeiten unser Leib durch meine zügellose Begierde vertraut geworden war. Selbst in den Tagen der Passion unseres Herrn und an den höchsten Festen wälzte ich mich im Schmutz der Lüsternheit, ohne mich durch Schamgefühl oder Gottesfurcht abhalten zu lassen. Ja, mehr als einmal habe ich dich, selbst wenn du nicht wolltest, obwohl du ja von Natur schwächer warst, mit Drohungen und Schlägen gezwungen, mir zu Willen zu sein, trotz deines Sträubens und deiner Widerrede. Denn so widerstandslos kettete mich die Glut meiner Begierde an dich, daß ich über jenen elenden Genüssen, deren Namen uns schon erröten macht, Gott und mich selber vergaß; es war soweit gekommen, daß die göttliche Gnade mich offenbar nicht anders mehr retten konnte, als dadurch, daß sie mir jede Aussicht auf ferneren sinnlichen Genuß von Grund aus benahm. So hat die göttliche Gerechtigkeit und Milde den schmählichen Verrat deines Oheims als Werkzeug benutzt und hat mich, auf daß ich in vielen anderen Stücken wüchse, um denjenigen Teil meines Körpers verkürzt, welcher der Sitz dersündlichen Lust war und die Ursache meines unreinen Begehrens. Es entsprach ganz der göttlichen Gerechtigkeit, daß das Glied getroffen wurde, welches mich zur Sünde verleitet hatte, und daß es durch sein Leiden für die sträflichen Freuden büßen mußte, die es gewährt hatte. So wurde ich nach Leib und Seele von aller Unreinigkeit befreit, in die ich versunken war wie in einen Sumpf; und für den heiligen Dienst des Altars wurde ich um so tauglicher, als mich nun kein fleischliches Gelüste mehr störte. Wie milde ist Gottes Fügung auch darin gewesen, daß er mich nur an dem Gliede strafte, dessen Verlust meiner Seele zum Heil diente und zugleich den Körper nicht entstellte; auch an der Ausübung meines Amtes mich in keiner Weise hinderte, sondern mich im Gegenteil zu jeglichem ehrbaren Thun nur tüchtiger machte, in dem Maße, als er mich von dem schweren Joch der Sinnenlust befreite. Wenn mich also die göttliche Gnade von diesen verächtlichen Gliedern, die wegen ihrer niedrigen Verrichtungen nur Schamglieder heißen und nicht einmal mit ihrem eigentlichen Namen genannt werden können — wenn mich die göttliche Gnade davon befreit hat — eine Beraubung war es ja nicht —: hat sie damit nicht bloß den Schmutz und das Laster entfernt und die Reinheit und Tugend gerettet?
Im heftigen Verlangen nach solcher Reinheit und Keuschheit haben einige weise Männer, so wird uns berichtet, selbst Hand an sich gelegt, um die Sünde der Wollust mit der Wurzel in sich auszurotten. Man glaubt ja sogar von dem Apostel Paulus, er habe den Herrn um Befreiung von diesem Pfahl im Fleisch gebeten, ohne jedoch Erhörung zu finden. Ein anderes Beispiel dafür ist jener große christliche Philosoph Origenes, der sich nicht scheute, selbst Hand an sich zu legen, um die Flamme in seinem Innern für immer zu ersticken. Nach dem strengen Buchstaben der Schrift hielt er wohl nur diejenigen für wahrhaft selig, die sich selbst verschneiden um des Himmelreichs willen, und scheint der Meinunggewesen zu sein, daß nur solche Leute das Gebot wirklich erfüllen, welches der Herr in betreff der Glieder, die uns ärgern, ausgesprochen hat: nämlich, daß man sie abhauen und von sich werfen solle. Auch hat er offenbar jenes prophetische Wort des Jesaias wörtlich statt mystisch aufgefaßt, nach welchem der Herr die Eunuchen den übrigen Gläubigen vorzieht. Dasselbe lautet: „Den Verschnittenen, welche meine Sabbathe halten, und erwählen was mir wohlgefällt und meinen Bund fest fassen: ich will ihnen in meinem Hause und in meinen Mauern einen Ort geben und einen bessern Namen, denn den Söhnen und Töchtern; einen ewigen Namen will ich ihnen geben, der nicht vergehen soll“. Dennoch hat Origenes eine schwere Schuld auf sich geladen, da er, um der Sünde zu entgehen, seinen Leib verstümmelte. Er eiferte um Gott, gewiß; aber es war ein blinder Eifer, und so hat er die Schuld des Mordes auf sich geladen, indem er gegen sich selbst wütete. Entweder war es teuflische Eingebung oder ein höchst bedauerlicher Wahn, was ihn trieb, das an sich zu vollstrecken, was die Barmherzigkeit Gottes an mir durch einen andern Menschen hat verüben lassen. Ich entgehe der Schuld, ohne anderweitig Gefahr zu laufen. Ich verdiene den Tod und erlange das Leben. Gott ruft mir, und ich widerstrebe. Ich beharre in meinen Sünden, und die Verzeihung wird mir aufgenötigt. Der Apostel bittet und wird nicht erhört; er hält an mit Flehen und erlangt nichts. Wahrlich: „Gott hat sich Sorge gemacht um meinetwillen“. Darum will ich hingehen und verkünden, „wie große Dinge der Herr an mir gethan hat“.
Tritt auch du herzu, meine treuverbundene Gefährtin und vereinige dein Dankgebet mit dem meinigen, die du Sünde und Gnade mit mir geteilt hast. Denn auch deines Heils vergißt der Herr nicht; vielmehr gedenkt er deiner vor anderen; ja, indem er dich nach seinem eigenen Namen, der Heloim lautet, Heloissa genannt hat, wollte er schon durch deinen Namen wie durch eine Art Prophezeiung andeuten,daß du in ganz besonderem Sinne sein Eigentum sein sollest. Er hat in seinem milden Rat beschlossen, durch das eine von uns alle beide zu retten, während der Teufel uns miteinander zu vernichten trachtete.