Denn ganz kurz, bevor das Ereignis eintrat, hatte er uns durch das unlösliche Band der heiligen Ehe miteinander verbunden. Wohl war es mein Wunsch, dich, die ich über alles liebte, auf diese Weise für immer an meiner Seite festzuhalten; aber eigentlich war es doch Gott selber, der diese Wendung der Dinge dazu benutzte, uns beide zu sich zu ziehen. Denn hätte dich nicht schon das Band der Ehe an mich gefesselt, als ich mich aus der Welt zurückzog, du hättest dich vielleicht durch das Zureden deiner Angehörigen oder durch die lockende Aussicht auf des Fleisches Lust bestimmen lassen, an der Welt hängen zu bleiben. Darum siehe, wie Gott sich um uns bemüht hat, als hätte er uns noch zu großen Dingen bestimmt, als wäre er unwillig und bekümmert darüber, daß die reiche Gabe der Gelehrsamkeit und Wissenschaft, die er uns beiden verliehen, nicht zur Ehre seines Namens verwendet werde; oder als fürchte er, es möchte bei der Unenthaltsamkeit seines schwachen Knechtes auch auf ihn das Wort der Schrift seine Anwendung finden: „Die Weiber machen auch Weise abtrünnig“, wofür der weise Salomo ein treffendes Beispiel ist.
Welch reichliche Zinsen trägt das Pfund deiner Weisheit Tag für Tag dem Herrn! Wie viel geistliche Töchter hast du ihm schon geboren, während ich gänzlich unfruchtbar bleibe und mich vergeblich abmühe mit den Kindern des Verderbens! Welch unheilvoller Verlust, welch beklagenswerter Schaden, wenn du dich den schmutzigen Lüsten des Fleisches hingegeben, mit Schmerzen wenige Kinder zur Welt gebracht hättest, die du jetzt mit Freuden eine zahlreiche Schar für das Himmelreich gebierst. Ein Weib wärest du geblieben wie alle anderen, die du jetzt hoch selbst über den Männern stehst, die du Evas Fluch in den Segen der Maria gewandelthast! Wie wären diese heiligen Hände, die jetzt nur in Berührung kommen mit den Blättern der heiligen Bücher, entweiht worden durch die Beschäftigung mit der Kleinlichkeit weiblicher Sorgen!
Gott selbst hat geruht, uns der Berührung mit dem Gemeinen und diesen schmutzigen Freuden zu entreißen und uns zu sich zu ziehen mit jener Gewalt, durch die einst Paulus erschüttert und bekehrt worden ist; vielleicht wollte er durch unser Beispiel auch andere, die in den Wissenschaften bewandert sind, von ähnlicher Überhebung abschrecken.
Darum, liebe Schwester, laß dich unser Geschick nicht anfechten und werde dem Vater, der uns so väterlich zurechtgewiesen, durch deine Klagen nicht lästig. Denke an den Spruch: „Welchen der Herr lieb hat, den züchtiget er; er stäupet aber einen jeglichen Sohn, den er annimmt“ und an den anderen: „Wer der Rute schonet, der hasset seinen Sohn“. Unsere Strafe ist eine zeitliche, nicht eine ewige; wir werden geläutert, nicht verurteilt. Richte dich auf an dem Wort des Propheten: „Der Herr geht nicht zweimal ins Gericht mit Einer Sünde; es wird das Unglück nicht zweimal kommen“. Nimm zu Herzen jene hohe und wichtige Mahnung dessen, der die Wahrheit selbst war: „So ihr geduldig seid, werdet ihr eure Seelen erretten“. Daher auch Salomo spricht: „Ein Geduldiger ist besser denn ein Starker und der seines Mutes Herr ist, denn der Städte gewinnet“.
Rührt dich nicht das Bild des eingeborenen Gottessohnes zu Thränen und Trauer? Er, um deinet- und aller Welt willen von den Sündern ergriffen, vor den Richter geschleppt, gegeißelt, verhöhnt, ins Angesicht geschlagen, verspeit, mit Dornen gekrönt und zuletzt am Schandpfahl des Kreuzes unter Mördern aufgehenkt und erwürgt durch den martervollsten fluchwürdigsten Tod? Ihn, liebe Schwester, deinen und der ganzen Kirche wahrhaftigen Bräutigam, habe stets vor Augen und im Herzen. Sieh auf ihn, wie er hinausgeht, um für dich sich kreuzigen zu lassen und wie erselber sein Kreuz trägt. Mische dich unter das Volk und die Frauen, die um ihn weinten und klagten, wie Lukas erzählt: „Es folget ihm aber nach ein großer Haufe Volks und Weiber, die klageten und beweineten ihn“. Und er, in milder Güte zu ihnen gewandt, kündet ihnen das Verderben, das zur Strafe für seinen Tod hereinbrechen werde, vor dem sie sich aber retten können, wenn sie klug seien und seinen Worten folgen: „Ihr Töchter Jerusalems, sprach er, weinet nicht über mich, sondern weinet über euch selbst und über eure Kinder. Denn siehe, es wird die Zeit kommen, in welcher man sagen wird: ‚Selig sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben und die Brüste, die nicht gesäuget haben. Dann werden sie anfahen zu sagen zu den Bergen: Fallet über uns! und zu den Hügeln: Decket uns! Denn so man das thut am grünen Holz, was will am dürren werden?‘“
Leide mit dem, der, dich zu erlösen, freiwillig leidet! und traure um ihn, der um deinetwillen ans Kreuz geschlagen ist. Steh im Geist allezeit an seinem Grabe und weine und klage mit den gläubigen Frauen. Von ihnen heißt es, wie ich schon oben gesagt habe, in der Schrift: „Frauen saßen am Grab, klagten und weinten um den Herrn“. Bereite mit ihnen Spezereien zu seinem Begräbnis, aber nicht stoffliche, sondern bessere, geistige: denn nur wer diese nicht kennt, verlangt nach jenen. Von solchen Gedanken laß dein Herz bis ins Innerste erschüttern.
Der Herr selbst ermahnt die Gläubigen durch den Mund des Propheten Jeremia zur herzlichen Teilnahme an seinem Leiden also: „Ihr alle, die ihr vorübergeht, schauet doch und sehet, ob irgend ein Schmerz sei wie mein Schmerz“; d. h. ob irgend ein Leidender so sehr Mitleid verdient wie ich, der ich allein schuldlos die Sünden anderer büße. Er selbst aber ist der Weg, durch den die Gläubigen aus der Fremde eingehen zum Vaterland. Darum hat er sein Kreuz, von dem herab er uns also zuruft, für uns aufgerichtet als eine Leiterdes Heils. Er ist für dich getötet, der Eingeborene Gottes ist geopfert worden, also war es sein Wille. Er allein verdient dein schmerzvolles Mitleid und deinen mitleidigen Schmerz. Mache wahr, was der Prophet Zacharias von den frommen Seelen weissagt: „Sie werden ihn klagen, wie man klaget ein einiges Kind und werden sich um ihn betrüben, wie man sich betrübet um ein erstes Kind“.
Sieh zu, meine Schwester, welche Klage unter den Freunden eines Königs sich erhebt, wenn sein erstgeborener und einziger Sohn stirbt. Betrachte, in welchen Jammer, in welche Trauer die Königsfamilie und der ganze Hof versetzt wird, und das Wehgeschrei, das die Braut des Toten erhebt, wirst du gar nicht mit anhören können. Also, meine Schwester, soll deine Trauer und deine Klage beschaffen sein, denn du hast mit jenem herrlichen Bräutigam den seligen Ehebund geschlossen. Er hat dich erworben nicht mit seinen Schätzen, sondern mit sich selber. Mit seinem eigenen Blut hat er dich erkauft und hat dich erlöset. Darum bedenke, welches Recht er auf dich hat und vergiß nicht, wie teuer du erkauft bist. Im Gedanken an diesen Kaufpreis und in Erwägung der Frage, was der in Wirklichkeit wert sei, für den ein solcher Preis bezahlt wurde und was für einen Dank er für diese hohe Gnade erstatten könne, sagt der Apostel: „Es sei aber ferne von mir, rühmen, denn allein von dem Kreuz unseres Herrn Jesu Christi, durch welchen mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt“.
Mehr als der Himmel bist du, mehr als die Welt, du, für welche sich der Schöpfer der Welt selbst zum Preis gegeben hat. Sprich, was hat er an dir gefunden, er, der keines Menschen bedarf, daß er, um dich zu gewinnen, die Qualen des schrecklichsten, schimpflichsten Todes durchgekämpft hat? Was sucht er an dir, ich frage noch einmal, wenn nicht dich selbst? Der ist dein wahrer Freund, der nicht das deine begehrt, sondern dich selber. Das ist der wahre Freund, der für dich in den Tod gehend sprach: „Niemand hat größereLiebe denn die, daß er sein Leben lässet für seine Freunde“. Er hat dich wahrhaft geliebt, nicht ich. Meine Liebe, die uns beide in Sünden verstrickte, verdient den Namen Begierde, nicht den der Liebe. Befriedigung meiner sündlichen Lüste suchte ich bei dir, das war meine ganze Liebe. Für dich habe ich gelitten, sagst du, und vielleicht ist etwas Wahres daran; aber noch mehr durch dich und auch das wider meinen Willen; nicht aus Liebe zu dir geschah es, sondern weil ich der Gewaltthat erlag, und nicht zu deinem Heil, sondern zu deinem Schmerz. Er aber hat um deines Heiles willen, er hat aus eigenem Trieb für dich gelitten. Er heilt durch sein Leiden alle Krankheit, er stillt alles Leid. Ihm, ich bitte dich, nicht mir weihe deine ganze Liebe, dein ganzes Mitleid, deinen ganzen Schmerz. Weine über die Grausamkeit und Ungerechtigkeit, die sich so an der Unschuld vergreifen durfte, nicht über die gerechte Strafe, die mich betroffen und die für uns beide, ich wiederhole es, die größte Wohlthat war. Denn die Gerechtigkeit nicht lieben, heißt ungerecht sein, und ganz ungerecht bist du, wenn du mit Wissen dem Willen oder vielmehr der hohen Gnade Gottes widerstrebst.
Klage um deinen Retter, nicht um deinen Verführer; um deinen Erlöser, nicht um deinen Buhlen; um den Herrn, der für dich gestorben, nicht um den Knecht, der noch lebt, ja, der erst jetzt wirklich vom Tode befreit ist. Gieb acht, ich beschwöre dich, daß man nicht zu deiner Schande das Wort auf dich anwenden könne, das einst Pompejus zu der trauernden Cornelia gesagt hat:
„Noch lebt nach dem Kampfe die Größe;Aber das Glück ist tot:dashast du geliebt, das beweinst du.“
„Noch lebt nach dem Kampfe die Größe;
Aber das Glück ist tot:dashast du geliebt, das beweinst du.“
Daran denke und halte dein Schamgefühl wach: du möchtest sonst die begangenen Frevel durch noch Frevelhafteres verstärken. Und so nimm denn geduldig hin, meine liebe Schwester, ich bitte dich drum, was die göttliche Barmherzigkeit über uns geschickt hat. Das ist die Rute des Vaters, nicht das Schwert des Verfolgers. Der Vaterzüchtigt, um zu bessern, damit nicht der Feind schlage, um zu töten. Durch die Wunde führt er nicht den Tod herbei, sondern rettet vor ihm; er wendet das Messer an, um abzuschneiden, was krank ist. Er verwundet den Leib und heilt die Seele. Er hätte töten sollen und macht lebendig. Er entfernt die Unreinigkeit, bis alles rein ist. Er straft einmal, um nicht ewig strafen zu müssen. Einer muß die Verletzung erleiden, damit zwei mit dem Tode verschont werden. Zwei in der Schuld, einer in der Strafe. Die göttliche Barmherzigkeit hat Nachsicht gehabt mit der Unkraft deiner Natur, und das gewiß mit Recht. Schon durch dein Geschlecht warst du von Natur schwächer und dennoch stärker in der Enthaltsamkeit, und darum weniger strafwürdig. Auch dafür sage ich dem Herrn Dank, daß er dir die Strafe erlassen und dir die Ehrenkrone aufbehalten hat. In mir hat er, um mich zu retten, durch einen einmaligen körperlichen Schmerz für immer alle Glut der Begierde erstickt, in der mich meine unbändige Leidenschaft gefangen hielt. Dein junges Herz hat er durch die beständige Lockung des Fleisches vielen noch größeren Leiden anheimgegeben, um dich der Märtyrerkrone teilhaftig werden zu lassen. Es mag dich vielleicht verdrießen, dies zu hören; du möchtest mir vielleicht das Wort verbieten, aber es ist die offenkundige Wahrheit selber, die hier redet. Wer beständig zu kämpfen hat, dem wird zuletzt auch die Krone zu teil; denn „keiner wird gekrönt, er kämpfe denn recht“. Mir aber winkt keine Krone, weil ich keinen Anlaß zum Kampfe mehr habe. Wem der Stachel der Begierde genommen ist, dem fehlt der Grund zum Kämpfen.
Doch wenn ich schon hienieden keine Krone erlange, so ist es doch gewiß immer schon etwas, daß ich keine Strafe mehr zu fürchten habe und daß mir um den schmerzhaften Augenblick meiner Bestrafung auf Erden vielleicht viele Strafen in der Ewigkeit erlassen werden. Denn von den Menschen, die an dieses elende Leben sich hängen, gilt das Wort der Schrift,das von den Tieren geschrieben steht: „Das Vieh ist verfault in seinem Mist“.
Ich will mich nicht darüber beklagen, daß ich mein Verdienst schwinden sehe, weil ich dessen sicher bin, daß das deinige zunimmt. Denn in Christus sind wir beide eins, ein Fleisch durch das Band der Ehe. Alles was dein ist, achte ich auch mir nicht fremd. Dein aber ist Christus, denn du bist seine Braut geworden. Darum bin ich jetzt, wie ich schon oben sagte, dein Knecht, ich, den du einst deinen Herrn nanntest: doch bin ich dir mehr in geistiger Liebe verbunden, als in Furcht unterthan. Darum verspreche ich mir auch so viel von deiner Verwendung für mich bei Jesus Christus und hoffe durch deine Fürsprache zu erlangen, was mein eigen Gebet nicht erwirken kann; vornehmlich in dieser bedrängten Zeit, wo tägliche Gefahr und Anfechtung mir kaum Zeit zum Leben, geschweige zum Beten läßt. Auch kann ich nicht dem Beispiel jenes frommen Eunuchen folgen, jenes vornehmen Mannes am Hofe der Äthiopenkönigin Candace, der über alle ihre Schätze gesetzt war und die weite Reise gemacht hatte, um in Jerusalem anzubeten. Zu ihm wurde auf dem Heimweg vom Engel des Herrn der Apostel Philippus gesandt, daß er ihn zum rechten Glauben bekehre: denn der Mann hatte es verdient durch sein Gebet und durch fleißiges Lesen der heiligen Schrift. Nicht einmal unterwegs ließ er davon ab; darum fügte es Gott in seiner gnädigen Nachsicht, wiewohl jener ein reicher Mann und Heide war, also, daß er auf eine Stelle der heiligen Schrift stieß, die dem Apostel eine treffliche Gelegenheit zur Anknüpfung bot.
Damit aber meiner Bitte nichts im Wege stehe und die Erfüllung derselben hinausschiebe, so beeile ich mich, den Wortlaut des Gebetes, welches ihr für mich in Demut vor den Herrn bringen möget, hier aufzusetzen und dir zu übersenden:
„O Gott, der du von Anbeginn der Schöpfung, da du aus der Rippe des Mannes das Weib gebildet, das heiligeSakrament der Ehe eingesetzt und es zu unendlicher Ehre erhoben hast, indem du selbst durch ein Weib Mensch geworden bist und dein erstes Wunder auf einer Hochzeit gethan hast; der du auch meiner Unenthaltsamkeit und Schwachheit die Ehe als Heilmittel nach deinem Wohlgefallen gewährt hast: verschmähe nicht die Bitten deiner Magd, die ich für meine und meines Geliebten Vergehen in Demut vor dein heiliges Angesicht bringe. Vergieb, o Allgütiger, der du die Güte selber bist, vergieb uns unsere Sünden, so groß und viel sie sind, und laß an der Menge unserer Schulden den Reichtum deiner unaussprechlichen Barmherzigkeit offenbar werden. Ich flehe dich an: strafe die Schuldigen hienieden, damit du sie drüben schonen könnest. Strafe sie in der Zeit, daß du nicht in der Ewigkeit strafen müssest. Nimm die Rute der Zucht für deine Knechte zur Hand, nicht das Schwert deines Grimms. Schlage das Fleisch, daß die Seelen erhalten bleiben. Läutere uns, aber vergilt uns nicht nach unserer Missethat: laß deine Güte walten mehr als Gerechtigkeit; sei uns ein barmherziger Vater, nicht ein strenger Herr.“
„Prüfe und versuche uns so, wie der Prophet es für sich selber von dir erfleht mit Worten, die so viel sagen wollen als: siehe zuerst auf meine Kräfte und bemiß nach ihnen die Last der Prüfung. Auch der heilige Paulus giebt ja seinen Gläubigen den Trost: ‚Denn Gott ist getreu, der euch nicht lässet versuchen über euer Vermögen, sondern macht, daß die Versuchung so ein Ende gewinne, daß ihr es könnet ertragen‘.“
„Du hast uns vereint, o Herr, und wiederum getrennt, wie und wann es dir gefallen hat. Nun Herr, vollende in deiner großen Barmherzigkeit, was du so gnädig begonnen; die du in der Welt für kurze Zeit auseinander gerissen, vereinige sie mit dir im Himmel für alle Ewigkeit. Denn du bist unsere Hoffnung, unser Erbteil, unsere Sehnsucht, unser Trost, o Herr, gepriesen in Ewigkeit. Amen.“
Lebe wohl in Christo, du Braut Christi, in Christo lebewohl, und lebe Christo! Amen.
(Ihrem unumschränkten Herrn seine ergebene Dienerin.)
Damit du mich nicht in irgend einem Stück des Ungehorsams zeihen könnest, so habe ich nach deinem Befehl den Äußerungen meines Schmerzes, so groß er ist, Zügel angelegt und will mich wenigstens beim Schreiben davor hüten, Worte zu gebrauchen, die ich bei der mündlichen Rede schwerlich, ja unmöglich würde zurückhalten können. Denn nichts haben wir so wenig in der Gewalt als unser Herz und statt ihm gebieten zu können, müssen wir ihm folgen. Darum, wenn wir den Stachel seiner Leidenschaften fühlen, ist niemand imstande, seine ungestümen Triebe so zu dämpfen, daß sie nicht leicht zu Thaten werden und noch leichter durch Worte sich Luft machen, welche stets die bereitwilligen Dolmetscher leidenschaftlicher Herzen sind, nach dem Worte der Schrift: „Wes das Herz voll ist, des gehet der Mund über“. Darum will ich wenigstens beim Schreiben meiner Hand Halt gebieten, wenn ich schon meiner Zunge das Wort nicht verbieten könnte. Wäre doch mein trauerndes Herz so bereit zu gehorchen, wie die schreibende Hand!
Etwas kannst du doch zur Milderung unseres Schmerzes beitragen, wenn du ihn auch nicht ganz zu stillen vermagst. Wie nämlich ein Nagel durch den andern ausgetrieben wird, so verdrängt ein Gedanke den andern, und der Geist, in anderer Richtung in Anspruch genommen, muß die Erinnerung an Früheres schwinden oder doch in Hintergrund treten lassen. Ein Gedanke beschäftigt aber den Geist um so lebhafter und ausschließlicher, je edler sein Inhalt ist und je notwendiger die Angelegenheit erscheint, auf welche wir unser Sinnen und Denken richten. Wir alle nun, Dienerinnen Christi und in Christus deine Töchter, bringen in Demut zwei Bittenvor dich als unsern Vater, deren Erfüllung für uns von der höchsten Wichtigkeit ist. Die erste Bitte ist die: du möchtest uns über den Ursprung des Standes der Nonnen und über das Wesen unseres Berufes aufklären. Die zweite: du möchtest uns eine Regel aufstellen und zusenden, in welcher den besonderen Bedürfnissen des weiblichen Geschlechts Rechnung getragen und die Einrichtung und Gestaltung unseres Ordenslebens von Grund aus festgesetzt würde: denn wir haben uns überzeugt, daß dies von den heiligen Vätern bis jetzt unterlassen worden ist. Diese Versäumnis hat die unangenehme Folge, daß jetzt bei der Aufnahme ins Kloster Männer und Frauen gleicherweise auf ein und dieselbe Regel verpflichtet werden, und daß das schwache Geschlecht unter dieselbe Klosterordnung sich beugen muß wie das starke. Zu der Regel des heiligen Benediktus bekennen sich in der abendländischen Kirche die Frauen genau so wie die Männer. Es ist aber klar, daß sie ausschließlich für Männer aufgestellt worden ist und darum auch nur von Männern eingehalten werden kann, von Untergebenen wie von Vorgesetzten. Um von anderen Bestimmungen der Regel zu schweigen: was sollen wir Frauen anfangen mit den Vorschriften über Kutten, Beinkleider, Skapulire? Wie können sich Frauen die Bestimmung über Unterkleider oder wollene Hemden zu eigen machen, da sie doch solche wegen ihrer monatlichen Reinigung gerade gar nicht brauchen können? Was soll ihnen ferner die Vorschrift, daß der Abt das Evangelium selbst verlesen und danach den Hymnus anstimmen solle? Und daß der Abt mit den Pilgern und Gästen abseits an einem besonderen Tische sitzen solle? Was schickt sich für unsern Stand? Sollen wir überhaupt keine Männer gastlich aufnehmen oder soll die Äbtissin mit den Männern, die zu Gaste sind, an Einem Tisch essen? O wie schnell ist es um ein Herz geschehen, wo Männer und Frauen unter Einem Dach zusammenwohnen! Vollends aber bei Tische, wo so oft Völlerei und Trunkenheit herrscht und wo im süßbethörenden Wein die Lüsternheit lauert. Davorwarnt auch der heilige Hieronymus in seinem Brief an eine Mutter und ihre Tochter: „Schwer ist’s, bei Schmausereien die Keuschheit zu wahren“. Auch Ovid, aller lüsternen Üppigkeit Sänger und Meister, beschreibt es in seinem Buch von der „Kunst zu lieben“ des langen und breiten, wie bei festlichen Gelagen die Buhlerei ihre Rechnung finde:
„Sind vom Wein erst benetzt die durstigen Flügel Cupidos,Dann verweilt er und weicht nimmer von selbigem Ort.Frohes Lachen ertönt, der Traurige hebet das Haupt nunSorg’ entweichet und Schmerz, glatt wird die faltige Stirn.Manchem Knaben ging so das Herz an die Mädchen verloren;Lieb’ durchströmet den Leib, Glut sich entzündet an Glut.“
„Sind vom Wein erst benetzt die durstigen Flügel Cupidos,
Dann verweilt er und weicht nimmer von selbigem Ort.
Frohes Lachen ertönt, der Traurige hebet das Haupt nun
Sorg’ entweichet und Schmerz, glatt wird die faltige Stirn.
Manchem Knaben ging so das Herz an die Mädchen verloren;
Lieb’ durchströmet den Leib, Glut sich entzündet an Glut.“
Ja, selbst wenn man nur Frauen Herberge und Tischgemeinschaft gewährt: lauert nicht auch hier schon die Gefahr? Wahrhaftig, das wirksamste Mittel, ein Weib zu verführen, sind die Schmeicheleien durch ein anderes Weib. Auch vertraut am liebsten eine Frau der andern ihr verdorbenes Herz an. Darum warnt auch Hieronymus Frauen, die sich einem heiligen Beruf geweiht haben, nachdrücklich vor dem Verkehr mit weltlichen Frauen.
Wenn wir nun aber die Männer von unserer Gastfreundschaft ausschließen und nur Frauen unsere Pforte öffnen, so werden wir — das sieht jeder ein — durch solche Unfreundlichkeit den Männern, auf deren Unterstützung die Klöster des schwächeren Geschlechts angewiesen sind, vor den Kopf stoßen, da es dann den Anschein hat, als wollten wir denen wenig oder nichts geben, von denen wir das meiste empfangen.
Können wir aber nicht den ganzen Inhalt der Regel befolgen, so fürchte ich, es möchte in jenem Worte des Apostels Jakobus auch unsere Verurteilung ausgesprochen sein: „So jemand das ganze Gesetz hält und sündiget an einem, der ist’s ganz schuldig“. Das heißt: Einer, der viel thut, wird gerade dadurch schuldig, daß er nicht alles erfüllt. Zum Übertreter des Gesetzes wird er schon durch eine Versäumnis; erfüllt hat er das Gesetz erst dann, wenn er alle Gebotedesselben befolgt hat. Dies meint auch der Apostel, wenn er sagt: „Der gesagt hat: du sollst nicht ehebrechen, der hat auch gesagt: du sollst nicht töten. So du nun nicht ehebrichst, tötest aber, bist du ein Übertreter des Gesetzes“. Deutlicher ausgedrückt soll dies heißen: Weil der Herr selbst das eine Gebot so gut wie das andere aufgestellt hat, darum macht sich der Übertretung des Ganzen schuldig, wer auch nur Eines nicht hält, gleichviel was für eines es sei. Und die Übertretung jedes einzelnen Gebotes ist eine Mißachtung gegen den Gesetzgeber, der sein Gesetz nicht etwa auf Ein Gebot gestellt hat, sondern gleichmäßig auf alle zusammen.
Doch ich will nicht reden von den Bestimmungen der Regel, die wir überhaupt nicht, oder doch nicht ohne Gefahr einzuhalten vermögen. Ich möchte nur fragen: wo in aller Welt ist es Sitte, daß Nonnen aufs Feld gehen, um die Ernte einzuheimsen und den Acker zu bestellen? Ferner: ist ein einziges Probejahr genügend für die Frauen, die in den Orden aufgenommen sein wollen, und sind sie hinreichend unterrichtet, wenn man ihnen die Regel dreimal vorgelesen hat, wie dies die Regel selber verlangt? Was ist thörichter, als einen unbekannten und noch nicht deutlich gezeichneten Weg zu beschreiten? Was ist voreiliger, als ein Leben zu erwählen und zu seinem Beruf zu machen, das man noch gar nicht kennt, oder ein Gelübde zu thun, das man doch nicht halten kann? Wenn die Klugheit die Mutter aller Tugenden ist und die Vernunft die Vermittlerin aller Güter — wer wird dann etwas, das mit ihnen in Widerspruch steht, für ein Gut oder für eine Tugend halten? Selbst die Tugenden, sagt Hieronymus, können zum Laster werden, wenn sie Maß und Ziel überschreiten. Das ist aber ganz gewiß ein unkluges vernunftwidriges Verfahren, wenn man jemand eine Last auflegen will, ohne vorher die Kräfte dessen, der sie tragen soll, zu untersuchen, so daß die zugemutete Leistung im richtigen Verhältnis zur natürlichen Fähigkeit steht. Wer wird einem Esel die gleiche Last zumuten wie einemElefanten? Wer wird Kindern und Greisen dieselbe Bürde aufladen wie Männern? Schwachen so viel wie Starken, Kranken so viel wie Gesunden, Frauen so viel wie Männern? Dem schwächeren Geschlecht so viel wie dem starken?
Mit Rücksicht darauf hat der Papst Gregorius im 24. Kapitel seines „Pastoralis“ in Beziehung auf Ermahnungen und Vorschriften folgenden Unterschied gemacht: „Anders sind Männer zu ermahnen, anders Frauen; jenen kann man Schwereres zumuten, diesen nur Leichtes. Männer mögen sich in harter Übung bewähren, Frauen werden am besten durch Sanftmut und Milde gewonnen“. Diejenigen aber, welche Klosterregeln aufgestellt haben, haben nicht nur die Frauen mit gänzlichem Stillschweigen übergangen, sondern sie haben auch Bestimmungen getroffen, von denen sie wissen mußten, daß sie für Frauen keineswegs passen: wußten sie ja doch auch sehr wohl, daß man nicht Stier und Kuh unter das gleiche Joch spannen darf, weil man denen, die von Natur verschieden sind, nicht die gleiche Arbeit zumuten kann.
Diesen Unterschied hat der heilige Benediktus keineswegs vergessen, und gleichsam vom Geiste aller Gerechten erfüllt, trägt er in allem der Verschiedenheit der Menschen wie der Zeiten Rechnung, damit alles, wie er dies selbst in seiner Regel festsetzt, im richtigen Maße geschehe. Beim Abt beginnend, verlangt er von demselben, er solle in der Weise das Regiment führen, daß er dem Charakter und der Einsicht eines jeden seiner Untergebenen Rechnung trage und sich so mit allen in ein gutes Einvernehmen setze; so werde er es nicht erleben müssen, daß die ihm anvertraute Herde Schaden nehme, im Gegenteil werde er sich ihres Wachstums freuen dürfen … Seine eigene Gebrechlichkeit solle er niemals vergessen und daran denken, daß man das geknickte Rohr nicht zertreten dürfe. Er soll auch mit den besonderen Zeitumständen rechnen und sich die Klugheit des frommen Jakob zum Beispiel nehmen, welcher sagte: „Wenn sie einen Tag übertrieben würden, würde mir die ganze Herde sterben.“Solche und ähnliche Beispiele von kluger Erwägung, die aller Tugenden Mutter ist, soll er vor Augen haben und in allem so maßvoll handeln, daß die Starken genug zu thun haben und die Schwachen nicht zurückschrecken.
Diesem Bestreben, allen gerecht zu werden und überall das richtige Maß zu halten, verdanken ihren Ursprung die Ausnahmebestimmungen für Kinder, Greise und überhaupt gebrechliche Leute, ferner die Verordnung, daß der Vorleser, der, welcher den Wochendienst hat und der Koch vor den übrigen ihr Essen bekommen sollen, endlich die Fürsorge dafür, daß beim gemeinsamen Mahl Speise und Trank nach Güte und Menge mit Rücksicht auf die Art der einzelnen Leute verteilt werden — worüber genaue Einzelvorschrift vorhanden sind. Auch für die festgesetzten Fastenzeiten sind in der Ordensregel in Rücksicht auf die Jahreszeit oder ausnahmsweise Arbeitslast mildernde Bestimmungen enthalten, wie die Schwachheit der menschlichen Natur sie erfordert.
Der Mann, der in solcher Weise in allen Stücken der besonderen Beschaffenheit der Menschen und der Zeiten Rechnung getragen hat, so daß seine Verordnungen von allen ohne Murren erfüllt werden können: wie hätte der die besonderen Bedürfnisse der Frauen berücksichtigt, wenn er seine Ordensregel, die ursprünglich nur für Männer bestimmt war, auch auf das weibliche Geschlecht hätte ausdehnen wollen! Sieht er sich schon in Rücksicht auf Knaben, Greise und Kranke wegen der Hinfälligkeit und Schwachheit der menschlichen Natur genötigt, in einigen Stücken von der Strenge der Regel etwas nachzulassen: wie viel mehr hätte er Sorge getragen für das zarte Geschlecht, das von Natur — wie jeder weiß — schwach und kraftlos ist. Darum so erwäge, wie es jedem vernünftigen Denken widersprechen würde, wollte man Frauen und Männer auf ein und dieselbe Regel verpflichten und die gleiche Last Schwachen wie Starken auflegen. Ich glaube, daß es in Anbetracht unserer Schwachheit genug ist, wenn wir in der Tugend des Gehorsams undder Keuschheit den Leitern der Kirche und den Geistlichen, die in frommen Gemeinschaften leben, gleichstehen; auch der Mund der Wahrheit spricht ja: „Es ist dem Jünger genug, daß er sei wie sein Meister“. Schon das müßte uns als Leistung angerechnet werden, wenn wir es nur frommen Laien gleichthun könnten. Denn an Starken schätzt man manches nicht sonderlich, was man am Schwachen bewundert, und nach dem Wort des Apostels „ist die Kraft in den Schwachen mächtig“.
Wir wollen nur die Frömmigkeit von Laien, wie Abraham, David, Hiob, wiewohl sie im Stand der Ehe lebten, nicht geringschätzen! Es fällt mir da eine Stelle aus der siebenten Predigt des Chrysostomus über den Hebräerbrief ein: „Es giebt mancherlei Mittel, womit man das wilde Tier im Innern einschläfern kann. Was für Mittel sind das? Der Hände Arbeit, Lesen, Nachtwachen. Aber was geht das uns an, die wir keine Mönche sind? Das entgegnest du mir? Sag es doch dem Paulus, bei dem es heißt: ‚Haltet an mit Wachen und Beten in aller Geduld‘; oder: ‚Wartet des Leibes nicht also, daß er geil werde‘. Diese Worte sind nicht bloß für Mönche geschrieben, sondern für alle, die zu einem bürgerlichen Gemeinwesen gehören. Denn ein Laie soll vor einem Mönch nichts weiter voraushaben, als daß er mit seiner Frau zusammenleben darf. Das ist sein Vorrecht, ein anderes giebt es nicht für ihn, vielmehr soll er in allem anderen leben wie ein Mönch. Denn auch die Seligpreisungen, die Christus ausgesprochen hat, sind nicht bloß den Mönchen verheißen. Die ganze Welt müßte ja zu Grunde gehen, wenn alles, was Tugend heißt, in den engen Raum eines Klosters eingeschlossen wäre. Und wie könnte der Stand der Ehe ehrlich sein, wenn sie ein so großes Hindernis für unser Seelenheit wäre?“
Daraus geht deutlich hervor: Wer zu den Geboten des Evangeliums noch die Tugend der Enthaltsamkeit hinzufügt, der erreicht die sittliche Vollkommenheit des Mönchs. Möchtenwir es in unserm Stande doch nur dahin bringen, daß wir das Evangelium erfüllten, ohne es überbieten zu wollen; daß wir doch nicht mehr sein wollten als gute Christen!
Von diesem Gedanken geleitet, haben, wenn ich mich nicht täusche, die frommen Väter darauf verzichtet, auch für uns Frauen, wie für die Männer, eine besondere Regel, gleichsam als ein neues Gesetz aufzustellen und durch schwere Gelübde unsere Schwachheit zu belasten. Sie dachten dabei wohl an das Wort des Apostels: „Das Gesetz richtet nur Zorn an; denn wo das Gesetz nicht ist, da ist auch keine Übertretung“ und ferner: „Das Gesetz aber ist neben einkommen, auf daß die Sünde mächtiger würde“. Derselbe strenge Prediger der Enthaltsamkeit nötigt aber doch gewissermaßen im Gedanken an unsere Schwachheit die jungen Witwen zur zweiten Ehe, indem er sagt: „So will ich nun, daß die jungen Witwen freien, Kinder zeugen, Haus halten, dem Widersacher keine Ursach’ zu schelten geben“. Auch der heilige Hieronymus hält diese Verordnung für ganz heilsam und giebt der Jungfrau Eustochium mit Rücksicht auf unbedachte Gelübde von Frauen folgenden Rat: „Wenn sogar diejenigen, die ihre Jungfräulichkeit bewahrt haben, wegen ihrer sonstigen Sünden nicht vorwurfsfrei sind: was wird erst denen geschehen, die die Glieder Christi preisgegeben und den Tempel des heiligen Geistes in ein Freudenhaus verwandelt haben? Es ist dem Menschen besser, das Joch der Ehe auf sich zu nehmen und auf der ebenen Erde zu bleiben als hoch hinaus zu wollen und schließlich in den Rachen der Hölle hinabzustürzen“. Auch der heilige Augustin schreibt in seinem Buch „Über die Enthaltsamkeit der Witwen“ an Julian folgendes zur Warnung vor unbesonnenem Ablegen eines Gelübdes: „Die, welche sich noch nicht gebunden hat, soll es sich wohl überlegen, hat sie aber einmal den Schritt gethan, dann soll sie auch dabei bleiben. Man soll dem Widersacher keine Gelegenheit geben und Christus kein Opfer entziehen.“ Darum steht auch in den Kanones mit Rücksichtauf unsere Schwachheit die Bestimmung, daß Diakonissen nicht vor dem vierzigsten Jahr ordiniert werden dürfen und auch dann nur, wenn sie ein gutes Zeugnis haben; während man zum Diakon schon vom zwanzigsten Jahr an befördert werden kann.
In klösterlichen Vereinigungen leben aber auch die sogenannten regulierten Chorherren, die sich, wie man sagt, zu einer Regel des heiligen Augustin bekennen und sich in keinem Stück geringer achten als die Mönche, obwohl sie, wie bekannt, Fleisch zu essen und linnene Gewänder zu tragen sich erlauben. Wenn unsere Schwachheit wenigstens diese Stufe der Vollkommenheit erreichen könnte, wäre das für nichts zu achten?
Man könnte uns, was die Nahrung anbelangt, schon deshalb ohne Gefahr alle Speisen erlauben, weil die Natur selbst uns vor Ausschreitungen behütet, indem sie unserem Geschlecht an der Tugend der Nüchternheit einen schützenden Halt gegeben hat. Man weiß, daß Frauen zu ihrem leiblichen Unterhalt weniger bedürfen als die Männer und die Physik lehrt uns, daß das weibliche Geschlecht auch weniger leicht der Trunkenheit anheimfällt. Macrobius Theodosius macht im 7. Kapitel seiner Saturnalia folgende Bemerkung: „Aristoteles sagt, die Weiber werden selten berauscht, die Greise oft. Der Körper des Weibes hat einen sehr großen Feuchtigkeitsgehalt. Ein Beweis dafür ist die Glätte und der Glanz ihrer Haut, und ganz besonders sprechen dafür die regelmäßigen Reinigungen, durch welche ihr Körper von überflüssiger Feuchtigkeit entlastet wird. Der Wein verliert seine Stärke, wenn er mit so überreichem flüssigem Stoff sich mischt und steigt nicht so leicht zu Kopfe, da seine Wirkung auf diese Weise gelähmt wird“. Ferner heißt es dort: „Der weibliche Körper unterliegt häufigen Reinigungen und hat an seiner Oberfläche zahlreiche Öffnungen und Poren, durch welche die Feuchtigkeit ihren Ausgang sucht und findet. Durch diese Poren entweicht auch der Dunst des Weines gar schnell.Alte Männer dagegen haben einen ausgetrockneten Körper, was man schon an der Rauheit und der dunklen Farbe ihrer Haut sehen kann“.
Du magst hieraus ersehen, wie durchaus ungefährlich, ja, wie billig es ist, uns in Anbetracht unserer schwachen Natur in Speise und Trank volle Freiheit zu gewähren, da wir ja der Schwelgerei und der Trunkenheit nicht leicht zum Opfer fallen können; vor jener bewahrt uns unsere Bedürfnislosigkeit, vor dieser die Beschaffenheit des weiblichen Körpers, wie oben ausgeführt worden ist. Für unsere schwachen Kräfte muß es genug sein und alles, was man verlangen kann, wenn wir enthaltsam und besitzlos leben, mit dem Dienst Gottes unsere Zeit ausfüllen und im Essen und Trinken es halten, wie die Leiter der Kirche selbst oder wie fromme Laien oder endlich wie die regulierten Chorherren, die vor andern ein apostolisches Leben zu führen behaupten.
Es ist ein Beweis von großer Klugheit, wenn die, welche sich Gott durch ein Gelübde verpflichten, weniger versprechen und mehr halten, so daß sie allezeit einen Überschuß haben, den sie aus freien Stücken zu der pflichtmäßigen Leistung hinzufügen können. Die Wahrheit selber spricht: „Wenn ihr alles gethan habt, so sprechet: Wir sind unnütze Knechte, wir haben gethan, was wir schuldig waren“. Deutlicher ausgedrückt soll dies heißen: Darum sind wir für unnütz und unwert zu achten und ohne Verdienst, weil wir, zufrieden mit der Erfüllung des Notwendigen, nicht aus freien Stücken mehr gethan haben. Über solche freiwillige Leistungen sagt der Herr selbst an einer andern Stelle gleichnisweise: „So du was mehr wirst darthun, so will ich dir’s bezahlen, wenn ich wiederkomme“.
Möchten dies doch in unserer Zeit alle diejenigen zu Herzen nehmen, die leichtsinnig das Klostergelübde ablegen; wollten sie sich’s doch klar machen, was es mit diesem Gelübde für ein Bewandtnis hat und vorher die Regel nach ihrem ganzen Inhalt genau durchforschen: dann kämen wenigerVerstöße gegen dieselbe und weniger Fahrlässigkeitssünden vor. Jetzt aber drängt sich alles ohne Wahl zum Klosterleben; so oberflächlich die Aufnahme solcher Leute vor sich geht, ebenso ist nachher das Leben, das sie führen. Leichtsinnig verpflichten sie sich auf eine Regel, die sie gar nicht kennen, ebenso leichtsinnig lassen sie dieselbe nachher unbeachtet und setzen an die Stelle des Gebotes das was ihnen beliebt. Darum wollen wir Frauen uns hüten, eine Last auf uns zu nehmen, unter der wir die Männer fast alle wanken, ja erliegen sehen. Es scheint, als wäre die Welt alt geworden, als hätten die Menschen samt den anderen Kreaturen ihre ursprüngliche Jugendfrische verloren, als wäre, nach dem Worte der Wahrheit, die Liebe nicht bloß in vielen, sondern in allen erkaltet. Da sich die Menschen geändert haben, sollte man auch die sittlichen Gebote, die für sie aufgestellt sind, ändern oder ihre Strenge mäßigen.
Diesen Unterschied hat der heilige Benediktus wohl beachtet; er giebt von seiner Regel zu, die Strenge der mönchischen Askese sei durch dieselbe so ermäßigt worden, daß seine Regel im Vergleich zu den früheren Bräuchen nur eine Art Anleitung zur Rechtschaffenheit und eine Einführung ins Klosterleben genannt werden könne. „Diese Regel, sagt er, haben wir verfaßt, damit sie uns, wenn wir nach ihr leben, ein Wegweiser zur Rechtschaffenheit oder die Grundlage unserer Lebensweise werde. Im übrigen, wer nach Vollkommenheit strebt, dem stehen die Lehren der heiligen Väter zu Gebote, deren Befolgung den Menschen zur Höhe der Vollendung emporführt“. Weiter sagt er: „Wer du auch seist, der du der himmlischen Heimat zustrebst: erfülle zuerst mit Christi Hilfe zur Vorübung das Geringe, das unsere Regel verlangt, alsdann erst wirst du unter Gottes Schutz zu den erhabenen Gipfeln der Weisheit und Tugend gelangen.“ Während wir von den heiligen Vätern lesen, daß sie an Einem Tag den ganzen Psalter gebetet haben, sagt Benedikt selber, er habe in Anbetracht der lauen Gemüter die Übungdes Psalmodierens dahin ermäßigt, daß die Psalmen über die ganze Woche verteilt wurden, so daß jetzt die Mönche sogar weniger zu thun haben als die Kleriker.
Was ist dem frommen Stand und der Ruhe des Klosterlebens mehr zuwider als das, was der Üppigkeit Nahrung zuführt und Streit und Zank erregt, ja, das Ebenbild Gottes in uns, das uns von den andern Kreaturen scheidet, das heißt die Vernunft, zerstört? Dies aber thut der Wein; darum versichert uns die Schrift, daß er von allem, was dem Menschen zur Nahrung dient, am schädlichsten sei und warnt uns vor ihm. Der größte aller Weisen sagt im Buch der Sprüche von ihm: „Der Wein macht lose Leute und starkes Getränke macht wild; wer dazu Lust hat, wird nimmer weise … Wo ist Weh, wo ist Leid? Wo ist Zank? Wo ist Klagen? Wo sind Wunden ohne Ursach’? Wo sind rote Augen? Nämlich wo man beim Wein liegt und kommt auszusaufen, was eingeschenket ist. Siehe den Wein nicht an, daß er so rot ist und im Glase so schön stehet. Er gehet glatt ein, aber danach beißt er wie eine Schlange und sticht wie eine Otter. So werden deine Augen nach andern Weibern sehen und dein Herz wird verkehrte Dinge reden. Und du wirst sein wie einer, der mitten im Meer schläft, wie ein Steuermann, der eingeschlafen ist und das Ruder verloren hat. Und du wirst sprechen: Sie schlagen mich, aber es thut mir nicht wehe, sie zerren mich hin und her, aber ich fühle es nicht. Wann will ich aufwachen, daß ich wiederum Wein finde?“ Und weiter heißt es: „O nicht den Königen, Lamuel, gieb den Königen nicht Wein zu trinken, denn nichts bleibt geheim, wo die Trunkenheit herrscht. Sie möchten trinken und der Rechte vergessen und verändern die Sache irgend der armen Leute“. Im Buch Sirach steht geschrieben: „Wein und die Weiber bethören die Weisen“.
Auch Hieronymus, in seinem Brief an Nepotianus „vom Leben der Kleriker“, hält sich darüber auf, daß die Priester des alten Bundes in der Enthaltsamkeit von allen berauschendenGetränken strenger waren als die heutigen. Er sagt: „Rieche nicht an den Wein, damit du dir nicht das Wort des Philosophen sagen lassen mußt:hocnon est osculumporrigere, sed vinum propinare(das heißt nicht küssen, sondern die Schale zum Munde führen)“.
Auch der Apostel verurteilt weinselige Priester, und das Gesetz Mosis verbietet ihnen den Weingenuß: „Die den Dienst des Altars besorgen, sollen nicht Wein und Gegorenes trinken“. — „Sicera“ heißt im Hebräischen jedes berauschende Getränk, gleichviel, ob es bereitet wird aus dem gegorenen Saft von Früchten oder aus eingekochtem Honig und Kräutern oder aus der gepreßten Frucht der Palme oder aus Früchten, die man zu Sirup zerkocht. „Alles was berauscht und dich um den Verstand bringt, das fliehe wie den Wein.“
Der Wein also, vor dessen Genuß die Könige gewarnt werden, der den Priestern gänzlich verboten wird, ist sicherlich von allen Nahrungsmitteln das gefährlichste. Gleichwohl sieht sich ein so geistbegnadeter Mann wie der heilige Benedikt genötigt, den Bedürfnissen seiner Zeit Rechnung zu tragen und für die Mönche eine Ermäßigung eintreten zu lassen. „Wir lesen zwar,“ sagt er, „daß der Wein für die Mönche überhaupt nichts sei, allein weil man in unserer Zeit die Mönche davon doch nicht überzeugen kann u. s. w.“
Er hatte wahrscheinlich auch gelesen, was in dem „Leben der Altväter“ berichtet wird: „Man hatte einem Vater von einem Mönche gesagt, daß er keinen Wein trinke, worauf dieser erwiderte: der Wein ist überhaupt nichts für Mönche“. Ferner ist dort zu lesen: „Eines Tages feierte man die Messe auf dem Berge des Vaters Antonius, und fand daselbst ein Gefäß mit Wein. Einer der Alten hob es auf und brachte einen Becher voll dem Vater Sisoi. Der trank ihn aus, nahm zum zweitenmal und leerte ihn wieder. Als ihm aber zum drittenmal angeboten wurde, wies er’s zurück und sagte: ‚Laß genug sein, Bruder, vergissest du, daß der Teufel darin steckt?‘“ Und weiter wird von dem Vater Sisoi berichtet:„Abraham sagte zu seinen Schülern: ‚Wenn man an einem Feiertag oder Sonntag zur Kirche geht und trinkt drei Kelche Wein, ist das nicht zu viel?‘ Und es antwortete der Alte: ‚Es wäre nicht zu viel, wenn der Satan nicht wäre‘“.
Wo in aller Welt, ich bitte dich, ist der Fleischgenuß von Gott mißbilligt und den Mönchen verboten worden? Beachte wohl, wie Benedikt sich genötigt sah, die Strenge seiner Regel zu ermäßigen, sogar in einem Stück, das für die Mönche noch viel gefährlicher ist und wovon er wußte, daß es überhaupt nichts für sie sei; er that es, weil er die Mönche zu seiner Zeit schon nicht mehr von der Notwendigkeit, in diesem Stück enthaltsam zu sein, überzeugen konnte. Möchte man doch auch in unserer Zeit mit derselben Schonung verfahren, und wenigstens die Dinge, welche in der Mitte zwischen Gut und Böse liegen und darum Indifferentien heißen, mit derselben Unbefangenheit behandeln. Etwas, das jetzt niemand mehr einleuchtet, sollte das Gelübde nicht verlangen; man sollte sich damit begnügen, alles, was in der Mitte liegt, zu erlauben, ohne Anstoß daran zu nehmen und nur das wirklich Sündhafte zu verbieten. Auch in Beziehung auf Nahrung und Kleidung sollte man die Forderungen dahin ermäßigen, daß man sich dessen bedienen dürfte, was billig zu haben ist; in allem sollte man auf das Notwendige sehen und alles Überflüssige meiden. Denn was uns nicht tüchtig macht für das Reich Gottes oder was uns vor Gott nicht besser macht, das ist auch unserer Sorge nicht wert. Dazu gehören alle äußerlichen Verrichtungen, an denen Verworfene und Auserwählte, Heuchler und Fromme in gleicher Weise teilnehmen. In nichts unterscheiden sich Christen und Juden so sehr als in den äußeren und inneren Werken; denn die Liebe allein, die der Apostel des Gesetzes Erfüllung und Ende nennt, scheidet die Söhne Gottes von denen des Teufels. Darum setzt der Apostel auch den Ruhm der Werke so sehr herunter, um dafür die Gerechtigkeit durch den Glauben zu erheben und ruft den Juden zu: „Wo bleibt nunder Ruhm? Er ist aus. Durch welch Gesetz? Durch der Werke Gesetz? Nicht also, sondern durch des Glaubens Gesetz. So halten wir es nun, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke allein durch den Glauben“. Weiter heißt es: „Ist Abraham durch die Werke gerecht, so hat er wohl Ruhm, aber nicht vor Gott. Was saget aber die Schrift? Abraham hat Gott geglaubt und das ward ihm zur Gerechtigkeit gerechnet“. Und wiederum sagt er: „Dem, der nicht mit Werken umgehet, glaubet aber an den, der die Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit, nach dem Vorsatz der Gnade Gottes“.
Derselbe Apostel giebt auch den Christen volle Freiheit, alle Speisen zu essen und unterscheidet davon das, was wirklich gerecht macht: „Das Reich Gottes, sagt er, ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im heiligen Geist. Es ist zwar alles rein, aber es ist nicht gut dem, der es isset mit einem Anstoß seines Gewissens. Es ist viel besser du essest kein Fleisch und trinkest keinen Wein oder das, daran sich dein Bruder stößt oder ärgert oder schwach wird“.
An dieser Stelle wird nicht der Genuß einer Speise überhaupt verboten, sondern das Ärgernis, das daraus entstehen könnte; wie denn wirklich einige der bekehrten Juden Ärgernis daran genommen hatten, als sie sahen, wie die anderen auch solche Speisen aßen, die im Gesetz verboten waren. Diesen Anstoß wollte auch der Apostel Petrus vermeiden und wurde darum von Paulus nach dessen eigenem Bericht im Galaterbrief schwer getadelt und heilsam zurechtgewiesen. Dasselbe schreibt er den Korinthern: „Die Speise macht uns nicht besser vor Gott“ und wiederum: „Alles was feil ist auf dem Fleischmarkt, das esset … denn die Erde ist des Herrn und was drinnen ist“. Und an die Kolosser schreibt der Apostel: „So lasset nun niemand euch Gewissen machen über Speise oder über Trank“ und gleich darauf: „So ihr denn nun abgestorben seid mit Christus den Satzungen derWelt, was lasset ihr euch dann fangen mit Satzungen, als lebetet ihr noch in der Welt, die da sagen: du sollst das nicht angreifen, du sollst das nicht kosten, du sollst das nicht anrühren, welches sich doch alles unter Händen verzehret, und ist Menschengebot und Lehre“.
Satzungen dieser Welt nennt er die Anfangsstufen des Gesetzes, welche sich auf die äußerlichen Regeln des Fleisches beziehen, in deren Befolgung die Welt, das heißt ein bislang noch fleischliches Volk, sich anfangs übte, wie an einem Alphabet. Diesen Anfangsstufen, d. h. diesen Regeln des Fleisches sind die abgestorben, die Christo angehören. Sie bedürfen ihrer nicht mehr, da sie nicht mehr in dieser Welt leben, d. h. nicht mehr im Fleisch nach dem Sichtbaren trachten und Unterschiede machen in den Speisen und in anderen Dingen, indem sie sagen: rühret dieses und jenes nicht an. Solche Dinge können durch die Art und Weise, wie man sie gebraucht, der Seele zum Verderben werden, wenn man sie, um mit dem Apostel zu reden, angreift, kostet, anrührt; aber man kann sich ihrer auch in demütiger Gesinnung bedienen; „Menschengebot und Lehre“ soll heißen: Gebot und Lehre fleischlich gesinnter, das Gesetz nur in äußerlichem Sinn verstehender Menschen, nicht Lehre Christi und der Seinigen. Denn er hat seinen Jüngern, als er sie aussandte zu predigen, in Beziehung auf Essen und Trinken volle Freiheit gelassen, obwohl es gerade für sie besonders wichtig war, jeden Anstoß zu vermeiden. Wo sie gastlich aufgenommen wurden, da sollten sie leben wie ihre Gastgeber, und essen und trinken, was man ihnen vorsetzte. Paulus scheint indessen schon im Geiste vorausgesehen zu haben, daß man von dieser Vorschrift des Herrn, die zugleich seine eigene war, abkommen werde. Denn an Timotheus schreibt er: „Der Geist aber saget deutlich, daß in den letzten Zeiten werden etliche von dem Glauben abtreten und anhangen den verführerischen Geistern und Lehren der Teufel durch die, so in Gleißnerei Lügenredner sind, und verbieten, ehelich zu werdenund zu meiden die Speise, die Gott geschaffen hat, zu nehmen mit Danksagung, den Gläubigen und denen die die Wahrheit erkennen. Denn alle Kreatur Gottes ist gut und nichts verwerflich, das mit Danksagung empfangen wird. Denn es wird geheiliget durch das Wort Gottes und Gebet. Wenn du den Brüdern solches vorhältst, so wirst du ein guter Diener Jesu Christi sein, auferzogen in den Worten des Glaubens und der guten Lehre, bei welcher du immerdar gewesen bist“.
Wenn man allein das äußere Werk der Enthaltsamkeit mit dem leiblichen Auge ansehen wollte, müßte man da nicht den Johannes und seine Jünger, die sich mit übertriebener Kasteiung quälten, über Jesus und seine Jünger stellen? Haben doch eben die Jünger Johannes, weil sie noch in der äußerlichen Werkheiligkeit der Juden steckten, Christum und die Seinigen getadelt und den Herrn selbst gefragt: „Warum fasten wir und die Pharisäer so viel und deine Jünger fasten nicht?“
In Erwägung dieses Gedankens macht der heilige Augustin einen Unterschied zwischen echter und äußerlicher Tugend und urteilt, daß durch rein äußerliche Werke kein besonderes Verdienst erworben werden könne. So sagt er in seiner Schrift „Über das Gut der Ehe“: „Keuschheit ist nicht eine Tugend des Leibes, sondern der Seele. Tugenden der Seele aber zeigen sich bisweilen am Körper, bisweilen bethätigen sie sich in der Gesinnung: so wird die Tugend der Märtyrer offenbar, wenn sie körperliche Leiden erdulden“. Weiter sagt er: „Hiob besaß schon vorher die Geduld, dem Herrn war sie bekannt und er legte Zeugnis davon ab, aber die Menschen lernten sie erst durch die Prüfungen und Heimsuchungen kennen, die er durchzumachen hatte“. Ferner: „Um aber ganz deutlich zu machen, daß die Tugend in der Gesinnung bestehen könne, auch ohne äußerlich sichtbares Werk, so will ich ein Beispiel anführen, das jeden Gläubigen überzeugen wird. Daß der Herr Jesus in Wirklichkeit gehungertund gedürstet, gegessen und getrunken habe, daran zweifelt keiner, der an das Evangelium glaubt. Stand er darum in der Tugend der Enthaltsamkeit von Speise und Trank vielleicht Johannes dem Täufer nach? Denn: ‚Johannes ist kommen, aß nicht Brot und trank keinen Wein, so sagten sie: er hat den Teufel. Des Menschen Sohn ist kommen, isset und trinket, so sagen sie: Siehe der Mensch ist ein Fresser und Weinsäufer, der Zöllner und Sünder Freund‘. Und nachdem er von Johannes und von sich selber dies ausgesagt, fügte er noch bei: ‚Die Weisheit ist gerechtfertigt worden durch ihre Kinder, welche sehen, daß es bei der Tugend der Enthaltsamkeit allezeit in erster Linie auf die Beschaffenheit des Herzens ankomme, daß sie sich aber je nach Zeit und Gelegenheit auch äußerlich bethätige, wie die Tugend der heiligen Märtyrer durch ihre Geduld im Leiden.‘ Darum ist das Verdienst des Petrus, der den Märtyrertod erlitten, nicht größer als das des Johannes, der nicht gelitten hat; auch hat sich Johannes, der nie verehelicht war, durch seine Enthaltsamkeit kein größeres Verdienst erworben als Abraham, der Kinder gezeugt hat: beide haben an ihrem Teil und zu ihrer Zeit Christo gedient, der eine im ehelosen Stand, der andere in der Ehe. Aber Johannes hat die Enthaltsamkeit auch äußerlich bethätigt, Abraham übte sie nur in der Gesinnung. Auf die Tage der Patriarchen folgte eine Zeit, in welcher durch das Gesetz jeder verdammt wurde, der in Israel keine Nachkommenschaft erzeugte; dennoch traf denjenigen nicht der Fluch des Gesetzes, der unfähig war, Kinder zu erzeugen. Nun aber ist die Fülle der Zeiten erschienen, wo es heißt: ‚Wer es fassen kann, der fasse es; wer da hat, der wirke Werke; wer aber nicht Werke wirken will, der sage nicht, daß er etwas in sich habe‘“. Aus diesen Worten geht klar hervor, daß vor Gott die tugendhafte Gesinnung allein ein Verdienst hat und daß alle, die an solcher Gesinnung einander gleich sind, und wären sie in Ansehung der Werke noch so verschieden, von Christusgleich belohnt werden. Darum sind alle wahren Christen so ganz mit ihrem inneren Menschen beschäftigt, ihn mit Tugenden zu zieren und von Fehlern zu reinigen, daß sie sich um das Außenwerk nicht oder wenig kümmern. So lesen wir auch von den Aposteln, daß ihr äußeres Gebaren, selbst als sie dem Herrn nachfolgten, so bäurisch und fast unanständig gewesen sei, daß es aussah, als hätten sie Ehrfurcht und Anstandsgefühl gänzlich vergessen. Scheuten sie sich doch nicht, beim Gang durch die Felder Ähren zu raufen, mit den Händen zu zerreiben und zu essen, wie Kinder, und auch mit dem Waschen der Hände vor dem Essen nahmen sie es nicht genau. Als sie aber deswegen von den Leuten der Unreinlichkeit gezeiht wurden, entschuldigte sie der Herr mit den Worten: „Mit ungewaschenen Händen essen verunreinigt den Menschen nicht.“ Und er fügt gleich den allgemeinen Satz hinzu, daß überhaupt durch Äußerlichkeiten die Seele nicht befleckt werden könne, sondern nur durch das, was aus dem Herzen hervorkomme, nämlich arge Gedanken, Ehebruch, Mord u. s. w. Denn wenn nicht durch den bösen Willen die Seele vorher verderbt würde, so könnte das, was äußerlich mit dem Leibe geschieht, nicht Sünde sein. Darum heißt es ganz richtig, daß auch der Ehebruch und der Mord aus dem Herzen komme. Denn keine körperliche Berührung ist dazu nötig — nach dem Spruch: „Wer ein Weib ansiehet, ihrer zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen“ und nach dem andern: „Wer seinen Bruder hasset, der ist ein Totschläger“. Andererseits bewirkt die bloße äußere körperliche Berührung oder Verletzung noch keineswegs das Verbrechen: ein Weib, das der Gewalt erliegt, wird niemand des Ehebruchs zeihen, so wenig wie einen Richter, der nach Recht und Gerechtigkeit einen Verbrecher zum Tode verurteilt, des Mordes. „Denn kein Mörder — steht geschrieben — hat teil am Reiche Gottes“.
Wir müssen also weniger darauf sehen, was geschieht, als darauf, aus welcher Gesinnung eine Handlung entspringt,wenn wir dem gefallen wollen, der Herzen und Nieren prüft und im Verborgenen siehet, der, wie Paulus sagt, „richten wird das Verborgene der Menschen laut meines Evangeliums“, d. h. nach der Lehre meiner Predigt. Darum ist auch die bescheidene Gabe der Witwe, die zwei Scherflein einlegte, die machen einen Heller, allen prunkenden Gaben der Reichen von dem vorgezogen worden, zu welchem wir sprechen: „Du bedarfst nicht meiner Güter“, und der die Gabe nach dem Geber beurteilt, nicht den Geber nach der Gabe, wie geschrieben steht: „Der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer“; das will sagen: er sah vorher an die Frömmigkeit des Opfernden und um deswillen, der es gab, war ihm das Opfer angenehm.
Wahre Herzensfrömmigkeit hat vor Gott um so höheren Wert, je weniger wir unser Vertrauen auf äußere Werke setzen. Darum schreibt auch der Apostel dem Timotheus, nachdem er in der oben geschilderten Weise den Genuß aller Speisen freigegeben, über leibliche Übung und Kasteiung folgendes: „Übe dich selbst in der Gottseligkeit; denn die leibliche Übung ist wenig nutz, aber die Gottseligkeit ist zu allen Dingen nütze und hat die Verheißung dieses und des zukünftigen Lebens“. Denn die fromme Ergebung in Gott erhält von ihm die Notdurft dieses Lebens und dereinst die Güter der Ewigkeit.
Aus diesen Zeugnissen sollen wir nichts anderes lernen als die christliche Weisheit; wir sollen, gleich Jakob, von den Tieren des Hauses unserem Vater eine Labung bereiten, nicht wie Esau draußen nach Wildbret fahnden und in jüdischer Art am Außenwerk hängen bleiben. So ist auch jenes Wort des Psalmisten gemeint: „Vor mir sind, o mein Gott, die Gelübde, die ich dir gethan, und ich will sie lösen, indem ich dich preise“. Nimm dazu noch das Wort des Dichters: „Suche dein Wesen nicht außer dir selbst“.
Viele, ja unzählige Aussprüche weltlicher und geistlicher Lehrer legen Zeugnis dafür ab, daß man sich um äußerlicheund gleichgültige Dinge nicht gar sehr kümmern solle. Wo nicht, so müßten ja die Werke des Gesetzes und das nach dem Ausspruch des Petrus unerträgliche Joch seiner Knechtschaft der Freiheit des Evangeliums vorzuziehen sein, und dem sanften Joch Christi und seiner leichten Last. Christus selbst ladet uns ein zu diesem sanften Joch, zu dieser leichten Last: „Kommet her zu mir, ruft er, alle die ihr mühselig und beladen seid“. Darum hat auch der Apostel einige zum Christentum bekehrte Juden scharf getadelt, als sie dafür hielten, man müsse die Werke des Gesetzes noch beibehalten. Nach dem Bericht der Apostelgeschichte sagte er: „Ihr Männer, lieben Brüder, was versucht ihr denn nun Gott mit Auflegen des Jochs auf der Jünger Hälse, welches weder unsere Väter noch wir haben mögen tragen. Sondern wir glauben durch die Gnade des Herrn Jesu Christi selig zu werden, gleicherweise wie auch sie“.
Dich selbst aber, der du nicht bloß Christi Vorbild nachlebst, sondern auch seinem Apostel durch deine Klugheit wie durch deinen Namen gleichst, beschwöre ich: halte in den Forderungen äußerer Werke das Maß, welches durch die Rücksicht auf unsere schwache Natur geboten ist, damit wir uns um so mehr dem Dienste und Preise Gottes widmen können. Denn nachdem der Herr alle äußerlichen Opfer abgelehnt hat, empfiehlt er dieses ausdrücklich mit den Worten: „Wo mich hungerte, wollte ich dir nicht davon sagen; denn der Erdboden ist mein und alles was darinnen ist. Meinest du, daß ich Ochsenfleisch essen wollte oder Bocksblut trinken? Opfere Gott Dank und bezahle dem Höchsten deine Gelübde. Und rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, so sollst du mich preisen“.
Wir reden nicht davon als wollten wir überhaupt die Anstrengung äußerlicher Arbeit verwerfen, soweit dieselbe notwendig ist; nur wollen wir das, was der leiblichen Notdurft dient und uns in der Verrichtung des Gottesdienstes hinderlich ist, nicht gar zu hoch schätzen; besonders da durchapostolische Autorität frommen Frauen gerade das zugestanden wird, daß sie mehr durch fremde Handreichung ihren Lebensunterhalt bestreiten als durch eigene Arbeit. Darum schreibt auch Paulus an den Timotheus: „So aber ein Gläubiger Witwen hat, der versorge dieselbigen und lasse die Gemeine nicht beschweret werden; auf daß die, so rechte Witwen sind, genug haben“. Unter rechten Witwen versteht er nämlich diejenigen, welche sich Christo geweihthaben, denen nicht nur ihr Mann gestorben, sondern denen auch die Welt gekreuzigt ist und sie der Welt. Diese haben ein gutes Recht darauf aus den Mitteln der Kirche, die gleichsam das Eigentum ihres himmlischen Bräutigams sind, unterhalten zu werden. Darum hat auch der Herr seine Mutter unter den Schutz des Apostels gestellt, nicht unter den ihres Mannes, und die Apostel haben sieben Diakonen, d. h. Diener der Kirche, eingesetzt, die den gläubigen Frauen Handreichung thun sollten.
Wir wissen zwar wohl, daß der Apostel in seinem Brief an die Thessalonicher einen Teil der Gemeinde, der sich einem müßigen, träumerischen Leben ergab, scharf verurteilt hat und auch die Regel aufstellte: „Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen“; auch ist uns bekannt, daß der heilige Benedikt, um dem Müßiggang zu steuern, Handarbeit vorgeschrieben hat. Allein saß nicht auch Maria einst müßig zu den Füßen des Herrn, um ihm zuzuhören, während Martha ihr und dem Herrn diente und mit einem gewissen Neid über die Saumseligkeit der Schwester murrte, welche sie allein des Tages Last und die Hitze tragen lasse? So sehen wir noch heute oftmals diejenigen, die mit äußerlichen Geschäften sich abmühen, murren, wenn sie denen mit der irdischen Notdurft dienen sollen, welche sich dem Dienste Gottes geweiht haben. Und oftmals beklagen sie sich über einen Verlust, den sie durch eine Gewaltthat erleiden, nicht so sehr, wie über das, was sie solchen müßigenFaulenzern, wie sie sagen, entrichten müssen. Und doch sehen sie, daß solche Leute nichtallein damit beschäftigt sind, die Worte Christi zu hören, sondern daß ihre Zeit auch mit dem Lesen und Singen derselben ausgefüllt ist. Sie vergessen, daß es, wie der Apostel sagt, nichts besonderes ist, wenn sie diejenigen mit dem Leiblichen versorgen, von denen sie geistliche Gaben erwarten, und daß es nicht mehr als billig ist, wenn die, deren Streben auf das Irdische gerichtet ist, denen dienen, welche sich mit dem Geistlichen beschäftigen. Darum ist diese heilsame Muße und Freiheit auch vom Gesetz selber den Dienern der Kirche eingeräumt worden: der Stamm Levi sollte keinen Teil an dem erblichen Landbesitz haben, um desto ungestörter dem Herrn dienen zu können; dafür sollten ihm Zehnten und Abgaben von der Arbeit der anderen zufallen.
Was Fasten und Enthaltsamkeit betrifft, die der Christ mehr den Lastern gegenüber üben soll als in Beziehung auf Essen und Trinken, so wird es sich fragen, ob es sich empfiehlt, hierin zu der kirchlichen Vorschrift noch weitere Forderungen hinzuzufügen, und dann soll man diejenige Verordnung geben, die für uns am besten paßt. Ganz besonders richte dein Augenmerk auf die gottesdienstlichen Verrichtungen und auf die Verteilung der Psalmen, und trage wenigstens in diesem Stück, wenn irgend möglich, unserer Schwachheit Rechnung. Wir wollen nicht jede Woche den ganzen Psalter durchmachen und so immer dieselben Psalmen wiederholen müssen. Auch der heilige Benedikt, der die Woche so einteilte, wie er’s für angemessen hielt, hat doch seinen Nachfolgern in diesem Punkt freie Hand gelassen, indem er sie ermahnt, eine andere Ordnung einzuführen, wenn sie sich mehr empfehlen sollte. Er war sich dessen bewußt, daß im Laufe der Zeit die Herrlichkeit der Kirche immer schöner sich entfalten werde und daß sie, anfangs gegründet auf ein unscheinbares Fundament, dereinst zum herrlichen Bauwerk sich erheben werde.
Das aber bitten wir dich vor allem festzusetzen, wie wir uns zu verhalten haben in Beziehung auf die Verlesung desEvangeliums und auf die nächtlichen Vigilien. Denn um diese Zeit Priester oder Diakonen zu solcher Verrichtung bei uns einzulassen, scheint mir gefährlich, da wir doch die Nähe und den Anblick von Männern peinlich meiden sollen, um uns desto aufrichtiger Gott widmen zu können und vor Versuchungen desto sicherer zu sein.
Dir, mein Geliebter fällt die Aufgabe zu, so lange du noch lebst, uns eine Regel zu geben, die für alle Zeiten bei uns in Geltung bleiben soll. Du bist ja doch nächst Gott der Gründer dieses Heiligtums, du warst durch Gottes Hand der Schöpfer unserer Gemeinschaft, du sollst jetzt mit Gottes Hilfe der Gesetzgeber unseres Ordens sein. Vielleicht bekommen wir einst nach dir einen andern Lehrer, der einen andern Grund legen und darauf bauen möchte. Wir fürchten, ein solcher möchte weniger für uns besorgt sein oder es möchte uns schwerer fallen, ihm zu gehorchen; auch könnte er vielleicht wohl den guten Willen, aber nicht die Kraft zum Vollbringen haben. Rede du zu uns und wir werden hören. Lebe wohl!
Geliebte Schwester! Deine Liebe verlangt in deinem und in deiner geistigen Töchter Namen Aufschluß über den Orden, welchem ihr angehöret und über den Ursprung des Standes der Nonnen: ich will dir so kurz und knapp als möglich darüber Auskunft geben.
Die erste Grundlage seiner Lebensordnung hat der Stand der Mönche und Nonnen von unserem Herrn Jesus Christus selber überkommen. Gleichwohl gab es auch schon vor der Menschwerdung des Herrn unter Männer und Frauen gewisse Anfänge dieser Lebensform. So schreibt Hieronymus an Eustochium: „Die Söhne der Propheten, von denen wirim Alten Testament lesen als von Mönchen“. Auch erzählt der Evangelist von jener Hanna, die beständig im Tempel und beim Gottesdienst war und die zugleich mit Simeon den Herrn im Tempel begrüßen durfte und dabei vom prophetischen Geiste erfüllt wurde. Dann, als die Zeit erfüllet war, kam Christus, das Ende des Gesetzes und alles Guten Vollendung, um das angefangene Gute hinauszuführen und das, was noch unbekannt war, auszurichten. Wie er gekommen war, um beide Geschlechter zu sich zu rufen und zu erlösen, so hat es ihm auch gefallen, beide Geschlechter in dem wahren Mönchtum seiner Gemeinschaft zu vereinigen. Dadurch sollte dieser Beruf für Männer wie für Frauen seine weihevolle Bedeutung erhalten, und allen wurde durch Christus die Vollkommenheit des Lebens vor Augen gestellt, der sie nachstreben sollten. Und so lesen wir denn von einer Gemeinschaft frommer Frauen, die mit den Aposteln und übrigen Jüngern und mit der Mutter des Herrn in Verbindung standen. Diese Frauen entsagten der Welt und verzichteten auf jeden eigenen Besitz, um Christum allein zu gewinnen, wie geschrieben steht: „Der Herr ist mein Erbteil“. Sie erfüllten in frommem Eifer die Bedingung, welche nach der vom Herrn aufgestellten Regel alle erfüllen müssen, die der Welt den Abschied geben und in die Gemeinschaft dieses frommen Lebens eintreten wollen. „Wer nicht verleugnet alles was er hat, der kann nicht mein Jünger sein.“
Mit welcher Ergebenheit diese heiligen Frauen und wahren Nonnen dem Herrn nachgefolgt sind, und wie ihre Frömmigkeit von Christus selbst und nachher von den Aposteln anerkannt und in Ehren gehalten worden ist, das steht ausführlich in der heiligen Geschichte zu lesen. Wir lesen im Evangelium, wie der murrende Pharisäer, bei dem der Herr zu Gaste war, von diesem getadelt und der Liebesdienst des sündigen Weibes weit über die genossene Gastfreundschaft gestellt wurde. Wir lesen weiter, wie Lazarus nach seiner Auferweckung mit den andern bei Tische saß und seine SchwesterMartha allein die Bedienung übernahm, wie Maria ein Pfund köstlicher Salbe auf die Füße des Herrn goß und mit ihren eigenen Haaren sie abtrocknete, und wie vom Duft dieser köstlichen Salbe das ganze Haus erfüllt wurde, und wie im Gedanken an ihre Kostbarkeit und weil hier eine unnötige Verschwendung getrieben zu werden schien, der Geiz des Judas und der Unwille der übrigen Jünger geweckt wurde. Während also Martha sich um die Bewirtung bemüht, bereitet Maria Wohlgerüche, die eine erquickt den Müden innerlich, die andere läßt ihm äußerliche Pflege angedeihen.
Nur von Frauen erzählen die Evangelien, daß sie dem Herrn gedient haben. Sie gaben ihr Eigentum für seinen täglichen Unterhalt hin und versorgten ihn besonders mit der Notdurft dieses Lebens. Er selbst hat sich seinen Jüngern gegenüber bei Tisch, bei der Fußwaschung zum Diener erniedrigt. Es ist uns aber nichts davon bekannt, daß ihm von einem seiner Jünger oder überhaupt von einem Manne ein ähnlicher Dienst erwiesen worden sei: die Frauen allein stellten ihm, wie schon gesagt, in solchen und allen anderen Fällen der Bedürftigkeit ihre Dienste zur Verfügung. Das Gegenstück zu der dienenden Demut des Herrn bei Tische sehen wir in dem Walten der Martha, und im Liebesdienst der Maria das Gegenstück zur Fußwaschung. Maria zeigt dabei um so mehr frommen Eifer, je schuldvoller ihre Vergangenheit gewesen war. Der Herr goß Wasser in eine Schale, um die Fußwaschung zu verrichten: sie aber netzte seine Füße mit Thränen tiefinnerster Reue, nicht mit äußerlichem Wasser. Jesus trocknete mit einem Linnen den Jüngern die Füße, ihr mußten die Haare statt des Tuches dienen. Maria fügte noch wohlriechende Salben hinzu, während uns nicht bekannt ist, daß der Herr etwas Ähnliches gethan habe. Ferner weiß ja jedermann, daß sie im Vertrauen auf seine Güte und Nachsicht sich nicht scheute, ihre Salbe über sein Haupt auszugießen. Und zwar wird berichtet, daß sie die Salbe nicht aus dem Gefäß habe träufeln lassen, sondernsie habe das Gefäß zerbrochen und so dessen Inhalt über den Herrn ausgegossen. Sie wollte damit der Glut ihres frommen Eifers Ausdruck geben; denn ein Gegenstand, der so hohen Dienstes gewürdigt war, sollte hinfort zu nichts anderem mehr benutzt werden. Durch diese That stellte sie jenen Verbrauch der Salbe dar, von dem der Prophet Daniel geweissagt hatte: wann der Heilige der Heiligen werde gesalbt werden.
Siehe da, ein Weib salbt den Heiligen der Heiligen und legt durch ihre That Zeugnis ab, daß er zugleich derjenige ist, an den sie glaubt und der, welchen der Prophet im voraus angekündigt hatte. Welch unbegreifliche Güte des Herrn, oder was für ein besonderes Verdienst kommt den Frauen zu, daß er nur ihnen sein Haupt wie seine Füße anvertraut, sie zu salben? Wie kommt das schwächere Geschlecht zu dem hohen Vorrechte, daß ein Weib den Herrn der Herrlichkeit salben durfte, der doch von seiner Empfängnis an mit dem heiligen Geist gesalbt und geweiht war. Mit sichtbaren Weihemitteln durfte sie ihn zum König und Priester weihen und ihn so auch äußerlich zum Christus, d. h. zum Gesalbten machen.
Wir wissen, daß zuerst der Erzvater Jakob einen Stein gesalbt hat, in prophetischem Hinweis auf den Herrn. Und auch später war es nur den Männern gestattet, die Salbung von Königen oder Priestern vorzunehmen oder überhaupt die Sakramente zu verwalten, nur das Recht zu taufen wurde den Frauen unter Umständen eingeräumt. Der Erzvater hatte einst den Stein zum Tempel geweiht, und noch jetzt weiht der Priester den Altar mit Öl ein. Also die Männer geben nur den Abbildern die Weihe, das Weib dagegen hat am Urbild selbst ihre Wirkung ausgeübt, wie denn die Wahrheit selbst bezeugt: „Sie hat ein gutes Werk an mir gethan“. Christus selbst wird von einem Weibe gesalbt, die Christen von Männern, das Haupt von einer Frau, die Glieder von Männern.
Mit vollem Recht wird von ihr erzählt, sie habe die Salbe auf sein Haupt nicht geträufelt, sondern darüber ausgegossen, nach jenem Wort, das die Braut im Hohenlied von dem Herrn sagt: „Dein Name ist eine ausgegossene Salbe“. Auf die überströmende Fülle dieser Salbe deutet auch der Psalmist vorbildlich hin, wenn er von einer Salbe spricht, die vom Haupt bis zum Saum des Kleides hinabfloß: „Wie der köstliche Balsam ist, der herabfließt vom Haupt Aarons in seinen ganzen Bart, der herabfließt in sein Kleid“.
Von David lesen wir, daß er eine dreifache Salbung erhalten habe, und auch Hieronymus erwähnt dies zu Psalm XXVI. Eine dreifache erhalten auch Christus und die Christen: an den Füßen und am Haupt ist der Herr von einem Weibe gesalbt worden, seinen Leichnam haben, nach dem Bericht des Johannes, Joseph von Arimathia und Nikodemus mit Spezereien bestattet. Und auch die Christen werden durch dreifache Salbung geweiht: die erste geschieht durch die Taufe, die zweite durch die Konfirmation, die dritte durch die letzte Ölung.
Erkenne nun, wie die Frau hier bevorzugt wird: Zweimal wird der lebendige Christus von ihr gesalbt, an Füßen und Haupt, und erhält von ihr die Weihe des Königs und des Priesters. Die Salbe aus Myrrhen und Aloe, die zur Einbalsamierung der Leichen dient, deutet im voraus hin auf die Unverweslichkeit des Leibes des Herrn, welche auch die Auserwählten in der Auferstehung erlangen. Die vorausgehende Salbung durch das Weib aber deutet an die einzigartige Würde seines Königtums wie seiner Priesterwürde; und zwar die Salbung des Hauptes bedeutet die höhere, die der Füße die niedrigere Würde. Siehe da! selbst die Weihe des Königs empfängt er von einem Weibe, der doch die von Männern ihm gebotene Krone ausschlug und ihnen entfloh, als sie ihn mit Gewalt zum König machen wollten. Himmlischen, nicht irdischen Königtums Weihe vollzieht das Weib an ihm, der selbst später von sich gesagt hat: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“
Bischöfe rühmen sich, wenn sie unter dem Beifallsruf der Menge irdische Könige salben, wenn sie, angethan mit ihren prächtigen goldglänzenden Gewändern, sterbliche Priester weihen und dabei oftmals diejenigen segnen, die Gott verflucht. Hier das einfache Weib in ihrem gewöhnlichen Kleid, ohne Pomp und Prunk; trotz des Unwillens der Apostel vollzieht sie an Christus die Weihe; nicht hoher Rang giebt ihr das Recht dazu, sondern allein ihre hingebende Frömmigkeit. O starke Glaubensbeharrlichkeit, o unsagbare Liebesglut, die alles glaubet, alles hoffet, alles träget! Der Pharisäer murrt, daß des Herrn Füße von einer Sünderin sollen gesalbt werden; die Apostel mißbilligen es laut, daß das Weib selbst sein Haupt zu berühren wagt. Aber ihr Glaube bleibt allenthalben unerschüttert, sie traut auf die Güte des Herrn, und der Herr läßt sie nicht ohne Schutz und Hilfe. Wie lieblich und angenehm ihm diese Salbung gewesen, gesteht er ja selbst, indem er verlangt, man solle sie gewähren lassen, und zu dem entrüsteten Judas sagt: „Laß sie mit Frieden, sie mag’s so halten zum Tag meiner Begräbnis“. Als wollte er sagen: mißgönne nicht diesen Liebesdienst dem Lebendigen, damit du nicht dadurch zugleich dem Toten das letzte fromme Zeichen der Verehrung entziehest. Bekannt ist ja, daß auch für die Bestattung des Herrn fromme Frauen Spezereien bereitet haben. Maria hätte dabei vielleicht nicht mitgewirkt, wenn sie bei jener ersten Gelegenheit durch eine Zurückweisung in Verlegenheit versetzt worden wäre. Ja, als die Jünger über die große Kühnheit des Weibes unwillig wurden und nach dem Bericht des Markus sie anfuhren, besänftigte er ihren Zorn durch milden Zuspruch und erhob dann des Weibes That also hoch, daß er sie ins Evangelium aufgenommen wünschte und voraussagte, daß wo in aller Welt von ihm gepredigt werden werde, man auch das sagen werde zu Lob und Gedächtnis dieser Frau, die damals ihrer Kühnheit wegen sich tadeln lassen mußte. Wir wissen von keiner andern That der Liebe, die in solcher Weise vom Herrn selber gelobtund anerkannt worden wäre. Auch an dem Beispiel der armen Witwe, deren Almosen er allen reichen Kirchenstiftungen vorzog, hat er deutlich gezeigt, wie angenehm vor ihm die Frömmigkeit der Frauen sei.
Petrus hat sich nicht gescheut, es laut auszusprechen, daß er und seine Mitjünger alles um Christi willen verlassen haben. Zachäus, voll Sehnsucht die Ankunft des Herrn erwartend, schenkt die Hälfte seiner Güter den Armen und ist bereit, so er jemand betrogen hat, es vierfältig wiederzugeben. Viele andere haben es sich im Namen Christi oder für Christum noch viel mehr kosten lassen und haben viel größere Herrlichkeiten in seinen Dienst gestellt oder um seinetwillen verlassen. Und doch haben sie alle nicht das hohe Lob des Herrn geerntet wie die Frauen.
Wie groß ihre fromme Hingabe für ihn war, das lehren uns am deutlichsten die Vorgänge beim Tode des Herrn. Sie, die Frauen, harren unerschrocken aus, während das Haupt der Apostel seinen Herrn verleugnet, während der Jünger, den der Herr lieb hatte, entflieht und die übrigen sich zerstreuen. Keine Furcht, keine Verzweiflung konnte die Frauen während seines Leidens und in der Stunde des Todes von Christus trennen. Auf sie ganz besonders scheint das Wort des Apostels zu passen: „Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes? Trübsal oder Angst?“ Darum hat auch Matthäus, nachdem er von sich selber und von den andern Jüngern gleicherweise berichtet hatte: „Da verließen ihn alle Jünger und flohen von ihm“ — im weiteren Verlauf seiner Erzählung das treue Ausharren der Frauen hervorgehoben, die selbst dem Gekreuzigten noch zur Seite standen, soweit es ihnen verstattet wurde: „Und es waren viel Weiber da, die von ferne zusahen, die da Jesu waren nachgefolget aus Galiläa und hatten ihm gedienet“. Auch erzählt derselbe Evangelist getreulich, wie sie sich selbst vom Grabe des Herrn nicht trennen konnten: „Es waren aber Maria Magdalena und die andere Maria, die setzten sich gegen dasGrab“. Von diesen Frauen berichtet auch Markus: „Es waren auch Weiber da, die von ferne solches schaueten, unter welchen war Maria Magdalena und Maria des kleinen Jakobs und Joses Mutter, und Salome, die ihm auch nachgefolget, da er in Galiläa war und gedienet hatten, und viele andere, die mit ihm hinauf gen Jerusalem gegangen waren“.