Die Jungfrau ergreift es gewaltig,Es lockt sie hervor aus dem Haus;Sie folgt dem Gerippe, das singendUnd fiedelnd schreitet voraus.
Es fiedelt und tänzelt und hüpfet,Und klappert mit seinem Gebein,Und nickt und nickt mit dem SchädelUnheimlich im Mondenschein."
Ich stand in dunkeln TräumenUnd starrte ihr Bildnis an,Und das geliebte AntlitzHeimlich zu leben begann.
Um ihre Lippen zog sichEin Lächeln wunderbar,Und wie von WehmutstränenErglänzte ihr Augenpaar.
Auch meine Tränen flossenMir von den Wangen herab —Und ach, ich kann es nicht glauben,Daß ich dich verloren hab!
Ich unglückselger Atlas! eine Welt,Die ganze Welt der Schmerzen, muß ich tragen,Ich trage Unerträgliches, und brechenWill mir das Herz im Leibe.
Du stolzes Herz! du hast es ja gewollt!Du wolltest glücklich sein, unendlich glücklichOder unendlich elend, stolzes Herz,Und jetzo bist du elend.
Die Jahre kommen und gehen,Geschlechter steigen ins Grab,Doch nimmer vergeht die Liebe,Die ich im Herzen hab.
Nur einmal noch möcht ich dich sehen,Und sinken vor dir aufs Knie,Und sterbend zu dir sprechenMadame, ich liebe Sie!
Mir träumte: traurig schaute der Mond,Und traurig schienen die Sterne;Es trug mich zur Stadt, wo Liebchen wohnt,Viel hundert Meilen ferne.
Es hat mich zu ihrem Hause geführt,Ich küßte die Steine der Treppe,Die oft ihr kleiner Fuß berührtUnd ihres Kleides Schleppe.
Die Nacht war lang, die Nacht war kalt,Es waren so kalt die Steine;Es lugt aus dem Fenster die blasse Gestalt,Beleuchtet vom Mondenscheine.
Was will die einsame Träne?Sie trübt mir ja den Blick.Sie blieb aus alten ZeitenIn meinem Auge zurück.
Sie hatte viel leuchtende Schwestern,Die alle zerflossen sind,Mit meinen Qualen und Freuden,Zerflossen in Nacht und Wind.
Wie Nebel sind auch zerflossenDie blauen Sternelein,Die mir jene Freuden und QualenGelächelt ins Herz hinein.
Ach, meine Liebe selberZerfloß wie eitel Hauch!Du alte, einsame Träne,Zerfließe jetzunder auch!
Der bleiche, herbstliche HalbmondLugt aus den Wolken heraus;Ganz einsam liegt auf dem KirchhofDas stille Pfarrerhaus.
Die Mutter liest in der Bibel,Der Sohn, der starret ins Licht,Schlaftrunken dehnt sich die ältre,Die jüngere Tochter spricht:
Ach Gott, wie einem die TageLangweilig hier vergehn!Nur wenn sie einen begraben,Bekommen wir etwas zu sehn.
Die Mutter spricht zwischen dem Lesen:Du irrst, es starben nur vier,Seit man deinen Vater begraben,Dort an der Kirchhofstür.
Die ältre Tochter gähnet:Ich will nicht verhungern bei euch,Ich gehe morgen zum Grafen,Und der ist verliebt und reich.
Der Sohn bricht aus in Lachen:Drei Jäger zechen im Stern,Die machen Gold und lehrenMir das Geheimnis gern.
Die Mutter wirft ihm die BibelIns magere Gesicht hinein:So willst du, Gottverfluchter,Ein Straßenräuber sein!
Sie hören pochen ans Fenster,Und sehn eine winkende Hand;Der tote Vater steht draußenIm schwarzen Predgergewand.
Das ist ein schlechtes Wetter,Es regnet und stürmt und schneit;Ich sitze am Fenster und schaueHinaus in die Dunkelheit.
Da schimmert ein einsames Lichtchen,Das wandelt langsam fort;Ein Mütterchen mit dem LaternchenWankt über die Straße dort.
Ich glaube, Mehl und EierUnd Butter kaufte sie ein;Sie will einen Kuchen backenFürs große Töchterlein.
Die liegt zu Haus im Lehnstuhl,Und blinzelt schläfrig ins Licht;Die goldenen Locken wallenÜber das süße Gesicht.
Man glaubt, daß ich mich grämeIn bitterm Liebesleid,Und endlich glaub ich es selber,So gut wie andre Leut.
Du Kleine mit großen Augen,Ich hab es dir immer gesagt,Daß ich dich unsäglich liebe,Daß Liebe mein Herz zernagt.
Doch nur in einsamer KammerSprach ich auf solche Art,Und ach! ich hab immer geschwiegenIn deiner Gegenwart.
Da gab es böse Engel,Die hielten mir zu den Mund;Und ach! durch böse EngelBin ich so elend jetzund.
Deine weißen Lilienfinger,Könnt ich sie noch einmal küssen,Und sie drücken an mein Herz,Und vergehn in stillem Weinen!
Deine klaren VeilchenaugenSchweben vor mir Tag und Nacht,Und mich quält es: Was bedeutenDiese süßen, blauen Rätsel?
"Hat sie sich denn nie geäußertÜber dein verliebtes Wesen?Konntest du in ihren AugenNiemals Gegenliebe lesen?
"Konntest du in ihren AugenNiemals bis zur Seele dringen?Und du bist ja sonst kein Esel,Teurer Freund, in solchen Dingen."
Sie liebten sich beide, doch keinerWollt es dem andern gestehn;Sie sahen sich an so feindlich,Und wollten vor Liebe vergehn.
Sie trennten sich endlich und sahn sichNur noch zuweilen im Traum;Sie waren längst gestorben,Und wußten es selber kaum.
Und als ich euch meine Schmerzen geklagt,Da habt ihr gegähnt und nichts gesagt;Doch als ich sie zierlich in Verse gebracht,Da habt ihr mir große Elogen gemacht.
Ich rief den Teufel und er kam,Und ich sah ihn mit Verwundrung an.Er ist nicht häßlich und ist nicht lahm,Er ist ein lieber, scharmanter Mann,Ein Mann in seinen besten Jahren,Verbindlich und höflich und welterfahren.Er ist ein gescheuter Diplomat,Und spricht recht schön über Kirch und Staat.Blaß ist er etwas, doch ist es kein Wunder,Sanskrit und Hegel studiert er jetzunder.Sein Lieblingspoet ist noch immer Fouque'.Doch will er nicht mehr mit Kritik sich befassen,Die hat er jetzt gänzlich überlassenDer teuren Großmutter Hekate.Er lobte mein juristisches Streben,Hat früher sich auch damit abgegeben.Er sagte, meine Freundschaft seiIhm nicht zu teuer, und nickte dabei,Und frug: ob wir uns früher nichtSchon einmal gesehn beim spanschen Gesandten?Und als ich recht besah sein Gesicht,Fand ich in ihm einen alten Bekannten.
Mensch, verspotte nicht den Teufel,Kurz ist ja die Lebensbahn,Und die ewige VerdammnisIst kein bloßer Pöbelwahn.
Mensch, bezahle deine Schulden,Lang ist ja die Lebensbahn,Und du mußt noch manchmal borgen,Wie du es so oft getan.
Die heilgen drei Könige aus Morgenland,Sie frugen in jedem Städtchen:Wo geht der Weg nach Bethlehem,Ihr lieben Buben und Mädchen?
Die Jungen und Alten, sie wußten es nicht.Die Könige zogen weiter;Sie folgten einem goldenen Stern,Der leuchtete lieblich und heiter.
Der Stern blieb stehn über Josephs Haus,Da sind sie hineingegangen;Das Öchslein brüllte, das Kindlein schrie,Die heilgen drei Könige sangen.
Mein Kind, wir waren Kinder,Zwei Kinder, klein und froh;Wir krochen ins Hühnerhäuschen,Versteckten uns unter das Stroh.
Wir krähten wie die Hähne,Und kamen Leute vorbei —Kikereküh! sie glaubten,Es wäre Hahnengeschrei.
Die Kisten auf unserem HofeDie tapezierten wir aus,Und wohnten drin beisammen,Und machten ein vornehmes Haus.
Des Nachbars alte KatzeKam öfters zum Besuch;Wir machten ihr Bückling und KnickseUnd Komplimente genug.
Wir haben nach ihrem BefindenBesorglich und freundlich gefragt;Wir haben seitdem dasselbeMancher alten Katze gesagt.
Wir saßen auch oft und sprachenVernünftig, wie alte Leut,Und klagten, wie alles besserGewesen zu unserer Zeit;
Wie Lieb und Treu und GlaubenVerschwunden aus der Welt,Und wie so teuer der Kaffee,Und wie so rar das Geld! —
Vorbei sind die Kinderspiele,Und alles rollt vorbei —Das Geld und die Welt und die Zeiten,Und Glauben und Lieb und Treu.
Das Herz ist mir bedrückt, und sehnlichGedenke ich der alten Zeit;Die Welt war damals noch so wöhnlich,Und ruhig lebten hin die Leut.
Doch jetzt ist alles wie verschoben,Das ist ein Drängen! eine Not!Gestorben ist der Herrgott oben,Und unten ist der Teufel tot.
Und alles schaut so grämlich trübe,So krausverwirrt und morsch und kalt,Und wäre nicht das bißchen Liebe,So gäb es nirgends einen Halt.
Wie der Mond sich leuchtend drängeDurch den dunklen Wolkenflor,Also taucht aus dunkeln ZeitenMir ein lichtes Bild hervor.
Saßen all auf dem Verdecke,Fuhren stolz hinab den Rhein.Und die sommergrünen UferGlühn im Abendsonnenschein.
Sinnend saß ich zu den FüßenEiner Dame, schön und hold;In ihr liebes, bleiches AntlitzSpielt' das rote Sonnengold.
Lauten klangen, Buben sangen,Wunderbare Fröhlichkeit!Und der Himmel wurde blauer,Und die Seele wurde weit.
Märchenhaft vorüberzogenBerg und Burgen, Wald und Au; —Und das alles sah ich glänzenIn dem Aug der schönen Frau.
Im Traum sah ich die Geliebte,Ein banges, bekümmertes Weib,Verwelkt und abgefallenDer sonst so blühende Leib.
Ein Kind trug sie auf dem Arme,Ein andres führt sie an der Hand,Und sichtbar ist Armut und TrübsalAm Gang und Blick und Gewand.
Sie schwankte über den Marktplatz,Und da begegnet sie mir,Und sieht mich an, und ruhigUnd schmerzlich sag ich zu ihr:
Komm mit nach meinem Hause,Denn du bist blaß und krank;Ich will durch Fleiß und ArbeitDir schaffen Speis und Trank.
Ich will auch pflegen und wartenDie Kinder, die bei dir sind,Vor allem aber dich selber,Du armes, unglückliches Kind.
Ich will dir nie erzählen,Daß ich dich geliebet hab,Und wenn du stirbst, so will ichWeinen auf deinem Grab.
"Teurer Freund! Was soll es nützen,Stets das alte Lied zu leiern?Willst du ewig brütend sitzenAuf den alten Liebes-Eiern?
"Ach! das ist ein ewig Gattern,Aus den Schalen kriechen Küchlein,Und sie piepsen und sie flattern,Und du sperrst sie in ein Büchlein."
Werdet nur nicht ungeduldig,Wenn von alten LeidensklängenManche noch vernehmlich tönenIn den neuesten Gesängen.
Wartet nur, es wird verhallenDieses Echo meiner Schmerzen,Und ein neuer LiederfrühlingSprießt aus dem geheilten Herzen.
Nun ist es Zeit, daß ich mit VerstandMich aller Torheit entledge;Ich hab so lang als ein KomödiantMit dir gespielt die Komödie.
Die prächtgen Kulissen, sie waren bemaltIm hochromantischen Stile,Mein Rittermantel hat goldig gestrahlt,Ich fühlte die feinsten Gefühle.
Und nun ich mich gar säuberlichDes tollen Tands entledge,Noch immer elend fühl ich mich,Als spielt ich noch immer Komödie.
Ach Gott! Im Scherz und unbewußtSprach ich, was ich gefühlet;Ich hab mit dem Tod in der eignen BrustDen sterbenden Fechter gespielet.
Den König Wiswamitra,Den treibts ohne Rast und Ruh,Er will durch Kampf und BüßungErwerben Wasischtas Kuh.
O, König Wiswamitra,O, welch ein Ochs bist du,Daß du so viel kämpfest und büßest,Und alles für eine Kuh!
Herz, mein Herz, sei nicht beklommen,Und ertrage dein Geschick,Neuer Frühling gibt zurück,Was der Winter dir genommen.
Und wieviel ist dir geblieben!Und wie schön ist noch die Welt!Und, mein Herz, was dir gefällt,Alles, alles darfst du lieben!
Du bist wie eine Blume,So hold und schön und rein;Ich schau dich an, und WehmutSchleicht mir ins Herz hinein.
Mir ist, als ob ich die HändeAufs Haupt dir legen sollt,Betend, daß Gott dich erhalteSo rein und schön und hold.
Kind! Es wäre dein Verderben,Und ich geb mir selber Mühe,Daß dein liebes Herz in LiebeNimmermehr für mich erglühe.
Nur daß mirs so leicht gelinget,Will mich dennoch fast betrüben,Und ich denke manchmal dennoch:Möchtest du mich dennoch lieben!
Wenn ich auf dem Lager liege,In Nacht und Kissen gehüllt,So schwebt mir vor ein süßes,Anmutig liebes Bild.
Wenn mir der stille SchlummerGeschlossen die Augen kaum,So schleicht das Bild sich leiseHinein in meinen Traum.
Doch mit dem Traum des MorgensZerrinnt es nimmermehr;Dann trag ich es im HerzenDen ganzen Tag umher.
Mädchen mit dem roten Mündchen,Mit den Äuglein süß und klar,Du mein liebes, kleines Mädchen,Deiner denk ich immerdar.
Lang ist heut der Winterabend,Und ich möchte bei dir sein,Bei dir sitzen, mit dir schwatzenIm vertrauten Kämmerlein.
An die Lippen wollt ich pressenDeine kleine, weiße Hand,Und mit Tränen sie benetzen,Deine kleine, weiße Hand.
Mag da draußen Schnee sich türmen,Mag es hageln, mag es stürmen,Klirrend mir ans Fenster schlagen,Nimmer will ich mich beklagen,Denn ich trage in der BrustLiebchens Bild und Frühlingslust.
Andre beten zur Madonne,Andre auch zu Paul und Peter;Ich jedoch, ich will nur beten,Nur zu dir, du schöne Sonne.
Gib mir Küsse, gib mir Wonne,Sei mir gütig, sei mir gnädig,Schönste Sonne unter den Mädchen,Schönstes Mädchen unter der Sonne!
Verriet mein blasses AngesichtDir nicht mein Liebeswehe?Und willst du, daß der stolze MundDas Bettelwort gestehe?
O, dieser Mund ist viel zu stolz,Und kann nur küssen und scherzen;Er spräche vielleicht ein höhnisches Wort.Während ich sterbe vor Schmerzen.
Teurer Freund, du bist verliebt,Und dich quälen neue Schmerzen;Dunkler wird es dir im Kopf,Heller wird es dir im Herzen.
Teurer Freund, du bist verliebt,Und du willst es nicht bekennen,Und ich seh des Herzens GlutSchon durch deine Weste brennen.
Ich wollte bei dir weilenUnd an deiner Seite ruhn;Du mußtest von mir eilen;Du hattest viel zu tun.
Ich sagte, daß meine SeeleDir gänzlich ergeben sei;Du lachtest aus voller Kehle,Und machtest 'nen Knicks dabei.
Du hast noch mehr gesteigertMir meinen Liebesverdruß,Und hast mir sogar verweigertAm Ende den Abschiedskuß.
Glaub nicht, daß ich mich erschieße,Wie schlimm auch die Sachen stehn!Das alles, meine Süße,Ist mir schon einmal geschehn.
Saphire sind die Augen dein,Die lieblichen, die süßen.O, dreimal glücklich ist der Mann,Den sie mit Liebe grüßen.
Dein Herz, es ist ein Diamant,Der edle Lichter sprühet.O, dreimal glücklich ist der Mann,Für den es liebend glühet.
Rubinen sind die Lippen dein,Man kann nicht schönre sehen.O, dreimal glücklich ist der Mann,Dem sie die Liebe gestehen.
O, kennt ich nur den glücklichen Mann,O, daß ich ihn nur fände,So recht allein im grünen Wald,Sein Glück hätt bald ein Ende.
Habe mich mit LiebesredenFestgelogen an dein Herz,Und, verstrickt in eignen Fäden,Wird zum Ernste mir mein Scherz.
Wenn du dich, mit vollem Rechte,Scherzend nun von mir entfernst,Nahn sich mir die Höllenmächte,Und ich schieß mich tot im Ernst.
Zu fragmentarisch ist Welt und Leben!Ich will mich zum deutschen Professor begeben.Der weiß das Leben zusammenzusetzen,Und er macht ein verständlich System daraus;Mit seinen Nachtmützen und SchlafrockfetzenStopft er die Lücken des Weltenbaus.
Ich hab mir lang den Kopf zerbrochen,Mit Denken und Sinnen, Tag und Nacht,Doch deine liebenswürdigen Augen,Sie haben mich zum Entschluß gebracht.
Jetzt bleib ich, wo deine Augen leuchten,In ihrer süßen, klugen Pracht —Daß ich noch einmal würde lieben,Ich hätt es nimmermehr gedacht.
Sie haben heut abend Gesellschaft,Und das Haus ist lichterfüllt.Dort oben am hellen FensterBewegt sich ein Schattenbild.
Du schaust mich nicht, im DunkelnSteh ich hier unten allein;Noch wen'ger kannst du schauenIn mein dunkles Herz hinein.
Mein dunkles Herze liebt dich,Es liebt dich und es bricht,Und bricht und zuckt und verblutet,Aber du siehst es nicht.
Ich wollt, meine Schmerzen ergössenSich all in ein einziges Wort,Das gäb ich den lustigen Winden,Die trügen es lustig fort.
Sie tragen zu dir, Geliebte,Das schmerzerfüllte Wort;Du hörst es zu jeder Stunde,Du hörst es an jedem Ort.
Und hast du zum nächtlichen SchlummerGeschlossen die Augen kaum,So wird dich mein Wort verfolgenBis in den tiefsten Traum.
Du hast Diamanten und Perlen,Hast alles, was Menschenbegehr,Und hast die schönsten Augen —Mein Liebchen, was willst du mehr?
Auf deine schönen AugenHab ich ein ganzes HeerVon ewigen Liedern gedichtet —Mein Liebchen, was willst du mehr?
Mit deinen schönen AugenHast du mich gequält so sehr,Und hast mich zugrunde gerichtet —Mein Liebchen, was willst du mehr?
Wer zum ersten Male liebt,Seis auch glücklos, ist ein Gott;Aber wer zum zweiten MaleGlücklos liebt, der ist ein Narr.
Ich, ein solcher Narr, ich liebeWieder ohne Gegenliebe!Sonne, Mond und Sterne lachen,Und ich lache mit — und sterbe.
Gaben mir Rat und gute Lehren,Überschütteten mich mit Ehren,Sagten, daß ich nur warten sollt,Haben mich protegieren gewollt.
Aber bei all ihrem ProtegierenHätte ich können vor Hunger krepieren,Wär nicht gekommen ein braver Mann,Wacker nahm er sich meiner an.
Braver Mann! Er schafft mir zu essen!Will es ihm nie und nimmer vergessen!Schade, daß ich ihn nicht küssen kann!Denn ich bin selbst dieser brave Mann.
Diesen liebenswürdgen JünglingKann man nicht genug verehren;Oft traktiert er mich mit Austern,Und mit Rheinwein und Likören.
Zierlich sitzt ihm Rock und Höschen,Doch noch zierlicher die Binde,Und so kommt er jeden Morgen,Fragt, ob ich mich wohlbefinde;
Spricht von meinem weiten Ruhme,Meiner Anmut, meinen Witzen;Eifrig und geschäftig ist erMir zu dienen, mir zu nützen.
Und des Abends, in Gesellschaft,Mit begeistertem Gesichte,Deklamiert er vor den DamenMeine göttlichen Gedichte.
O, wie ist es hoch erfreulich,Solchen Jüngling noch zu finden,Jetzt in unsrer Zeit, wo täglichMehr und mehr die Bessern schwinden.
Mir träumt': ich bin der liebe GottUnd sitz im Himmel droben,Und Englein sitzen um mich her,Die meine Verse loben.
Und Kuchen eß ich und KonfektFür manchen lieben Gulden,Und Kardinal trink ich dabei,Und habe keine Schulden.
Doch Langeweile plagt mich sehr,Ich wollt, ich wär auf Erden,Und wär ich nicht der liebe Gott,Ich könnt des Teufels werden.
Du langer Engel Gabriel,Geh, mach dich auf die Sohlen,Und meinen teuren Freund EugenSollst du herauf mir holen.
Such ihn nicht im Kollegium,Such ihn beim Glas Tokaier;Such ihn nicht in der Hedwigskirch,Such ihn bei Mamsell Meyer.
Da breitet aus sein FlügelpaarUnd fliegt herab der Engel,Und packt ihn auf, und bringt heraufDen Freund, den lieben Bengel.
Ja, Jung, ich bin der liebe Gott,Und ich regier die Erde!Ich habs ja immer dir gesagt,Daß ich was Rechts noch werde.
Und Wunder tu ich alle Tag,Die sollen dich entzücken,Und dir zum Spaße will ich heutDie Stadt Berlin beglücken.
Die Pflastersteine auf der Straß,Die sollen jetzt sich spalten,Und eine Auster, frisch und klar,Soll jeder Stein enthalten.
Ein Regen von ZitronensaftSoll tauig sie begießen,Und in den Straßengössen sollDer beste Rheinwein fließen.
Wie freuen die Berliner sich,Sie gehen schon ans Fressen;Die Herren von dem Landgericht,Die saufen aus den Gössen.
Wie freuen die Poeten sichBei solchem Götterfraße!Die Leutnants und die Fähnderichs,Die lecken ab die Straße.
Die Leutnants und die Fähnderichs,Das sind die klügsten Leute,Sie denken, alle Tag geschiehtKein Wunder so wie heute.
Ich hab euch im besten Juli verlassen,Und find euch wieder im Januar;Ihr saßet damals so recht in der Hitze,Jetzt seid ihr gekühlt und kalt sogar.
Bald scheid ich nochmals, und komm ich einst wieder,Dann seid ihr weder warm noch kalt,Und über eure Gräber schreit ich,Und das eigne Herz ist arm und alt.
Von schönen Lippen fortgedrängt, getriebenAus schönen Armen, die uns fest umschlossen!Ich wäre gern noch einen Tag geblieben,Da kam der Schwager schon mit seinen Rossen.
Das ist das Leben, Kind! Ein ewig Jammern,Ein ewig Abschiednehmen, ewges Trennen!Konnt denn dein Herz das mein'ge nicht umklammern?Hat selbst dein Auge mich nicht halten können?
Wir fuhren allein im dunkelnPostwagen die ganze Nacht;Wir ruhten einander am Herzen,Wir haben gescherzt und gelacht.
Doch als es morgens tagte,Mein Kind, wie staunten wir!Denn zwischen uns saß Amor,Der blinde Passagier,
Das weiß Gott, wo sich die tolleDirne einquartieret hat;Fluchend, in dem Regenwetter,Lauf ich durch die ganze Stadt.
Bin ich doch von einem GasthofNach dem andern hingerannt,Und an jeden groben KellnerHab ich mich umsonst gewandt.
Da erblick ich sie am Fenster,Und sie winkt und kichert hell.Könnt ich wissen, du bewohntest,Mädchen, solches Prachthotel!
Wie dunkle Träume stehenDie Häuser in langer Reih;Tief eingehüllt im Mantel,Schreite ich schweigend vorbei.
Der Turm der KathedraleVerkündet die zwölfte Stund;Mit ihren Reizen und KüssenErwartet mich Liebchen jetzund.
Der Mond ist mein Begleiter,Er leuchtet mir freundlich vor;Da bin ich an ihrem Hause,Und freudig ruf ich empor:
Ich danke dir, alter Vertrauter,Daß du meinen Weg erhellt;Jetzt will ich dich entlassen,Jetzt leuchte der übrigen Welt!
Und findest du einen Verliebten,Der einsam klagt sein Leid,So tröst ihn, wie du mich selberGetröstet in alter Zeit.
Und bist du erst mein ehlich Weib,Dann bist du zu beneiden,Dann lebst du in lauter Zeitvertreib,In lauter Pläsier und Freuden.
Und wenn du schiltst und wenn du tobst,Ich werd es geduldig leiden;Doch wenn du meine Verse nicht lobst,Laß ich mich von dir scheiden.
An deine schneeweiße SchulterHab ich mein Haupt gelehnt,Und heimlich kann ich behorchen,Wonach dein Herz sich sehnt.
Es blasen die blauen Husaren,Und reiten zum Tor herein,Und morgen will mich verlassenDie Herzallerliebste mein.
Und willst du mich morgen verlassen,So bist du doch heute noch mein,Und in deinen schönen ArmenWill ich doppelt selig sein.
Es blasen die blauen Husaren,Und reiten zum Tor hinaus;Da komm ich, Geliebte, und bringeDir einen Rosenstrauß.
Das war eine wilde Wirtschaft!Kriegsvolk und Landesplag!Sogar in deinem HerzchenViel Einquartierung lag.
Habe auch, in jungen Jahren,Manches bittre Leid erfahrenVon der Liebe Glut.Doch das Holz ist gar zu teuer,Und erlöschen will das Feuer,Ma foi! und das ist gut.
Das bedenke, junge Schöne,Schicke fort die dumme Träne,Und den dummen Liebesharm.Ist das Leben dir geblieben,So vergiß das alte Lieben,Ma foi! in meinem Arm.
Bist du wirklich mir so feindlich,Bist du wirklich ganz verwandelt?Aller Welt will ich es klagen,Daß du mich so schlecht behandelt.
O ihr undankbaren Lippen,Sagt, wie könnt ihr Schlimmes sagenVon dem Manne, der so liebendEuch geküßt, in schönen Tagen?
Ach, die Augen sind es wieder,Die mich einst so lieblich grüßten,Und es sind die Lippen wieder,Die das Leben mir versüßten!
Auch die Stimme ist es wieder,Die ich einst so gern gehöret!Nur ich selber bin's nicht wieder,Bin verändert heimgekehret.
Von den weißen, schönen ArmenFest und liebevoll umschlossen,Lieg ich jetzt an ihrem Herzen,Dumpfen Sinnes und verdrossen.
Selten habt ihr mich verstanden,Selten auch verstand ich Euch,Nur wenn wir im Kot uns fanden,So verstanden wir uns gleich.
Doch die Kastraten klagten,Als ich meine Stimm erhob;Sie klagten und sie sagten:Ich sänge viel zu grob.
Und lieblich erhoben sie alleDie kleinen Stimmelein,Die Trillerchen, wie Kristalle,Sie klangen so fein und rein.
Sie sangen von Liebessehnen,Von Liebe und Liebeserguß;Die Damen schwammen in TränenBei solchem Kunstgenuß.
Auf den Wällen SalamankasSind die Lüfte lind und labend;Dort, mit meiner holden Donna,Wandle ich am Sommerabend.
Um den schlanken Leib der SchönenHab ich meinen Arm gebogen,Und mit selgem Finger fühl ichIhres Busens stolzes Wogen.
Doch ein ängstliches GeflüsterZieht sich durch die Lindenbäume,Und der dunkle Mühlbach untenMurmelt böse, bange Träume.
"Ach, Sennora, Ahnung sagt mir:Einst wird man mich relegieren,Und auf Salamankas WällenGehn wir nimmermehr spazieren."
Neben mir wohnt Don Henriques,Den man auch den Schönen nennet;Nachbarlich sind unsre ZimmerNur von dünner Wand getrennet.
Salamankas Damen glühen,Wenn er durch die Straßen schreitet,Sporenklirrend, schnurrbartkräuselnd,Und von Hunden stets begleitet.
Doch in stiller AbendstundeSitzt er ganz allein daheime,In den Händen die Gitarre,In der Seele süße Träume.
In die Saiten greift er bebendUnd beginnt zu phantasieren, —Ach! wie Katzenjammer quält michSein Geschnarr und Quinquilieren.
Kaum sahen wir uns, und an Augen und StimmeMerkt ich, daß du mir gewogen bist;Stand nicht dabei die Mutter, die schlimme,Ich glaube, wir hätten uns gleich geküßt.
Und morgen verlasse ich wieder das Städtchen,Und eile fort im alten Lauf;Dann lauert am Fenster mein blondes Mädchen,Und freundliche Grüße werf ich hinauf.
Über die Berge steigt schon die Sonne,Die Lämmerherde läutet fern;Mein Liebchen, mein Lamm, meine Sonne und Wonne,Noch einmal sah ich dich gar zu gern!
Ich schaue hinauf, mit spähender Miene —Leb wohl, mein Kind, ich wandre von hier!Vergebens! Es regt sich keine Gardine;Sie liegt noch und schläft — und träumt von mir?
Zu Halle auf dem Markt,Da stehn zwei große Löwen.Ei, du hallischer Löwentrotz,Wie hat man dich gezähmet!
Zu Halle auf dem Markt,Da steht ein großer Riese.Er hat ein Schwert und regt sich nicht,Er ist vor Schreck versteinert.
Zu Halle auf dem Markt,Da steht eine große Kirche.Die Burschenschaft und die Landsmannschaft,Die haben dort Platz zum Beten.
Dämmernd liegt der SommerabendÜber Wald und grünen Wiesen;Goldner Mond, im blauen Himmel,Strahlt herunter, duftig labend.
An dem Bache zirpt die Grille,Und es regt sich in dem Wasser,Und der Wandrer hört ein PlätschernUnd ein Atmen in der Stille.
Dorten, an dem Bach alleine,Badet sich die schöne Elfe;Arm und Nacken, weiß und lieblich,Schimmern in dem Mondenscheine.
Nacht liegt auf den fremden Wegen,Krankes Herz und müde Glieder; —Ach, da fließt, wie stiller Segen,Süßer Mond, dein Licht hernieder.
Süßer Mond, mit deinen StrahlenScheuchest du das nächtge Grauen;Es zerrinnen meine Qualen,Und die Augen übertauen.
Der Tod, das ist die kühle Nacht,Das Leben ist der schwüle Tag.Es dunkelt schon, mich schläfert,Der Tag hat mich müd gemacht.
Über mein Bett erhebt sich ein Baum,Drin singt die junge Nachtigall;Sie singt von lauter Liebe,Ich hör es sogar im Traum.
"Sag, wo ist dein schönes Liebchen,Das du einst so schön besungen,Als die zaubermächtgen FlammenWunderbar dein Herz durchdrungen?"
Jene Flammen sind erloschen,Und mein Herz ist kalt und trübe,Und dies Büchlein ist die UrneMit der Asche meiner Liebe.
Götterdämmerung
Der Mai ist da mit seinen goldnen LichternUnd seidnen Lüften und gewürzten Düften,Und freundlich lockt er mit den weißen Blüten,Und grüßt aus tausend blauen Veilchenaugen,Und breitet aus den blumreich grünen Teppich,Durchwebt mit Sonnenschein und Morgentau,Und ruft herbei die lieben Menschenkinder.Das blöde Volk gehorcht dem ersten Ruf.Die Männer ziehn die Nankinhosen anUnd Sonntagsröck mit goldnen Spiegelknöpfen;Die Frauen kleiden sich in Unschuldweiß;Jünglinge kräuseln sich den FrühlingsschnurrbartJungfrauen lassen ihre Busen wallen;Die Stadtpoeten stecken in die TaschePapier und Bleistift und Lorgnett; — und jubelndZieht nach dem Tor die krausbewegte Schar,Und lagert draußen sich auf grünem Rasen,Bewundert, wie die Bäume fleißig wachsen,Spielt mit den bunten, zarten Blümelein,Horcht auf den Sang der lustgen Vögelein,Und jauchzt hinauf zum blauen Himmelszelt.
Zu mir kam auch der Mai. Er klopfte dreimalAn meine Tür und rief: Ich bin der Mai,Du bleicher Träumer, komm, ich will dich küssen!Ich hielt verriegelt meine Tür, und rief:Vergebens lockst du mich, du schlimmer Gast!Ich habe dich durchschaut, ich hab durchschautDen Bau der Welt, und hab zu viel geschaut,Und viel zu tief, und hin ist alle Freude,Und ewge Qualen zogen in mein Herz.Ich schaue durch die steinern harten RindenDer Menschenhäuser und der Menschenherzen,Und schau in beiden Lug und Trug und Elend.Auf den Gesichtern les ich die Gedanken,Viel schlimme. In der Jungfrau SchamerrötenSeh ich geheime Lust begehrlich zittern;Auf dem begeistert stolzen JünglingshauptSeh ich die lachend bunte Schellenkappe;Und Fratzenbilder nur und sieche SchattenSeh ich auf dieser Erde, und ich weiß nicht,Ist sie ein Tollhaus oder Krankenhaus.Ich sehe durch den Grund der alten Erde,Als sei sie von Kristall, und seh das Grausen,Das mit dem freudgen Grüne zu bedeckenDer Mai vergeblich strebt. Ich seh die Toten;Sie liegen unten in den schmalen Särgen,Die Händ gefaltet und die Augen offen,Weiß das Gewand und weiß das Angesicht,Und durch die Lippen kriechen gelbe Würmer.Ich seh, der Sohn setzt sich mit seiner BuhleZur Kurzweil nieder auf des Vaters Grab; —Spottlieder singen rings die Nachtigallen; —Die sanften Wiesenblümchen lachen hämisch; —Der tote Vater regt sich in dem Grab; —Und schmerzhaft zuckt die alte Mutter Erde.
Du arme Erde, deine Schmerzen kenn ich!Ich seh die Glut in deinem Busen wühlen,Und deine tausend Adern seh ich bluten,Und seh, wie deine Wunde klaffend aufreißtund wild hervorströmt Flamm und Rauch und Blut.Ich sehe deine trotzgen Riesensöhne,Uralte Brut, aus dunkeln Schlünden steigend,Und rote Fackeln in den Händen schwingend; —Sie legen ihre Eisenleiter an,Und stürmen wild hinauf zur Himmelsfeste; —Und schwarze Zwerge klettern nach; — und knisterndZerstieben droben alle goldnen Sterne.Mit frecher Hand reißt man den goldnen VorhangVom Zelte Gottes, heulend stürzen nieder,Aufs Angesicht, die frommen Engelscharen.Auf seinem Throne sitzt der bleiche Gott,Reißt sich vom Haupt die Krön, zerrauft sein Haar —Und näher drängt heran die wilde Rotte.Die Riesen werfen ihre roten FackelnIns weite Himmelreich, die Zwerge schlagenMit Flammengeißeln auf der Englein Rücken; —Die winden sich und krümmen sich vor Qualen,Und werden bei den Haaren fortgeschleudert; —Und meinen eignen Engel seh ich dort,Mit seinen blonden Locken, süßen Zügen,Und mit der ewgen Liebe um den Mund,Und mit der Seligkeit im blauen Auge —Und ein entsetzlich häßlich schwarzer KoboldReißt ihn vom Boden, meinen bleichen Engel,Beäugelt grinsend seine edlen Glieder,Umschlingt ihn fest mit zärtlicher Umschlingung —Und gellend dröhnt ein Schrei durchs ganze Weltall,Die Säulen brechen, Erd und Himmel stürzenZusammen, und es herrscht die alte Nacht.
Ratcliff
Der Traumgott brachte mich in eine Landschaft,Wo Trauerweiden mir "Willkommen" winktenMit ihren langen, grünen Armen, wo die BlumenMit klugen Schwesteraugen still mich ansahn,Wo mir vertraulich klang der Vögel Zwitschern,Wo gar der Hunde Bellen mir bekannt schien,Und Stimmen und Gestalten mich begrüßtenWie einen alten Freund, und wo doch allesSo fremd mir schien, so wunderseltsam fremd.Vor einem ländlich schmucken Hause stand ich,In meiner Brust bewegte sich's, im KopfeWar's ruhig, ruhig schüttelte ich abDen Staub von meinen Reisekleidern,Grell klang die Klingel, und die Tür ging auf.
Da waren Männer, Frauen, viel bekannteGesichter. Stiller Kummer lag auf allenUnd heimlich scheue Angst. Seltsam verstört,Mit Beileidsmienen fast, sahn sie mich an,Daß es mir selber durch die Seele schauert',Wie Ahnung eines unbekannten Unheils.Die alte Margret hab ich gleich erkannt;Ich sah sie forschend an, jedoch sie sprach nicht."Wo ist Maria?" fragt ich, doch sie sprach nicht.Griff leise meine Hand und führte michDurch viele lange, leuchtende Gemächer,Wo Prunk und Pracht und Totenstille herrschte,Und führt' mich endlich in ein dämmernd ZimmerUnd zeigt', mit abgewandtem Angesicht,Nach der Gestalt, die auf dem Sofa saß."Sind Sie Maria?" fragt ich. InnerlichErstaunt ich selber ob der Festigkeit,Womit ich sprach. Und steinern und metallosScholl eine Stimm: "So nennen mich die Leute."Ein schneidend Weh durchfröstelte mich da,Denn jener hohle, kalte Ton war dochDie einst so süße Stimme von Maria!Und jenes Weib im fahlen Lilakleid,Nachlässig angezogen, Busen schlotternd,Die Augen gläsern starr, die WangenmuskelnDes weißen Angesichtes lederschlaff —Ach, jenes Weib war doch die einst so schöne,Die blühend holde liebliche Maria!"Sie waren lang auf Reisen!" sprach sie laut,Mit kalt unheimlicher Vertraulichkeit,"Sie schaun nicht mehr so schmachtend, liebster Freund,Sie sind gesund, und pralle Lend und WadeBezeugt Solidität." Ein süßlich LächelnUmzitterte den gelblich blassen Mund.In der Verwirrung sprachs aus mir hervor:"Man sagte mir. Sie haben sich vermählt?""Ach ja!" sprach sie gleichgültig laut und lachend,"Hab einen Stock von Holz, der überzogenMit Leder ist, Gemahl sich nennt; doch HolzIst Holz!" Und klanglos widrig lachte sie,Daß kalte Angst durch meine Seele rann,Und Zweifel mich ergriff: — sind das die keuschen,Die blumenkeuschen Lippen von Maria?Sie aber hob sich in die Höh, nahm raschVom Stuhl den Kaschemir, warf ihnUm ihren Hals, hing sich an meinen Arm,Zog mich von hinnen, durch die offne Haustür,Und zog mich fort durch Feld und Busch und Au.
Die glühend rote Sonnenscheibe schwebteSchon niedrig, und ihr Purpur überstrahlteDie Bäume und die Blumen und den Strom,Der in der Ferne majestätisch floß."Sehn Sie das große goldne Auge schwimmenIm blauen Wasser?" rief Maria hastig."Still, armes Wesen!" sprach ich, und ich schauteIm Dämmerlicht ein märchenhaftes Weben.Es stiegen Nebelbilder aus den Feldern,Umschlangen sich mit weißen, weichen Armen;Die Veilchen sahn sich zärtlich an, sehnsüchtigZusammenbeugten sich die Lilienkelche;Aus allen Rosen glühten Wollustgluten;Die Nelken wollten sich im Hauch entzünden;In selgen Düften schwelgten alle Blumen,Und alle weinten stille Wonnetränen,Und alle jauchzten: Liebe! Liebe! Liebe!Die Schmetterlinge flatterten, die hellenGoldkäfer summten feine Elfenliedchen,Die Abendwinde flüsterten, es rauschtenDie Eichen, schmelzend sang die Nachtigall —Und zwischen all dem Flüstern, Rauschen, SingenSchwatzte mit blechern klanglos kalter StimmeDas welke Weib, das mir am Arme hing:"Ich kenn Ihr nächtlich Treiben auf dem Schloß;Der lange Schatten ist ein guter Tropf,Er nickt und winkt zu allem, was man will;Der Blaurock ist ein Engel; doch der Rote,Mit blankem Schwert, ist Ihnen spinnefeind."Und noch viel buntre, wunderliche RedenSchwatzt' sie in einem fort, und setzte sich,Ermüdet, mit mir nieder auf die Moosbank,Die unterm alten Eichenbaume steht.
Da saßen wir beisammen, still und traurig,Und sahn uns an, und wurden immer traurger.Die Eiche säuselte wie Sterbeseufzer,Tiefschmerzlich sang die Nachtigall herab.Doch rote Lichter drangen durch die Blätter,Umflimmerten Marias weißes AntlitzUnd lockten Glut aus ihren starren Augen,Und mit der alten, süßen Stimme sprach sie:"Wie wußtest du, daß ich so elend bin?Ich las es jüngst in deinen wilden Liedern."
Eiskalt durchzogs mir da die Brust, mir grausteOb meinem eignen Wahnsinn, der die ZukunftGeschaut, es zuckte dunkel durch mein Hirn,Und vor Entsetzen bin ich aufgewacht.
Donna Clara
In dem abendlichen GartenWandelt des Alkaden Tochter;Pauken- und TrommetenjubelKlingt herunter von dem Schlosse.
"Lästig werden mir die TänzeUnd die süßen Schmeichelworte,Und die Ritter, die so zierlichMich vergleichen mit der Sonne.
"Überlästig wird mir alles,Seit ich sah, beim Strahl des Mondes,Jenen Ritter, dessen LauteNächtens mich ans Fenster lockte.
"Wie er stand so schlank und mutig,Und die Augen leuchtend schossenAus dem edelblassen Antlitz,Glich er wahrlich Sankt Georgen."
Also dachte Donna Clara,Und sie schaute auf den Boden;Wie sie aufblickt, steht der schöne,Unbekannte Ritter vor ihr.
Händedrückend, liebeflüsterndWandeln sie umher im Mondschein,Und der Zephir schmeichelt freundlich,Märchenartig grüßen Rosen.
Märchenartig grüßen Rosen,Und sie glühn wie Liebesboten. —Aber sage mir, Geliebte,Warum du so plötzlich rot wirst?
"Mücken stachen mich. Geliebter,Und die Mücken sind, im Sommer,Mir so tief verhaßt, als wärensLangenasge Judenrotten."
Laß die Mücken und die Juden,Spricht der Ritter, freundlich kosend.Von den Mandelbäumen fallenTausend weiße Blütenflocken.
Tausend weiße BlütenflockenHaben ihren Duft ergossen. —Aber sage mir, Geliebte,Ist dein Herz mir ganz gewogen?
"Ja, ich liebe dich, Geliebter,Bei dem Heiland sei's geschworen,Den die gottverfluchten JudenBoshaft tückisch einst ermordet."
Laß den Heiland und die Juden,Spricht der Ritter, freundlich kosend.In der Ferne schwanken traumhaftWeiße Lilien, lichtumflossen.
Weiße Lilien, lichtumflossen,Blicken nach den Sternen droben. —Aber sage mir. Geliebte,Hast du auch nicht falsch geschworen?
"Falsch ist nicht in mir, Geliebter,Wie in meiner Brust kein TropfenBlut ist von dem Blut der MohrenUnd des schmutzgen Judenvolkes."
Laß die Mohren und die Juden,Spricht der Ritter, freundlich kosend;Und nach einer MyrtenlaubeFührt er die Alkadentochter.
Mit den weichen LiebesnetzenHat er heimlich sie umflochten;Kurze Worte, lange Küsse,Und die Herzen überflössen.
Wie ein schmelzend süßes BrautliedSingt die Nachtigall, die holde;Wie zum Fackeltanze hüpfenFeuerwürmchen auf dem Boden.
In der Laube wird es stiller,Und man hört nur, wie verstohlen,Das Geflüster kluger MyrtenUnd der Blumen Atemholen.
Aber Pauken und TrommetenSchallen plötzlich aus dem Schlosse,Und erwachend hat sich ClaraAus des Ritters Arm gezogen.
"Horch! da ruft es mich. Geliebter;Doch, bevor wir scheiden, sollst duNennen deinen lieben Namen,Den du mir so lang verborgen."
Und der Ritter, heiter lächelnd,Küßt die Finger seiner Donna,Küßt die Lippen und die Stirne,Und er spricht zuletzt die Worte:
Ich, Sennora, Eur Geliebter,Bin der Sohn des vielbelobten,Großen, schriftgelehrten RabbiIsrael von Saragossa.
Almansor
In dem Dome zu CorduvaStehen Säulen, dreizehnhundert,Dreizehnhundert RiesensäulenTragen die gewaltge Kuppel.
Und auf Säulen, Kuppel, WändenZiehn von oben sich bis untenDes Korans arabsche Sprüche,Klug und blumenhaft verschlungen.
Mohrenkön'ge bauten weilandDieses Haus zu Allahs Ruhme,Doch hat vieles sich verwandeltIn der Zeiten dunkelm Strudel.
Auf dem Turme, wo der TürmerZum Gebete aufgerufen,Tönet jetzt der ChristenglockenMelancholisches Gesumme.
Auf den Stufen, wo die GläubgenDas Prophetenwort gesungen,Zeigen jetzt die GlatzenpfäffleinIhrer Messe fades Wunder.
Und das ist ein Drehn und WindenVor den buntbemalten Puppen,Und das blökt und dampft und klingelt,Und die dummen Kerzen funkeln.
In dem Dome zu CorduvaSteht Almansor ben Abdullah,All die Säulen still betrachtend,Und die stillen Worte murmelnd:
"O, ihr Säulen, stark und riesig,Einst geschmückt zu Allahs Ruhme,Jetzo müßt ihr dienend huldgenDem verhaßten Christentume!
"Ihr bequemt euch in die Zeiten,Und ihr tragt die Last geduldig; —Ei, da muß ja wohl der SchwächreNoch viel leichter sich beruhgen!"
Und sein Haupt, mit heiterm Antlitz,Beugt Almansor ben AbdullahÜber den gezierten Taufstein,In dem Dome zu Corduva.
2
Hastig schritt er aus dem Dome,Jagte fort auf wildem Rappen,Daß im Wind die feuchten LockenUnd des Hutes Federn wallen.
Auf dem Weg nach Alkolea,Dem Guadalquivir entlange,Wo die weißen Mandeln blühen,Und die duftgen Goldorangen;
Dorten jagt der lustge Ritter,Pfeift und singt, und lacht behaglich,Und es stimmen ein die VögelUnd des Stromes laute Wasser.
In dem Schloß zu AlkoleaWohnet Clara de Alvares,In Navarra kämpft ihr Vater,Und sie freut sich mindern Zwanges.
Und Almansor hört schon fernePauken und Trommeten schallen,Und er sieht des Schlosses LichterBlitzen durch der Bäume Schatten.
In dem Schloß zu AlkoleaTanzen zwölf geschmückte Damen,Tanzen zwölf geschmückte Ritter,Doch am schönsten tanzt Almansor.
Wie beschwingt von muntrer Laune,Flattert er herum im Saale,Und er weiß den Damen allenSüße Schmeichelein zu sagen.
Isabellens schöne HändeKüßt er rasch, und springt von dannen;Und er setzt sich vor Elviren,Und er schaut ihr froh ins Antlitz.
Lachend fragt er Leonoren:Ob er heute ihr gefalle?Und er zeigt die goldnen KreuzeEingestickt in seinen Mantel.
Er versichert jeder Dame:Daß er sie im Herzen trage;Und "so wahr ich Christ bin!" schwört erDreißigmal an jenem Abend.
3
In dem Schloß zu AlkoleaIst verschollen Lust und Klingen,Herrn und Damen sind verschwunden,Und erloschen sind die Lichter.
Donna Clara und AlmansorSind allein im Saal geblieben;Einsam streut die letzte LampeÜber beide ihren Schimmer.
Auf dem Sessel sitzt die Dame,Auf dem Schemel sitzt der Ritter,Und sein Haupt, das schlummermüdeRuht auf den geliebten Knieen.
Rosenöl, aus goldnem Fläschchen,Gießt die Dame, sorgsam sinnend,Auf Almansors braune Locken —Und er seufzt aus Herzenstiefe.
Süßen Kuß, mit sanftem Munde,Drückt die Dame, sorgsam sinnend,Auf Almansors braune Locken —Und es wölkt sich seine Stirne.
Tränenflut, aus lichten Augen,Weint die Dame, sorgsam sinnend,Auf Almansors braune Locken —Und es zuckt um seine Lippen.
Und er träumt: er stehe wieder,Tief das Haupt gebeugt und triefend,In dem Dome zu Corduva,Und er hört viel dunkle Stimmen.
All die hohen RiesensäulenHört er murmeln unmutgrimmig,Länger wollen sie's nicht tragen,Und sie wanken und sie zittern; —
Und sie brechen wild zusammen,Es erbleichen Volk und Priester,Krachend stürzt herab die Kuppel,Und die Christengötter wimmern.
Die Wallfahrt nach Kevlaar
1
Am Fenster stand die Mutter,Im Bette lag der Sohn."Willst du nicht aufstehn, Wilhelm,Zu schaun die Prozession?"
"Ich bin so krank, o Mutter,Daß ich nicht hör und seh;Ich denk an das tote Gretchen,Da tut das Herz mir weh." —
"Steh auf, wir wollen nach Kevlaar,Nimm Buch und Rosenkranz;Die Mutter Gottes heilt dirDein krankes Herze ganz."
Es flattern die Kirchenfahnen,Es singt im Kirchenton;Das ist zu Köllen am Rheine,Da geht die Prozession.
Die Mutter folgt der Menge,Den Sohn, den führet sie,Sie singen beide im Chore:Gelobt seist du, Marie!
2
Die Mutter Gottes zu KevlaarTrägt heut ihr bestes Kleid;Heut hat sie viel zu schaffen,Es kommen viel kranke Leut.
Die kranken Leute bringenIhr dar, als Opferspend,Aus Wachs gebildete Glieder,Viel wächserne Füß und Händ.
Und wer eine Wachshand opfert,Dem heilt an der Hand die Wund;Und wer einen Wachsfuß opfert,Dem wird der Fuß gesund.
Nach Kevlaar ging mancher auf Krücken,Der jetzo tanzt auf dem Seil,Gar mancher spielt jetzt die Bratsche,Dem dort kein Finger war heil.
Die Mutter nahm ein Wachslicht,Und bildete draus ein Herz."Bring das der Mutter Gottes,Dann heilt sie deinen Schmerz."
Der Sohn nahm seufzend das Wachsherz,Ging seufzend zum Heiligenbild;Die Träne quillt aus dem Auge,Das Wort aus dem Herzen quillt:
"Du Hochgebenedeite,Du reine Gottesmagd,Du Königin des Himmels,Dir sei mein Leid geklagt!
"Ich wohnte mit meiner MutterZu Köllen in der Stadt,Der Stadt, die viele hundertKapellen und Kirchen hat.
"Und neben uns wohnte Gretchen,Doch die ist tot jetzund —Marie, dir bring ich ein Wachsherz,Heil du meine Herzenswund.
"Heil du mein krankes Herze —Ich will auch spät und frühInbrünstiglich beten und singen:Gelobt seist du, Marie!"
3
Der kranke Sohn und die Mutter,Die schliefen im Kämmerlein;Da kam die Mutter GottesGanz leise geschritten herein.
Sie beugte sich über den KrankenUnd legte ihre HandGanz leise auf sein Herze,Und lächelte mild und schwand.
Die Mutter schaut alles im TraumeUnd hat noch mehr geschaut;Sie erwachte aus dem Schlummer,Die Hunde bellten so laut.
Da lag dahingestrecketIhr Sohn, und der war tot;Es spielt auf den bleichen WangenDas lichte Morgenrot.
Die Mutter faltet die Hände,Ihr war, sie wußte nicht wie;Andächtig sang sie leise:Gelobt seist du, Marie!
Aus der Harzreise 1824
Prolog
Schwarze Röcke, seidne Strümpfe,Weiße, höfliche Manschetten,Sanfte Reden, Embrassieren —Ach, wenn sie nur Herzen hätten!
Herzen in der Brust, und Liebe,Warme Liebe in dem Herzen —Ach, mich tötet ihr GesingeVon erlognen Liebesschmerzen.
Auf die Berge will ich steigen,Wo die frommen Hütten stehen,Wo die Brust sich frei erschließetUnd die freien Lüfte wehen.
Auf die Berge will ich steigen,Wo die dunkeln Tannen ragen,Bäche rauschen, Vögel singen,Und die stolzen Wolken jagen.
Lebet wohl, ihr glatten Säle!Glatte Herren, glatte Frauen!Auf die Berge will ich steigen,Lachend auf euch niederschauen.
Bergidylle
l
Auf dem Berge steht die Hütte,Wo der alte Bergmann wohnt;Dorten rauscht die grüne Tanne,Und erglänzt der goldne Mond.
In der Hütte steht ein Lehnstuhl,Ausgeschnitzelt wunderlich,Der darauf sitzt, der ist glücklich,Und der Glückliche bin ich!
Auf dem Schemel sitzt die KleineStützt den Arm auf meinen Schoß;Äuglein wie zwei blaue Sterne,Mündlein wie die Purpurros.
Und die lieben, blauen SterneSchaun mich an so himmelgroß,Und sie legt den LilienfingerSchalkhaft auf die Purpurros.
Nein, es sieht uns nicht die Mutter,Denn sie spinnt mit großem FleißUnd der Vater spielt die Zither,Und er singt die alte Weis.
Und die Kleine flüstert leise,Leise, mit gedämpftem Laut;Manches wichtige GeheimnisHat sie mir schon anvertraut.
"Aber seit die Muhme tot ist,Können wir ja nicht mehr gehnNach dem Schützenhof zu Goslar,Dorten ist es gar zu schön.
"Hier dagegen ist es einsam,Auf der kalten Bergeshöh,Und des Winters sind wir gänzlichWie begraben in dem Schnee.
"Und ich bin ein banges Mädchen,Und ich furcht mich wie ein KindVor den bösen Bergesgeistern,Die des Nachts geschäftig sind."
Plötzlich schweigt die liebe Kleine,Wie vom eignen Wort erschreckt,Und sie hat mit beiden HändchenIhre Äugelein bedeckt.
Lauter rauscht die Tanne draußen,Und das Spinnrad schnurrt und brummt,Und die Zither klingt dazwischen,Und die alte Weise summt:
"Fürcht dich nicht, du liebes Kindchen,Vor der bösen Geister Macht;Tag und Nacht, du liebes Kindchen,Halten Englein bei dir Wacht!"
2
Tannenbaum, mit grünen FingernPocht ans niedre Fensterlein,Und der Mond, der stille Lauscher,Wirft sein goldnes Licht herein.
Vater, Mutter schnarchen leiseIn dem nahen Schlafgemach,Doch wir beide, selig schwatzend,Halten uns einander wach.
"Daß du gar zu oft gebetet,Das zu glauben wird mir schwer,Jenes Zucken deiner LippenKommt wohl nicht vom Beten her.
"Jenes böse, kalte Zucken,Das erschreckt mich jedesmal,Doch die dunkle Angst beschwichtigtDeiner Augen frommer Strahl.
"Auch bezweifl ich, daß du glaubest,Was so rechter Glauben heißt —Glaubst wohl nicht an Gott den Vater,An den Sohn und Heilgen Geist?"
Ach, mein Kindchen, schon als KnabeAls ich saß auf Mutters Schoß,Glaubte ich an Gott den Vater,Der da waltet gut und groß;
Der die schöne Erd erschaffen,Und die schönen Menschen drauf,Der den Sonnen, Monden, SternenVorgezeichnet ihren Lauf.
Als ich größer wurde, Kindchen,Noch viel mehr begriff ich schon,Ich begriff, und ward vernünftig,Und ich glaub auch an den Sohn;
An den lieben Sohn, der liebendUns die Liebe offenbartUnd zum Lohne, wie gebräuchlich,Von dem Volk gekreuzigt ward.
Jetzo, da ich ausgewachsen,Viel gelesen, viel gereist,Schwillt mein Herz, und ganz von HerzenGlaub ich an den Heilgen Geist.
Dieser tat die größten Wunder,Und viel größre tut er noch:Er zerbrach die Zwingherrnburgen,Und zerbrach des Knechtes Joch.
Alte Todeswunden heilt er,Und erneut das alte Recht:Alle Menschen, gleichgeboren,Sind ein adliges Geschlecht.
Er verscheucht die bösen NebelUnd das dunkle Hirngespinst,Das uns Lieb und Lust verleidet,Tag und Nacht uns angegrinst.
Tausend Ritter, wohlgewappnet,Hat der Heilge Geist erwählt,Seinen Willen zu erfüllen,Und er hat sie mutbeseelt.
Ihre teuern Schwerter blitzen,Ihre guten Banner wehn!Ei, du möchtest wohl, mein Kindchen,Solche stolze Ritter sehn?
Nun, so schau mich an, mein Kindchen,Küsse mich und schaue dreist;Denn ich selber bin ein solcherRitter von dem Heilgen Geist.
3
Still versteckt der Mond sich draußenHinterm grünen Tannenbaum,Und im Zimmer unsre LampeFlackert matt und leuchtet kaum.
Aber meine blauen SterneStrahlen auf in hellerm Licht,Und es glühn die Purpurröslein,Und das liebe Mädchen spricht:
"Kleines Völkchen, Wichtelmännchen,Stehlen unser Brot und Speck,Abends liegt es noch im Kasten,Und des Morgens ist es weg.
"Kleines Völkchen, unsre SahneNascht es von der Milch, und läßtunbedeckt die Schüssel stehen,Und die Katze säuft den Rest.