Carl lief nun noch einmal zu den Pallisaden hinauf, um seine dort niedergelegten übrigen Sachen zu holen, sandte noch einen heißen innigen Abschied aus der Tiefe seines Herzens an alle seine Lieben, und ging dann wieder zu Leopard, dessen Zelt bereits zusammengepackt war und auf den Rücken eines Pferdes gebunden wurde. Carl führte seinen Rappen zum Feuer, legte ihm schnell das Reitzeug und Gepäck auf, wobei der Häuptling ihm behülflich war, und stieg dann in den Sattel, während die Indianer sich zu Pferde um ihn sammelten und freudig in ihm ihren neuen Gefährten begrüßten. Bald war nun auch der Häuptling zu Roß, und der Reiterzug setzte sich, mit ihm und Carl an der Spitze, in Bewegung, während dieser seinen thränenschweren Blick auf die dunklen Umrisse des Forts gerichtet hielt, und im Stillen den geliebten dort Ruhenden sein letztes heißes Lebewohl sagte. Lautlos zogen sie in eiligem Schritt durch die dunkle Nacht dahin, und bald war der letzte Lichtschein der verlassenen Lagerfeuer und die schwarze Form der Pallisadenwände ihren Blicken entschwunden.
In dem Fort aber herrschte Todtenstille, denn selbst das gewohnte Geräusch, welches die Pferde während der Nacht dort zu erregen pflegten, unterbrach die Ruhe nicht.
Der Morgen graute und Daniel erwachte mit dem festen Entschluß, sich heute dem Häuptling zu überliefern, wenn die bevorstehende Unterhandlung mit demselben keinen friedlichen Vergleich herbeiführen sollte. Er erhob sich leise von seinem Lager, um seinen Freund Carl nicht im Schlafe zu stören, da gewahrte er, daß Carls Bett leer war. Der Neger erschrak und richtete seinen nächsten Blick nach der Wand, wo die Waffen des Knaben zu hängen pflegten; sie waren fort. Jetzt sah er den Brief auf dem Tische liegen und erkannte dieHandschrift seines Freundes, denn dieser hatte ihm ja Unterricht im Schreiben ertheilt. Ein Brief von Carl, an seinen Onkel gerichtet, – was konnte die Veranlassung dazu sein – warum war Carl nicht hier? Der Neger zitterte am ganzen Körper, mit dem Brief in der Hand stürzte er hinaus in den Hof und nach dem Thore – das Thor war offen, und die Indianer waren verschwunden! Wie gelähmt stand Daniel da, und sah auf den Brief, der in seiner bebenden Hand zitterte; das Papier sagte ihm, was der Knabe für ihn gethan hatte. Ohne Worte, ohne Thränen sank er auf die Kniee und preßte den Brief zitternd mit beiden Händen auf sein Herz. Er wußte nicht, was er that, wußte nicht, was er thun sollte, das Geschehene war zu ungeheuer, zu schrecklich, als daß er es hätte fassen können, es drückte ihn, wie ein riesiges Unglück zu Boden und preßte ihm das Herz und die Brust zusammen.
Plötzlich aber fuhr er auf, stürzte in das Fort hinein zu Turners Haus und schrie:
»Carl ist fort, Herr Turner, Carl ist fort!«
»Was sagst Du, Carl fort?« rief Turner, aus dem Zimmer hervorspringend, und ergriff hastig den Brief, den ihm der Neger entgegenstreckte.
»Er ist fort, Herr, er ist mit den Delawaren fortgezogen. Lesen Sie, lesen Sie schnell, ich muß ihn noch einholen und ihn aus den Händen der Indianer befreien; ich bin es, dessen Besitz sie verlangten, nicht Carl, mich sollen sie haben!« schrie der Neger in höchster Verzweiflung und stierte auf den Brief, den Turner mit zitternder Hand entfaltet hatte und ihn mit ängstlicher Hast durchflog.
»Carl, Carl!« klagte er dann mit einem Blick zum Himmel, und ließ sein Antlitz auf den Brief in seine beiden Hände sinken.
»Er soll zurückkehren, Sie sollen ihn wieder haben!« schrie der Neger, und wollte davon eilen, doch Turner ergriff ihn beim Arm und sagte:
»Es ist umsonst, Daniel, er wird nicht zurückkehren! Glaubst Du, daß Carl seine Freiheit mit Deinem Leben erkaufen würde?«
»Er soll, er muß zurückkehren, die Delawaren sollen mich tödten, und dann bleibt Carl nicht bei ihnen,« rief Daniel, und wollte sich von Turner losreißen; doch dieser hielt ihn zurück und sagte:
»So höre, was er schreibt, und was er Dir in diesem Briefe sagt, dann wirst Du einsehen, daß es nutzlos wäre, wenn Du ihm folgtest.«
Turner las nun dem Neger den Brief vor, und dieser stand wie vernichtet da, rang die Hände und jammerte wieder und wieder:
»Warum habe ich mich auch nicht gleich selbst ausgeliefert!«
»Es war nicht Deine Schuld, Daniel, wir selbst haben Dich ja gehalten. Der Himmel, der Alles so gefügt hat, wird unsern Liebling beschützen, und ihn doch wieder in unsere Arme zurückführen. Carl lebt, er lebt nur für uns, und weiß, daß mit ihm ein großer Theil unseres Glücks verloren ist. Er wird wiederkehren!«
So suchte Turner den treuen Neger und sich selbst zu trösten, und den herzzerreißenden Schmerz von sich abzuwehren; als er aber seiner Gattin und den Kindern die Kunde von Carls Aufopferung überbrachte, da überwältigte sie sämmtlich der Jammer, und sie brachen weinend und schluchzend in lautes Wehklagen aus.
Carl ritt immer noch schweigend an der Seite des Häuptlings, und immer noch entfielen Thränen seinen Augen.
»Dein Herz ist traurig, Carl,« sagte Leopard theilnehmend zu ihm, »und das macht auch mich traurig; meine Freude aber darüber, daß Du mein Freund werden willst, ist groß, und soll Dich wieder froh machen. Die Delawaren werden Dich lieben, und Du wirst einst ein großer Mann unter ihnen sein, sie werden Dir folgen, wenn der Leopard zu schwach wird, um sein Jagdroß zu reiten, und sein Auge zu matt, um die Kugel in das Herz des Wildes zu senden. Du sollst die schönsten Pferde haben, und die Frauen der Delawaren werden die prächtigsten Häute für Dich zubereiten und Dir die weichsten Jagdhemden und Gamaschen anfertigen.«
»Ich bin mit Allem zufrieden, wenn ich nur weiß, daß es meinen Freunden am Bärflusse gut geht,« antwortete Carl, mitfeuchtem Auge auf die glänzend schwarzen Mähnen niedersehend, die der Rappenhengst in seinem Uebermuthe schüttelte.
»Niemand soll und wird nun noch den Frieden Deiner Freunde stören, und Du wirst sie zweimal des Jahrs wiedersehen und sie erfreuen.«
»Das hast Du mir versprochen, Leopard, und mußt es halten; nur mit dieser Hoffnung kann ich fern von ihnen zufrieden sein.«
»Du wirst zufrieden, Du wirst glücklich sein, denn unser Leben ist ein glücklicheres, als das der Weißen. Wir haben Alles, wonach unsere Herzen sich sehnen; die Weißen haben niemals das, wonach sie streben; das Geld stiehlt ihnen die Ruhe, wir lachen darüber; uns kann das Geld nicht froh, nicht traurig machen.«
Carl blieb wortkarg, doch der Häuptling hörte nicht auf, ihn zu unterhalten und ihm das Leben der Indianer von der schönsten Seite zu schildern.
Währenddem eilten sie nach Nordwest dahin über die mit Blumen übersäete Prairie, auf der das trockene Gras vermodert zur Erde gesunken und die frischgrünen Halme darüber mit der Blüthenpracht des Frühlings aufgeschossen waren. Der Häuptling wollte der Grenze des Prairiebrandes bis an den rothen Fluß folgen, weil er dort das meiste Wild anzutreffen hoffte. Er ritt mit Carl den übrigen Indianern in ziemlich großer Entfernung voraus, um seinem jungen Freunde Gelegenheit zu geben, während der Reise mitunter ein Stück Wild zu erlegen, die Reiterschaar folgte ihnen langsam nach, hinter derselben kamen die Pferde, die mit den Zelten, Geräthschaften und Vorräthen aller Art beladen waren, und den Zug beschlossen die Frauen, welche die Packthiere vorwärts trieben und sie zusammenhielten. Carl that im Laufe des Tages wiederholt einen Meisterschuß auf Wild, welches der Häuptling dann, stolz auf die Geschicklichkeit des Knaben, seinen ihm folgenden Leuten überwies. Der Abend brachte sie in den Eichwald, wo Carl den furchtbaren grauen Bären erlegt hatte, und an dem Wasser, wo er seinen Falben wiederfand, wurde das Lager für die Nacht aufgeschlagen. Er benutzte das Dämmerlicht noch zurJagd, wobei er zwei Antilopen erlegte, welche von den beiden Indianern, die ihn begleitet hatten, im Triumph in das Lager getragen wurden. Mit Sonnenaufgang setzte sich am folgenden Morgen die Schaar wieder in Bewegung und folgte dem Saume des Eichwaldes, der sich bis zu den Ufern des rothen Flusses hinaufzog, und neben welchem die Prairie bis dorthin durch jenen Schreckensbrand abgesengt war. Das junge Gras hatte sie aber schon mit einer fußhohen Decke überzogen, auf welcher in allen Richtungen Büffel, Hirsche und Antilopen weideten. Es war ein reizender Tagesmarsch unter dem schattigen Laubdach der Eichen auf der feinen dichten Grasdecke, aus welcher sich die mächtigen Stämme erhoben. Weithin wanderte das Auge, da nirgends ein Dickicht die Fernsicht hemmte, und der Blick konnte kaum eine Richtung finden, wo er nicht auf Wild traf. Besonders zahlreich waren die Züge wilder Truthähne, die sich um diese Jahreszeit zu Hunderten versammeln, während die Hennen einsam im hohen Grase der Prairie, oder im Dickicht der Wälder auf ihren Eiern sitzen und brüten. In endlosen Reihen flohen die Hähne vor der nahenden Reiterschaar, und wiederholt sprengte der Häuptling mit seinem jungen Freunde ihnen nach, bis sie sich prasselnd in die Luft erhoben und sich in die hohen Eichen schwangen. Dann holte jede Büchsenkugel der beiden Reiter einen dieser colossalen Vögel auf die Erde herab, und Carl schoß zur Freude Leopards auch einige derselben mit dem Revolver herunter. Ohne zu rasten, ging es während des ganzen Tages in dem kühlen Schatten des lichten Waldes vorwärts, während die Sonne heiß auf die Baumkronen niederbrannte, und ihre Strahlen hier und dort ein blendendes Licht auf den frischgrünen Boden warfen.
»Dort weidet ein starkes Rudel wilder Pferde, sie sind uns noch nicht gewahr geworden,« sagte der Häuptling zu Carl, und zeigte unter den Bäumen hin nach dem Saume der Prairie.
»Ach, wenn wir doch nahe an sie hinanreiten könnten; es sind zu schöne Thiere. Ich meine immer, das Pferd wäre in seiner Freiheit viel stolzer als in der Gefangenschaft.«
»Wenn Dir das Spaß macht, so reite nur dicht hinter mir her, ich will Dich ganz nahe zu ihnen führen. Du mußt Dich aber auf den Hals Deines Pferdes legen,« entgegnete der Häuptling, und ritt nun weiter seitwärts unter den Eichen hin, bis er eine recht große Zahl von Stämmen zwischen sich und den Rossen sah, so daß er durch sie mehr oder weniger den Blicken der Thiere entzogen wurde. Dann ritt er auf sie zu, wählte aber immer die Richtung, in welcher er die meisten Baumstämme vor sich hatte. Es lagen wohl noch fünfhundert Schritte zwischen den beiden Reitern und den wilden Pferden, die noch immer ganz sorglos grasten, als Carl dem Häuptling plötzlich leise zurief: »Halt, halt, Leopard, halt Dein Pferd zurück!« und schnell sein Fernglas aus der Tasche hervorzog und es vor sein Auge hob. Der Häuptling hielt sein Roß an, und sah erst nach seinem Gefährten, dann aber wandte er, wie dieser, seinen Blick gleichfalls nach der wilden Heerde.
»Du suchst wohl Deinen todten Liebling unter ihnen?« fragte Leopard lachend.
»Ja, wahrhaftig, dort steht ein Pferd, welches gerade so aussieht, wie mein Falber, wenn er sich nur noch etwas zur Seite wenden wollte,« entgegnete Carl in großem Eifer, und hielt das Glas unbeweglich vor sein Auge. Nach einer Weile fuhr er noch bewegter fort: »Jetzt wendet es sich, – wahrhaftig, es ist mein Falber, ich sehe den Satteldruck auf seinem Rücken!«
Mit diesen Worten zeigte Carl, ganz außer sich vor Freude, nach einem Pferde hin, welches etwas seitwärts von der Heerde nahe an der Prairie weidete.
»Wäre es möglich – laß mich einmal durch Dein Glas sehen,« sagte der Häuptling, und nahm dasselbe dem Knaben ab. Nachdem er einige Augenblicke nach dem Thiere hingeschaut hatte, sagte er rasch: »Das Pferd hat schon einen Sattel getragen, und wenn Du sagst, daß es Dein Falber sei, so sollst Du ihn auch wieder reiten. Bleibe hier hinter diesen Eichen halten, bis ich zurückkomme, ich muß mein Kriegspferd reiten, wenn ich Deinen Falben fangen will.«
Hiermit lenkte er sein Roß eilig auf demselben Wege zurück, auf dem er gekommen war, und nach einer Weile sah Carl ihn in fliegendem Laufe davon jagen. Die anderen Indianer waren noch weit zurück, so daß Carl noch nichts von ihnen entdecken konnte. Mit hochschlagendem Herzen hielt er nun seinen Blick durch das Glas auf den Falben gerichtet, und überzeugte sich immer mehr, daß derselbe sein todtgeglaubter Liebling sei. Ungeduldig spähete er wieder durch den Wald zurück, ob der Häuptling noch nicht sichtbar würde, und lauschte nach den Hufschlägen seines Rosses. Noch war nichts von ihm zu sehen, und mit Bangigkeit blickte Carl dann wieder nach der Heerde, ob sie auch nicht unruhig werde. Die Thiere aber grasten ganz vertraut, und hier und dort legte sich eins derselben im Grase nieder. Es schien, daß sein Falber noch immer von den übrigen Rossen als Fremdling angesehen werde, da er sich stets in einer gewissen Entfernung von ihnen hielt, und dies bestärkte Carl noch mehr in seiner Ueberzeugung, daß es sein Pferd sei. Der Häuptling blieb erschrecklich lange für Carl aus, und die Ungeduld des Knaben, so wie dessen Besorgniß, daß die Heerde plötzlich davon eilen würde, steigerte sich von Minute zu Minute; er strengte seinen Blick mit allen Kräften an, um den Schimmel, den Leopard reiten wollte, in der Ferne zu erspähen, da sah er ihn plötzlich weiter seitwärts sich nahen, und zwar schon in nicht großer Entfernung. In verhaltenem Schritt kam der edle Schimmelhengst zwischen den dichtstehenden Baumstämmen herangeschritten, er war mit einer prächtigen Jaguarhaut geziert, die über seinen Sattel ausgebreitet lag, und auf welcher der Indianerhäuptling, von aller Kleidung entblößt, saß. Nur ein breites Stück feuerrothen Tuches umgab dessen Hüfte, und statt der Waffen hielt er einen sehr langen Lasso aufgeschlungen in seiner Rechten. Stolz hob sich seine muskulöse schlanke rothbraune Gestalt über dem muthigen blendend weißen Rosse empor, und sein langes glänzend schwarzes Haar hing weit über seine breiten Schultern herab. Als er näher kam, mäßigte er noch mehr den Schritt desPferdes und legte sich hinter dessen breiten Hals. Bald hatte er Carl erreicht und sagte:
»Wenn Dein Falber wirklich so schnelle Füße und so langen Athem besitzt, wie Du mir gesagt hast, so wird es eine heiße Jagd geben; noch aber habe ich kein Pferd gesehen, welches im Laufe vor meinem Hengst bleiben konnte. Halte Dich nur hinter mir, wir wollen so nahe wie möglich unbemerkt zu dem Falben reiten; wird er uns aber gewahr, dann ist keine Zeit zu verlieren. Dann sorge nur, daß Du mich im Auge behältst, meinen Schimmel kannst Du sehr weit sehen.«
»Könnte ich mich dem Falben nahen, ohne daß die Heerde davonjagte, so würde er gleich zu mir kommen, sobald er mich erkannt hätte,« sagte Carl, mit Verlangen nach dem Pferde hinschauend.
»Die Freiheit schmeckt zu süß und das Thier hat sie nun schon zu lange genossen, als daß es freiwillig wieder in die Gefangenschaft zurückkehren sollte. Es ist ja mit den Indianern auch so, sie werden von den Weißen immer näher zu den Gebirgen der Anden hingedrängt, wo sie mit dem Büffel wegen Mangel an Nahrung zu Grunde gehen müssen und dennoch, trotzdem, daß sie ihr Schicksal voraussehen, wollen sie lieber untergehen, ehe sie sich dem Joch der Civilisation ergeben. Wir müssen Deinem Falben mit Gewalt die Fessel wieder anlegen, wenn er Deine Herrschaft abermals anerkennen soll. Nun folge mir,« entgegnete der Häuptling, wandte seinen ungeduldig scharrenden Hengst dem Falben zu und nahte sich ihm von Baum zu Baum, ohne daß das Thier ihn gewahr worden wäre, bis er es auf hundert Schritte erreicht hatte. Hier standen die Eichen viel einzelner, und kaum schritt der Schimmelhengst unter ihren Schatten, als die ganze wilde Heerde zusammenschreckte und in wilder Verwirrung die Flucht ergriff.
Mit einem lauten gellenden Jagdgeschrei ließ aber im selbigen Augenblicke der Häuptling seinem Hengst die Zügel schießen und flog ihr nach, als ob sein Schimmel von dem Winde dahin getragen würde. In wenigen Augenblicken war die Prairie erreicht, diewilden Pferde, die unter den Eichen auseinandergesprengt waren, sammelten sich jetzt in einen dichten Haufen, der Falbe jagte an ihrer Spitze und fort ging es in sausender Carriere über die grüne, im Sonnenlichte glänzende Grasflur.
Carls Rappe mußte an die Zeit seiner eigenen Freiheit denken, denn er setzte wie rasend hinter der fliehenden Heerde her und hatte auch bald die letzten Reihen derselben erreicht. Der Häuptling aber jagte im Sturmlauf an ihr vorüber, dem Falben nach, der schon mehrere hundert Schritte Vorsprung vor den wilden Rossen gewonnen hatte, und diese wandten sich entsetzt von dem Indianer ab und suchten seitwärts das Weite. Carl wollte dem Häuptling folgen, sein Rappe aber kündigte ihm den Gehorsam und sprengte trotz Zügel und Sporn in die Mitte des fliehenden Haufens. Fort ging es Hügel auf, Hügel ab in tollem rasenden Laufe, denn die wilden Pferde sahen mit Entsetzen nach der Menschengestalt hin, die sich zwischen ihnen erhob, und verdoppelten ihre Anstrengungen zur eiligsten Flucht. Der Rappe aber blieb zwischen ihnen; fliegend umwogten seine langen Mähnen den jungen Reiter auf seinem Rücken, hoch wehte sein glänzend schwarzer Schweif und laut und schnaubend blies er aus seinen weit geöffneten Nüstern. Mit Verzweiflung schaute Carl seitwärts über die mit ihm fliehenden Schaaren nach dem Häuptling hinüber, der nur noch wie ein weißer, dahinfliegender Punkt in weiter Ferne zu erkennen war; vergebens aber wandte er alle seine Kräfte auf, seinen widerspänstigen Rappen zurückzuhalten, derselbe stürmte unaufhaltsam mit ihm fort und mit ihm die ganze wilde Heerde, daß der Boden erzitterte und der Donner der Hufschläge die Luft erfüllte. Carl ergab sich in sein Schicksal, Meile auf Meile blieb zurück und sein Roß, so wie dessen wilde Kameraden bedeckten sich mit weißem Schaum.
Jetzt ging es einem Eichwalde zu, der sich über dem Saum der Prairie erhob, und mit Schrecken dachte Carl an die Gefahr, die ihm beim Einjagen zwischen die Baumstämme drohte; aber umsonst wandte er wieder und wieder alle seine Kräfte an, das wilde Thier in seinem Laufe aufzuhalten, es blieb in der Mitte der fliehenden Massen.Der Eichwald ward erreicht, und im Sturm ging es in denselben hinein und zwischen den Stämmen hin, daß Carl jeden Augenblick glaubte, an einem derselben hängen zu bleiben; er wand sich aber hin und her und drückte sein Pferd gewaltsam herüber und hinüber, um den Bäumen auszuweichen. Da erkannte er plötzlich vor sich einen weiten Wasserspiegel, der sich an dem Saume des Waldes hinzog und in welchem er keinen andern als den rothen Fluß erkennen konnte. Ein Hoffnungsstrahl fuhr in Carl auf, denn an dem Strome, dachte er, würde die Heerde Halt machen, und er würde einen Augenblick gewinnen, um Herr seines Pferdes zu werden. Er sah, wie die Vordersten der dahinstürmenden Schaar das Ufer des Flusses erreichten, sie stürzten sich in die Fluthen hinab und alle ihre wilden Kameraden ihnen nach, daß die Wellen hoch über ihnen zusammenschlugen. Auch Carl sauste mit seinem Roß in die Wogen hinunter, er hörte und sah nicht mehr, das Wasser thürmte sich um ihn auf und für einen Augenblick war ihm der Athem genommen. Er klammerte sich aber an seinen Rappen fest, der jetzt, von den Hunderten von Pferden umgeben, welche rings um ihn aus den Wellen emporschauten, eilig die schnelle Fluth durchzog und dem jenseitigen Ufer zuschwamm. Schnaubend und brausend stieg der Hengst aus den Wogen auf und nieder und trug seinen Reiter vielen seiner Kameraden vorüber glücklich an das jenseitige Land. Diese letzte Anstrengung hatte aber die Kräfte der wilden Rosse erschöpft, sie erstiegen mühsam das Ufer und theilten sich nun im Trab nach allen Richtungen auseinander, um der fremden Schreckensgestalt auf dem Rappen zu entgehen. Umsonst machte dieser abermals neue Anstrengungen, jenen zu folgen, er sträubte sich nur noch kurze Zeit gegen die Gewalt seines Reiters und ergab sich dann dessen Herrschaft. Durchnäßt bis auf die Haut und mit einem zu Tode erschöpften Pferde, sah sich Carl nun allein und verlassen viele Meilen von seinen Freunden entfernt und von ihnen durch einen mächtigen Strom geschieden. Er stieg ab und sein nächster Gedanke traf seine Waffen, die gleichfalls, wenn auch nur einen Augenblick, unter Wasser gewesen waren. Er feuerte schnellseine Büchse, so wie seine Revolver ab, und zu seiner Freude versagte kein Schuß. Sein Pulverhorn war vollkommen wasserdicht, deßhalb ersetzte er gleich sämmtliche Ladungen und überdachte dabei seine Lage. Wäre der Fluß nicht vor ihm gewesen, so würde er auf dem Wege, den er gekommen, zurückreiten, um die Delawaren aufzusuchen; mit seinem müden Pferde konnte er sich aber den Fluthen nicht noch einmal anvertrauen, und er sah keinen andern Ausweg, als hier am Ufer zu verbleiben und zu warten, ob seine Freunde zu ihm kommen würden. Ohne Zweifel folgten diese, sobald sie ihn vermißten, der breiten Spur, welche die wilden Rosse hinterlassen hatten, und er beschloß, ein großes Feuer zu errichten, damit die Delawaren seinen Aufenthalt daran erkennen könnten, wenn sie erst in der Nacht den Fluß erreichen sollten; denn die Sonne stand nicht mehr hoch und es war ungewiß, ob die Jagd nach dem Falben den Häuptling nicht sehr weit abgezogen hatte. Während der Rappe, den Carl an einen einzelnen Baum befestigte, sich an dem jungen Grase erholte, trug dieser trockenes Holz herbei, um das Feuer anzuzünden, welches ihm augenblicklich sehr wünschenswerth war; denn in der nassen Kleidung fing ihn an zu frieren. Er zog die Zunderbüchse aus der Tasche und nahm sie aus der fest zugebundenen Blase hervor, in welcher er sie stets verwahrte, um sie vor Nässe zu schützen. Dann schlug er mit Stahl und Stein Funken hinein und blies die erzeugte Gluth zur Flamme an, in welcher er einen Bündel trockenes Gras entzündete. Bald loderte nun das Feuer aus dem gesammelten Reishaufen empor und wirbelte sich um das schwere Holz, welches Carl darauf warf. Die Gluth war bald so groß, daß er sich einige Schritte von ihr entfernt halten mußte, wo er sich nun von allen Seiten durch sie trocknen ließ, indem er sich langsam vor ihr drehte. Er hatte schwere Aeste von einem umgefallenen Mosquitobaum herbeigetragen, um das Feuer während der Nacht zu unterhalten, da er sicher darauf rechnete, seine Freunde erst spät erscheinen zu sehen; doch kaum war die Sonne versunken, als ihn der ferne Jubelton des Häuptlings von der andern Seite des Flusses her begrüßte. Balddarauf sah er ihn denn auch an der Spitze seiner Schaar unter den Eichen heranziehen, und wie groß war Carls Freude, als er an der Seite Leopards seinen lieben Falben erkannte, der geduldig neben demselben herschritt. Als der Häuptling das Ufer erreicht hatte, rief er Carl zu, er möge dem Flusse folgen, da einige Meilen weiter eine sehr seichte Stelle sich in demselben befinde, wo man durchreiten könne, ohne naß zu werden. Sogleich war Carl zu Roß und eilte dem Ufer entlang, er konnte aber den Augenblick kaum erwarten, wo er wieder bei seinem Falben sein würde.
Die Delawaren folgten dem Strome an dem andern Ufer, und Carl verwandte keinen Blick von seinem Liebling, der ihm während seiner Abwesenheit noch viel schöner geworden zu sein schien. Endlich hielt der Häuptling an und blickte sich nach einer Stelle um, wo das Ufer nicht zu steil war. Er fand sie in kurzer Entfernung, lenkte sein Pferd in den Strom hinein, und der ganze Zug der Delawaren folgte ihm noch. Das Wasser reichte wirklich den Pferden nicht bis an den Leib und schnell war der Fluß durchritten. Carl war abgestiegen und wartete mit größter Ungeduld am Ufer, und als der Falbe auf dasselbe heraufschritt, da schlang er seinen Arm um den Hals des geliebten Thieres, und sagte in höchster Freude:
»Ja, Falber, kennst Du mich denn noch, Du braver Kerl, wie ist es Dir denn ergangen?« Dabei klopfte und strich er liebkosend den Hals des Pferdes, und dieses gab ihm durch leises Wiehern zu verstehen, daß es sich ebenso sehr freue, ihn wiederzusehen.
Dann aber wandte sich Carl mit rührenden Versicherungen seines ewigen Dankes an den Häuptling, der mit der innigsten Freude das Glück beobachtete, welches sich auf Carls Zügen spiegelte.
»Du hattest mir nicht zu viel von dem Falben gesagt,« fiel ihm Leopard in das Wort, »er ist flüchtig wie die Antilope und ausdauernd wie der Büffel, er hat meinem Hengst vielen Schweiß gekostet. Ich bin ihm über fünf Meilen weit gefolgt, ehe ich den Lasso nach ihm werfen konnte, kaum lag aber die Schlinge um seinen Hals, als er sich ergab und sich geduldig von mir leiten ließ. Erist den Ritt werth gewesen, zumal da ich meinem jungen Freunde eine so große Freude dadurch verschafft habe. Wenn ich meinen Schimmelhengst nicht hätte, so möchte ich wohl den Falben besitzen, es giebt nicht viele seines Gleichen.«
»Ja, er ist ein braves edles Thier, und ich danke Dir von ganzem Herzen, daß Du ihn mir wiedergegeben hast. Der Rappe dort ist nicht so treu, es hätte mir bei diesem Ritt das Leben kosten können; der Abscheuliche ging mit mir durch, und ich mußte, ob ich wollte oder nicht, mit der tollen Heerde davonjagen.«
»Ich sah es wohl,« entgegnete der Häuptling lachend, »ich konnte aber doch unmöglich den Falben entkommen lassen; auch dachte ich, wer einen solchen Prairiebrand glücklich mit durchgemacht hat, der könne auch wohl einmal in der Mitte einiger Hundert wilder Rosse einen lustigen Ritt machen.«
»Sehr lustig war er nun gerade nicht, ich kann Dir sagen, in dem Eichwalde war es ein gefährlicher Lauf, und den Sprung in den Strom will ich im Leben nicht vergessen!«
»Du bist ja nun ein Delaware, und darum ist Dir auch kein Ritt zu wild; wir werden noch weit lustigere zusammen machen. Wo giebt es denn wohl eine größere Lust für den Mann, als auf den Rücken eines flüchtigen edlen Rosses?«
Der Häuptling gab seinen Leuten nun einen Wink, das Lager aufzuschlagen, die Frauen breiteten für ihn und für Carl weiche Büffelhäute im Grase aus, und in ganz kurzer Zeit darauf hatten sie Leopards Zelt hinter ihm und hinter seinem jungen Freunde aufgestellt. Auch die übrigen Zelte erhoben sich schnell, die Feuer vor denselben loderten empor, und die Weiber beeilten sich, das Abendbrod zu bereiten. Der Häuptling theilte Carl nun mit, daß er sich nach einem, mehrere Tagereisen von hier gelegenen Handelshause der vereinigten Staaten begeben wolle, deren die Regierung an der ganzen Grenze des Indianergebiets bis weit nach Norden hin errichtet hatte, damit die Indianer dort Alles kaufen und eintauschen könnten, dessen sie bedürftig wären, ohne in die Ansiedelungen der Weißen vordringenzu müssen. Er wollte dort die, auf diesem Jagdzuge erbeuteten Häute, das Bärenöl, den Honig und das Wachs, so wie getrocknetes Wildpret verwerthen, und vielerlei Bedürfnisse für seine Niederlassung am Kanzasflusse eintauschen. Dorthin wollte er dann ziehen, um einige Wochen bei den Seinigen zuzubringen, ehe er nach Norden zur Jagd aufbräche. Bald nach dem Abendessen legte Carl sich in dem Zelte zur Ruhe nieder, denn er war sehr ermüdet von den Anstrengungen während des wilden Rittes; ehe ihn aber der erquickende Schlaf umfing, sandte er seine innigsten, liebevollsten Gedanken seinen zurückgelassenen Theuern zu und schloß sie in sein Gebet ein. Mit dem anbrechenden Tage folgte er dem Beispiel sämmtlicher Indianer und badete sich in den kristallklaren Fluthen des rothen Flusses, wobei er die Geschicklichkeit im Schwimmen bewunderte, welche seine Gefährten besaßen; denn sie schienen eben so sicher und heimisch im Wasser zu sein, wie auf dem Lande. Als die Sonne sich über der flachen weiten Ferne erhob und ihr goldenes Licht über die endlose grüne Ebene warf, war der Zug schon wieder in Bewegung, und Carl saß abermals auf dem Rücken seines lieben Falben, während sein Rappe einem jungen Indianer zum Reiten übergeben war, damit derselbe ihn vollkommen in Gehorsam bringe. Ununterbrochen führte während drei langer Tagereisen der Weg der Indianer durch eine offene Grasflur, aus der sich nur hier und dort ein Mosquitobaum, eine dichtbelaubte rothe Ulme erhob, und nur an den einzelnen Gewässern, die sie überschritten, und die ihre kleinen Wellen dem Kanzasflusse zuführten, trafen sie auf dichte hohe Waldstriche. Am dritten Abend erreichten sie ein solches Wasser und erkannten schon von Weitem vor dem Walde, der dasselbe überschattete, eine große Anzahl von hohen spitzen weißen Zelten, welche das Lager eines bedeutenden Indianerstammes bezeichneten. Bei Annäherung an dasselbe theilte der Häuptling seinem jungen Freunde mit, daß es ein Stamm der Comantschenindianer sei, der dort lagere. Bald hatten sie das Zelt des Häuptlings erreicht, und wurden von demselben mit großer Aufmerksamkeit und Freundlichkeit begrüßt. Leopardstellte ihm Carl als seinen Freund vor, der mit ihm zu leben beschlossen habe, und theilte ihm mit, daß der schwarze Panther der Delawaren bei Carls Onkel am Bärflusse lebe, und Niemand diese Niederlassung beunruhigen dürfe, wenn er nicht die Delawaren zu Feinden haben wolle. Der Comantschenhäuptling schien von dieser Mittheilung nicht sehr erbaut zu sein, hatte jedoch Nichts dagegen einzuwenden, und gab Leopard nur die Versicherung, daß die Comantschen stets gute Freunde der Delawaren bleiben würden. Carl betrachtete mit großem Interesse die Zelte. Dieselben waren von gegerbtem weißen Büffelleder verfertigt, hatten die Form eines Zuckerhutes, und maßen auf dem Boden zwölf bis vierzehn Fuß im Durchmesser, während ihre Höhe gegen sechszehn Fuß betrug. Die Oeffnung, welche hineinführte, konnte mit Lederbändern zugebunden werden, so daß man sich im Innern des Zeltes gegen Wind und Kälte geschützt befand. Lange Stangen waren inwendig in den Erdboden eingestochen, die oben zusammen kamen und durch die Oeffnung hinaus reichten, welche in der Spitze des Zeltes gelassen, und welche zugleich als Schornstein diente, da in der Mitte des innern Raumes bei kaltem Wetter ein Feuer unterhalten wurde. Rund um dasselbe waren die Ruhelager für die Bewohner des Zeltes aus Thierhäuten hergerichtet, und an den Stangen, die dasselbe ausgespannt hielten, hingen Waffen und Geräthschaften des Eigenthümers. Die weiße Außenseite aller dieser beweglichen Wohnungen war mit bunten Malereien geziert, welche Schlachten und Gefechte mit wilden Thieren vorstellten.
Zusammengepackt werden diese Zelte auf der Reise von Maulthieren getragen, und die langen Stangen, an deren Hals befestigt, von ihnen über Berg und Thal mitgezogen. Carls Aufmerksamkeit wurde gleichfalls durch die große Heerde von Pferden und Maulthieren angeregt, welche vor dem Lagerplatz in der Weide ging und aus mehr als fünfhundert dieser Thiere bestand. Sie werden von den Indianern theils zum Reiten, theils zum Tragen der Zelte, Geräthschaftenund Vorräthe benutzt, und bei Gelegenheit auch, wenn Wild mangelt, geschlachtet und gegessen.
Leopard schied nach einer langen Unterredung mit dem Häuptling der Comantschen im freundlichsten Vernehmen von demselben, bat ihn schließlich noch, allen Indianerstämmen, mit welchen er zusammentreffen möchte, die Mittheilung wegen des schwarzen Panthers zu überliefern, und zog dann noch einige Meilen weiter am Flusse hinauf, um dort zu übernachten. Am folgenden Tage langten die Delawaren bei dem Handelshause der Regierung an, und schlugen in nicht großer Entfernung von demselben an dem Flusse, an dessen Ufer jenes gelegen war, ihr Lager auf.
Es war Abend geworden und Leopard sandte einen seiner Krieger an den Vorstand der Niederlassung, um denselben von seiner Ankunft zu unterrichten und ihm wissen zu lassen, daß er wünsche, am nächsten Morgen mit ihm zu handeln. Der Bote kam bald zurück, und brachte die Antwort, daß es dem Director der Handlung sehr erfreulich sein werde, die Delawaren bei sich zu sehen und sie bedienen zu können.
Mit dem anbrechenden Tage wurden nun alle Vorräthe, welche sie mit sich führten, bereit gemacht, und nach dem Frühstück beluden deren Eigenthümer ihre Pferde damit, um sie nach dem Handelshause zu schaffen.
Leopard und Carl geleiteten sie auf dem Wege, und nur die Weiber blieben im Lager zurück. Das sogenannte Handelshaus bestand aus einer Menge hölzerner Gebäude, welche in einem Viereck erbaut und mit einer hohen Pallisadenwand umgeben waren. Der Eingang führte in einen, gleichfalls von Blockhäusern eingeschlossenen Vorhof, durch welchen man dann erst in den innern Raum des eigentlichen Forts gelangte, und vor welchem Durchgang zwei kleine Kanonen aufgepflanzt waren, um denselben im Fall eines feindlichen Angriffs durch die Indianer damit zu vertheidigen. Der Vorhof war nun stets der Ort, wo die Wilden mit den Beamten der Niederlassung zusammenkamen, um ihre Händel abzuschließen, und wohin die Waaren gebracht und ihnen vorgelegt wurden.
Der Director des Geschäfts empfing Leopard und seine Begleitermit großer Freundlichkeit, und sagte ihnen, daß sie zu einem sehr günstigen Augenblicke gekommen seien, da er vor wenigen Tagen bedeutende Zusendungen von Waaren erhalten habe, und sie aufs Beste bedienen könne.
Die Indianer übergaben nun einzeln ihre Vorräthe dem Geschäftsführer, und dieser bestimmte in Gemeinschaft mit Leopard für die Waare eines jeden Mannes den Preis, zu welchem die Handlung dieselbe übernehmen wollte, und von welchem ein gewisser Theil dem Häuptling zukam. Dann nannten die einzelnen Leute die Gegenstände, welche sie zu kaufen wünschten, und welche nun aus dem Fort in den Vorhof gebracht wurden. Dieselben bestanden in grobem feuerrothen Tuch, welches die Delawaren benutzten, um ihre Hüften damit zu umbinden, in bunten Baumwollenzeugen, seidenen Tüchern, Spiegeln, Perlen, Pfeifen, Waffen aller Art, Pulver und Blei, und Taback. Die Wahlen waren bald getroffen, und Carl wunderte sich dabei über die unerhört hohen Preise, welche seinen Freunden berechnet wurden. Nachdem die Leute sämmtlich befriedigt waren, erstand nun auch Leopard für den ihm zugefallenen Antheil an dem Erlös aus den Vorräthen der Indianer eine Menge Waaren, womit das Geschäft beendigt wurde. Der Director machte dann dem Häuptling noch verschiedene Geschenke, und bedauerte, daß die Delawaren keine geräucherte Büffelzungen mitgebracht hätten, wofür er augenblicklich einen sehr hohen Preis bewilligen könne; denn dieselben wären in den östlichen Staaten sehr gesucht.
Der Häuptling zeigte sich erfreut über diese Mittheilung und entgegnete dem Director, er wolle sofort eine Jagd nach Büffeln unternehmen, die, wenn sie glückte, ihn in den Stand setzen würde, einige hundert Büffelzungen binnen Kurzem hierherzubringen. Der Händler munterte ihn noch mehr zu dieser Jagd auf und sagte, er würde ihm für die Zungen noch viel schönere Waaren vorlegen.
Leopard nahm nun Abschied von ihm, die Leute schafften ihre Einkäufe in das Lager, und schon nach wenigen Stunden waren die Delawaren unterwegs nach Westen.
Leopard theilte seinem jungen Freunde mit, daß er nureinenOrt kenne, wo er die beabsichtigte große Jagd auf Büffel ausführen könne; es frage sich nur, ob er zahlreiche Heerden dieser Thiere dort antreffen werde. Wäre dies der Fall, so wolle er sie mit seinen Kriegern einer tiefen Schlucht zutreiben, in welche sie hinunter stürzen und sich zu Hunderten tödten würden.
Carl war sehr gespannt auf diese neue Art von Jagd, und der Häuptling mußte ihm viel über solche, früher schon gehaltene erzählen.
Nach scharfem Reiten während zweier Tage gelangten sie an ein kleines Wasser, welches von schmalen Waldstreifen überschattet war. Hier wurde noch vor Sonnenuntergang das Lager aufgeschlagen, der Häuptling aber bestieg seinen Schimmel, Carl seinen Rappen, welcher während des heutigen Tagesmarsches nicht geritten war, und Beide eilten einer Höhe zu, die einige Meilen von dem Lager entfernt, sich weiter nach Westen in der Prairie erhob. Leopard wollte sehen, ob auf der Ebene jenseits des Hügels Büffel weideten, denn dort war der Platz, wo er die Jagd zu halten beabsichtigte. Schon auf dem Wege nach der Höhe trafen die beiden Reiter viele Büffel an, links und rechts konnte man bis in die weiteste Ferne Heerden dieser Thiere erkennen, und als sie die Anhöhe erreichten, von wo ihnen sich die Aussicht nach Westen öffnete, fanden sie zu ihrer Freude ihre Hoffnungen erfüllt. So weit das Auge reichte, war die Grasfläche mit Büffelheerden bedeckt. Der Häuptling bezeichnete Carl nun am fernen Horizonte eine Gruppe hoher Bäume, und sagte ihm, daß dort die Schlucht sich befinde, und daß sie sich eine Meile lang ausdehne. Dorthin sollte morgen nun die Jagd gemacht werden, und mit dem Wunsch, daß sie am folgenden Tage noch eben so viele Büffel hier antreffen möchten, traten die beiden Reiter ihren Rückweg an.
Im Lager herrschte an diesem Abend große Thätigkeit: die Männer setzten ihre Waffen in besten Stand, und die Weiber sahen das Sattelzeug genau nach und stellten alle Schäden daran sorgfältig wieder her. Viele waren aber damit beschäftigt, ein Gestell ausleichtem Weidenholz zu flechten, welches, wenn eine Büffelhaut darüber gehangen wurde, die ungefähre Form eines Büffels hatte. Dieses Gestell sollte bei der Jagd einer der Delawaren auf dem Kopf tragen, und den Büffelheerden den Weg nach der Schlucht zeigen. Hierzu war der beste Läufer, ein schlanker, kräftiger junger Bursch, gewählt und nachdem das Gestell fertig war, hing er die Büffelhaut darüber, hob es auf seinen Kopf, und rannte damit zur Belustigung Aller in den tollsten Sprüngen im Lager umher, während ihm von allen Seiten der lauteste Beifall gezollt wurde. Namentlich war Carl sehr überrascht, als plötzlich dies Ungeheuer um das Feuer des Häuptlings, bei welchem er ruhte, herumgaloppirt kam und der Indianer, der in ihm steckte, die fürchterlichsten Töne dabei ausstieß. Leopard war sehr mit der Ausführung dieses nachgeahmten Büffels zufrieden, und sagte dem Burschen, der die Vorstellung gab, daß er einen doppelten Antheil an der Beute haben solle, wenn die Jagd gut ausfiele. Nachdem das Abendbrod eingenommen war und man sich zur Ruhe begab, bestieg jener junge Krieger sein Pferd, legte die große Büffelhaut unter sich über den Sattel, nahm das Gestell auf seine Schultern, und ritt davon, um auf einem weiten Umwege von Westen her die Schlucht zu erreichen, wohin die Jagd gemacht werden sollte. Auf diesem Wege beunruhigte er die Büffelheerden an dieser Seite der Schlucht nicht, und er war morgens frühzeitig auf seinen Posten, um seine Rolle als Büffel zu spielen.
Beim ersten Grauen des Tages bestiegen die Delawaren nun ihre besten Pferde und ritten, von Leopard auf seinem Schimmel und Carl auf dem Falben geführt, nach der Anhöhe, welche der Häuptling am Abend zuvor besucht hatte. Es war noch nicht ganz Tag, als sie dort anlangten und die ganze Ebene bis nach der, viele Meilen entfernten Schlucht mit Büffelheerden bedeckt fanden. Viele dieser Thiere hatten sich noch nicht erhoben und ruhten sorglos in dem frischen jungen Gras. Der Häuptling sandte seine Krieger nun zur Rechten und zur Linken ab, um in einem weiten Halbzirkel die Heerden zu umstellen. Er selbst blieb mit Carl auf dem Hügel halten, und siefolgten mit den Blicken den davonreitenden Jägern, von denen von Zeit zu Zeit einer stehen blieb, um die Treiblinie zu bilden. Bald aber verschwanden die Weiterziehenden in der Ferne, und ihre Richtung wurde nur durch heraneilende Büffelheerden bezeichnet, welche, durch sie aufgeschreckt, vor ihnen flohen. Die Heerden auf der Ebene nach der Schlucht hin zeigten aber keine Unruhe, und die neu herzukommenden begannen gleichfalls zwischen ihnen zu weiden. Als es heller Tag geworden war, sagte der Häuptling zu Carl: »Sieh jetzt einmal durch Dein Glas nach der Schlucht hin, ob Du vor derselben einen einzelnen Büffel gewahren kannst, das würde unser Mann mit dem Gestell auf dem Kopfe sein. Er wird sich dort in der Gegend aufhalten, und erst, wenn die Büffel, von uns gejagt, angestürmt kommen, der Schlucht zufliehen, damit die Heerden ihm folgen.«
Carl sah lange Zeit nach den bezeichneten Bäumen hin, die sich am Horizont erhoben, konnte aber keinen einzelnen Büffel in deren Nähe erkennen. Der Häuptling hatte währenddem, mit der Hand über den Augen, gleichfalls unverwandt hingeblickt, und sagte plötzlich: »Ich glaube, ich sehe ihn, dort ist wenigstens ein schwarzer Punkt, und ich meine, derselbe habe sich den Bäumen etwas genähert. Gieb mir Dein Glas.«
Er nahm nun das Fernrohr aus Carls Hand, und hatte nur kurze Zeit hindurchgesehen, als er sagte: »Freilich ist es unser Mann, er steht gerade in der Mitte vor der Schlucht. Jetzt wirst Du ihn auch erkennen können, suche ihn rechts von den Bäumen.«
Carl nahm nun das Fernglas, und hatte kaum hindurchgeblickt, als auch er den nachgeahmten Büffel erkannte, der sich jenseits der Heerden vor der Schlucht aufgestellt hatte.
Von links und rechts kamen immer noch Büffel angezogen, und der Häuptling spähte nach den beiden äußersten Enden des Halbzirkels, in welchem seine Leute von beiden Seiten heranreiten sollten. Bald erschienen denn auch die letzten derselben wie dunkele Punkte in weiter Ferne, sie bewegten sich der Schlucht zu, und man konnte nun den ganzen Bogen, welchen die Delawaren beschrieben, vom Hügel herabübersehen. Plötzlich ließ der Häuptling sein gellendes Jagdgeschrei ertönen, und auf der ganzen Linie zu beiden Seiten wurde es dann auch von den Treibern angestimmt. Zugleich setzten Alle ihre Rosse in Galopp und stürmten der Schlucht entgegen, während die wilden Jagdrufe die sorglosen Büffel auf der ganzen Ebene aufscheuchten und alle vor den heranjagenden Reitern die Flucht ergriffen. In sausender Carriere folgte die ganze Linie der Indianer den fliehenden Heerden, die von beiden Seiten immer näher zusammengedrängt und von hinten im Sturmlauf vorwärts getrieben wurden. Je mehr die Indianer sich der Schlucht näherten, um so enger rückten sie in ihrer Linie zusammen und um so lauter und fürchterlicher ertönte ihr Jagdgeschrei. Nur einzelne Büffel wandten sich gegen die Linie, und wurden von den Kugeln der Indianer begrüßt. Keiner von diesen aber hielt sich um einen verwundeten oder getödteten Büffel auf, alle blieben in der Nähe und folgten den Heerden in wilder tobender Jagd. Auch Carl schoß mehrere Büffel nieder, sprengte aber immer mit dem Häuptling vorwärts, und ließ seinen Jagdruf aus Leibeskräften erschallen.
Während dieser Zeit stand der Indianer mit der Büffelhaut über dem Kopfe einige Tausend Schritte vor der Schlucht auf der Grasflur aufgestellt und schaute nach den aus der Ferne heranstürmenden Büffelheerden. Wie Donner kam es mit ihnen herangezogen, und die Erde begann unter den Füßen des Indianers zu beben. Er ging jetzt hin und her, hielt aber seinen Blick immer auf die vorderste Heerde gerichtet und suchte durch wiederholte Sprünge deren Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie kam auf ihn zu, und nun setzte er sich langsam in Trab, blickte sich aber immer wieder um, damit die wilden Schaaren ihm nicht zu nahe kommen möchten. Er beeilte bald seine Schritte mehr und mehr, und sah zu seiner großen Freude, daß die vorderste Heerde ihm geraden Weges folgte. Jetzt aber setzte er sich in raschen Lauf, denn Rippe an Rippe kamen die entsetzten Thiere in so rasender Flucht herangejagt, daß, wollte er nicht unter ihren Füßen zermalmt werden, er keine Sekunde mehr verlieren durfte.In fliegenden Sprüngen setzte er vor dem ihm folgenden Thiergewoge über die Prairie der Schlucht zu, und erreichte deren steilen Abhang, als nur noch fünfzig Schritte zwischen ihm und den Büffeln lagen. Ein Busch auf dem Abhange bezeichnete ihm die Stelle, wo er sichern Schutz zu finden wußte; denn dort führte ein schmaler Fußsteig, den die Indianer in die Felswand eingehauen hatten, zehn Fuß an derselben hinab und in eine Höhle, die sich dort tief in den Felsen erstreckte. Der Pfad war so schmal, daß ein Mensch ihn nur mit Lebensgefahr betreten konnte, denn neben demselben schoß der Abhang mehrere Hundert Fuß senkrecht hinunter. Der Indianer hatte den Busch über dem Pfad erreicht, warf das Gestell mit der Büffelhaut über den Kopf in den Abgrund hinunter, kletterte auf dem Pfad hinab und saß wenige Augenblicke später sicher geborgen in der Höhle. Die Felswand schien unter der Wucht der heranstürmenden Schaaren zu wanken, das Donnerdröhnen der Tritte hatte den Abhang erreicht, und jetzt sah der Indianer die Riesenthiere brüllend über sich durch die Luft fliegen und vor sich in die Schlucht hinabstürzen. Tausende von Büffeln wurden jetzt von den ihnen folgenden Reitern gegen den Abhang gejagt; zu spät wurden ihre vorderen Reihen denselben gewahr, denn ehe sie sich in ihrem Sturmlauf aufhalten und von der Schlucht sich abwenden konnten, drängten sie die folgenden Massen über den Felsrand hinaus. Nach wenigen Minuten aber hatte das wilde verworrene Thiergewoge Halt gemacht, und Leopard rief seinem jungen Freunde zu:
»Zurück, zurück, folge mir, laß dem Falben die Zügel!« und fort jagten Beide, und links und rechts sämmtliche Delawaren mit ihnen, denn jetzt waren die Büffel die Angreifer und die Jäger die Gejagten. Mit lautem Wuthgebrüll kamen die erzürnten colossalen Thiere gesenkten Kopfes herangebraust, und verfolgten ihre Feinde weit über die Grasflur, bis sie sich überzeugten, daß sie die flüchtigen Pferde nicht einholen konnten. Dann stampften sie, ihnen nachblickend, den Boden, und ließen ihr Siegesgebrüll ertönen.
In weitem Bogen führte der Häuptling nun seine Schaar inGalopp dem Ende der Schlucht zu, wo dieselbe sich in der Prairie erweiterte und abflachte, und dann ritten die Jäger in derselben hinauf, um zu ihrer Beute zu gelangen. Je weiter sie zwischen den beiden Felswänden vordrangen, um so höher erhoben sich dieselben, um so mehr näherten sie sich einander. Schon von Weitem sahen die Jäger die schwarzen Massen der herabgestürzten Büffel in der Schlucht liegen, und bald erkannten sie, daß viele derselben sich noch hin- und herwarfen und aufzustehen versuchten. In einer Länge von fünfhundert Schritten lagen unter der Felswand zwischen drei- und vierhundert Büffel, und hoch über ihnen sah der Indianer aus der Felsspalte hervor und bewillkommnete seine Kameraden bei der reichen Jagdbeute mit lauten Jubelrufen. Die noch lebenden Thiere wurden schnell getödtet, und dann begaben sich die Indianer eilig an die Arbeit, allen Büffeln die Zungen auszuschneiden. Nur wenige wurden ihrer Häute beraubt, alle aber den Geiern und Wölfen zum Schmause überlassen; denn kaum hatten die Jäger die Zungen der Büffel an ihren Sätteln hängen, so ging es ohne Aufenthalt nach dem Lager zurück, um die Beute den Frauen zum Trocknen und Räuchern zu übergeben. Zu so hoher Begeisterung Carl auch in der Aufregung der großartigen Jagd hingerissen wurde, so war ihm doch der Anblick der ungeheuren Zahl von gemordeten Thieren, die ihr Leben nur ihrer Zunge wegen hatten hingeben müssen, abschreckend und widrig gewesen, und er war froh, die Schlucht hinter sich zurückzulassen und seinen Blick an dem freundlichen Bilde zu weiden, welches die saftig grüne Fläche mit ihren tausendfarbigen Blumen ihm bot. Die Frauen hatten im Lager nun schon die nöthigen Gerüste über Kohlenfeuern aufgestellt, um die Zungen darüber zu räuchern und zu trocknen, und mit großem Jubel bewillkommneten sie die glücklichen Jäger und nahmen deren Beute in Empfang. Der Tag verstrich in großer Thätigkeit, und es wurde während desselben an keine weitere Jagd gedacht. Am folgenden Morgen aber forderte der Häuptling Carl auf, einen Gang mit ihm an dem Wasser hinab zu machen, da dessen Ufer immer reich von Wild belebt seien. Carl war schnell bereit, ergriffseine Büchse und verließ mit dem Häuptling das Lager, nachdem dieser seine Leute ersucht hatte, nicht gleichfalls am Flusse hinab zu jagen, sondern lieber die entgegengesetzte Richtung zu wählen. Er ließ dann Carl in den Waldstrich an dem linken Ufer gehen und begab sich selbst durch das seichte Wasser an dessen andere Seite, weil, wie er sagte, dort zu viel Röhricht stehe und Carl sich leicht darin verirren könne. Ehe sie sich trennten, bezeichnete er einen Ort, wo sich die Prairie bis an das Wasser in den Wald hinein erstrecke; dort sollte Carl auf ihn warten. Wohl eine halbe Stunde lang war dieser hin und her in dem ziemlich lichten Gehölz fortgeschritten, ohne irgend ein Wild zu Gesicht zu bekommen, da rauschte es plötzlich neben ihm in dem Röhricht am Wasser, es krachte und brach darin, und eine schwere dunkle Masse stürzte aus dem Dickicht hervor. Carl war hinter einen Baum gesprungen, und erkannte jetzt einen schwer verwundeten riesigen Büffel, der sich wahrscheinlich nach der gestrigen Jagd hierher geflüchtet und das Wasser aufgesucht hatte, um darin seine Wunden zu kühlen. Carl schoß nach ihm, doch da das Thier sich dennoch mühsam fortschleppen wollte, so gab er ihm seine zweite Kugel, welche dasselbe nun völlig tödtete.
In diesem Augenblick fiel an der andern Seite des Wassers in nicht großer Entfernung ein Schuß, und Carl schaute nach der Richtung hin, von wo der Schall gekommen war. Da hörte er die gellende Stimme des Häuptlings, und erkannte deutlich, daß er seinen Namen rief. Mit wenigen Sätzen hatte er durch das seichte Wasser hin das jenseitige Ufer erreicht, und brach sich gewaltsam Bahn durch das Röhricht, während der Hülferuf des Häuptlings immer lauter, immer dringender zu ihm herüber drang. Das Dickicht war aber zu sehr mit Ranken durchschlungen, als daß Carl sich hätte schnell vorwärts bewegen können, und der sumpfige Boden, in dem er oft bis an die Knie einsank, hinderte noch mehr seine Eile. Endlich ward es licht, er hatte einen offenen Grasfleck erreicht, und hörtenun von dessen anderer Seite her den Ruf Leopards ganz nahe aus dem Röhricht erschallen.
Carl stürzte sich in dasselbe hinein, bog es mit allen Kräften links und rechts zur Seite, und sprang plötzlich in eine offene Stelle, wo vor ihm auf dem Boden der Häuptling lag und mit einem ungeheuern Panther rang, der auf ihm saß und seinen Hals zu ergreifen trachtete. Leopard wehrte das grimmige Thier mit seiner linken Hand von sich ab, während sein rechter Arm mit Blut bedeckt machtlos in dem Grase hing. MiteinemSatze warf sich Carl auf das wüthende Thier und stieß ihm sein langes Jagdmesser in die Seite. Der Panther fuhr herum, und schlug seine furchtbaren Tatzen in die Schulter seines neuen Gegners, doch Carls Messer fand mit dem zweiten Stoß das Herz des Raubthiers und streckte es todt zu Boden. Jetzt erst erkannte der Knabe, daß der Häuptling auf einem zweiten Panther lag, welchem der Kopf gespalten war. Leopard sank mit einem dankbaren Blick nach seinem Retter in das Gras zurück und verlor die Besinnung; Carl aber nahm schnell sein Tuch hervor und verband damit die Wunden an dem rechten Arm Leopards, aus welchem das Blut noch immer frisch hervorquoll. Dann holte er Wasser in seinem Hute herbei und wusch seinem Freunde die Schläfe und die Brust, bis derselbe die Augen wieder aufschlug. Der Häuptling deutete auf seinen rechten Schenkel, und als Carl denselben untersuchte, fand er mehrere sehr arge Wunden daran, die das Raubthier mit den Hintertatzen geschlagen hatte. Der Knabe wollte sein Hemd ausziehen, um dasselbe zum Verbinden dieser Wunden zu verwenden, da sah er das Tuch, welches der Häuptling um den Kopf getragen hatte, im Rohr hängen; er holte es schnell herbei und wand es sorgfältig um das verwundete Bein. Dann brachte er abermals Wasser in seinem Hut, um seinen Freund damit zu erfrischen, und fragte ihn nun, was er thun solle, damit er ihn in das Lager schaffe. Leopard bat ihn mit matter Stimme, seine Büchse zu laden und sie neben ihm niederzulegen, da er im Nothfall dieselbe auch mit der linken Hand würde abfeuern können; denn seine rechte war er nichtim Stande zu erheben. Carl erfüllte seinen Wunsch, und als ihn Leopard nun aufforderte, in das Lager zurückzueilen, lud Carl auch noch sein eigenes Gewehr, legte es bei dem Verwundeten nieder, und sprang dann auf dem Wege, den er gekommen war, so schnell ihn seine Füße tragen konnten, wieder zurück nach dem Lager. Die Wunden an seinem eignen Arm beachtete er gar nicht, obgleich sie ihn schmerzten und das Blut aus dem Aermel bis auf seine Hand geflossen war.