Ein Flüstern ging durch die weiten Hallen des Domes, von Mund zu Mund flog es, daß der Erzbischof gegen allen Brauch unerhörterweise nun predigen werde.
Richtig erschien Wolf Dietrich in der Kanzel und begann mit der ihm eigenen Gabe hinreißend schon nach wenigen Sätzen zu predigen.
Alles hielt den Atem an, um kein Wort dieser überraschenden Kanzelrede zu verlieren, die also begann: „Am heutigen Tage folgen dem Beispiel Jesu der Papst und die Bischöfe, in den Klostern die Äbte und Vorsteher, häufig auch christliche Kaiser, Könige und Fürsten, und alle beweisen durch Fußwaschung, Bewirtung und sonstige Versorgung mehrerer Armen, daß die erhabene Würde, so sie als Erdenbeherrscher über die Unterthanen erhebet, sie nicht trennen dürfe von den Banden der christlichen Bruderliebe, durch die wir im katholischen Glauben alle GliedereinesLeibes sind. Wir haben uns zu befleißigen, aufzunehmen in uns den Geist der Demut und Bruderliebe, zu beherzigen die Worte, die Jesus nach der Fußwaschung zu den Aposteln gesprochen: ‚Ich habe euch ein Beispiel gegeben, daß ihr einander thuet, wie ich gethan habe. Wie ich, euer Herr und Lehrmeister, euch die Füße gewaschen habe, sollet auch ihr einander die Füße waschen.‘ — Kein Tag im ganzen Jahr mahnt mehr und besser zur Einkehr, zur Demut, und demütigen müssen sich alle wahrhaft Gläubigen vor Gott dem Herrn, demütigen auch die Unterthanen vor ihrem Fürsten und Gebieter.“
Wolf Dietrich hatte damit den gewünschten Übergang gefunden, um den Zuhörern ihre Pflichten der Ergebenheit darzulegen, und gewandt sprach der Kanzelredner zu Herzen, er spielte auf manche Ereignisse an, welche die schuldige Demut auch vor dem Fürsten und seinen Regierungsakten schwer vermissen ließen. Mit flammenden Worten rügte der Redner solchen Mangel an Ehrfurcht und Demut, er geißelte Unbotmäßigkeit und Nörgelsucht und führte aus, daß jeder Fürst ein Recht darauf habe, sich auch als Mensch zu fühlen, und der Unterthan zu schweigen habe. Besser sei da ein menschlich Leben in weiser Beschränkung als verhüllte Sünde; besser, es hält der Mann es mit einem einzig Weibe in Ehren, denn er führe ein ausschweifend Leben, wie beklagenswert anzutreffen sei an vielen Orten und leider auch in Priesterhäusern und im Widum.
Die Rede schloß mit einem Appell an den guten Sinn und demütige Ergebenheit aller guten Unterthanen, die den Balken im eigenen Auge erkennen sollen.
In höchster Überraschung flüsterten die Zuhörer wie die Kapitelherren, es kann kein Zweifel sein, daß Wolf Dietrich über sein Verhältnis zu Salome sich ausgesprochen, den Unterthanen eine Epistel vorgetragen habe. Ein unerhörtes Beginnen, überraschend, verblüffend, aber echt im Charakter des Fürsten, der so viel Unberechenbares in sich birgt.
Gelassen stieg Wolf Dietrich die Kanzelstufen herab und begab sich zu seinem erhabenen Platz neben dem rechtseitigen Chorgestühl des Kapitels. Zögernd nur, ringend nach Fassung, begannen die Priester und Domherren die Funktionen wieder anzunehmen und durchzuführen. Graf Lamberg saß wie zu Stein erstarrt an seinem Platz, auch er, der vertraute Freund des Erzbischofs, ist grenzenlos überrascht worden.
Salzburgs Bevölkerung hatte abermals eine Gelegenheit zu ausgiebigen Erörterungen, die Predigt des Erzbischofs giebt Gesprächsstoff auf lange Zeit. Allein ein ebenfalls gänzlich unerwartetes Ereignis lenkte die Aufmerksamkeit der Salzburger auf ein anderes Gebiet. Über Nacht war nämlich von Seite des Fürsten ein Krieg erklärt worden, und zwar den salzburgischen — Hunden.
Wolf Dietrich hatte seine Privatwohnung in den Trakt gegen den Aschhof verlegt und schon in der ersten Nacht revoltierten Hunde dortselbst mit einem Lärm, daß von Schlaf keine Rede sein konnte. Und die rebellischen, bellenden Biester kümmerten sich nicht im mindesten um die Zornesrufe des Landesfürsten, im Gegenteil ward ihr Geheul um so ärger, je kräftiger Wolf Dietrich schimpfte. Es graute der Morgen kaum, da war der Krieg schon erklärt; ein Wachthüttlein mußte im Hof aufgestellt und von einem Nachtwächter bezogen werden, und der Hundschlager (Wasenmeister) erhielt Befehl, an allen Werktagen die salzburgischen Hunde auf allen Gassen einzufangen und abzuschlagen.
Der Hundschlager verstand keinen Spaß und begann sein Handwerk mit einer alle Hundefreunde mit Schrecken erfüllenden Gründlichkeit. Vom frühesten Morgen bis zur Dämmerung am Abend war der Hundemeuchler unterwegs und fing die Biester mit Stricken ein, erdrosselte sie gleich auf der Straße, unbekümmert um das Gezeter der Hundebesitzer. Der Schlager konnte rücksichtslos vorgehen, denn der ihm gewordene Befehl lautete auf Vernichtung aller Hunde, so gefangen werden konnten. Wer seinen Hund lieb hatte, mußte sehr acht geben auf den Schlager und durfte den Hund nicht aufsichtlos lassen.
Die grausame Verfolgung merkten mit der Zeit die Biester selbst, die vor ihrem Todfeind ausrissen, wo immer es ging. Doch der Schlager erwies sich überaus findig, er warf lange Schlingen mit großer Sicherheit aus und fing die Köter mit unfehlbarer Sicherheit. Der Aschhof war auf diese Weise bald von vierfüßigen Nachtwandlern befreit, doch blieb der Befehl zu weiterer Vernichtung in Kraft, Salzburg hatte nach fürstlicher Auffassung überhaupt zu viel Hunde.
Dem Schlager erwuchs zu große Arbeit durch das Wegführen der Hundekadaver, er tötete jeden eingefangenen Hund, indem er ihn mit dem Kopf um die Erde oder Häuserecken schlug, und ließ die Kadaver einfach auf den Gassen liegen. Bei solcher Massenverfolgung und -Tötung konnten Fehlgriffe insofern nicht ausbleiben, als auch Tiere weggefangen und gemeuchelt wurden, die einflußreichen Leuten bei Hof gehörten. Die Metzger beschwerten sich, daß einerseits der Viehtrieb ohne Hunde erschwert sei, und daß der Schlager die Hundekadaver als Bosheit vor den Fleischbänken liegen lasse. Alte Jungfern beweinten den Tod ihrer vierbeinigen Lieblinge und inscenierten Aufläufe. Kurz es schien, als sollte Salzburgs Bevölkerung abermals rebellisch werden, und die Kunde davon kam auch dem Fürsten zu Ohren. Zu einer Revolution der Hunde wegen wollte Wolf Dietrich es nun aber doch nicht kommen lassen. Die Beschwerden wurden geprüft, für begründet befunden, und nun erfolgte die Verhaftung des Schlagers.
Die Aburteilung endete mit Entlassung „mit Spot und Schant“.
An einem furchtbar heißen Augusttage wanderte ein Franziskaner-Frater auf Terminierung (Almosen-Sammlung) schwerbepackt einem Wirtshause zu, das am Fuße des dichtbewaldeten Geißberges bei Salzburg gelegen war. Der Bettelmönch keuchte unter der Last seines mit Getreide, Mehl und Speck gefüllten, mächtigen Sackes, und außerdem trug der krank aussehende Frater statt eines Stockes einen kleineren Sack in der Hand, der eine lebende Spende irgend eines frommen Bauers enthalten mochte, denn bei jedem Schritt zappelte das Lebewesen im Sack.
Und so oft der Bruder unwillig den Sack schüttelte, quieckste das Almosen aus Leibeskräften, wasmaßen die Spende ein Spanferkel war. Jener Älpler in der Kuchler Gegend konnte dem terminierenden Klosterbruder Hartgeld nicht geben, weil er selbst keines besaß, er spendete eben vom Ferkelüberfluß, der ihm geworden, in der Meinung, daß die Franziskaner zu Salzburg zur Abwechslung wohl gewiß gerne mal einen Ferkelbraten essen würden.
Der Frater nahm das lebende Almosen dankend in einem Sack mit und schleppte sich schwerbepackt weiter gegen Salzburg. Unweit des Wirtshauses am Fuße des Geißberges aber ward die Müdigkeit zu groß, der Bruder zitterte am ganzen Leibe, kalter Schweiß trat ihm auf die Stirne trotz der übermäßigen Hitze, stöhnend mußte der Frater am Straßenrain sich setzen, es ging nicht mehr weiter. Das Spanferkel quieckste schrecklich und versuchte im Sack die Flucht.
Angelockt von solchem Lärm erschien der Wirt der nahen Schenke vor der Schwelle und hielt Auslug. Kaum hatte der behäbige Zapfler den blassen, müden Mönch erblickt, da schritt er auf ihn auch schon zu, um helfend beizuspringen.
„Was fehlt Euch, Bruder? Ihr sehet baß übel aus!“
Der Frater stöhnte, mit Mühe brachte er heraus, daß ihm eine unerklärliche Krankheit angeflogen sein müsse. „Reichet mir barmherzig einen Schluck Weines, Gott wird Euch die Gutthat lohnen!“
„Sollt Ihr haben! Kommt nur mit in die Stube! Laßt mich die Säcke tragen! Ihr habet wohl eine Spansau mit?“
Der Klosterbruder nickte und bat, es möge der Wirt das Ferkel im Stall einstweilen einstellen und füttern bis zur Abholung.
„Gern soll das geschehen!“ sprach der mönchefreundliche Wirt und trug den Sack mit dem Ferkel zum Stall. Auf Geheiß des Zapflers holte eine Dirn den andern großen Sack, und so von der Traglast befreit, vermochte der Frater allein und ohne Hilfe die Gaststube zu erreichen, wo ihm ein Humpen Weines gereicht wurde.
Ein Stündlein Ruhe und der kräftigende Wein halfen dem armen Bruder wieder auf die Beine, sodaß er nach Erstattung herzlichen Dankes den Terminierungssack wieder auf die Schulter zu nehmen und gen Salzburg zu wandern vermochte. Das eingestellte Ferkel will er auf neuer Terminierung gelegentlich wieder holen.
In der Hitze war es ein schlimmes Wandern; schon nach einer Stundefühlte sich der Klosterbruder abermals matt zum Sterben, und in derMeinung, es gehe zu Ende, setzte er sich an den Straßenrain und machteReu' und Leid, die Sterbgebete flüsternd.
Ein Bäuerlein kam des Weges mit einem Fuhrwerk und sprach den armen Bettelmönch mitleidig an, der todesbleich, ein mit dem Tode ringender Mensch, bat, es möge der Bauer ihn um Gottes Lohn ins Franziskanerkloster nach Salzburg bringen.
Den Sack mit den Naturalien hatte der Bauer flink aufgeladen, schwieriger ward es mit dem Bruder, der die Gewalt über seine Gliedmaßen bereits verloren hatte. So blieb dem barmherzigen Bauer nichts anderes übrig, als den Frater gleich einem Getreidesack auf den Wagen zu legen.
Dann ward in die Stadt gefahren, und am Steinthor angehalten, gab der Fuhrmann der Thorwache an, er habe einen kranken Franziskaner im Wagen benebst dessen Almosensack.
Der Türmer, ein vorsichtiger Mann, trug Bedenken, einen Kranken in die Stadt zu lassen, wasmaßen allerlei beunruhigende Nachrichten umlaufen vom Herrschen der Pest in Hallein. Auf die Frage, was denn dem Klosterbruder fehle, konnte der Bauer nur versichern, daß er das nicht wisse, wahrscheinlich werde dem Frater die Gesundheit fehlen.
Der Türmer trat an den Wagen und fragte den Bruder, dessen Augen schon fast glasig geworden, ob der Frater wirklich ins Salzburger Kloster gehöre.
„Freilich, das hat er mir ja selber gesagt!“ beteuerte der Bauer, dem es pressierte, in die Stadt zu kommen.
„Ja, wenn der Kranke nach Salzburg gehört, muß er wohl eingelassen werden!“ argumentierte der Wächter und gab die Einfahrt frei.
Bis das Fuhrwerk die enge Steingasse durchfahren, die Salzach auf der Brücke übersetzt und die Klosterpforte erreicht hatte, war der Frater bereits verstorben, der Bauer konnte nur mehr einen toten Mann abliefern.
Rasch trugen die Fraters den Toten ins Kloster, der Bauer folgte rasch mit dem Almosensack, aus welchem der ob der entsetzlichen Hitze weich gewordene Speck tropfte. Die Schreckenskunde, daß ein Frater vom Terminieren tot heimgekommen, alarmierte das Kloster, und ein heilkundiger Pater eilte sogleich herbei, um am Leichnam vielleicht ein Zeichen für die Todesart zu finden. Erschrocken prallte der klösterliche Medikus zurück und rief: „Großer Gott! Ein Pestfall!“
Das hörte der Bauer, welcher bislang neugierig im Kloster und bei der Leiche geblieben war, und mit rasenden Sätzen flüchtete der Mann nun hinweg, sprang auf sein Gefährt und jagte das Roß unter Peitschenhieben dem Einstellhause zu.
Die rasende Fahrt mußte auffallen, zumal schon das Trabfahren in den engen Gassen verboten ist, und am Keutschachhofe fielen einige Trabanten dem Roß in die Zügel und brachten es zum Stehen.
„Auslassen, auslassen! Die Pest, die Pest!“ zeterte der entsetzte Bauer, und scheu wichen die Trabanten von dem Gefährt hinweg.
Mit Windeseile verbreitete sich die Kunde von dem eingeschlepptenPestfalle, überall Schrecken und Todesangst erzeugend.
Während man im Rathause noch nicht wußte, was beginnen, hatte Wolf Dietrich bereits mit seiner Energie eingegriffen. Ein Offizier mit zahlreicher Mannschaft rückte im Eilmarsch vor das Franziskaner-Kloster und überbrachte den Befehl des Erzbischofes, wonach binnen einer Stunde alle Bewohner des Klosters, eingeschlossen den an der Pest verstorbenen Frater, das Haus verlassen und zu Schiff auf der Salzach wegfahren müssen.
Wohl protestierte der Guardian, die Mönche baten, den Frater doch vorher beerdigen zu dürfen; allein der Offizier beharrte auf dem ihm gewordenen Befehl, und als die Mönche keinerlei Miene zum Abrücken machten, erklärte der Offizier, nun Gewalt zu brauchen. Die Helebardiere, auch Musketiere darunter, drangen in die Klosterräume, es ward bitterer Ernst. Wie die Mönche standen, mußten sie abziehen, nichts durfte mitgenommen werden von den kleinen, bescheidenen Habseligkeiten, nur den Toten mußten die Fraters auf der Bahre wegtragen.
Von den Kriegsknechten eskortiert, wurden die Franziskaner im Eilmarsch zur Salzach getrieben, wo auf fürstlichen Befehl ein Salzschiff zur Fahrt bereit stand. Leer blieb das Kloster, dessen Pforte verschlossen worden war.
Der Transport erregte Erbitterung bei den mönchefreundlichen Bürgern, doch hielt die Angst vor der Pest und Ansteckungsgefahr die Leute ab, sich einzumengen.
Die Franziskaner jammerten, als sie gezwungen wurden, die Plätte zu besteigen, laut und beweglich, aber es nützte nichts.
Die Schiffsknechte, wenig davon erbaut, einen an der Pest Verstorbenen an Bord zu haben, zogen das Ländseil ein, und stießen ab. Von den Wellen erfaßt, drehte sich das breite Schiff und glitt dann, gut gesteuert, schnell hinab. Die Mönche beteten laut….
Scharf griff der Fürst weiter ein. Schergen fahndeten nach dem Bauer, der den toten Bettelmönch in die Stadt verbracht, und lieferten ihn in ein Haus in der Riedenburg ein, das sofort als Pesthaus isoliert worden war. Bis das aber geschehen konnte, war der Bauer doch schon mit verschiedenen Leuten in Berührung gekommen.
Nach wenigen Tagen gab es Pestfälle in der Stadt, Angst und Aufregung wuchsen. Ärzte und deren Gehilfen, von Soldaten begleitet, hielten strenge Ordnung, Erkrankte sowie alle Inwohner eines Hauses, wo sich ein Pestkranker befand, wurden zwangsweise aus der Stadt in das Pesthaus in der Riedenburg geschafft, rücksichtslos, unerbittlich wurde dieser Befehl vollzogen, ohne Ansehung der Personen.
Still ward es in Salzburg und heiß über alle Maßen. Unbarmherzig brannte die Augustsonne herab. Fest geschlossen waren die Thore, der Eintritt in die Bischofstadt blieb verweigert, denn im benachbarten Salzstädtlein Hallein herrschte ein großes Sterben, es hieß, es starben oft an einem Tage vierzig Menschen. Und schrecklich lauteten die Nachrichten, daß die Pest auch im angrenzenden Bayerlande wie im Österreichischen viele Opfer fordere.
An fünfzig Personen aus Salzburg starben im Schinderhaus zu Riedenburg.Auf Befehl des Fürsten mußten deren Verwandte wie auch sonstige Inwohneraus der Stadt auf die Felder verbracht werden und dort verbleiben, dieRückkehr war aufs strengste verboten.
Gesunde Leute zu Salzburg zwang man, tagsüber auf einige Stunden sich imFreien zu ergehen, auf daß sie doch etwas an die Luft kämen.
Als die Kunde zu Wolf Dietrich drang, daß die Ausgestoßenen auf den Feldern bittere Not litten, keine Verpflegung hätten, indem die umwohnenden Bauern in ihrer Angst vor Ansteckung sich weigerten, Nahrung abzugeben und die Leute scheu mieden, da sorgte der Erzbischof sogleich und schickte Atzung jeglichen Tag, auch mußten auf seinen Befehl Ärzte und Priester zur Wartung und Pflege der Kranken hinaus.
Endlich umzog sich das Firmament mit Wolken, von den Bergen blies frische Luft, ein Regen erquickte Land und Leute.
Die Salzburger faßten wieder Mut und wurden beweglich; Bürger thaten sich zusammen und supplizierten zum Fürsten, es solle der Erzbischof doch nicht so grausam sein und die Kranken im freien Felde belassen oder doch wenigstens auf der Schanz zu Mühlen (Mülln) unter Dach bringen, wofür die Bürgerschaft zur Deckung der Kosten eine Steuer extra zahlen wolle.
Diese Supplikation, hauptsächlich wohl der anmaßende Ton und Undank, erbitterte den Fürsten schwer, es erfloß ein Mandat, worin die Bürger als Aufwiegler und Unruhestifter erklärt und mit insgesamt achthundert Gulden Strafe wegen ihrer Ungebühr belegt wurden.
Die kühle Witterung hielt an und brachte Besserung im Krankenstande.
Auf Befehl des Fürsten durften die Exilierten, nachdem die Ärzte hierzu ihre Einwilligung gegeben, wieder ihre Stadtwohnungen beziehen, und auch den Franziskanern wurde die Rückkehr wieder gestattet, deren Kloster vorher völlig in stand gesetzt worden war. Im ganzen waren zu Salzburg neunzehn Häuser infiziert gewesen und etwa fünfzig Personen daraus verstorben. Damit erlosch die Pest in der Bischofsstadt und die Schrecken wichen. Zurück blieb nur der Ärger über die achthundert Gulden Strafe, welche unweigerlich an die Hofkasse gezahlt werden mußte.
Spätherbst war ins stiftische Land gezogen, die Wälder prangten in leuchtenden Farben.
Vom Franziskanerkloster wurden die Brüder ein letztes Mal vor dem Winter zum Terminieren ausgeschickt, einmal um für den eigenen Bedarf Vorräte zu bekommen, dann aber auch nach alter Satzung dieses Ordens Naturalien für die Armenbeköstigung zu erhalten.
Den Frater Anselm traf die Tour auf dem rechtseitigen Salzachufer bis gegen Golling, und mit einem mächtigen, anjetzo noch leeren Sack zog der Bruder aus um im Oberland mit dem Terminieren zu beginnen.
Viel war im von Steuern, Mißernte und der Pest heimgesuchten Ländchen nicht zu holen, die Gaben flossen spärlich.
Auf dem Rückweg von Kuchel gelangte Frater Anselm auch zum Wirt am Geißberg am späten Abend, und leer war bereits die Zechstube, nur eine Magd wusch hölzerne Bierbitschen, schon halb schlafend dabei und nicht eben erbaut davon, daß knapp vor Hausthorschluß noch ein später Gast eintrat.
Frater Anselm grüßte mit frommen Worten und bat um barmherzigeBeherbergung für Gotteslohn.
Die Dirn guckte erst ein Weilchen, das Mönchhabit schien sie zu beruhigen, und da der Frater sonst keine Wünsche auf Verpflegung äußerte, war die Magd bereit, ihm ein dürftig Kämmerlein im niederen ersten Stockwerk anzuweisen. Das Fenster der düsteren Kammer, die außer einem Fuhrknechtbett nur noch Futtersäcke enthielt, ging dem von Mauern umschlossenen Hof zu.
Frater Anselm glaubte ersticken zu sollen in dieser dumpfen Kammer; vom fleißigen Terminieren an frische Luft gewöhnt, war es ihm Bedürfnis, hier das Fenster zu öffnen, an dem er nun eine Weile stand und Atem schöpfte. Totenstill und nachtschwarz war es um ihn. Doch plötzlich ward unten im Hof eine Thür geöffnet und eine Stimme rief: „Jackel! Vergiß nicht, morgen gleich in der Früh wird der ‚Franziskaner‘ abg'stochen!“
Und eine andere Stimme antwortete: „Ist recht, Wirt!“
Todesangst erfaßte den Frater, der jedes Wort gehört hat und nichts anderes denken kann, als daß er in eine Räuberhöhle geraten sein müsse und daß man ihm, dem armen Bettelmönch, ans Leben wolle. Bis zum Morgen darf nicht gewartet werden, Frater Anselm möchte noch ein Weilchen leben, er muß fliehen aus dem Mörderhause.
Wie aber entweichen, ohne den Mördern in die Hände zu laufen? Ein vorsichtig Betasten des Thürschlosses, der Versuch des Aufklinkens ergab die Gewißheit, daß der späte Gast wahrhaftig eingesperrt ist. Die Magd muß das Schloß von außen versperrt haben.
Ein verabredetes Spiel also! Nun zum Fenster! Aber erst muß alles im Schlafe liegen. So wartete der Mönch eine lange Zeit, von Todesangst gefoltert, bis andauernde Stille dem Fluchtversuch günstig erschien. Mit zitternden Händen löste der Franziskaner den weißen Strick von seiner Kutte, knüpfte die Enden ineinander, band das eine Ende am Fensterhaken fest und ließ sich am Strick hinab in den Hof. Gottlob hielt der Kuttenstrick diese Prozedur aus, und zum Glück befand sich kein Hund im Hof. Aber dieser Hof ist ringsum mit einer hohen Mauer umschlossen, das Hofthor ist fest verschlossen, und eine zweite Thür dürfte direkt ins Haus der Mörderbande führen. Also ist der Mönch rettungslos gefangen, eine Flucht unmöglich. Die Nachtkälte zwingt dazu, einen geschützten Unterschlupf zu suchen. Soll der Franziskaner am Kuttenstrick wieder hinaufklettern und den Rest dieser Schreckensnacht in der Kammer verbringen? Nein, lieber in den Verschlag im Hofe kriechen, der freilich nicht eben einladend duftet. Die Thür ist unverschlossen, also hinein. Am Grunzen der überraschten Bewohner konnte Frater Anselm unschwer erkennen, daß er im Schweinestall sich befindet. Eine mißliche Unterkunft, die aber vielleicht gerade seiner Rettung dienlich sein kann, denn im Schweinestall werden die Mörder ihr Opfer kaum suchen.
Mählich beruhigten sich die Borstenträger, nur ein Ferkel bekundetezudringliche Neugierde und ließ erst nach energischen Stößen undFausthieben von näheren Untersuchungen des einquartierten Gastes ab.Zusammengekauert hockte der Mönch im Stall und trotz der fürchterlichenAngst überfiel ihn eine Art Halbschlummer, die Müdigkeit war zu groß.
Ein Haushahn krähte sein Kickeriki in die frische Morgendämmerung und weckte den Franziskaner zur rauhen Wirklichkeit. Und bald darauf ward es lebendig im Hause. Eine Thür wurde geöffnet, Menschen traten in den Hof, und in nächster Nähe des Schweinestalles rief eine Stimme, bei deren Ton der Mönch erzitterte: „Also Jackel, fang den ‚Franziskaner‘ 'raus und hau' ihm gleich mit der Hack' auf den Schädel!“
Frater Anselm fühlte sein Herz stille stehen, von Todesangst erfaßt murmelte er ein Stoßgebet zum Himmel und empfahl seine Seele der göttlichen Barmherzigkeit.
Die Thür zum Schweinestall ward aufgerissen, und im selben Augenblick faßte der Mönch blitzschnell den Entschluß, durch vehemente Flucht sich durchzuschlagen, den ersten der Mörder niederzustoßen. Gedacht, gethan, der Franziskaner prasselte aus dem Stall heraus wie ein Ungewitter und warf den Knecht über den Haufen.
„Hui!“ schrie der entsetzte Wirt, der am Boden liegende zappelnde Knecht zeterte über Mord und Totschlag. Auch der Franziskaner schrie in seiner Todesangst und rannte wie besessen dem Hofthor zu.
Alle Hausinsassen kamen ob des Lärmes herbeigesprungen. Der Wirt, bleich wie der Tod, zitterte wie Espenlaub und richtete Beschwörungsworte an den Franziskaner, der schreckerstarrt an der Hofmauer stand und die Sterbgebete murmelte. Durch die offene Stallthüre aber hüpften die Schweine heraus, quiecksend und schreiend den Wirrwarr im Gehöft vermehrend.
„Bist du ein Geist oder der Teufel in Verkleidung?“ schrie der Wirt und machte das Kreuzzeichen gegen den Mönch.
Frater Anselm faßte augenblicklich Mut; wer das Kreuzeszeichen macht, kann kein Mörder sein. Er rief: „Im Namen Gottes des Herrn frag' ich Euch: Was wollet ihr von meinem Leben?“
„Seid Ihr ein Geist oder ein sterblicher Mensch?“
„Ich bin ein Franziskanerbruder, also ein Mensch!“ Jetzt änderte sich die verworrene Situation sofort; der Wirt gestand, daß er ein Ferkel, das vor geraumer Zeit ein Bettelmönch eingestellt, „Franziskaner“ genannt und gestern Auftrag gegeben habe, dieses Franziskaner-Ferkel abzuschlachten. Wie nun statt dieses Ferkels ein Kuttenmönch aus dem Schweinestall herausgesprungen sei, habe er nicht anders geglaubt, als daß wegen des begangenen Frevels, ein Schwein „Franziskaner“ genannt zu haben, das Ferkel in einen Bettelmönch verwandelt und ein Geist geworden sei.
Flink nützte Frater Anselm die Lage aus, indem er gewaltig über solchenFrevel loszog und die Strafe Gottes in nächste Aussicht stellte.
Die Strafpredigt zwang den verdatterten Wirt in die Kniee, reuig bat er um Verzeihung und gelobte das aufgefütterte Ferkel sogleich dem Franziskanerkloster zurückstellen zu wollen.
Mehr konnte Frater Anselm nicht verlangen und schließlich lachte er über die ausgestandene Angst und sein Mißgeschick, und die Gehöftbewohner lachten tapfer mit. Das Franziskaner-Ferkel wurde eingefangen und gebunden, dann mußte Frater Anselm sich bewirten lassen, und schließlich ward angespannt, der Wirt fuhr den Mönch mit dem Terminiersack und dem schreienden Ferkel nach Salzburg ins Franziskanerkloster.
Wenn ein Umstand den Wirt etwas beklommen machte, war es die Mitteilung, daß jener Franziskaner, der das Spanferkel eingestellt hatte, an der Pest verstorben sei.
Der Gedanke an die damalige Ansteckungsgefahr ließ den Wirt nachträglich erschauern. Indes die Seuche ist seit Monaten erloschen, es hat keine Gefahr mehr, und anstandslos durfte der Wirt durch das Stadtthor einfahren.
Im Kloster lachte man weidlich über diese Franziskanergeschichte, und weil das Ferkel so prächtig aufgefüttert worden war, verübelte man dem Wirt den Unterschlagungsversuch nicht weiter, zumal er ja nicht wissen konnte, daß jener anspruchsberechtigte Mönchsbruder mit Tod abgegangen war. Fürder wurde besagter Wirt einer der eifrigsten Almosenspender für die wackeren Franziskaner und alljährlich lieferte er dem Kloster aus eigenem Antrieb ein Ferkel zur Sühne.
Wahrhaft fürstlich war Salome zu Hof gehalten, unumschränkte Gebieterin und Herrin über eine große Schar von Kammerfrauen und Dienerinnen. Salome speiste mit Wolf Dietrich täglich an der üppig bestellten Tafel, sie erwies die Honneurs des fürstlichen Hauses, wie sie im engeren Kreise bei Hof allenthalben als Gemahlin Seiner Hochfürstlichen Gnaden respektiert wurde. Der Fürst bekundete für Weib und Kind eine rührende Fürsorge, der gute innere Kern seines sonst wankelmütigen Wesens offenbarte sich hier durch Treue und Hingebung im schönsten Maße. Aus Salzgeldern war Salome ein Nadelgeld von monatlich vier- bis sechstausend Gulden überwiesen, und sie verstand es, weise mit dem Gelde umzugehen, auf die Zukunft stets bedacht. Aber auch Wolf Dietrich schien bemüht, die Existenz seiner heißgeliebten Salome vor Wechselfällen des Lebens sicherzustellen dadurch, daß er dem sogenannten „ewigen Statut“ einen speziellen Paragraphen einfügte, der in nicht mißzuverstehender Weise lautete: „Alle diejenigen, welche vom Erzstift begabt und begnadet werden, sollen dieser empfangenen Gnaden und Haben halber nicht allein unter irgend einem Schein, heiße er wie er wolle, nicht angefochten werden oder rechtlichen oder unrechtlichen Anspruch darauf zu erdulden haben, sondern sollen vielmehr bei den empfangenen Gnaden beschützt und beschirmt werden.“
So geschirmt, beschützt, litt Salome doch bittere Qual im Herzen, der immer wieder auftauchende Gedanke an den kranken unversöhnlichen Vater steigerte den Seelenschmerz zur unstillbaren Sehnsucht, vom Vater Alt Vergebung zu erlangen. Und eines Tages, da die junge Mutter eben das kleine Wölfchen herzte, trat die Lieblingsdienerin Klara, die einst zur Flucht aus dem Elternhause behilflich gewesen, ins Gemach, und am geheimnisvollen Gebaren merkte Salome sogleich, daß ein besonderes Ereignis vorgefallen sein müsse. Die Kammerfrau wie die Kindsin wurden weggeschickt, und nun fragte Salome hastig, was Klara wohl zu melden habe.
Zögernd nur sagte die vertraute Dienerin, daß sie die Häuserin desVaters getroffen und von dieser Kunde habe, es stünde übel mit HerrnWilhelm Alt, wasmaßen um den Geistlichen geschickt worden sei.
Salome erbleichte bis in die Lippen, ein Schauer ging durch ihren zarten Körper, bebend jammerte sie: „Großer Gott! Gieb Gnade mir, steh mir bei zur Vergebung!“
Und ein Gedanke fand sofortige Ausführung. Salome kleidete Wölfchen sogleich an, rüstete selbst sich zum Ausgang und befahl Klara, eine Sänfte zu bestellen, und das Geleit zu geben ins Vaterhaus.
Eine Stunde später war Salome mit ihrem Söhnchen zitternd und zagend imAltschen Hause; Klara bemühte sich, die Häuserin zu beschwatzen, auf daßTochter und Enkel ins Krankenzimmer gelassen würden.
Der Priester, welcher beim Schwerkranken geweilt, verließ die Stube; ihm eilte von Schmerz und Sorge erregt und gequält Salome entgegen und fragte, wie es um den Vater stünde. Der Geistliche zuckte die Achseln, grüßte höflich und flüsterte: „Es kann nicht lange mehr dauern!“
Ein Wehruf entrang sich der wogenden Brust, Salome fühlte eine Ohnmacht nahen, doch raffte sie sich auf, nahm Wölfchen in die Arme und wankte, die Häuserin zur Seite drängend, in Vaters Krankenstube.
Wilhelm Alt drehte den totenbleichen Kopf zur Seite, die schier brechenden Augen waren fragend auf den Störenfried gerichtet. Wie nun Alt Salome erkannte, erzitterte er und hob die knöcherigen Hände wie abwehrend gegen die Tochter. Hohl klangen die Worte: „Hinweg mit der fürstlichen Buhle!“
Salome warf sich in die Knie, hielt Wölfchen entgegen und flehte schluchzend im bittersten Weh: „Vater, lieber Vater, vergebt mir! Verzeiht!“
„Hinweg! Ich will in Ehren sterben!“
„Vater, habt Erbarmen!“
„Ich hab' kein Kind, kann Vater also nimmer sein!“
„Hilf heiliger Gott, Maria steh' mir bei in dieser bittersten Stunde meines Lebens! Erweich' des Vaters Herz, o heiliger Gott, auf daß mir Verzeihung werde, nach welcher dürstet meine Seele, verlangt mein schmerzdurchwühltes Herz!“
„Hinaus! Ich will nichts hören!“
„Schwer hat sich gerächt die Flucht vom Elternhause, ich fand dieSeelenruhe nimmer, versagt bleibt mir der priesterliche Segen —“
„Das wußt' ich zum voraus!“
„Euer prophetisch Wort hat nur zu wahr sich an mir erfüllet! All' äußerer Glanz kann die Hohlheit meines Seins nicht verdecken!“
„Die Strafe ist gerecht für das ungeratene Kind, dessen Leben jedem ehrlichen Bürger Salzburgs muß die Schamröt' ins Gesicht nur treiben!“
„Vergebt mein guter Vater! Hart wast die Strafe, doch willig soll sie ertragen werden! Laßt Euer Herz reden für mich und mein unschuldig Kind!“
„Der Bastard soll zum Lockvogel wohl werden?! Vergebene Mühe!“
„Zermalmet mich mit Eurem Zorn, doch sagt das eine Wort vorher, das meines Lebens höchste Sehnsucht ist!“
„Nein! Es bleibt bei meinem Fluch! Ich will von dir nichts wissen, will ehrlich stolz in die Grube fahren! An dir und deinem fürstlichen Buhlen soll sich rächen der Fluch des Vaters, erfüllen sich ein grausam Schicksal verdientermaßen!“
Wilhelm Alt begann zu röcheln, seinem todesmatten Körper und müden Geist ward diese Scene zu viel der Aufregung, die den Todeskampf beschleunigen mußte.
Von Verzweiflung erfüllt setzte Salome das Knäblein zu Boden, eilte an des Vaters Sterbebett und warf sich vor demselben nieder, die Hände flehend ringend, um Erbarmen wimmernd.
„Nein!“ flüsterte der Sterbende und ließ das Haupt in die Kissen fallen. Ein Zucken, ein Seufzer — das Leben war entflohen, Wilhelm Alt unversöhnt gestorben.
Salome schrie auf in furchtbarstem Schmerz und warf sich über dieLeiche, die Lippen des Vaters ein letztes Mal küssend.
Dann rang die junge Mutter nach Fassung, nahm Wölfchen auf den Arm und verließ das Sterbezimmer, um in der Sänfte ins Palais zurückzukehren und Trauerkleider anzulegen.
Zur gewohnten Stunde erschien Wolf Dietrich in spanischer Rittertracht in Salomens Gemächern, um die Gemahlin abzuholen und in den Speisesaal zu geleiten. Betroffen ob der Trauerkleidung fragte der Fürst nach der Ursache, und als Salome ihm schluchzend Mitteilung vom Tode des Vaters gegeben, suchte Wolf Dietrich liebreich zu trösten. Die Frage, ob eine Aussöhnung erfolgt sei, fühlte der Fürst auf der Zunge liegen, doch als Schonung sprach er sie nicht aus. Dafür gelobte er, Wilhelm Alt mit allem Gepränge, wie die familiären Beziehungen dies heischen, bestatten zu lassen.
Salome drängte die Thränen zurück und bat weichen Tones: „Mein gnädiger Herr möge davon Abstand nehmen! Der Vater soll still und schlicht begraben werden, darum bitte ich in meinem namenlosen Schmerze!“
„Wohl acht' ich Schmerz und Trauer, doch will mich bedünken, der Vater meiner Frau soll mit fürstlichen Ehren zu Grab' getragen werden!“
„Verzeiht mir, gnädiger Gebieter! Sehet davon ab! Der Vater ist geschieden im Zorn — unversöhnt mein Flehen war vergeblich!“
„So war Salome in letzter Stunde bei Wilhelm Alt?“
„Ja, es war Kindespflicht doch nur! Mit Wölfchen in den Armen flehte ich um sein Erbarmen —“
Wolf Dietrich rief mißmutig: „Was sollt' mein Söhnlein dabei? Will ich verargen nicht, daß du den kranken Vater wolltest sehen, der junge Raittenau hat dem Altschen Hause fern zu bleiben.“
Aufschluchzend jammerte Salome: „Ist doch Wölfchen von mir in Schmerzen geboren! Und die Mutter durfte doch wohl ihr Kind mit sich nehmen auf den bitteren Gang!“
„Ein bitterer Gang, das will glauben ich und nicht weiter raiten. Mein Sproß aber sollt' nicht betteln um eines Bürgers Gnade, sei dieser wer er wolle; die Kluft ist zu hoch!“
„Weh' mir!“ rief Salome und brach zusammen.
Der Fürst mochte fühlen, zu weit gegangen, zu scharf geworden zu sein, er rief die Kammerfrauen herbei, deren Pflege er Salome überließ, und gab Befehl, auf das der Leibmedikus die Kranke besuche.
Als Wolf Dietrich zur Tafel sich begab, lagerten Wolken des Unbehagensund Mißmutes auf seiner Stirne; hochfahrender denn je trat er in denSaal, wo die geladenen Gäste des Fürsten harrten und ihn mit tiefenVerbeugungen begrüßten.
Unter den Gästen befanden sich einige Salzburger Patrizier, denen dieAbwesenheit Salomes auffiel, die aber deren Fehlen mit dem Ableben ihresVaters in Verbindung zu bringen wußten und nicht wenig darauf neugierigwaren, ob der Fürst des Todes Wilhelm Alts irgendwie erwähnen werde.
Die Tafel mit all' dem Zeremoniell, auf dessen Beobachtung Wolf Dietrich strenge hielt, begann, und flink servierten die Lakaien. Stumm ward gespeist, es lag ein Druck auf der Gesellschaft, die finstere Miene des Fürsten ließ keine den Tafelfreuden entsprechende Stimmung aufkommen.
Neben dem Erzbischofe saß Graf Lamberg, der verstohlen manchen Blick auf den Gebieter warf und darüber nachsann, was die üble Laune hervorgerufen haben könnte. Zu seiner Überraschung sprach plötzlich Wolf Dietrich halblaut zum Kapitular: „Will Lamberg dafür sorgen, daß still und schlicht, doch immerhin mit Patrizier-Ehren Wilhelm Alt beerdigt werde, werd' ich dem Freunde dankbar sein!“
Lamberg verbeugte sich und kombinierte schnell Ursache und Wirkung imVerhalten des Fürsten.
Ausblickend und der Gäste Schar musternd, nahm Wolf Dietrich dann das Wort, laut, allen vernehmlich, und sprach: „Salzburg hat einen hervorragenden Bürger in Wilhelm Alt, der von hinnen gegangen ist, verloren. Wir wollen seiner gedenken und zum Zeichen der Trauer die Tafel anjetzo aufheben. Ich delegiere zum Begräbnis an meiner Statt meinen Hofmarschalk und bitte den Grafen Lamberg, das Nötige zu veranlassen.“
Die feierlich, mit tiefem Ernst gesprochenen Gedenkworte des Fürsten wirkten ergreifend auf die Gäste, besonders auf die Patrizier, die ein Dankgefühl empfanden, daß der Gebieter ihres Genossen gedachte. Alles hatte sich erhoben, man stand schweigend. Wolf Dietrich berief nun speziell die Patrizier zu sich und reichte jedem derselben die Hand zum Zeichen seiner Anteilnahme, worauf sich der Fürst mit Lamberg in die inneren Gemächer zurückzog, die Herren aber ergriffen das Palais verließen.
Mannigfach waren die Ursachen, die in Wolf Dietrich Mißmut wachriefen, es waren Wolken auch aufgestiegen, die das Verhältnis Salzburgs zum Herzogtum Bayern zu trüben sehr geeignet schienen. Eine Haupteinnahmequelle für Salzburg bildeten die Salzbergwerke, von denen das zu Hallein das bedeutendste war. Die Ausfuhr des Halleiner Salzes geschah durch das bayerische Land und nach Böhmen, teils zu Wasser, teils zu Lande. Verschiedene Orte längs der Salzach und des Inns waren als Lagerorte oder „Legstätten“ für dieses Salz bestimmt; Hallein für die Ausfuhr zu Lande „auf Axt (Achse) und Ruck, auf Saumroß und Fuhren“, Burghausen, Braunau, Oberberg, Passau und Schärding für die Ausfuhr zu Wasser. Von da aus schaffte Bayern das Salz nach Franken und Schwaben, nach der Pfalz und den Rheinlanden. Wegen dieses Zwischenhandels, der Bayern bedeutende Summen einbrachte, war dieses von jeher bestrebt gewesen, bei der Preisbestimmung des Salzes Einfluß zu üben. Schon in früheren Zeiten bestand Streit in dieser Sache zwischen Bauern und Salzburg. So behauptete Bayern von einer Urkunde Kaiser Friedrichs III., welche dem Erzstift Salzburg die eigenmächtige Erhöhung des Salzpreises zuerkannte, sie sei erschlichen und ungiltig. Im Jahre 1529 hatte nun der Erzbischof Mathäus Lang bei einer Salzsteigerung an Bayern einen vom Domkapitel gegengezeichneten Revers des Inhaltes gegeben, daß diese wie alle zukünftigen Steigerungen von der Bewilligung der bayrischen Herzöge abhängen sollen. Das empfand man nun zu Salzburg stets als ein gravamen und necessitas ecclesiae. In jeder Wahlkapitulation seit Herzog Ernst erschien daher als ständiger Paragraph die Verpflichtung, auf Rückgabe des lästigen Reverses zu dringen. Gleich nach seinem Regierungsantritt hatte Wolf Dietrich, dem Reverse sich fügend, für eine Preissteigerung, zu welcher ihn die mißliche finanzielle Lage veranlaßte, die Bewilligung des bayerischen Herzogs eingeholt, trotzdem das Domkapitel sich hiergegen ablehnend verhielt, nicht so sehr gegen die Einholung der Bewilligung selbst, als gegen den ganzen Ton jenes Reverses, der dem Domkapitel nicht würdig dem Verhältnis des Erzbischofs und einem Herzog schien. Wolf Dietrich war aber daran gelegen, die Preissteigerung durchzusetzen, und in diesem Bestreben ignorierte er den Revers-Tenor wie das Widerstreben der Kapitulare. Es wurde denn auch ein neuer Revers über die Steigerung von acht Pfennigen gleich zwei Salzburger Kreuzern für ein Fuder Salz (ungefähr 130 Pfund) bewilligt, da der Herzog noch einen Kreuzer darüber gestattete.
Wolf Dietrich, der bereits seine Baupläne zu realisieren begonnen und demgemäß kein Baugeld mehr hatte, war gewillt, den Salzpreis abermals zu erhöhen, und diesmal führte er seine Absicht aus, ohne den bayerischen Herzog und das stiftische Kapitel zu befragen. Bayern protestierte und berichtete nach Rom, der Papst sandte einen Vermittler, und es gelang ein leidliches Verhältnis herzustellen, das aber durch erneute Preissteigerungen des Stiftsherrn immer wieder getrübt werden mußte.
Wie die Dinge nun lagen, hatte Wolf Dietrich Unannehmlichkeiten, wohin er das Auge richten mochte. Den Gewinn aus dem Salzhandel mit Bayern teilen zu sollen, empfand der Fürst schwer; er wünschte, den verhaßten Vertrag so bald als möglich abschütteln zu können, und forschte nach einem Vorwand hierzu. Hatte Wolf Dietrich bisher noch gezögert, so geschah es in der Hoffnung, daß inzwischen die Verleihung des roten Hutes an den Erzbischof erfolgen werde. Und deshalb hatte der Fürst bisher einen eklatanten Bruch mit Bayern vermieden. Nun aber lagen vertrauliche Mitteilungen aus Rom im erzbischöflichen Palais vor, die keinen Zweifel darüber ließen, daß Bayern den Erzbischof wegen seines Verhältnisses zu Salome als auch wegen seiner lässigen Haltung dem Protestantismus gegenüber beim Vatikan denunziert hat, ja daß Wolf Dietrich wegen seiner Gesinnung direkt verdächtigt worden sei. Da des weiteren auf Sixtus V. der wankelmütige Klemens VIII. Papst geworden, konnte Wolf Dietrich sich bei gründlicher Würdigung der Verhältnisse in Rom nicht verhehlen, daß die Aussichten für das Kardinalat sehr schlecht genannt werden mußten.
Wolf Dietrich brütete in seinem Arbeitszimmer über diesen geheimen Briefen und bemühte sich, einen ihn selbst befriedigenden Ausweg zu finden. Mit dem Kanzler mochte er diese Angelegenheiten so wenig besprechen wie mit Lamberg, welch' letzterem einzugestehen, daß der rote Hut so gut wie verloren sei, dem Fürsten zu peinlich erschien. Dennoch empfand Wolf Dietrich das Bedürfnis, die Lage mit einer klugen, kühl erwägenden Person zu erörtern, im Gefühle, daß sein eigener Kopf zu hitzig, sein Gemüt zu rasch erzürnt sei. Ein Gedanke galt Salome, dem klugen, schönen Weibe, doch drängte der Fürst diesen Gedanken wieder zurück. Die Lage ist doch zu verwickelt, als daß ein Weiberkopf den Ausweg finden sollte, den der im collegium germanicum geschulte Fürst nicht erklügeln kann. Aber hat Wolf Dietrich nicht schon so manche Angelegenheit insgeheim mit Salome besprochen? Und hatte Salome nicht immer, trotz des Mangels jeglicher politischer und diplomatischer Schulung, das Richtige geraten, feiner empfunden, schlauer erdacht, besser als es die geriebensten Hofräte hätten bemeistern können? Wenn Wolf Dietrich aber seine Salome diesmal einweiht und gesteht, daß die Hoffnung auf das Kardinalat hinfällig geworden, wird Salome nicht die Konsequenzen zu ziehen gewillt sein, und drängen, daß nun jede Rücksicht auf Rom fallen gelassen werde?
„Sei's drum! Ich brauche Salomes klugen Rat!“ flüsterte der Fürst und ließ bitten, es möge die Fürstin sich gütigst zu ihm ins Arbeitszimmer bemühen.
Und Salome erschien rascher, als dies der lebhafte Gebieter geglaubt, anmutig, mit dem bezaubernden Lächeln inniger Hingebung auf den Lippen, doch mit fragenden Augen.
Als die Pagen, welche die Fürstin begleitet hatten, sich zurückgezogen, richtete Salome, an der Seite des Fürsten Platz nehmend, die Frage an Wolf Dietrich, ob ein besonderes Ereignis den Befehl zum Erscheinen hervorgerufen habe.
„Wie klug du bist, Salome! So klug wie schön, Geliebte! Und richtig hast du geraten: ja, schlimme Kundschaft erzeugt in mir den Wunsch, zu besprechen mit dir die neugeschaff'ne Lage.“
Wolf Dietrich erörterte alles der aufmerksam zuhörenden Freundin, die jetzt nur für seine Ausführungen Aug' und Ohr war.
Zunächst hatte Wolf Dietrich die Salzpreisfrage geschildert und hielt nun inne, den Blick fragend auf Salome gerichtet.
Langsam sprach nun, jedes Wort überlegend, die Favoritin: „Nach allem, was mein gnädiger Herr eben erörtert, deucht mich: Im Vorteil wäre das Stiftsland, wenn in einem neuen Vertrag die Salzausfuhr auf eine bestimmte Frist festgelegt werden würde und Bayern sich verpflichtet, genau bestimmte Hallfahrten[15] in dieser Zeit auszuführen. Zugleich soll Salzburg darauf hinwirken, daß nur das Stiftsland den Preis steigern könne, Bayern hierauf aber keinen Einfluß habe.“
Überrascht rief Wolf Dietrich: „Sieh einer, wie fein! Aber der Bayer hört viel auf seine Räte und deren einer wird doch wohl solches Fußeisen finden! Richtig ist, daß mir das Recht zusteht, zu steigern, wenn dies auch der Kaiser thut.“
„Will mein gnädiger Herr das nicht näher auseinandersetzen?“
„Gern! Sobald der Kaiser, dem die Bergwerke zu Hallstatt und Ischl eignen, eine Preissteigerung vornimmt, habe ich das Recht, den halben Teil der kaiserlichen Steigerung auf mein Halleiner Salz zu schlagen.“
„Weiß das der Bayernherzog?“
Wolf Dietrich zuckte die Achseln: „Ob er es weiß, ist mir nicht bekannt; ich glaube nicht, daß von dieser Urkunde eine Abschrift nach München gekommen ist.“
„Gut; gesetzt diesen Fall, kann mein gnädiger Herr nach eigenem Willen vorgehen, Salzburg ist im Vorteil, den das Stift wahren muß. Bayern muß Halleiner Salz nehmen und verfrachten; kann der Bayer so viel Salz nicht verschleißen, so ist das seine Sache, an Salzburg muß er dennoch zahlen.“
„Fein erdacht! Der Herzog wird auch ins Gedränge kommen, so der Preis des kaiserlichen Salzes in die Höhe geht. Sei dem nun wie ihm wolle: es ist kaum zu denken, daß Bayern solche Möglichkeiten nicht bedenkt!“
„Darauf kann es mein gnädiger Herr wohl ankommen lassen. Erst schreibt man nach München freundlich und proponiert die Festlegung des Salzbezuges für eine bestimmte Frist. Geht der Bayer darauf ein, so sitzt der Fuchs im Eisen. Will der Bayer heraus, muß er sich bestreben, sein Absatzgebiet für das übernommene Salz zu vergrößern“
„Bewunderungswürdig klug ersonnen! Ich hatte im Plan, mit einer Steigerung vorzugehen und Bayern gar nicht zu befragen; dein Plan ist feiner, die Möglichkeit besteht, daß des Herzogs Räte die Gefahren im neuen Vertrag übersehen. Wenn nicht, dann muß ich freilich nach meinem alten Plan vorgehen und darf nicht weiter fragen, ob es dem Bayern ist genehm.“
Sodann ging Wolf Dietrich auf die Kardinalats-Angelegenheit über und erzählte von den geheimen Briefen, die aus Rom eingetroffen seien.
Salome interessierte sich hierfür ersichtlich mehr, weshalb der Fürst sofort vorsichtiger ward. Immerhin gab er der Freundin bekannt, daß der Papst Klemens die Güte hatte, den Salzburger Erzbischof einen „seltsam geschwinden Kopf“ zu nennen.
Salome warf ein: „Das ist doch weiter nichts Schlechtes?“
„Es wird darauf ankommen, wie der Papst dies meint; der freundnachbarliche Bayer wird schon dergleichen erzählt haben, auf daß der Papst den vermeldten Ausdruck gebrauchte. Klemens soll mich auch als ein „periculosum ingenium“ betrachten —“
„Was heißt das?“ fragte Salome.
„Man kann es verdeutschen mit ‚gefährlicher Kopf‘!“
„Auch diese Benennung will wir nicht schlimm erscheinen, sofern der neuePapst nicht schlimme Absichten heget.“
„Das eben ist mir nicht bekannt. So viel glaube ich aber aus den Vorgängen schließen zu sollen, daß man zu Rom mir nicht mehr wie ehedem wohlgesinnt ist; es weht ein ander Wind und der Bayer hat volle Backen.“
„Laßt sie blasen, gnädiger Herr! Dankbar ist Rom nie gewesen. Besser einklar Erkennen und Vorsicht, denn ein Fortglimmen trügerischerHoffnungen. Der Fürst von Salzburg bleibt was er ist, auch ohne rotenHut!“
Wolf Dietrich fuhr zusammen vor Überraschung, daß Salome so schnell auch hier den Kern der Sache erfaßte.
„Hab' ich recht geraten?“ fragte die kluge Frau.
„Ja, Geliebte! Dein feiner Kopf hat richtig geraten, zerschellt ist meine Hoffnung, ich kann damit nicht länger hinterm Berge halten. Der Erzbischof Wolf Dieter wird — nicht Kardinal!“
„Das wird der Übel größtes noch nicht sein. Schlimmer wär' ein Streit mit Bayern und dem Kaiser!“
Trotzig rief der hochfahrende Fürst: „Kommt dazu es jemals, stell' ich meinen Mann und werd' das Schwert zu führen wissen. Doch nun genug der leidigen Politik, es giebt schönere Dinge noch auf Erden, und meiner Salome dankbar die Hand zu küssen, will mich ein schönes Ding bedünken.“ Galant küßte der Fürst die schmale Rechte seiner Herzensdame und geleitete Salome in ihre Gemächer, wo er längere Zeit verblieb.
Wochen vergingen. Zur großen und angenehmen Überraschung war Bayern auf den proponierten neuen Vertrag eingegangen und dessen Ratifizierung erfolgt. Wolf Dietrich konnte triumphieren, Bayern hat sich, ohne es zu merken, übervorteilen lassen, und allen Einfluß bei der Steigerung des Salzpreises, mit welcher der Salzburger nun sofort vorging, verloren. Zu spät erkannte man in München den Fehler; der Herzog konnte den Vertrag nicht rückgängig machen, er vermochte nur Anstalten zu treffen, um seinen Salzverschleiß zu steigern. In diesem Beginnen lag aber der Keim zu großen Zwistigkeiten. Bayern entzog durch eine Brücke bei Vilshofen der Stadt Passau den Zwischenhandel mit Salz, dasselbe geschah durch Erbauung einer Brücke bei Stadtamhof, wodurch die Regensburger lahm gelegt wurden. Natürlich protestierten beide Städte, und Prachatitz in Böhmen, der Hauptplatz des sogenannten „goldenen Steiges“ nach Böhmen, wohin das Salz von Passau aus ging, schloß sich dem Protest an, man klagte beim Reichskammergericht in Speyer.
Einstweilen konnte dieser Prozeß dem Erzbischof von Salzburg gleichgültig sein und Wolf Dietrich zuwarten, wie sich der Bayer aus der Schlinge ziehen werde. Allein die Angelegenheit spitzte sich zu, da nun auch der Kaiser selbst sich interessiert zeigte, denn das salzburgische Salz, das dem seinen von jeher Konkurrenz gemacht hatte, war durch den Vertrag mit Bayern beständig billiger als das aus den Werken von Hallstatt und Ischl gewonnene; es wurde also weit mehr gekauft als das kaiserliche Salz, anderseits erhielt aber Bayern soviel Salz aus dem Erzstift, daß es das bis dahin vom Kaiser bezogene Salz leicht entbehren konnte.
Kaiser Rudolf unterstützte daher die Klage Regensburgs beimKammergericht in Speyer, und Wolf Dietrich hatte Ursache, mit allerSpannung dem Urteil dieses Salzprozesses entgegenzusehen. Ein Jahrverging jedoch, bis das Reichskammergericht das Urteil sprach, dasBayern und Salzburg befahl, jenen Vertrag zu lösen.
Inzwischen hatte es sich zu Salzburg ereignet, daß Wolf Dietrich abermals und zur großen Überraschung der Kirchenbesucher die Kanzel der Pfarrkirche betrat und eine Ansprache an die verdutzten Gläubigen hielt, von welcher der Chronist berichtet: „Er (der Erzbischof) ist ainesmales ganz unverthraut in der Pfarrkirchen auf die Canzel getreten und von wegen des Türgkhen, der mit Gewalt aufgewesen, das Volk zu dem vierzig stündigen Gebet ganz treulich und vätterlichen vermant, auch wie hoch und groß das von Nötten und wie großen Nuzen man damit, wo solches mit Andacht beschicht, könne schaffen, woher solches Gebet seinen Ursprung habe und was vor alten Zeiten solches gewürkt und ausgericht habe. Auch ist damallen aufkommen das Geleit zu dem Türggen-Gebet täglich umb die zwölfte Uhr; da mueste Jederman, wo man gangen oder gestanden, mit abdöcken Haupt niterknieent betten; die solches underliessen und solches Leuten nit in Acht nammen, denselben namen die Gerichtsdiener ihre Hüet; ob sie dieselben aber behaltn oder ablegen müßten, oder wie sie es darmit haben gemacht, kan ich nit wissen, jedoch hat sich dieser Brauch mit der Weil wider verloren, aber leütten thuet man noch.“
Hatte somit Wolf Dietrich mit dieser Kanzelrede seine Anteilnahme an Reich, Kaiser und Türkennot bekundet, die Nachricht aus Speyer bewirkte eine jähe Sinnesänderung. Eben tagte ein bayerischer Kreistag, um über ein Hilfsgesuch des Kaisers für den Türkenkrieg zu beraten, und zu dieser Versammlung hatte Wolf Dietrich einige seiner Räte entsendet.
Das Urteil des Speyerer Kammergerichts rief im Erzbischof den größtenZorn hervor und setzte seinen ohnehin „geschwinden Sinn“ in lebhaftesteBewegung. Ein Kurier mußte mit unterlegten Pferden zum bayerischenKreistag reiten und den salzburgischen Räten das Abberufungsschreibeneinhändigen.
Herzog Max von Bayern, nicht wenig bestürzt ob des brüsken Vorgehens des fürstlichen Nachbars, bemühte sich, die salzburgischen Gesandten zum Bleiben zu veranlagen, doch diese kannten ihren Gebieter und rückten schleunigst heim. Max schlug durch seine nach Salzburg geschickten Hofräte vor, es wolle Salzburg und Bayern eine Gesandtschaft gemeinsam an den Kaiser senden und ihn um Zurücknahme des Speyerer Urteils bitten lassen.
Wolf Dietrich aber wollte auf niemand mehr hören, seinen Vorteil nicht aufgeben, und forderte, es solle der Kaiser urkundlich geloben, die Gegner Bayerns und Salzburgs nicht mehr zu unterstützen. Verweigere dies der Kaiser, so werde Salzburg auch seine Türkenhilfe nicht bewilligen.
Diese schroffe Haltung Wolf Dietrichs rief das größte Aufsehen im Reiche hervor, man staunte in allen Gauen Deutschlands über das beispiellos kühne, scharfe Vorgehen eines doch, was Landbesitz anlangt, kleinen Fürsten. Aber der Trotzkopf siegte, der Kaiser gab das Versprechen, in jener Prozeßangelegenheit nicht mehr weiter zu gehen.
Es nun mit dem Kaiser ganz zu verderben, widerriet die Klugheit wie die Erkenntnis des Fürsten, daß Bayern doch auch empfindliche Schwierigkeiten bereiten könnte, zumal die Übervorteilung immer offenkundiger ward. Wolf Dietrich gab nach. Auf einem neuen Kreistag ließ er durch seine Gesandten seine Meinung dahin abgeben, daß er dem Kaiser wohl Unterstützung gewähre, jedoch nicht in der verlangten Höhe. Auf Salzburg trafen nämlich 844 Mann Türkenhilfe, der Erzbischof gewährte aber nur 500 Mann, die aber nicht mit den anderen Reichstruppen marschieren dürfen und von einem eigenen salzburgischen Oberstleutnant befehligt werden müssen. Diese Sonderstellung lehnte jedoch die Majorität des Kreistages ab, und Wolf Dietrich berief daher seine Gesandten ab.
Das Motiv seiner Haltung war, dem Kaiser nicht gänzlich die Hilfe zu versagen, immer weniger zu gewähren als gefordert wurde, um dadurch auf den Kaiser in der schwebenden Salzangelegenheit einen Druck auszuüben. Und so sollte es im Laufe der Zeit dahin kommen, daßdurch Salzburgs Verhalten die Grundlage des Deutschen Reiches erschüttert wurde.
Kaiser Rudolf spürte Wolf Dietrichs Druck, so klein das Erzstift auch war; er fand es geraten, eine Verständigung anzubahnen über die Salzangelegenheit zwischen Bayern und Salzburg, damit der Salzburger seinem Hilfsgesuche nicht mehr entgegenwirke.
In der Bischofsstadt traten Delegierte des Kaisers, Bayerns und salzburgische Hofräte zu einer Beratung zusammen und entwarfen einen neuen Vertrag, wonach Salzburg in der Hauptsache im status quo verbleibe, Bayern den gesamten Salzhandel zu Wasser behalte, ja daß man der Stadt Passau nur so viel Salz verabreichen dürfe, als diese selbst verzehre. Es handelte sich also lediglich darum, die Konkurrenz des kaiserlichen und des salzburgischen Salzes in Böhmen einigermaßen für den Kaiser erträglicher zu gestalten; dem Kaiser sollte deshalb gestattet werden, selbst jährlich 250000 Kufen von Bayern zu festgesetztem Preise und für bestimmte Städte in Böhmen zu beziehen; von jeder dort eingeführten Kufe wollte Bayern ferner dem Kaiser fünf Kreuzer bezahlen; Preissteigerungen sollten aber möglichst vermieden werden.
Der Kaiser lehnte diesen Vertragsentwurf ab.
Wolf Dietrich beschloß daher, den Wert seiner Freundschaft dem Kaiser begreiflich zu machen. Schon früher einmal hatte der Erzbischof sich mit dem Pfalzgrafen von Neuburg liiert, um auf einem Reichstage eine Reform des kaiserlichen Kriegswesens zu betreiben, auch war Wolf Dietrich auf dem gleichen Reichstage rhetorisch als eifriger Vorkämpfer des Katholizismus aufgetreten. Der verlorene Kardinalshut wie die Weigerung des Kaisers in der Salzfrage veranlaßten den Fürsten eine Schwenkung zu vollziehen, Wolf Dietrich stellte sich auf den Standpunkt der protestantischen Bewegungspartei und wies seine Gesandten an, den Frieden mit den Türken unbedingt zu befürworten, obgleich die Lage der Dinge in Ungarn den Krieg gebieterisch forderte.
Auf dem Reichstage zu Regensburg prasselten die Meinungen aufeinander, die salzburgischen Gesandten traten instruktionsgemäß den kaiserlichen Wünschen sogleich entgegen, sie verzögerten die Beratungen unter Hinweis auf Mangel an speziellen Instruktionen und hielten mit den gleichfalls dissentierenden Pfälzern.
Als aber die Mehrheit für die Bewilligung einer Geldhilfe nach Römermonaten[16] entschied, erklärten Wolf Dietrichs Delegierte: Da die Hilfe freiwillig sei, so könne niemand über sein Vermögen hinaus zu Leistungen angehalten werden; der Mehrheitsbeschluß sei also für Salzburg nicht verbindlich; wenn aber der Kaiser, der achtzig Römermonate gefordert, keine Kreissteuern mehr fordern werde und sich verpflichte, diese Türkensteuer erst nach Ablauf der früher bewilligten zu verlangen, und wenn außerdem auch die Reichsritter, die Hansa und die ausländischen Staaten zu Leistungen herangezogen würden, so erkläre sich Salzburgs Herr und Erzbischof allerdings zur Zahlung von acht Römermonaten bereit.
Der ganze Reichstag staunte ob der Entschiedenheit der salzburgischen Erklärung, über die Weigerung, sich einem Mehrheitsbeschlusse zu fügen, über die Ignorierung der Verbindlichkeit eines solchen Beschlusses seitens eines einzelnen Staates. Das Aufsehen mußte um so größer werden, als Salzburg ein katholischer Reichsstand war, der gegen Kaiser und Reichsverfassung opponierte. Salzburg erschütterte die Grundlage des Reichs.
Graf Lamberg, welcher unter den Delegierten sich befand, erkannte die Verstimmung gegen seinen Herrn nur zu gut, konnte aber an solcher Wirkung der salzburgischen Forderungen nichts ändern. Er bemühte sich jedoch, mit dem Bayernherzog einen modus vivendi zu schaffen, freilich nur mit dem Resultat, daß Herzog Maximilian erwiderte: auch ihn kämen die hohen Reichshilfen schwer an, aber er nehme diese Bürde auf sich, weil er wünsche, zur Rettung des gemeinsamen Vaterlandes beizutragen.
Noch nach einer anderen Seite hin war der kluge Graf Lamberg thätig, er urgierte den Salzvertrag in der Umgebung des Kaisers und erhielt die Zusicherung, daß die Ratifizierung in späterer Zeit erfolgen werde, weil der Kaiser auf die Hilfe Salzburgs nicht verzichten könne.
Mit dieser wichtigen Nachricht reiste Lamberg sogleich nach Salzburg.
Ließ Wolf Dietrich auf dem Regensburger Reichstag durch seine Gesandten in beweglichen Worten klagen, daß er gerne alles Menschenmögliche leisten würde, aber nichts Namhaftes bewilligen könne, weil in des Erzstiftes „armen und schlechten Gebirge die Bergwerke so stark abgefallen seien“, — zum Bauen in seiner Residenzstadt hatte der Erzbischof Geld genug aus vielerlei, oft zwangsweise eröffneten Quellen, wie er auch für sich, Salome und den inzwischen erfolgten Familienzuwachs, sowie für seine nach Salzburg berufenen Brüder in überreichem Maße sorgte und Kapitalien anhäufte, die zinsbringend ausgeliehen wurden.
Wo immer es angängig ward, wurden alte Häuser, Keuchen und Hütten angekauft oder eingetauscht und niedergerissen; so in der Pfeifergasse, am Brotmarkt, wo halbe Gassen dem Erdboden gleich gemacht wurden. Der uralte mit der „Freyung“ begabte Haunsperger-Hof wurde gleichfalls abgebrochen und dadurch verschwand für immer die kaiserliche Freyung, die einem Totschläger auf drei Tage Zuflucht vor den Gerichtsknechten gewährte. Die Erbauung des Friedhofes zu Skt. Sebastian war Wolf Dietrichs Werk, ebenso der „Neubau“, welcher zur zweiten Residenz bestimmt war, jedoch stecken gelassen wurde. Die Unruhe, der Wankelmut des Fürsten offenbarte sich in diesen Bauten; abbrechen, aufbauen und vor Vollendung stecken lassen, das ereignete sich des öfteren. Für seinen Bruder Jakob Hannibal, Obristen und Hofmarschall, erbaute er nördlich dem Neubau auf dem Platte, wo ehedem drei Häuser standen, die geschleift wurden, einen großen Palast, der 80000 Gulden Baukosten verschlungen haben soll. Wenige Jahre darauf entzweiten sich die Brüder, Hannibal wurde gezwungen, Salzburg zu verlassen und reiste mit wohlgezählten achtzehn Wagen voll Schätzen in Gold und Silber nach Schwaben ab. Im Zorn ließ Wolf Dietrich den Hannibalpalast niederreißen und der Erde gleich machen. Unzählig sind die Verschönerungs- und Verbesserungsbauten, die mählich der Stadt einen anderen Charakter zu verleihen begannen. Der Lieblingsplan Wolf Dietrichs begann sich zu verwirklichen, Salzburg veränderte sein Stadtbild und nahm ein italienisches Gepräge an durch die Neubauten, es gewann den eigentümlichen, bestrickenden Reiz der Renaissance. Insgesamt mußten fünfundfünfzig Häuser verschwinden, um prächtigen Neubauten Platz zu machen.
Wolf Dietrich verstand alle Schwierigkeiten zu überwinden, so sie seinen Bauplänen sich entgegenstellten, er entwickelte ebenso große Energie wie Fähigkeit. Das beweist zum Beispiel die Baugeschichte des prachtvollen Marstalles. Vom Franziskanerkloster am Fuße des Mönchsberges erstreckte sich bis zum Bürgerspittel eine dem Stift Skt. Peter gehörige Fläche, der sogenannte Frongarten, welcher von den Benediktinern als Obstgarten, Krantacker und Heufeld benutzt wurde. Im Frühling bis auf Georgi war es den Bürgern Salzburgs gestattet, in diesem langgestreckten Garten zu spazieren, und die salzburgische Jugend konnte mit Ball- und Kegelspiel sich dort erlustieren. Am Georgstage aber ward der Frongarten gesperrt und blieb geschlossen das Jahr hindurch bis zum nächsten Frühling.
Die in der Kirch- und Getreidegasse wohnenden Bürger hatten die Erlaubnis ersehnt, die Rückseiten ihrer Häuser zu öffnen, auf daß sie Fenster und Thüren anbringen und von frischer Luft und von dem Blick in den Frongarten Gewinn erzielen könnten. Die Benediktiner wollten von solchem Begehren nichts wissen. Da wurden die pfiffigen Bürger beim Fürsten vorstellig, und Wolf Dietrich fand den Gedanken vortrefflich und wußte Rat. Auf sein Geheiß boten die beteiligten Bürger die Reichung von Burgrechtspfennigen an, wofür richtig die Mönche die Öffnung der Häuser der Kirch- und Getreidegasse zum Frongarten bewilligten. Damit war ein Prinzip durchbrochen, der Anfang gemacht. Kaum war die Bewilligung erfolgt, trat Wolf Dietrich auf: der Landesherr begehrte einen Teil des Frongartens für seine Zwecke und bot Ersatz aus seinem Grundbesitz. Die Benediktiner zögerten, sie mochten wohl Unheil wittern.
Wolf Dietrich ward wie immer ungeduldig, ließ monieren, und erreichte sein Ziel. Sofort ließ er einen langen und breiten Tummelplatz zum Ringelstechen, Turnieren und Abrichten der Pferde herstellen, dazu Holzbauten, was insgesamt gegen 4000 Gulden verschlang. Ein Jahr später kam es dazu, was die Patres befürchtet hatten vom Anbeginn: der Erzbischof forderte jetzt den ganzen Frongarten und bot zum Tausch die ihm gehörende Stockaner Wiese bei Bernau im Glanegger Gerichte.
Widerspruch war bei einem Wolf Dietrich nicht ratsam, die Benediktiner willigten ein. Nun gab der Fürst seinen Unterthanen den ganzen Garten das ganze Jahr hindurch frei, ließ im Winter dortselbst einen Steinbruch eröffnen, aus dessen Material der große herrliche Marstall erbaut wurde, ein Meisterwerk der Baukunst.
Im Bestreben, aus Salzburg ein Klein-Rom zu gestalten, zeigte sich WolfDietrich von einer ihm sonst fremden Konsequenz und scheute vor keinemOpfer zurück. Und glücklich machte es ihn, wenn Salome seinen Plänen undBauten volles Lob spendete, ihn erinnerte an jene Stunden, da er umSalomens Liebe warb und von seinen hochfliegenden Ideen schwärmte. EinFürst von solcher Kunstbegeisterung konnte an dem düsteren wuchtigen Dommit den fünf Türmen keine Freude haben. Des öfteren klagte Wolf Dietrichin stillen Stunden seiner Salome, daß er sich nicht Rats wisse, wieSalzburg einen schönen Dom bekommen könnte, ein Gotteshaus nach seinemGeschmack.
Und Salome, die kluge Frau, wußte da auch keinen Rat, denn an einen Abbruch des zwar düsteren, doch immer majestätischen alten Domes konnte im Ernst nicht gedacht werden; einmal nicht wegen der Salzburger Bürger, die an ihrer alten Kathedrale hingen, und dann nicht wegen der zweifellos enormen Kosten.
Winter ward es im stiftischen Land und der Dezember brachte Schnee und steife Kälte. So zart Salome gewesen, an einer fröhlichen Schlittenfahrt in warmer Pelzumhüllung hatte sie ihre Freude, und so wurde an einem frischen Dezembertag ein Ausflug gegen Hallein unternommen an dem sich in einem zweiten Schlitten auch Wolf Dietrich, gefolgt von Dienerschaft und Kümmerlingen in weiteren Kufenschlitten, beteiligte. In einem erzbischöflichen Lusthause wurde das vom vorausgeschickten Küchenpersonal bereitete Mahl eingenommen und fröhlich gezecht. Salome zeigte sich von besonderer Munterkeit, die Schlittenfahrt in frischer Luft hatte sie erquickt, und als frühzeitig der Abend sich ins stille Gelände senkte, schlug die Herzensdame dem Gebieter vor, im guterwärmten Lusthause die Nacht zu verbringen und erst am nächsten Tage nach Salzburg zurückzureisen. Dem allerliebsten Schmeicheln und Betteln vermochte Wolf Dietrich nicht zu widerstehen. Da die Kämmerer, welche freilich lieber ins Palais gekehrt wären, devot verkündeten, daß Nachtquartier bereit gestellt, die Räume gut geheizt werden könnten, so wurde die Übernachtung beschlossen.
Eine mondhelle, bitterkalte Winternacht brach an mit all' ihrem Zauber, es flimmerte und glitzerte geisterhaft, weißstarrend, im Silberlicht schimmernd ragten die Berge ringsum auf wie die Burg Hohensalzburg.
In der Stadt waren die letzten Zecher längst aus der Trinkstube in ihre Häuser zurückgekehrt, Salzburg schlief, das Mondlicht leuchtete still durch die Fenster.
Vom Dom kündete die Glocke die Geisterstunde, da quoll eine Rauchsäule aus dem Dachstuhl der Kathedrale, kerzengerade aufzeigend in die klare Luft der stillen Winternacht und immer dichter werdend. Unheimlich knisterte es, bald züngelten Flämmchen hervor, ein Prasseln hub an, das Feuer verbreitete sich mit rasender Schnelligkeit, es flammte ein Turm nach dem andern auf, bald glühten alle fünf Türme des Domes, das Feuer leckte Eis und Schnee hinweg, die wabernde Lohe brachte die Bleidächer zum Schmelzen, die glühende Masse floß zischend an den Quadermauern nieder, im Schnee aufprasselnd und zerstiebend im heißen Gischt. Die Glocken schmolzen und fielen durch das brennende Chaos im schweren Fall.
Nun wurde es lebendig in den Häusern des Domviertels, der Schreckensruf:„Der Thuemb brinnet!“ brachte die Bürger auf die Beine. DerViertelsmeister erschien und forderte zur Hilfe auf.
Die ungeheuere Flamme lohte zum nächtlichen Himmel und schon flogen feurige Brände hernieder zu den Dächern der umliegenden Häuser und auf die Residenz.
Die Hitze war so groß, daß niemand sich der Brandstätte nähern konnte; man mußte warten, bis das glühende Blei völlig abgeflossen sei. Inzwischen bemühten sich die Bürger, Stadtknechte und Landsknechte sowie die Dienerschaft des Erzbischofs die benachbarten Häuser und die Residenz zu retten.
Besonders Mutige wagten sich ins Schiff des Domes hinein, ergriffen Altäre, Schmuckgegenstände, ja selbst die Orgel konnte zerlegt und ausgebracht werden, wenn auch nur unter schwerer Gefahr und nicht ohne begreifliche Beschädigung einzelner Pfeifen.
Im Jammer um das verlorene, mächtige Gotteshaus erinnerten sich die Salzburger ihres Erzbischofs und Fürsten und schickten nach ihm in die Residenz, auf daß der Gebieter selbst die Rettungsarbeiten dirigiere und anordne, wohin die aus dem Dom gebrachten Gegenstände getragen werden sollen.
In der Residenz hatte man aber den Kopf verloren, und der Fürst weiltezudem auswärts. Knechte und Dienerschaft, alles beeilte sich, Hab' undGut zusammenzuraffen in der Angst, daß auch noch das Palais werde einOpfer der furchtbaren Feuersbrunst werden.
Ein Reiter ward aus der Residenz abgeschickt, dem Fürsten das großeUnglück eiligst zu vermelden, der Mann mußte in bitterkalter Winternachthinaus auf die Straße gen Hallein, und im Lusthause versuchen, dasGefolge wachzubringen, auf daß dem Erzbischof Kunde vom Dombrand werde.
Mit Sehnsucht erwartete man auf der Brandstätte das Erscheinen desLandesherrn.
Die Türme stürzten krachend ein, ein ungeheures Funkenmeer stob auf, richtete aber dank der Windstille kein weiteres Unheil mehr an, und die Funken erloschen auf den schneebedeckten Dächern der umliegenden Häuser.
Endlich jagte ein Reiter über die Salzachbrücke und kam im Galopp zur Brandstatt gesprengt. Aus hunderten Kehlen ward ihm entgegengerufen, alles fragte nach dem Erzbischof.
Der erschöpfte Reiter ward von der schreienden Menge umringt und konnte nur mit Mühe den erschreckten Gaul meistern.
„Wo ist der Fürst?“ hieß es.
Heiser rief der Meldereiter: „Er kommt nicht!“
Eine ungeheure Aufregung ergriff die Leute, welche es nicht fassen konnten, daß der Landesherr nicht kommen will. Alles schrie wirr durcheinander, jeder fragte nach dem Grund des Fernbleibens in solcher Not.
Der Stadthauptmann forderte Ruhe und begann den Reiter auszufragen mit dem überraschenden Ergebnis, daß der Bote meldete, der Erzbischof, vom Kämmerling aufgeweckt, habe gesagt: „Brennt es, so lasse man es brennen!“
Das war den Bürgern Salzburgs in ihrer Erregung und Sorge zu viel, die Leute hingen liebend an ihrem Dom, die Gleichgültigkeit Wolf Dietrichs gegen den Dombrand entfaltete einen Tumult, allgemein ward der Verdacht ausgesprochen, daß der Erzbischof, von dem es bekannt war, daß er den Dom in seiner bisherigen Gestalt nicht leiden mochte, den Brand selbst verursacht habe! Geschäftige boshafte Zungen verbreiteten das Gerücht, das Feuer sei im erzbischöflichen Oratorium entstanden, der Fürst hätte dort einen brennenden Wachsstock zurückgelassen, und dadurch wäre erst der Chorstuhl, dann alles andere vom Feuer ergriffen worden.